Stadträtin will NS-Widerständler löschen

Das Afrikanische Viertel im Wedding ist seit Längerem Streitpunkt in der Diskussion um rassistische Straßennamen. 14 Länder und Städte aus Afrika sind dort in Straßen verewigt, dazu aber auch mehrere Kolonialisten. So erinnert eine Straße an Franz Lüderitz, der die Kolinialisierung von Namibia als Deutsch-Südwestafrika vorbereitetet. Ein Platz ist nach Gustav Nachtigal benannt, der ebenfalls als ein Wegbereiter des deutschen Kolonialismus in Afrika gilt. Von dort führt de Petersallee Richtung Norden. Sie ehrte ursprünglich Carl Peters, einem rassistischen Kolonialpolitiker, dessen Gebaren sogar dem Kaiser zu extrem war: Er wurde unehrenhaft aus dem Kolonialdienst entlassen. Doch diese Verurteilung wurde später von Adolf Hitler persönlich wieder aufgehoben.
Im Jahr 1986 wurde die Straße auf Betreiben der Bewohner/innen offiziell umbenannt, behielt aber ihren Namen. Nun erinnerte sie jedoch an Hans Peters, der während der Naziherrschaft verfolgten Juden half. Er selbst gehörte dem Kreisauer Kreis an.

Seit einigen Jahren sollen den rassistischen Kolonialisten nun nicht länger gedacht werden. Doch die Umbenennung stellte sich als schwierig heraus. Das Bezirksamt hatte 2016 dazu aufgerufen, Namensvorschläge einzureichen, aus denen eine Jury dann im Sommer 2017 die zu ehrenden Personen auswählen sollte. Eine ihrer Empfehlungen war die afrikanische Königin Nzinga von Matanga im heutigen Angola. Dumm nur, dass die Dame Zehntausende ihrer Landsleute als Sklaven verkauft haben soll.
Das Verfahren wurde wieder gestoppt, zum einen wegen dieser Entscheidung, aber auch, weil die Auswahlkriterien und selbst die Zusammensetzung der Jury zu intransparent gewesen ist.

Jetzt sollte jede Fraktion in der Bezirksverordneten-Versammlung von Mitte einen Gutachter vorschlagen, “der in einer öffentlichen Veranstaltung wissenschaftliche Stellungnahmen” zu den Namen abgibt. Die CDU-Fraktion weigerte sich jedoch, weil sie gegen die Umbenennung ist. Doch auch die Stadträtin Sabine Weißler (Grüne) sorgt für massive Irritationen. Sie besteht weiterhin auch auf eine Umbenennung der Petersallee, die mittlerweile seit 31 Jahren an den Widerständler erinnert. Die merkwürdige Begründung: Die Bürger/innen würden die Petersallee angeblich mit Carl Peters in Verbindung bringen, nicht mit Hans Peters. Einen Beleg für ihre Behauptung lieferte sie nicht. Allerdings wird vermutet, dass parteipolitische Gründe reinspielen, denn Hans Peters war nach dem Faschismus führender Christdemokrat in Berlin.

Am Donnerstag (1. März) findet im Rathaus Tiergarten eine Veranstaltung statt, auf der die Gutachter ihre Vorschläge vorstellen. Insgesamt waren 196 Namensvorschläge eingegangen.




Die Panke

Dass die Spree und Havel Berliner Flüsse sind, weiß jeder. Daneben gibt es aber noch drei weitere, die Dahme, die Wuhle sowie die Panke. Wer jedoch die Panke im Wedding sieht, den kommen Zweifel, dieses Rinnsal wirklich als Fluss zu bezeichnen. Doch das war mal anders: Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Mühle, deren Gebäude noch heute an der Badstraße steht, zweimal vom Hochwasser zerstört. 1888 brachte sie sogar ein Hinterhaus in der Schulzendorfer Straße zum Einsturz. Das letzte Panke-Hochwasser verzeichnete man im Jahr 1980, allerdings mit wenig bekannten Schäden.

Dort wo heute die Wiesenbrücke über die Panke führt, stand übrigens einst das Dörfchen Weddinge. Gegenüber der Mühle befanden sich im 18. Jahrhundert Biergärten, daneben eine Heilquelle, deren Brunnen noch heute im Keller eines Hauses der Badstraße zu sehen ist. Diese Quelle gab der Gegend auch den Namen Gesundbrunnen. Zu dieser Zeit hatten sich rund um die Panke ein Erholungsgebiet entwickelt, noch heute sieht man nördlich der Badstraße den heute stillgelegten Pankearm, der einst als Badeanstalt diente.

Doch man ging nicht sehr liebevoll mit dem Brunnen und der Panke um. Zum einen waren da 30 Gerbereibetriebe, die sich 1850 flussaufwärts an der Panke angesiedelt hatten und ihre übelriechenden Abwässer in den Fluss leiteten. Dieser wurde immer mehr zu einem Moderloch und verbreitete einen derartigen Gestank, dass sich die Anwohner in empörten Eingaben beschwerten. “Wo die Panke mit Gestanke durch den Wedding rinnt, da halten sich die Nasen zu, Mann und Frau und Kind”, so ein Reim über die “Stinkepanke”.

Die Panke führte damals also noch richtig viel Wasser, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war sie noch schiffbar. Wie heute kam sie aus Bernau, schlängelt sich im Norden Berlins durch Pankow und dann durch den Wedding. An der Chausseestraße führte der Fluss ursprünglich zum Schwarzen Weg (dieser Teil ist seit einigen Jahren wieder freigelegt), dann offen durch das Gelände der Charité und ergießt sich neben der Weidendammer Brücke in die Spree. Nach dem Mauerbau sperrte Ost-Berlin den letzten Teil der Panke, das Wasser wurde fortan in den Nordhafen umgeleitet.

Dass die Panke mal ein wichtiger Fluss war, erkennt man auch an der Benennung der Bezirke Pankow (in Berlin) und Pankeborn (in Bernau) sowie der barnimer Gemeinde Panketal. Auch in Lieder und der Literatur wurden ihr mehrere Gedenksteine gesetzt, u.a. von Kurt Tucholsky und Fredy Sieg.




Schwindsuchtbrücke

1905 wohnte über die Hälfte der Einwohner Berlins in Wohnungen, in denen jedes beheizbare Zimmer mit drei bis sechs Menschen belegt war.

Ende der 1920er Jahre bis Anfang der 30er wuchs die Stadt auf 3,5 Millionen Menschen an. Das Elend nahm parallel zur Wirtschaftskrise immer mehr zu. Die Hausbesitzer stopften die Wohnungen bis zum Bersten voll, um dort jeden nur möglichen Profit herauszuholen. Wer nicht zahlen konnte, wurde gnadenlos rausgeschmissen, was nicht selten in Verzweiflung und Selbstmord der Betroffenen endete. Der Kinofilm “Mutter Krausens Fahrt ins Glück”, der in der Ackerstraße gedreht wurde, beschreibt sehr deutlich und ergreifend die damalige Lebenssituation des Industrie-Proletariats und der Arbeitslosen in den Berliner Arbeiterbezirken.

Ein Beispiel dafür ist auch die Eisenbahnbrücke am nördlichen Ende der Gartenstraße im Wedding. Sie war die Anbindung des Stettiner Bahnhofs an der Invalidenstraße Richtung Norden, Stettin, Rostock, Greifswald. Zwar hieß sie offiziell Liesenbrücke (nach der dort ankommenden Straße), bekam aber früh einen anderen: Man nannte sie die “Schwindsuchtbrücke”. Dieser Name war aus der Erfahrung heraus geboren, denn unter der Brücke schlief zu damals wohnungsloses, zugezogenes Industrieproletariat. Familien, die aus ihren Wohnungen geworfen wurden. Die Obdachlosen bauten sich dort Bretterverschläge oder Zelte auf. Dass das nicht gesund war, zeigt in makaberer Weise der Name, der dieser Brücke vom “Volksmund” gegeben wurde. Ein gusseisernes Pissoir ohne eigenen Wasseranschluss war die einzige sanitäre Einrichtung unter der Brücke.

Im Krieg wurde die Schwindsuchtbrücke beschädigt und als 1961 die Mauer gebaut wurde, unmittelbar über den Gleisen, war ihre Zeit vorbei. Es stand nur noch das stählerne Gerüst, viele Jahre lang vor sich hin rostend. Auf einem Teil rollten noch die S-Bahn-Züge, die aus dem Süden West-Berlins ohne Halt unter Mitte hindurch zum Gesundbrunnen fuhren. Der Rest verfiel.

Lange nach dem Fall der Mauer wurde das einstige Bahnhofsgelände zum Park umgestaltet, auch die Brücke sollte einbezogen werden, aber dieses Vorhaben wurde nicht verwirklicht. Derzeit will eine Bürgerinitiative den Weg wieder öffnen und das Parkgelände so mit dem Humboldthain verbinden. Und noch einen anderen Plan gibt es: Ein Investor möchte das Brückenbauwerk kaufen und mitten hinein ein Hotel bauen, komplett eingefügt in die gebogene Brückenform.

Dann würde nichts mehr daran erinnern, dass dieser Ort einst als Schwindsuchtbrücke ein Beispiel war für die erbärmlichen Lebensbedingungen vor hundert Jahren.




Barrikaden auf der Kösliner

Versteckt zwischen Reinickendorfer und Pankstraße im Wedding liegt die Kösliner Straße. Wer heute durch die kurze Straße geht, kann sich das Elend nicht mehr vorstellen, der hier vor hundert Jahren geherrscht hat. 1954 wurden sämtliche alten Gebäude abgerissen und durch helle Neubauten ersetzt. Nichts erinnert mehr an den Schrecken, den diese Straße erlebt hat.
Wie viele andere im Wedding war auch die Kösliner Straße ein Quartier, in dem Hunger und Not herrschten. In den nur 24 Häusern wohnten mehrere tausend Menschen, in engen Mietkasernen mit drei bis vier Höfen. Die Kösliner galt als die kinderreichste elendste Straße Berlins.
So ist es kein Wunder, dass hier die Kommunistische Partei großen Zulauf hatte, versprach sie doch, der Not ein Ende zu machen. Am 1. Mai 1929 plante die KPD mehrere Demonstrationen in Berlin, 100.000 Teilnehmer wurden erwartet. Doch die Aufmärsche wurden verboten, stattdessen rückte die Polizei in die Hochburgen der Kommunisten ein. So auch in die Kösliner Straße.

“An den 23 Vorderhäusern der Kösliner Straße hingen 80 rote Fahnen. Die Arbeiter sahen, dass die Straße, die keine Nebenstraße hat und auch über die Höfe hinweg nur geringe Ausweichmöglichkeiten bietet, eine gefährliche Mausefalle wäre, in die sie von der Polizei hineingetrieben wurden, um schutzlos vor den Mündungen der Polizeipistolen zu stehen. ‘Genossen – ich sage, die Polizei darf nicht mehr in die Gasse … Draußen liegen Baumaterialien – wir müssen damit sofort ein Hindernis quer über die Straße legen…’
Dann ging es los. Salve auf Salve krachte … pfeifend klatschten die Bleikugeln der Polizei gegen die Häuser, von denen der Putz rasselnd nach unten fiel…
‘Schießt doch … schießt, … mordet, tötet. Was wollt ihr eigentlich töten? Könnt ihr unsere Elendswohnungen totschließen … unseren Hunger … unsere Krankheit … unsere Arbeitslosigkeit? Ihr Arbeitermörder! Es lebe, es lebe, was ihr nie totschießen könnt: Es lebe der Sieg der Weltrevolution.’

Sofort begann die Polizei, auf die Menschen in der Straße einzuschlagen, und als diese sich wehrten, wurde scharf geschossen. Die Leute flüchteten in die Häuser, die jedoch von der Polizei aufgebrochen und gestürmt wurden. Am Ende des Tages waren allein in der Kösliner Straße drei Menschen erschossen worden, 15 weitere durch Schüsse teilweise schwer verletzt. In ganz Berlin ermordeten Polizisten am 1. Mai 33 Menschen.
Einen Tag später kam die Polizei noch einmal in die Kösliner Straße, diesmal setzte sie sogar Handgranaten ein. Sämtliche Häuser wurden durchsucht, dabei aber keine einzige Waffe gefunden.




Die Schrippenkirche im Wedding

Ende des 19. Jahrhunderts zogen Zehntausende verarmte Menschen vom Land in die sich gerade entwickelnde Industriemetropole Berlin. Hier erhofften sie sich eine gute Arbeit und eine Unterkunft. Doch die Stadt war diesem massiven Zustrom von Menschen nicht gewachsen; Tausende lebten obdachlos, hungrig und ohne Perspektive in den Straßen. Aus dieser Not heraus entstand die Idee, den Armen eine Mahlzeit zu bieten und dann mit ihnen eine gemeinsame Andacht zu begehen. Diese Armenspeisung wurde seitdem nicht mehr aufgegeben, es gibt sie auch hundert Jahre wieder.

Begonnen hatte es 1882, als der Journalist Constantln Liebich an einem Treffen der “Deutschen Jünglingsvereine” im Teutoburger Wald teilnahm. Liebich war Mitgiied der Evangelischen Versöhnungsgemeinde, die in der Bernauer Straße 4 angesiedelt war. Gleichzeitig war er im “Älteren Evangelischen Jünglingsverein” aktiv, unter dem Vorsitz des Antisemiten Adolf Stöcker. Die Rede eines amerikanischen Evangelisten am Hermannsdenkmal hatte Liebich so beeindruckt, dass er im Oktober 1882 in einem Vortrag zur “aktiven, christlichen Liebestätigkeit”, in erster Linie für Obdachlose, aufrief. Fünf Personen meldeten sich spontan und ein Spendenaufruf unter den etwa 100 Versammelten ergab neun Mark. Mit geringen Mitteln und viel Enthusiasmus wurden zunächst in der Oranienstraße 19 Morgenandachten mit Frühstück für Obdachlose organisiert und dabei auch die Stöcker’schen Predigten verteilt. Die erste Andacht fand am 22. Oktober 1882 mit 25 Gästen statt. Am dritten Sonntag war die Zahl bereits auf 43 gestiegen. Jeder erhielt eine Tasse Kaffee und zwei Schrippen: Der Name “Schrippenkirche” machte die Runde. Bald wurde ein neues Vereinslokal notwendig. Es fand sich in dem Tanzlokal “Fürst Blücher” am Weddingplatz, Müllerstraße 6. Dieses Haus war von der Nazareth-Gemeinde aufgekauft worden, um es zu einem christlichen Vereinshaus umzubauen. In den Folgejahren hatte die Schrippenkirche dort ihr Domizil. Ebenfalls 1882 gründete Liebich mit sechs christlichen Handwerkern den Verein “Dienst am Arbeitslosen”. Geld hatte der Verein kaum, doch Spendenmittel und freiwillige Helfer ermöglichten es, die Obdachlosen in den Wintermonaten regelmäßig einzuladen. Die Prediger für diese Gottesdienste suchte sich Liebich in den umliegenden Gemeinden, wie auch den bekannten Pastor von Bodelschwingh. Mit der finanzkräftigen Unterstützung eines Vereinsmitglieds konnte das Grundstück Ackerstr. 52 / Hussitenstr. 71 erworben werden, später kam durch Schenkung noch das Grundstück Ackerstraße 51 dazu. 1902, ein Jahr nach der Grundsteinlegung, war das Vereinshaus fertiggestellt. Darin versammelten sich bald bis zu 600 Menschen zu den sonntäglichen Gottesdiensten mit Kaffee und Schrippen. Von 1902 bis 1908 leitete Constantin Liebich den Verein hauptamtlich. Hier war nun endlich Platz genug, die Vorstellungen des Vereins “Hilfe zur Selbsthilfe” zu realisieren. Ein Heim zur vorübergehenden Unterbringung von Jugendlichen wurde eingerichtet, auch jugendliche Obdachlose, die zu öffentlichen Wärmehallen keinen Zutritt hatten, fanden hier einen Raum. Die Jugendhilfe und die Arbeitsvermittlung erhielten eigene Büroräume. In der Schreibstube wurden diverse Aufträge angenommen und damit für einige der zahllosen Arbeitslosen eine Arbeitsmöglichkeit geschaffen.

“Die Brocke”, wie sie allgemein genannt wurde, war neben der Schrippenkirche die wohl bekannteste Einrichtung des Vereins. Diese Brockensammlung ermöglichte es, arbeitslosen Handwerkern und obdachlosen Jugendlichen stundenweise oder auch über einen längeren Zeitraum hlnweg, Arbeit zu geben. Das Wort Brocken kam von “brechen”: Das von der Gesellschaft Abgebrochene, der Abfall, sollte der Vernichtung entrissen werden. Jeden Morgen zogen ein Dutzend Personen mit Pferdegespannen oder Handwagen durch die Straßen und sammelten “die Brocken” ein, die dann in den verschiedensten Werkstätten wie Polsterei, Schneiderei, Bücherkammer, Hauptwerkstatt mit Schlossern, Klempnern, Tischlern soweit möglich wieder aufgearbeitet und im eigenen Kaufhaus “KaDeWe” (Kaufhaus des Wedding) gegen geringes Entgelt an die arme Kundschaft aus der Nachbarschaft verkauft wurden.

Nach dem ersten Weltkrieg erhielt die Brockensammlung den behördlichen Auftrag, die Verwertung von Altsachen aus dem Reichsheer zu übernehmen. Das rettete den Verein vor der Stilllegung der Brocke. Wahrend der 20er Jahre konnte sich der Verein mehr schlecht als recht über Wasser halten. 1938 wurde die Schrippenkirche gleichgeschaltet, das Haus seitdem von der Hitlerjugend genutzt. Mehr ist über die Zeit bis 1945 nicht bekannt.
Im zweiten Weltkrieg ist das Vorderhaus der Ackerstraße 52 zerstört und das Quergebäude beschädigt worden.

Nachdem es nach dem Krieg relativ schnell repariert werden konnte, wurde das Gebäude von den Amerikanern zur Verteilung von Care-Paketen benutzt. Danach richteten Nonnen in dem Haus ein Mädchenpensionat ein, das Kriegswaisen aufnahm. Ab 1960 wurde es noch als Alten-, Kinder- und Jugendheim genutzt. Als die Versöhnungskirche in der Bernauer Straße mit dem Mauerbau ihr Kirchengebäude verlor, zog sie für vier Jahre ebenfalls in das Haus.

Mit der Kahlschlagsanierung der gesamten Gegend wurde aber das Schicksal des traditionsreichen Hauses im Rahmen eines Ringtausches mehrerer Grundbesitzer 1976 besiegelt; das Heim sollte in einen Neubau in der gegenüberliegenden Ackerstraße 136/137 verlegt werden. Das alte Gebäude musste Platz machen für ein achtstöckiges Wohnhaus. 1979 – noch vor der Einweihung des neuen Wohnheims – gründete sich der Verein “Alte Schrippenkirche”, um für den Erhalt des Altbaus zu kämpfen. Er wollte einen Träger für das Haus finden, um es als sozialgeschichtliches Baudenkmal zu erhalten und gleichzeitig das alte Nutzungskonzept von Constantin Liebich zeitgemäß wieder aufzunehmen: Werkstätten und Wohnheim für arbeitslose und lernschwache Jugendliche, Kaffeestube für Jung und Alt, kulturelle Einrichtungen und Treffpunkt im Kiez. Ein in Auftrag gegebenes Gutachten bescheinigte dem Gebäude eine gute Bausubstanz. Doch der schon seit Jahren bestehende Plan des Bezirksamtes, im Rahmen des großflächigen Abrisses auch die Ackerstr. 52 abzubrechen und neu zu bebauen, konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die verbissene Haltung der Verantwortlichen ließ den Plänen des Vereins keine Chance. Das Bezirksamt kündigte an, am 1. November 1979 Wasser und Strom sperren zu lassen. Zwar wurde kurz vor Schluss noch ein finanzkräftiger Träger gefunden, doch das konnte auch die Weddinger BVV nicht mehr umstimmen. Der Verein gab auf und verließ im Dezember das Gebäude.

Doch das letzte Kapitel der wechselvollen Geschichte dieses Hauses war immer noch nicht geschrieben. Denn kurz nachdem der Verein aus dem Haus war, wurde es von einer anderen Gruppe besetzt. Diese jungen Menschen versuchten, eigene Konzepte zu entwickeln, die sich ebenfalls an der traditionellen Nutzung orientieren sollten. Sie richteten ein Cafe ein, das als Infobörse und Aufwärmstelle genutzt wurde; hler wurde gegessen und getrunken, es gab Räume für Sozialberatung und wieder eine Jobvermittlung. Außerdem wurden Jugendlichen aus der Umgebung Räume zur Verfügung gestellt, die auch selbst am Haus mitarbeiteten. Daneben wurde von den Besetzern eine Gefangenenbetreuung organisiert. Ehemaligen Knackies wurden Räume zum Ausbau als Wohnmöglichkeit geboten. In den Monaten des Bestehens dieser “neuen Schrippenkirche” wurde das Haus ein wichtiger Anlaufpunkt im Kiez. Besonders auch für alte Leute, denen durch den Abriss ganzer Straßenzüge ihre vertraute Heimat genommen wurde. Hier im Haus fanden sie noch einen letzten Rest ihres Kiezes wieder. Doch als am 7. März 1980 die Polizei das Haus räumte, standen auch schon die Abrissbagger bereit.

Im Jahre 1989 erinnerte sich das Weddinger Bezirksamt dann an Constantin Liebich und ließ am heutigen Wohnhaus der Ackerstraße 52 eine Gedenktafel für ihn anbringen. Der nichtssagende Text vermittelt leider nichts über die wechselvolle Geschichte der Schrippenkirche und die Leistungen von Liebich.
Dankesbrief an Constantin Liebich, 1907:
“Sehr geehrter Herr! Mein Name ist Julius Schützling, geb. am 10. Jan. 1886 zu Neustadt. Am 9. Juni 1902 kam ich als sündhafter und total heruntergekommener Mensch nach Berlin; hatte in Neustadt geschäftliche Sachen unterschlagen und flüchtete deshalb nach Berlin. Meinem lieben Vater habe ich es noch heute zu verdanken, daß er so rücksichtsvoll gegen mich war und, um die Sache nicht zur Anzeige kommen zu lassen, den Schaden deckte. Ein paar Tage lungerte ich so ohne Dach und Fach in Berlin herum, bis ich Ihre werte Adresse erfuhr und mich an Sie wendete, auch von Ihnen sehr freundlich aufgenommen wurde. Bin Ihnen daher noch vielen Dank schuldig, da ich durch Ihre Bemühung und Tätigkeit für mich auf einen anderen Lebenswandel gekommen bin. Nachdem Sie mich sechs Wochen lang freundlichst und gütigst versorgten, sandten Sie mich am 30. Juli 1902 als Hofgänger nach Altdorf zu Herrn Inspektor Schütte, woselbst ich bis zum 30. März 1907 ununterbrochen arbeitete. Es hat mir auch da sehr gut gefallen. Der liebe Gott erhörte meine alltäglichen Gebete und zeigte mir immer den rechten Weg. Am 30. März 1907 fuhr ich nun wieder zu meinen lieben Eltern zurück, und diese vergaben mir meine früher begangenen Taten. Fand dann am 3. April gleich Arbeit in einer Buchhandlung und gedenke zum Herbst Soldat zu werden.”*

* Aus “Stattreisen: Wedding”




Glaskasten im Wedding

Als vor 110 Jahren der Restaurantbesitzer Hermann Schmidt seine Gaststätte um einen Festsaal für 300 Personen erweiterte, war nicht absehbar, was für eine wechselvolle Geschichte dieser Anbau auf dem Hinterhof haben würde.

Den Namen Glaskasten erhielt der Schmidt’sche Ballsaal in der Prinzenallee 33 wegen der verglasten Zugangsveranda. Mitten im Weddinger Kiez gelegen wurde er sofort zu einem kulturellen Mittelpunkt für die proletarische Bevölkerung. Neben günstigem Essen in der Gaststätte gab im Untergeschoss eine Kegelbahn, darüber feierten Droschkenkutscher, Laubenpieper und Hochzeitsgesellschaften ihre Feste. Es gab Ausstellungen, Proben und Auftritte von Theater- und Gesangsvereinen.

In den 1920er Jahren wurde der Saal immer öfter von der KPD für ihre Versammlungen genutzt. Hier fanden auch kommunistische Schulungen statt. Allerdings war der Wirt überhaupt kein Linker, ihm ging es nur darum, Geld zu verdienen. So hatte er auch nichts dagegen, dass die Nazis ab 1931 versuchten, den Glaskasten künftig für sich zu nutzen. Das aber ließen die KPD-Leute nicht zu, immer wieder gab es in der Prinzenallee Schlägereien mit der SA.

Erst mit der Machtübernahme der Faschisten gelang es ihnen, die Kontrolle über den Saal zu bekommen. Die SA wandelte ihn zu einem Sturmlokal um, im Keller wurden in den folgenden Monaten Hunderte von Nazigegnern gefoltert, einige von ihnen starben an den Misshandlungen.
Während des Kriegs wurde zwar das Vorderhaus zerstört, der Glaskasten selber aber blieb erhalten. Ab 1945 betrieben die französischen Alliierten dort ein Kriegsgefangenenlager.

Bis in die 1950er Jahre hinein nutze die St. Petrus-Gemeinde den Saal für ihre Gottesdienste, da ihre Kirche in der Bellermannstraße durch Bombenangriffe im Krieg teilweise zerstört worden war.
Seit den 1960er Jahren wird der Glaskasten wieder kulturell genutzt, erst für Theateraufführungen, dann als Tanzlokal. 1983 diente er als Discothek “Top Secret”, in der es auch Konzerte von Rockgruppen gab. Danach folgte jahrelanger Leerstand.

Im Jahr 2000 bespielte das Varieté Chamäleon einige Monate lang den Saal, leider oft vor wenig Publikum. Im Anschluss wurde der Glaskasten saniert und schließlich von einem afrikanischen Kulturverein übernommen. Bis heute finden dort Veranstaltungen statt, Konzerte, Theateraufführungen. Und auch wenn er berlinweit nicht wirklich im allgemeinen Bewusstsein angekommen ist, so ist der Glaskasten doch einer der traditionsreichsten Veranstaltungsorte der Stadt.




Ein Platz für Elise und Otto Hampel!

Wann ist ein Platz ein Platz? Diese Frage ist nicht nur theoretisch, denn es gibt so einige Kreuzungen in Berlin, die den Namen Platz tragen, obwohl sie als solcher nicht erkennbar sind. Doch es geht auch anders, und wie schon so oft macht sich der Senat in Form der landeseigenen “Berliner Immobilienmanagement GmbH” (BIM) mal wieder reichlich lächerlich. Ort der Komödie ist der Platz vor dem ehemaligen Rathaus Wedding in der Müllerstraße. Es gibt hier Bäume und Büsche, Bänke und Wege, einen Wegweiser zu den Partnerstädten. An warmen Tagen wird der Platz von zahlreichen Menschen zum Ausruhen oder Spielen genutzt. Er ist zwei Seiten vom Alt- und Neubau des einstigen Rathauses begrenzt, an der dritten Seite befindet sich ein Café und die vierte Seite ist schließlich die Müllerstraße, zu der sich der Platz öffnet.

Das Rathaus gibt es nicht mehr, der einstige Neubau wird derzeit zum Jobcenter umgebaut, auch am Platz selbst wird gewerkelt. Bald ist hier einiges neu. In der Zeitung “Ecke Müllerstraße” wurde dazu aufgerufen, diesem Ort endlich einen Namen zu geben. Der Vorschlag war, ihn nach Elise und Otto Hempel zu benennen, die in der nahen Amsterdamer Straße gewohnt haben. Das Arbeiterehepaar leistete während der Nazizeit Widerstand, sie verteilten Postkarten gegen den Krieg und wurden schließlich hingerichtet. Hans Fallada schrieb über sie den Roman “Jeder stirbt für sich allein”. Der Vorschlag wurde aufgegriffen, es entstand eine Online-Petition, die Stadtteilvertretung schloss sich an, schließlich votierte auch die Bezirksverordneten-Versammlung für die Benennung.

Da aber trat die BIM, die das Grundstück verwaltet, auf den Plan und sagte Nein. Sie gab eine Pressemitteilung heraus, Zitat:

“Die Örtlichkeit (»Platz«) wird nicht durch Querstraßen oder Ähnliches von der Müllerstraße abgegrenzt. Die Örtlichkeit ist als eigenständiger Platz gar nicht erkennbar. Daher wird die Adressfindung bei einer Umbenennung erschwert, weil die Adressierung entlang der Müllerstraße, als deren Bestandteil die Örtlichkeit erscheint, unterbrochen würde. Eine Benennung sollte aber der Orientierung dienen.”

Das ist gleich mehrfacher Blödsinn. Wie soll ein Platz von geschätzt 50 x 50 Metern Größe nicht als solcher erkennbar sein? Wieso darf er nur ein Platz sein, wenn er noch von einer Querstraße begrenzt ist? Vor allem aber das Argument der Orientierung geht nach hinten los: Einige hundert Meter gibt es ebenfalls in der Müllerstraße bereits ein Jobcenter. Nur wenn die neue Filiale als Adresse einen eigenständigen Namen hat, ist eine Verwechslung ausgeschlossen.

Die Eigentumsverhältnisse machen das alles noch absurder, denn der Platz, der keiner sein darf, gehört teilweise gar nicht dem Land, sondern dem Bezirk. Trotzdem darf dieser nicht darüber entscheiden. Dabei stände es dem Senat nicht schlecht, gerade jetzt am 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus ein Zeichen zu setzen und ein Ehepaar zu ehren, das sein Leben im Kampf gegen die Diktatur gegeben hat. Auch ohne Querstraßen.




Erich Honecker verhaftet

Nach der Machtübergabe an die NSDAP am 30. Januar 1933 folgten sofort Übergriffe, Verhaftungen und Morde an Gegnern der Nazis. Vor allem die politische Linke war betroffen, Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter. Es folgten die Verbote der Organisationen, nach den Parteien auch das Verbot der Gewerkschaften am 2. Mai. Zu den Gegnern der Faschisten gehörten auch Erich Honecker, der 1930 in die KPD eingetreten war, sowie Bruno Baum, Jude und ebenfalls Jungkommunist.

Nachdem die Nazis an der Macht waren, ging Baum in den Untergrund, während Honecker sich ins Saarland absetzte, das damals nicht zu Deutschand gehörte. Doch durch die Verhaftungen blutete die Partei und ihr Jugendverband aus. Honecker kam 1935 zurück und organisierte 1935 zusammen mit Baum eine Zelle der KPD. Der rote Wedding hatte noch zahlreiche Unterstützer. Einer der Schwerpunkte war der Unterbezirk Gesundbrunnen, rund um die nördliche Brunnenstraße. Genau dort begann im selben Jahr eine Verhaftungswelle der Gestapo. Am 4. Dezember 1935 wurden Erich Honecker und Bruno Baum in der Usedomer Straße 19 festgenommen.
Honecker wurde zwei Jahre ins Untersuchungsgefängnis Moabit eingesperrt, Baum in Plötzensee. Während des Prozesses sagte Honecker auch über die Funktion seines Genossen Baum im Kommunistischen Jugendverband aus. Daraufhin wurde Bruno Baum wegen “Vorbereitung zum Hochverrat” zu 13 Jahren Haft verurteilt, während Erich Honecker mit zehn Jahren bestaft wurde, die er im Gefängnis Brandenburg absaß. Auch Baum wurde dort inhaftiert, 1943 jedoch in die Konzentratonslager Auschwitz und dann Mauthausen verbracht.
Erich Honecker Karriere nach 1945 ist bekannt. Auch Bruno Baum wurde in der DDR hoher Funktionsträger der Partei. Zwar wurde er um 1959 aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen, blieb jedoch bis zu seinem Tod 1971 Funktionär auf mittlerer Ebene.




Zum Sozialismus nach Reinickendorf?

Wollen wir den Sozialismus loben? Aber schlecht machen wollen wir ihn doch auch nicht. Werden wir ihn überhaupt wiedererkennen? Wo – wenn es den wirklichen Sozialismus wirklich gegeben hat – soll es ihn denn gegeben haben, wenn nicht im Wedding und dann allmählich auch in Reinickendorf? Vom Wedding gibt es einen schönen Geschichtsweg nach Reinickendorf. Er führt durch die Afrikanische Straße. Was wissen wir, wenn wir da sind?

Was ist berühmt? Später ist es auch vergessen: August Bebel gegen Eduard Bernstein in einer “berühmten” Debatte: Die SPD, sagte der Parteivorsitzende, ist für immer gegen Militarismus und Kolonialismus (als ob Bernstein dafür gewesen wäre). Für den Kolonialminister Dernburg war das ein “Vergehen an Deutschland”, und wie zum Hohn warf der Kaiser über die Wohngebiete der Arbeiter ein Netz von Straßen, die seine kolonialen Ziele benannten, zwischen den Rehbergen und der Müllerstraße.
Hagenbeck wollte “lebende Negerstämme” in den Rehbergen ausstellen. “Meinst du, die Weddinger Arbeiter hätten sich die nicht angesehen?” sagt meine Lebensfreundin. Heute sind die Afrikanische Straße und ihre afrikanischen Nachbarstraßen auf dem Wege nach Reinickendorf sehr schöne Straßen. Das ist dem Wohnungsbau der 20er Jahre zu verdanken.

Gegen Militarismus und Kolonialismus – das Programm war bald out. Der deutsche Kolonialismus hatte sich im ersten Weltkrieg von selbst erledigt. Den Widerstand gegen den Militarismus hatte die Mehrheits-SPD selbst rechtzeitig genug aufgegeben, damit das Völkermorden mit Blumen in den Gewehrläufen hatte beginnen können.
Die schöne Stadtsiedlung oben an der Afrikanischen Straße, an der Grenze vom Wedding zu Reinickendorf heißt heute nach Friedrich Ebert. Nichts über Friedrich Ebert in diesem Zusammenhang. Obwohl.
Eine ganz ernsthafte Idee ist das natürlich nicht, man könnte in einer Stadt umhergehen und die Wirklichkeit einer politischen Idee suchen. Aber es ist oft das nicht ganz Ernsthafte, was uns auf die Ideen führt, von denen wir später etwas haben.

“Meinst du, dass hier ein Mann aus Lomé Vereinsmitglied ist?” fragt mich meine Lebensfreundin, als wir durch die Kolonie Togo wieder auf die Müllerstraße zu und gerade gegenüber auf der anderen Seite in den Domfriedhof wandern. Da sind wir schnell woanders; für die Faszination der Vorstellung bleibt keine Zeit, dass jemand, dessen Großeltern in kurzem Lendenschurz für Hagenbeck in den Rehbergen tanzen sollten, heute Vorsitzender des Weddinger Kleingartenvereins Togo sein könnte. Könnte er?

Zwischen Reinickendorf und Wedding liegt eine große Friedhofslandschaft. Sie beginnt gleich da, wo zwischen Cambridger und Gotthardstraße Reinickendorf beginnt. Hier am Domkirchhof an der Liverpooler Straße sind wir noch im Wedding. Wenn man die Geschichte auf einem Stadtspaziergang sucht, kann man sie nicht ebenso suchen wie in einem Buch. Das reizvolle an der Spaziergangsgeschichte ist ja gerade, dass sie nicht nach den Jahreszahlen geht. Berlins erster Oberbürgermeister, Leopold von Gerlach, ist hier beerdigt. Seine Amtszeit von 1809 bis 1813, knappe vier Jahre, wird als Notzeit beschrieben; Selbstmorde aus materieller Not waren in Berlin an der Tagesordnung, die Sterberate höher als die Zahl der Neugeborenen; aber es war auch die Zeit, in der die Universität Berlin gegründet worden ist, und manche nennen sie auch eine Zeit des Neuanfanges und des Neuaufbruchs.
Gerlach wohnte mitten im alten Berlin, im Sprengel der Domgemeinde, deswegen wohnt er nun als Toter hier draußen zwischen Wedding und Reinickendorf. Der ganze Magistrat und alle Stadtverordneten folgten seinem Sarge, die Teilnahme der Bevölkerung war groß. “Wie lange sind die denn gelaufen?” fragt meine Lebensfreundin skeptisch. Durch die ganze Chaussee- und durch die ganze Müllerstraße, auf diesem Wege ließ sich viel zusammenzählen, und als man da war, waren alle Tränen schon getrocknet.

An den Sozialismus hat in diesem Trauerzuge niemand gedacht. Erst recht die beiden berühmtesten Söhne des Bürgermeisters nicht, die dann später hier auch ihre letzte Ruhe fanden. Als Freunde des preußischen Königs haben sie bis zur bürgerlich-revolutionären Mitte des Jahrhunderts eine Rolle gespielt oder zu spielen versucht, mit der man sie im Tölpelspiel der Vergangenheit auftreten lassen könnte, wenn aus der ganzen Jahrhundertinszenierung ein Stück geworden wäre, das man am Ende mit Recht “vom Dunkel zum Licht” nennen könnte oder so ähnlich. “Aber können wir das nicht?”, fragt meine Lebensfreundin, als wir schließlich gegenüber der weißen Stadt in Reinickendorf in der Genfer Straße auf einer Bank sitzen und auf die Siedlung blicken von Bruno Ahrends, Wilhelm Bühning, Otto Rudolf Salvisberg, 1929 bis 1931 unter der städtebaulichen Regie des großen sozialdemokratischen Stadtbaurates Martin Wagner gebaut, der in der Fremde, als US-Amerikaner gestorben ist, weil das Bonner Deutschland ihn nicht mehr haben wollte.

Wir hatten den Domkirchhof auf einem Nebenweg nach Osten verlassen, um zwischen Wedding und Reinickendorf die Bristolstraße zu erreichen. Die Wohnsiedlung dort am Schillerpark kommt in vielen Architekturbüchern vor. Sie ist ein Musterstück der Baukultur der ersten deutschen Republik. Der Architekt hieß Bruno Taut. Er hatte seine Tätigkeit als SPD-Baustadtrat von Magdeburg gerade beendet, als er in den endenden 20er Jahren diese und mehrere andere beispielhafte Wohnsiedlungen in Berlin baute.
“Das ist gebaut aus Sozialismus”, sagte Wassili Lunatscharski, der Sowjetvolkskommissar, über Taut. Aber Taut bestand darauf, dass es “Sozialismus im unpolitischen Sinne war, fern von jeder Herrschaftsform”, und Manne Jagusch, der Fotograf, der auch mal Sozialist war, sagt überhaupt über die Häuser in der Bristolstraße: “Langweilig, ziemlich uninteressant.”
Die Reinickendorfer Straßen, um die die weiße Stadt liegt, heißen nach Orten in der freien Schweiz. Und als ich das sage, klingt es meiner Lebensfreundin zu pathetisch, denn sie sagt: “Emmental – das klingt für mich in erster Linie nach Käse”. Ist damit jetzt unser Geschichtsweg nach Reinickendorf beendet: langweilig und Käse? Und den wirklichen Sozialismus hätte es wirklich gar nicht gegeben?
“Es kommt doch nicht auf den Sozialismus an”, sagt meine Lebensfreundin leise.
“Sondern?”
“Wie es unseren Urgroßeltern, unseren Großeltern, unseren Eltern gegangen ist und wie es uns geht und unseren Kindern gehen wird”. Wo die Bürgermeister nur im Tode, aber die Arbeiterklasse zu Lebzeiten wohnt, vielleicht kommen wir wenigstens da demnächst dazu, dass ein Mann aus Afrika der Kleingartenvorsitzende einer Kolonie ist, die nach der afrikanischen Heimat seiner Großeltern heißt.
Die Wege nach Reinickendorf sind lehrreich.




Park-Avenue

Bellevue heißt schöner Blick. Den Blick, den man vom Perron des Bahnhofs Bellevue hat, braucht man nicht ausdrücklich zu loben. Interessanter ist es, wenn man unten ist. Der östliche Ausgang führt dicht vor den Gerickesteg. Ich lehne am Geländer und schaue den Motorbooten zu, die in großstädtischer Häufigkeit die Spree hinauf- und hinabziehen an einem schönen Sommertag wie diesem. Eine blonde, mittelalte Steuerfrau winkt mir freundlich zu. Das Schiff heißt Dietchen. Als ich ein Kind war, rief meine Mutter mich mit langem i: “Dieth”. Als ob unten meine Jugend vorbeiführe, leichte Wellen hinterlassend, durch die die Enten tauchen.
Ich gehe am anderen Ufer – es heißt nach Helgoland und dann nach Lüneburg – ein Stück an den Stadtbahn-Bögen entlang, Garagen, “Beseitigung aller Unfallschäden”: eine freundliche Verheißung, es ist überhaupt eine freundliche Gegend. Sieht man allerdings die Calvin- und dann die Spenerstraße nach Norden, erblickt man die grünen Türme des Kriminalgerichts. Oben in Alt-Moabit ist es also aus mit der Freundlichkeit der Gegend, mitten in der Stadt Strafverfolgung und Strafvollstreckung. Wenn er die strotzenden Mauern sieht, muss sich doch jeder mitfühlende Mensch Gedanken darüber machen, wie zivilisierend die Gesellschaft wirklich ist, in der er seine kurzen Tage verbringt.
Scientology verkauft unsere Wohnungen – steht protestierend an dem Haus Ecke Spener-/Melanchthonstraße. Als Jurist muss man sich über eine solche Aussage seine Gedanken machen. Ich verstehe die demokratisch gebildeteren Amerikaner gut, wenn sie die deutsche Aufregung über Scientology übertrieben finden.

Währenddessen gehe ich durch die Straße des Reformators Melanchthon, der auch kein sehr toleranter Mann war. Es kommt aber nicht mehr auf ihn an. Er ist in der Geschichte zurückgeblieben. Es gibt nur noch schmale Zugänge zu ihm. Ich folge dem lakonischen Hinweis “Zugang” an einer Hauswand, der mich von Melanchthon direkt zu Ossietzky führt. Der Park zwischen Alt-Moabit und der Melanchthonstraße heißt nach Carl von Ossietzky. Gut. Einen Park gegenüber einem deutschen Gefängnis nach einem deutschen Journalisten zu benennen, der durch deutsche Gefängnisse umgekommen ist, das ist grundsätzlich in Ordnung. Sonst hat Ossietzky mit dieser sanften Wiese nichts zu tun.
Wenn ich durch diese volkstümliche Parkanlage gegangen und durch die Straße des Aufklärers Thomasius zur Schönen Aussicht zurückgelangt bin, werde ich mit der S-Bahn bis Hackescher Markt fahren, durch den Monbijou-Park gehen, bis zur S-Bahnstation Oranienburger Straße, von dort bis Humboldthain und durch den Humboldthain bis zum U-Bahnhof Gesundbrunnen: dort ist heute meine private Park-Avenue zu Ende.

Manfred Jagusch, der Fotograf, meint, Parks werden nur unterscheidbar durch das Drumherum. Das Innere von Parks sieht eigentlich immer gleich aus, meint er. Das finde ich nicht. Die Verwendung ist freilich gleich: Auf kleinen Tüchern in der Sonne sitzen und liegen, in unbequemer Haltung Zeitung lesen und zusehen, wie die Kinder sich erst beruhigen und dann langweilen. Auch ist eine Wiese natürlich überall eine Wiese. Aber was drunter ist, ist überall was anderes. Auch eine parkige Wirklichkeit besteht nicht nur aus einer Etage.
Alt-Moabit ist eigentlich Neu-Moabit. Erst kamen die französischen Siedler, die Mühe hatten mit dem unfruchtbaren Boden: terre maudite, elendes Land, terre de Moab, Land der Zuflucht, aber schwerer Boden. Später gab es Gondel-Verkehr von den Zelten, weiter hinten am nächsten Spreebogen. Dann kam Borsig vom Oranienburger Tor: Borsigs Eisenwerke, auch Schumanns Porzellanfabrik. Und Borsig baute sich mittendrin für sich eine Villa, die aussah, wie ein italienisches Schloss. Die Gärten Borsigs waren offen. “Das Köchinnen-Vergnügen in Moabit” war ein geflügeltes Wort: In den Moabiter Gärten trafen sich die Köchinnen mit den Dragonern, die sie liebten. Mit diesem Arrangement war Moabit ein Höhepunkt vom Berlin vor Siebzig/Einundsiebzig. Was wäre Berlin und Deutschland geworden ohne europäischen Bruderkrieg! Dann dachte es aber, die Welt mit Soldaten einzuholen, siegte ein bisschen. Aber wurde schließlich besiegt von der Welt, der es sich über fühlte. Das geschah ihm recht.
Mit diesen Gedanken bin ich schon im Monbijou-Park. Das königliche Lustschloss, das einst hier stand, ist weg. Das ist o.k. Die Fürsten, die es bewohnten und sich schließlich hier ausstellen ließen, haben das Weltreich, von dessen kaiserlicher Vermeintlichkeit Berlin die Hauptstadt war, als ein Meer von Blut und Tränen 1918 verlassen, um wie eine Familie harmloser Landedelleute zu Ende zu leben, eklig, die Hohenzollern.

Ein erfrischender Hauch ist an diesem Sommertag der Wind, den die S1 unter der Oranienburger Straße vor sich her schiebt. Aus dem S-Bahnhof Humboldthain steige ich auf zur Wiesenstraße und von dort auf die Wiese selbst. Humboldthain.
Ein pfiffig frisiertes türkisches Kind, das noch keine türkischen und erst recht keine deutschen Sätze sprechen kann, kommt mir freundlich entgegen, die Hoch-Kothurn-Schuhe der lagernden Mutter spielerisch in den Händen. Wenn dieses Kind ein junger Mann ist, werden ihn Schönbohm und die Ähnlichen ausweisen, wenn wir sie dann noch lassen.

Dieser Park wurde zum 100sten Geburtstag des weltberühmten Gelehrten angelegt, den Berlin hervor gebracht hat, Alexander von Humboldt (1769-1859). Er ist hier nur ein Name wie an tausenden Stätten der Welt. Der Humboldthain war von Anfang an ein Volkspark, der zweite nach dem Friedrichshain. Warum soll ich die Menschen vereinfachend Nazis nennen, die ihn in den 40er Jahren verdarben durch vielstockige Betonbunker, die sich hinterher, am Ende des Millionenmordens, noch nicht mal sprengen ließen? Hier und dort ragen heute noch glatte Betonwände empor, sonst verbergen Berge aus begrünten Trümmern die Schauerlichkeiten. Manche, heißt es, kommen durch verborgene Eingänge noch hinab. Drunten, schrieb seinerzeit die taz, spuken Runen- und Hakenkreuzgeister.
Die Mord- und Verfolgungswut war in Deutschland viel zu massenhaft, als dass sie ganz vergessen sein könnte. Wir merken es manchem an, der sich keineswegs in Bunkern versteckt. Wer hier auf den Sonnentüchern des Vergessens lagert, der … ach, was denn, was? Aus der Vergangenheit eine düstere Drohnung für die Gegenwart machen: das nützt uns gar nichts. Die Geister der Vergangenheit sind überall. Aber übermächtig sind sie nicht. Gesundbrunnen – heißt wie eine Verheißung die U-Bahn-Station, an der ich meine Park-Avenue beende, mit einem schönen Blick zurück.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Taxifahrer sind Raser, unfähig und überhaupt…

Dass es in den Boulevardmedien immer wieder mal pauschale Hetze gegen Taxifahrer gibt, ist bekannt. Dabei beziehe ich dort auch die Mopo, Berliner Zeitung und vor allem den Tagesspiegel mit ein. Undifferenziert wird mit dem Beispiel einiger schwarzer Schafe auf das widerlichste gegen die ganze Branche gehetzt, jeder Taxifahrer als potenzieller Betrüger dargestellt.
In den Online-Ausgaben der Zeitungen können Artikel teilweise kommentiert werden, was zu teilweise volksverhetzenden Aussagen führt.

Hier einige Kommentarauszüge unter einem kürzlich erschienenden Artikel über den schlimmen Unfall im Wedding, bei dem zwei Menschen von einem Taxi angefahren und getötet wurden:

“Ich sass mal in einem Taxi, mit dem der Fahrer in einer Tempo 30 Zone (enge Straße, rechts und links zugeparkt) auf 70 beschleunigte. Ich bin an der nächsten Kreuzung ausgestiegen und musste mich beschimpfen lassen.”
“Fahre auch nur noch im absoluten Notfall Taxi. Ist inzwischen lebensgefährlich. Mein letzter, recht junger Fahrer fluchte in alle Richtungen, beschimpfte alle vor ihm, die vernünftig fuhren – und ihm damit VIEL zu langsam. Als ich dann doch die Fahrt vorzeitig beendete und sagte, es sei mir zu gefährlich und zu peinlich, wurde er in der üblichen Art ausfallend.”
“Angst um ihre Scheine, so sie welche haben sollten, scheinen die meisten Taxifahrer kaum haben zu müssen.”
“…einem Taxi, dessen Seitenaufkleber auf einen Großkonzessionär mit Geschäftssitz fernab von Europa hinweist.”
“Oft ohne Rücksicht auf Verluste wird im Grenzgebiet der StVO gefahren.”
“Demnach handelt es sich bei den Schwammköpfigen um eine Anzahl von verhinderten F1 Fahrern die genauso durchgeknallt sind wie ihr Pendant im KinderTV.”
“Manchmal wünsche ich mir für einen Monat ein komplettes Fahrverbot für alle Berliner Taxifahrer, um dann über eine Unfallstatistik herausfinden zu können, wie gefährlich diese Verkehrsteilnehmer wirklich sind.”
“Ohne Blinken und Rücksicht auf die anderen schnell quer über die mehrspurige Hauptverkehrsstraße nach rechts an den Gehweg ziehen und scharf bremsen, um den winkenden Fahrgast einzuladen”
“Der Seitenaufschrift war es jedenfalls nicht die ominöse Firma mit Sitz im Orient.”
“…mit 13 nach Deutschland gekommen, nichts gelernt außer Auto fahren in Deutschland, jung, sprachunkundig, mundfaul, Navi, aggressiv… Ich war froh, als ich aussteigen konnte. Die Adresse fand er auch nicht, aber der Zähler lief…”

Wie heißt es doch in den Richtlinien bei Tagesspiegel.de: “Stigmatisierungen aufgrund von Abstammung … sind nicht zulässig.
Verleumdungen … werden nicht veröffentlicht.”
Schade, dass sich Tagesspiegel.de daran nicht hält. Dafür wurde ein Kommentar gelöscht, der sich über die pauschale Hetze beschwerte. Man hat den Eindruck, der Tagesspiegel gefällt sich darin, dem Pöbel eine Plattform zu geben.




Sprechende Straßen

Von meinen Fahrgästen werde ich immer wieder mal gefragt, wie ich mir all die vielen tausend Straßennamen und ihre Lage merken kann. Selbst wenn ich ihnen sage, dass ich vielleicht nur 2.000 davon kenne, sind sie noch beeindruckt. Dabei gibt es oft einfache Tricks, sich die zu merken. Denn in vielen Vierteln sind die Straßen thematisch sortiert, wie im Komponisten-, Blumen-, Handwerker- oder im Westfälischen Viertel. Dass man den Asternplatz am Botanischen Garten findet ist dabei so wenig überraschend wie die Tatsache, dass sich die Brunnen- und Badstraße im Gesundbrunnen befinden. Nicht alle Straßennamen sind so lieblos ausgewählt wie die Breite Straße oder gar die Chausseestraße, die praktischerweise nach sich selbst benannt ist.

In einer losen Serie von Artikeln will ich nun ein paar Straßennamen vorstellen, die entweder ungewöhnlich sind oder einen besonderen Bezug zu der Gegend haben, in der sie liegen.
Oft sind die Namen ja nur zur Ehrung bestimmter Leute oder einer Personengruppe benannt. In Berlin sind das gerne preußische Militärs wie Yorck oder Gneisenau oder adlige Potentaten, die oft eher den Kerker verdient hätten, als eine eigene Straße. Ob das Hindenburg ist, die Kurfürsten, Markgrafen oder sonstige Vertreter eines längst vergangenen Reiches.
Vorgestellt werden hier aber diejenigen, die wirklich was Positives geleistet haben. Oder die es sich aus anderen Gründen zu kennen lohnt. Den Anfang machen jedoch gleich mehrere Straßen, von denen ich zwei bereits oben genannt habe.

Der Ortsteil heißt heute Gesundbrunnen. Anfang des 18. Jahrhundert soll eine Müllerin neben der heutigen Pankebrücke dem erschöpften preußischen König Friedrich I. bei einer Rast ein Becher Wasser aus einer Quelle gereicht haben, der ihm sofort wieder frische Kräfte gab. Doch erst Friedrich II. ließ dieses Wasser 50 Jahre später vom Hofapotheker Heinrich Wilhelm Behm vermarkten. Der legte dort 1757 auch eine öffentliche Flussbadeanstalt an, die 1809 zu Ehren der Königin Luisenbad genannte wurde. Das Bad zog immer mehr Ausflügler an, in der unmittelbaren Nachbarschaft siedelten sich mehr als 40 Cafés, Biergärten, Tanzlokale und Varietés an.
Doch der Gesundbrunnen, wie die Gegend mittlerweile hieß, wurde immer weiter zugebaut, die Industrialisierung erforderte Wohnraum für die Arbeiter. Als in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts das imposante Eckhaus direkt an der neu errichteten Badbrücke gebaut wurde, beschädigten Bauarbeiter die Quelle. Wenn einem die richtige Tür geöffnet wird, kann man sie zwar noch heute sehen, aber sie führt kein Wasser mehr. Dafür prangt an der Außenfassade noch heute ein mehrere Meter großes Relief, auf dem der alte Brunnenpavillon dargestellt wird.
Und an die Geschichte der Quelle erinnern nicht nur die Brunnen-, Bad- und Behmstraße sowie der Brunnenplatz, sondern sogar der Name des gesamten Stadtteils.




Mitte, von Süd nach Nord

[In diesem Text ist mehrmals vom “ersten Bezirk” die Rede. Als Diether Huhn diesen Spaziergang niederschrieb, sah die Planung der Bezirksreform vor, dass die neuen Großbezirke durchnummeriert werden sollten. Mitte wäre dann der “1. Bezirk” geworden.]
Dieser Spaziergang ist ein Erkundungsgang. Ich will mir eine Vorstellung davon verschaffen, wie der neue, bisher freilich nur geplante Bezirk aus Tiergarten, Mitte und Wedding, der erste Bezirk, sich anfühlt: wie ein Berliner ihn empfindet.
Dafür reicht ein Vormittag natürlich nicht. Aber an diesem regnerischen Montag, an dem schließlich der Regen so fällt wie in Irland: sanft und seidig, beginne ich mit dieser Erkundung. Der Anfang ist recht nahe bei der Redaktion des Bezirksjournals, die allerdings in Kreuzberg liegt, aber noch so am Rande, dass es bis zum Gleisdreieck nicht weit ist, dort, wo aus dem U-Bahnhof nur eine kurze Strecke zu Fuß zurückzulegen ist bis zum Übergang der Kurfürsten- in die Dennewitzstraße: Dort ungefähr ist der Südpol, der südlichste Punkt dieses ausgedehnten ersten Bezirkes.
Ich blicke um mich, hier kenne ich die Gegend gut. Wenn man nicht auf die Karte sieht, weiß man nicht, ob man in Schöneberg, Kreuzberg oder Tiergarten ist. Ich bin in Berlin, mittendrin im Berlin von James Hobrecht, der 1862 die Fluchtlinien zeichnete und der Stadt befahl, so zu wachsen, wie er es bestimmt hatte; außer der Eisenbahn, die die Straßen zerschnitt und andere unmöglich machte, hielt sie sich daran.
U2 bis Potsdamer Platz und übergewechselt in die S1, die – eine wirkliche Stadtbahn – Wannsee und Oranienburg verbindet, die exklusive Villenkolonie mit dem Standort des furchtbaren KZ: Das liegt eben in Berlin keineswegs weit voneinander entfernt und hat schließlich mehr miteinander zu tun, als diejenigen meinen, die die Entfernung auf der Landkarte messen.

Bis zur Station Bornholmer Straße, an der ich aussteige, verläuft diese S-Bahn unter und über der Erde durch den ersten Bezirk: Wo sie in den Untergrund hinabsaust, ist das Grab der Gebrüder Grimm nicht weit, und wo sie wieder heraufkommt das Theodor Fontanes: Von Grimm bis Fontane – dazwischen liegt manche vergebliche deutsche Hoffnung; der große Schriftsteller, der fast im Wedding ruht, ist selten nach Wedding gekommen; als er starb, stellte er dem deutschen Reich eine resignierte Prognose. Was wäre das für ein Roman geworden, denke ich auf der Bösebrücke stehend, wenn Fontane über Weddinger Leute geschrieben hätte und nicht über Kommerzienräte und Adlige.
Eine Zeitlang verweile ich auf der Bösebrücke, die man in Mauerzeiten von Weddinger Seite aus gerne Bornholmer Brücke nannte, nicht nach dem kommunistischen Antifaschisten, nach dem sie seit 1948 heißt, vorher Hindenburg-Brücke, nach jedem Hindenburg, der, als diese Brücke gebaut wurde, deutsche Männer eilfertig in den Tod führte und dann Reichspräsident einer Demokratie wurde, die wenig Zutrauen zu sich selbst hatte.
Ich blicke von Norden und Süden über die Bahnanlagen und genieße den Verkehr, der von Prenzlauer Berg nach Wedding, von Wedding nach Prenzlauer Berg über die Brücke führt, Auto an Auto, keine Erinnerung mehr an die dunklen Zeiten, zu denen auf der Brücke des Antifaschisten eine Gesinnung die Stadt vermauert hatte, die den Gegnern ihrer angeblichen Helden näher stand als denen, derer sie sich berühmte. Das sage ich heute. Früher habe ich mich manchmal an Illusionen festgehalten, die unbedingt ein besseres Deutschland erkennen wollten.

Mit solchen Gedanken wandere ich durch die sich erweiternde Grüntaler Straße, durch die Soldiner und Freienwalder Straße auf die Parkallee zu, die sich dort birkenbestanden über den Friedhof erstreckt, Sophien- rechts, Elisabeth- links: Wirklich ein Stadtpark, der sich von der Wollankstraße in den S-Bahnbogen hineinzieht, so dass die Quergebäude der sich elegant nach Westen schwingenden Steegerstraße landschaftliche Blicke eröffnen über die Felder der Toten.
Von der anderen Seite senken sich die Schrebergärten von der S-Bahn-Böschung fast bis auf die Bürgersteige der Steegerstraße herab, dass die Straße einen abgeschlossenen, fast internen Charakter gewinnt. Auch auf der Pankower Seite der S-Bahn liegen Gärten, Kolonien im S-Bahn-Dreieck, das dort S1, S8 und S10 miteinander und mit der zackigen Brehmestraße bilden.
Mauereinrichtungen muss man hier suchen. Erst recht oben, an der S-Bahn-Station Wollankstraße, sieht man, dass schnell wieder zusammengewachsen ist, was zusammengehört, und zunächst leuchtet es wenig ein, dass – wo so viele Bezirksgrenzen fallen – zwischen Wedding und Pankow weiter Grenze sein soll. Aber irgendwo muss der Mittel- und Zentralbezirk ja zu Ende sein. Hier oben ist man zwar mitten in einem lebhaften Stadtquartier, aber einen Berlin-Mitte-Eindruck habe ich nicht.
Andererseits denke ich: Den ersten Bezirk mit ordentlichen Gebieten voller Alltagsgeschichte zu erfüllen, nicht nur mit Gebieten, in denen 1848 die Barrikaden standen, sondern auch mit solchen, in denen man mitten in der Demokratie Barrikaden gegen den Staat baute, das macht sich gut. Wedding fügt einem Berliner Zentralbezirk von der Berliner Mehrheitsgeschichte manches hinzu, was man in Mitte und Tiergarten allein nicht in hinreichender Menge findet. Die Mitte von Berlin ist Arbeiterkultur. Das möchte ich vielleicht gerne sagen, aber ich weiß nicht, ob da nicht der ideologische Wunsch Vater der geschichtlichen Erkenntnis ist.

Ich gehe jetzt die Nordbahnstraße hinter dem friesenblauen S-Bahnhof Wollankstraße entlang über die Wilhelm-Kuhr-Straße, die nach einem längst vergessenen Pankower Bürgermeister heißt, bis zur Hugo-Heimann-Brücke.
Diese Brücke über die Panke – auch nach einem Antifaschisten benannt, aber einem sozialdemokratischen – führt mich an den Punkt, wo Reinickendorf, Wedding und Pankow zusammenstoßen. Und hier – vielleicht gerade auf den trägen Wassern der kanalisierten Panke – wird der nördlichste Punkt des ersten Berliner Bezirkes liegen.
Wedding sieht hier aus wie Reinickendorf, das bald an verlängerter Kolonie- und Kühnemannstraße beginnt: vorstädtisches Gebiet, städtische Mischlandschaft. Aber die S-Bahn ist immer noch dieselbe wie die, die ich am südlichsten Punkt des Neubezirkes habe vorüberfahren sehen. Die S1 wird das Rückgrad dieses ersten Berliner Bezirkes sein. Sie nimmt vom Süd- zum Nordpol dieses Bezirkes einen ziemlich direkten Weg.

Auf der Rückfahrt von der Wollankstraße beschäftige ich mich mit meinen alten Gedanken, aus dem zentralen Berliner Bezirk eine eigene Bundesstadt zu machen, außerhalb der Stadt Berlin einen Regierungsbezirk, dessen Bürgermeister kraft Amtes der Bundeskanzler, sagen wir: der Kanzleramtsminister ist (und der eine eigene Gemeinde darstellt neben der Stadt Berlin im Land Berlin).
Als ich am Anhalter Bahnhof aussteige, bin ich aus diesem Bezirk knapp wieder draußen, blicke auf das Abgeordnetenhaus, stelle mir dahinter den Bundesrat vor und finde meine Regierungsbezirksidee schon viel weniger überzeugend als eben im Wedding. Soll sich die Regierung herumschlagen mit den Eigenheiten des Berliner Verfassungsrechtes. Berlin ist nicht die Hauptstadt, die Hauptstadt ist in Berlin zu Gast und muss zufrieden sein.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Meyer’s Hof

Meyer’s Hof stand für das düstere Leben der Armen und Proletarier im Wedding. Der folgende Text ist dem Buch “Eine Reise durch die Ackerstraße” entnommen, das auch schon hier bei Berlin Street dokumentiert ist.

Der Wedding, das war die Ackerstraße. Und die Ackerstraße, das war »Meyer’s Hof«. Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde er im ganzen Land bekannt als besonders abscheuliches Beispiel von Ausbeutung der Menschen ohne jede Rücksicht auf deren Bedürfnisse, Gesundheit oder Leben. Bis zu 2.000 Menschen lebten zeitweise in diesem Komplex Ackerstraße 132/133. Zusammengepfercht, krank, verzweifelt und oft in den Selbstmord getrieben. Meyer’s Hof war das beste Beispiel des Elends des Proletariats. Und doch war dies nur ein Ausschnitt aus der Geschichte dieses Hauses, das vorher mehr als eine Generation lang ganz anders beurteilt wurde.
Meyer’s Hof nimmt in diesem Buch besonders viel Platz ein, weil er hundert Jahre lang für die Entwicklung in der Ackerstraße und dem Wedding stand. Trotzdem war dieser Komplex in den verschiedenen Zeiten krasser, als es der Rest des Weddings war. Dies ist aber vor allem aus seiner Größe zu erklären, denn ansonsten war er nur ein Wohnhaus unter vielen, mit den selben Problemen und Entwicklungen.
Meyer’s Hof: Ein fünfgeschossiges Vorderhaus über die Breite zweier Wohnhäuser. Erdgeschoss, vier weitere Etagen. Dahinter: Fünf ebenso große Qiergebäude, zwölf Meter tief, jeweils im Abstand von zehn Metern, zeitweise mit Kellerwohnungen. Das sechste Quergebäude war niedriger. Die Hinterhäuser hatten in der Mitte eine Tordurchfahrt, davon gingen auf beiden Seiten die Treppenhäuser ab.
Meyer’s Hof war über die hundert Jahre seines Bestehens keine konstante Einheit, sondern hat sich verändert. Die folgende Vorstellung von Meyer’s Hof ist deshalb auch in mehrere Teile zeitlich gegliedert, weil dadurch die unterschiedliche Entwicklung in den verschiedenen Zeitabschnitten deutlicher gemacht wird.

Eine kleine Stadt entsteht

Nicht nur einmal wurde Meyer’s Hof als »Stadt in der Stadt« bezeichnet. Das liegt aber nicht nur an der Größe und Abgeschlossenheit nach außen hin, sondern auch an der Vielfalt, die dieser Wohnkomplex zu bieten hatte. Denn es gab nicht nur Wohnungen, sondern auch viel Gewerbe und zeitweise soziale und kulturelle Einrichtungen in diese Komplex.
Wieso überhaupt »Meyer’s Hof?«.
Der Name Meyer bezieht sich auf den Bauherrn dieser Gebäude. Jaques Meyer besaß in den 70-er Jahres des 19. Jahrhunderts eine Textilfabrik in der Köpenicker Straße 18-20, auf deren Gelände auch die Villa stand, in der er bis zum Bau von Meyer’s Hof wohnte. Am 30. Dezember 1871 wurde auf das Grundstück seiner Fabrik eine bis zum 1.1.1877 zurück zu zahlende Hypothek eingetragen. Dieses Geld wurde wahrscheinlich für den Bau von Meyer’s Hof benötigt.
1878 übernahm sein 27-jähriger Sohn Otto Meyer die Verwaltung und zog auch selbst dort hin, in das zweistöckige Verwaltungs-Gebäude auf dem 6. Hof. Otto Meyer verwaltete Meyer’s Hof bis zu seinem Tod 1920. Der Komplex war also immerhin 36 Jahre lang in Familienbesitz.
Das Wort »Hof« wurde zur Zeit des Baus eigentlich eher für Gewerbebauten benutzt, erst später auch für Wohnkomplexe. Das zeigt, dass es in Meyer’s Hof von Anfang an üblich war, dass auch Gewerbetriebe angesiedelt wurden.
Am Anfang gab es 257 Wohnungen und 13 Gewerbetriebe, u.a. eine Bäckerei, eine Badeanstalt und mehrere Werkstätten. Die Bewohner des Vorderhauses setzten sich zusammen aus Ladenbesitzern, Kaufleuten, Angestellten und Beamten, wobei der Begriff »Kaufleute« etwas irreführend ist. Darunter verstand man oft Handwerker, die ihre Produkte auch selber verkauften und das war in Meyer’s Hof vorwiegend der Fall. Im Laufe der 80-erJahre kamen auch noch Fabrikanten dazu, die im 4. oder 5. Hof (damit waren natürlich nicht die Höfe, sondern die entsprechenden Quergebäude gemeint) ihre Fabrik oder Werkstatt hatten. Einige der kleinen Handwerker mit eigener Werkstatt vergrößerten sich im Laufe der Zeit, sie wurden Fabrikanten und zogen dann auch ins Vorderhaus. In den Hinterhäusern lebten vor allem einfache Arbeiter und Angestellte, Arbeitslose und Witwen.
Der weitaus größte Teil der Wohnungen bestand nur aus Stube, Küche und einer kleinen Kammer. Das waren natürlich die in den Quergebäuden. Dabei waren die Wohnungen auch keine abgetrennten Einheiten, wie man es heute kennt, sondern auf jeder Etage gab es einen langen Flur, von denen die jeweiligen Zimmer abgingen. Man musste also, um z.B. von der Küche in die Stube zu gelangen, über den gemeinsamen Flur. Weil dieser aber in der Mitte des Gebäudes lag, war er immer duster.
Eine Toilette hatten die Mieter zu dieser Zeit in den Hinterhäusern noch nicht, diese gab es nur auf den Höfen. Und sie wurden auch nur zweimal täglich von einem zentralen Wasserspeicher auf dem Dachboden des 6. Gebäudes aus gespült. Lediglich im Vorderhaus und im Verwaltungs-Gebäude gab es eigene Toiletten. Erst viel später sind dann auch in den anderen Häusern Toiletten eingebaut worden, an den Treppenfluren, immer zwei für eine Etage. Eigene Wasserhähne gab es für die Mieter in den ersten Jahren auch nicht, man musste immer auf den Treppenflur zum gemeinsamen Wasserhahn.
Jaques und später auch Otto Meyer ließen die Häuser oft umbauen, vor allem, wenn ein Gewerbebetrieb einziehen oder sich vergrößern wollte. Dabei fällt auf, dass sie in den 36 Jahren, in denen sie selbst die Verwaltung besorgten, kein einziges Mal rechtzeitig einen Bauantrag bei der zuständigen Polizeibehörde stellten. Sämtliche Bauanträge für Dutzende von Umbauten wurden nachträglich gestellt und auch erst, wenn der betreffende Umbau von der Polizei entdeckt wurde oder von irgend jmandem verraten wurde. Offensichtlich lieferten sich die Meyers ein kleines Spielchen mit der Polizei.
Zu dieser Zeit war Meyer’s Hof immer eine Baustelle. Denn die von den Gewerbetreibenden gewünschten Umbauten wurden meist prompt erledigt. Und oft waren diese Vorreiter für Einrichtungen, die dann später auch die Wohnmieter bekamen. Zum Beispiel die Toiletten, Dampfheizungen, Gas und Strom. Die Betriebe erhielten auch eigene Dampfmaschinen, viel später sogar einen Aufzug. Aber auch in den Wohnungen wurden neue Wände gezogen, Durchbrüche gemacht, Räume zusammengelegt, andere getrennt. Für diese Zeit kann man sagen, dass auf die Wünsche der Mieter wirklich eingegangen wurde.
Über die Lebensverhältnisse der Mieter in den ersten dreieinhalb Jahrzehnten ist kaum etwas überliefert worden. Trotzdem aber noch soviel, dass man von einer relativ humanen Belegungszahl der Wohnungen ausgehen kann, auch wenn schon zur Zeit des Baus gerade im Wedding Wohnungsnot herrschte. Denn die vielen hier entstehenden Betriebe brauchten ja Arbeiter und diese wollten nicht nur arbeiten sondern auch wohnen. Anscheinend waren die Meyers nicht so unverfroren und geldgierig wie die folgenden Eigentümer, die Meyer’s Hof bis zum letzten Meter mit Menschen vollstopften, an denen sie dann verdienen konnten. Allerdings gab es in den erstenJahren auch Keller-Wohnungen, die erst Anfang der 30-er aufgelöst wurden (allerdings durch baupolizeiliche Verfügungen, nicht aufgrund humanitärer Anwandlungen des neuen Besitzers). Über Probleme in den Anfangsjahren berichtet ein Zeitungsartikel:
»Noch vor Bauvollendung wurde das Gebäude von wohnungssuchenden Mietern gestürmt und in Besitz genommen. Eine schlechte Mieterschaft nistete sich ein, und als der jetzige Besitzer im Jahre 1878 das Grundstück übernahm, war es in der kurzen Zeit völlig verwahrlost. Von der Mieterschaft, die der Besitzer Herr Otto Meyer jetzt antraf, gab er mir einige drastische Schilderungen. Miete zahlten überhaupt nur die wenigsten, und die sich nur auf das Nichtzahlen beschränkten, waren eigentlich noch die besseren Elemente. Einzelne gingen noch viel weiter. Einer der Mieter, von Beruf Töpfer, hatte die Kachelöfen seiner Wohnung abgerissen und verkauft. Ein anderer handelte mit Weihnachtsbäumen, er hatte den Fußboden seines Zimmers aufgebrochen und die Bretter zu Baumstützen und Unterlagen zersägt.
Der Besitzer nahm sich nunmehr vor, seinen Hausbesitz in die Höhe zu bringen, indem er nur solide Mieter herein nahm, aber zu billigen, nicht steigerbaren Mieten vermietete. Bald hatte sich eine seßhafte Mieterschaft eingefunden.
Die Geschichte dieser Hausverwaltung, des Niedergangs, des Verfalls, des Aufsteigens ist gewiß lehrreich. Es genügt, ein altes, gut verwaltetes Haus mit verwahrlosten Gebäuden zu vergleichen, um zu erkennen, wieviel hier von der Tätigkeit und der Arbeit – oder der Nichttätigkeit – des Hausbesitzers abhängt.«
1877 wurde das 59. Polizeirevier in Meyer’s Hof eingerichtet, dessen Leiter Thiele auch in dem Haus wohnte. 1884 veröffentlichte Julius Rodenberg die erste bekannte literarische Beschreibung von Meyer’s Hof:
»Endlich bietet sich mir auch in der Ackerstraße noch ein Anblick, welcher allein genügen würde, den ungeheuren Abstand zwischen Einst und Jetzt darzuthun, oder gewissermaßen in einem Bilde zu zeigen: Ich meine die Meyer’schen Familienhäuser, welche den Platz einnehmen, wo früher die Baracken des Voigtlandes gestanden haben. Auch damals gab es hier schon Familienhäuser. Aber wie es darn ausgesehen, das ist in dem Buche Bettina von Arnim beschrieben. Wenn man mit solchen Zuständen die gegenwärtigen Familienhäuser vergleicht, dann begreift man, welche Fortschritte wir seitdem gemacht haben. Colossal in ihrem Umfange, geben sie dem Verhältniß sichtbaren Ausdruck, in welchem mit sparsamster Ausnutzung des vorhandenen Raumes zugleich für das häusliche Wohlbefinden und die sanitäre Zukömmlichkeit großer, dicht zusammen wohnender Menschenmengen gesorgt werden kann. Diese Familienhäuser sind Mietshäuser mit etwa fünfhundert Einwohnern. Sie gleichen einer kleinen Stadt, wimmelnd von Menschen und mit jeder Art von Hantierung. Die Front des Hauptgebäudes, mit zwei mächtigen Portalen, flankiert die Ackerstraße; dahinter öffnen sich fünf Höfe, jeder mit zwei vierstöckigen Quergebäuden, durch welche ein gewölbter Durchgang führt, mit zwei Seiteneingängen für die Häuser selbst.
In den Höfen herrscht das Leben einer Straße: Kinder spielen fröhlich umher, Werkstätten von jeglicher Beschaffenheit sind in vollem Betrieb, und Frauen, welche Grünkram und Obst feilhalten, sitzen an den Ecken. Den Hintergrund des letzten Hofs bildet eine Badeanstalt mit einer großen Uhr, welche die Zeit in diesem Gebäudecomplex regelt, und vorn, am Straßenportal, hängt eine fast die ganze Wand bedeckendeTafel mit den Namen der Einwohner, daneben allerlei sonstigen Benachtigungen. Ich muß sagen, daß dies Alles einen guten Eindruck machte, wie ich bei Zwielicht die Höfe durchschritt, in welchen so viele Hunderte dicht zusammen leben und dennoch einander nicht im Wege sind. Die Luft in den angemessen geräumigen Höfen war nicht schlecht, und als ich sie verließ, fingen eben die Gaslaternen an, ihr reichliches Licht in denselben zu verbrennen.« ((Aus den drei Bänden »Das Berliner Mietshaus« von Johann Friedrich Geist und Klaus Kürvers. Auf über 1.500 Seiten wird darin die Entwicklung Berlins in den vergangenen 300 Jahren nachgezeichnet. Eine Pflichtquelle, wenn man zur Berliner Historie arbeitet.))

Polizeianzeige vom 14. Juni 1884: »Die tiefen Lichtschächte vor den Kellerfenstern auf dem Hofe entbehren jeglicher Abdeckung oder Umfriedung, so daß daraus Gefahr für Passanten des Hofe namentlich aber für spielende Kinder entstehen kann.« Jaques Meyer wurde aufgefordert, die180 (!) bis zu 1,5 m tiefen Lichtschächte der Kellerwohnungen innerhalb von 14 Tagen vergittern zu lassen.
Polizeianzeige vom 10. Juli 1891: »Spülung der Closetts befreffend. Auf dem Grundstück befinden sich 4 Closettgebäude, welche zwar an die städtische Kanalisation angeschlossen sind, jedoch der Einzelspülung entbehren; vielmehr haben sämtliche Closetts eines Gebäudes eine gemeinschaftliche Spülung, welche von dem Verwalter des Grundstücks jeden Tag angeblich 2-3 mal vorgenommen wird.
Meyer hat im hinteren Teil des Grundstücks ein Wasserreservoir angebracht, von welchem der Wasserbedarf nach den Wohnungen, wie auch zu den Closetts geleitet wird. Wenngleich die besagte Einrichtung in sanitätspolizeilicher Beziehung zu klagen noch keine Veranlassung gegeben hat, so stellt das Revier doch gehorsamst anheim, ob nicht auf Grund der bestehenden Bestimmungen die Einzelspülung der Closetts zu verlangen sein dürfte.«
Doch der Antrag scheiterte, da die Verordnungen lediglich das Vorhandensein von Toiletten regelte, nicht aber die Art der Toiletten.

Anonyme Postkarte an das Polizeirevier (mittlerweile am Gartenplatz 4) vom 28. Juni 1893: »Ersuche sie freundlichst, den Kaufmann Jintze, wohnhaft hier, anordnen zu wollen seinem Comis eine andere Schlafstelle anweisen zu lassen. Da die betreffende Schlafstelle ein Hängeboden der kaum 4 Fuß hoch ist und auch kein genügendes Fenster zu lüften vorhanden ist.«
Polizeianzeige vom 2. September 1894: »Am 31. August hat der Eigentümer Meyer auf seinem Grundstück, 2. Hof paterre, zwei Fachwerkwände gänzlich entfernen und in zwei massive Scheidewände Türlöcher einreißen lassen. Zweck der ohne baupolizeiliche Genehmigung ausgeführten Arbeiten ist die Herstellung zusammen hängender Räumlichkeiten zur Unterbringung einer Kochschule für Mädchen der arbeitenden Classen.«
Beschwerde von zehn Mietern des 5. Quergebäudes vom 17. Mai 1895: »In dem vorstehend erwähnten Quergebäude hat der Buchdrucker W. Manteuffel einen Gasmotor aufstellen lassen, welcher von morgens bis nachmittags 4 Uhr im Betriebe. Hierdurch sind unerträgliche Zustände eingetreten. Nicht allein, daß alles in den Wohnungen stets hin und her schwankt, Winde und Decken haben derartige Risse bekommen, daß der Putz davon abfällt und selbige einzustürzen drohen. Der Zustand ist geradezu lebensgefährlich und seitens des Eigenthümers des Grundstücks eine Abhüfle nicht zu erwarten.«
Die Besichtigung durch die Bauinspektion ergab, dass der Gasmotor falsch eingestellt war und es deswegen zu den starken Schwingungen kam. Nach der Reparatur war Ruhe.
1897 wurden in den fünf Quergebäuden insgesamt 51 Toiletten eingebaut. Das entspricht einem WC pro Aufgang und Etage. Danach sind die Toiletten-Anlagen auf den Höfen abgerissen und stattdessen dort Verkaufsstände (1. und 2. Hof) und Pferdeställe (3.-5. Hof) aufgebaut worden.
Am 28. Oktober 1904 gab Otto Meyer bekannt, dass das Grundstück Tag und Nacht bewacht wird und die ganze Nacht hindurch beleuchtet war. Ein Privatwächter musste nachts jede halbe Stunde seine Runde drehen. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Verhältnisse in Meyer’s Hof zu dieser Zeit einigermaßen geordnet verliefen.
Von 1874 bis 1910 gab es Dutzende, vielleicht sogar Hunderte Gewerbebetriebe in Meyer’s Hof. Meist waren dies aber keine Firmen, sondern nur einzelne Menschen, die in ihrer Wohnung etwas herstellten oder verarbeiteten. Neben vielen »üblichen« Betrieben waren in Meyer’s Hof auch folgende zu finden: Fünf Cigarrenmacher, eine Grünkramhandlung, die 13. Volksküche, eine Bildhauerwerkstatt, drei Mostrichfabriken, das Vereinslokal der Methodisten-Gemeinde, eine Nudelfabrik, die »Erste Berliner Wäschenäherei«, eine Knopf-Fabrik, ein Bierverlag, ein Depot der Straßenreinigung, eine Filzplattenfabrik, eine Honigkuchen-Fabrik, eine Pantoffelfabrik, eine Cylinderputzer-Fabrik, eine Reisekoffer-Fabrik, eine Bindfadenhandlung, eine Kesselschmiede, eine Glasbuchstaben-Fabrik, eine Schirmstockfabrik, drei Sackhandlungen, eine Haarnadelfabrik, eine Kochschule des Zweigvereins des Vaterländischen Frauenvereins, eine Papiertüten-Handlung, eine Waschanstalt, eine Cartonfabrik, eine Bürstenhölzer-Fabrik, eine Perlmuttschleiferei, eine Kammfabrik, eine Badeanstalt, eine Gänsehandlung, ein Instrumentenmacher, eine Ladenkassenfabrik, eine Eierkognak-Fabrik, ein Metallfaden-Lampenwerk, eine Milchverdampfung, eine Blumendünger-Fabrik, eine Hutfabrik und schließlich eine Sarghandlung…

 Das Spekulationsobjekt

Seit dem Bau von Meyer’s Hof waren nunmehr 36 Jahre vergangen. Über die Zeit zwischen 1910 und Ende der Zwanziger ist nicht bekannt, dass es noch bedeutendere Umbauten gegeben hätte. 1920 starb Otto Meyer und damit begann auch der Abstieg von Meyer’s Hof. Vorübergehend waren noch »Meyers Erben« die Eigentümer, doch zur gleichen Zeit kam die Firma Keyling & Thomas ins Spiel. Diese war bereits auf dem benachbarten Grundstück Ackerstraße 126-129 niedergelassen und betrieb dort eine Eisengießerei. Der Betrieb nahm mehrere große Grundstücke zwischen der Ackerstraße und der Gartenstraße in Beschlag. Doch weil ihr der Platz nicht reichte, begann die Firma damit, auch benachbarte Grundstücke aufzukaufen, um sie dann mit eigenen Gebäuden neu zu bebauen. In der Ackerstr. 123-125 und der Gartenstr. 46 und 47 wurde die ursprüngiiche Bebauung durch neue Gießereihallen ersetzt. Doch mit Meyer’s Hof sollte es Probleme geben.
Die Firma Keyling & Thomas, mittlerweile umbenannt in Eisengießerei AG, wurde am 21. September 1921 neuer Eigentümer der Ackerstr. 132/133. Als erstes begannen sie damit, das letzte Gebäude in Meyer’s Hof umzubauen, in dem sich bis dahin eine Badeanstalt und die Haus-verwaltung befunden hatte. Stattdessen richtete man in diesem Gebäude eine »Kernmacherei« ein. Die Pläne für Meyer’s Hof waren klar: Abriss der Wohnhäuser, Neubau von Produktions-Gebäuden. Doch da die Eisengießerei nicht schnell genug war, kam ihr 1923 das neue Mieterschutzgesetz dazwischen. Dadurch wurden die Pläne über’n Haufen geworfen, denn nun konnte der Wohnkomplex nicht mehr einfach entmietet werden. Da die Pläne mit dem Grundstück damit zerstoben waren, wurde Meyer’s Hof für die Firma uninteressant; man ließ ihn verkommen, vielleicht auch in der stillen Hoffnung, das Problem würde sich auf diese Art bald von allein lösen. 1927 verließ die Eisengießerei AG dann aber den Standort Wedding und siedelte nach Britz um.

Im Sommer desselben Jahres verkaufte sie Meyer’s Hof an die »Union Baugesellschaft«, die das Grundstück aber lediglich zu Spekulationszwecken haben wollte. Denn schon am 6. September 1927 bot die Union das Gelände dem Bezirk Wedding zum Kauf an. Anscheinend hatte sie mitbekommen, dass der Bezirk durch das Grundstück eine neue Straße bauen wollte und erhoffte sich dadurch hohe Profite. Es sah auch ursprünglich so aus, dass der Deal schnell vonstatten gehen konnte, doch stritt man im Bezirksamt über die korrekte Straßenführung. Darüber verging Monat um Monat, bis schließlich – zweiJahre später! – der Bau der Straße und damit auch der Kauf des Grundstücks wieder verworfen wurde. Die Union Baugesellschaft hatte in der Zwischenzeit immer wieder zum Kauf von Meyer’s Hof gedrängt, da sie selbst in große finanzielle Schwierigkeiten gekommen war. Gleichzeitig wies sie auch auf die schlimmen sanitären Zustände in dem Haus hin, um damit eine Beschleunigung der Entscheidung zu erreichen. Doch an diesen Zuständen änderte sie nichts. Wie schon zuvor für die Eisengießerei war auch für die Union nur das Grundstück von Interesse, die darauf lebenden Menschen störten nur.
Im April 1929 verkaufte die Union Baugesellschaft Meyer’s Hof schließlich an die »Norddeutsche Immobilien AG«, zu einem Preis von 170.000 Reichsmark – einem Viertel der Summe, die sie ursprünglich vom Bezirk gefordert hatte.
Doch schon am 24. Januar 1930 wurde Meyer’s Hof wieder verkauft, diesmal an den Kaufmann Dr. Alexander Turmarkin. Unter seiner Verwaltung ging das Haus nun vollends den Bach runter und wurde zum verrufensten Gebäude Berlins.

Die 1920er Jahre

Da es wenig Berichte über die 20-er Jahre in Meyer’s Hof gibt, beschränkt sich das folgende Kapitel vor allem auf’s Ende der Zwanziger bis 1930. Allerdings sind die hier beschriebenen Zustände eben nicht erst zu diesem Zeitpunkt eingetreten, sondern entwickelten sich seit 1921 in diese Richtung.
Ab 1929 wurde Meyer’s Hof berühmt bzw. berüchtigt als Hochburg des »proletarischen Milieus«. Aufgrund der Wohnungsnot wurden die Wohnungen mehrfach belegt und vollgestopft. Im selben Jahr starb auch der Berliner Maler Heinrich Zille. Und obwohl er kein einziges Bild nachweislich in Meyer’s Hof gezeichnet hatte, wurde das Haus bald die »Zilleburg« genannt. Dies hängt sicher damit zusammen, dass sich die Zeichungen bei Zille und die Zustände in Meyer’s Hof praktisch nicht voneinander unterschieden. Allein 1929 erschienen fünf größere Zeitungs-Artikel über Meyer’s Hof, alle versehen mit zahlreichen Abbildungen. Doch anders als früher galt der Komplex nun als abschreckendes Beispiel.

Die »Ackerritze«

»Die Bernauer ist eine eher langweilige Straße. Ein paar Kellerkneipen, zwei Gemüseläden, eine Litfaßsäule, mehr gibt es nicht zu sehen. Und auch die Ackerritze ist längst nicht so breit wie die Brunnenstraße, besitzt nicht so viele Geschäfte. Aber es ist seine Straße. Hier hat er seine ersten Schritte getan, kennt jeden Pflasterstein, jedes Murmelloch und jedes zweite Gesicht, das ihm entgegenkommt. Im Hauflur ist es angenehm kühl. Das ist ein Vorteil dieser Häuser, in denen man im Wnter gar nicht so schnell heizen kann, wie man friert, im Sommer wird es nie sehr heiß, wenn man nicht gerade unter’m Dach wohnt.*

Zuerst tauchte er in der Literatur bei Franz Hessel auf. In seinem Buch »Spazieren in Berlin« beschreibt Hessel eine Wanderung von der Leipziger Straße in Richtung Norden, wobei er auch in die Ackerstraße verschlagen wird: »Durch die Ackerstraße nach dem Wedding zu. Selbst diese traurige Gegend bekommt etwas vom Weihnachtswald und bunten Markt ab. Aus dem Hof der riesigen Mietskaserne, dem ersten Hof – sie hat wohl fünf oder sechs, eine ganze Stadt wohnt darin. Alle Arten Berufe lassen sich erraten aus den Anschlägen: Apostelamt, Pumpernickelfabrik, Damen- und Burschenkonfektion, Schlosserei, Lederstanzerei, Badeanstalt, Drehrolle, Fleischerei… Und noch soundso viel Schneiderinnen, Näherinnen, Kohlenmänner, die in den endlosen, graurissigen Quergebäuden hausen.
Die Wölbungen dieser Torgänge geben dem Großstadtelend wenigstens noch ein Gesicht. Sonst ist es hier im Norden wie auch in den proletarischen Teilen von Schöneberg oder Neukölln den Häusern von außen meist nicht anzusehen, wieviel Armut sie bergen. Wie die Menschen, so haben auch die Gebäude eine heruntergekommene Bürgerlichkeit. Sie stehen in endloser Reihe; Fenster an Fenster, kleine Balkons sind vorgeklebt, auf weichen Topfblumen ein kümmerliches Dasein fristen. Um eine Vorstellung vom Leben der Bewohner zu bekommen, muß man in die Hof vordringen, den traurigen ersten und den traurigeren zweiten, man muß die blassen Kinder beobachten, die da herumlungern und auf den Stufen zu den drei, vier oder mehr Eingängen der lichtlosen Quergebäude hocken, rührende und groteske Geschöpfe, wie Zille sie gemalt und gezeichnet hat.«
Am 1. Mai 1929, dem sogenannten »Blutmai«, erschien dann in der »Arbeiter-Illustrierten-Zeitung« (AIZ) die erste Foto-Reportage über Meyer’s Hof. In den Fotografien erkannte man krasse Bilder aus der Wirklichkeit. Der Hoffassaden-Ausschnitt zeigte die gleiche Heruntergekommenheit der Bausubstanz und ließ zum ersten Mal erkennen, dass für die Instandhaltung des Hofes nichts mehr getan wurde, seit Meyers Erben verkauft hatten.
Einige Monate später, am 5. September 1929, erschien eine zweite Fotoreportage, diesmal im »Weltspiegel«. Unter dem Titel »Die Ackerstraße 132/133 lädt zum Ball« berichteten die beiden Journalisten von einem Hoffest, an dem sie offensichtlich teilgenommen haben. Dieses Fest fand traditionell am 4. August statt. Im Gegensatz zum AIZ-Artikel wurde nun nicht das Kaputte und Elende in der Vordergrund gestellt, sondern das »Milljöh«.

In einer Beilage berichtete die »Berliner Morgenpost« am 31. Oktober 1929 über Meyer’s Hof: »Über Berlin kreisen Flugzeuge, unter der Erde rattern Untergrundbahnen, durch die Ackerstraße zwängen sich zweistöckige Autobusse, denen die erste Mieterin in Meyershof, Frau Minna Riedel, jetzt eine schwerhörige Greisin, noch immer etwas mißtrauisch nachsieht. Nur an dem Haus der tausend Menschen, Ackerstr. 132, hat sich nichts wesentliches verändert. Der Glanz der Mauern ist zwar verblichen, und von den Fassaden springt in großen Blättern der Putz ab. Aber noch immer steht es wie eine Burg, deren Höfe, wenn es dämmert, Burgverließen ähneln, in die ein freudloses Schicksal sonnenhungrige Großstadtkinder geworfen hat.
Hunderte gehen jeden Morgen mit frischen Augen auf den Weg zur Arbeit und kehren abends müde wieder in das Haus zurück, das selten einen Bewohner loszulassen scheint, ehe der Tod ihn abruft.
Eine jede Laune unseres vielfältigen Schicksals ist innerhalb der Wände von Meyershof erlebt worden. Mehr als 1.000 Ehen wurden geschlossen, 500 Frauen haben ihre Kinder zur Welt gebracht. Geschäftsleute sind zugrunde gegangen, und andere haben Erfolg gehabt. Im Nachbarhaus ist vor 38 Jahren die zwölfjährige Lucie Berlin von einem Lustmörder getötet worden. 150 Hausbewohner haben Meyer’s Hof im Sarg verlassen, den ihnen der Tischler im Paterre gezimmert hat. Einer hat sich erhängt, andere ließen den Gashahn offen… Eine Generation hat den Krieg mitgemacht und ist vom Sensenmann dahingemäht worden.«
In einem Interview über das Leben in Meyer’s Hof erzählte der Bewohner Harry Kopisch später: »Das große Tor war während der Arbeitszeit auf. Danach wurden das Tor und die Aufgänge abgeschlossen. In der ersten Zeit gab es extra einen Nachtwächter, da hat man noch keinen Schlüssel gehabt, den mußte man rufen. Dann kam der an und hat erstmal geguckt: Wer ist denn das, wo wollen Sie hin? Wenn man bekannt war, wurde man reingelassen. Er hatte im ersten Quergebäude im Durchgang sein Kabäuschen. Links, zum zweiten Hof hin, war eine kleine Tür mit einem Verschlag, da hat er Bett, Tisch und einen Ofen drin gehabt. Als er dann 1928 starb, folgte ihm keiner mehr nach. Vater Block, der alte Hauswart, hat das auch nicht übernommen. Eine Zeitlang haben sie das Tor dann noch zugesperrt, und jede Familie hatte ihren Schüssel, der so groß war, daß man einen Menschen damit totschlagen konnte. Aber dann hat sich kein Mensch mehr drum gekümmert, und das Tor blieb offen.«

Meyer’s Hof

»Nolle wohnt in Meyer’s Hof wie das Haus Ackerstraße 132/133 nur genannt wird. Es hat schon mehrfach den Besitzer gewechselt und gehört jetzt einem Russen namens Tumerkin. Dieser Tumerkin steckt nichts, aber auch gar nichts in das Haus, um es wenigstens ein bischen wohnlicher zu machen, will nur die Miete kassieren. Es heißt sogar, er hätte das Haus noch nie gesehen. Doch nicht wegen dieses Meyer oder Tumerkin ist das Haus so berühmt geworden, sondern wegen der sechs Hinterhöfe und der unbeschreiblichen Enge der Räume. Über zweitausend Mieter leben hier. Und dazu sind die Wohnungen noch so feucht, daß die Kinder die hier leben spotten, sie hatten Wohnungen mit fließendem Wasser – immer an den Wänden runter.« ((Aus dem Buch von Klaus Kordon: »Mit dem Rücken zur Wand«. Kordon, geboren 1943, hat eine »Trilogie der Wendepunkte« geschrieben: Drei Romane, die jeweils einige Wochen 1918/19, 1933 sowie 1945 mit den Augen eines Kindes sehen, das mit seiner Familie in der Ackerstraße wohnt. Die Bücher sind sehr lehrreich und äußerst spannend geschrieben: »Die roten Matrosen«, »Mit dem Rücken zur Wand«, »Der erste Frühling«.))

Der Mieterstreik

Am 24. Januar 1930 erwarb Alexander Tumarkin Meyer’s Hof. Er kümmerte sich genauso wenig um den Komplex wie seine Vorgänger. Allerdings wurde er in den ersten Jahren der Nazizeit gezwungen, etwas für das Erscheinungsbild von Meyer’s Hof zu tun, was aber nicht viel mehr als Kosmetik war. 1938 oder 1939 verschwand Tumarkin in die USA und erzählte dort, dass er als Jude rumänischer Abstammung enteignet worden sei. Nach dem Faschismus, 1950, stellte er von New York aus einen Antrag auf Wiedererstattung seines angeblich enteigneten Besitzes. Doch es stellte sich heraus, dass er gar nicht enteignet worden, sondern anscheinend vor den hohen Schulden geflohen war.
Als Tumarkin 1930 Meyer’s Hof übernahm, beantragte er bei der Städtischen Baupolizei im Bezirksamt Wedding eine Ausnahme-Regelung zur Rückverwandlung von Gewerbe- zu Wohnräumen. Das 5. Hinterhaus, das Jahre zuvor zu einem reinen Fabrikgebäude umgebaut worden war, stand zum Großteil leer. Durch die Wirtschaftskrise war an eine Neuvermietung zu Gewerbezwecken nicht zu denken, stattdessen suchten Hunderttausende eine bezahlbare Wohnung, mehrere zehntausend Menschen saßen auf der Straße. Da ließ sich natürlich aus dem Haus wieder mal ein Geschäft machen. In der Folgezeit wurden Teile des 5. Quergebäudes mit Einraum-Wohnungen bebaut, in die Menschen einzogen, die vorher in größeren Wohnungen gelebt hatten. Doch bei der riesigen Arbeitslosigkeit konnten sich viele die größere Wohnung nicht mehr leisten und mussten sich in ein einziges Zimmer quetschen.
Ansonsten wurde in Meyer’s Hof auch weiterhin nichts repariert. Am 13. April 1931 wandten sich die Mieter Heising und Köhler aus dem 2. Quergebäude an die Baupolizei: »In Anbetracht der vielen Mißstände, die in dem berüchtigten Meyershof herrschen, möchten Unterzeichnete ebenso höflich wie dringend bitten, Meyershof einen Besuch abzustatten. Die Höfe und hauptsächlich die Einfahrt von der Straße bis zum 4. Hof sind in solch schlechtem Zustand, daß Unglücksfälle gar nicht ausbleiben.
Gefährlich wirken auch die Fassaden, die man bei und nach schlechtem Wetter nur mit Lebensgefahr spazieren kann. Auch fahren hier Radfahrer, Autos und Lastautos mit großer Geschwindigkeit auf den Höfen, daß sich die Bewohner, hauptsächlich Kinder und alte Leute, in steter Lebensgefahr befinden. Nach allen Verhandlungen, die wir mit der Verwaltung und dem Hauswirt geführt haben, blieb bisher alles erfolglos.
Wir bitten nun die Baupolizei, uns in dieser Sache zu unterstützen und stehen zu jeder Zeit zur Verfügung.« ((Aus den drei Bänden »Das Berliner Mietshaus« von Johann Friedrich Geist und Klaus Kürvers. Auf über 1.500 Seiten wird darin die Entwicklung Berlins in den vergangenen 300 Jahren nachgezeichnet. Eine Pflichtquelle, wenn man zur Berliner Historie arbeitet.))

Mit dieser Eingabe war es das erste Mal, dass zwei Mieter für alle sprachen, nicht nur für die eigenen Interessen. Bei einer Besichtigung lässt sich die Baupolizei von der Hausverwaltung mit der Zusage abspeisen, dass die nötigen Arbeiten bereits in Auftrag gegeben worden seien. Tatsächlich wurde dann aber im Juli 1931 nur damit begonnen, den Putz von den Wänden abzuklopfen, ohne ihn zu erneuern. Die Mieter in Meyer’s Hof setzten dem aber zunehmend Widerstand dagegen, weil sie zu Recht fürchteten, dass sich dadurch die Wände mit Wasser vollsaugen und das Wohnen dort noch gesundheitsschädlicher wird. Die Arbeiten wurden aufgrund des Widerstands abgebrochen.
Am 3. August 1932 ging die Mieterin Adamczak zur Baupolizei, weil das Wasser nur noch völlig verdreckt aus den Leitungen kam. Doch auch nach einer Entnahme von Wasserproben änderte sich nichts, die Mieter wurden mit ihrem Problem allein gelassen. So wurde August Heising im Oktober 1932 von den Bewohnern als Mietersprecher gewählt und verfasste einen Beschwerdebrief an die Baupolizei, in dem er verlangte, dass die Fassaden neu verputzt werden. Außerdem beschrieb er Klagen vieler Mieter über Rauchbelästigungen beim Feuern der Kochmaschinen und beim Heizen der Ofen.
»Weiterhin ist das aus der Wasserleitung fließende Wasser vollständig verschmutzt, trübe, dunkelgefärbt und ungenießbar. Ich beantrage, dem Vermieter aufzugeben, in möglichst kurzer Frist die oben angeführten Mängel beseitigen zu lassen.«

Doch wieder geschah nichts. Die Mieter hatten genug, am 29. Dezember 1932 hielten sie eine Versammlung ab. Sie beschlossen, ab dem 1. Januar 1933 solange keine Miete mehr zu zahlen, bis ihre Forderungen erfüllt werden:
1. Vollständige Renovierung des gesamten Komplexes, 2. reines Trinkwasser, 3. Rücknahme sämtlicher Exmissionsklagen, 4. Streichung der rückständigen Mieten, 5. Senkung der Mieten um 25%. Hinter diesem Beschluss standen 227 von 230 Mietparteien! Nur die drei Nazis weigerten sich, den Beschluss mitzutragen.
Zu dieser Zeit gab es in Berlin bereits eine Mieterstreikbewegung. Allerdings ist diese in der Literatur kaum belegt, man muss vor allem in der damaligen Tagespresse suchen. Und da war es vor allem die »Rote Fahne« der KPD, die darüber berichtete: Zum Beispiel über zwei Streiks in der zu Wohnzwecken umgebauten Kaserne Neue Friedrichstraße 99 und der »Wanzenburg«, dem ehemaligen Stadtgefängnis, deren Zellen ebenfalls vermietet wurden. Fast täglich fanden sich Berichte von Häusern, die den Mietstreik beschlossen oder erfolgreich beendet hatten, von Exmittierungen, die verhindert, oder leer stehenden Wohnungen, die besetzt wurden. Begonnen hatte diese Bewegung mit dem Beschluss der Mieter von 14 Wohnhäusern in der Swinemünder Straße, und zwar in dem kurzen Abschnitt zwischen Arkonaplatz und Zionskirchplatz im Stadtbezirk Mitte. 300 Mietparteien verweigerten dort seit dem 12. August 1932 die Mietzahlung. In Hunderten von Wohnhäusern wurden in den Monaten danach Mieter-Versammlungen abgehalten, Kampfleitungen wurden gewählt.
Ursache der Streiks waren natürlich zum einen die zu hohen Mieten, zum anderen die immer höhere Zahl der Arbeitslosen, die 1932 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Eine alte Frau formulierte einen Satz, der sich dann wie ein Lauffeuer verbreitete und zum Motto der Bewegung wurde: »Erst kommt bei uns det Essen!«

Die Polizei versuchte zunächst eine Ausweitung der Streikbewegung durch Verhaftungen zu verhindern. So wurden am 18. August 1932 fast alle Mieter der Lychener Straße 18 im Prenzlauer Berg verhaftet, als sie eine Mieterversammlung abhielten. Am nächsten Tag dasselbe mit 63 Verhaftungen in der Liebenwalder Straße 41 im Wedding. Doch das konnte nicht verhindern, dass am folgenden Tag 120 Familien im umgebauten Gefängnis am Molkenmarkt, der Wanzenburg, mit dem Streik begannen. Dieser endete erstmals relativ erfolgreich, die Miete wurde um 40% herabgesetzt.
Die Mieter der Köpenicker Str. 34/35 begannen am 1. September ebenfalls zu streiken und verwandelten das ganze Haus in eine einzige Kampfburg. Meterlange, auf den Bürgersteig gemalte Pfeile wiesen in eine kleine Gasse, einen Fabrikzugang, von dem man gieichzeitig in die bestreikten Häuser gelangte. Den schmalen Hof umschlossen zwei große Mietshäuser und eine Fabrikmauer, auf der in meterhohen Buchstaben die Parole »Erst das Essen, dann die Miete« prangte. Aus den Fenster hingen 30 rote Fahnen, vor einem Treppenaufgang stand: »Hier wird gestreikt, wir wollen leben«. Über einem Kellerfenster: »Hier verkommen unsere Kinder«. Von den 30 Kindern im Haus hatten zwölf Tuberkulose. Ein Pfeil zeigte fragend auf ein anderes Kellerloch: »Licht, Luft und Sonne für alle?«.
Dieses Haus wurde Anlauf- und Kontaktstelle der Streikbewegung, hier konnten sich Mieter aus ganz Berlin über die Methoden dieses Kampfes informieren. Und das Interesse war riesig: Zum 1. November 1932 traten abgesprochen ganze Straßenzüge in den Mietstreik, z.B. die Kösliner Straße (Wedding) und die Fischerstraße (Mitte). Ende November griff die Bewegung auch auf die großen Neubausiedlungen der Wohnungsbau-Gesellschaften über. Hier vor allem mit der Forderung für weniger Miete. Bei einer Massenversammlung der »Gagfah«-Gesellschaft, an der 7.000 Mieter teilnahmen und einer Versammlung von 2.800 »Roland«-Mietern wurden massiv Forderungen nach niedrigerer Miete laut.

Es war vor allem die KPD, die sich in der Streikbewegung engagierte, allerdings kann man nicht nur von einer KPD-Bewegung sprechen. Im November gab auch die Parteiführung der SPD bekannt, dass sie die Streiks unterstütze, sie konzentrierten sich jedoch mehr auf die Mietminderungs-Forderungen in den Neubaublöcken. Zu den katastrophalen Bedingungen in den vielen Altbauten äußerte sich die SPD kaum.

Das Loch

»Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finsteren, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat. Sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch gerade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.«

Kurt Tucholsky, 1931

Als sich Meyer’s Hof um die Jahreswende 1932/33 nun ebenfalls den Streiks anschloss, war dies ein Signal. Nun berichteten auch breitere und bürgerliche Medien ausführlicher über die Beweggründe und Ausmaße der Streikbewegung. Am 6. Januar 1933 schrieb die »Welt am Abend« über die Verhältnisse in Meyer’s Hof:
»Die rissigen Fassaden der Hinterhanser sind mit roten Schriften überzogen, aus unzähligen Fenstern hängen rote Fahnen und von den Wänden leuchten rote Transparente. An einer kahlen Mauer schreit der Satz: »Wir wollen als Menschen leben!«, auf einem weiteren Transparent sind die Worte geschrieben: »Erst die Kinder satt, dann dem Hauswirt watt«. Überall haben die Mieter ihre Kampfansagen angebracht. Es ist ein gespenstischer Spaziergang, durch die dunklen schluchtartigen Höfe zu laufen, und überall von roter Farbe begrüßt zu werden: Die Streikleitung besteht aus kommunistischen, sozialdemokratischen und parteilosen Arbeitern. Wir kämpfen um nacktes Menschenrecht, wir wehren uns unserer Haut, erklären die Mieter.
Wir gehen in eine Wohnung; ihr Inhaber, ein alter Mann, nimmt ein Glas und füllt es aus der Leitung: Es ist eine schwarzgraue, fast undurchsichtige, mit kleinen Sandkörnchen durchsetzte Flüssigkeit. In einer anderen Wohnung ist das Leitungswasser nicht schwarz, sondern gelb und milchig. Wahrscheinlich sind die Rohre versackt und verfilzt und möglicherweise verschiedene angebrochen, so daß sich der Unrat mit dem Wasser vermengen kann.
Der Steinboden im Hof hat große Löcher. Es gibt keine Nachtbeleuchtung, ein Fremder würde sich glatt die Beine brechen. Die Dächer der Häuser sind defekt: Bei Regen prasselt das Wasser in Strömen herein.
Wir gehen in die Wohnung von Frau Grou, die in einer winzigen Kammer unter der Erde haust: Das ist kein Wohnkeller mehr, denn das Fenster ist durch einen Pferdestall verdeckt, von den Wänden rinnen unaufhaltsam Wassertropftn, die die Farbe lösen und am Fußboden eine schmutzige Lache bilden. Unter dem Fensterbrett wächst dicker Schwamm, der nicht auszurotten ist.
Dann steigen wir die Treppe zum dritten Stockwerk. Über dem knapp10 Quadratmeter grofen Wohnloch befindet sich ein Klosett – die Decke hält nicht dicht, die Jauche näßt durch und tropft auf den Tisch der beiden Leute, die hier leben müssen. Eine Wand des Raumes ist gerissen, aus dem zweiten, nebenan liegenden Klosett kann man in die erbärmliche Stube hineinsehen. Das ist der Meyer-Hof, das in ganz Deutschland berüchtigte Schandstück des Nordens, der Ackerstraße.«

Wie sehr sich der Mieterstreik ausgeweitet hatte, ist nicht bekannt. Doch Ende Oktober 1932 waren allein in der Gegend um den Stettiner Bahnhof 312 Häuser mit 14.615 Mietern im Streik. Anfang1933 hatte die Streikbewegung ihren Höhepunkt, doch mit der Machtübergabe an Adolf Hitler traten plötzlich ganz andere Verhältnisse in Kraft. Seitdem gab es auch keine Informationen zu Mietstreiks mehr. Vor dem Hintergrund des verzweifelten Versuchs, doch noch einen Generalstreik als letztes Mittel gegen den sich auf allen Ebenen und mit allen Mitteln durchzusetzenden Faschismus zu organisieren, ist das zu verstehen. Man kann aber davon ausgehen, dass der Terror der Nazis überall die Weiterführung des Streiks verhindert hat.

Geschichte eines Mieterstreiks

Eines Morgens um sechs – die Jungens kamen vom Zeitungsaustragen –
Hielt vor der grauen Mietskaserne ein Plattenwagen.
In der Haustüre standen zwei Polizisten und ein Mann vom Gericht,
Die gingen drei Treppen hinauf und klopften. Man öffnete nicht.

Der Schlosser kam und brach auf. Das ganze Treppenhaus roch nach Gas.
Menschen kamen und schnupperten. Sahen sich an. Keiner sagte etwas.
Ein Schupo kam wieder herunter und hustete: »Is was passiert?« –
»Exmittieren wird nicht mehr nötig sein! Sind schon krepiert!«

Die Tage daraufwar es stiller: gedämpfter Zank und Geschrei;
Wenn einer mit dem Verwalter Krach hatte, liefen sie alle herbei.
Und eines Abends brüllte einer durchs ganze Haus:
»Hört mal zu! Morgen früh schmeißen sie im dritten Hof einen raus!«

Am nächsten Morgen waren schon alle Hausflure und Treppen besetzt.
Die Polizisten kamen und der Mann vom Gericht: »Wer hat euch hier aufgehetzt?«
Ein alter Mann trat vor und sagte: »Wollen Sie’s probieren?
Gegen uns alle? Wir lassen hier keinen mehr exmittieren!«

Um neune gingen die Polizisten. Der Wagen fuhr leer wieder weg.
Ein Mann rief hinterher: »Nich wiederkommen! Hat doch keinen Zweck!«
Im Hof stieg einer auf den Müllkasten und sprach: »Das ist euch doch klar,
Mit der Einigkeit ist allerhand zu erreichen, nich wahr?«

Am Tage darauf kamen alle zusammen im Hof Nummer vier.
Und der alte Mann stieg auf den Müllkasten und schwang ein Papier.
»Arbeiter, hier hab ich einen Brief an den Wirt geschrieben. Hört her!
Wir zahlen bloß noch die halbe Miete. Wir können nicht mehr!«

Auf diesen Brief war vom Wirt ein kurzer Bescheid gekommen:
Er verhandle nicht, er hätte gerichtliche Schritte unternommen.
Und wieder versammelten sie sich. »Der kann doch bei uns nicht landen!«
Wir zahlen jetzt überhaupt nicht mehr. Wir streiken! Verstanden?«

Der Hauswirt setzte Gericht und Polizei in Bewegung.
Der Verwalter rannte von Tür zu Tür, rot vor Erregung.
War alles umsonst. Keiner zahlte. Da kam ein Schreiben:
»Mieten um fünfzig Prozent gesenkt. Rückstände nicht mehr einzutreiben!«

Und wieder versammelten sich alle. Da sagte der alte Mann:
»Das war der erste Erfolg. Es kommt nur auf die Einigkeit an!
Und das gilt überall, nicht bloß beim Kampf um Kammer und Küche!
Gegen unsere Geschlossenheit geht jede Macht in die Brüche.«

Erich Weinert, 1932

 Meyer’s Hof im Faschismus

Nach der Machtübergabe an Hitler und dem Reichstagsbrand veränderte sich das Leben vor allem für diejenigen, die sich in der Zeit davor besonders für Arbeiter- oder Mieterrechte eingesetzt hatten. Gerade in den Mietskasernen, die Hochburgen der SPD und KPD waren, war dies ein unvorstellbarer Einschnitt. Es ist heute auch schwierig, den Alltag nachzuvollziehen, weil viele der Zeitzeugen nicht mehr leben. Etwaige schriftliche Zeugnisse davon existieren kaum, weil sie aus Sicherheitsgründen nicht angelegt oder vorsätzlich vernichtet wurden.
Über die Auswirkung der Verhaftungswellen auf die Bewohner von Meyer’s Hof gibt es kaum Informationen. Augenzeugen dafür sind im Nachhinein nicht an die Öffentlichkeit gegangen und heute sicher nicht mehr am Leben.
Vergleicht man aber die Adressbuch-Einträge der Ackerstr. 132/133 von Ende 1932 mit denen von 1935, fällt auf, dass nur noch 50% der ursprünglichen Bewohner dort lebten. Erst ab 1935 pendelte sich die Bewohnerschaft wieder ein und blieb relativ konstant.
Die 1932 und Anfang 1933 entstandenen Mietergemeinschaften, die sich aus dem gemeinsamen Interesse gebildet hatten, waren zerstört. Die von den Nazis angeordneten »Hausgemeinschaften« waren damit ja nicht mehr zu vergleichen, die bildeten eher die kleinste Einheit der sogenannten Volksgemeinschaft.
Am 9. Februar 1933, also gut eine Woche nach der Machtübernahme der Nazis, besichtigte eine Kommission der Baupolizei Meyer’s Hof. Sie verordnete Tumarkin ganze drei Auflagen, die allerdings so lächerlich waren, dass es ihm nicht schwer fiel, diese zu erfüllen. Auch ansonsten hat sich Tumarkin mit den neuen Machthabern sehr gut arrangiert, was aus mehreren Briefen hervorgeht.
Dass sich in Bezug auf die ursprünglichen Forderungen der Mieter von Meyer’s Hof nichts verändert hatte, zeigt der Text eines Briefes, den eine Mieterin im Dezember 1934 schrieb: »Hierdurch teile ich ihnen höflich mit, daß ich unserem Hauswirt Dr. Tumarkin seit Jahren nach jedem Regen gemeldet habe, wie sehr es in unserer Küche durchregnet, doch blieben meine Beanstandungen immer ohne Erfolg.«
Erst 1935 griff der Bezirk mit öffentlichen Mitteln in die Verhältnisse in Meyer’s Hof ein: »Heute hat die neue Bezirks-Verwaltung des Weddings mit allen Kräften eine Besserung der Wohnverhältnisse herbeigeführt. Nicht nur die Fassaden des Vorderhauses und der sechs Quergebäude wurden instandgesetzt, sondern auch sämtliche Treppenhäuser und Wohnungen in einen freundlichen und wohnlicheren Zustand gebracht.«
Es ist zu vermuten, dass die oberflächlichen Maßnahmen vor allem im Zusammenhang mit den für 1936 geplanten Olympischen Spielen und der damit verbundenen internationalen Öffentlichkeit standen.
Eines der wenigen Zeugnisse aus der Zeit des Faschismus, die Meyer’s Hof betreffen, fand sich 1941 in der von Joseph Goebbels gegründeten Zeitschrift »Das Reich«:
»1933 begann man zuerst das Haus von den örtlich allgemein behannten politischen Anführern zu säubern. Mehr war kaum auf den ersten Anhieb zu tun. Der Riesenkomplex der über sechs Höfe aufgeteilten Mietskasernen wird heute von 675 Menschen bewohnt.
Die 170 Familien des Hauses, von denen etwa 20 in Kochstuben wohnen, haben 130 Kinder. Die Mieter der Einzelstuben sind zu 80 Prozent alte Leute, Rentner-Ehepaare oder verwitwet. Die übrigen Kochstuben werden von jüngeren Ehepaaren bewohnt, die z.T. erst in den letzten zwei, drei Jahren zuzogen und deren Kinder schon während des Krieges geboren wurden. Sie gehören, wie die Mehrzahl der Familien hier, der Arbeiterschaft an.
1938 setzte die Kreisleitung VI der NSDAP einen politischen Treuhandverwalter für Meyers Hof ein. Er hat die Vollmacht zur weltanschaulichen, politischen und sozialen Beaufsichtigung der Mieter und setzt sich auch dafür ein, daß rückständige Mieten bezahlt werden. Der politische Treuhandverwalter ist eine Sondererscheinung, bedingt durch die außergewöhnlichen Verhältnisse dieses gigantischen Hauses. Die Partei wird durch einen Zellenleiter vertreten, der Werkzeugmacher von Beruf ist, und von fünf Blockleitern.
An allen Ecken und Enden ist mit dem Aufräumen begonnen worden. Alte, alleinstehende Personen, die es gewohnt waren, ihre oft nicht sauberen Zimmer auch noch als Nachtasyle gegen Entgelt zu verwerten, und die davon nicht abließen, wurden mit Hilfe der Stadt in Altersheimen untergebracht. Die dadurch frei gewordenen Räume, meistens Kochstuben, wurden mit anderen Einzelzimmern verbunden, so daß Familien mit Kindern mehr Platz erhielten. Mit dem Ziel, den Familien nach ihrer Kopfzahl die geeignetste Wohnung zu verschaffen, wurde in dem Gebäudekomplex Wohnungstausch über Wohnungstausch vorgenommen. Vor allem galt es, das Haus zu entvölkern. Die Keller-Wohnungen mußten ganz aufgehoben werden.
In einem Raum von 75 qm wurde eine Schar der HJ hereingenommen. Ihr Auftreten hatte eine gute propagandistische Wirkung und viele Anmeldungen zur Folge. Bei den allgemeinen öffentlichen Versammlungen schneidet Meyer’s Hof keineswegs schlecht ab. In vielen Fällen kann man eher das Gegenteil sagen.
Die Mehrzahl der Familien, das hat sieh in den letzten Jahren gezeigt, sind sehr wohl fähig, sich in ein höheres soziales Niveau einzuordnen, wenn man sich Mühe um sie gibt. Auf der anderen Seite existieren schwierige, vielleicht hoffnungslose Fälle. Aber die kommen nicht nur hier, sondern auch anderwärts vor.
Es gibt in Meyer’s Hof Menschen, die 45, ja 60 Jahre in ihm wohnen, die sich auch heute dort in ihrem gewohnten Heim glücklich fühlen und hoffen, bis zu ihrem Tode nie ausziehen zu müssen. Frau S., eine Witwe, wohnt seit 44 Jahren in der gleichen Stube und Küche. Sie zog darin neun Kinder auf. Ihr Mann war 27 Jahre lang der Wächter des Hauses, das früher noch jeden Abend abgeschlossen wurde.«
Wann während des Kriegs Meyer’s Hof beschädigt wurde, weisen keine Dokumente mehr nach. Auf jeden Fall gab es die ersten Bombenschäden in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 1943. Ein Artikel, der 1947 im »Sozialdemokrat« erschien, gibt einen kleinen Einblick:
»In einer schrecklichen Nacht rissen Bomben eines der Quergebäude in Stücke, fraßen die Flammen vier weitere Blocks, so daß nur noch das Vorderhaus und das erste Hintergebäude stehen blieb! Über zweihundert Wohnungen wurden zerstört, über siebenhundert Menschen verloren ihr Obdach, oft ihre letzten Habseligkeiten. Nuir hundert Wohnungen, in denen jetzt dreihundert Arbeiter mit ihren Familien, Rentner und Pensionäre hausen, blieben erhalten. Und, ein Trost bei allem Unglück, sämtliche Einwohner der kleinen Stadt konnten sich retten.
’Nieder mit den Nazis’ kann man am Flureingang lesen. Ein mutiges Wort, mit grüner Farbe geschrieben, als Meyer’s Hof brannte, Ausdruck der Gesinnung einer Stadt in der Stadt, die sich zur Weimarer Zeit an ’besonderen Tagen’ in rotes und schwarz-rot-goldenes Fahnentuch hüllte und braune Sprechchöre zum Teufel jagte. Und die auch heute noch denkt und fühlt und haßt und liebt wie ehemals.«
Von Meyer’s Hof blieb nach dem Krieg nur das Vorderhaus und das erste Hinterhaus erhalten, die vier hinteren Quergebäude waren vollständig zerstört und wurden später abgerissen.

Die letzten Jahre – Erinnerungen

Während große Teile der Grundstücke im Weddinger Sanierungsgebiet von der DeGeWo gekauft wurden, erhielt den Block 262, auf dem auch Meyer’s Hof stand, südlich der Ernst-Reuter-Siedlung eine der kleineren gemeinnützigen Baugesellschaften, die Alexandra-Stiftung. Diese Stiftung kaufte Meyer’s Hof von dem Sohn des Vorbesitzers, der das Grundstück mehrere Monate vorher von seinem Vater erworben hatte. Er verkaufte den Hof am 21. Juli 1965. Und anscheinend hat die Alexandra-Stiftung mit dem Gelände Großes vor, jedoch nicht mit Meyer’s Hof.

Denn am 29. September 1965 verschickte sie an alle Mieter ein gleichlautendes Schreiben, in dem diese darüber informiert wurden, dass die Mietsverhältnisse zum nächstmöglichen Termin gekündigt sind. Da die Stiftung als Sanierungsträger verpflichtet ist, den Mietern Ersatzwohnungen zu beschaffen, legte sie dem Schreiben einen Fragebogen bei. Mit dem ausgefüllten Bogen sandten manche Mieter kurze Briefe zurück, in denen sie ausführten, dass sie bereits sehr lange im Wedding wohnten, und dort auch bleiben wollten.
Mit den Entmietungen ging es dann aber doch nicht so schnell, wie die Alexandra-Stiftung sich das vorgestellt hatte. Fünf Jahre später, 1970, verzeichnet das Adressbuch noch immer 42 Mietparteien in den 82 Wohnungen in Meyer’s Hof. Einige der Wohnungen wurden in der Zwischenzeit zwangsgeräumt, weil sie für unbewohnbar erklärt worden waren. Erst am 17. Oktober 1972, sieben Jahre nach der ersten Nachricht für die Mieter, dass ihr Haus abgerissen werden soll, wurde Meyer’s Hof gesprengt. Und es dauerte nochmal ein halbes Jahr, bis das Grundstück geräumt war. Das war dann das endgültige Ende von Meyer’s Hof.

Erinnerungen an Meyer’s Hof

Die beiden folgenden Texte sind Erinnerungen ehemaliger Bewohner von Meyer’s Hof. Sie wurden komplett dem Buch »Das Berliner Mietshaus« entnommen.

Inge und Hilla Mann:
»Der Flur hatte kein direktes Licht, die Türen waren meistens verschlossen und hatten keine Fenster. Ab 1936 gab es elektrisches Licht im Meyer’s Hof, bis dahin wurde mit Gas, Petroleum oder Kerzen beleuchtet. Seitdem hing eine trübe elektrische Glühbirne im Flur. Es war so’n richtiger Graulkorridor.
Familienfeste wurden von allen, die auf dem Flur wohnten, gemeinsam gefeiert, dann waren die Türen offen. Wir wussten doch, wie unsre Buden aussahen, wir brauchten uns doch nicht voreinander zu schämen. Keiner war besser. Das Klo lag neben der Küche, der hintere Teil war abgetrennt, das war die Speisekammer von Frau Spaldings. Darüber war das Fenster, das man mit einer Stange öffnen konnte.
Wir hatten ja nur in der Küche gelebt. Da gab’s zu essen, zu trinken, da wurde drin gewohnt. Das Schlafzimmer, das war tabu, da wurde nur drin geschlafen. Aber meine Mutti, die hat in der Küche geschlafen. Geheizt wurde nur in der Küche. Wir haben immer im Kalten geschlafen.
Küche kann man das eigentlich nicht nennen, das war so ein kleines Ding mit einem Wasserhahn. Links stand der Kochherd, so ein eisernes Ding, der wurde mit Kohle geheizt. Neben dem großen eisernen Herd stand ein Gasherd, der mit einem Schlauch an einen Automaten angeschlossen war. In den Gasautomaten musste ich immer einen Groschen reinstecken.«

Harry Kompisch:
»1924, als ich drei Jahre alt war, bekam mein Vater die Wohnung. Ich habe dort bis 1941 gelebt, bis ich eingezogen wurde, also 17 Jahre lang. Ich habe meine Kindheit dort verbracht, und ich muss sagen, es war eine wunderschöne Jugend, trotzdem es ’Milljöh’ war. Heutzutage würde man das keinem Menschen mehr zumuten, aber für uns Kinder war das ein Paradies zum Spielen.
Wir haben nicht geguckt, wohnt der im Vorderhaus, wohnt der im zweiten, im dritten Hof. Uns verband nur die Freundschaft und die Spielerei. Jungs und Mädels haben zusammen gespielt. Erst mit etwa 16 trennte sieh das ein bischen.
Der wichtigste Spielplatz war sicher Meyer’s Hof selbst, dann der Gartenplatz, der einen großen Buddelplatz hatte. Auf das Eisenbahn-Gelände durfte man nicht. Die Straße war auch Spielplatz. Wir sind mit dem Roller oder Rad gefahren und haben Ballspiele gemacht, vor allem Schlagball. Wenn die Straßenbahn kam, mussten wir Pause machen. Die Straßenbahn haben wir in unsere Spielfläche mit einbezogen; Auf- und Abspringen während der Fahrt, oder wir haben Knallplätzchen, mit denen wir Trapper und Indianer gespielt haben, auf die Schienen gelegt. Dann kam die Straßenbahn angekracht. Die Fahrer, die da täglich mit der 3 durchfuhren, die kannten Meyer’s Hof schon und sagten sich, jetzt musst du mal langsam fahren, die haben bestimmt wieder was auf die Schienen gelegt.
Unser Revier war der Block zwischen Acker- und Gartenstraße. Unser eigenes Revier, das hatten wir in Beschlag, das kannten wir in- und auswendig, die gegenüber liegende Straßenseite der Ackerstraße gehörte schon nicht mehr dazu. Der tiefe Wedding war der Bereich Ackerstraße, Gartenplatz, Bernauer Straße, Gartenstraße bis zum Ende hin. Der Wedding hinter der Schwindsuchtbrücke war wieder ein anderes Gebiet. Für uns endete der Wedding an der Schwindsuchtbrücke.
Die Sacknäherei im letzten Quergebäude war nur ein Stockwerk hoch, ein Flachbau, der für uns Kinder herrlich zum Spielen war. Wir sind über die Dächer gerannt, übers Nebenhaus bis hin zum sechsten Hof, da ging eine Leiter runter am Schornstein, dann waren wir auf dem Flachbau. Entweder hatten die unten im Hof Säcke gestapelt, auf die wir dann drauf gesprungen sind, oder wir sind die Regenrohre runter gerutscht. Wir konnten auch, wenn wir weiter gegangen sind, über die Dächer von Keyling & Thomas hinweg rüber bis zur Gartenstraße. Später, das muss so 1934/35 gewesen sein, wurden die Fabrikhallen ausgeräumt und einer der ersten überdachten Berliner Rummelplätze in ihnen eingerichtet. Genau unter einem Fenster lagen die Matten der Ringer; da haben wir als Kinder immer runter gespuckt und haben uns unseren Jux gemacht.
Etwa acht bis zehn Kinder aus Meyer’s Hof waren in derselbe Klasse, die Clique Meyer’s Hof hielt auch zusammen gegen Angriffe von aufen. Die Clique bedeutete Schutz, man war ja die größte Kinderzahl in der Gegend. Morgens hatten die meisten einen gemeinsamen Schulweg. Wir sind dann zur gleichen Zeit los. Einer rief den anderen runter. Da war früh immer der Appell auf dem Hof: ’Biste fertig?Kommste runter? Wir gehen jetzt!’ – ’Ja, ich komme!’. Neben meinem Zimmer war der Treppenaufgang von 132, da pochte man an die Wand, das war unser Privattelefon.
Die Schrippenkirche hatte, was wir als Kinder sehr begrüßten, eine Art Fundgrube von Sachen, die verloren gegangen waren und dort versteigert wurden. Uns interessierten damals immer Spazierstöcke, damit haben wir als Kinder Hockey und Cricket gespielt. Einer kostete einen Sechser oder einen Groschen, den habe ich meinem Vater aus dem Leib gerissen, und dann haben wir den Puck über die Straße geschoben.
Die HJ hat in Meyer’s Hof keine Kunden werben können. Gegenüber war eine Berufsschule, später hieß sie Walter-Wagnitz-Haus, da hatten die sich etabliert. Wir haben gar keinen Kontakt zu denen gehabt. Gewiss, die wollten uns auch manchmal angreifen und sind da rausmarschiert, mit Fahnen, und versuchten uns zu provozieren. Aber wir haben uns gesagt: Lass die laufen; wir sind dann unserer Wege gegangen. Also in Meyer’s Hof haben die keine großen Freunde gewinnen können.
Unser Teil der Ackerstraße und der weiter unten, hinter den Friedhöfen, die haben wenig miteinander zu tun gehabt. Der Friedhof war unsere Grenze, die Bernauer Straße. Was dahinter kam, war ein anderes Gebiet. Da unten gab es Prostitution. Im oberen Teil der Ackerstraße gab es das gar nicht. Das war ein Arbeiterviertel, da haben die nicht Fuß gefasst. Zur Markthalle ging man selten. Der Hauptgrund ist bestimmt gewesen, dass die Leute bar bezahlen mussten. Denn hier im Umkreis des Hauses in den Stammgeschäften, die wir hatten, konnte man anschreihen lassen. Und Freitag war Zahltag. Zur Markthalle in der Ackerstraße pilgerte man von Meyer’s Hof nur für bestimmte Artikel wie Fisch, den es dort frischer gab als bei uns beim Much. Der hatte zwar auch Fisch, aber der war eingelegt in großen Fässern.
Die Nazis haben keinen Fuß gefasst in Meyer’s Hof. Da war mehr die SPD und die KPD – früher sagte man ’die rote Hochburg’ – bis zum Mieterstreik. Der wurde ja auch von den politischen Parteien organisiert und unterstützt. Vor dem Mieterstreik, da kam der Tumarkin. Man hatte an der Brandwand zur Ackerstraße 134 über der Schlachterei Sprüche angemalt. Einem jungen Mann hatte man eine Wäscheleine umgebunden, hat einen Sitz befestigt, dann saß er wie auf einer Schaukel. Oben haben drei Mann gestanden und ihn runtergelassen, dann hat er die Wand bemalt: ’Tumarkin kommt nach Berlin, um arme Leute auszuziehn; doch Meyer’s Hof ist auf dem Posten, und er kommt nicht auf seine Kosten’. Das hat der an die Wand gemalt und das blieb da auch stehen. Bis die Nazis endlich drauf gestoßen sind: Das muss weg! Dann haben sie die Fassade neu gestrichen.
1933/34 haben die Nazis die bekannten Kommunisten und Sozialdemokraten rausgeholt. Vorne im Vorderhaus wohnte der jüdische Arzt Dr. Moses, die Familie ist 1935 emigriert nach Amerika. Und die Familie Sperling – die Frau war ’Arierin’, wie man so schön sagte, und der Mann war Jude, die Kinder waren Halbjuden, und die hat man nachher bis auf die Frau alle abgeholt. Das jüngste Kind, der Feddi, lebt heute noch, aber sein Bruder und der Vater, die sind irgendwo umgekommen. Den Sperlings-Kindern haben wir alle Kinder, mal einen Brief geschrieben, den haben wir der Mutter übergeben. Die wollte ihren Sohn besuchen, aber sie hat auch mit der Jüdischen Gemeinde Rücksprache genommen, und um uns nicht zu gefährden, hat sie den Brief nicht abgegeben.«




Die Afrikanische

Die Afrikanische Straße erzählt viele Geschichten. Der Platz in ihrer Mitte, dem es in seiner Weitläufigkeit nicht so recht gelingt, die Birkenwäldchen am einen und anderen Ende wirklich zusammenzuschließen, führt seinen Namen nicht nach dem Vogel, der so schön und mehrstrophig singt, sondern nach Gustav Nachtigal: ein Militärarzt, wie soll ich ihn sonst noch nennen?
Afrikaforscher, sagt der Brockhaus. Da sind auch unfreundlichere Bezeichnungen möglich. Als Bismarcks Kommissar zwang er den guineischen Häuptlingen “Schutzverträge” ab und machte Kolonien für das verspätete Weltmacht-Deutschland. “Dauerkolonie Togo e.V.”, der Schrebergartenname, der hier angeschrieben ist und eine Idylle benennt, die sich zwischen den Wohnblöcken zur Müllerstraße hinzieht, hört sich für mich wie Ironie an, aber wie für den Gastfreund aus Lomé?
“Von den allerersten Anfängen deutscher Kolonialpolitik an ist in barbarischer Weise auf Neger losgeprügelt worden”, so Gustav Noske, SPD. Später Reichswehrminister, bis heute eine Gestalt, über die nicht nur Sozialdemokraten ins Grübeln geraten. Eine verschlungene Geschichte gäbe das. Das Reden in der Opposition und das Tun der Regierung, nicht in Deckung zu bringen. Und während ich Noske denke, denke ich auch Ebert. Nach Friedrich Ebert heißt die Siedlung, das städtebauliche Ensemble, mit dem die Afrikansiche Straße beginnt oder endet. Für mich endet sie heute dort, an der Müllerstraße, denn ich komme von der Amrumer Straße herauf. Ich will mir nicht die Geschichte erzählen, die die afrikanischen Namen dieser Straßen erzählen: Das war doch insgesamt Ironie, die Herrschenden nannten ihre inländischen Kolonien nach ihren ausländischen, die Unterworfenen haben es bis heute nicht bemerkt. Auch Friedrich Ebert will ich ruhen lassen bei den Schatten; die Gedenkplatte oben neben dem “1. Pressecenter in Wedding” sieht ohnehin aus wie ein Grabmal, von Süden wie eine Mauer: eine Mauer gegen die Erinnerung. Die Afrikanische Straße ist eine Straße des Wohnungsbaus. EinLehrpfad. Er führt durch verschiedene Geschichtsepochen des modernen, man kann beinahe sagen: demokratischen “Massenwohnungsbaus” in Berlin.

Wenn man von Osten kommt, beginnt die Afrikanische mit Friedhöfen und Gräbern. Wie oft bin ich in Westberliner Zeiten durch die Seestraße gefahren, meistens kam ich aus Zehlendorf und wollte in die SPD-Zentrale und fast jedesmal habe ich gedacht: Wie laut haben es die Toten hier. Es ist mit der Zeit hier noch lauter geworden. Auto an Auto und die Flugzeuge nach Tegel ziemlich dicht über den Dächern. Aber seit ich Norbert Elias’ eindrucksvollen Essay über die Einsamkeit der Sterbenden gelesen habe, empfinde ich den Straßenlärm in der Nähe von Friedhöfen im Gegenteil als beruhigende Lebendigkeitsversicherung.
Gleich nach den Friedhöfen, zwischen vier afrikanischen Straßen, der “Kolonie Kamerun” gegenüber, und vor allem gegenüber sich auftürmenden Wohnungsblocks aus der zweiten Nachkriegszeit, die wie Burgen dastehen, von der Straße zurückgesetzt, die Straße sozusagen dementierend, liegen vier dreigeschossige Wohnblocks, direkt auf die Straße bezogen, auf die Straßenecken sogar, denn von den Dreigeschossern geht – durch abgerundete Scharnierbalkone mit ihnen verbunden – zweigeschossige Seitenflügel ab, in jene Seitenstraßen, die bald ins Vorstädtisch-Eigenheimliche übergehen, ehe sie an den Rehbergen landschaftlich enden.
Die Fassaden dieser vier Wohnblocks sind durch die geometrische Fensteranordnung gegliedert, sonst schmucklos: “Neue Sachlichkeit” nannte man das. Da ist das Blau der Türen schon viel und die zurückhaltende Ockerfarbigkeit, die nun im Staub gräulich verschmutzt.

Man kann auch im Rücken der Häuser entlanggehen, einen Weg über die ruhigen Höfe, auf die aus den Häusern schmale und ebenfalls blaue Türen führen. Die Forsythien knospen schon. Diese Häuser stellen die einzigen größeren Bauwerke dar, die der berühmte Lugwig Mies van der Rohe (Neue Nationalgalerie) in den 20er Jahren in Berlin gebaut hat, 1926 bis 1927.
Sozialdemokratische Baupolitik war die Grundlage. Als diese Bauten fertig waren, dauerte es nur noch zwei Jahre, bis in derselben Straße, wie gesagt: weiter oben, in Müllerstraßen-Nähe ein anderes denkwürdiges Städtebauwerk begonnen und 1931 beendet wird. Eben diese Friedrich-Ebert-Siedlung, der ich nun – immer die Afrikanische entlang, ihren eleganten Biegungen folgend – mich nähere; als ich da bin, durch das verspätete “Torhaus” am nördlichen Nachtigalplatz in die Togostraße einschwenkend, habe ich schon andere Wohnblocks aus anderen Zeiten hinter mir, die die Architektur-Bücher weniger schätzen als die Ensembles, die ich jetzt durch Straßen und Hofzeilen durchwandere: ein eigener Stadtteil, zwischen Togo- und Müllerstraße von den verdienten Berlin-Architekten Mebes und Emmerich, zwischen Togo- und Windhuker Straße von dem weltberühmten Bruno Taut, der die Farbe in die Architektur gebracht hat.
Davon sieht man nicht mehr viel. In der zweiten Nachkriegszeit hat man wenig Rücksicht auf diese Tradition genommen. Heute tritt sie an vielen Stellen in Berlin wieder hervor. Hier noch nicht. Muss auch nicht. Der Denkmalschutz ist nicht das Maß der Dinge. Es muss nicht alles werden, wie’s mal war. Die Afrikanische Straße kann man hier fast vergessen. Der berühmte Bebauungsplan konterkariert die diagonale Straße, die Häuser wenden sich von der Straße ab, sie wollen Ruhe herstellen, kann man sagen: Kleinstadt in der Großstadt.
Wann man das Mebes gesagt hätte, hätte er gesagt: “Quatsch. Mir ging es um Ost-West-Belichtung”. “Ost-West-Belichtung”, denke ich, als wäre es ein Ausdruck mit Hintersinn, während ich die Häuser der Wohnungsbaugesellschaft Eintracht – der Name des ursprünglichen Bauherrn ist noch da, wieder da – hinter mir lasse und an der Station Afrikanische Straße in den Untergrund verschwinde.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Ackerstraße oben und unten

Es war ein regnerischer Dezember-Tag, der Wind beugte die Bäume und warf mir Schauer körnigen Eises ins Gesicht…
Das wäre ein Romananfang, der meinem Vater gefallen hätte: Da weiß man doch gleich, was los ist, sagte er und meinte: Die Gefühle sind geklärt, die Stimmung liegt fest. Aber diesen Gefallen kann ich ihm nicht tun. Zwar ist es ein regnerischer Dezember-Tag, aber meine Stimmung liegt durchaus nicht fest. Die Ackerstraße führt durch verschiedene Stimmungslagen. Das mag anderen anders gehen; ich empfehle, den Praxistest zu unternehmen, einen sentimentalen Elch-Test: Wie kommt einer durch die Hindernisse der Geschichte auf einen geraden Gegenwartsweg. Der Mitte-Teil der Ackerstraße ist mir immer noch ungewohnt, er bietet mir immer noch Maueröffnungs- und Wiedervereinigungs-Gefühle. Ich hatte mich in West-Berlin schon eingerichtet. Seitdem will ich mir niemals mehr vormachen lassen, dass Teile das Ganze vertreten können. Die Weddinger Ackerstraße dagegen erzeugt in mir ganz andere, ältere, geschichtlichere Gefühle.
Als ich Mitte der 60er Jahre anfing, im Wedding zu arbeiten, sah die Ackerstraße noch ganz anders aus als heute. Man konnte in und an ihr noch deutlich erkennen, was sie in die Geschichtsbücher gebracht hatte, nämlich dass sie das Gegenteil, buchstäblich der Hinterhof, der Weltgeltung Berlins war, die jenseits der Bahn, die Chausseestraße von Süden nach Norden, vom Oranienburger Tor nach Wedding, Fabrik für Fabrik, Borsig, Schwartzkopff, Wöhlert, Pflug, Rathenau entstand und sich Fortschritt nannte.

“Wer nie bei Siemens-Schuckert war / bei AEG und Borsig, / der kennt des Lebens Jammer nicht, / der hat ihn erst noch vor sich.” Der zentrale Punkt dieses Geschichtsstückes, das ich hier – wie gesagt – in steinernen Zeugnissen noch gesehen habe zu einer Zeit, die ich für mich immer noch Gegenwart nenne, war Meyer’s Hof; hochberühmt unterdessen in der Kulturgeschichte, vor allem durch den zweiten Band des epochalen und ultimativen Werks meines Freundes Johann Geist: Geschichte des Berliner Mietshauses, drei Bände (das ich nach wie vor in die Handbibliothek aller wünsche, die über und in Berlin etwas zu sagen haben).
Meyer’s Hof verschwand erst in den 70er Jahren aus der Ebene der gegenständlichen Sichtbarkeit, die exemplarische Mietskaserne in Plus und Minus. Sechs Hinterhöfe, fast 3.000 Bewohner, Ackerstraße 132/133. Ich sehe noch die Wolken, die aufstiegen, als hier gesprengt wurde, was das 19. Jahrhundert hinterlassen hatte.
Manche spendeten Beifall, andere blickten betroffen und hatten das Gefühl, dass hier der Senat oder die BRD oder die SPD oder die DEGEWO oder werweißwer nicht nur die neue Zeit größstädtischer Wohnkultur vorbereiteten, sondern auch die alte Zeit gefühllos beendeten. Denn in diesen Mietskasernen der Ackerstraße gab es eben nicht nur Elend, sondern es gab auch eine eigenartige, originelle, von den Bücherschreibern wenig zur Kenntnis genommene Arbeiterkultur, der kein Fontane entstanden ist wie den Bürgern, die jenseits der Bahn ihre Geschäfte machten und ihre Gefühle pflegten. Gegenüber von Meyer’s Hof die sogenannte Schrippenkirche, eine christliche Initiative zur Milderung von Obdachlosigkeit und Not. Auch fort, verschwunden bis auf eine porzellanerne Gedenktafel, die niemandem etwas sagt, der nicht schon alles weiß.

Die Weddinger Ackerstraße ist unten und oben für Autos geschlossen. Ein verkehrsberuhigtes Gebiet. Der Wilhelm-Zermin-Weg, der diesen Namen führt, seitdem nichts mehr an die Häuser erinnert, die der Namensgeber für den Vaterländischen Bauverein hier hatte errichten lassen, führt von der Hussitenstraße zur Ackerstraße hinab, nach Norden hin sehe ich über die Hoflandschaft den Turm der Sebastian-Kirche: Erste katholische Kirche im Berliner Norden, letztes Zeugnis der Gegenwart, die hier nun so endgültig vergangen ist, dass nur noch alte Leute Erinnerungen an ihr letztes Kapitel bewahren. oder vielleicht auch gar nicht mehr bewahren wollen.
Ich befrage mich selbst. Die Geschichte streichen, neu und besser anfangen; hier erkenne ich, dass auch schon meine eigene Geschichte die Verbindung zum Allgemeinen verloren hat und ins Persönliche übergegangen ist.
Die Glocken der Sebastian-Kirche schlagen. Wird hier jemand aus- oder eingeläutet? Sie verklingen, der Übergang von Glockenschlägen ins allmähliche Schweigen rührt mich jedes Mal, ein Kann-nit-verstand-Gefühl: Jetzt noch andere, demnächst auch du, auch du.

Ich gehe auf den Ort zu, wo einst jener Meyer’s Hof stand. Weiß-grün, nach Osten auch gelb, gelblich, ordentliche Häuser der Zeitgemäßheit, die Gegend ist ruhig, abgeschlossen, Tiefgarage, nur ein einziger Hof, hinten das Lazarus-Krankenhaus, “Das Benutzen der Müllcontainer ist in der Zeit von 22 bis 6 Uhr untersagt”, nichts sieht nach drängender Not aus. Nebenan die Ernst-Reuter-Siedlung, am Theodor-Heuss-Weg ein Birkenwäldchen, Kiefern, ein paar Pappeln; eine Statue Ernst Reuters, zwei Blumenschalen davor, als ob er hier der Ewigkeit entgegen ruhte.
Am Ende des Gartenstadtweges die Mauer, die die Wohnquartiere von der Bahn und von den Produktionsstätten trennte, historisch eine vielleicht bedeutendere Mauer, als jene Mauer, die wir heute noch immer “die Mauer” nennen und an die ein Stück weiter unten in einer alle Weltkriegsopfer einschließenden undifferenzierten Weise gedacht werden soll. Als ich oben am anderen Ende der Ackerstraße, bei der Bahnbrücke, an der Scheringstraße stehe, wo es für Autos nicht weiter geht, und als ich zurück blicke, kann ich in mir kein Gefühl des Verlustes und der Trauer mehr darüber feststellen, dass es hier kaum noch Erinnerungen an die Zeit der ausbeutenden Wohnungsnot mehr gibt. Ich kann die sechs Hinterhöfe vermissen. “Erst mal müssen alle Leute ihr eigenes Klo haben, mit Wasserspülung und mit fließendem Wasser und mit Badewannen nicht nur am Sonnabend und mit nur einmal Wasser für alle!”, sagte mein Vater, dem so sehr an sicheren Gefühlen gelegen war. Ich gedenke seiner mit Rührung. Je älter ich werde mit umso größerer Zustimmung.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Von Thule zu Stockholm

Ich will von der Thulestraße zur Stockholmer Straße wandern, vom sagenhaften zum heutigen Skandinavien; ich will vor allem dem großen nördlich bekannten Straßenzug auf den Charakter kommen, der als Wisbyer/Bornholmer/Osloer Straße an die Grenze zwischen Pankow und Prenzlauer Berg entlang nach Wedding läuft (und auch nach beiden Seiten noch weiter); einer der vielen Straßenzüge um Berlin: wirklich ein Verkehrsfluss, pausenlos Autos her und hin, in der Mitte lange Zeit die Tram auf zwei Schienensträngen, die Straßenseiten weit voneinander entfernt, wirklich keine Parkallee, sondern eine Stadtavenue, die zusammenhält, was zusammengehört.
Die unterschiedlichen Quartiere, Kieze, schließen sich rechts und links an sie an, unterscheiden sich und sind sich ähnlich. An der Station Schönhauser Allee steige ich aus der U2 heraus und herunter von der seit dem Auftauchen am Senefelderplatz, in eine Hochbahn verwandelten Metro. Auf halber Höhe beim Abstieg vom Bahnsteig auf die Geschäftsstraße gewähren drei breite Fenster einen Ausblick auf die Baustelle der Schönhauser-Allee-Arcaden, als seien sie für diesen Zweck angelegt. Unten Marktbuden, Wurst- und Grillhähnchenduft, vietnamesische Zigaretten; “Ein Schritt vom Wege”: das ist ein einst bekanntes Theaterstück des Kammergerichtsrates, der der Wichertstraße den Namen gegeben hat; “Das Kammergericht war immer literarisch”, hat Fontane in Bezug auf diesen Ernst Wichert gesagt, aber das gilt längst nicht mehr, ich kann es bezeugen, ich war lange Jahre selbst Kammergerichtsrat. Das Kammergericht hat die Westberliner Isolation nicht gut überstanden.
Es ist ein grauer Tag, die Menschen zeigen Unglücksmienen, “der Augenblick entscheidet”, sagt die Commerzbank, die lachende Werbebotschaft muntert mich auf.

Die Thulestraße liegt schon in Pankow. Ich betrachte das Haus, Ecke Kurze Straße, in dem vor Jahren das Bezirksjournal seinen Betrieb begonnen hat. Statt des Garagenhofes jetzt eine postmoderne Wohnanlage. Da habe ich selbst das Gefühl, dass ein Stück meiner Vergangenheit eingemauert und steinversiegelt sei. Die Gegend sieht viel aufstrebender auf als 1990, aber sie ist mir auch fremder. Hier Kräne, an der Greifenhagener Straße Kräne am Ende und am Anfang: Berlin, die bekrante Stadt, Kranopolis. Ich habe die Kräne gerne. Für mich sind es Zeichen der Lebendigkeit. Kino Nord; daneben: Piano Traum; die Straße hebt sich zur Wisbyer an und fällt ab zur Gethsemanekirche, die ich unten sehe, während ich in die Kuglerstraße nach Westen einbiege. Die Straße wirkt wie ein ruhiges, gut möbliertes Wohnzimmer am Flur, den die Schönhauser Allee bildet. Das Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Gemeinde neben dem Café der Heilsarmee, unrenovierte und schon erneuerte Fassaden; Nummer 26, 24 zum Beispiel: fast edel. Das prächtig geerkerte Eckhaus beherbergt den vielgegenwärtigen Optiker Ruhnke, die Fassade des renovierungsbedürftigen Nachbarhauses sieht aus wie ein Theatervorhang, der sich niedersenkt oder in einem Stück nach oben hebt, wie das Theatervorhänge vor der letzten Jahrhundertwende gerne getan haben. Als wir noch hier arbeiteten, war in dem Eckhaus Wisbyer/Schönhauser ein Ristorante, jetzt Humana Second Hand.
Im Westen hellt sich der Himmel auf, als ich nun in die Bornholmer Straße einbiege. Der Wind weht über mich hinweg, je tiefer ich in die Senke zur Bösebrücke hinab marschiere, erst kurz vor der Brücke wird der Weg sich wieder anheben. Die Schlachterei Mehlhorn bietet frische Eisbeine, “Wohnen in Prenzlberg im 2. Hof” wirbt der Bornholmer Hof, neben denkmalgeschützter, aber verfallender Fassade, die auf blau umkachelten Säulen ruht. Diese südliche Straßenseite zeigt eine entwickeltere Vorgartenkultur als die nördliche; “Kultur” ist vielleicht zuviel gesagt.

Die nach Süden anzweigende Driesener Straße lockt mich durch den angekündigten geschlossenen Kiezeindruck in sich hinein und dann in die Czarnikauer Straße, die an die skandinavische Magistrale ehemals preußische, jetzt polnische Orte anknüpfte. Da kamen viele Leute her, die hier in der Gegend Jahrhundert-Endnot durchzustehen hatten. Mit der Malmöer Straße fängt der Aufstieg zur Bösebrücke an. Aufstieg ist zuviel gesagt, nun ist schon zum zweiten Mal ein Wort zu dick und bedeutungsvoll. Ähnlich wie das Mauerstück, das als eine Art Denkmal vor der Brücke aufgestellt ist, an der zum “Top Auto Park” verwandelten Stelle, wo die Grenzbaracken der DDR standen. “Berlin wird leben, und die Mauer wird fallen”, zitiert dieses Mauergedenkstück Willy Brandt; da hat er recht gehabt, der 9. November ist gerade gewesen, in der Nacht auf den 10. November 1989 gings hier rund, viele wollten auf die jeweils andere Seite, da standen sie dann und wunderten sich, wie ähnlich die Stadt sich selbst war. Am Fuße des Denkmäuerchens Wachsreste von Erinnerungskerzen, aber auch Scherben zerbrochener Schnapsflaschen. Auf der sich zu ihrer Mitte aufwölbenden Bösebrücke bleibe ich ein Weilchen stehen, um das heftige Zittern zu spüren, das das unaufhörliche Hin und Her der Autos verursacht. Das ist das Zittern der Zusammengehörigkeit.
Ich blicke nach Süden, nach Norden, über die Gleisanlagen, die die Bösebrücke mit ihrem eleganten Eisenbogen zusammenfasst. Die westliche beginnende Weddinger Seite wirkt landschaftlicher als die hiesige Prenzlberger. Das Prenzlberger Berlin ist älter als das Weddinger. Wedding ist charakterlich aus den 60er Jahren, Prenzlauer Berg ist aus dem [vor]vorigen Jahrhundert. Dass sie bis in die 50er Jahre eine gemeinsame Geschichte hatten, ist weniger gegenwärtig, als dass sie 40 Jahre lang in unterschiedlichen Schicksalen lebten.

Ich marschiere schnell in die Osloer Straße abwärts, über Wriezener, Biesenthaler und Gotenburger Straße in die Stockholmer Straße, wo ich von Hugo Härings baugeschichtlichen Wohnhäusern aus den 20er Jahren eigentlich keinen Gefühlsunterschied zwischen Prenzlauer Berg und Wedding mehr empfinde. Es waren also Grenzerinnerungen, die mich auf der Bösebrücke irritiert haben. Der Weg von der Thulestraße ist kein Weg vom Gestern ins Heute, es liegt kein Zeitenabfall zwischen diesen Straßen. “Der Traum der Kommune, der schlief nur und ist doch noch lange nicht tot”, steht an einem Haus in der Grüntaler Straße. Ich glaube, da irren sie sich. Die Nebel hängen hier so dicht über den Dächern, dass die Größe der in ihrem Anflug auf Tegel plötzlich sichtbar werdenden Flugzeuge fast erschreckt. Die Travemünder Straße führt die Stockholmer bis an die Badstraße fort, durch die elegant nach Norden sich auf- und abbiegende Badstraße komme ich zur U8. 15 Jahre sind die beiden Mädchen vielleicht alt, die mir in der U-Bahn gegenüber sitzen.
“Ich verstehe deine Logik nicht”, sagt die eine. “Du sollst nicht meine Logik verstehen, sondern mich”, sagt die andere und sagt damit, worum auch ich hier bitte.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Von Stockholm nach Thule

Gegenüber der U-Bahnstation Pankstraße liegt das Café Reichert. Seit 1882. Es ist also schon länger hier als die U-Bahn und viel länger als die Menschen, die ich heute treffen werde.
Preis-Leistungs-Verhältnis in Ordnung, freundliche Bedienung. Die Inneneinrichtung erinnert noch in Einzelteilen an frühere Zeiten. Ich kann da nicht vorüber gehen. Viele Lebensweisheiten von den Nachbartischen. “Ich sage dir: Wenn se mit Mädchen anfangen, da weiß man doch nich, wo dett endet.”
“Mit Kindern und heiraten.”
“Ooch wenn se nich heiraten.”
“Aber dett müssense alleen wissn.”
“Nur, dann sitzen se da und ziehn die Schlappe runter.”
“Da sind die Italiener anders. Guck bloß mal den Julio, den kleinen Arsch!”
Verständnisvolles Lachen beider Frauen: Die Italiener sind anders: ein Trost offenbar innerhalb der Gesellschaft erwachsener deutscher Kinder, die – kaum dass das Leben begonnen hat – die Schlappe runter hängen lassen.

Viel Türkisches in der eleganten Biegung der Badstraße, die ich nun hinunter gehe, um – ohne dieses ansehnliche Stadtarrangement für heute einer Beschreibung zu würdigen – am alten Luisenbad in die Travemünder Straße einzubiegen. Angenehm landschaftlich läuft die mich als Lübecker heimatlich anmutende Straße an der Panke und an einem weißen Neubau entlang auf die Stockholmer Straße zu: Travemünde nach Stockholm – das kann ich mir vorstellen. Travemünde ist einer der größten europäischen Fährhäfen, meisten geht’s von dort nach Finnland, aber auch Malmö wird angesteuert, nicht direkt Stockholm, aber die Richtung ist richtig.
Die Berliner Straßennamen verleiten ja oft zu solchen Reisen im Kopf: Über diese Unaufmerksamkeit habe ich die Stockholmer verpasst und bin in die Koloniestraße geraten. Gegenüber dem aus einer anderen Stadtepoche rosafarben herüber ragenden Haus Nr. 131, neben Imbiss 61 unter dem Neubau 23/24 hindurch führt ein gut ausgedachter Fußweg, entlang an einzelnen Erinnerungsstücken an das Wedding des Arbeiterelends, vorüber an einer Kita zur Panke. Sie ist hier gerade wie ein Kanal, baum- und strauchbestanden, tiefer liegend, fließt sie fast gar nicht, schwarz, aber zutraulich liegt sie da, die Enten spielen.
Eine mehrstufige Treppe führt hinüber, und das ist dann die Stockholmer Straße. Vielmehr: das ist ein Stück der Stockholmer Straße. Mit der Stockholmer Straße kann man sich leicht täuschen. Sie ist nicht eindeutig. Wenn man das Straßenschild gefunden hat, hat man sie vielleicht noch nicht gefunden. Unten ein Stück, oben ein Stück, nicht miteinander verbunden.
Eine Freundin von mir wohnte in Nr. 31; da habe ich schon gelegentlich – im wörtlichen Sinne – die Kurve nicht gekriegt. Ein Stück der Straße kommt in den bauhistorischen Büchern vor: ein Wohnblock von Hugo Häring, dem Baumeister, der den “Massenwohnungsbau und seine Rechtwinkligkeit” kritisierte und dann doch selbst auf die Rechtwinklichkeit hereinfiel. Stadtlandschaftlich ist an der Stockholmer Straße nichts falsch, das Arrangement ist gelungen. Diesmal denke ich nicht an die Geschichte, die noch in der Weimarer Zeit beiderseits an die Panke heran ragte. Der Anblick des Wedding hat sich von der Jahrhundertmitte bis heute sehr verändert. Viel ist abgerissen, saniert, und viel ist an diesen Abrissen und Sanierungen verdient worden.

Ich bin nicht auf der Seite dieser Kritiker. Ich bin der Meinung, dass Zentralheizung, warmes Wasser und eigenes Bad Errungenschaften sind, für die man Fassadennostalgien zu opfern hatte. Alles in allem. Die Schulen an der Gotenburger Straße, durch die ich jetzt laufe, sind geradezu Schulburgen. Der Name Wilhelm Hauff tröstet da fast. Wenn man an seine Märchen, aber nicht, wenn man an die Kürze seines Lebens denkt.
Ich überquere die Wollankstraße in die Biesenthaler. Wenn ich den Titel einer Berliner Museumfassaden-Straße vergeben sollte, würde ich diese hier ernsthaft in Erwägung ziehen. Ihre geschlossenen Fassadenfronten zeigen schöne Einzelstücke, zum Beispiel Nr. 11 oder Nr. 8 mit dem kleinen Stadtgarten nebenan.
Es ist vier Uhr nachmittags, es dunkelt, die Zurufe der Fußballspieler im Hintergrund sind türkisch. Links in der Wriezener Straße, auf die die Biesenthaler zwischen den Kneipen La Palma und Storchennest trifft, liegt das Wrieze-Haus, Drogenberatungsstelle; das europa-berühmte Sozialpädagogische Institut der AWO ist der Träger; ich bin da im Vorstand; lange schon, sie können mich längst entbehren, die Zeit ist über mich hinweg gegangen.
Der Kiez Biesenthaler, Wriezener Straße hat etwas abgeschlossenes, das Stadtquartier ruht in sich; zugleich unverwechselbar und typisch, Ich kehre zurück zur Osloer Straße; sie hebt sich nun zur Bösebrücke an, die selbst in ihrer Mitte hin ansteigt in einem flachen Bogen, den die Brückenkonstruktion zum grauen Himmel hin wiederholt.
Abwärts, auf der anderen Seite heißt die Straße Bornholmer; das ist nun Prenzlauer Berg, aber die Straße ist trotz der bereits verengenden und die Blicke verstellenden Brücke so sehr dieselbe, dass man sich die vermauerte Grenze hier nur noch in Reminiszenzen vorstellen kann. Das ist der Stoff geworden vom “Damals war’s”.

Ich verweile auf der Brücke und lerne das Abfallen und Aufsteigen der Brücke auswendig: zur U-Bahn, Hochbahn abwärts, unter den gelben Wagen, die die weit entfernten Fassadenfronten zusammenfassen, hindurch und drüben wieder hinaus, bis zur Höhe Greifenhagener Straße, wo die Magistrale weiter nördländisch, aber nun Wisbyer Straße heißt. Ich biege nach links, nordwärts, in die Kurze Straße ein, die mich – nun schon in Pankow – in die Thulestraße führt. Da fing das Unternehmen an, das als “Bezirksjournal Berlin” jetzt Monat für Monat mehr als eine halbe Million Exemplare verbreitet. Von Stockholm nach Thule – dieser Titel fällt mir jetzt ein: vom heutigen ins sagenhafte Skandinavien hieße das. Werden sich andere Gedanken einstellen, wenn ich den Weg umgekehrt liefe: aus dem Sagenhaften ins Moderne?

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Eingemeindung von Moabit und Wedding

Wissen Sie noch? Vor 150 Jahren war Berlin im Verhältnis zu heute wirklich klein. Es bestand im Prinzip aus dem alten Bezirk Mitte und je etwa der Hälfte von Friedrichshain und Kreuzberg. Dort verlief die südliche Stadtmauer entlang der jetzigen U-Bahn. Erst im Jahr 1920 wurde Berlin zu einer Großstadt. Mit den Eingemeindungen von Spandau bis nach Köpenick wuchs die Stadt auf das Zehnfache.
Begonnen hatte es aber schon 1861. Am 1. Januar wurde die Stadtgrenze Richtung Westen und Nordwesten ausgeweitet, die heutigen Stadtteile Moabit, Wedding und Gesundbrunnen eingemeindet. Die Gegend bestand vor allem aus Industrie, u.a. Borsig, AEG, Loewe. Heute sind davon nur das Siemens-Transformatorenwerk und die einstige Schering-Fabrik übrig.

Zur Erinnerung an die Einverleibung startet der Bezirk Mitte eine Veranstaltungsreihe, die am kommenden Samstag (4. Juni) beginnt und über den ganzen Sommer reicht. In der Arminius-Markthalle in Moabit treten historische Persönlichkeiten auf, wie Carl Bolle, der seinen Milchkonzern ganz in der Nähe an der Spree aufbaute. Auch August Borsig, Rudolf Virchow und Emil Rathenau erzählen aus ihrer längst vergangenen Geschichte.

In weiteren Veranstaltungen wird z.B. die Geschichte des Krankenhauses Moabit, beleuchtet, auch die der Armniniushalle, des Zellengefängnisses Lehrter Straße, dazu gibt es verschiedene Führungen und Buchlesungen.




Die Geschichte von Schering

160 Jahre nach seiner Gründung verschwindet nun der Name Schering aus Berlin. Dabei ist Schering einer der wichtigsten Industriekonzerne der Stadt, weltweit bekannt wie die anderen Berliner, Siemens, Borsig oder die AEG. Nachdem der Chemiekonzern Bayer die Berliner Konkurrenz im Jahr 2006 übernommen hatte, wurde der Komplex im Wedding noch fünf Jahre unter als “Bayer Schering Pharma” weiter geführt, dann verschwand der Name Schering. Zurück blieb Bayer aus Leverkusen mit seinem Pharmawerk am Weddingplatz.

Wie konnte aus einem kleinen Betrieb ein Konzern werden, der im Jahre 2010 allein mit zehn Artikeln mehr als 6,5 Milliarden Umsatz machte?
Der Chemiker Ernst Schering suchte Mitte des 19. Jahrhunderts einen Laden, um darin eine Apotheke zu eröffnen. 1851 fand er in der Chausseestraße 17, außerhalb der Stadtmauer hinter dem Oranienburger Tor, ein dreistöckiges Gebäude, die Schmeißersche Apotheke. Er kaufte das Haus und gründete dort die “Grüne Apotheke”. Die Arzneimittel stellte er selbst her, ebenso wie Parfümeriebedarf, Textilpflegemittel – und Feuerwerkskörper, was damals offenbar öfter gebraucht wurde.
Nachdem er für die Herstellung seiner pharmazeutischen Mittel 1855 bei der Pariser Weltausstellung eine Ehrenmedaille erhielt, entschloss er sich, eine Fabrik für chemisch-pharmazeutische Produkte zu bauen. Zwei Kilometer weiter nördlich kaufte Schering in der Müllerstraße ein Grundstück, genau dort, wo seitdem Tabletten und Salben produziert werden.
Im deutsch-französischen Krieg 1870 wurde er als einer der Lieferanten für Medikamente ausgewählt, was die Produktionszahlen in die Höhe schießen ließ – Kriege sind eben für bestimmte Industriezweige schon immer ein Segen gewesen. Bereits im folgenden Jahr verdiente Schering so viel, dass er Repräsentanzen in Moskau und St. Petersburg, Amsterdam, Wien und Glasgow eröffnen konnte. Mit einem Gründungskapital von 500.000 Talern wandelt er die Firma 1871 in eine Aktiengesellschaft um. In den Gründerjahren steigt auch Scherings Umsatz, 1872 baut er das erste Verwaltung- und Lagergebäude, das später zum Haupthaus wurde. Das Gebäude steht teilweise noch heute, von außen unsichtbar versteckt es sich hinter hohen Neubauriegeln an der Fennstraße. Direkt an der Müllerstraße befand sich das “Rote Schloss”, es war bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg das Hauptgebäude.

Schon früh setzt der Unternehmer auf eine soziale Versorgung seiner Arbeiter und Angestellten. 1876 gründet er die “Hilfs-Krankenkasse”, zwei Jahre später einen Altersversorgungsfonds, eine Stiftung für Arbeitsjubilare sowie eine Witwenkasse folgen.

Als Ernst Schering 1889 stirbt, hinterlässt er nach 48 Jahren eine weltweit verkaufende und produzierende Firma. Die Produkte werden wortwörtlich in die ganze Welt verschifft, von China und Japan über Indien, Russland, Ägypten, Nord- und Südamerika bis nach Australien. Und natürlich sind sie in vielen europäischen Ländern vertreten.
Scherings Sohn Richard dagegen mag es kleiner: Er übernimmt die alte Grüne Apotheke in der Chausseestraße.
Auch in Berlin expandiert Schering, mehrere Jahrzehnte lang wird das Zweitwerk am Tegeler Weg in Charlottenburg immer größer; bis es schließlich Mitte der Zwanziger Jahre in weiten Teilen geschlossen wird. Stattdessen eröffnet ein größeres Werk in Spindlersfeld, mit Bahn- und Spreeanschluss.
Selbst während der Weltwirtschaftskrise kann Schering expandieren. Nur an einigen Samstagen wird den Arbeitern freigegeben, ansonsten geht der Aufstieg weiter. Mittlerweile arbeiten weit mehr als 20.000 Menschen nur in den deutschen Fabriken, dazu nochmal soviel in den zahlreichen Betrieben auf der ganzen Welt.

Ab 1933 ändert sich auch bei Schering einiges. Das Vorstandsmitglied Paul Neumann flieht aus Deutschland, sein Kollege Gregor Straßer dagegen wird 1934 von den Nazis ermordet – im Zuge des angeblichen “Röhm-Putsches” gegen die SA. Für die Arbeiter gilt nun das Führerprinzip, der Betriebsrat ist abgeschafft. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs werden auch zahlreiche Schering-Mitarbeiter eingezogen, die Firma schickt ihnen Päckchen an die Front und zahlt den Familien eine Beihilfe. Mit der Einstufung als “kriegswichtiges Unternehmen” kann es manche Härten gegen Mitarbeiter verhindern.
Gleichzeitig nutzt Schering aber ab 1942 auch die Möglichkeit, ausländische Zwangsarbeiter einzusetzen. Etwa 500 Franzosen, Belgier und Holländer arbeiten in der Produktion. Als die Gestapo 1944 einen sogenannten “Abwehrbeauftragten” installieren will, wehrt sich der Vorstand dagegen.
Sofort nach dem Krieg besetzt die Rote Armee die Fabriken und beginnt mit der Demontage der Fertigungsanlagen. Während die Werke in Adlershof, Spindlersfeld und in Eberswalde verloren sind, kann die Zentrale im Wedding nach dem Einzug der West-Alliierten langsam wieder aufgebaut werden. Selbst während der Blockade 1948/49 gelingt es, die Produktion aufrecht zu erhalten und sogar Exporte durchzuführen. Allerdings geht der Großteil dieser Verkäufe sowieso in die Sowjetisch besetzte Zone, bis zur Gründung der DDR im Herbst 1949.

Da Schering nach dem Krieg auch sämtliche Produktionsstätten in anderen Ländern verloren hat, musste die Firma tatsächlich wieder sehr weit unten neu anfangen. Auch zahlreiche Absatzmärkte waren nun verschlossen, deshalb gab es bis 1950 zahlreiche Entlassungen und die Einführung von Kurzarbeit. Doch schon 1951, im hundertsten Jahr seines Bestehens, ging es wieder bergauf. Neue ausländische Absatzmärkte wurden erschlossen, Mitte der Fünfziger beträgt der Exportanteil schon 50 Prozent. Mehrere nach dem Krieg enteignete Fabriken in Japan und Südamerika werden zurückgekauft, das Wirtschaftswunder spült auch bei Schering die Kassen voll. 1960 ist Schering in 102 Ländern vertreten. Als ein Jahr später die Mauer gebaut wird, verliert vor allem das Weddinger Hauptwerk zahlreiche Mitarbeiter aus den östlichen Bezirken.

Schering – dieser Name stand 150 Jahre lang für eine Vielzahl an Produkten, und zwar nicht nur aus Medikamenten. 1885 war Schering sehr erfolgreich mit der Produktion von Kokain (“Zur Linderung von Schmerzen”), aber der Konzern war auch im schlesischen und rheinischen Bergbau aktiv, und jahrzehntelang wichtiger Hersteller von Fotopapieren und Kameras.
Ein guter Pharmakonzern betreibt zu gleich Forschung und da schon Ernst Schering eigene Entwicklungen durchführte, wurden Chemiker bald genauso wichtig wie die eigentlichen Arbeiter. Die Forschungen führten zu Dutzenden Patenten. Einer der Höhepunkte war z.B. die Entwicklung der Anti-Baby-Pille in den 60er Jahren.

Als im Frühjahr 2006 bekannt wurde, dass die Firma Merck eine Übernahme der Schering-Aktien plant, gab es ein Rennen zwischen ihr und Bayer aus Leverkusen. Letztendlich setzte sich Bayer durch, zwar gegen den Willen der meisten Schering-Beschäftigten, die jedoch noch weniger für eine Übernahme durch Merck plädierten. Im November 2010 gab Bayer bekannt, dass auch der Name Schering gestrichen wird. Mit dem Namen verschwinden auch zahlreiche Arbeitsplätze, die genaue Zahl ist bisher nicht bekannt.