RIAS Berlin

Eine wichtige Institution während der Teilung Berlins war der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor). Anfangs war er als Propagandasender im Kalten Krieg gedacht, doch schon bald wandelte er sich zu einen der beliebtesten Radiostationen – mit Hören in beiden Teilen der Stadt.
Begonnen hatte er am 7. Februar 1946 als “Drahtfunk im amerikanischen Sektor” (DIAS) mit seinen ersten Sendungen aus dem Fernmeldeamt in der Winterfeldstraße. Empfangen konnten DIAS mit seinem siebenstündigen Programm nur die Berliner, die über einen noch unbeschädigten Telefonanschluss verfügten.
Dr. Franz Basté, Intendant des DIAS, gab in seiner Begrüßungsrede den Hörern der ersten Stunde ein Versprechen, das über 46 Jahre Programmatik und Verpflichtung des Senders bleiben sollte:
“In allem, was wir senden, werden Sie uns strikt neutral finden. Auswahl und Form unserer Nachrichten werden ungefärbt und sachlich sein. Wer immer etwas Wesentliches zu sagen hat, wird es bei uns sagen können, welche Richtung und Weltanschauung er auch vertrete, wenn gewisse selbstverständliche Grenzen gewahrt bleiben, die uns gezogen sind. Die Forderung, die wir uns stellen, lautet: das möglichst Beste für so viele wie möglich!”
Noch im September des gleichen Jahres wurde der DIAS-Drahtfunk zum Rundfunk-Mittelwellenselder RIAS. Dazu wurden zwei ausrangierte Sender der US-Army in Britz zur Sendestation umgebaut. 1948 bezog der “RIAS Berlin” das Funkhaus in der Kufsteiner Straße. Seit dem 1. Oktober 1950 wurde das Programm über UKW ausgestrahlt.

In wenigen Jahren wurde die Station zu einer der wichtigsten Informationsquellen der Frontstadt Berlin und der sowjetischen Zone. Im sich verschärfenden Ost-West-Konflikt sah er sich als “Freie Stimme der freien Welt” den Menschenrechten, der Demokratie und der deutschen Wiedervereinigung verpflichtet. Dabei waren es bald eher die kulturelle Sendungen, die mit ihren internationalen Akzenten Maßstäbe setzten und deren erfolgreiche Unterhaltungsprogramme weit über das eigene Sendegebiet hinaus zur Popularität West-Berlins und des Hörfunks in Deutschland beitrugen.
Trotz des jahrelangen Einsatzes von Störsendern durch die DDR blieb der RIAS auch im Osten lebendig und beliebt. Für viele ostdeutsche Bürger bedeutete der RIAS vor allem nach dem Mauerbau eine Möglichkeit, sich aus der Sicht ders Westens zu informieren. Dabei versuchte der RIAS auch immer, einen Kontakt zu den DDR-Hörern aufzubauen, indem ständig Adressen in West-Berlin durchgesagt wurden, die für kurze Zeit als Kontakt für Briefe aus dem Osten fungierten. So sollte eine Kontrolle durch DDR-Organe erschwert werden. Und tatsächlich erreichten am Tag bis zu 1000 Briefe aus der DDR den Sender.

Wichtige Stationen des RIAS:

  • Der RIAS kultivierte bestimmte Sendeformate und brachte bundesweit bekannte Journalisten und Entertainer hervor. Schon am ersten Sendetag sprach Friedrich Luft. Seine “Stimme der Kritik” fand über 40 Jahre lang jeden Sonntagmittag seine Theater-interessierte Hörerschaft und ist damit die längste Liveserie in der Geschichte des deutschen Rundfunks.
  • Am 17. Februar 1946 – also zehn Tage nach Sendebeginn – stand das erste Hörspiel auf dem Programm: “Our little town” von Thornton Wilders. Die ab 1947 wöchentlich ausgestrahlten Hörspiele wurden aufgrund ihrer literarischen und darstellerischen Qualitäten in den Folgejahren mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
  • Am 6. Juli 1947 begann “Onkel Tobias vom RIAS” und begleitete die Kinder Berlins viele Jahre.
  • Weihnachten 1948 Günter Neumanns die Premiere des legendärem Funkkabarett “Die Insulaner”. Die insgesamt 149 Folgen schrieben nicht nur Rundfunkgeschichte, sondern sind ebenso aus dem deutschen Nachkriegskabarett nicht mehr wegzudenken.
  • Während der Blockade 1948/49 sendete der RIAS aus Lautsprecherwagen, die durch die Stadt fuhren, da die West-Berliner nur wenige Stunden Strom am Tag hatten und so auch kein Radio hören konnten.
  • 1949 begann der Sender mit seiner erfolgreichen Senderreihe “Funkuniversität”: Ihr Ziel war es, moderne wissenschaftliche Fragestellungen und Forschungsergebnisse für den Laien begreifbar darzustellen.
  • Im Februar 1951 wurden zwei weitere neue Sendungen eingeführt: In “Wo uns der Schuh drückt” nahm der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter (und später seine Nachfolger) zu aktuellen Problemen in der Stadt Stellung.
  • Die gleichzeitig anlaufende Reihe “Es geschah in Berlin” wurde zu einem wahren Straßenfeger: In fast 500 Folgen berichtete der RIAS in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei von Straftaten mit kriminellem und politischem Hintergrund.
  • 40 Jahre lang überlebte das im Sommer 1951 eingeführte “RIAS Schulklassengespräch”: Hier brachte der Sender Jugendliche zur Diskussion mit dem Regierende Bürgermeister zusammen.
  • John Hendrik startete 1958 mit seinem “Club 18” die bald populärste Jazz-Sendung im deutschen Rundfunk. Dabei wurden Jazz-Konzerte auch live übertragen.
  • In unmittelbarem Zusammenhang mit dem Mauerbau am 13. August 1961 entwickelte der RIAS – aus der Situation heraus – das Genre des Magazins. Politische Kommentare, Interviews und Live-Reportagen vor Ort wechselten sich ab. Bald kopierten auch andere Sender dieses Format.
  • Mit “Musik kennt keine Grenzen” begann der RIAS nur zwei Wochen später seine Gruß-Sendung. Viele tausend Menschen aus beiden Teilen der Stadt sandten sich über die Jahre persönliche Grüße.
  • Hans Rosenthal betrat 1965 die Funkbühne. Am 7. März moderierte er zum ersten Mal das “Klingende Sonntagsrätsel”.
  • Im Jahre 1985 wurde RIAS 2 als “junge Welle” profiliert, um speziell jüngere Berliner anzuspechen. Mit aktueller Musikauswahl, kompakten Informationen und starker Einbeziehung der Hörer schlug der Sender in Ost und West wie eine Bombe ein.
  • Ab 1988 versuchte sich der RIAS auch im Fernsehen: Rias-TV sendete ab dem 22. August vorerst wochentags im Vorabendprogramm, schon im Oktober auch als “Frühstücksfernsehen”. Schwerpunkt waren Nachrichten und Magazinsendungen.
  • 1992 dann die Aufteilung des RIAS. Der TV-Sektor wurde der Deutschen Welle angegliedert und ist dort als “Deutsche Welle Fernsehen” sehr erfolgreich.
  • Der Rundfunk wurde gesplittet: Während der RIAS als Deutschlandradio unter dem Dach der ARD und des ZDF werbefrei weitersendet, wurde RIAS 2 zum Privatsender “r.s.2”.
  • Im Mai 1992 ging die Geschichte des einstigen “Rundfunks im amerikanischen Sektor” zu Ende und damit ein wichtiges Stück der Berliner Nachkriegsgeschichte.



Hebbel-Theater

Das Hebbel-Theater in Kreuzberg, 1907/08 erbaut, ist eines der schönsten Theater Deutschlands, das den Krieg nahezu unbeschadet überstanden hat. Bis heute hat sein mahagonigetäfelter Jugendstil-Zuschauerraum nichts von seinem außergewöhnlichen Charme eingebüßt. Künstlerisch erlebte das Hebbel-Theater hingegen eine sehr unbeständige, an häufige Besitz- und Namenswechsel gebundene Geschichte. Bereits der Versuch des Ungarn Eugen Robert, Rechtsanwalt und Gründer des Hebbel-Theaters, einen Architekten für das geplante Unternehmen zu finden, glich einem künstlerischen Abenteuer: “… mir fiel ein, dass ich in einer Ausstellung bei Wertheim ein überaus begabtes Schlafzimmer von einem ungarischen Architekten gesehen hatte. Seine Karriere war an diesem Nachmittag mit einem Satz zu erklären: er hatte ein Schlafzimmer bei Wertheim ausgestellt. Sonst nichts.”

Der Architekt hieß Oskar Kaufmann und sein Bau, der am 29. Januar 1908 mit Friedrich Hebbels “Maria Magdalena” eröffnet wurde, bedeutete für den jungen Architekten den Durchbruch als Theaterbaumeister. Mit insgesamt sechs von ihm gebauten oder umgebauten Theatern allein in Berlin zählt Oskar Kaufmann zu den bekanntesten Theaterarchitekten seiner Zeit. Neben dem Hebbel-Theater entwarf er die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (1914), das Theater am Kurfürstendamm (1921), die Kroll-Oper (1922/23), die Komödie (1924) und das Renaissance-Theater (1926). Er baute in Wien, Bremerhaven und Königsberg und machte sich darüber hinaus als Planer von Geschäftshäusern und Villen für das reiche Bürgertum einen Namen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte er nach Palästina und wurde in Tel Aviv u.a. mit dem Bau des berühmten hebräischen Theaters Habima (1937) beauftragt.

Nach Eugen Roberts ambitionierten, aber krisengeschüttelten Anfangsjahren übernahmen 1911 Carl Meinhardt und Rudolf Bernauer die Direktion des Kreuzberger Privattheaters. Unter dem Namen “Theater in der Königgrätzer Straße” präsentierten sie erfolgreich einen Spielplan, der neben klassischer Theaterliteratur vor allem auch die Inszenierungen zeitgenössischer Dramen vorsah. In den folgenden Jahren erlebte das Theater seine erste Glanzzeit, als Tilla Durieux, Paul Wegener, Elisabeth Bergner und Maria Orska in Stücken von Ibsen, Strindberg und Wedekind, aber auch von Shakespeare und Goethe spielten. 1925 übernahm die Leitung Victor Barnowsky, ein Routinier des literarischen Regietheaters. Er verpflichtete Stars wie Hans Albers, Fritz Kortner, Paul Hörbiger, Werner Krauss, Ernst Deutsch und Curt Bois sowie den Regisseur Erwin Piscator und verhalf dem Haus so zu glanzvollen Höhepunkten des Theaterlebens im Berlin der 20er Jahre. 1930 wurde das Haus in “Theater in der Stresemannstraße” umbenannt, 1934 folgte durch die Nationalsozialisten die politische Revision in “Theater in der Saarlandstraße”. Während des Zweiten Weltkrieges unterstand das Theater dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und wurde Teil des nationalsozialistischen Volksbühnenverbundes.

Sofort nach dem Krieg regte sich wieder das Kultur- und Theaterleben in der Stadt. Das künstlerische Nachholbedürfnis der Berliner war enorm. Das Hebbel-Theater als eines der wenigen unzerstörten Theater lag nun im amerikanisch verwalteten Sektor. Die zuständigen Besatzungsbehörden erkannten die Chance, das mittlerweile wieder in Hebbel-Theater umgetaufte Haus im Zuge der “re-education” für ihre Umerziehungspläne zu nutzen und machten Karl-Heinz Martin zu seinem Intendanten. Obwohl das Theater inmitten eines riesigen Trümmerfeldes lag und nur durch einen zwanzigminütigen Fußmarsch von der nächsten U-Bahnhaltestelle zu erreichen war, waren die Vorstellungen im ersten Nachkriegswinter ständig ausverkauft, und die Zuschauer brachten als Eintrittsgeld Briketts mit. Unter der Regie des fortschrittlichen Theatermachers Martin gelang der Anschluss an die bislang verbotene westeuropäische und amerikanische Gegenwartsdramatik. Im Bemühen um eine schnelle Wiederbelebung der antifaschistischen Kultur in Deutschland galt Martins Aufmerksamkeit neuen Texten, die sich mit der jüngsten deutschen Vergangenheit auseinandersetzten. Er wählte sein Eröffnungsstück für den 15. August 1945 mit Bedacht: “Die Dreigroschenoper” von Bertolt Brecht und Kurt Weill hatten die Nationalsozialisten 1933 verboten. Das Engagement für ein neues, lebendiges Theater, das eine kontrovers geführte Diskussion über Inhalt und Form angemessenen Zeittheaters mit einschloss, setzte Martin bis zu seinem Tod 1948 fort. In seiner Ära war das Hebbel-Theater unversehens zu einem kulturellen Zentrum geworden, das so unterschiedlichen Regisseuren wie Fritz Kortner, Karl-Heinz Stroux, Erich Engel, Jürgen Fehling und Rudolf Noelte Arbeitsmöglichkeiten bot.

Mit der Eröffnung des Schiller-Theaters 1951 verlor das Haus an der Stresemannstraße an Bedeutung. Dennoch konnte das Hebbel-Theater in den 60er Jahren unter der Leitung von Rolf Külüs an seine großen Zuschauererfolge anknüpfen. Es entwickelte sich zu einem Volkstheater im besten Sinne mit Publikumslieblingen wie Harald Juhnke, Klaus Schwarzkopf, Rudolf Platte und Inge Meysel. Nach Külüs Tod übernahm seine Frau Hela Gerber das mittlerweile in finanzielle Schwierigkeiten geratene Theater, das 1972 vom Land Berlin gekauft worden war – 1978 meldete sie schließlich Konkurs an.

Der Denkmalschutz rettete das Hebbel-Theater ein Jahr später vor dem Abriss. In Folge wurde das Haus vornehmlich als Ausweichspielstätte von anderen Berliner Bühnen genutzt – bis Anfang der 80er Jahre der Spielbetrieb endgültig eingestellt werden musste. Dem privaten Verein zur Rettung des Hebbel-Theaters in Berlin-Kreuzberg e.V., in dem sich neben Hans Rosenthal bekannte Schauspieler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens engagierten, ist es zu verdanken, dass das baufällig gewordene Theater nicht in Vergessenheit geriet. Anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins erfolgten die seit langem notwendigen Renovierungs- und Modernisierungsarbeiten durch den Berliner Senat. 1988 war Berlin “Kulturstadt Europas”. Im Rahmen der “Werkstatt Berlin” wurde das Hebbel-Theater mit internationalen Produktionen und Gastspielen wiedereröffnet. Anfang 1989 übernahm Nele Hertling als Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin das Haus und verwandelte es innerhalb weniger Jahre in eine attraktive Spielstätte für zeitgenössisches, internationales, spartenübergreifendes Theater auf hohem Niveau. Heute ist es Teil des HAU (Hebbel am Ufer), dem “Theaterkombinat der anderen Art”.

Hebbel am Ufer




Zu den versunkenen Theatern

Vor der Michael­kirche blühten damals die Kastanien. Eine ganze Stunde saß ich ihr östlich gegenüber. “Kastanien sind tolle Bäume”, sagte ich tags darauf zu Turi, der mich manchmal fährt und Träume aus dem südlichen Persien im Herzen hat. “Wie schön, dass jemand was Gutes über die Kastanien sagt”, sagte er. Um die Kastanie herum führt der schmale Weg zum Pfarramt. Für Kirchenbesuche muss man klingeln.
Die Michaelkirchstraße ist eine breite Rollbahn der Ungewissheiten. Die Häuserblocks auf der westlichen Straßenseite – im Eigentum der Wohnbaugesellschaft Mitte (WBM) – sind gefärbt. Die Blocks auf der östlichen Straßenseite liegen noch im Schatten der DDR.
Vor mir rechter Hand, dem Heizkraftwerk der Bewag gegenüber, liegt jetzt hinter bunten Lichterketten der Asia Imbiss. Seine Tage werden gezählt sein. Wie die Tage der kleinen Birke, die aus dem Balkon des Obergeschosses von Nummer 15 hervorwächst, als ob dort eine Wiese läge, die zu einem sanften Bach abfällt. Seit ich das neue Direktionsgebäude der Deutschen Bahn im Blick habe, meine ich vorwärts und aufwärts zu gehen. 20 Milliarden Mark investiert die Bahn AG bis zur Jahrtausendwende in Berlin und Brandenburg. Das Haus sieht aus, als habe der Architekt während der Schwangerschaft zugleich an drei Schiffe und einen Bahnsteig gedacht.

Auf der Michaelbrücke, unter der die Spree aus dem Bezirk Friedrichshain nach Mitte wechselt, verweile ich, am Geländer lehnend. Gegenüber, am südlichen Spreeufer, sehe ich ein gelbes Haus mit großen Fenstern zum Fluss. Wenn mir dort drinnen einer eine Wohnung vermietete, hätte ich einen städtischen Spitzenplatz, um im Anblick der Fernzüge, Nahbahnen und Schleppschiffe die Melancholien der Verwandlung zu pflegen.
im Hintergrund kann ich, da ich bescheid weiß, das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen ausmachen. Mir ist, als könnte ich direkt bis in die Abteilung des Paradies blicken, in der jetzt auch Bartelby aufbewahrt wird und sein ganzes Amt für unzustellbare Briefe. Über solchen Denkwirrnissen versinke ich bis zu den Knöcheln im 19. Jahrhundert Melvilles (oder schon im 21. Kafkas), dass es mir schwer fällt, die schwierige Kreuzung Holzmarktstraße / Lichtenberger Straße zu überqueren. Die Aufgabe für den Straßenbauer war: Entwerfe eine Autostraße mitten durch die Stadt, die Hüben und Drüben trennt wie ein breiter Fluss, aber versuche doch, den Menschen, die in den Häuserblöcken westlich und östlich der Autos wohnen, das Gefühl zu geben, sie seien etwas anderes als Arabesken des Straßenverkehrs. Da fiel ihm die Wiese ein. Ich verbrachte dort an einem Freitag zwischen halb zwei und zwei eine halbe Stunde, ehe ich in die Singerstraße einbog; in dieser Zeit traf ich drei Menschen. Ich habe sie mir eingeprägt, ich könnte sie beschreiben. Sie schienen mir kostbar.

Das Schönste an der Singerstraße war an diesem Mittag das leuchtende Burgunderrot, das Steicra-Gerüstbau über einen Häuserblock gelegt hatte, am Ende noch ein bisschen Blau und ein bisschen Grün. Ein Kunstwerk. Halten’s die Mieter aus darunter? Das Häuserblock-Ensemble hinter der Karl-Marx-Allee ist eine Kostbarkeit der innerstädtischen Ruhe. Ich jedenfalls empfinde nach Ende der ideologischen Zwangsneurosen viel deutlicher diese Ruhe als das Kasernenhafte des Garnisons-Standortes, der das hier wohl auch immer war. Man sollte die zentrale Straße wieder Stalinallee nennen (oder vielleicht “Frühere Stalinallee”), denn unter diesem Namen haben die Straße und das Quartier ihren Ruhm und ihrem Platz in der Geschichte. Karl Marx hat mit den Örtlichkeiten nichts zu tun. Ihn kann ich mir hier nicht vorstellen.

Als die Singerstraße noch Grüner Weg hieß und zur Blumenstraße führte, stand an der Ecke zur Schillingstraße das Residenz-Theater; die Iffland-Straße, die dem großen Mimen einen Kranz windet, der noch nicht ganz verwelkt ist, führte zum Schiller-Theater Ost (Sitzplätze 1910: 90 Pfennige bis 2,70 Mark); die Straße, die beide Bühnen verband, hieß nach dem Theater, das früher hier die Menschen unterhalten hatte, Wallner-Theater-Straße. In dem bescheidenen Wallner-Theater in der Blumenstraße ist der “höhere Blödsinn” entstanden. Es war ein politisches Theater, in dem die Reaktion Bismarcks satirische Hiebe bezog. Der Gründer dieser politischen Possenbühne war ein Österreicher, seine Frau eine Pflegetochter Robert Blums, des berühmten Revolutionärs von 1848, den die Reaktion mausetot geschossen hatte: “erschossen wie Robert Blum”. Die im Wallner-Theater wirkenden Starkomiker Berlins hießen Pauline Lucca, die Bismarck in Verlegenheit gebracht hatte, weil es ihr gelungen war, mit ihm zusammen auf eine fotografische Platte zu gelangen, und Karl Helmerding, ein politischer Schauspieler wie es ihn vorher, nachher und bis heute in Berlin nicht gegeben hat, auch bei Brecht nicht.

1864 hatte Wallner seinem kleinen Theater ein neues Haus fast an alter Stelle gebaut; daraus wurde später das Schiller-Theater Ost: Die Gründung dieses Theaters war eine soziale Tat; der Tolstoi-Übersetzer Raphael Loewenfeld wollte durch das gemeinnützige Unternehmen “die Kreise des kleinen und mittleren Bürgerstandes” ins Theater ziehen. Das “Schiller Theater W” in Charlottenburg war ein Geisteskind dieses Schiller-Theaters Ost. Loewenfeld hatte zu Beginn des Jahrhunderts in “vielen aufblühenden Vororten Berlin” solche volksbildnerischen Schillertheater errichten wollen. Man hätte diese Idee nicht aus der Theaterlandschaft verschwinden lassen dürfen. Da war das benachbarte Residenz-Theater anderer Natur: “Possen für den Geschmack eines blasierten Publikums aus dem Westen, die regelmäßig darin kulminierten, dass der Residenztheater-Star Richard Alexander – bilden wir uns einfach ein, der Alexanderplatz sei nach ihm benannt und nicht nach einem Despoten – sich in Unterhose zeigte.

Das liegt nun alles unter Kindertagesstätten, Parkplätzen und kleinen Grünrabatten. Und kommt nicht mehr hervor. Die Geschichte hat inzwischen etwas überraschend Fremdartiges. Dafür findet jeder ein Beispiel, der im Quartier der vergessenen Theater aus der Singerstraße über die Schillingstraße in die Magazinstraße einbiegt. in dieser Straße sind auf der rechten und auf der linken Seite Bauwerke übrig geblieben, die die Geschichte des Viertels zitieren, wenn auch in einer Sprache, die wir nicht mehr verstehen.
Das “Druckhaus” wird eben zurückgeholt in einen alten Glanz. Glanz woher? Das Haus ist 1904 gebaut. “Geschichtsträchtig”, schrieb die “Morgenpost” vor kurzem, “sind im Hof die restaurierten Glas-Mosaiken”. Trächtig mit welcher Geschichte? Alte Fassaden und alte Glasmosaiken im Hof sind eben alt. Alt ist kein Synonym für Geschichte.
Hinter den Staatsverlag der DDR reicht auch bei der Mopo die Geschichte nicht zurück. das ist in Ordnung. Das Schönste sind eben neue alte Häuser, die sind schöner als neue und meist auch schöner als postmoderne. Aber was wir hier schön nennen, das hat mit Geschichte nichts zu tun. Die wirkliche Geschichte ist kein Gewürz des Zeitgeschmacks.

Die Häuser auf der Straßenseite gegenüber stehen leer. “Hier war”, sagt mir eine alte Frau, “die Poliklinik der Bauarbeiter und ein Postamt.” Dass die Gebäude auch eine Geschichte davor gehabt hätten, weiß sie nicht, “obwohl ich seit meiner Jugend hier wohn'”. Aber in ihrer Jugend war hier schon DDR.
So kurz war die Episode DDR in der deutschen Geschichte nicht, dass sie nicht das ganze erwachsene Leben ganzer Menschen verbraucht hätte. Wenn wir von der Geschichte Berlins reden, dann sollen wir vor allem nicht vergessen, dass die Stadt Jahrzehnte lang Westberlin war und Hauptstadt der DDR. Die Geschichte, die die Offiziellen heute am wenigsten im Munde führen, ist der lebendigste Teil der Berliner Geschichte. Über den Fußweg, der von der Magazinstraße hinter den Häusern der Alexanderstraße wie durchs Private entlang führt, gehe ich zur Jacobistraße, und während ich im Untergrund des U-Bahnhofes Schillingstraße verschwinde, habe ich das Gefühl, eine subversive Handlung zu begehen. keiner sieht mich mehr.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Wieder, wieder, wieder

In alten Zeiten, als es noch Schallplatten aus Vinyl gab, waren Kratzer noch nicht ganz so schlimm wie auf CDs. Die Abtastnadel blieb dann an einer Rille hängen und spielte ein Wort wieder und wieder und wieder und… Man hat sie dann angehoben und ein Stück weiter innen wieder auf die Platte gesetzt.
Bei den heutigen CDs ist es anders. Entweder sie bleibt auch hängen, allerdings wird die Musik dann meistens ganz schnell abgespielt, oder es geht gar nicht mehr. Blöd.
Die dritte Variante der ewigen Wiederholungen steckt jedoch in den Liedern selber. Meist sind sie ja so aufgebaut, dass sie ein paar Strophen haben und dazwischen den stets gleichen oder ähnlichen Refrain. Also Strophe – Refrain – Strophe – Refrain – Strophe – Refrain – na, Sie wissen schon, was ich meine. Oft hat man aber den Eindruck, dass der Künstler – speziell der Texter – ein bisschen fantasielos war und ihm nicht viel eingefallen ist. Dann werden die Refrains nicht nur einmal gespielt, sondern doppelt. Und oft, meist am Ende des Liedes, sogar noch drei-, vier-, fünfmal oder noch öfter wiederholt. Das hört sich dann auch an wie eine zerkratzte Schallplatte, ist aber hausgemacht.
Ich finde das extrem nervig, alle paar Sekunden das gleiche zu hören. Warum machen die das? Ist es wirklich nur, um das Lied voll zu kriegen? Oder ist das ein besonderes Stilmittel, bei dem ich Prolet nur zu blöd bin, es zu verstehen? Kunst hat ja viele Fallstricke, da kann man sich schnell zum Horst machen mit solchen Fragen.
Aber wie auch immer die Antwort lautet, nervig finde ich es trotzdem.




Harry Potter 6

Ja, ich weiß, ich bin damit erstens zu spät und zweitens interessiert das sowieso niemanden. Egal, ich begleite Harry Potter seit dem ersten Buch und deshalb schreibe ich trotzdem was über den sechsten Film, “Harry Potter und der Halbblutprinz”.
Die Geschichte kannte ich natürlich aus dem Buch schon längst und dass die Filme immer stark verkürzt sind, tut mir jedesmal aufs Neue weh. Aber es ist nicht zu ändern, also habe ich versucht, meine Enttäuschung zurückzudrängen. Außerdem entschädigen die Filme natürlich in einer Hinsicht: So grell und laut wie auf der großen Leinwand kommen die Actionszenen im Buch einfach nicht rüber, wie spannend auch immer Frau Rowling sie geschrieben hat.

Allerdings hält sich das mit der Action im neuen Film etwas in Grenzen. Zwar gibt es gleich zu Anfang einige spannende Minuten, als die Todesser in London einfallen, aber im weiteren Verlauf geht es eher mau weiter. Anscheinend meint der Regisseur, dass die Pubertätsprobleme der Schüler interessanter sind als der Kampf gegen Lord Voldemort und seine Leute. Stimmt aber nicht, sie sind einfach nur langweilig und ziehen den – eh nicht sehr langen – Film künstlich in die Länge. Es gibt schon einige spannende Momente, aber die sind leider zu selten und zu kurz.

Die Geschichte dagegen ist okay, es menschelt nicht nur zwischen Jungs und Mädchen, sondern auch zwischen Harry und Professor Dumbledore. Auch das Draco Malfoy nicht nur ein Schwein ist, sondern gleichzeitig ein Mensch, überrascht ein bisschen. Er, den ich bisher als einen der unangenehmsten Personen empfunden habe, wird mir an manchen Stellen fast schon sympathisch. Vielleicht liegt es daran, dass er so erwachsen tut, es aber noch längst nicht ist. Super sympathisch ist Ron, aber das ist er ja eigentlich immer :-)

Wie schon im 5. Film wird beim “Halbblutprinz” deutlich, dass die Welt mit der Rückkehr des Dunklen Lords an einem Scheideweg steht. Der Terror in London, die halbleere Winkelgasse mit dem ausgebrannten Laden des Zauberstabverkäufers Olivander und schließlich die Anschläge auf die Weasleys und Dumbledore zeigen, dass es nun richtig ernst wird und eine Entscheidung ansteht. Schade, dass man darauf bis zum 7. Film warten muss, der leider in zwei Teilen mit mehreren Monaten Abstand erscheinen soll (November 2010 und Juli 2011).

Trotz der phasenweisen Ausflüge ins Liebesleben der Schüler ist es insgesamt wieder ein sehenswerter Film. Unter anderem auch wieder wegen der tollen Außenaufnahmen. Und dass dabei die Milleniumsbrücke in London zerstört wurde, ist zwar schade, aber nicht zu ändern…




Podcast 81: King off

Der King of Pop ist tot. Und er hat eine große Lücke hinterlassen, in der Musik-Monarchie. Tobi und Aro versuchen, diese Leere zu füllen, indem sie sich auf die Suche machen nach einem würdigen Nachfolger. Oder ist es eine Nachfolgerin? Lass dich überraschen!
Podcast Nr. 81 vom 11.7.2009
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Jacko und die anderen

Nun bin ich sicher kein Fan von Michael Jackson gewesen, auch früher nicht, aber sein Tod macht mich schon nachdenklich. Man mag von seiner Musik und vor allem von seiner Attitüde halten was man will, mit Sicherheit aber war er ein großartiger Künstler.

Sein Tod kam natürlich viel zu früh, und er wirft wieder einmal die Frage auf, warum gerade große Stars oft vor der eigentlichen Zeit sterben, egal ob aufgrund von Drogen, Suizid oder “Herzversagen” (was auch immer in Wirklichkeit dahinter steckt). Der “King of Pop” starb nun mit 50 Jahren, der andere King (of Rock’n’Roll) Elvis Presley sogar schon mit 42. Freddie Mercury wurde (wie Marvin Gaye) nur 45 Jahre alt, John Lennon 40, Johnny Thunders 39 Jahre, Frank Zappa 51. Andere gingen noch wesentlich früher, wie Jimi Hendrix (mit 28), Janis Joplin (mit 27), Jim Morrison (mit 28) oder Kurt Cobain (mit 27).

Nicht zu vergessen gleich die drei Toten der Ramones, Joey (51 Jahre), Dee Dee (49) und Johnny (55). Mancher würde sicher auch noch Sid Vicious (21 Jahre) dazu zählen. Für mich gehört außerdem Rio Reiser dazu, er wurde nur 46 Jahre alt, außerdem Tamara Danz (44) und Gerhard Gundermann (43).
Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr fallen mir ein. Schade, was da alles niemals erscheinen wird.




Die Erfindung des Fernsehens in Berlin

Als am 22. März 1935 im Haus des Rundfunks in der Masurenallee die weltweit erste regelmäßige Fernsehausstrahlung begann, war dies der Anfang eines Siegeszugs. Der “Reichssendeleiter” war dem NS-Propaganda-Ministerium unterstellt und ließ den Erfinder Paul Nipkow feiern. So wurde der erste Sender sogar nach ihm benannt. Schon als junger Mann hatte der Pankower Ingenieur 1884 seine “Nipkow-Scheibe” vorgestellt, die Bilder zeilenweise abtasten und in elektrische Impulse umwandeln konnte. Diese konnten übertragen und an anderer Stelle wieder zusammengesetzt werden. Doch erst 1928 konnte das Ergebnis – ein Fernsehbild von der Größe einer Postkarte – auf der Funkausstellung öffentlich vorgestellt werden. Testsendungen wurden ab 1926 über den neu errichteten Funkturm ausgestrahlt.

Als 1935 mit regelmäßigem Sendebetrieb begonnen wurde, war natürlich noch alles live, eine Aufzeichnungsmöglichkeit gab es noch nicht, gesendet wurde dreimal wöchentlich für je 90 Minuten. Es gab auch noch keine Fernsehindustrie, die wenigen Geräte wurden in Handarbeit hergestellt. Und sie standen auch nicht in Wohnungen, sondern fast nur in öffentlichen “Fernsehstuben”. Die erste wurde in der Berliner Straße in Pankow eröffnet und zog kurz danach in die Wollankstraße 134, das Haus steht noch heute. Nach 15 Monaten Sendebetrieb gab es in Berlin gerade 25 dieser Vorführräume. Allerdings kamen die Menschen auch eher zum Bestaunen der neuen Technik, als wegen dem Programm, denn man brauchte schon sehr gute Augen oder ein Fernglas, um aus einigen Metern Abstand noch etwas erkennen zu können. Das Kino war in der Sehqualität noch weit überlegen.
Allerdings wuchs schon bald eine starke Konkurrenz heran. Manfred von Ardenne und Siegfried Loewe entwickelten die Technologie der Braunsche Röhre, die Bilder wurden nun elektronisch abgetastet und umgewandelt. Schon ein Jahr nach Nipkows großem Erfolg kam bei den Olympischen Spielen 1936 die neue Technologie zum Einsatz. Zwar waren die Kameras noch so groß wie zwei Kühlschränke, doch sie waren eine technische Sensation. Paul Nipkows Erfindung war nur ein Wegbereiter für die rasche Weiterentwicklung des Fernsehens. Dass die Nazis ihn feierten, gleichzeitig aber die elektronische Technologie seiner Konkurrenten nutzten, lag an Siegfried Loewes jüdischer Herkunft. Paul Nipkow dagegen erhielt nach seinem Tod 1940 sogar ein Staatsbegräbnis.

Überhaupt nutze die NS-Regierung die Technik natürlich für sich. Allerdings hatte sie nicht nur die Unterhaltung und Propaganda im Sinn, sondern sie wollte sie militärisch nutzen: Mit kleinen Kameras wurden im Krieg z.B. die V2-Raketen ins Ziel gelenkt. So ist es auch zu erklären, dass nicht nur das Propagandaministerium, sondern auch das Ministerium für Luftfahrt von Hermann Göring für die ersten Fernsehsender zuständig waren.
Während des Kriegs wurden die öffentlichen Aufführungen nicht mehr weiter gefördert. Die Post betrieb zwar auch weiterhin etwa 50 Fernsehstuben, doch Joseph Goebbels setzte mehr auf den Rundfunk und die Wochenschauen, weil sie zu diesem Zeitpunkt viel mehr Menschen erreichen konnten.

Mit dem Ende des NS-Staats wurde der Fernsehbetrieb von den Alliierten verboten, erst 1947 durfte die Post wieder Tests durchführen. Doch es dauerte noch bis zum Herbst 1950, dass der erste Sendebetrieb aufgenommen werden konnte. Zuerst in Hamburg mit dem NWDR, ab 1951 auch wieder in Berlin. Vier Jahre später erst konnte das Fernsehen bundesweit empfangen werden.
Mit der Erfindung von Paul Nipkow hatte das TV längst nichts mehr zu tun, sein Name war auch lange in Vergessenheit geraten. Doch mittlerweile erinnert man sich wieder an denjenigen, der das Prinzip der Bildabtastung und Umwandlung in Einzelpunkten erfunden hat. Und der das erste Fernsehen der Welt realisiert hat.




Touché von © TOM

“Wie fallen Dir bloß immer wieder neue Geschichten ein?” – das ist die Frage, die der Comic-Zeichner mit dem Markenzeichen © TOM wahrscheinlich am meisten hört. Und sie ist verständlich. Seine kleinen Strips namens “Touché”, meist drei Bilder lang, findet man seit 1991 im Berlin-Teil der “taz“. Sechsmal in der Woche lässt er einen kurzen Blick zu in das Leben eines seiner immer wiederkehrenden Protagonisten.

Da ist die alte Frau, Berliner Schnauze, die der Postbeamte an immer demselben Schalter warten lässt. Aber sie rächt sich mit bissigen, schneidenden, und auch bösen Bemerkungen, die den arroganten Beamten verzweifeln lassen.
Oder der junge Bademeister, stets bemüht, die kleinen Jungs daran zu hindern, ins Schwimmbecken zu pinkeln. Hat er seinen Spezi mal am Wickel, versucht er ihm, das Schwimmen beizubringen. Doch der Kleine hat jedes Mal eine neue Ausrede parat, warum das wirklich nicht geht…
Überhaupt die Kinder. Sicher ist Tom kein wirklicher Kinderfeind, aber seine Lieblinge sind es nicht – jedenfalls nicht in seinen Comics. Da rennen sie gegen Laternen, versinken im Schnee oder ihnen passiert anderes Unheil.
Dabei beherrscht der Zeichner perfekt die Kunst des Nicht-Zeigens. In den drei Bildchen beginnt eine Situation, aber wie sie endet, weiß man zwar, oft sieht man es jedoch nicht mehr. Stattdessen fragt man sich jeden Tag aufs Neue: Wie kommt er nur immer wieder auf seine Einfälle?
Das einzige Kind, das immer siegreich aus den Geschichten hervorgeht, ist ein kleiner Junge, der im Sandkasten meterhohe Burgen baut – und diese verteidigt. Egal ob Kinder, Hunde, Bauarbeiter oder andere Erwachsene drohen, der Kleine bleibt immer siegreich.

In der “Opfer-Statistik” der Tom-Comics kommen nach den Kindern gleich die Hunde. Sie und ihre Herrchen leiden in allen erdenklichen Formen, meist in Zusammenhang mit den Hinterlassenschaften auf dem Bürgersteig. Auch die beiden Damen, die an der Wohnungstür ihr Christenmagazin verkaufen wollen, lässt er einiges erleben. Wenn das Wort Gottes nicht reicht, kommt auch mal ein Karatetritt oder eine Pistole zum Einsatz.

Aber Tom lässt auch sonst niemanden ungeschoren: Im Sommer sind es Sonnenhungrigen, die er aufs Korn nimmt, im Dezember alles um Weihnachten, während der Loveparade die Raver. Sein Witz ist nicht bösartig, aber immer herrlich treffgenau.

Es gibt nicht wenig Taz-Leser, die zuerst zum Tom-Comic blättern. Sie begleiten einen tatsächlich in den Tag und sie würden fehlen, wenn ihm doch irgendwann mal die Ideen ausgehen sollten.
Wer die Zeitung nur online liest, findet die Comics übrigens auch im Netz. Dort kann man sich die sogenanten “Ziegelsteine” auch als Buch bestellen, mittlerweile mit insgesamt 5000 Strips.

© TOM des Tages




Hansa-Theater

1888 erhielt die Berliner Kronen-Brauerei einen Bauschein für ein Saalgebäude mit 424 Sitzplätzen und 1.364 Stehplätzen. Da zu dieser Zeit die Kombination von Brauereianlagen mit “Einrichtungen, die dem Bierkonsum dienten” üblich waren, wurde dieser Festsaal sowohl für gesellige als auch für politische Veranstaltungen genutzt, bis er kurze Zeit später, 1889, als Stadttheater Moabit deklariert wurde.
Der Festsaal der Kronenbrauerei, aus dem später das Hansa-Theater entsteht, hat eine künstlerische Existenz abseits der hauptstädtischen Theaterkritik. 1914 schreibt ein Zeitgenosse: “Das Publikum fühlt sich behaglich, verzehrt sein mitgebrachtes Abendbrot während der Pausen, wozu Kellner Bier reichen. Bieten diese Theater auch dem verwöhnteren Geschmack keine künstlerischen Eindrücke, so sind sie interessanter für das Studium gewisser Volkskreise. Es fällt angenehm auf, dass in diesen Theatern der Ton zwar ein derber ist und die Dinge häufig bei einem sehr deutlichen Namen genannt werden, dass aber die Zote ausgeschaltet ist.” Neben Possen, Schwänken, Burlesken und sogar Singspielen und Operetten fanden Stücke zeitgenössischer Autoren den Weg auf die Bühne.

Als der Film populär wurde, folgte man diesem Boom und baute 1923 das Theater zum Filmpalast Hansa mit 800 Plätzen um. Dass das Kino nach dem Niedergang des Films vor dem Dasein eines Supermarktes bewahrt wurde, ist der Initiative eines Mannes zu verdanken: Paul Esser, der 1963 ohne finanzielle Unterstützung der Stadt sein Schauspielhaus Hansa gründete. Seine künstlerischen Ambitionen und Ansprüche lagen zwischen Boulevard- und Staatstheater. Doch bald hatte er mit dem Volkstheater eine Marktlücke in der Berliner Theaterszene und damit den richtigen Stil für die Moabiter Gegend gefunden. 1974 wurde das Schauspielhaus Hansa volkstümlich in Hansa-Theater umbenannt.
Hansa-TheaterBei Esser gab es keine Trennung von Volkstheater und Gebrauchstheater. Er konnte damit bei der Phalanx der Theaterkritiker keine Übereinstimmung erzielen, wie die Kritiken von Friedrich Luft bewiesen. Luft kam zum Fazit, dass die Kunstkritik am Hansa-Theater gar nichts verloren hat. Essers Plädoyer für ein Theater unterhalb des Dichterhimmels wurde nicht zur Kenntnis genommen.

1981 endete nach 19 Jahren die Ära Esser. Das Theater wurde an den Schauspieler und Regisseur Horst Niendorf übergeben, der das Theater auf der von Esser eingeschlagenen Linie erfolgreich weiterführte. Schwänke, Lustspiele, Komödien gehörten genauso zum Spielplan wie Auftragsproduktionen über aktuelle Themen oder berlinbezogene Stücke sowie die Aufarbeitung der Berliner Geschichte, zum Beispiel mit “Kaiser vom Alexanderplatz”.
Das Hansa-Theater erlebte unter Horst Niendorf eine weitere Blüte. Es kam zu der Zusammenarbeit mit namhaften Autoren wie Horst Pillau und Regisseuren wie Boleslaw Barlog und Axel von Ambesser. Unter der Leitung von Paul Esser und später Horst Niendorf spielten die großen Stars der deutschen Unterhaltung: Brigitte Mira, Edith Hancke, Heinz Erhard, Klaus Dahlen, Harald Juhnke, Barbara Schöne, Dagmar Biener, Anita Kupsch, Eddi Arent, Peer Schmidt, Ilja Richter und viele andere.

1995 übernahm Klaus Rumpf die Leitung des Hansa-Theaters. Wiederum wurde die künstlerische Linie fortgesetzt. In den 60er und 70er Jahren hatte Volkstheater noch breite Bevölkerungsschichten angesprochen. In den 90ern musste Klaus Rumpf auf die veränderte Lage im postmodernen Berlin reagieren. Das Volkstheater verschwand aus dem Bewusstsein der Berliner und wurde mehr und mehr zum Fremdkörper in der Stadt. Die Bühnenadaption des Films “Misery” ging neue Wege in der Form Volkstheater. Solche Erneuerungsversuche konnten die Stagnation jedoch nicht stoppen. Der Staub vergangener Epochen lastete auf dem traditionsreichen Haus. Ein jüngeres Publikum fand sich im Hansa-Theater nicht ein. Die Gründe sind vielfältig. Volkstheater war stets ein Spiegel der Zeit. Der Draht zum Publikum ging allmählich verloren. Das künstlerische Niveau konnte mit erfolgreichen Produktionen wie “Zille mittenmang” oder “Zickenschulze” noch gehalten werden.

An der Schwelle zum neuen Jahrtausend übergab Klaus Rumpf 1999 die Leitung an die Brüder Claudio und Pietro Maniscalco. Sie traten ein schweres Erbe an. In der über einhundertjährigen Existenz des Hansa hat man das Volkstheater schon häufig für tot erklärt. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger.
Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten erstrahlt das Hansa-Theater, nunmehr umbenannt in Berlins Volkstheater Hansa, in neuem Glanz, als es am 19. November 1999 mit dem Stück “Heinz Rühmann – Der Clown”, einer Revue über das Leben des großen Volksschauspielers, eröffnet wurde. Der Erfolg bei Kritikern und Publikum war gleichermaßen groß. Und nach 12 Jahren zeichnete der SFB erstmals wieder ein Stück der Moabiter Bühne auf. Für die darauffolgenden Produktionen konnte man altbekannte Stars wie Dagmar Biener, Brigitte Mira, Waltraut Haas und Winnie Markus gewinnen. Doch nach zweijähriger Intendanz erklärte Claudio Maniscalco mit Ende der Spielzeit 2000/01 seinen Rücktritt. Die Umsetzung seiner Vorstellung von Volkstheater sei auf Dauer mit dem kaufmännischen Verständnis seines Bruders nicht zu vereinen.
Am 1.7.2001 übernahm sodann der Schauspieler, Regisseur und ehemalige Intendant des Berliner Kabarett-Theaters “Die Komödianten” Fred Yorgk die künstlerische Leitung von Berlins Volkstheater Hansa. Yorgk setzte auf eine “neue, alte Schiene”: Volkstheater mit Musik. Doch schon wenige Monate später, im Februar 2002, wurde sein Plan vom Berliner Senat durchkreuzt. Die finanzielle Misere der Stadt machte eine Streichung der bisher erhaltenen Subventionen nötig. Pietro Maniscalco sah sich unter diesen Umständen zur Liquidation von Berlins Volkstheater Hansa GmbH gezwungen.

Das vorerst letzte Kapitel begann dann 2007: Unter dem Namen “Engelbrot & Spiele” eröffnete HP Vannoni alias Trauschke das Haus erneut, doch wirklich glatt lief es nicht mehr. Nach vielen Querelen, auch mit dem neuen Vermieter, wurde das Theater im März 2009 wieder geschlossen.




Alien Hitler

In unserem Land gibt es einen sehr merkwürdigen Reflex: Immer wenn irgendwo in den Medien von Hitler oder der Nazizeit die Rede ist, ohne dass ein Mindestmaß an Betroffenheit oder Verurteilung angehängt wird, ist sofort von Verharmlosung die Rede. Selbst wenn ein jüdischer Regisseur einen satirischen Film macht, in dem der Holocaust eine Rolle spielt, wird ihm Antisemitismus oder mindestens auch Verharmlodung vorgeworfen.
“Darf man über Hitler lachen?” wurde gefragt, als Helge Schneider seine Nazi-Verarsche in die Kinos brachte und die ewigen Bedenkenträger antworteten natürlich mit Nein. Es sind die gleichen Leute, für die anscheinend alles verdammenswert ist, was die Nazis nicht automatisch mit der Keule runtermacht. So auch aktuell beim Kinofilm “Der Vorleser”, in dem eine frühere KZ-Aufseherin doch tatsächlich als Mensch dargestellt wird. Es gilt manchen Kritikern schon als Verharmlosung, wenn man Nazis nicht nur als teufelsgleiche Bestien präsentiert, sondern eben als Menschen, die in der damaligen Gesellschaft aufgewachsen und sozialisiert wurden.
Ähnliche Kritik gab es auch, als der Film “Schindlers Liste” ins Kino kam. Angeblich wurde darin ein Ex-Nazi, Kriegs- und Deportationsgewinnler reingewaschen und glorifiziert. Wen interessiert es da, dass Schindler in der Realität 1.100 Menschen das Leben gerettet hat. Klar, dass auch Stauffenberg in “Operation Walküre” sein Fett wegkriegt. Doch auch Filme mit tonnenschwerem Tiefgang haben bei den wahren Antifaschisten keine Chance. Als “Der Untergang” die letzten Tage in der Reichskanzlei nachzeichnete, lautete die Kritik wieder mal, Hitler würde zu menschlich dargestellt. Ja, wie denn sonst? War er denn kein Mensch? Natürlich ist er für den Tod von Millionen Juden und Kriegsopfern verantwortlich, mit sogenannter Menschlichkeit hat das natürlich nichts zu tun. Soweit man heute weiß, war Hitler trotzdem kein Alien von einem anderen Stern, sondern Teil der Gesellschaft damals, natürlich einer grauenvollen Gesellschaft, immerhin haben Abertausende mitgemacht. So wie die Massenmörder in China, der Sowjetunion oder viel später auch in Ruanda. Es ist gerade wichtig, zu zeigen, dass “das Böse” nicht von außen über das Land kam, sondern sich aus der eigenen Gesellschaft entwickelt hat. Die Folterer in den SA-Kellern, die Parteibonzen, die KZ-Aufseher und die Beamten, die den Nachlass ermordeter Juden verwalteten, all sie waren ganz normale Bürger, Nachbarn, privat vielleicht sogar sympathische Leute.
Die Nazis von damals als Menschen zu zeigen, ist keine Verharmlosung. Aber so zu tun, als hätten sie nichts mit dem damaligen Deutschland zu tun, ist dumm. Gerade dies verharmlost die Gefahr, die auch heute noch besteht. Die Erfahrungen von Srebrenica 1995 zeigen, dass auch heute einfache Bürger Massaker anrichten können. Faschismus kommt von innen. Und er kann sich jederzeit wiederholen, wenn die Umstände entsprechend sind. Das verhindert man nicht, indem man ihn tabuisiert.




Apollos Tempel in Berlin

Vom Nationaltheater zum Konzerthaus am Gendarmenmarkt: Der Platz gilt als einer der schönsten Europas, die um ihn angeordneten Häuser machen den besonderen Reiz des Ortes aus. Der Gendarmenmarkt ist als Stätte von legendären Theater- und Musikaufführungen mit großen Künstlern wie Carl Maria von Weber, Richard Wagner, Gustaf Gründgens oder Leonard Bernstein verbunden. Das Konzerthaus, von Karl Friedrich Schinkel als Schauspielhaus 1821 erbaut und mit Goethes “Iphigenie” eingeweiht, wurde nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als ein Meisterwerk klassizistischer Architektur 1984 rekonstruiert. In dieser mit 300 schwarz-weißen und farbigen Fotos reich bebilderten Chronik wird seine faszinierende Geschichte ausführlich dargestellt.

Dieter Goetze:
Apollos Tempel in Berlin
Vom Nationaltheater zum Konzerthaus am Gendarmenmarkt
EUR 39,95




Nazis sind jetzt Hardcore

Wie die Taz berichtet, hat sich ein Neonazi den Begriff “Hardcore” als Marke schützen lassen. Timo Schubert ist seit Jahren als aktiver Rechtsextremist bekannt, er spielt in einer Rockband und betreibt einen eigenen Online-Shop, in dem neben zahlreichen T-Shirts mit dummen Sprüchen auch Reichskriegsflaggen, CDs und sogar Gummiknüppel und ausziehbare Schlagstöcke aus Stahl angeboten werden.
Mit der Sicherung der Wortmarke darf nun niemand mehr den Begriff “Hardcore” im Zusammenhang mit Musik nutzen, ohne von Schubert eine Genehmigung dafür zu erhalten. Dabei ist Hardcore mehr als nur ein Fantasiewort, es beschreibt einen ganzen Musikstil – und zwar einen traditionell antifaschistischen. Schon Ende der 70er hatte sich aus der Punk-Szene eine noch härtere Fraktion gebildet, mit Gruppen wie Blag Flag, die auch in Europa bis heute bekannt sind. In Deutschland kam Hardcore in den 80er Jahren auf. Hier verstand man sich nicht nur als antifaschistisch, sondern meist auch ausdrücklich als links. Die Konzerte finden seitdem hauptsächlich in Clubs wie dem SO36 statt, also in der linken Szene. Der Begriff Hardcore findet sich seit über zwanzig Jahren auf hunderten Produkten wie T-Shirts, Plakaten, Aufklebern und CD-Covern.
Mit der Sicherung der Markenrechte kann Timo Schubert nun in der linken Szene kräftig abkassieren. Oder er könnte seine Verwendung sogar untersagen lassen, was so manchen linken und Musikversand in finanzielle Nöte treiben könnte.
Bisher ist jedoch noch nicht sicher, dass der Markeneintrag bestehen bleibt. Bands, Musikverleger, Plattenfirmen, Veranstalter und Fans werden derzeit kontaktiert, um eine Löschung der Marke zu erreichen. Das ist innerhalb von drei Monaten nach dem Eintrag möglich, allerdings läuft die Frist schon im März aus.




Beim Geld hört der Spaß auf

Gangster-Rapper sind der Vorbild vieler Jugendlicher, und manche ihrer Fans nehmen es sogar ernst, was sie singen. Dabei sind die Texte der Rapper genauso gelogen wie die von Schlagersängern. Vor allem Rapper leben aber von ihrem Ruf, besonders harte Jungs zu sein, “von der Straße” zu kommen und kriminell zu sein. In Wirklichkeit sind manche dieser Herren nichts weiter als bürgerliche Spießerchen, die nur Geld verdienen im Kopf haben. Anders ist es wohl nicht zu erklären, wenn Leute wie Bushido gerichtlich gegen Leute vorgehen, die sich ihre Musik in Musiktauschbörsen herunterladen. Dass sich viele die CDs nicht leisten können, wird dabei ignoriert, stattdessen wird ein Anwaltsbüro eingeschaltet, das die bösen Raubkopierer mit Anzeigen überzieht. Egal, dass gegen Bushido schon wegen Nötigung, Beleidigung und Körperverletzung ermittelt worden ist, mehrere seiner Lieder wegen jugendgefährdender Inhalte auf dem Index stehen und in seinem Liedern feindselige Äußerungen gegen Frauen und Schwule vorkommen. Wenn es um Geld geht, hört der Spaß auf, dann ist auch die eigene (angebliche) Herkunft vergessen.

Nach Medienberichten wird jetzt sogar ein Rentner verfolgt, der gar kein Tauschprogramm auf seinem Rechner hat. Über eine offene WLAN-Verbindung hat offenbar jemand anderes Bushido-Songs heruntergeladen, aber auch das ist egal. Die Doppelmoral des angeblichen “Gangsters” ist offensichtlich und nur peinlich. Vielleicht sollte er doch lieber Schlager singen.




Gruftie Lindenberg

Kennst du Udo Lindenberg? Genau, das ist dieser Alt-Rocker, der nie ohne Hut, meistens im Mantel und immer mit dem aufdringlich lässigen Gang auftritt. Meistens sieht man ihn im Zusammenhang mit den 70er Jahren, vielleicht auch noch den 80ern, als er mit Nena zusammen war.
Aber Lindenberg ist in der deutschen Musikszene wirklich eine wichtige Figur. Beziehungsweise war er es vor etwa 30 Jahren. Damals war er zusammen mit seiner Band “Panikorchester” einer der ersten, die deutsche Rockmusik gemacht haben. Bis dahin war Musik mit deutschen Texten nur als Schlager üblich, Roy Black oder Rex Gildo waren die Stars.
Aber Udo Lindenberg hatte mit solcher Musik nichts am Hut (den er damals auch noch gar nicht getragen hat). Auf seinen Konzerten gingen die Leute richtig ab, seine Lieder handelten von den Jugendlichen, die sie hörten. Zum Beispiel hat er mehrere Lieder gemacht über Schüler, die von Zuhause abhauen und irgendwo hintrampen und was sie dann erleben. Oder von einem, der davon träumt ein Segelboot zu klauen und damit abzuhauen. Er sang von dem Jungen, der sonntags bei seinen Eltern in der Bude sitzt und sich langsam besäuft, weil ihm so langweilig ist. Und von dem Mädchen, das die Schnauze von der Schule voll hat, nach München trampt und dort ausgerechnet mit einem Lehrer anbändelt.
In den 70er und 80er Jahren sind in Deutschland zehntausende von Jugendlichen von ihren Eltern abgehauen, viele erst 13, 14 oder 15 Jahre alt. Manche gründeten illegale Wohngemeinschaften und in Berlin erhielten diese sogenannten “Treber” sogar ganz offiziell die Erlaubnis, in zwei Häusern zu leben, die sie vorher besetzt hatten. Die Musik von Udo Lindenberg war immer mit dabei.
In den 80ern dann machte er Lieder gegen Nazis und die Dumpfheit der Spießer. Und das ist eigentlich bis heute so. Wer nicht nur auf Lala oder Hip-Hop steht, sollte sich mal einige alte Lieder von Udo Lindenberg anhören, da sind bestimmt ein paar Überraschungen dabei.




Jugend-Berlinale

(Berlinale 08)
Die Berlinale hat ja eine Reihe von Sonderveranstaltungen, eine davon ist die Jugend-Rubrik “14plus”. Abends gegen halb Zehn kam der Ausruf “Kinderfahrt am Dreispitz”. Ich wurde zur Kalkscheune geschickt, zwei Mädchen und ein Junge, alle um die 14 Jahre, waren meine Fahrgäste. Sie gehörten zur Jugend-Jury und hatten anscheinend einen anstrengenden Tag hinter sich. Wie die Erwachsenen schauen sie sich täglich mehrere Stunden lang Filme an und bewerten sie. Während der Junge ziemlich aufgedreht war, unterhielten sich die Mädchen auf dem Rücksitz leise über den Tag und ihre Erlebnisse. Der Junge gab zu allem seinen Senf dazu, er quatschte immer dazwischen und nervte die beiden anderen. Gleichzeitig versuchte er mir einen der Filme zu erzählen, kam aber mit anderen Beiträgen durcheinander, so dass er irgendwann selber nicht mehr durchblickte. Er musste als erstes aussteigen, danach waren die beiden Mädchen erleichtert: “Der nervt schon den ganzen Tag. Und über die Filme kann man dem überhaupt nicht reden.”
Danach diskutierten sie noch eine Weile, wie man einen Film richtig bewertet, welche Kriterien zu beachten sind usw. Sie nehmen ihre Aufgabe wirklich ernst und es war richtig interessant, ihnen zuzuhören. Nachdem sie ausgestiegen waren, hatte ich einen guten Einblick, wie so etwas funktioniert. Wenn auch “nur” bei den Kindern und Jugendlichen.




Partyjäger

(Berlinale 08)
Wenn es Nacht wird über der Berlinale, dann kommen die Jungen und Wilden, die sorgfältig Unrasierten, die Freunde der Promis, auf der Jagd nach der richtigen Party. Jede Nacht sind irgendwelche “Locations” angemietet, irgendein Filmemacher, eine Produktionsfirma, ein Sponsor lässt dort auflaufen. Die Partys beginnen meist um Mitternacht, sie stehen in keinem Programmheft, sie sind Bückware, werden unter der Hand weitergereicht.

Ein Pärchen steigt zu mir ins Taxi. Erstmal muss ich heraus kriegen, ob sie deutsch sprechen, das ist nur bei der Hälfte der Fall. Meist wird mir dann ein Blackberry gereicht oder ein Handy mit SMS-Text, oder auch nur ein Zettel. Manchmal muss ich auch selber ans Handy, dann sagt jemand: “Fahren Sie in die Heidestraße am Hamburger Bahnhof. Suchen Sie die Nummer XY, fahren Sie dort auf das Gelände hinter der Lagerhalle.” So war es vorhin, in der Heidestraße empfing uns der alte Regisseur Wim Wenders auf einem Werkstattgelände. Nie hätte hier jemand eine Promi-Filmparty vermutet.
Manchmal aber ist der Ort noch versteckter. Dann wird der potenzielle Partygänger per Handy gelotst. Oder er jammert und bettelt am Telefon nach der konkreten Adresse. So auch heute Nacht wieder. Er wusste, dass es irgendwo an der Torstraße eine Party geben sollte und auch, wer sie veranstaltet. Doch seine Kumpels am Telefon wollten ihm nicht sagen, wo es lang geht. Wir sind dann auf gut Glück alle Querstraßen abgefahren und schließlich ist er in der Bergstraße im Edel-Restaurant Maxwell gelandet. Ich war mir sicher, dass das nicht der richtige Ort ist, Untergrundpartys gibt es hier keine, nicht mal, wenn die Fete nur als Untergrund getarnt ist. Er ist jedenfalls raus, ich fahre weiter und eine Minute später werde ich in der Ackerstraße gewunken: Zwei Frauen steigen ins Auto und erzählen, dass sie gerade von der Party kommen. Tja, so nah und doch so fern. Dies ist das Schicksal der (manchmal eben verhinderten) Partygänger.




Bücher sind schon cool

Es ist ja nicht so, dass ich vor Harry Potter noch keine Bücher gelesen hätte. Zuhause habe ich zentnerweise davon und fast alle auch gelesen. Neben ein paar Fachbüchern sind das vor allem Romane, fast ausschließlich Gegenwartsliteratur, Unterhaltung, Spannung. Und trotzdem hat sich mit dem Potter-Hype etwas verändert in meinem Buchkonsum, im Bücher konsumieren.

Schon Wochen vor dem Erscheinen der letzten Bände habe ich die Tage gezählt und als es dann am Samstag endlich soweit war und ich das letzte Buch dieser Serie in der Hand hielt, habe ich etwas gespürt, was ich ansonsten auch nur von den vorigen beiden Ausgaben kannte: Ich hielt ein dickes Buch, hunderte Seiten und dieses Werk war voll mit Geschichten, mit Anekdoten, spannenden Momenten. Da war so viel drin, was mich erwartungsvoll stimmte, etliche Seiten, die mir die Geschichte erzählen wollten, von Harry, Ron und Hermine, von Voldemort, von Hogwarts, von den vielen Freunden und von tiefer Freundschaft. Es drückte richtig nach außen. Ich spürte dieses Buch wie einen Schatz, ein Schatz von Worten und Sätzen, die nur darauf warteten, mich in sich hineinziehen zu wollen.
Bevor ich angefangen habe, in diese Welt dieses Buches einzutauchen, hat mein Freund mir gesagt, ich solle langsam lesen, dann habe ich länger was davon und bekomme auch mehr mit. Aber die Spannung riss mich mit und letztendlich ging die Geschichte immer schneller ihrem Ende zu. Es ist cool, dass ein Buch so fesseln kann. Die Vorfreunde, die Erwartung so anzuheizen, das vermögen nicht viele Bücher. Dieses kann es.
Und nun, wo wir wissen, wie die Geschichte um Harry Potter und die anderen ausgeht, muss ich mich auf die Suche machen. Ich habe gemerkt, dass Bücher, dass Geschichten unheimlich cool sein können. Aber jetzt brauche ich eine Ersatzdroge. Aus dem Buchladen.




Elektrodisco statt Techno

Die Love Parade ist Geschichte. Nach mehrjähriger Pause folgte 2006 zwar ein Comeback – dies wird aber ein einmaliges letztes Aufbäumen gewesen sein. Jetzt wurde die Love Parade für diesen Sommer offiziell abgesagt, die Veranstalter machen dafür den Senat verantwortlich. Der habe dem Veranstalter keine Planungssicherheit gegeben. Hintergrund ist, dass es noch eine zweite Bewerbung für eine Straßenparty im Juli gegeben gibt.

Denn auch die “Berlin Dance Parade” hat beantragt, mit 50 Trucks und lauter elektronischer Musik durch den Tiergarten ziehen zu dürfen. Der Senat wollte sich aber nicht entscheiden, nun zieht sich die Love Parade schmollend zurück und ruft die Völker der Welt auf, sich als Alternative zu bewerben.
Es ist schon schwierig nicht zu unterstellen, dass es hier vor allem ums Geld geht, und nicht nur um eine fehlende Genehmigung. Love Parade und B-Parade sind sich nicht grün, sie sind Konkurrenten, denn beide sind auch am Geschäft interessiert, nicht nur an der Party. Jeweils ein Großsponsor steht hinter ihnen, die Mega-Events können bei geschicktem Vorgehen viel Cash einspielen. Und vom inhaltlichen her sind die beiden Projekte eh nicht so weit auseinander. Die neuen Veranstalter kommen aus dem Umfeld der Love Parade und des Christopher Street Days und setzen ebenfalls auf elektronische Musik, vielleicht etwas Disco-mäßiger. Ob das für die Karnickel im Tiergarten erträglicher ist, weiß man noch nicht, aber wahrscheinlich werden dieses Jahr keine Millionen halbnackter junger Schönheiten diversen Geschlechts durch den Park tanzen. Aber ein paar Tausend sind ja auch ganz schön.




Bataillon d’Amour in Friedrichshain

Es müssen nicht immer Politiker, Monarchen oder Wissenschaftler sein, nach denen Straßen benannt werden. Am Donnerstag erhielt eine neue Straße auf dem Anschütz-Gelände in Friedrichshain den Namen von Tamara Danz. Damit wird die Sängerin der DDR-Rockgruppe Silly geehrt, die vor zehn Jahren an Krebs gestorben ist.

Silly waren in der DDR eine Band, die eher der Opposition zuzuordnen war, gesellschaftskritische Texte machten sie bei ihren Fans populär. Gleichzeitig zeichnen sich ihre Lieder bis heute als sehr persönlich aus. Mit der Straßenbenennung nahe der Oberbaumbrücke wird der Songschreiberin und Sängerin verdientermaßen ein Denkmal gesetzt.
Nach dem Tod von Tamara Danz war lange nicht klar, ob und wie die Gruppe Silly weitermachen würde. Erst sein einigen Monaten hat sie wieder eine neue Frontfrau, die bei der Straßeneinweihung ein kleines Konzert gab. Unter anderem spielten sie den Erfolgstitel Bataillon d’Amour, einen der bekanntesten, schönsten und sensibelsten Songs von Silly.