Richard und Elsbeth Lehmann

Richard Lehmann, geb. 22.4.1864 (Berlin), gestorben 4.6.1943 (Theresienstadt)
Elsbeth Lehmann, geb. Joel, geb. 11.2.1872 (Berlin), ermordet in Auschwitz

“A&A Lehmann. Fabrik von Mohair und Seidenplüschen, Nouveautes, Shawes und Wollenstoffen. Fabrik mit Spinnerei, mechan. Webstühlen, Färberei, Druckerei, Appretur in Schöneweide bei Berlin”

An die 1880 von Alfred und Anton Lehmann gegründete Plüschfabrik am Spree-Ufer erinnert heute fast nichts mehr. In der Hasselwerderstraße entstand Ende der 50er Jahre ein Park, die Wohnhäuser und kleinen Fabriken wurden abgerissen, nur eine Villa steht noch.
Lehmanns hatten Erfolg, ihre Aktiengesellschaft nahm sogar an der großen Gewerbeausstellung 1896 im Treptower Park teil und erhielt eine Silberne Staatsmedaille. Erbe des Betriebs sollte Antons Sohn Richard werden, geboren am 22. April 1864, der seine Reifeprüfung am Friedrichs-Gymnasium ablegte. Chemie- und Maschinenbaustudium folgten, danach noch ein Jahr in England, um dort die Textilfärberei zu lernen.
Im Drei-Kaiser-Jahr 1888 trat Richard Lehmann 24-jährig als Abteilungsleiter in die Firma ein. Zwei Jahre später heiratete er Elsbeth Joel, genannt Else, geboren am 11. Februar 1872 in Berlin. Das junge Paar war eng mit der Fabrik verbunden, es zog sogar noch von der Berliner Straße (heute Schneller-/Michael-Brückner-Straße) in die Hasselwerderstraße 8, fast bis an die Fabrik. Das damalige Werkstattgelände befindet sich heute an der Adresse Fließstraße 1-8.
Zwar war das Ehepaar Lehmann jüdischer Abstammung, doch Religion und Tradition spielten in ihrem Leben keine Rolle. Nach dem Tod von Anton Lehmann übernahm Richard als Direktor die Textilfabrik. Wie sein Vater nahm er viele gesellschaftliche und berufspolitische Ämter an, u.a. als Gemeindevertreter in Niederschöneweide, als Mitglied der IHK, als Vorsitzender des Wollplüschverbands, in der Berufsgenossenschaft sowie als Förderer der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Institut). Es waren die besten Jahre des Paares, das 1892 die Tochter Edith und 1895 den Sohn Hans bekam. Die wachsende Familie sah sich nun in Berlin nach einer neuen, größeren Wohnmöglichkeit um, doch der Vorstand der A&A Lehmann AG überredete sie, in Schöneweide zu bleiben. Auf dem Gelände wurde nun eine Villa mit Garten errichtet, auf Kosten der Firma und in deren Eigentum.
Die Tochter Edith Lehmann studierte nach der Schule Wirtschaftsökonomie und wurde allgemein als Erbin der Firma betrachtet. Sie heiratete Anfang der 20-er Jahre Arthur Feder, doch diese Ehe hielt nicht lange. 1926 folgte die Hochzeit mit Julius Feig, der bei A&A Lehmann im Aufsichtsrat saß und zudem Direktor und Miteigentümer einer Fabrik für Qualitätszigarren war. 1928 starb Hans, der Sohn von Richard und Else Lehmann.
Richard Lehmann war mittlerweile 64 Jahre alt und Generaldirektor. Seine knappe Freizeit verbrachte er im Garten seines Hauses sowie auf seinem Motorboot auf Berliner Gewässern. Doch gegen Ende der Zwanziger Jahre war das Glück vorbei, die Weltwirtschaftskrise erfasste auch die traditionelle Berliner Textilindustrie. Die Umsätze der A&A Lehmann AG sanken dramatisch. 1932 musste das Ehepaar Lehmann seine Villa verlassen, deren Eigentümer die Aktiengesellschaft war. Das Gebäude und Teile des Grundstücks wurden an eine andere Firma vermietet, die Lehmanns zogen in ein kleines Haus in Grunewald, Falterweg 13. Nur wenige Monate später kamen die Nazis an die Macht. Richard und Elsbeth sahen die Gefahr und organisierten für ihre Tochter Edith, deren Mann und ihre Kinder die Flucht nach England. Richard Lehmann hatte zeitlebens gute Kontakte auf die britische Insel, geschäftlich, aber auch privat: Sein Cousin Otto Jaffé war dort sogar zum Ritter geschlagen worden, trotzdem dauerte es noch bis 1939, dass neun Familienmitglieder der Lehmanns/Feigs nach England auswandern konnten. Richard und Else jedoch blieben in Berlin, sie hofften, dass man ihnen nichts antun würde. Dabei hatten sie die Repressionen gegen Juden längst gespürt und es wurde immer schlimmer. 1941 mussten sie ihr kleines Haus verlassen, sie fanden Unterschlupf bei einer jüdischen Familie in der Steglitzer Mozartstraße 22. Ab September desselben Jahres mussten sie den “Judenstern” an ihrer Kleidung tragen. Trotz allem glaubte Richard Lehmann, dass es sich bei der Repression um eine vorübergehende Erscheinung handelte und dass Hitler nach einem Sieg gegen die Sowjetunion einsehen würde, dass die Juden nicht seine Feinde seien. Als im Mai 1942 Richards Mutter Clara starb, erbte er die Hälfte ihres Vermögens, darunter die Aktien der A&A Lehmann AG. Doch dieses Erbe erhielt er nie. Die antijüdischen Gesetze verfügten, dass Vermögen und Erbe zugunsten des Reiches eingezogen wurden. Dies betraf nicht nur die Gewinne der Firma, sondern auch die Gebäude in der Hasselwerderstraße.
Ein halbes Jahr später, am 15. Dezember 1942, holte die Gestapo Richard und Elsbeth Lehmann ab und verschleppte sie ins Jüdische Krankenhaus im Wedding. Ihr Eigentum passte in zwei kleine Koffer, die sie mitnehmen durften. Das Krankenhaus in der Iranischen Straße war zu einem Sammellager umfunktioniert worden, von hier aus gingen Transporte in die Konzentrationslager ab. Nach sieben Wochen im Sammellager kam das alte Ehepaar am 2. Februar 1943 auf den Transport ins KZ Theresienstadt. Hier hin wurden vor allem alte Juden deportiert; Richard war mittlerweile 79 Jahre alt, seine Frau Elsbeth 71.
Am 4. Juni 1943 starb Richard Lehmann im KZ Theresienstadt. Else Lehmann wurde am 16. Mai nach Auschwitz transportiert, wo auch sie ermordet wurde.




Das Herz bleibt ein Kind

1.230 Flaschen Tivolibier, 120 Flaschen Sodawasser, 30 Flaschen Bordeaux, 3 Filets, 2 Schock Eier, 1 Butterfass, 1 Zuckerhut, 1 Baumkuchen, 6 Flaschen Scharlachberger und 1 Dutzend Flaschen Champagner. Diese “durch Zahl oder Gewicht beeindruckenden Quantitäten” kamen an Bord und dazu noch über 100 Kleinigkeiten, z.B. Muskatnuss und Salbeiblätter für Aal und Schleie.
Das war in Köpenick am 7. Juli 1874, als Theodor Fontane an Bord der “Sphinx” ging, um 2 Tage über den Müggelsee und die wendische Spree zu segeln. Wer das Schreibestück, das er danach in der deutschen Literatur abgegeben hat, im letzten Band der “Wanderungen” liest, der kann schnell eine Menge über die Wirkungen von 125 Jahren Berliner Geschichte lernen, wenn er den Weg nach Köpenick, von dem Fontane lakonisch sagt “zu Wasser”, ebenfalls zu Wasser zurücklegt. Ab zum Beispiel – wie wir an diesem Mittwoch – vom Hafen am S-Bahnhof Treptower Park (dahinter gehört bereits ein berlinisches Ausrufezeichen: Hafen am S-Bahnhof!) zu Rübezahl; Abfahrtszeit an dieser maritimen städtischen Spitzenstelle, die in ihrer Hafen- und Nichthafenhaftigkeit ohnehin ein berlinisches Muss ist – 15 h. Die “Sachsen” sieht schon eine Viertelstunde vor der Zeit so aus, als wolle sie jeden Augenblick ablegen.

“Hoffentlich ham Sies passend!”, fragt der Bootsmann streng, denn wir haben unsere Karten nicht am Kartenhäuschen gekauft und müssen ihn nun bitten, unsere dreimal dreizehnfünfzig für “einfach” entgegen zu nehmen. Wir werden akzeptiert und dürfen aufhören, uns unregelmäßig zu fühlen.
Jagusch findet die Spree ein bisschen obszön. Das Gefühl habe ich überhaupt nicht. Vor der Oberbaumbrücke finde ich sie bräsig, die Stadt hinnehmend, wie eine Mutter ihre Kinder, wenn sie sie nicht ganz versteht. Hinter der Oberbaum-, jedenfalls hinter der Elsenbrücke kommt ein neuer Anfang des Flusses, weiße Neubauten gegenüber, auf deren Balkons Leute stehen wie du und ich, die jedes Mal aus tiefer Brust aufstöhnen können, wenn sie an Sommertagen die weiße Stern- und Kreisflotte liegen und fahren sehen. Seit einiger Zeit ist sogar das blau-gelbe schwedische Wasserflugzeug hier stationiert, das wir im Sommer so oft über dem Berliner Himmel sehen, voller Freude, dass man uns begucken will, bloß weil wir da sind. Aber dann hinter der Insel der Jugend – oder liegt das bloß an den Empfindungen, die das Wort “Jugend” bei denen auslöst, deren Jugend vorbei ist? – kommt es mir vor, als sei die Spree traurig. Es liegt so viel Gewesenes am Rand.
Dass die Geschichte – aber ist sie es wirklich? – ein solch undifferenzierter Plattmacher ist … selbst wenn es so sein müsste, glaubt man doch – wenn man sich nicht ganz streng zusammennimmt, was man auf Bootsfahrten eben naturgemäß nicht tut -, dass es auch anders hätte sein können. Die schönen weißen Neubauten, die an mehreren Stellen dicht am Wasser liegen und die uns sagen, dass die Spree jetzt bewohnt und nicht mehr bewirtschaftet wird, helfen gegen die Vergangenheitsgedanken nichts, wenn sie mal eine melancholische Richtung eingeschlagen haben, jedenfalls nicht in der kurzen Zeit, die Gefühle auf einer solche Stern- und Kreis-Fahrt nur zur Entwicklung haben. Vor Stubenrauch- und Treskowbrücke müssen wir zu Aktivitäten übergehen: “auf Grund der geringen Höhe der Brücken” reicht es nicht, dass wir uns tief bücken, wir müssen das Oberdeck überhaupt räumen.
“Das war doch früher nicht so”, sagt die junge Frau zum befehlenden Bootsmann.
“Solang ett dies Schiff hier gibt und die Spree und Berlin , könn Sie hier oben nich sitzen, sobald diese Brücken kommen!”
“Aber ich saß oben…”
“Auf’m andern Schiff vielleicht. Auf so’m kleinen Kahn. Auf der Sachsen nich!”

Die gewesene Industrielandschaft links stammt meist von der AEG, von der es heute kaum noch den Namen gibt. Mit eigenem Bootshaus für den eigenen Ruderverein. Daran fahren wir jetzt vorbei. Das Haus ist von Peter Behrens, der für die AEG alles entworfen hat, was es zu entwerfen gab, von der Turbinenhalle bis zur Büroklammer. Der erste große Designer.
Nun biegen wir schon bei Spindlersfeld um die Ecke. Aus Treptow nach Köpenick, das uns – sobald wir um die Ecke an der Gutenbergstraße mit der ganz kleinteiligen Hausgartenanlage herum sind – seine schönste Altstadt-Silhouette zeigt. Da ist man wieder leicht in Gefahr, eine alte Stadt mit ihrer Altstadt zu identifizieren. Es gibt eine Neigung, das Alte, das älter ist als unsere Großeltern (deren Geburtsdaten wir schon gar nicht mehr kennen und manchmal nicht mal den Mädchennamen unserer Großmütter) für etwas Gemütliches zu halten, bis auch die Enkelinnen glauben, im Gestern und Vorgestern liege ein Schatz verborgen und nicht die Zerstörungen, die Kriege, die Völkermorde, der Genozid und der Holocaust.
“Guck da!” ruft in diesem Augenblick L. und zeigt hinüber zur Schlossinsel, denn dort – wo nun gar nichts ist – sehen wir unter den Schatten spendenden Zweigen einer Ulme die “Sphinx” liegen und auf Fontane warten, der für jeden einsteigt, der das Buch aufschlägt. Über dem Spreetunnel – links der Kleine Müggelpark, rechts die kleine spitze Nase der Kämmereiheide – mündet die Müggelspree in den Großen Müggelsee: Eine ziemlich schmale Stelle, die den Blick selbst in der Erwartung lange auf Friedrichshagen, also auf der Stadt, festhält; die Öffnung ist so plötzlich, dass der Große Müggelsee noch größer scheint als er ist, ein Binnenmeer, das Müggelmeer in lauter Landschaft. Wenn man weiter führe, hätte man dasselbe Erlebnis noch mal, wenn es zwischen Kelchsecke und Müggelhort – wo der Kleine Durchfluss von der Bänke zum Kleinen Müggelsee tatsächlich ein Strom heißt: Kelchstrom – wieder in die enge Müggelspree hinein geht: nach Rahnsdorf, Hessenwinkel, erst in der Mitte des Dämeritzsees ist Berlin zu Ende.

Die Pleasure-Station Rübezahl sehen wir vor uns liegen, sobald wir nur auf dem Müggelsee sind. Wir sehen sogar die Rückfahrgäste schon anstehen und ungeduldig auf unser Ankommen warten, während wir die Fahrt nun gerne noch etwas verlängert hätten, weil uns das Ende aprupt erscheint. Wir hätten “hin und zurück” nehmen können, dann hätten wir alle Gedankenketten vielleicht noch einmal in umgekehrter Folge durchlaufen können; die berliner-deutsche Geschichte wäre uns dann vielleicht als ein Born kleiner Geschichten und überhaupt als eine Erzählung erschienen, die man nicht zu verstecken und mit Schlussstrichen zu versehen versucht ist. Aber nun stehen wir schon bei Rübezahl am Ufer und die “Sachsen” hat schon wieder abgelegt. Jetzt sieht das Schiff aus wie die “Nellie”, auf der Marlow seine Geschichten erzählte, oder wie die “Otago”, Joseph Conrads erstes Schiff als Kapitän, mit der er auf der Fahrt von Singapur nach Bangkok die Schattenlinie überfuhr. Das Herz bleibt ein Kind. Sagt Fontane. Aber die Jugend kommt auch und ist dann auch zu Ende.

 




Die Mitte herausgeschnitten

Wer die Stadtgegend westlich und östlich der Lohmühleninseln, von Landwehrkanal und Flut-, früherem Freiarchengraben, am Schlesischen Busch kannte in den Zeiten ihres Mauer­schlafs, der wird sobald nicht aufhören, sich über ihre wiedervereinigte Verwandlung zu wundern und zu freuen. Fast 40 Jahre Geschichte sind hier so fort, als hätte es sie – da mag der Grenzturm so finster blicken wie er aus seiner Übriggebliebenheit kann – nie gegeben. Dass Geschichte vor allem Vergessen heißt, diese Geschichtslehre könnten wir derzeit freilich an vielen Plätzen in Berlin lernen. Aber solche Freiarchen- und Buschsätze gehören gar nicht in den gängigen Kanon des Bescheidwissens.
Das erste bedeutende Zeichen der verändernden Erneuerung setzte hier die Bewag mit ihrem mächti­gen Verwaltungsgebäude: ein architektonisches Spitzenstück (von Axel Liepe und Hartmut Steigelmann) mit so wenig Mängeln, dass man es ein Meisterwerk nennen könnte. Gegenüber führt die Eichenstraße von der hochherzigen Puschkinallee zur Spree und eröffnet – eine ziemlich alte Straße, älter als 100 Jahre – einen das Stadtgemüt aufrichtenden Weg zwischen Gewesenem, Werdenden und ganz neu Gewordenem. Mit der Maschinenfabrik von Carl Beermann stieg die Gegend aus dem Landschaftlichen ins Industrielle auf, die Industrie rückte von Westen her vor. Die Shedhallen, die Bruno Buch für diese Firma 1915, mitten im Weltkrieg, vielleicht zur Herstellung von Tötungswerkzeug, baute, sind noch da; 1925 baute Franz Ahrens sie für die “Allgemeine Berliner Omnibus AG”, die einstens berlinberühmte ABOAG zur Werkstatt um, und im Jahre darauf errichtete er die stützfrei überdachte große Omnibus­halle: heute “Arena”, eine Arena: “Auch hier ist ein Spielort des Theaters der Welt” steht vor dem entbusten Gebäude; dann noch ein viergeschossiges Wohnhaus und ein Werkstattgebäude von einem dritten Architek­ten: ein expressionistisches Architekturganzes, vor allem aber ein Industriedenkmal und überhaupt ein Berliner Geschichtsort: Stadt- und Ring-, Hoch- und Untergrundbahn, die Omnibusse erst mit Pferden, dann mit “Kraft” und die Straßenbahnen, die viele ältere Berliner deshalb nicht mit dem modisch­englischen Kurznamen Trams nennen wollen, machen einen wesentlichen und – bis die Autos kamen und der “Individualverkehr”- den wesentlichsten Teil der Beweglichkeit der Metropole Berlin aus.

So verführt den Nachdenklichen die Westseite der Eichenstraße ins Gewesene, wie ihn die Ostseite in die lebhafteste Nach-Mauer-Gegenwart versetzt. Ein schöner Weg führt am Ufer entlang. Der Blick auf die Spree zeigt Berlin in einer Weite und Offenheit als läge es am Meer. Die Twin-Towers werden umso höher je näher man ihnen kommt. Auf dem obersten Balkon des vordersten der gelben Wohnhäuser, die zwischen den Towers, wie hier die Türme heißen, zum Wasser vordrängen, gießt eine junge Frau ihre Gerani­en und sieht den Schiffen zu: ist draußen und drinnen zugleich, in einer Berlin-Befindlichkeit, die sich nun schon manchen modernen Platz gefunden hat. Dieses Areal von Häusern und Höfen, das sich zu den – durch die Firmenüberschrift nun leider verunstalteten – Treptowers hinzieht, ist von den Architekten Spangenberg und Fehse städtebaulich geplant. Ein kleiner Berlin-Ruhm gehört ihnen. An der weißen Mauer zum Treptowers-Innenhof wächst Wein und Efeu. Ein Gärtner arbeitet wie in einem Schlosshof.
Auf dem Wasser stehen drei flache durchlöcherte Riesen, von denen man immer nur zwei sieht, sie umarmen und begrüßen sich und machen den Ein­druck, dass sie sich freuen, hier bleiben zu dürfen.

Wir dagegen folgen unserem Plan einer Bezirks­durchquerung von Treptow und Köpenick, den bald vereinigten, von einem Hause des Massenverkehrs zu einem anderen. Vom friesenblauen S-Bahnhof Treptower Park brauchen wir dafür mit S4, S3 und Tram 62 eine knappe Dreiviertelstunde, ehe wir nach der schwer zu durchquerenden Altstadt Köpenicks an der Haltestelle Betriebshof Köpenick aussteigen. “Betriebshof” heißt der Funktionsname: Depot der Städtischen Straßenbahn Köpenick, 1903 bis 1906 vom Stadtbaumeister Hugo Kinzer gebaut, am Rande des Fischerkiezes, der drei Straßen weiter mit Judis-, Breiter – und Naumannsgasse zum Wasser, zum Frauentog und an die Insel des Schlosses heranragt. Auch das Straßenbahndepot ist ein Schloss. 12 Tore hat die große Halle unter zwei sechsteilig geschwun­genen Giebelfeldern, die mit Klinker-Mustern so geordnet und zurückhaltend geschmückt sind, als sollten sie Menschen Eindruck machen, die die Alhambra im Herzen tragen.
Da könnten wir nun anfangen, uns Gedanken darüber zu machen, aus welchem Gemisch von Maschi­nen- und Kunstgedanken die Straßenbahn anfangs hervorgerollt ist (nicht anders als das Wasser floss aus dem Wasserschloss in Friedrichshagen): technisch Moderne, ästhetisch Bilderbuch, das Neue tapfer versteckt hinter dem Nachgemachten, das Wirkliche hinter dem Vorgeblichen, das nun aber längst seine eigene Geschichte hat und sich nicht mehr darauf befragen lassen muss, was es einmal war. So ist auch dieses Straßenbahndepot nur einfach schön.

Es beginnt zu regnen. Wir müssen zurück. Bevor wir Köpenick verlassen, gestatten wir uns im Eiscafé Lampe im Forum einen exotischen Traum aus Hawaii. “Nimm das mal!” sagt meine Lebensfreundin, “damit du weißt, wie Mango schmeckt.” Dann probiert sie von der Ananas, die nach beiden Seiten den Teller überragt. “Die ham vergessen, die Mitte rauszuschneiden. Die Mitte gehört immer rausgeschnitten.”

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Von Adlershof nach Chicago

Die sich ans Adlergestell anlehnende, besser: sich von ihm fortentwickelnde Stadtgegend zwischen Glienicker Weg, Handjery- und Dörpfeldstraße ist ein eigener Kiez. Ich nenne ihn “Süßer Grund”. Als Mitte des 18. Jahrhunderts die Besiedlung der Gegend begann, soll das Gras, das aus dem fruchtbaren Boden spross, süß geschmeckt haben. Süßer Grund hieß lange Zeit der mit der Zeit immer städtischer werdende Platz, der auch heute noch den Beginn des Kiezes darstellt. Am Sonnabend saß ich dort in der Frühlingssonne. Platz der Befreiung heißt der süße Ort seit 1948. Drei Jahre zuvor war hier die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkrieges zu Ende gegangen; man sagt: auf dem Adlershofer Bahnhofsvorplatz hätten sich zwei sowjetische Angriffsarmeen vereinigt, und damit war die Schlacht um Berlin aus. Das Denkmal, das auf dern Befreiungsplatz an dieses fast welthistorische Ereignis erinnert, kann man in seiner zurückhaltenden Bescheidenheit kaum ein Denkmal nennen. Jetzt denkt ja auch, denke ich, das Land nicht mehr an den Krieg von gestern, nachdem es vorige Woche begonnen hat, die Kriege von heute zu führen.
Auf den Platz laufen zwei Straßen zu; die eine heißt nach Georg Weerth, einem revolutionären deutschen Schriftsteller, für den es, hörte ich, in Havanna auf Cuba, wo er gestorben ist, ein Denkmal gibt, aber in Detmold, wo er geboren ist, nicht; Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski, 1849 bei Hoffmann und Campe, Heines Verlegern, erschienen: das wäre beispielsweise Lektüre für den “Bismarck von Adlershof” gewesen, jenen Rittmeister von Oppen, der die Tochter des Schnapsfabrikanten Radicke geheiratet hatte und damit auch dessen Vermögen, und nun die ganze Gegend mit Polizeigewalt regierte, die Sozialdemokraten verfolgend, wo er nur konnte. Er ist vergessen; die Oppenstraße heißt längst nach dem ehemaligen Sozialdemokraten (und späteren Einheitssozialisten) Otto Franke, sie ist auch nicht zurückgenannt worden ins Rittmeisterliche; das war der Senats-Geschichts-Bereinigungs-Kommission doch zuviel; die Radickestraße dagegen hat sie wieder aus dem Vergessen hervorgeholt, den KP-Schriftsteller Peter Kast aus der Erinnerung verabschiedend.

Die Herrschenden denken zu allen Zeiten, dass die Geschichte ihnen gehört. Dafür gibt es in Berlin Beispiele die Masse. Andere Typen halten sich dagegen völlig unbetroffen von den Ideologien. Der Herr Abt zum Beispiel. Ein Mann des 19. Jahrhunderts, Hofkapellmeister in Braunschweig, ein Komponist beliebter Männerchöre, die das in den Ersten Weltkrieg taumelnde deutsche Bürgertum gern schmetterte: “Gute Nacht, du mein herziges Kind”.
Die Weerthstraße hieß noch nach einem gräflichen kaiserlich-königlichen Innenminister, aber die Abt- war längst Abt-, als der Mann hier wirkte, dessentwegen ich heute zunächst hierher gekommen bin. Ludwig Hilbersheimer; die Lexika nennen ihn heute einen Amerikaner, ein Hauptheoretiker des Städtebaus, schließlich Professor in Chicago; geboren war er aber in Karlsruhe und berühmt geworden in Berlin und in Dessau, am Bauhaus. 1927 hat er ein Buch geschrieben, aus dem in Zustimmung und Kritik die erste deutsche Nachkriegszeit dieses Jahrhunderts viel zitierte: “Großstadtarchitektur”. Viel gebaut hat Hilbersheimer nicht. Ich kenne in Zehlendorf ein kleines Einfamilienhaus; hier in der Abt-/Ecke Anna-Seghers-Straße steht eine kleine Wohnanlage, an der er mitgebaut hat, Wohnanlage Süßer Grund. Die Fassaden sind nicht in bestem Zustand, der Putz bröckelt ab, aber dass die Fassadenentwerfer sich was gedacht haben, sieht man auch nach 70 Jahren noch.

Mancher, der Bescheid weiß, wird heute vielleicht diese Bauten eines Spitzentheoretikers der Moderne vergleichen mit der gerade renovierten Hausburg aus dem 19. Jahrhundert an der gegenüber liegenden Straßenecke, deren Architekt in keiner Ruhmesliste aufgeführt wird. Je mehr wir von der Geschichte vergessen (oder niemals gewusst haben), umso befriedigender erscheinen uns ihre Hinterlassenschaften. “Die Großstadt ist mit ihrer Raubbautendenz eine Schöpfung des allmächtigen Großkapitals”, sagte Hilbersheimer, “gegen die Profitgier muss angebaut werden”.
Als dieser Häuserblock im Auftrag der Mechanischen Feinweberei Adlershof entstand, war Deutschland erst seit gut zehn Jahren eine Republik mit einer – in Weimar bedeutungsvoll verabschiedeten – Verfassung. Eine berühmte Bestimmung aus dieser Verfassung, die als Teil des Grundgesetzes auch heute noch gilt, heißt: “Es besteht keine Staatskirche”. Das bedeutet u. a.: an den Schulen ist Religionsunterricht kein Pflichtfach. Die Berliner Gedenktafel aus KPM-Porzellan an der gelb-rot beziegelten Anna-Seghers-Schule ist schwer zu lesen, weil man nicht rankommt. Das mächtige Schulgebäude steht gegenüber der Friedenstraße wie ein Schloss. “In einem Teil dieses Gebäudes … wurde 1920 die erste weltliche Schule in Berlin eingerichtet. Anders als im konfessionell gebundenen preußischen Schulsystern war hier der Religionsunterricht kein Pflichtfach mehr.” Deutschland hatte eine Verfassung und fing sogar an, sich daran zu halten.

Es ist eine ruhige, gesetzte Gegend, die sich vielfach restauriert. Solche Kieze gibt es viele in Berlin. Sie gehören zu den Charakteristika der Metropole. Wer hier verweilt, kann sich mitten in Berlin fühlen, obwohl er nicht mal mitten in Treptow ist. Das gedeckte neue Weiß der Häuser hinten am Ende der Nipkowstraße unterbricht alle Zeitgedanken mit “Oh” und “Ah”. Die Wohnanlage zwischen Nipkow-, Otto-Franke-Straße und Glienicker Weg sieht – aufs Preiswürdigste restauriert – schon auf den ersten Blick toll aus, aber erst wenn man verweilt, durch die Höfe promeniert, die Berta-Waterstradt-Straße bis zu ihrem Sackgassenende geht, wo die Tischtennistische stehen und alte Frauen in der Sonne sitzen, sieht man, dass diese auch 70 Jahre alte Wohnanlage in viele Muster- und Lobebücher hineingehörte, in denen sie bisher nicht steht, weil sie nicht von einem Architekten entworfen ist, der zu den Stars der Moderne zählt, sondern von einem – ich weiß gar nicht, was er gedacht und sonst getan hat und wie er endete -, ohne die die Kultur schließlich nichts ist als ein Versuch und Entwurf: Er hieß Werner Berndt, ich kenne sonst von ihm nur die Brotfabrik in der Weddinger Maxstraße, die kein Brot mehr bäckt. Wer wissen will, was aus der weltlichen Weimarer Republik hätte werden können, der kann hierher kommen. Und sich die Glasbänder angucken, die die Treppenhäuser abbilden, die bunten Keramikplatten und die Farbleisten, vor allem die Balkongondeln, die mit einem einfachen Metallschwung um die Hausecken den Wohnblocks Möglichkeiten abgewinnen zu träumen.
Aus der Handjerystraße sehe ich zurück zu den weißstrahlenden Berndt-Häusern, die an einem Sonnabend wie diesem sogar die gedrückte Zeitstimmung verbessern. Gleich werde ich bei Venezia vor der Marktpassage einen café latte trinken und denken: Was wäre Berlin ohne die Ausländer? In bezug auf Ludwig Hilbersheimer, den Baumeister aus der Abtstraße, könnte ich auch sagen: Was wäre die europäische Moderne ohne das transatlantische Amerika? Das wollen wir nicht vergessen, während wir über die kapitalistischen Rüstungsbosse klagen, die jetzt mit Bomben auf den Balkan ihre Kassen füllen. “Gegen die Profitgier muss angebaut werden!” rief Hilbersheimer; die Deutschen hauten ihm dafür auf den Mund, die Amerikaner gaben ihm eine Professur. “Ich weiß nicht: soll ich weinen? / Oder wein ich lieber nicht?”

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Iss nich

Das Wetter war so schön; es war zwar kalt, sagte Manfred Jagusch, der Fotograf, aber der Hirnmel über der Spree war blau, die alten Gebäude standen da wie eine Ritterburg, aus der die Ritter ausgezogen sind. Das war am Freitag; als ich am Montag die Nalepastraße entlang ging, hatte es am Sonntag Abend geschneit, gegen Mittag hatte der Schnee seine Weiße verloren, die Wege durch die Kolonie Wilhelmstrand eingeschwärzt und oberflächlich morastet.
Über die Nalepastraße kann ich – ein Wessi – nun auch schon verschiedene Geschichten schreiben; zweimal in DDR-Zeiten habe ich an dem gut bewachten Tor gestanden und bin nicht eingelassen worden, “aus grundsätzlichen Erwägungen” hieß es; später habe ich hier mit Übergangschefs gesprochen und Gespräche geführt, von denen ich heute nicht mehr weiß, in wessen Auftrag, noch weniger: zu wessen Nutzen.

Als ich gestern an der Haltestelle des 196ers stand, der nur phasenweise fährt, Auto an Auto über die schneenasse Rummelsburger Straße an mir vorüberbretterte und ich den feinnassen Straßendreck bis an die Wangen (Wangen!) zu spüren meinte, die stolzen Industrieruinen an der Straßenbaustelle betrachtend und gegenüber die wilden Birken, die in den novembrigen Januartag einen Hauch von Traumland brachten, konnte ich mir sagen: Hier, wo ich als unbeautoter Mensch jetzt ganz allein bin, bin ich auch noch nie gewesen.
“Kann ich die Nalepastraße hier durchgehn?” frage ich den IHS-Portier.
“Nee, schon seit 1957 nich mehr.”
“War aber dahinten zur Kolonie nicht ein Eingang?”
“Ja, wenn Sie berechtigt warn!”
“Aber nachdem die Vergangenheit nun vorbei ist “, versuche ich schüchtern einzuwenden, …
“Seitdem ist das Tor ganz zu, für Berechtigte und für Unberechtigte!”
Die Antwort erscheint ihm selbst schroff, deshalb fügt er an: “Pförtnerhaus iss nich besetzt. Kommt ja auch niemand. Früher…”

Früher, als hier der Rundfunk der DDR domizilierte, Haus A, B, C usw., Sendungen von fast tausendsiebenhundert Wochenstunden, ein Langwellen-, einunddreißig Mittelwellen-, neunundsechszig Ukw-, zehn Kurzwellensender … davon sieht man nicht mehr viel.
“Das Hörnchen würde ich gerne mal besichtigen.” Den Ausdruck kennt der Portier. Unsere freundliche Sekretärin, die früher hier gearbeitet hat, kennt ihn nicht. Noch früher stand hier eine Furnierfabrik.
Der Architekt des Rundfunkzentrums hieß Franz Ehrlich. Das Gebäude entstand 1951 bis 1955. Der Produktionsbereich steht abgerückt vom Hauptkomplex auf eigenen Fundamenten, zwischen beiden Gebäudeteilen eine geschwungene Verbindung: eben das Hörnchen; im Architekturbuch heißt es: “Da Aufnahmeräume nach den Gesetzen der geometrischen Akustik nicht rektangulär, sondem für Musikaufnahmen trapezförmig, für Hörspiele polygonal sein sollten, bot sich die Möglichkeit, sie zu einem Viertelkreis zu reihen und mit ihnen den Baukörper herabzustufen.”
Das sind Ausdrücke! Super! Geil! Heute will wohl niemand mehr Hörspiele hören, die polygonalen und trapezförmigen Räume sind überflüssig geworden, die Unterhaltung wird anderswoher geliefert, das Hörnchen ist baufällig, aus den Mauern wachsen die Gewächse, die rot-weißen Flatterbänder flattern. Ich gehe den Weg 1 zwischen gepflegten und weniger gepflegten Datschen – oder sagt man heute auch nicht mehr “Datschen”? – Bungalows? Der Weg endet auf der Nalepastraße, wo auch sie endet, dort verfällt das Pförtnerhäuschen, das dafür da war, dass der Eingang hier offen war für solche, die berechtigt waren. Alle Berechtigungen sind erloschen. Die Einrichtung ist platt gemacht. Wurde nicht mehr gebraucht. Manchmal versammelt sich hinten ein Chor und holt ein Stück aus der Vergangenheit, Hindemith, Das Unaufhörliche, hörte ich zum Beispiel von hier, Text vom Haut- und Geschlechtsarzt Benn aus der Belle-Alliance-Straße, damals, “Gefilde, Säume des Meers, / die alles trugen: Öl und Herden, / Siebenflöten, helles Gestein, / bis ihnen das Herz brach.”
Nee, am gebrochenen Herzen ist der Rundfunk der DDR nicht gestorben. Er ist verwandelt worden in einen anderen Erinnerungszustand. Es gibt die einen, die hier einen Teil ihres Lebens verbracht haben, vielleicht ihre Jugend, mit Liebe und Liebesversuch, und die anderen, die auf die Ereignisse verwiesen waren, zum Teil gute und erinnerungswürdige, zum Teil solche, die man dadurch ehrt, dass man sie schnell vergisst. Am Ende, meint Jagusch, war alles Anarchie, sogar Meuterei, aber sie haben gedacht: Das ist die Demokratie; man hat eben versucht, sich zu plazieren, manche haben einen Platz gekriegt und hüpfen weiter volkspädagogisch oder werblich, je nach Anforderung, über die runden Wellen, für andere ist nicht nur dieses Tor zu, sondern so ziemlich alle Tore.

Die Nalepastraße ist Straße und Nichtstraße, vom verschlossenen Tor, hinter dem es doch – manchmal und für manche – weit in die Welt ging, zieht sie sich symbolisch entlang, anfangs zur Hälfte schwarzer Erdweg, zur Hälfte schwerer Pflastersteig, rechts und links die Kleingärten, oben die Krähen, die sich hitchcockig sammeln auf den äußersten Hochspannungsmasten. Sie krähen mich an, sie segeln auf mich zu und sind viel größer, als sie sind. Am Weg Nummer 7 könnte ich nach rechts zur BVG-Fähre abbiegen, “aber ob die fährt?”, hatte der IHS-Mann gesagt, “gestern war noch Eis.”
Wie diese nach Nalepa, dem Färbereibesitzer und Teppichfabrikanten aus dem 19. Jahrhundert, haben auch andere Straßen hier heimatkundliche Bezeichnung: nach Tabbert zum Beispiel, andere martyrologische: Otto Krüger, Fritz Kirsch, einige Straßen – warum das? – heißen nach historischen Buchdruckern: Mentelin, Fust, und hinten die Straßen nach Technikheiligen: Watt, Edison, Siemens. Die Brücke, die behelfsmäßig über die Spree führt, heißt nach dem Teltower Landrat Stubenrauch, nach dem viel heißt in Berlin, als ob die Teilvereinigung von Berlin und dem Landkreis Teltow eine besondere Heldentat gewesen wäre.
Am Ende der Stubenrauchbrücke finde ich an der Schnellerstraße eine Haltestelle des 167ers, der mich durch klassischstes Treptow in klassischstes Neukölln fährt: U-Bahnhof Hermannplatz; sieben Minuten mit der U7 zur Möckernbrücke, klassischstes Kreuzberg, nicht weit von unserer Redaktion, wo ich nach einem passenden Schlusssatz zu diesem Text suche, der zusammenbinden wollte, was rechts dahinten liegt, in jener dunst’gen Weite, und hier … nee, nee, Lyrik iss nich.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Fünfhundert Meter Geschichte

Grünau und Wendenschloss liegen sich an der Dahme gegenüber. Die Dahme heißt hier Langer See; der Lange See ist zwischen hundertfünfzig und sechshundert Meter breit. Von der Wassersport- zur Müggelbergallee gibt es für Personen eine Fähre. Früher gab es auch eine Autofähre, zeitweise eine Ponton-Brücke. Über eine feste Brücke wird diskutiert. “Aber sie kommen nicht klar. In Spandau bauen sie überflüssige Brücken, aber hier baut keener wat”, sagt der Radfahrer, der – wie ich – an dem kleinen Bänkeplatz am Ende der Niebergallstraße Pause macht und aufs Wasser schaut. Er ist enttäuscht: “Seit der Wende geht alles den Bach runter. Früher ruderten hier Olympiasieger und Weltmeister. Es ist immerhin eine Olympiastrecke”.
Die Geschichte ist in der Mehrzahl genauer als in der Einzahl. Die Einzahl-Geschichte läuft auf unterschiedlichen Ebenen; bald aufwärts, bald hinab, je nachdem, auf welcher Ebene man sie betrachtet oder gar erlebt. Am Ende ihrer Geschichte war die Regattastrecke von Grünau eine Olympiastrecke. Der enttäuschte Radfahrer in der Niebergallstraße meint aber: am Anfang. Nach der Olympiade von 1936 mit fünf deutschen Siegen in sieben olympischen Ruder-Bootsklassen kamen wieviele Olympiasieger und wieviele Weltmeister, die die Fahne der DDR hochhielten und zu Eislers aufhebender Melodie auf die Treppchen stiegen. Deutschland vorn.

Der Baumeister der Grünauer Olympia-Anlage hieß Herbert Ruhl; er hat seine Sache gut gemacht, nicht geprotzt, “harmonisch” steht auch noch in den Büchern von jetzt. “Keine Regattabahn der Welt bot bislang solche Möglichkeiten”. Gut war das Wetter im Sommer 36 nicht, alle Entscheidungen gegen den Wind, Wolkenbrüche am 14. August; trotzdem säumten Zehntausende die Ufer und jubelten. “Inmitten seines begeisterten Volkes ragte die Gestalt des Führers hervor, dessen starker Wille das deutsche Volk zu den größten Taten befähigt hat, und sicher gehörten diese Stunden in Grünau zu den glücklichsten seines unvergleichlichen Lebens.” Von Verführung war hier nicht die Rede, sondern von Bereitschaft. “Tiefgefühlter Dank gilt unserem Führer”, schrieb der NOK-Präsident, ein ehemaliger preußischer Staatssekreträr, der hernach zynischerweise Gelegenheit bekam, auch andere Seiten seines Führers tief zu fühlen. Für das ideologische Doping ist hinterher niemand vor Richter gezogen worden. Kaum ist in Deutschland die Demokratie weg, kommen die Sportserfolge. Darin waren sich Nazi-Deutschland und die DDR ähnlich. Oder etwa nicht? Ist an diesem Vergleich irgendetwas falsch? Der PDS-Kandidat für Köpenick bei der letzten Bundestagswahl hat die Amnestierung von DDR-Funktionären gerade mit der Begründung verlangt, die Nazis hätten in der Alt-BRD auch weitgehend Straffreiheit bekommen. Da hat er Recht, und auch mit dem Vergleich hat er Recht. In Deutschland hat jeder Anspruch auf moralische Verkommenheit der Institutionen. Wenn man aus der Geschichte lernen wollte, dann hieße die Lehre: Widerstand lohnt nicht. Mitmachen wird erst belohnt, und dann nicht allzu sehr verübelt. Jasagen – das ist das Positive. Fünf Olympiasiege. Und später noch viele.

Die Möwen segeln auf mich zu, als wollten sie mir die zweifelnden Gedanken fortschnäbeln. Zwei Schwäne gleiten mir entgegen, als hätten sie eine Botschaft. Ich stehe an diesem blauhimmeligen Wintertag auf dem Fährsteg, warte auf den Fährmann, der mich übersetzt. Meine Gedanken sind erst schwarz wie die Blesshühner, die flügelschlagend übers Wasser laufen. Aber nachdem ich eine Zeitlang aufs Wasser und in die Sonne gesehen habe, denke ich: Schöner kann es nicht sein. Ruhig und friedlich. Je weniger man weiß, umso besser gehts einem.
Man kann die Geschichte des modernen Berlin auch als eine Geschichte der Villenkolonien schreiben. Ganz richtig wird diese Geschichte nicht. Aber auch nicht falscher als andere Geschichtsversuche. Dann finge man vielleicht 1863 im Westen an: Villenkolonie Alsen bei Stolpe, Wannsee, und im Osten lautete die Liste: 1870 Friedrichshagen, 1871 Hessenwinkel, 1891 Wilhelmshagen, 1892 Wendenschloss. Manche – ich entnehme das den Gesprächen meiner Fährgenossen suchen das Schloss der Wenden, der Nicht-Deutschen, oder ein Schloss gegen die Wenden, ein Deutschritterschloss, eine germanische Vorburg, auch heute noch.
Man könnte sagen: da finden sie zwar nicht eines, aber viele. Es gibt hochprächtige Villen hier. Ein Dahlem am Wasser. Wer am Ende des Möllhausenufers steht (zum Beispiel da), wo es zwischen Wasser und Villenparade noch eine Parkwiese bildet, der sagt sich: Schöner kanns wirklich nirgendwo sein.
Und es stimmt auch – ganz gegen den Eindruck meines geschichts-melancholischen Radfahrers – nicht, dass hier nichts los ist. Ganz im Gegenteil. Überall wird renoviert. Und neu gebaut. Ganz prächtige Millionentempel sind hier enstanden, in denen wohl schon die einzelne Eigentumswohnung Hochsechsstelliges kostet. Einem solchen Gebäude – vielleicht nicht gerade dem meisterlichsten, aber einem echten gelben Postmodernikum – ist auch das “Sporthaus Freundschaft” zum Opfer gefallen, Niebergallstraße 20. Vielleicht war es nicht schade drum, vielleicht sind auch noch ein paar archäologische Mauerreste da. Wenn man sich etwa da hinstellt, wo es stand, und blickt zu Adolf Hitlers Olympiatribüne hinüber, und sucht den Führer des deutschen Volkes auszumachen, wie er dasteht im Dunst der deutschen Siege, dann kann man fühlen, von dort drüben hierherüber: Dieser halbe Kilometer, das sind knappe neun Jahre Geschichte: Jubelgeschichte bis Tränengeschichte. Hier, Niebergallstraße 20, trafen sich am 5. Juni 1945 Marschall Schukow, General Eisenhower, Feldmarschall Montgomery und General Lattre de Tassigny. In ihrer “Berliner Erklärung”, im “Wendenschlossdokument”, stellten sie fest: Deutschland ist geschlagen, aufgehört hat es nicht, aber jetzt wird es von den Alliierten regiert. Fünfundvierzig Sommer lang war das so. Wenn man die Geschichte juristisch betrachtet. Aber die Geschichte ist in Wirklichkeit viel kürzer. Wenn man will. Oder viel länger. Wenn man das will. Alles ist Interpretation, Meinung. Dunst. Vergessen ist süß und sonnig.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Die ganze Stadt und Treptow

Es ist Sonnabend. Dieser Spaziergang fängt also zu Hause an, in Halensee. Mit der S45 nach Baumschulenweg. Was ist denn besonders an dieser S-Bahn-Strecke? Ach, was Besonderes gibt es da eigentlich nicht, es ist eben Berlin; einer der vielen Querschnitte, die man mit S-Bahn-Hilfe anlegen kann, um die Stadt sozusagen von innen zu betrachten. Ein städtischeres Vergnügen gibt es nicht, als mit der S- und U-Bahn durch die Stadt zu trödeln.
Aus der Bahn sehe ich: den Engel am Bundesplatz, stehend auf einem Dachfirst, als sei er gerade gelandet; die Höfe, die kurz vor der Station Schöneberg wie Reißverschlüsse offen zur Bahn sind, von der anderen Seite ist das die geschlossene Südfassade der Ebersstraße; den Flughafen Tempelhof, der im halb durchsonnten Novembernebel so harmlos daliegt, wie er für niemanden ist, der lange genug in Berlin gelebt hat; dann der Gasometer vor der Papestraße, ein leeres Kunstgehäuse; hinter Hermannstraße angesprayt: “Die Welt ist eine Zeitbombe”; Estrel, Berlins größtes Hotel, wie ein umgekehrtes Schiff, Wellen- oder Eisbrecher; Köllnische Heide heißt schließlich eine Station, um uns daran zu erinnern, dass von hier bis ans Wasser sich einstens wirklich Heide entlang zog, Wald und Gesträuch, abgeholzt 1829 bis 1840, damit das Quartier Baumschulenweg entstünde, das seinen Namen nach der Baumschule erhielt, die Franz Ludwig Späth in der Mitte der 1860er Jahre hier begründete mit schnellem internationalen Namen.
Wenn man auf der Station Baumschulenweg angekommen ist, hat man schon eine Menge von Berlin erlebt, was nicht in den Büchern steht und deshalb typischer ist als mancher Baedeker-Point.

Die Station Baumschulenweg liegt über der Baumschulenstraße, die als “Ablageweg” von Böhmisch-Rixdorf zur Spree ihre frühe Karriere begann. Nach Süd-Westen hin geht sie in die gewundene Späth-, dann nach der Neuköllner Blaschkoallee in Grade- und Ullsteinstraße über, um am Teltowkanal zu enden, nach Nord-Osten bildet sie das Rückgrat dieses ganzen Kiezes, ehe sie in der Idyllik der Kiehnwerderallee am Eierhäuschen vorbei, in dem in Fontanes Weisheitsroman, dem “Stechlin”, bedeutende Worte gesprochen werden:
“Aus Begeisterung und Liebe fließt alles. Und es ist etwas Schönes, dass es so ist in unserem Leben. Vielleicht das Schönste.”
“Hat eine Verlobung stattgefunden?”
“Nein … noch nicht.”
Sobald man diese Straße ein Stückchen in Richtung Kiefholzstraße geht, sieht man rechts hinten die Schweifhauben-Kirchtürme der Vaterhauskirche von den Rathaus-Architekten Reinhard & Süßengluth, 1910 bis 1911 gebaut; für diesen Architekturstil gibt es in den Büchern die phantasievollsten Bezeichnungen, am besten gefällt mir: “Expressiver Realismus”; vorstellen könnte ich mir freilich nichts darunter, wenn ich die Kirche nicht gesehen hätte, die aussieht, als ob sie aus Bayern wäre.
Die Architekturleute sind ja überhaupt einfallsreiche Wortschöpfer und Sprachklingler. Wie werden sie wohl das Haus nennen, das heute ein erstes Treptower Ziel ist: Baumschulenstraße 92; die Köpenicker Bank war der Bauherr, deshalb die Sandsteinplastik des Merkur oder Hermes, des Gottes der Kaufleute und der Diebe, der vor dem Eingang zu der Bankfiliale, die es jetzt dort nicht mehr gibt, Geld und Wertpapiere ausschüttet; fast denke ich, dass sich der Bildhauer – er hieß Kreußel – 1927 einen ironischen Witz erlaubt hat; den Stil des Hauses nennt das Buch “art deco”, ein anderes “Expressionismus”: Zickzackbänder, Medaillons, Palettenmotive, auf dem Dach Dreiecksgauben; die Architekten hießen Brinkmann und Melzenbach; ich kenne sie sonst nicht; sie können sich sehen lassen.
Aus der gleichen Zeit, 1927/28, ist um die Ecke der gerade halbwegs renovierte Baublock zwischen Ludwig-Klapp- und Mosischstraße, Bauherr: Gemeinnützige Baugesellschaft Ost mbH, eine 100-prozentige Tochter der Stadt Berlin, deren sozial-demokratischer Baustadtrat Martin Wagner am Ende der 20er Jahre ganz gewaltige Wohnungsbau-Leistungen in Berlin zu Stande brachte; nicht erreicht seitdem.

Unter den Baugesellschaften der Zeit war die größte und dem Neuen am meisten aufgeschlossene die Gehag, dieselbe, von der sich die Stadt Berlin jetzt trennt: darüber kann man sich Gedanken machen, aber man macht sie sich nicht.
Von der Trojanstraße auf der anderen S-Bahnseite, zur Köpenicker Landstraße und zwischen dieser weiten Straße und der Neuen Krugallee zum Dammweg hinunter erstreckt sich das Ende der 20er Jahre umbaute weite Areal, das in den Büchern Afa-Hof genannt wird, nach dem Bund allgemeiner freier Angestellter, einem Tochter-Unternehmen der Gehag.
Bruno Taut, der berühmte, vielleicht überhaupt Berlins größter Wohnungsbauer, war der Hauptarchitekt der Gehag, seine Vorstellungen von Straßen- und Hoffronten liegen auch hier zugrunde; der ausfühende Architekt hieß Ladislaus Forstner, manche meinen, der Mann habe Förster geheißen: das Vergessen hat begonnen: “Keine Eigenbrödelei, sondern große Anlagen aus einem Guss!” rief der Gehag-Vorsitzende, “wir sind eine vorwärts strebende Bewegung!”
Man ist also nicht irgendwo, wenn man – etwa von Lakegrund aus – durch die verschlungenen Wege geht, die die weite Innenfläche dieses “Hofes” durchqueren, ganze Kleingarten-Kolonien liegen inmitten; manche Fassaden renovierungsbedürftig, manche schon renoviert; später sind weitere Blocks mitten hinein gebaut, auch eine Schule: eine ganze Innenstadt, die der Autofahrer draußen nicht sieht, die sich fast bis zum Rathaus Treptow hinunter zieht: da merkt man, dass dieses Rathaus gar nicht so abseits liegt, wie der oberflächliche Betrachter glaubt.

Vor dem Rathaus steige ich in den Bus 265, der eine Treptower Zentralstrecke entlang fährt, an Zenner vorbei, an der Sternwarte, durch den berühmten Park, in dem die große Gewerbe-Ausstellung stattfand und in dem die Sozialistenführer vor Tausenden sprachen, schließlich durch die Straße, die für mich die schönste Straße Berlins ist, die Platanenallee, die nach Puschkin benannt ist; nach Kreuzberg, zum Schlesischen Tor; U15 auf der berühmten ersten deutschen Hochbahn-Strecke, Siemens’ Paradeprojekt, bis Uhlandstraße, im 119er nach Hause nach Halensee.
“An einem Vormittag habe ich Treptow und die ganze Stadt gesehen.”
Ach, längst nicht! Aber als ich an meinem Schreibtisch in der Westfälischen Straße diesen Text zu schreiben beginne, brennen mir noch die Ohren vor Berlin.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Frühherbst im Paradies

Der Weg ins Paradies beginnt auf dem S-Bahnhof Halensee, S45, Aussteigen Bahnhof Grünbergallee, dessen Bahnsteig sich weit hinstreckt. An seinem östlichen Ende schwingt sich eine Fußgängerbrücke über die Gleise; von oben sieht man den Flughafen Schönefeld: wenigstens die Flugzeuge, die aus dem Grün hervorsteigen, als seien sie auf dem Weg in andere Welten. Wenn man dann die Grünbergallee selbst gefunden, die brüllende Autostraße überquert und am Baustoff-Zentrum vorüber ist, kann man sich immer noch nicht vorstellen, dass das der Weg zum Paradies ist. Es ist ein Kolonie- und Datschen-Weg, rechts und links der Autos, die über den Asphalt schnorren, entfalten sich Gartenliebschaften, kleine Wiesen, Blumen, Sträucher, Hunde aus Leben und aus Porzellan. Auch die Porzellan-Hunde sind Leben. Die sie aufgestellt haben, freuen sich an ihnen. Wo sich jemand freut, entscheiden nicht ästhetische Kategorien darüber, ob man sich mitfreuen soll. Von den Kastanien fallen die Kastanien. Nur ein einziges Mal trete ich fußballerisch nach einer von ihnen, dass sie über die Straße springt; dann kommt mir das roh vor.
Über eine gefährliche Straßenabbiegung erreiche ich den Dorfplatz. Das Dorf fehlt. Aber dann ist es links und rechts doch da. Mehrere Arztpraxen in den denkmalgeschützten Ex-Dorfhäusern, hinter denen sich Scheunenhöfe erstrecken mit Taubenhäusern. Oben ein Spezialist für Flugmedizin, unten einer. Behandeln sie vielleicht den Fluglärm? Der Autolärm ist schlimmer. Hinter dem Weiher liegt die Kirche inmitten der Autostraßen wie hinter Wassern, die man durchqueren müsste. Dicht daran die Autohochstraße, die über die Grünbergallee gerade an der Stelle hinwegführt, wo sie sich umnennt in Buntzelstraße nach einem Gartenbaumeister. Das also ist das Tor zum Paradies.

Von da ab ist es nicht mehr weit. Die Siedlung Paradies beginnt an der Ecke Buntzel-/Paradiesstraße. Die giebligen, fachwerklichen Fünffamilienhäuser machen den ersten Bauteil des “Paradieses” aus; 1905 bis 1908 gebaut von der Arbeiterbaugenossenschaft Paradies, “um wirtschaftlich Schwachen ein menschenwürdiges Heim zu schaffen”. 1908 – das ist das Geburtsjahr meiner Mutter, die – 90 Jahre alt – diesen Text nun in Bad Schwartau lesen wird, wo sie lebt und auf Wald schaut; es gibt mehr Bäume in ihren Tagen als Menschen. Ich könnte ihr Leben beschreiben, um die Wirrungen aufzuzählen, die dieses zu Ende gehende Jahrhundert seit dem Beginn des Paradieses geboten hat. Überall Zerstörungen, auch im Paradies.
Der zweite Bauteil dieses offenen Architekturmuseums war 1914 fertig. Da mussten auch aus dem Paradies manche Männer hinausziehen, jubelten mit Blumen im Gewehr, ehe sie mordeten und sich ermorden ließen. Wenn ich “Mord” sage – das weiß ich schon -, wird es einige geben, die sich empören wollen. Mit den begütigenden Worten verwehrten wir uns aber den Zugang zu einer Gegenwart, in der der Name Paradies für ein Ensemble von Häusern und Gärten nicht zynisch klingt.

Ich gehe von der Buntzelstraße, an der braven Lindenschule vorüber ein Stück Dahmestraße, dann Leschnitzer, Pitschener, Hundsfelder, Polkwitzer Straße (das Paradies heißt nach schlesischen, polnischen Orten); Siebweg, Quaritzer Straße zurück zu der Mittelstraße, die sich vom Paradies sogar den eigenen Namen geborgt hat. Das ist mein Weg durchs Paradies.
Die ersten Nachkriegsbauten 1919/1920 sind von Fritz Oertel: Neoklassik, steht in den Büchern. Da ist was dran. Diese Ein- und Mehrfamilien-Häuser und erst recht die Bauten vom Meister Bruno Taut, 1925 bis 1927 an Dahmestraße, Leschnitzer, Hundsfelder, Siebweg und drumherum, kann man klassisch nennen.
Zwischen den Straßen findet der Aufmerksame und der Kenner schmale “Privatwege”, Betreten auf eigene Gefahr, darauf soll er’s ankommen lassen. Versteckt in einem solchen Weg beobachtete Emil Greulich, der rechtzeitig geflohen war, wie 1933, am Tag nach dem Reichstagsbrand, die Überfallwagen kreischend vorfuhren bei “Klemms Eck”, Quaritzer-/Ecke Paradiesstraße, und die Genossen abholten: KZ Brandenburg, dann Moorlager Esterwege, “wir sind die Moorsoldaten…”

Der Autolärm liegt hinter mir. Ich höre die Vögel zwitschern, ich kann dem Gesang der Blätter zuhören.
In der Mitte der Hundsfelder Straße Ebereschen im Beerenschmuck, rot, hohe Robinien; die Straßenfronten der Taut-Häuser über den rosafarbenen Türen in einem fast goldenen rauhen Gelbputz … wie gesagt: klassisch Die Straßenecke Hundsfelder/Pitschener ist sehenswert (andere Straßenecken hier auch); die alte Weide war schon da, als Taut hier anfing (bilde ich mir ein). Die Pitschener Straße schwingt sich mit einer kleinen Ausbuchtung in der Mitte nach Westen zwischen den alten Holzzäunen im abblätternden Grün. Diese Zäune müsste man unter Denkmalsschutz stellen, denke ich; aber ich bin ja überhaupt nicht für Denkmalsschutz, behördliche Register erhalten nichts, die Geschichte der Stadt gehört nicht in die Verwaltung der Bürokraten.
So erreiche ich wieder die Paradiesstraße, durch die ich das Paradies nun verlasse. Die Straße führt mich mit andauerndem Himmelsnamen bis zum S-Bahnhof Altglienicke, vorbei am herbstlichen Brachfeld, auf dem das Blumen-Gelb jetzt langsam im Schwarzbraun verschwindet: die Farbigkeit des Abschieds, nachdem der Sommer schön war. Während ich auf die S-Bahn warte, hat sich eine Heuschrecke auf meiner Jacke niedergelassen, ich schnippe sie vom Revers, denke aber gleich, dass das Unglück bringt, so dass ich sie auf den Bahnsteigplatten anspreche: Na, kleine Grille, kleiner Grashüpfer … aber nun will sie mich nicht mehr. Jeder Sommer war schön, den wir auf beiden Beinen erlebten.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Denkmalskunde

Erneut. Schon mehrmals habe ich das sowjetische Ehrenmal im Park von Treptow und das Denkmal auf dem Platz des 23. April in Köpenick zu beschreiben versucht. Jedesmal habe ich schmähende Briefe bekommen. Die einen wollen Heldenlieder, die anderen das politische Igittigitt. Worüber wir uns nicht einig sind, darüber können wir keine Denkmäler herstellen, über die wir uns einig wären.
Die Orte sind eigentlich unvergleichbar. Eine Stadtreise, um an einem Vormittag beide Denkstätten zu besuchen, also auch miteinander in Beziehung zu setzen, das ist an sich ein zweifelhaftes Unternehmen. Trotzdem ist der Weg, der am besten am späten Vormittag, vor und nach den Rushhours, unternommen wird, lohnend.

In der Denkmalsanlage im Treptower Park steht sehr viel Text. Solange ich heute da bin, sehe ich niemanden, der die deutschen oder russischen Sätze läse. Es sind – wie wir wissen – Aussprüche eines Massenmörders. Einige sind zutreffend, schön und gut, andere weniger. Ich weiß es von früher. Ich lese sie heute auch nicht. Ich komme von Westen, vom ausreichenden Parkplatz, durch den römisch oder pariserisch wirkenden Triumphbogen. Anfangs bin ich ganz alleine. Ich denke, dass ich ganz alleine bin. Dann sehe ich den Penner, der auf einer der lehnenlosen Bänke schläft, die im Halbkreis die steinerne Frau umgeben, mit der die eigentliche Denkmalsanlage beginnt. Ein Polizeiwagen fährt ziemlich schnell und so dicht an mir vorüber, dass ich einen Schrecken bekomme. Alsbald braust er in umgekehrter Richtung von Triumphbogen zu Triumphbogen. Plötzlich sind zwei junge Männer da, die unschlüssig ein paar Schritte hierhin, ein paar dorthin gehen, ein bisschen laufen, aber doch wohl nichts miteinander zu tun haben. Sie sind bloß beide unschlüssig, ob sie bleiben sollen. Sie entfernen sich nach Westen.
“Den kenn ich, den ham wir im Kindergarten gebaut. Das Brandenburger Tor ooch!” ruft einer der Jungen, die jetzt kommen, um ihre Mountainbikes auf der breiten, leicht ansteigenden Plattenallee zu erproben, die von der steineren Frau auf den fernen Sowjethelden zuläuft, hinter dem sich die Wolken eines frühen Herbstes türmen.
Ich sitze auf der Balustrade über dem Gräberfeld. Ist Gräberfeld das richtige Wort? Würde man es verwenden, wenn man nicht wüsste, dass in der von Steinen eingefassten Erde die Leiber tausender Männer zu Staub zerfallen, die vielleicht auch lieber in ihrer fernen Heimat geblieben wären? Euer Ruhm wird Jahrhunderte überdauern, verheißt eine Inschrift. Diese Jahrhunderte sind nun wohl vorbei. Oder dauern nur noch mühsam. Sechs junge Paare erscheinen zu Füßen der groß knieenden Soldaten. Die jungen Leute lachen, sie haben Urlaub, sie freuen sich ihres Lebens, sie fotografieren sich gegenseitig, die Grabfelder im Rücken. Vor den Stiefeln des linken Soldaten liegt ein Blumenstrauß auf dem steineren Podest, zu Füßen des rechten steht ein Strauß in regennasser Plastikfolie, die im Sonnenlicht glitzert und funkelt. Daneben liegt der Besen des Gärtners, der sorgfältig den Kies harkt. Der ganz große Soldat im Hintergrund wird eingerüstet; die Arbeiter, die die Gerüstbretter hochreichen, wirken von ferne wie Artisten unter der Zirkuskuppel.

Der Weg nach Köpenick ist mit Wahlplakaten gesäumt. Lothar Bisky sieht aus wie im Wachsfigurenkabinett. Auch die anderen Parteien haben wohl Schönheitsstudios bemüht für die Bilder ihrer Kandidaten. Cool! Geil!, nennt sich die PDS. Das ist eine erfreuliche Änderung des kommunistischen Stils, finde ich. Oder sind die PDS’ler gar keine Kommunisten? Köpenick kündigt sich mit Staus an. Die erste Staubeschreibung von Berlin steht in “Irrungen, Wirrungen” (glaube ich). Aber schließlich bin ich da. Im Rücken des Blutwochen-Denkmals finde ich einen Parkplatz. Er ist wohl nicht offiziell. Als Platz empfinde ich den Platz des 23. April nicht. Aber als einen schönen Ort. Er vermittelt mir ein dreieckiges Gefühl. Ich bin gerne hier. Von zwei Seiten Stadtlärm, von der dritten Wasser- und Inselruhe.
Ich stehe am Geländer. Die Spatzen kommen ganz dicht heran. Die Schwalben segeln schnittig auf mich zu. Was wäre der Sommer ohne die Flügel der Schwalben? … Zwei braungraue Jungschwäne erwarten etwas von mir. Ihr süßes, zirpendes Rufen ist herzergreifend. Dass diese eleganten Tiere so leise, bescheiden, ich möchte sagen: so durchsichtig sprechen, das rührt mich; inmitten des Menschengelärms hat es etwas Melancholisches. So, denke ich, war vielleicht der Laut, den die Tiere klagend von sich gaben, als Gott den Menschen schuf. Rot, weiß, lila, gelb umgibt die Blumenrabatte die grüne Wiese, vor der das Schild steht, das im grünen Dreieck auf das “Gesetz vom 3.11.1962” hinweist, als ob wir das alle kennten.
Auf der Wiese liegen viele leere Bierdosen, vor dem Denkmal grüne und weiße Scherben zerschlagener Flaschen. Die Denkmalsumgebung ist nicht sehr gepflegt.

Der Text auf der Rückseite ist unterdessen nicht lesbarer geworden. “Trotz alledem” ist noch zu lesen, ein Liebknecht-Zitat; hinten der steinerne Fries. Darf man Denkmäler überhaupt nach ästhetischen Gesichtspunkten betrachten? Warum beauftragt man dann aber Künstler? Darf man öffentliche Namen an den eigenen Gefühlen messen? Zu den öffentlichen Wörtern die hierher und nach Treptow gehören, gehört das Wort Befreiung. Es ist ein korrektes Wort. Das habe ich bisher immer gesagt. Das sage ich noch. Aber allmählich weiß ich, dass es für mich persönlich auch ein Wort der Verleugnung ist. Jahrzehntelang habe ich mich darin trainiert, meine kindlichen Gefühle aus dem April 1945 für inkorrekt zu halten. Fast habe ich sie vergessen. Es war gut, dass die Sowjetsoldaten kamen und die US-Army. In Wirklichkeit hatte ich Angst vor ihnen. Ich betrachte lange die Faust. Über die Köpenicker Blutwoche weiß ich gut Bescheid. Manchmal meine ich zu wissen, warum Nachbarn Nachbarn quälen, umbringen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die es wissen wollen, die Denkmäler aufstellen und Straßen be- und entnennen. Angesichts der Weltgeschichte überkommt mich “immer mehr das Gefühl des Entsetzens und des Absurden. Keine dieser Empfindungen verändert sich oder schwächt sich ab. Eine dritte Empfindung kommt hinzu: die Empfindung eines riesigen Betrugs, an dem wir alle, handelnd oder duldend, beteiligt sind.”

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Alt-Lübecker in Altglienicke

Von Halensee, wo ich wohne, sind es mit der S45 nur bequeme fünfzig Minuten ins Neubaugebiet Altglienicke: so weit wie von Hamburg nach Lübeck. Der Vergleich mit Lübeck fällt mir ein, weil zwei der soundsovielen Architekten, die in Altglienicke für Stadt und Land eine Stadt ins Land gebaut haben, Lübecker sind. Man verwendet das Präsens, meint aber Perfekt: Ich bin auch Lübecker gewesen, die Architekten Boye und Schaefer, die an der Nippeser-/ Rodenkirchener Straße gebaut haben, waren in den späten 40er und frühen 50er Jahren Jahrgangsgenossen von mir am Karharineum in Lübeck, wo wir Griechisch und Latein lernten, aber von der jüngsten deutschen Geschichte nur die Lügen der adenauerzeitlichen Begütigung. Wohnstand statt Wahrheit, der Wohnstand wird uns frei machen, mit der Wahrheit hat man nur Ärger.
Unsere Generation! Es wird Zeit, dass wir uns mit uns selbst beschäftigen. Was haben wir so getan? Wie sehen zum Beispiel unsere deutschen Häuser und deutschen Dächer aus? Diese Frage kommt mir etwa in Höhe Baumschulenweg hoch. Soll ich sie jetzt auf Boye und Schaefer abladen?

Der passende S-Bahnhof ist nicht Altglienicke, sondern Grünbergallee. Berge gibt es hier kaum. Grün ganz viel, aber die Allee heißt nach einem aufrechten Mann; ich nehme jedenfalls an, dass er ein Aufrechter war, hingerichtet, heißt: ermordet in Plötzensee 1942, am Bahnhof eine Gedenktafel, aus der man nichts lernen kann. 1942 ist weit weg; die Gartenstadt, das sogenannte Kölner Viertel, gibt es erst seit vorigem Jahr.
“Wissen Sie, warum das hier Kölner Viertel heißt?” frage ich eine ganz schicke junge Frau.
“Heißt es so?”; eine andere sagt; “Na, wegen der Straßen”.
“Und warum heißen die Straßen nach Köln?”
Sie zuckt mit den Achseln und macht einen netten Versuch: “Weil’s da schön ist”, am Rhein, so schön. Meine Schwester hatte mal einen Bungalow in Porz. Das war auch nicht Köln. Es war gar nicht in Porz, sondern in Pesch. Eine Pescher Straße könnte es hier auch geben. Das gehört auch zu Köln, ohne Köln zu sein. Wie ist Köln denn? Hier also: Wie ist Berlin denn? Umgekehrt wird ein Handschuh draus: Ist hier Berlin? Wenn man in der Coloniaallee, im Hochhaus, elf Stockwerke, hochsteigt und zum Horizont sieht, sieht man Berlin, hinten im blauen Dunst.

“Ham Sie nen Milchkaffee?”, frage ich die Bäckerin am Ehrenfelder Platz.
“Kaffee hab ich, Milch liegt dort vorn am Tresen, wenn Sie die rinnschüttn, ham Se Milchkaffee!”
Das ist Berlin. Berlin liegt nicht erst hinten am Horizont. Hier ist Berlin. Berlin ist eine Denk- und Redeweise. Das auch.
In der “Stadtbauwelt” erfand der ehemalige Lübecker Bausenator, der in Berlin als Senatsbaudirektor auch mal eine Baurolle spielte, über die “neuen Vorstädte” die Formel “Verstädterung der Peripherie”. Ich stelle mir vor, dass ich der jungen Schicken von eben das Wort “Peripherie” entgegengehalten hätte. Nippes kommt doch nicht von Nippes? Der kleine Kitsch aus der kleinen Kölner Vorstadt?
Ich will überhaupt nicht mehr “Vorstadt” sagen. Das klingt so, als ob das Eigentliche woanders ist. Vielleicht in Halensee, wo ich wohne, oder in Charlottenburg, wo der Ex-Senator wohnt, oder in Zehlendorf, wo die Architekten wohnen Ich stehe auf der grell-blauen Fußgängerbrücke zwischen Reben- und Birnenweg, die das “Wohngebiet” Altglienicke über die Eisenbahn mit sich selbst verbindet. Von dort fallen mir an den Bogenhäusern der Porzer Straße erstmal die Dächer auf. “Pultdächer”, platt und schräg, Titanzink. Man darf sie nicht von oben nebeneinander ansehen, da bringen sie die geschwungenen Wohnzeilen um ihre freundliche Wirkung. Man wohnt ja nicht von oben herab, sondern von unten herauf. Das Wohnen fängt auf der Straße an. Von der Straße sind die Häuser Fassaden.
Da gefällt mir die Arbeit meiner Lübecker Landsleute gut. “Anständige Arbeit” würde ihr Entwurfsprofessor gesagt haben. Weil er gesehen hätte, dass sie ihren Taut gelernt haben. Hinten, jenseits der S-Bahn, am Gartenstadtweg, stehen ganz frühe Taut-Häuser in wiedererweckter Farbigkeit. Und ziemlich nah, an der Preußen-/Germanenstraße, ziemlich verfallene Muthesius-Häuser, die auch die städtebauliche Fahne der Gartenstdat hochhielten. “Gartenstadt” ist wie “Stadtlandschaft” ein mächtig missverständlicher Begriff. Er hat auch manch Schiefes und Schräges hervorgebracht. Das Kölner Viertel sit keine Gartenstadt. Sondern ein grünes Stadtviertel, in dem sich – nehme ich an – leben lässt.

Es ist die Mittagszeit. Die Kitas sind ziemlich unbenutzt. Ferienzeit. Man sieht fast nur junge Frauen mit kleinen Kindern. Als ich mit die Kita am Ende der Nippeser-/ Rodenkirchener Straße ansehe, lehnt ein Rentner aus dem Fenster und betrachtet mich. Ich bin der einzige Mensch, den er zur Zeit hier betrachten kann. Ich bleibe stehen und schreibe in mein Notizbüchlein.
“Sind Sie Architekt?” ruft er herüber. Soll ich sagen: “Jurist!”, das wäre doch auch mächtig missverständlich. Ich mache mich unauffällig, sitze ein Weilchen am Kinderspielplatz gegenüber dem sorgfältig gepflasterten Fußweg, der durch die Kleingärten zum SS-Bahnhof führt. Dann gehe ich die Coloniaallee auf und ab, frage mich, warum das Bezirksamt ausdrücklich auf das Straßenschild schreibt, dass von Colonia das Wort Kolonie kommt. Ich genieße den Landschaftsblick, den der Landschafts-Architekt hinter dem Ehrenfelder Platz über ein spitzdreieckiges Wiesengelände nach Nordosten zulässt, wo der Hausdurchgang von der Chorweilerstraße sich in den sogenannten Colonia-Park fortsetzt. Dort ist das Ristorante, das behauptet: Hier ist Italien, Coesto Italia. Besseren Espresso gibt es in ganz Berlin nicht. Ehrlich!

Nachdem ich von Grünbergallee nach Altglienicke zurückgefahren und nach der anderen Seite über die Fußgängerbrücke gegangen war, brach ein Regen los, der den Gartenstadtweg gurgelnde Bäche hinabschießen ließ. Da sieht man links kundig renoviert und rechts noch renovierungsbedürftig Bruno-Taut-Originale. Die spätere Bruno-Taut-Straße ist eine Ironie auf Taut. Als ich im köpenickschen Grünau in die S-Bahn steige, habe ich das Gefühl, einen weiten Weg zurückgelegt zu haben. Wenn ich jetzt der Lübecker Ex-Senator wäre, würde ich zu der S-Bahnfahrt bis Warschauer Straße vielleicht sagen: Von der Peripherie ins Zentrum.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Auf beiden Seiten der Spree

Der S-Bahnhof Baumschulenweg ist wirklich mittendrin. Links und rechts ist Berlin, wie es im Buche steht. In vielen Büchern steht zwar nicht, wie es gerade hier aussieht. Aber kein Fremder, der in Baumschulenweg aus der S-Bahn ausstiege und die Baumschulenstraße in Richtung Köpenicker Landstraße ginge, würde darüber im Zweifel sein, dass er in Berlin ist.
Die baugeschichtliche Sensation kommt Baumschulenstraße Ecke Köpenicker, Nordseite, östlich der Neuen Krugallee. Jedem fällt die hoch ragende Rundung sofort in den Blick, mit der der Zirkus – wie die Bewohner sagen, an die Köpenicker Landstraße zugleich vordrängt, wie von ihr zurückweicht. Aufmerksamkeit auf sich zieht und sie gleich wieder abweist, wie man ganz deutlich erfährt.

Diese seit der Fertigstellung im Jahre 1930 buchberühmte Wohnanlage glänzt durch ihre Fassaden, schließt aber ihren Innenhof so dicht ein, dass man durch die vergitterte Autoauffahrt neben der Pizzeria nur ein kleines Stückchen hinein sehen kann. Vollständig kann man den Hof nur mit Genehmigung von Herrn Danne sehen, “Danne wie Tanne”, sagt der Hausmeister, der seine Sachsen offenbar kennt. Die meisten Bewohner wohnen schon lange hier.
Die alte Frau, die Herbstblätter vom Eingang fegt, wohnt hier vielleicht von Anfang an, denke ich, hat hier die Liebe erlebt, die Kinder, die kamen, heranwuchsen und fortgingen, dann den Tod des Gefährten, Hindenburg, Hitler, Honecker, jetzt die, deren Namen sie sich nicht mehr merkt. Später sehe ich sie am Wasser, am Sackgassen-Ende der Baumschulenstraße; tief niedergebeugt fegt sie mit einem abgebrochenen Zweig auch hier, wo die gefallenen Blätter alles ausfüllen, Blätter beiseite, die der Wind gleich zurück weht.

Der Architekt der wasser- und parknahen Wohnanlage zwischen Neuer Krugallee, Baumschulenstraße, Köpenicker Landstraße und Rodelbergweg hieß Paul Rudolf Henning. Er kommt auch in Siemensstadt vor unter den Stars der architektonischen Moderne. Zeitgenössische Kritiker dieser Moderne, die die langen Fassaden-Bänder monoton finden, nehmen Henning aus, keine “Engros-Mentalität” bei ihm, er baut wie es die Örtlichkeit erfordert.
Die Köpenicker Landstraße war immer verkehrsreich, also laut, und wurde immer lauter, einen abgeschlossenen Innenhof weiß man da zu schätzen; 2 1/2 und 1 1/2 Zimmer-Wohnungen hinter Fassaden, die Eigenart haben, so dass jeder, der hier wohnt, mit einer gewissen Erhabenheit sagen kann: Hier wohne ich.
Die Farbigkeit der Fassade ist elegant. Nicht so bunt, wie Taut sie gemalt hätte, dem man manchmal auch entgegen halten möchte: Architektur ist nicht Grafik. Einen Zirkus würde ich Hennings Anlage nicht nennen, eher ein Schloss, sie vermittelt ein exquisites Gefühl. Sie lobt den Wohnungsbau der ersten deutschen Republik, die zweite kommt da bisher nicht mit.
Ich wandere um den Block herum, zur Köpenicker bietet er eine Gardinen-Ausstellung, viele Topfpflanzen auf den inneren Fensterbrettern. Von der Spreeseite, wo Sportplätze liegen, rückt der Herbst heran. Ich kann die Alte verstehen, die fegt: Man möchte etwas tun gegen das Vergehen.
Hinnehmen ist aber das Beste, wenn das Ende kommt. Jetzt das Ende des Sommers. Das Grün zieht sich aus den Bäumen zurück. Das gefallene Blatt ist schon Erde. Dunkle Parkerde tritt am Ende der Baumschulenstraße hervor, wo der schöne Uferweg beginnt, der erst hinter dem Rosengarten bei den Schiffen endet.
Im Plänterwald hat man vorgestern einen wilden Wolf gesehen. Er wird Angst haben vor den Menschen. Ob er über den Winter kommt?

Die gelben Blätter sinken langsam ins dunkle Wasser der Spree, über das die Enten und die Blesshühner heran schwimmen, als sie mich auf den Anlegesteg der Fähre kommen sehen. Sie zwitschern erwartungsvoll und verführerisch. Was ich hätte, wäre nicht gut für sie, sage ich, sie drehen ab, als verstünden sie meinen doppelten Konjunktiv. Im weiten westlichen Bogen kommt die BVG-Fähre heran, F11, alle zwanzig Minuten, Fahrzeit zwei Minuten.
Heute ist das eine merkwürdige Stelle für eine Fähre. Sie hat aber Vergangenheit; hinten lag der Rundfunk der DDR. Jetzt ist sie nur für die Kolonisten da, die am Köpenicker Ufer der Spree in Wilhelmstrand und Oberspree wohnen, immer oder an den schönen Tagen. Pflanzer- und Siedler-Verein seit 1906.
Ein junges Mädchen kommt über das holprige Pflaster entgegen, einen Moment lang kann ich mir einbilden, dass sie mich abholen will. Sie umarmt aber das Mädchen, das mit mir am anderen Ufer gewartet hat, sie gehen den Schwarzen Weg hinunter, um ihre Laube zu finden, die sie vielleicht Datsche nennen.
Aus jeder Kleingarten-Anlage kann man etwas lernen, was nicht gelehrt wird. Wie nämlich die Ästhetik des Volkes wirklich beschaffen ist und was aus dem Eigentum wirklich heraus wächst, wenn man den Leuten nur das Verfügungsrecht gibt und sie lässt. Wenn die Leute in Ordnung sind, kann man sich hier gut verbergen; wenn nicht, fliegt man gleich auf.
Ich gehe gerne durch Kleingarten-Kolonien. Meistens packt mich irgendwann die Rührung. Manche Gartenzwerge – wirkliche und solche aus übertragener Bedeutung – sehen mich so treuherzig an.

Sie machen sich aber Mühe”, sage ich zu dem Alten, der mit seiner elektrischen Mähmaschine am langen Kabel das Grün weg mäht, das auf der Straße zwischen Sandweg und Pflaster gewachsen ist.
“Ordnung muss sein!” ruft er und mäht gerade die fünf oder sechs Meter, die an der Front seines Gartens liegen, als ob man sehen sollte, wo Ordnung ist und wo nicht. Der Duft frischen Grases liegt in der Luft. Aber ist es nicht Todesgeruch?
An der Rummelsburger Landstraße verlasse ich Köpenick, die gemauerten Häuser an Fuchsbau und Oskarstraße gehören schon Lichtenberg. Hier ist es auch schön, aber die Stimmung ist ganz anders. Berlin ist ein Chamäleon.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Äußerster Süden, nächster Norden

Mit Amseln und Finken könnte dieser Text beginnen, die ringsumher schlagen, und mit Enten, Schnepfen, Bekassinen enden und mit Reihern, die hoch oben in den Lüften schreien. Alles historisch.
Gegenwärtig bin ich auf dem Weg vom nahe gelegenen Nordpol, nördlichsten Punkt des entstehenden Neu-Bezirkes Treptow-Köpenick zu seinem äußersten Süden: von einem Punkt, der vielleicht schon im Wasser der Spree liegt, der Kreuzberger Lohmühlen-Insel gegenüber, ein bisschen nördlich der Puschkinallee, da, wo sie im Schlesischen Busch, am Schlesischen Tor die Schlesische Straße wird und dann die Köpenicker Straße, die Leopold Treibel heraufgeritten kam: Theodor Fontanes trauriger Held aus “Frau Jenny Treibel oder: Wo sich Herz zu Herzen find’t”.
Es findet sich eben nicht Herz zu Herzen in der bürgerlichen Ehe- und Familienmoral. “Das Ehe- und Familienrecht des BGB ist das Erzeugnis, dieser wahrhaft doppelten Moral”, habe ich in einem juristischen Buch geschrieben; mit Studentinnen und Studenten des Anfangssemesters habe ich voriges Jahr wieder mal diesen Roman des Jubiläums-Fontane gelesen und wieder hat er sich als ein Quellentext erwiesen, als ein texte capital: dieses BGB gilt ja immer noch, oder genauer: hier, wo ich jetzt bin, hinter der zeitgeistlichen Arena, Jugenddiscothek, an den Trödelhallen, die sich samstags eindrucksvoll öffnen, da wo aufwärts, ostwärts ein Uferweg entsteht an den Neubauten entlang, die bei den Treptowers an der Elsenbrücke weit sichtbar enden, hier also, wo es von der DDR eine zeitlang verabschiedet worden war, gilt das hundertjährige Bürgerliche Gesetzbuch längst wieder.
Nein, nein: alles ist wie vor hundert Jahren, der privatrechtliche Kapitalismus ist wieder da, mit seinen Verträgen, mit seinen Versprechen und mit seinem familiären So-tun-als-ob, sagen wir: mit seiner Treibelhaftigkeit, nein, nein, das will ich nicht sagen, weil es ganz falsch wäre.

Aber hier an diesem Bezirksnordpol von Treptow-Köpenick, wohin ich doch durch eine so genannte Reform verwiesen bin, also durch einen politischen Akt, der sich etwas Neues, Vorwärtsweisendes zuerkennt und den Namen eines Jahrhundertwerks gefallen lässt, macht es Eindruck auf mich, dass ich am Fuße der stadtbildprägenden Treptowers, die doch auch noch im nächsten Jahrhundert voll vermietet sein wollen, jenen gefühlsunsicheren Kapitalistensohn vorbeireiten sehe, der bei Zenner frühstücken und auf Weisung seiner Mutter Milch trinken will, frühmorgens, gegen sieben, und hier – vielleicht in Höhe der Bewag-Hauptverwaltung, wo der Gewerkschaftssekretär Direktor ist und nun alles tut, wogegen er früher demonstriert hat: ich könnte ihn auch einen Treibel nennen – die Amseln und die Finken ringsumher schlagen hört.

Bis zur S-Bahn am Park sind es nur ein paar Minuten, schnell bin ich in Grünau, dort in die hoch landschaftliche Tram 68, Wald und Wasser, dann Alt-Schmöckwitz, wo das die Bahn begleitende schnurgerade Adlergestell schließlich doch endet, mit dem kleinen 168er ein kleines Straßenstück ostwärts, das über die freundliche Schmöckwitzer Brücke wie ein Gelenk die schnurgerade Stadtstraße mit der mäßig geschwungenen Waldstraße verbindet, die nach Wernsdorf führt und von der im rechten Winkel in ganz ungestörter Schnurgeradigkeit der Schmöckwitzer Damm abgeht, über den mich der ausflüglerische Bus bis zur Fährallee in den Süden bringt.
Die Fährallee in Nord-Rauchfangswerder führt zwar an den Punkt, an dem ich meinen literarischen Kopf in den Dahme-Wind halten will, aber nicht an den südlichsten Punkt von Treptow-Köpenick; der liegt im eng benachbarten Süd-Rauchfangswerder, etwas südlich der südlichen Biege des Moßkopfrings, den die Fremden – wie der Einheimische sagt gerne mit einem langen O sprechen, während er doch nach dem alten Rauchfangswerderaner, der ihm den Namen gab, kurz zu sprechen ist.
Zuvor ein Besuch auf dem kleinen Friedhof, man müsste sagen Fried-Garten, hinter dem niedrigen Holzgatter-Tor, die Buchen zeigen über den Toten phantasiereiches Ästegewirr, einige Bäume sind auch schon tot, halten nur noch als Holz aus, wie die Toten drunten oben nur noch als steinerne Namensschilder: hier muss gut ruhen sein, Blick auf Zeuthener See und Dahme, sanft in den Armen des wachsenden Vergessens.
Ich telefoniere von Berlins südlichster Telefonzelle, obwohl ich das Handy in der Tasche habe: denn was wäre das für ein Satz: Als ich dem südlichsten Punkt Berlins so nahe war, wie in der Privatheit der Gärten und kleinen Häuser möglich, klappte ich mein Motorola StarTac auf, gab die PinNummer ein, drückte O.K., ließ mich fragen “Ruf?” und rief Dich an, um Dir zu sagen: So schnell ging das vom höchsten Norden von Treptow-Köpenick bis in seinen äußersten Süden, von einem hochstädtischen Punkt zwischen Elsen- und Oberbaumbrücke, hinter der der Fernsehturm aufragt wie eine Nadel, die den Metropolenausschnitt Berlin festheftet an der märkischen Erde und an dem Wassergelände, das hier im Süden eine intensivere Wirklichkeit ist als die properen Fertig-Häuschen, mit denen sich die menschliche Idylle das schafft, was sie “Natur” nennt?

Ich bin nun also die gepflegte Fährallee bis zum Ende gewandert, bis zu dem Steg, Unbefugten Betreten verboten, es ist in dieser Gegend, deren durchgehende Privatheit sowieso jeden Fremden aufmerksam mustert, überhaupt viel verboten, je eigener die Heime, umso schärfer die Grenzen.
Ich bin aber am Steg der Fährallee dicht genug am Wasser, um drüben am anderen Ufer den Landvorsprung und die kleine Bucht zu sehen, die auf den Karten “Hankels Ablage” heißt. Der Name versetzt mir einen inneren Kick: Baron Botho von Rienäcker, der später und eigentlich jetzt schon an den gesellschaftlichen Verhältnissen resignierende Gardeoffizier, und Lene, Lene Nimptsch aus der Gärtnerei am Zoo. Im elften bis vierzehnten Kapitel von “Irrungen, Wirrungen” verbrachten sie hier Stunden, deren liebevolle Privatheit durch andere denunziert wurde, die mit Offizierskameraden und ihren Damen zu teilen waren; von den Nächten schweigt Fontane hier wie immer.
“Und nun lassen Sie uns anstoßen, ja auf was? Auf das Wohl von Hankels Ablage”, sagt der Baron zu dem Wirt. Zwei mächtige Vögel schweben im Halbdunkel über das Wasser.
“Wilde Gänse?”
“Nein, Reiher. Der ganze Forst hier herum ist Reiher-Forst.”
“Wissen Sie, dass ich Sie beneide?”, Rienäcker zu Hankels Nachfahren. “Enten, Schnepfen, Bekassinen. Es überkommt einen eine Lust, dass man’s auch so gut haben möchte. Nur einsam…”. Wir wissen ja längst: es geht alles schief.
Gäbe es eine Fähre hinüber, wäre es nur ein kleines Stück Wegs bis zur S-Bahnstation Zeuthen. Die Bahn brächte mich direkt an den oberen Kurfürstendamm, wo ich wohne, es dauert nur ein knappes Stündchen. In Berlin ist das Weite vielfach recht nah.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Jugend

Die S4 habe ich richtig gern. Eine S-Bahn der Vereinigung; sie vervollständigt die Stadt. Von Halensee, wo ich mit meiner Lebensfreundin einsteige, sind wir schon am Treptower Park, ehe wir den Flughafen Tempelhof hinreichend ins Weißt-du-noch eingehüllt haben.
Vom friesenblauen Bahnsteig herab und hinunter Richtung Hafen. Hafen – das ist so ein binnenländisches Wort für Anlegestelle der Stern- und Kreisschifffahrt. MS Monbijou, der Hafenräucherei gegenüber, ist bereit für eine Stunde “Hafenrundfahrt”; rund geht es eigentlich nicht, ein Stück “talwärts”, bis Jannowitzbrücke und “bergwärts” wieder bis Zenner: das Gebäude des Uferrestaurants war einstmals von Langhans, der das Brandenburger Tor gebaut hat: eine Ausflugsstätte von fontanischer Tradition, die einzige noch in Berlin. Laute Lautsprechermusik der 60er Jahre, unten am Hafen sogar von noch früher, die Liebe ist ein seltsames Spiel, wir wollen niemals auseinander gehn; wir fühlen uns jugendlich. Jugend. An Bord von MS Monbijou vier Paare, Alte. Die beiden Alten gegenüber bestellen eine Flasche Rotwein: “Guck mal, ein altes Liebespaar!” sagt meine Freundin mit kundigem Blick: “Die sind beide mit andern verheiratet und haben sich lange nicht gesehen”.
“46 Jahre bin ich mit der Frau verheiratet”, klagt der Mann. “Aber denkste, dat die gekomm’ is?”, dann: “Wie oft hab ick dit geträumt, wie ich im Krankenhaus laach, det die Tür uffjeht und du kamst rinn!” Später treffen wir sie bei Zenner wieder, wieder fassen sie sich an, küssen sich vorsichtig, als ob was kaputt gehen könnte.

“Süß”, sagt meine Lebensfreundin. Ihre Augen schwimmen. Als MS Monbijou an den weißen Neubauten auf Stralau vorbeifährt, sagt die Nachbarin träumerisch: “Guck mal, da drüben; in det weiße Haus, oben, det wär mein Traum: Niemand mehr über mir! Jede Nacht wach ich auf, bei mir, wenn oben die rumtrampeln (und wiederholt mit leiserer Stimme:) …niemand mehr über mir!” Am Ende des Steges, an dem MS Monbijou abgelegt hat und nun wieder anlegt, wassert das blau-gelbe schwedische Wasserflugzeug des Berliner Luftservices, Erwachsene 149 Mark für eine halbe Stunde; es ist ziemlicher Betrieb; das Flugzeugchen fährt erst bergwärts auf der Spree bis fast zur Insel der Jugend, wendet und nimmt starken Anlauf, rast auf die Elsenbrücke zu, vor der es rechtzeitig abhebt auf Treptower-Hohe, 130 Meter, und entschwindet in einem eleganten Bogen nordwärts, und dann dauert es gar nicht mehr lange, bis es von Osten wieder herunter schwebt; aber schweben ist ein zu leises Wort: “Was! Sie sind schon wieder da! Für 150 Mark? Dafür kannste doch bis Frankfurt fliegen. (Nachdenklich:) Andererseits, was willste in Frankfurt? Im Gegenteil. Hier biste wenigstens gleich zu Hause. Wolln wir auch mal fliegen?”
Während wir die Promenade auf die Insel der Jugend zugehen, ist das Flugzeug jedenfalls eine gute Unterhaltung für uns. Immergrün, Veilchen am Wege, kleine japanische Kirschen und wilde Birnen, Sträucher, blaublühende Sternhyazinthen. Die Kastanie am Hafeneingang hat schon ein leuchtendes junggrünes Blatt hervorgebracht, die Knospen fangen an, dick und süß auszusehen. Die Spreepromenade vom Hafen zur Insel der Jugend ist volkstümlich. Der Park ist ein Volkspark, nach dem 70er Krieg von Meyer fürs Volk angeleht, alter Versammlungsort der Arbeiterbewegung. Bebel hat hier gesprochen, dort hinten auf der Wiese, vor Tausenden, Abertausenden. Eine melancholische Erinnerung, denn es hat alles nichts genützt. “Wieso hat es nichts genützt? Guck doch, wie friedlich hier alle langgehen, sobald ein bisschen Frühling ist”. Geschichte ist Geschichtsklitterung. Es gibt überhaupt keine Geschichte, die nicht lügt. Auf manche Lügen verständigt man sich, das heißt: Objektivität.
Die Brücke zur Insel der Jugend, die früher Abtei-Insel hieß, zeigt auffordernden Schwung, man muss hinüber, voller Erwartungen, was kommt?
Wie die Jugend: vorwärts mit Erwartungen, immer kommt was, bis man plötzlich merkt: Es ist schon vorbei, man hat gerade nicht hingeguckt, oder es ist gar nicht gekommen. Auch auf dieser nach der Jugend benannten Insel kommt demgemäß nicht viel. Erst der burgartige Beginn einer Jugendfreizeiteinrichtung, “Inselcafe”, naja. Als Liesel hinten durch das Tor des “Jugendfreizeitheimes Ernst Zinna” geht, rufen ihr drei herankommende Jungfrauen zu: “Halt, junge Frau. Dit is privat! Verlassen Sie sofort das Gelände der Einrichtung!” Erst denke ich, dass sie’s DDR-ironisch meinen, aber dann meinen sie’s ernst: Verlassen Sie sofort das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik. “Mensch”, sagt Liesel, “das ham wir ja lange nicht gehört”, als ob sie eine Geschichtsstunde hinter sich hätte mit neuen Erkenntnissen. Von der Achterbahn im Plänterwald klingen das Juchzen und die Schreie herüber, wenn die Mägen im plötzlichen Absturz der Wägelchen aufgehoben werden und gegen die Herzen stoßen.

Die untere Etage im Haus Zenner, bei dem wir nun zurück sind, ist McDonalds oder Burger King, ich hab nicht so genau hingesehen: jedenfalls ein echter Qualitätssprung; diese Burger-Stationen, denken wir, bedeuten doch wirklich eine Verbesserung der Lebensqualität, sie leisten viel für die knappen Beutel. Wo Burger King ist, ist Demokratie. “Naja, das ist wohl ein bisschen übertrieben”, sagt Liesel. “Versuch nicht, grundsätzlich zu sein; Amerika hat zwar unterdessen die älteste demokratische Verfassung der Erde, aber die USA ist nicht identisch mit Demokratie…”, obwohl – um ehrlich zu sein – wenn ich fliehen müsste von hier, würde ich versuchen, dort hin zu kommen, meinetwegen nach Vermont, wie es aussieht wie in Ostholstein, bloß größer, oder nach Kalifornien, wo immer die Sonne scheint, oder nach Brooklyn, da ist’s wie in Kreuzberg, nur noch’n bisschen schärfer.
Bei dieser Rede sitzen wir aber nicht unten bei Burger King, sondern oben, in der Eierschale, wo wir – wie gesagt – auch unser Rotweinpaar wiedertrafen. Hinter uns hängt ein Bild von Audrey Hepburn als junge Frau, fast anorektisch.
Die Eierschale am Breitenbachplatz, nachts landete ich aus Freiburg, wo ich Asta-Mitglied war, in Tempelhof, als es noch Nachtflüge nach Westberlin gab, und sofort in die Eierschale. In den 50er Jahren empfanden wir die Eierschale als eine Kultureinrichtung.

Dann gingen wir zum Sowjetischen Ehrenmal hinüber. Darüber habe ich hier schon mehrfach geschrieben (und bei manchen Lesern Ärger erzeugt; denen will ich gar nicht erzählen, wie die Reaktion meiner Lebensfreundin ausfiel. Für sie ist Kriegstotenverdenkmalung Kriegsverherrlichung.) “Dahinten hat Friedrich Ebert gewohnt”, sage ich ablenkend.
“Ach, Ebert!” Sie zuckt mit den Achseln. Ach, unsere müden Augen, die noch immer unentwegt begierig nach etwas Leben Ausschau halten, das, noch während es erhofft wird, dahin ist, zerronnen, in einem Seufzen, in einem Nu, wie die Jugend, mit ihrer Kraft, mit ihren Illusionen und ihrer Schwärmerei. Mit dem Stadtbus 104 fahren wir in 45 Minuten nach Wilmersdorf. Wir haben den Eindruck, durch die Welt gereist zu sein.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Altglienicke im bürgerlichen Wind

Als in Altglienicke der S-Bahn-Zug weg ist, mit dem ich vom oberen Kurfürstendamm gekommen bin, bin ich auf dem Bahnsteig allein, abgesehen von den Autos, die – dicht an dicht – parallel zur Bahn über die Straße Am Seegraben, diese idyllisch benannte und ihren Namen enttäuschende Ausfallstraße, berlin-ein- und ausfallen. Eine kurze Zeit fühle ich mich draußen, verlassen, als ob ich mich im Wege geirrt hätte. Ich muss mich vergewissern, warum ich hier bin. Ich scheine eine Begründung zu brauchen.
Ich steige die Treppe hinauf zu der Fußgängerbrücke, die Bahn und Straße überbrückt und Altglienicke mit Falkenberg verbindet, jetzt ein kurzes Stück nach links, am Ende des Überweges eine knappe Biege, um in Nu hat sich die Gegend verfestigt und zu einem eigenen Charakter zusammengeschlossen. Ob es Berlin ist, weiß ich noch nicht, es ist Altglienicke, Germanenstraße. Es kommen noch die Sachsenstraße, Herulerstraße, Alemannen-, Semnonen-, Goten-, Teutonen-, Cimbern-, Normannen-, Makromannen-, Suevenstraße. Ich kann mir schon denken, warum man Anfang des [vorigen] Jahrhunderts, nachdem man die Wasserversorgung hatte, hier Straßen nach den germanischen Stämmen genannt hat und zwischendurch die Preußenstraße: Weltmachtaccessoires, als es schon heftig knarrte im Gebälk: Nur noch ein paar Jahre bis zum ersten Weltkrieg, zu dem auch die deutschen Arbeiter nicht Nein sagten. Die französischen wären vielleicht bereit gewesen.
Während ich – nachdem ich durch die Straße “Im Winkel” hindurch und an der Kirche mit dem eng taillierten Zwiebelturm vorbei bei – nun westwärts durch die Preußenstraße meinem Ziel entgegen gehe, sehe ich den Wasserturm von 1906 vor mir und kann mir meine Gedanken machen über den Beginn der technischen Moderne, die baulich so auf Verklärung aus war: ein Wasserturm wie ein Bergfried.
Das Spazierengehen in ruhigen Gegenden hat etwas Träumerisches, die Gedanken suchen sich eigene Wege und stellen imaginäre Fragen. Was hat wohl Hermann Muthesius über den Wasserturm von Heinrich Scheven gedacht: Hermann Muthesius, der berühmte, vielbeschäftigte, war einer der drei Architekten der Preußensiedlung, die ich jetzt zu betrachten beginne, zwischen Preußen- und Germanenstraße, nahe der Suevenstraße, 1911 bis 1914. Hier in Altglienicke – kann man das sagen? – ist einer der Geburtsorte der Reihenhaussiedlungen, der Häuschen für jedermann und seine Ehefrau?

Als Muthesius hier stand, gerade aus England zurück, wo er sich als Botschaftsangehöriger Anregungen geholt hatte, und den Wind spürte, der von Westen hier meistens über die Höhe weht, hat er – denke ich mir, aber es stimmt nicht – seinen berühmten Satz erfunden: “Der Wind, der heute über unsere Kultur weht, ist bürgerlich”, eine Fabrikhalle in Neubabelsberg hatte er schon fertig, auch einige prächtige Villen in Zehlendorf, die er Landhäuser nannte.
Die Idee war, diese Landhäuser derer, die es hatten, auf immer kleinere Proportionen einzudampfen, dass hinterher neben den Villen nur noch kleine Reihenhäuser übrig blieben, die kein Bild der Stadt mehr zulassen; die Menschen wohnen in Stadtlandschaften, in denen sie Farben brauchen, um sich zurechtzufinden, aber sie können sagen: My home ist my castle, wie zuvor nur der Fürst, mit dem sie sich nun gemein fühlen dürfen. Dann wird er rufen: Volk, ans Gewehr! und sie werden denken, dass es ihre Gewehre sind und ihre Interessen, für die sie sie abschießen.
Die Preußensiedlung ist verfallen, stark renovierungsbedürftig. Die Mieter beschweren sich vielleicht schon. Aber sie ist ein Geburtsort der Moderne. Sie ist aus Ideologie entstanden; man kann auch sagen: aus gutem Willen. Ländliche Erinnerungen für die Industriearbeiter. Dicht an dicht in kleinen Wohnungen, aber nicht in Mietskasernen. Architekten: Hermann Muthesius (2. Bauabschnitt), Max Bel und Franz Clement (1. Bauabschnitt), Bauherr: Landwohnstätten-GmbH in Altgliensche bei Grünau.
Es gibt Leute, die hier schon in der dritten Generation wohnen, habe ich gehört. Getroffen habe ich niemanden, der mir’s erzählt hätte. Der hölzerne Turm, den Bel und Clement an Nummer 84 anbauten, um das Haus der Verwaltung zu betonen, verfällt.
Das Gemeinsame ist in der Individualität untergegangen, jeder hat sich selbst der Nächste sein müssen. Auch ästhetisch steht sich schnell jeder jederzeit selbst am nächsten. Die Siedlung konserviert eine zweifelhafte Idee. Sie widerspricht der Stadt. Altglienicke ist in seiner sonstigen Eigenheimlichkeit mehr Berlin als hier, wo es einen ideologischen Auftrag zu erfüllen versucht.
Die Preußensiedlung ist auch nicht anders als der gotische Wasserturm, der wie ein Riesenspielzeug aus dem Märchen aussieht und nicht sein will, was er ist.
Ich gehe die Germanenstraße weiter nach Osten. Manchmal bellen die Hunde. Menschen treffe ich erst wieder an der Wendenstraße. Bauarbeiter.
Wo die Germanenstraße vom Hügel hinabführt, überrascht dort ein Hochbau, der von grauen Planen umhüllt ist. Er wirkt fremd. Am Germanenplatz steht eine nagelneue Vorstadtvilla, vor der die Putten die Schalen balancieren. Der Platz neigt sich zur Grünauer Straße hinunter. Dort hat die Gegend den klassischen Vorstadt-Charakter, kleinere und größere Häuser; auch – wie ich aus dem 163er sehe, mit dem ich nun nach Grünau fahre – eben fertig werdende Ensembles von Eigentumswohnungen. Eigentum für die “breiten Schichten”, das war angeblich die Idee es Wohnungseigentumsgesetzes, ein geistiges Modell der 50er Jahre. Rechter Hand – ehe ich beim S-Bahnhof Grünau aussteige – erkenne ich das erneuerte Tautsche Bunt der Tuschkastensiedlung.
Ich weiß nicht, ob ich den Wind, der über den Bahnsteig Grünau weht und micht frösteln lässt, bürgerlich nennen soll. Ich glaube, es ist einfach nur der Wind. Westwind.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Umspannende Umspannwerke

Mit der erneuerten Ringbahn S4 zum friesenblauen Bahnhof Treptower Park. Es ist fast Vorfrühling. Erst als ich auf dem zugigen Parkweg bin, knöpfe ich den obersten Knopf der Winterjacke wieder zu.
Manfred Jagusch, unser Fotograf, findet die Spree liederlich. Sie liegt so breit und bräsig in ihrem Bette. Vor mir, weiß, grün, gelb und buntbewimpelt MS Helene: Mittwochs und an den Wochenenden Ausstellung über die prospektierte “Wasserstadt Stralau”.
Weiter hinten, in Alt-Stralau, hat sich Karl Marx als junger Mann von Hegel zu erholen versucht. So weit komme ich heute nicht nach Osten, nach links.
Vorne in Alt-Stralau, fast Ecke Markgrafendamm, in den ich jetzt gegenüber dem “Neuen Deutschland” einbiege, hat Ludwig Renn gewohnt. Um unter denen zu leben, sagt man, über die er schrieb. “Eine Familienliebe, die gibt es nicht. Das ist ein Schwindel. Auch ehemalige Kameraden liebt man nicht. Ich habe nur immer die geliebt, mit denen ich zu tun hatte. Andere haben ihre Familie, ihre Partei, ihren Skat. Freilich, wenn man eine Partei hätte, an die man glauben könnte! Gibt es die?”
Damals – Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre – war die Elsenbrücke noch nicht da. Jetzt ist es hier noch lauter, lebhafter. Der Markgrafendamm heißt nach einem, dem Friedrichsfelde gehörte und der manchmal dort hin wollte, in einer Geschichte, die keine Erinnerung mehr nötig hat.

Am östlichen Markgrafendamm siedelt Kleingewerbe, zum Teil unter originellem Namen: KGB – Kohlen, Gips, Bier, Unternehmen im Besitze der Belegschaft, die Sichel legt sich als Markenzeichen statt um den politischen Hammer um das bürgerliche Weinglas. Druckerei, Fahrzeug-Einrichtung für den mobilen Service. Typenoffene Kfz-Werkstatt.
Ein breites grünes Rohr erhebt sich über die Straße, ein säkularisierter Triumphbogen. Der Höhepunkt der Straße kommt jetzt, wo sie im U-Bogen scharf nach Osten biegt, unter der Bahnbrücke hindurch, an der Schrebergartenkolonie Osten II vorüber: Hinter der leuchtenden Plakatwand, die mit tiefblauem Meer für Griechenland wirbt, dicht an den südlichen Bahndamm des Ostkreuzes heran reichend: Das Umspannwerk, ein Bau der Industriemoderne, gerade neben dem Wohnhaus für Eisenbahnbeamte, das – ganz dicht am Bahndamm – unbewohnt, geschlossen nur noch ein Denkmal ist, ein Erinnerungszeichen an eine vorelektrische Zeit, in der sich die Eisenbahn hier als preußische Staatsbahn, noch ganz patriarchalisch gab.
Das Umspannwerk von 1928 beherbergt ein technisches Zentralstück der 1924-1930 elektrifizierten Stadt- und Ringbahn: Hier wird Drehstrom von 30.000 Volt in Gleichstrom von 800 Volt umgewandelt. Das Werk am Markgrafendamm hat ein Schwesterwerk, in Halensee, dicht an der Stadtautobahn heute, beide gebaut von Richard Brademann, Bauten von hoher architektonischer Bedeutung. Man kann nicht an ihnen vorbei sehen.
Was ist das? fragen die S-Bahn-Gäste, wenn sie neu sind auf diesen Strecken. Später denke ich, dass sie Bescheid wissen. Reihung, Symmetrie, Rhythmus drücke das Haus aus, meinte der Erbauer: Es zeige nach außen, was es von innen heraus leiste, umspannen, den Strom, die Elektrizität regulieren… ach Gott, ja: solches vegetative Denken war am Ende des expressionistischen Jahrzehnt Mode. Das ist vorbei.

Was Richard Brademann geredet und geschrieben hat, ist geschenkt, was er gebaut hat, steht höchlöblich da in seiner roten Klinker-Vrekleidung: das viergeschossige Hochspannungshaus und das achteckige Schalthaus mit eindrucksvoller Deckenkonstruktion. Ich bin vielleicht 100 mal mit dem Auto vorbei gefahren. Da habe ich nichts gesehen. Der Fußweg lohnt sich. Fußwege lohnen sich in der großen Stadt aus den verschiedenen Zeitzonen fast überall. Man darf nicht auf Schönheiten aus sein, sondern auf Erkenntnis. Etwas erkannt haben, heißt nicht unbedingt, dass man hinterher schlauer ist. Aber man hört mehr Stimmen. Die Stadt spricht leiser und lebhafter.
Hinter mir werden – polnisch, türkisch, deutsch – drei Sprachen lebhaft gesprochen, als ich die westliche Treppe zu dem Übergang hinauf steige, durch den man über die Gleise von Ostkreuz hinüber ins nördliche Ein- und Ausgangshaus gelangt, als ob man den Markgrafendamm geradeaus gegangen wäre: von der Elsenbrücke in die Neue Bahnhofstraße; an der Ecke zur Simplonstraße beginnt sie mit einem namenlosen Platz in einer schnell veränderten Stadtgegend, der jugendstilige Wasserturm von Karl Cornelius steht – eisenbahntechnisch überflüssig – drüben auf der anderen Seite und macht der liederlichen Spree sein obszönes Angebot, auf das sie schon lange nicht mehr antwortet.

Die Neue Bahnhofstraße ist eine Avenue dichter Fassaden, die vom Eckhaus Nr. 1 bis ins letzte spitzwinklige Eckchen vorgerückt werden: als ob es wie auf der Theaterbühne um Dekoration ginge.
Mit ihren Nummern 9 bis 17 erlebt diese Straße einen bau- und industrie-geschichtlichen Höhepunkt: das Verwaltungsgebäude der Knorr-Bremse AG. Man kann die Geschichte der Eisenbahn als eine Geschichte der Bremskonstruktionen erzählen: von der Zweikammer-Druckluftbremse zur Einkammer-Schnellbremse, eben zu Knorrs Erfindung, nach der ihm die Produktionsstätten wie von selbst emporwuchsen.
Das prächtige Verwaltungsgebäude ist von Alfred Grenander, dem künstlerischen Leiter der Hochbahn-Gesellschaft, der hier von den romanisch mächtigen Säulenvorbauten bis in die Büros und in die Toiletten seine hierarchische Werkbund-Gesinnung ausleben durfte: Je höher der Chef, umso wertvoller die Materialien für seinen Schreibtisch und sein Urinal.
Weiter oben werden die Gehwege der Neuen Bahnhofstraße schwierig für einen, dem die Füße schmerzen. Ich lehne mich an die Holzballustrade der Eislaufbahn am Ring-Center, als wollte ich den jungen Leuten zusehen, aber ich muss bloß eine Pause machen, damit meine Füße sich erholen.

In “Fantasia del Gelato”, einer in branchenüblicher Grellmalerei ausgestatteten Eisdiele mit sehr anständigem Angebot, beklage ich meine Zuckerkrankheit und beginne beim eislosen Milchkaffee diesen Text zu schreiben, ehe ich zur Schienenbahn zurück kehre, die mich von der Frankfurter Allee fast bis nach Hause fährt, am oberen Kurfürstendamm.
Es sind nur ein paar Schritte vom S-Bahnhof Halensee: Ich betrachte Brademanns anderes Umspannwerk, als brächte ich ihm Grüße vom Markgrafendamm.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Anständige Antworten

Die meisten Berliner Spaziergänge sind auch S- oder U-Bahn-Fahrten. Ohne diese durch viel Innerlichkeit führenden Bahnen, denen man (bilde ich mir ein) weh tut, wenn man sie bürokratisch-seelenlos Verkehrsmittel nennt, wäre Berlin nicht Berlin; gar nicht erfahrbar: da sind die Wörter doppeldeutig genug.
“Hier Schöneweide?” fragt ängstlich ein unsicherer alter Mann.
“Nee! Hier Posemuckel!” ruft der Baskenmützige, der wie ein gewesener Lehrer aussieht, obwohl er gewiss noch ein aktiver sein könnte.
“Entschuldigung” sagt die altmütterliche S-Bahn-Nachbarin mit der Strickmütze da und scheint sich aufzurichten: “Entschuldigung, mein Herr, das hier is Neukölln, dann kommt noch Köllnische Heide und Baumschulenweg, und dann kommt Schöneweide”, und nachdem sie so den fragenden Ausländer ordentlich beschieden hat, wendet sie sich langsam und bestimmt an den Lehrer:
“Nu hörn sie mah! Wenn man anständig gefragt wird, muss man anständig Antwort gehm!” und schweigt und blickt hinaus auf das anständig benannte Gelände. Ein bisschen peinlich, Gott sei Dank, ist das dem Gewesenen nun auch: “Natürlich, da stimm ich Ihn zu: anständig antworten, das hahm wir früher gelernt. Aber jetzt komm hier alle Möglichen rein und greifen unsre Informationen ab. Was mein Sie, was hier international los is! Sehn se doch: früher überall NVA, jetzt überall Wachschutz! Un wir sitzen auf dem Vulkan!”
Die Strickmützige hört langsam auf, aus dem Fenster zu gucken, sagt mit festem Blick auf die Baskenmütze erst quittierend: “Gut”, dann: “Aber deshalb muss man doch anständige Antwort gehm auf anständige Fragen von eihm, der nich Bescheid weiß. Was Sie reden, iss Philosophie, aber ne anständige Antwort iss ett nich.”
Damit: an Schöneweide, wir alle raus: der Ausländer, der schnell Distanz zu uns gewinnen will, die Strickmützige, die langsam und aufrecht geht, mit sich zufrieden, der Baskenmützige, der so tut, also sei nichts gewesen und sogar ein bisschen pfeift, während er mich überholt, und eben ich, der nun hinaustritt in den frühlingshaften himmelblauen Januarmontag, zufrieden mit Berlin, das zu anständigen Antworten bereit ist auf anständige Fragen.

Damit bin ich durch den Tunnel, an dem ganz Europa mitgezahlt hat, unter der Grünauer Straße durch, dieser halben Autobahn, drüben auf der Schnellerstraße, der sie bisher ihren Widerstandsnamen gelassen haben, glücklicherweise, die Geschichte ist kein Wunschkonzert, und ich bin am “Studio für individuelle Glasmalerei” vorbei links in die Flutstraße eingebogen: Flutstraße, Fließstraße, Hasselwerder-, Hain-, Fennstraße, landschaftliche Namen für eine Stadtgegend, die – kaum war die Eisenbahn da – zu einem Jahrhundert Industriegeschichte so heftig emporschoss, dass sie sich gar nicht mehr ordnen konnte: Arbeiterwohnhaus neben Arbeiterwohnhaus, ab und zu eine Protzfassade.
Hinter dem Kulturhaus Ernst Schneller streckt sich jetzt weithin zur Spree Brache, eingeebnete Gewesenheit, Mauer drum rum, im Hintergrund die berühmten AEG-Hallen, aber kein AEG mehr, hier ist das deutsche Industriejahrhundert zu Ende und verwandelt sich – vielleicht, wenn wir Glück haben – ins Mittelständische, das leiser ist, ruhiger, materialärmer, blaupausiger.
Gegenüber die Fassade der letzten Wohnhäuser vor den ehemaligen Produktionsstätten haben sich verdunkelt, blättern ab in großen Flächen, entkleiden die Hohlsteine; kaum Menschen, der Mann, der seinen Hund scharf und unfreundlich anredet, sieht arbeitslos aus, Arbeitslosenquote des Bezirks 16,1 Prozent. Auch die Firma Schneidewind sit fort, Markisen, 200 Designs, vor dem offenen Tor an dem kleinen Platz, den Fenn- und Hasselwerderstraße bilden, ein alter Fernseher und ein alter Weihnachtsbaum: wie ein Environment aus dem Hamburger Bahnhof, Museum der Gegenwart, hier hat man’s ganz ohne Eintritt. Eine ehemalige Gegenwart, die Ruhe und in gewisser Weise auch die Schönheit gewesener Dinge, abgeschlossenen Lebens. Ich gehe durch eine Zeitpause, die Fassaden machen Pause, sie werden sich bald erneuern und in einer neuen Identität erhellen.
Man sieht die laufende Zeit von unten, die Fennstraße hoch, schon heraufziehen: Eigentumswohnungen zu verkaufen, neben der expressionistischen Post, deren Fassade (1929/30 von Engel & Hoffmann) heute erst recht ein architektonisches Getöse veranstaltet, dem von innen her nichts entspricht: Museum, neben dem aber – wie gesagt – die kapitalistische Zeit der Eigentumswohnungen spreewärts ziehend schon vorbei ist. Und da nun allerdings kommt die Überraschung: zwischen Hasselwerder-, Britzer und Hainstraße die Spreesiedlung, ein Ensemble von neun Mietshäusern, das die Hainstraße erschließt und das sich in verschiedenen Formen zur Spree hin öffnet: aus allen Wohnungen, oder aus fast allen, kann man den Fluss sehen, in dessen Namen Berlin dem klassischen Athen ähnlich wird.

Gebaut 1931/32, in letzter demokratischer Stunde, von Paul Mebes und Paul Emmerich, Spitzenarchitekten in Berlins erster demokratischer Hauptstadtphase.
Die gemeinnützigen Genossenschaften, Gesellschaften von Gewerkschaften, Beamtenbünden, versuchten zu tun, was sie konnten, um den Mehrheitsberlinern, die bisher unter der Hauptstadt gelitten hatten, Aussichten zu schaffen; im wörtlichsten Sinne: Aussicht, hier: auf die Spree, im übertragenden Sinne: auf ein bezahlbares, wetterfestes Dach überm wohnenden Kopf.
Mebes hatte Tischler gelernt, ehe er studiert hatte und Architekt geworden war. Er liebte Qualität. Qualität ist eine geistige, keine ökonomische Kategorie. Man sieht es seinen Häusern an, so sehr die Zeit sie annagt und abfrisst von außen und innen. Von dem ocker- oder rotfarbenen Putz aus gemahlenem Porphyr und gelbem Kies sieht man kaum noch etwas. Aber das kommt wieder. Anständige Antworten gelten. Die Sträucher am Uferweg, an dem die Boote liegen, werden eben beschnitten, das Gras grünt von selbst, die Spree fließt, gegenüber in den Hallen der ehemaligen Großindustrie richtet sich Hoffnung ein, nebenan in der Hochschule “Ernst Busch” proben sie: Was ihr wollt. Was wollen wir? Frieden und Arbeit.
Ich gehe die Britzer Straße abwärts bis zur Friedenskirche, deren Pfarrer Huhn heißt wie ich, sogar einen Ungarisch-Kursus bieten sie an, keine Rede mehr von “Deutschen Christen”, die den Namen Jehovas in Luthers Kirchenlied strichen, weil Gott, der Herr, einen jüdischen Namen hatte; unanständige Antworten.
Man muss sie sich verbitten.
Niederschöneweide als Lehrort, denke ich, als ich die Treppen zum S-Bahnhof wieder hinaufsteige und mich im Geiste bei der Alten in der Strickmütze bedanke, die wusste, was Philosophie und was anständig ist.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Silberpappeln der Persephone

Ich komme mit der S46 von Halensee. Wo sind die S-Bahnfahrten in Berlin denn nicht Fahrten durch die Stadtgeschichte, die hier ja manchmal die Weltgeschichte war?
Johannisthal ist ein Luftfahrtgeschichtsort. Luftbrücke denke ich, als ich am Tempelhofer Flughafen vorbei fahre, ich hätte auch denken können: Totschlag aus der Luft, Bomben auf Engeland, dann Bomben überall hin. Was ging aus von solchen Plätzen wie Johannisthal? Mein Vater hatte noch das erste Auto in Jena/Thüringen gesehen. In Berlin hatte er sich in S-Bahnschächten verborgen vor dem Tod, den die Luftschiffer, die noch vor kurzem so lustig gewesen waren, herunter warfen aus den Himmeln, die die Menschen vielleicht doch lieber den Vögeln gelassen hätten.
Mit solchen Gedanken bin ich in Schöneweide. Es regnet. Nach links könnte ich im “Südpol” Unterstand finden, flaches Café südlich vom Bahnhof, nördlich gibt es ein ähnliches. Aber ich überquere den Sterndamm, den es seit 1892 gibt, aber so eng befahren wie heute ist er wohl noch in keiner seiner Epochen gewesen.
Am Ecksteinweg interessiert mich vor allem der Name. In den 20er Jahren, als Treptow gerade ein Bezirk, der 15., von Berlin geworden war, haben sie hier verschiedene Straßen nach deutschen Kleinschriftstellern genannt, Eckstein, Waiblinger, Allmers, Greif, Hagedorn, Redwitz-Schmölz. Herwegh kam später (und vielleicht sollte ich ihn auch nicht einen Kleinschriftsteller nennen). Also dieser Eckstein zum Beispiel: ein fruchtbar schreibender Mann, Buch auf Buch, mit dem Jahrhundert ist er gestorben; Humor und Geschichte, aber der Humor war nicht witzig und die Geschichte nicht historisch. Dann kamen die Flieger. Nein, es war umgekehrt: Die Flieger waren zuerst in Johannisthal, auch als Straßennamensgeber waren sie früher da, schon im ersten Weltkrieg (natürlich, da wusste man schon, was man an ihnen hatte!) erhielten Engelhard-, Pietschkerstraße ihre Fliegernamen. Pietschker und Engelhard waren 1911 Opfer ihrer Flugleidenschaft geworden, sie gehörten also zu den ersten Opfern dieser Luftleidenschaft, die unterdessen so viele Menschen statt nach oben nach unten gewiesen hat, statt ins Reich der Wolken ins Reich der Schatten. “Silberpappeln der Persephone / Ach, wie rauscht ihr bang in meinen Träumen”: das war der Ton, in dem Eckstein dichtete, so was haben die Luftschiffer vielleicht gelesen.

Mit solchen Gedanken komme ich am Grünen Anger vorbei, einer ganz properen Gegend, AWO-Seniorenzentrum, in AWO-Nähe fühle ich mich immer ein bisschen heimatlich, erst recht bei der SPD, ich habe so viele Jahre meines Lebens dieser Partei gewidmet. Manchmal hätte ich gern ein bisschon von dieser Zeit zurück, ich könnte sie jetzt für was anderes gut gebrauchen, da mir überhaupt die Zeit knapp zu werden droht; SPD Bürgerbüro, der SPD-Bundestags-Direkt-Abgeordnete hat hier sein Büro, ist aber nur mittwochs nachmittags zu sprechen.
Da bin ich nun bei der ersten der drei besuchenswürdigen Johannisthaler Baugeschichtlichkeiten. Hagedorf-/Nieberstraße. In der großen Zeit der sozialdemokratischen Wohnungsbaupolitik für die Hauptstadt, das wohnungselendigliche Berlin, baute hier Jacobus Goettel Ende der 20er Jahre, derselbe, der auch den Ulmenhof in Friedrichsfelde gebaut hat: einen Hofpark. “Stadt und Land” gibt sich jetzt erfreuliche Mühe, die DDR-verfallenen Blocks wieder farblich und inhaltlich zu beleben. Die Farben sind freundlich. Manche Häuser haben mit ihrer Backsteinstreifigkeit direkt etwas Südländisches.
Die andere architektonische Sehenswürdigkeit Johannisthals liegt zwischen Südostallee und Königsheideweg. 1919 bis 1927, nach einem Bebauungsplan von Bruno Arendt, Häuser von Engelmann, Fangmeyer, Bruno Taut, den auch von anderwärts in Berlin vielbekannten. Zu der dritten Sehenswürdigkeit gelange ich nun, nachdem ich an der freundlichen, mit einem Café versehenen, aber jetzt am Vormittag leider geschlossenen Tanzschule Nass vorbei und durch den herbstlichen Johannisthaler Park hindurch bin, am Sterndamm; der Plattenversuchsbau von Richard Paulick, 1953/54, Großwandplatten in Geschosshöhe, eingebaute Fenster- und Türöffnungen, Dämmschicht aus Lignolithplatten, Trümmersplittbeton, Schornsteinformsteine aus Kiesbeton: “Bauarbeiter, Architekten und Ingenieure! Baut schneller, besser und billiger!” IV. Parteitag der SED. Dagegen ist – mit Verlaub! – auch heute nichts Meckriges zu sagen. Und “Mehr Wohnungen für die Werktätigen!”, das war schließlich keine Parole, über die man ästhetisch die Nase rümpfen dürfte. Jetzt kommt eine rosarote Farbe dran.

Der Regen nimmt zu, der Wind pfeift mir in den Kragen. Ich suche die Bushaltestelle und stehe, wo Fielitzstraße (über deren Namensgeschichte ich mir meine Gedanken mache), Heubergerweg und Sterndamm zusammentreffen, an einem anderen Eingang nach unten (um ecksteingemäß mit Homer zu sprechen), wo die Geschichte wohnt. Die Kirche der Evangelischen Gemeinde Johannisthal. Der aktuelle Pfarrer heißt Huhn. Wenn man Huhn heißt, freut man sich ja immer, wenn auch ein anderer so heißt. Sachverständigerr ist aber der alte Pfarrer und die freundliche Gemeindesekretärin. Die Kirche ist schmucklos. Ein goldener Engel aber, das 12-jährige Jesuskind, gestiftet aus Oberammergau: “Die Kinder müssen ja was zum Anfassen haben”, sagt die Gemeindesekretärin. Die große Glocke am freien Glockenturm ist aus Bochum, sie war Teilnehmerin der ersten richtigen Weltausstellung, 1873 in Wien. Damals war das Kirchenhaus ein Ausflugslokal, dann ein Ballsaal, kurze Zeit nach dem ersten Weltkrieg ein Kino, seit 1920 eben Kirche: eine gute Geschichte für eine Ortskirche: Ein großer Teil der Geschichte Johannisthals ist in ihr aufgehoben und festgelegt. Bella Vista heißt die Villa gegenüber. Ein schöner Einblick.
Silberpappeln drunten. Donnernder Großstadtverkehr.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Drei Mal Ehren

Es ist ein kalter, unfreundlicher Mittwoch, Ende April. Ich friere ein bisschen. Der S-Bahnhof Treptower Park ist friesenblau erneuert. Unten links liegen Schiffe der Weißen Flotte, sie scheinen auch zu frieren. “Gehwegschäden” sind sogar für Parkwege vielschildrig ausgewiesen. Im Ehrenmal lässt ein Mann seinen Hund laufen, sonst ist hier vorne anfangs niemand. Ich habe versprochen, der Frau aus Granit einen Text von Wolfgang Borchert vorzulesen. Wem versprochen? Nur mir selbst. An Ort und Stelle möchte ich das Versprechen am liebsten zurücknehmen. Überall steht: Die granitene Frau in der Allee zwischen den Triumpfbögen, durch die man ins sowjetische Ehrenmal gelangt, sei “Mutter Heimat”, eine Leserin schrieb: “Mutter Russland”. Das steinerne Mal selbst zeigt keine Inschrift. Ich betrachte es lange. Eine Frau, von übermenschlichen Maßen, vielleicht 50 Jahre, mit gesenktem Kopf, die Augen geschlossen, den rechten Arm nach hinten gestreckt, sich aufstützend, der linke hält das Gewand vor der Brust, die Haltung ist angespannt, es ist undeutlich, welche Bewegung der dargestellten Pose vorausgegangen ist und welche vielleicht folgen wird. Dass die Frau eine Mutter ist, ist aus keinem besonderen Kennzeichen zu ersehen. Dass die Heimat eine Mutter sit, in irgendeiner Weise vergleichbar mit einer wirklichen Frau, der eigenen Mutter eines jeden, der vorüber kommt, ist Überlieferung. Man kann sie teilen oder auch nicht, da mag sich jeder Betrachter selbst fragen. Ich habe keine Heimat; mit meiner Mutter, die 89 Jahre alt ist, verbinden mich ganz andere Gefühle als mit Orten und Ortschaften, an denen ich früher gelebt habe. Ich habe den Text mitgebracht. Ich blicke mich vorsichtig um; der Mann mit Hund ist fort, es ist niemand in der Nähe. Ich lese, flüstere eher, weil ich nicht ertappt werden will:
“Du, Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN”.

Diesen Text habe ich mehrere Male vorlesen hören. Zuletzt, ich weiß nicht mehr genau wann, von der greisen Ida Ehre in Hamburg bei einer Friedensdemo, ich glaube im Millerntorstadion, wo St. Pauli spielt. Der Text ist aus dem Jahre 1947; da war sein Autor 26 Jahre alt und hatte nur noch wenige Wochen zu leben. Später ist darin an die Adresse derer, die nicht NEIN sagen, zu lesen:
“der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam … zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen”.

Das Ehrenmal, in dessen stilisierten Gartenrechteck ich jetzt durch die über glatte Steine aufsteigende Hauptstraße gehe, ist hauptsächlich ein Massengrab. Ich gehe an den Grabquadraten vorüber und an den Stalinworten, golden auf weißem Kalkstein, steige auf zu dem bronzenen Schwertträger, sehe das zerschlagene Hakenkreuz über meinem Kopf. Rinnende Patina färbt den Stein. Die Pappeln stehen aufrecht, die Birken in frischem Grün, außen die Platanen, die so schutzlos aussehen unter der gebrochenen Borke. Die Anlage ist schön, der Blick geht über die Baumspitzen. Hinten kommen die Treptowers hervor, sonst sieht man auch hier nichts von der Stadt, man hört sie. Die Bundesrepublik hat sich staatsverträglich verpflichtet, diese Anlage immer gut zu pflegen; das geschieht; ein Arbeiter mäht mit hochsummender Maschine die Rabatten neben den Grabfeldern.
Das Wort, das hier am häufigsten zu lesen ist, ist das Wort Ruhm. Was ist Ruhm für die, die tot sind? Ich gehe zweimal um die Anlage herum, erst auf der inneren, dann auf der äußeren Seite des sterngeschmückten Gitterzauns, über stilisiertes Blattwerk aus Stein und über schwarze feuchte Erde.
Die 16 weißen Fahnenmasten am Ausgang zur Puschkinallee (und auch die auf der anderen Seite) sind unbeflaggt. 2 mal 8 Kenotaphe drinnen, 16 Fahnenmasten draußen, Baedecker sagt: weil es vor einem halben Jahrhundert 16 Sowjetrepubliken gab.
Das zählt jetzt niemand mehr nach, die Sowjetunion ist in die Geschichte verschwunden. Ein blauer Lastzug von Alba fährt donnernd vor, der Fahrer springt heraus und geht pfeifend über die Straße, um einen Kollegen zu treffen.

Ich überquere die Puschkinallee, in den Blumengarten, zum Hafen der weißen Schiffe, die nach Bundesländern und nach Bezirken heißen, das Hafenbüro ist zu, die Verkäuferin an der Kasse von Stern und Kreis wartet vergeblich auf Kunden. Für die Jahreszeit zu kalt, hieß es im Wetterbericht.
Ich wärme mich im “Ambiente” unter dem S-Bahnbogen, Bockwurst und Wiener Kaffee, Toilette nur für Gäste. Wenn es Sommer und warm ist, komme ich wieder, um auf den Stufen über dem Kurgan unter den Stiefeln des Bronzesoldaten zu sitzen und mich wieder zu fragen, was ich tun kann, damit kein Staat irgendwem befehlen kann, für irgendwas zu sterben.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Amalie: Trenck und Taut

Vorgestern in Treptow. Um mir anzusehen, wie Bruno Tauts Reform des Arbeiterwohnungsbaus begann, 1913, farbig: Tuschkastensiedlung. Ehe sich das steinerne Berlin für Arbeiter reformierte, hatten die Bessergestellten für sich mit Reformen des Ihren schon begonnen.
Dafür nach Pankow. Die Bewegung war zwar dieselbe: erst hinein in die Stadt, die Stadt ansammeln, vergrößern, die Fassaden schließen, dann heraus aus der Stadt, Gartenstadt, Landhäuser, Parks.
“Vergleichen wir nun – um ein Beispiel zu haben – (sagt der Professor) den Akazienhof am Falkenberg in Treptow und den Amalienpark an der Breiten Straße in Pankow. Es gibt strukturelle Ähnlichkeiten, gewiss: um einen Hof, einen Park herum ordnet sich das Private, das wenigstens den Anschein erweckt, dass es gelegentlich auch ein Öffentliches sein könnte…”
Ach nein, das ist kein Anfang. Pankow liegt viel zu weit weg von Treptow, als dass man da viel vergleichen könnte. Vielleicht eine kleine Geschichte: Reise der Christa Wolf aus dem Amalienpark in Pankow zu Anna Seghers in der Volkswohlstraße in Treptow, von den feinen zu den kleinen Leuten… nein, nein, das ist auch nichts, da stimmen die Daten wohl nicht, und Anna Seghers ist im Vergleich zu der zeitgenössischen Frau immer eine große, woher die auch kommt: Diese Reise ginge immer aufwärts.

Erinnere mich, Muse, statt dessen ans Ferne, das hinter den Zeiten verschwunden ist. Warum nennt ein 52-jähriger Königlicher Baurat, Architekt namens March, Otto, seinen städtebaulichen Versuch, über den sich fast noch besser reden als darin wohnen lässt, gerade nach dieser Preußenprinzessin Amalie, Schwester des bekannten königlichen Friedrich: eine Frau voller Launen, einst schön, dann – wie wir alle – weniger, schwer musikalisch, Spinett, Klavier, Laute, Flöte wie der vermentzelte Bruder, Bach-Autographen im Schrank, Komponistin von Militärmärschen, aber auch von süßen Weisen: “Wenn ich einsam zärtlich weine…”, ohne Mann, ohne vorzeigbaren Mann, vielleicht die frühe Geliebte des Trenck, Garde du Corps, den der königliche Bruder zehn Jahre in Ketten legte, 60 Pfund schwer um Hals und Fesseln, geflüchtet, entkommen, eingefangen, entlassen, um am Ende den Kopf in Paris zu verlieren – nicht an eine Frau, sondern durch die Revolution, unter der Guillotine, ein Geheimdienstmann wohl; die Liebesgeschichte mit der Prinzessin ist wahrscheinlich erfunden, Sensationsjournalismus, Fiktion, die Gefängnisse, die Folter, die Guillotine waren allerdings echt.
Wieso gehört diese Geschichte hierher nach Pankow unter die feinen Leute, in den Amalienpark, der eben 100 Jahre alt geworden ist?
Der Sohn des Vaters, der sich hier architektonisch verewigte, lebt fort durch das Olympia-Stadion (Goldmedaille 1936: damals hatte man die Idee, dem Wettkampf der Muskeln einen Wettkampf des Geistes … will ich wirklich nicht sagen … nebenan zu stellen: Gold für Stadien: Werner March, Deutschland, 3. Reich. Karinhall für den Nazi-Kondottiere G hat er auch gebaut, davon blieben nur wenige Trümmer in der Heide), als Papas Amalienhof fertig war, war er drei Jahre, als alter Mann erhob er von seiner Lehrkanzel in der TU Widerspruch gegen die Kahlschlagsanierung Westberlins durch den Brandt-Senat… ja, ja: so kann man das sehen.

Was erzählt mir da die Muse, während ich unter der Platane sitze inmitten der Häuser, die eins nach dem anderen renoviert und – sobald fertig – besetzt werden (bilde ich mir ein) von Wirtschaftsberatern, Rechtsanwälten, Ärzten und überhaupt solchen, die in die Taschen greifen können.
Die 100-jährige Geschichte ist dann nur noch Illustration für das neue Wohngefühl, Geschichte erhöht Wohnwert. Einen bedeutenden anderen Sinn hat sie nicht. Was auszieht, kann vergessen werden.
Was denke ich da, auf der schwarzen Bank unter dem stolzen Baum, der seine Geschichten für sich behält oder sie vielleicht auch herunter sinken lässt? Ich sehe: Patienten, Klienten, Mandanten, Kunden, vor allem Bauhandwerker … gerade da – bin ich ein Minütchen eingeschlafen und träume? – kommen fünf junge Mädchen, schüchtern-herausfordernd, eine Lolita dabei, auf mich zu, die Videokamera läuft, Joana, ihre Freundin hat Geburtstag, sie wollen akustisch-visuelle Glückwünsche einsammeln.
Joana, du denkst doch nicht, dass ich zufällig hier sitze mit meinem weißen Strohhut und meinem knallroten Hemd mit Ausrufezeichen von Joop? Sondern ausgeschickt von der guten Fee Amalie, dir einen Glückwunsch in den Amalienpark zu bringen, er wird dir nützen wie … wie ein Glückskiesel, durch Jahrhunderte glattgeschliffen in den Tiefen des Ganges. Hin auf den Flügeln des Gesanges! Dort weiß ich rot blühenden Garten…
Ich muss demnächst wiederkommen, den Amalienpark ohne Feenbeeinflussung und ohne Bildungsreminszenzen beschreiben, wenn er seinen Jahrhundertgeburtstag hinter sich hat und wieder jung ist.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Busfahrt nach Treptow

Dass dieser Titel nicht klingt wie “Moselfahrt aus Liebeskummer”! Damit hätte ich ja gar nicht am Hut. Die Spree ist nicht die Mosel, der 104er kein Schiff, und Liebeskummer kann ich mir in meinem Alter nicht mehr leisten. Abgesehen von R.G. Binding … mit diesem Deutschen-Reichs-Schriftsteller möchte ich nicht verglichen werden. Reichsstraße. Der Bus 104 beginnt heute am Theodor-Heuss-Platz, ehedem Reichskanzler-Platz, in der Reichsstraße ist ein Budenfest, das dem Bus seine eigentliche Endhaltestelle Brixplatz versperrt. Als ob das Leben aus Fressen und Saufen bestünde; dass wir für unsere Seele auch alltäglich immer nur durch Vermittlung des Körpers sorgen können.

Ich vermisse hier in der Gegend der feinen Leute die Gaukler, Jongleure; hinten hat der SFB, an dessen neuzeitlichem Fernsehzentrum ich nun vorüberfahre und an seinem klassischen halbkreisigen Backstein-Rundfunkhaus, zwar einen hochverboxten Stand, aber Vorleser werden da nicht auftreten, die vielleicht Ringelnatz lesen, der dort hinten gewohnt hat… aber Ringelnatz, ich glaube, das wäre es auch nicht, es müsste… es müsste… welche Literatur, überlege ich mir, während es am misslungenen Messezentrum vorübergeht und an den kunstgewerblichen metallenen Städteeroberer, der vor dem Modernistikum nun schon seit Harry Ristocks Zeiten einen Stein zu schleudern versucht, welche Literatur müsste es denn sein, die die Leute auf der Straße hörten und sagten: Mensch, Mensch…! Jakob van Hoddis vielleicht, der hier gewohnt hat, in der Joachim-Friedrich-Straße, an der mich der Bus vorbeischaukelt durch die Westfälische Straße, ganz dicht unter meinem eigenen Balkon entlang, Jakob van Hoddis, in Friedrichshain geboren, in Halensee gewohnt, in Anstalten gebracht, in Gaskammern vergast, durch Krematorien gejagt: Du zogst durch Nacht in weißem Mondeskahne / Vom Sternenwahn getrunken und bestaubt. An der Cicerostraße vielleicht aussteigen, wo der Bus zu Hause ist im großen BVG-Depot, und unten in der Straße, wo die Nazi-Propagandistin Leni Riefenstahl ihre Geschäftsstelle hatte für den “Reichsparteitagsfilm”, Reichskanzler, Reichsstraße, Reichsparteitag, van Hoddis vorlesen: Weltenende. Der große Sturm ist da. “Andere Gedanken!” befehle ich mir. Aber der Befehl wird nicht befolgt. Denn jetzt fährt mich der 104er am Fehrbelliner Platz an dem Haus vorüber, in dem Heinrich Himmler der größte Mörder des Jahrhunderts, residierte und seine Gehilfen ihr Mordhandwerk mit derselben deutschen Präzision verrichteten, mit der jetzt ihre Enkel – sagen wir: – in der Ausländerbehörde die Zulässigen von den Unzulässigen trennen.

Der 104er kommt nun nach Schöneberg. Er fährt durch acht Bezirke, durch ganz verschiedene soziale Zonen, ein Stadtdenkmal nach dem anderen. Die FHW, Fachhochschule für Wirtschaft, wo wir – als Edgar Uherek dort Rektor war – über die Hochschulpolitik konspirierten, vorbei am Rathaus Schöneberg, wo wir standen, als Kennedy seine ausgeklügelten Worte sagte, auch als Günter von Drenkmanns Sarg dort auf den Stufen stand und die Kammergerichtsräte sich wie Leidtragende fühlten.
Flughafen Tempelhof, die Hungerharke davor, die Worte aus Gottfried Benns sentimental-heroischem “Berliner Brief” im Kopf, Luftbrückenzeiten: “aus dem blockierten, stromlosen Berlin… geschrieben in einem schattenreichen Zimmer, in dem von 24 Stunden zwei beleuchtet sind… Danken wir zum Schluss General Clay, dessen Sky-Master diesen Brief hoffentlich zu Ihnen bringt…”

“Und Sie dahinten, wie lange wolln Sie denn mit Ihrer Kurzstrecke noch fahrn!”, der Busfahrer ist heraufgekommen auf das Oberdeck und stellt einen jungen Mann zur Rede, der sich vor zwei jungen Frauen dicke tut. Damit geht es nach Neukölln hinein, der Bus überquert die drei Neuköllner Star-Straßen, belebt, lebhaft, niemand würde hier sagen: Berlin; hier ist Neukölln. Wo Treptow beginnt, das sieht man gleich. Die Mauerwunde ist noch nicht vollkommen vernarbt, Wildenbruch-/ Ecke Heidelberger…
Ernst von Wildenbruch, 1845 bis 1909, illegitimer Hohenzollernspross, ein Berliner Schriftsteller, der Kaiser schätzte ihn mehr als Gerhard Hauptmann, heute ist’s bald egal, auch Hauptmann sinkt ab.
Der freundliche Busfahrer berät eine Frau mit Kinderwagen ausführlich, wie sie am besten dort und dorthin kommen kann, den Kollegen hier auf dem Oberdeck stört die Verzögerung: “Fahr weiter, Mann!” brummt er, “ich will nach Hause”, und als es endlich weitergeht, schickt er ein verächtliches “Wessi!” hinterher, Die Endhaltestelle S-Bahnhof Treptower Park liegt in der platanengeschmückten Puschkinallee. Zum S-Bahnhof geht es über eine belebte Autostraßenkreuzung; an einer verwilderten Ecke, etwas aus der Aufmerksamkeit gefallen, zurückgezogen vom nahen Autolärm, den neu-glänzenden Treptowers die Schulter zeigend, ein Denkmal, ein Schild an einer rohen Mauer: “Trifon Andrejeweitsch Lukjanowitsch / Obersergeant der sowjetischen Armee, rettete an dieser Stelle / am 29. April 1945 ein deutsches Kind / vor dem Beschuss durch die SS. / Fünf Tage nach der Heldentat / starb er an seinen schweren Verletzungen. / Ehre und Ruhm seinem Andenken.” Ein paar Augenblicke lang habe ich den heftigen Wunsch, mir die Gedanken vorzustellen, die den Obersergeanten bewegt haben. Am liebsten ist mir die Vorstellung: der russische Mann war hier, zu dieser Zeit, an dieser Stelle derjenige Mensch, der das getan hat, was nötig ist, damit die Erde ein Ort bleibt, an dem Menschen leben können.

Ich gehe unter der S-Bahn hindurch, auf die andere Seite, wenige Schritte nur, die Stadtstimmung ist im Nu verwandelt. Hier beginnt die Treptower Parklandschaft, am Wasser liegen die Schiff von “Stern und Kreis”, Eltern und Kinder, Paare, Paare mit befreundeten Paaren, es ist Sonnabendnachmittag, MS Friedrichshain legt gleich ab zur Kaffeefahrt.
Eine gemütliche, das heißt in Berlin immer auch: eine zugleich etwas aufgeregte Freizeitstimmung breitet sich aus, “Weesde, Nicole, wat dett sind? Det sinn Maronien, Esskastanien sinn dett!”
“Ich dachte, dess sinn Kastanjen.”
“Neenee, det sinn Maronjen.”
Pause im “Ambiente” im S-Bahn-Bogen. “Keine öffentliche Toilette!” ruft die Wirtin einer Aufgetakelten nach, die nicht mal fünfzig Pfennig geben will.

Die Puschkinallee kreuzbergwärts. Eine Lieblingsstraße. Sie wird immer schöner. Die Stadtvillen an der nördlichen Straßenseite, deren schnelles Wachsen ich beobachte, sind jetzt erwachsen, hinten liegen die Treptowers, das ist bis zur Eichenstraße eine ganze Stadt, allerdings eine Arbeitszeitstadt, nach Feierabend sieht sie geschlossen aus, wie gegenüber die Bewag-Zentrale am Schlesischen Busch.
Park, parken: Die Wörter haben eine auffällige moderne Doppeldeutigkeit. Die Erklärung für die vielen Parkenden am Park sind an der Grenze zu Kreuzberg die von der Industrie verlassenen Industriehallen: “Antik und Trödel”.
Ein gigantischer Trödelmarkt, eine großstädtische Sehenswürdigkeit ersten Ranges, enmalig, geordnet und ganz ungeordnet: Bücherberge, CD- und Schallplatten-Haufen, weite Flächen voller Metallzeug, Türklinken, Wasserhähne, Schweißerhelme – und Kleider, Kleider, Röcke, Jacken. Das Innenleben ganzer Bürgerlichkeiten ist nach außen gestülpt, ein soziologisches Museum ein Querschnitt durch die Privatheit, in der wir leben, wenn die Fernseher und die Computer ausgeschaltet und die CD-Player verstummt sind. Dagegen ist jeden historische Museum eine Lüge.
Als ich an den Reihen der ausgebrauchten, von Gefühls- zu Handelsware mutierten Barbiepuppen vorüber gehe, fasst mich ein Schaudern, sie liegen da nebeneinander aufgereiht: Zärtlichkeitsleichen, Killing Fields der Kindheiten, die zu Ende gegangen sind: ach, mögen sie doch nicht in die Hoffnungslosigkeit von Arbeitslosigkeiten übergegangen sein.
Ich krame aus einem Bücherstapel einen Band Wildenbruch, verstaubt, zerlesen, lose Blätter unterm Golddruck-Deckel: “Edles Blut”. Und trage meine Melancholie bis zum Schlesischen Tor, wo ich im Margarita diesen Text geschrieben habe.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)