Schlagloch in der Seele des Taxifahrers

Über die vielen Schlaglöcher, die es derzeit wieder gibt, soll es jetzt nicht gehen. Aber auch die Psyche des Taxifahrers hat schon so manchen Schlag abbekommen und nicht alle Wunden verheilen gleich wieder. Natürlich darf man nicht zu sensibel sein, wenn man jeden Tag mit den unterschiedlichsten Leuten zu tun hat. Manche Zeitgenossen sind einfach unerträglich, teilweise aggressiv oder aufdringlich oder arrogant. Bei anderen Fahrgästen wird man mit deren Schicksal belastet, Krankheit, Trauer, immer wieder bekommt man das Leid anderer Menschen mit. Manche Kollegen machen dann dicht, es interessiert sie nicht. Ich bin nicht so, ich kann einen verletzten Menschen nicht auch noch abweisen. Der Preis ist, wie ein Psychologe damit konfrontiert zu werden.

Manchmal aber fühlt man sich selber so, als würde man selbst nicht mehr ohne Hilfe klarkommen. Im Bett liegt man stundenlos wach, nach nur wenigen Stunden Schlaf fühlt man sich schon beim Aufstehen wie gerädert. Mit dem Taxi steht man dann als achter oder zehnter Wagen an der Halte, aber es tut sich nichts, vorn fährt niemand los. Dann nach 40 Minuten endlich ein Funkauftrag, doch an der Abholadresse steht niemand. Aber man hat ja den Namen, nach mehreren Minuten Warten klingelt man, doch niemand reagiert. Fehlfahrt. Zurück auf Los, wieder anstellen.

Der erste Fahrgast, endlich. Er will nur geradeaus, aber nach einem Kilometer beschwert er sich über die Strecke. Ich erkläre ihm, dass es vom Potsdamer Platz zum Alex nun mal am kürzesten ist, wenn man über die Leipziger Straße fährt, aber nun meckert er über meine angebliche Frechheit. Ein Trinkgeld gibts natürlich nicht.
Danach wieder tote Hose, alle Halten voll, cruisen, aber nur andere freie Taxen vor mir, kein Winker. Über den Funk wird zur Mehrzweckhalle am Ostbahnhof mobilisiert, aber als ich nach nur fünf Minuten dort ankomme, stehen schon 30 bis 40 Wagen da. Längst strömen die Zuschauer raus, nicht mal zehn Taxis bekommen einen Fahrgast. Von dort zum Ostbahnhof, warten auf den ICE aus Bonn. Als der nach einer Viertelstunde durch ist, stehe ich immer noch ziemlich weit hinten. In mir macht sich Frust breit, keine 10 Euro Umsatz in drei Stunden, eigentlich sollte ich lieber Hartz IV beantragen, dann habe ich mehr Geld und mehr Zeit für mich.

Der Rest der Nacht ist nicht viel besser: Ein Vollalkoholiker, ein paar Gangtypen, ein Brite, dem der Name seines Hotels nicht mehr einfällt. Aber wenigstens Fahrgäste, also freundlich bleiben, selbst wenn einem zum Heulen zumute ist. Ich fühle mich ausgebrannt, die Arbeit ist sinnlos und deprimierend. Um Eins mache ich dann Feierabend, das hebt meine Stimmung ein bisschen, ich freue mich aufs Bett. Auch wenn ich jetzt schon weiß, dass ich dann wieder stundenlang nicht einschlafen kann.




Rassismus bringt‘s nicht

Ich stand am späten Abend mit dem Taxi am Bahnhof Zoo. Nach über einer halben Stunde Wartezeit hatte ich noch zwei Taxis vor mir, als ich sah, wie eine kleine Asiatin zum ersten Wagen ging. Sie diskutierten eine Minute, dann stieg der Kollege aus, schaute in Richtung der Bushaltestelle, schüttelte den Kopf und stieg wieder ein.

Die Dame ging zum nächsten Wagen und diskutierte wieder. Ich stieg aus und ging nach vorn, weil ich mir schon dachte, dass die Geschichte noch weitergeht. Tatsächlich stieg der vordere Fahrer wieder aus und rief seinem Kollegen, den er offenbar kannte zu, dass er „die Fitsche“ ja gerne mitnehmen könnte. Zusammen mit ihrem „Kram“. Der aber lachte zurück und rief nach vorn: „Ganz sicher nicht!“

Ich kenne diese Worte. Als „Fitschi“ wurden die Vietnamesen nach dem Mauerfall bezeichnet, ein rassistischer Begriff. Dass er von manchen immer noch benutzt wird, ist schon schlimm genug. Aber dies auch noch den betreffenden Menschen direkt ins Gesicht zu sagen, ist besonders eklig.

Der hintere Kollege schaute zu mir und ich sagte ihm ziemlich wütend, dass ich diese Sprüche zum Kotzen finde. Seine Antwort war: „Nimm Du sie doch mit, wenn Du verstehst, wo sie mit ihrem Scheiß hinwollen. Viel Spaß!“

Tatsächlich war es schwierig zu verstehen, was die Dame meinte, als sie mehrmals „Inde Ente“ sagte. Ich kenne das, viele Asiat/innen haben Probleme mit der deutschen Aussprache und dadurch haben auch die Taxifahrer Probleme, diese zu verstehen. In diesem Fall war es aber nicht so schwer: „Meinen Sie das Linden-Center, Hohenschönhausen?“, fragte ich.
„Ja“ sagte sie begeistert, Inde Ente!“
Den „Scheiß“, den der Kollege meinte, bestand aus etwa 12 bis 14 bis oben hin vollgepackten Einkaufstüten mit Kleidung. Warum man mit Einkaufstüten mitten in der Nacht zu einem Einkaufs-Center wollte, habe ich zwar nicht verstanden, aber meine insgesamt drei Fahrgäste werden schon gewusst haben, wieso. Jedenfalls war der Kofferraum des wirklich sehr geräumigen Opel Zafiras schließlich bis oben hin voll.

Ich habe mich über eine schön lange Fahrt gefreut und gehofft, dass die anderen beiden Kollegen stattdessen irgendeine 6-Euro-Tour kriegen, mit einem doitschen Fahrgast.

Unsere Fahrt ging dann jedoch gar nicht nur zum Linden-Center, sondern danach noch ein ganzes Stück weiter nach Wartenberg, um danach erst in Rummelsburg zu enden.
Die mittlerweile aufgelaufenen 53,90 Euro bezahlte meine Fahrgästin mit drei 20ern: „Sint so“.
Das habe ich sofort verstanden. Vielen Dank!




“Ich hasse Kleingeld”

Früher Abend, ich stehe an erster Stelle der Taxihalte am Bahnhof Zoo. Genau genommen stehe ich sogar als Einziger dort, nämlich auf der rechten Seite, direkt am Bahnhof. Ich verstehe bis heute nicht, wieso sich die Kollegen fast alle auf der linken Straßenseite hinstellen, an den Bushaltestellen. Zwar steigen dort tagsüber tatsächlich mehr Fahrgäste ein, aber schneller kommt man auf der rechten Seite weg. Das ist aber mein Geheimnis, also bitte nicht weitersagen!

Jedenfalls stand ich gestern Abend gegen 20 Uhr dort, als ein höchstens 20-jähriger Kerl auf mich zukam und an die Scheibe klopfte. „Kannst Du auch auf 500 rausgeben?“, fragte er mich ernsthaft. Ich antwortete: „Wenn wir nach Rostock fahren, dann ja. Das kostet etwa 460 Euro“.
Er schaute mich etwas verdattert an, stieg aber ein und fragte: „Das war jetzt ein Witz, oder?“
„Nö, das kostet wirklich 460 Euro.“
Ich genoss seine Unsicherheit, aber ohne Häme. Dass man im Taxi nicht mit einem 500er zahlen kann, sollte ihm klar sein.
Nun zog er sein Geld aus der Tasche und hatte mindestens drei 500-EUR-Scheine in der Hand sowie einen 200er. Den zeigte er mir, aber ich schüttelte nur den Kopf.

„Egal, dann muss meine Freundin das zahlen“, sagte er und nannte die Pariser Straße als Ziel. Das ist nicht wirklich weit, aber ich gehöre nicht zu den Taxifahrern, die ihre Fahrgäste unfreundlich behandeln, wenn diese nur eine kurze Tour haben.
Dann erklärte er mir, er würde 500er sammeln. Deshalb sei er auch froh, dass ich die nicht wechseln kann. „Ich hasse Kleingeld, weißte“.

Auf dem Weg rief er seine Freundin an und sprach extrem unhöflich mit ihr. Sie soll doch gefälligst mit 15 Euro runterkommen, ob sie zu blöd ist, das zu kapieren. So ging das die ganze kurze Fahrt über, es war mir unangenehm, da mitzuhören.

Am Ziel angekommen ließ er sein Handy auf dem Sitz liegen und holte das Geld, das seine Freundin ihm an die Tür gebracht hatte. Das Taxameter zeigte 6,70 Euro. Er reichte mir drei 5er und verabschiedete sich. Ich dachte, er hätte sich verzählt und wollte mir 10 Euro geben. Aber als ich ihn drauf aufmerksam machen wollte, wiederholte er seinen Spruch von vorher: „Ich hasse Kleingeld“. Tja, wer spendable reiche Eltern hat, kann sich solche Trinkgelder leisten…




Möchtegern-Rocker

Bei großen Messen reisen oft Tausende von Geschäftsleuten nach Berlin und einen Teil von ihnen hole ich am Abend mit dem Taxi ab. Auf dem Weg vom Messegelände ins Hotel oder in ein Restaurant bekomme ich die Gespräche mit, die sie dann untereinander führen, nach einem anstrengenden Arbeitstag. Meistens unterhalten sich die Leute über geschäftliche Dinge, manchmal auch über Personalien. Na ja, Personalien ist vielleicht das falsche Wort, es geht eher darum, über Kollegen, Geschäftspartner oder Konkurrenten herzuziehen. Das Geschlecht ist dabei völlig unerheblich, Männer und Frauen können genauso eklig sein.

Fast nur aus Männer besteht noch eine andere Gruppe. Diese wächst vor allem über sich hinaus, wenn Frauen dabei sind: Die Möchtegern-Rocker. Nicht, dass sie irgendwie einem Bandido oder Hells Angel ähneln würden, sie finden es schon wild, die Krawatte abzulegen.

Es sind vor allem die Geschichten, die sie erzählen, von verwegenen Taten, vom Rebellentum unter der bürgerlichen Fassade. Im letzten Jahr hatte ich mal einen Fahrgast im Taxi, der damit rumgeprollt hat, wie er angeblich während der G20-Krawalle in Hamburg mit den Autonomen mitgegangen ist und dort die Sau rausgelassen hat. Auf die Frage seiner Kollegin, ob er denn auch Steine geschmissen hätte, antwortete er, dass er sich daran nicht mehr erinnern könne. Er wäre ja „so breit“ gewesen, dass ihm einige Stunden im Gedächtnis fehlen würden. Hach, was für ein Indianer der Großstadt…

Der gute Mann heute kam von der InnoTrans, einer großen Eisenbahnmesse. Ich hatte in dieser Schicht mehrmals Geschäftsleute von dort, aus Neuseeland, Südkorea und der Schweiz. Er aber war aus Bayern, das war nicht zu überhören. Zusammen mit seinen zwei männlichen Kollegen gockelte er von der einzigen Frau, dass es nur noch peinlich war.

Nicht nur, dass er mich ungefragt duzte, worauf ich die ganze Zeit mit konsequentem „Sie“ reagierte. Er erzählte ausgiebig, dass er ja schon seit zwei Tagen in Berlin war, die „Szene gecheckt“ hätte und einige alte Kumpels getroffen hat. Gemeinsam haben sie dann „die Gegend unsicher gemacht“. Solange, bis sie sich gestern mit dem Türsteher am Berghain angelegt hätten. Aber den hätte er schon „klargemacht, verstehste?“. Und dann wäre er dort ein paar Stunden „gut abgegangen“, bla bla. Dann machte mein Fahrgast aber den Fehler, mich ins Gespräch mit einzubeziehen:
„Im Berghain kenne ich fast jeden, der da arbeitet. Ist ja der angesagteste Club Europas, stimmts Herr Taxifahrer? Bist Du auch manchmal dort?“

Ich sagte, dass mich der Club nicht interessiert. „Außerdem dachte ich, das dort montags bis mittwochs nur die Kantine geöffnet hat.“
„Nein, es geht hier nicht ums Essen. Dann war es eben vorgestern.“
Die Frau warf ein, dass vorgestern aber Montag war, es also auch nicht geöffnet gewesen sei.
„Dann war es eben woanders, jedenfalls in Prenzlberg.“
„Im Prenzlauer Berg gibt es keine Clubs mehr, die sind dort schon lange vertrieben. Und die Berghain-Kantine heißt nur so, es ist keine Gaststätte.“

Es machte mir einen riesen Spaß, die Großmäuligkeit zu entlarven, obwohl er mir auch ein bisschen Leid tat. Aber wirklich nur ein bisschen. Auch das legte sich, weil er einfach nicht aufgab. Er erzählte nun, dass er öfters am Wochenende nach Berlin einfliege, um hier mit seinen Kumpels abzuhängen. Das wären alles harte Typen, die schon manche Erfahrung mit der Polizei gemacht hätten. Wenn sie zusammen „durch den Kiez“ ziehen, dann würden die Leute aber auf die andere Straßenseite wechseln.
Die Frau sagte dazu, dass sie sowas blöd fände, andere Menschen einzuschüchtern, was ihn sofort zum Zurückrudern veranlasste: „Nein, nein, ich bin ja dabei der Vernünftige und passe auf, dass nichts passiert. Die Jungs hören ja auf mich. Wir gehen dann meistens in irgendwelche Konzerte und treffen uns da mit unseren Leuten. Das geht dann ganz schön ab da. Da sind auch meistens die Autonomen mit dabei.“

Nicht nur ich war von diesem „harten Kerl“ begeistert, auch die anderen himmelten ihn spöttisch an: „Im Office bist Du doch immer der Brave, wusste gar nicht, dass Du so wild sein kannst.“
„Ihr wisst so einiges nicht von mir“, prollte er nochmal rum, aber man merkte ihm an, dass er unsicher wurde. Dummerweise fing er dann nochmal an, vom SO36 zu sprechen, das ja seine Lieblingslocation wäre. Allerdings sprach er das „so 36“ aus, statt S.O.36. Niemand nennt es „so 36“. Ich musste nochmal gemein sein und fragte: „Das in Charlottenburg?“
„Ja klar, man, Du weißt wenigstens Bescheid.“ (Für Auswärtige: Das SO36 ist im Herzen Kreuzbergs, etwa 8 Kilometer von Charlottenburg entfernt.)
Glücklicherweise waren wir am Ziel angekommen und nachdem sie ausgestiegen waren, grinste noch eine ganze Weile in mich hinein.




Wette verloren

Man soll sich seiner Sache nie zu sicher sein. Es kommt selten vor, dass ich mich mal auf eine Wette einlasse, zumindest wenn es um reale Euro geht. Aber diesmal konnte ich einfach nicht anders, es lockte das leicht verdiente Geld.

Begonnen hatte es am Hotel Bristol, dem ehemaligen Kempinski in der Fasanenstraße. Die Fahrt ging nach Zehlendorf, eine schöne Strecke. Schnell war ich mit dem Fahrgast im Gespräch, einem Historiker mit Schwerpunkt Berlin. Genau der richtige Gesprächspartner für mich.
Irgendwie kamen wir dann auf das Roseneck und die Clayallee zu sprechen. Dabei bemerkte er, dass die Clayallee unmittelbar am Roseneck beginnt. Ich habe ihm widersprochen und gesagt, dass die Straße dort noch ein Stückchen Hohenzollerndamm heißt und erst nach ca. 150 Metern zur Clayallee wird. Das wollte er nicht gelten lassen, er bestand darauf, dass die Straße direkt am Roseneck ihren Namen ändert.

Nun hat es wenig Sinn, wenn man sich gegenseitig die eigene Meinung klarzumachen versucht. Zum Spaß sagte ich: “Wir können ja wetten.” Das war wirklich nicht ernst gemeint, aber er fand die Idee sofort super. Begeistert schlug er vor: “Wenn Sie recht haben, verdoppele ich am Ende der Fahrt den Fahrpreis. Wenn nicht, brauche ich nichts zu bezahlen.” Da ich mir sicher war, nahm ich die Wette an.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon kurz vor’m Roseneck. Wir mussten bei Rot halten und versuchten beide, das Straßenschild auf der anderen Seite der Kreuzung zu erkennen. Das war aber nicht möglich.
Dann fuhren wir los und auf dem Straßenschild stand: Hohenzollerndamm. Wie ich es in Erinnerung hatte, ändert die Straße ihren Namen erst an der Kurve, Höhe Bernadottestraße. Mein Fahrgast war verdattert, aber nicht aufgrund der verlorenen Wette, sondern wegen seines Irrtums: “Ich fahre hier seit Jahrzehnten fast täglich lang. Unglaublich, dass ich mich so geirrt habe.”

Am Ende der Fahrt stand das Taxameter auf 22,30 Euro. Er sagte “machen Sie 25”, reichte mir einen 50-Euro-Schein und stieg aus. Dann klopfte er nochmal ans Fenster: “Die nächste Wette mit Ihnen gewinne aber ich!”
Ich antwortete “Das werden wir ja noch sehen.” Und ich hoffe, es kommt wirklich dazu.




Kreative Stadtführung

Es kommt öfter vor, dass man als Taxifahrer gebeten wird, einige Sehenswürdigkeiten abzufahren, damit Touristen einen Eindruck von der Stadt bekommen. Manchmal übernimmt einer der Fahrgäste die Moderation, was aber böse in die Hose gehen kann, wenn er sein Wissen nur von Fotos und vom Hörensagen hat, und den Rest dazu dichtet. Dies war auch mein Eindruck, als ich ein paar Briten durch Mitte und Tiergarten fuhr.

Ich stand am frühen Abend am Lustgarten. Die vier Damen und Herren wollten noch schnell was von Berlin sehen, deshalb fuhr ich sie erstmal über die Museumsinsel. Am Wohnhaus von Angela Merkel ging es los: Der laute Engländer neben mir erklärte den anderen, dass Merkel zu DDR-Zeiten stellvertretende Familienministerin gewesen sei und damals dieses alte Haus bekommen habe. Die Vorbesitzer wurden deshalb angeblich verhaftet und aus der DDR ausgewiesen, damit das Haus frei würde. So, so, ich ahnte schon, wie es weitergeht. Und tatsächlich erfuhr ich, dass es damals Unter den Linden täglich eine Panzerparade gegeben hat, um die stete Wachbereitschaft der Armee zu demonstrieren. Daher also die Schlaglöcher.

Leider ging der Blödsinn genauso weiter. Beim Reichstag sagte der Brite, dass das Gebäude früher auf der Rückseite zugemauert war, weil die DDR-Grenztruppen immer in die Fenster geschossen hätten. Denn angeblich war der Reichstag bis 1989 Sitz des Bundeskanzlers, wenn er nach Berlin kam. Vorher – bis 1945 – war hier nach seinen Angaben die NS-Regierungszentrale.

Bis zu diesem Zeitpunkt überlegte ich noch, ob ich ihn korrigieren sollte, aber das verwarf ich gleich wieder. Es wäre einfach zu viel gewesen und ich wollte ihn auch nicht bloßstellen. Und was soll’s auch, dann tagt der Bundestag heute eben in der ehemaligen Reichskanzlei.

Genauso ging es weiter, als wir am Haus der Kulturen der Welt vorbei fuhren. Darin ist heute angeblich der Sitz der Bundeskanzlerin. Kurz danach sahen wir das angebliche “Schloss Charlottenburg”, in dem der Bundespräsident wohnt, um dann zur Siegessäule zu kommen, die von Hitler persönlich entworfen wurde! An diesem Punkt wollte ich eigentlich bemerken, dass Nazi-Deutschland den Krieg doch verloren hat und was denn die Siegessäule für einen Sinn hätte. Aber mir war es mittlerweile auch egal.

Auf dem Weg zur Budapester Straße überquerten wir noch angeblich die Spree (Landwehrkanal), wo ich etwas langsamer fahren sollte. Ich lernte, dass hier genau in der Mitte die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin verlief und deshalb die Grenzboote beider Seiten nebeneinander im Wasser lagen.

Da konnte man ja nur froh sein, dass die Mauer nicht auch noch mitten im Wasser stand…




Hitze macht dumm im Kopf

Heute war wieder so eine Nacht. Eine Taxischicht, die man sich einfach nicht wünscht und die nur nervt. Keine Ahnung, vielleicht ist die Hitze mit Schuld daran.

Die City West voll, wegen der Leichtathletik-Europameisterschaft ist der nördliche Breitscheidplatz für Autos gesperrt. Und natürlich bekam ich als Erstes einen Funkauftrag zum Hotel Palace: Hinweis: Über Kurfürstenstraße anfahren. Nur stand dort leider eine Polizeisperre und die eingesetzte Beamtin war besonders schlau. Denn obwohl ich gar nicht bis zum Platz durchfahren wollte, ließ sie mich nicht durch, mit der Begründung, der Platz wäre gesperrt. Meinen Einwand, das Hotel wäre vor dem Platz und ich würde dann auch wieder umkehren, wenn ich meinen Fahrgast hätte, interessierte sie nicht. Da könnte ja jeder kommen und sowas behaupten. Ich zeigte ihr den Auftrag im Display, was sie mit der Bemerkung konterte, das könne mir ja auch jeder zuschicken. Da während Diskussion die Durchfahrt auch für „berechtigte Fahrzeuge“ versperrt war, kam nun einer ihrer Kollegen und wollte mich wegschicken. Ich bestand darauf, zum Hotel durchfahren zu können. Er: „Na dann fahren Sie doch!“ Seine Kollegin ging wortlos aus dem Weg, plötzlich ging es also.
Vor dem Hotel angekommen wartete natürlich niemand. Der Doorman wusste von nichts. Ich rief die Zentrale an und nach einer Minute sagte sie, der Fahrgast wäre wohl schon weg. Super. Zum Glück habe ich vorher nicht schon eine Stunde am Taxistand gestanden, um dann eine Fehlfahrt zu haben.

Das kam erst am frühen Abend. Genau 69 Minuten Warten an der Taxihalte Savignyplatz, die um diese Zeit eigentlich ganz gut läuft. Dann ein Funkauftrag, ein superteures Hotel am Steinplatz. Von dort geht es oft in die City Ost, ich freute mich schon auf eine hoffentlich ertragreiche Tour. Es wurde gerade Grün, ich raste die 200 Meter bis zur Uhlandstraße, dann links abbiegen. Keine zwei Minuten nach dem Losfahren kam ich am Hotel an. Reingehen, melden, fragende Gesichter an der Rezeption. Sie hätten kein Taxi bestellt, vielleicht die Bar nebenan? Auch die wussten von nichts. Mehr als eine Stunde umsonst rumgestanden, meine Laune war auf dem Niveau des Straßenbelags. Dazu die unerträgliche Hitze, die vor allem negative Gefühle noch verstärkt.

Aber ich schluckte es runter, Frust gehört beim Job dazu, man muss damit umgehen. Ich fuhr nun den Kudamm hoch und runter und hatte auch bald eine Fahrt nach Steglitz. Am Ziel angekommen fiel der Dame auf, dass sie kein Geld dabeihatte. Und auch keine EC- oder Kreditkarte. Und auch zuhause sei kein Geld, versicherte sie mir gleich mehrmals. Ansonsten schien sie die Tatsache aber nicht zu stören, dass sie die Taxifahrt nicht zahlen konnte. Stattdessen fragte Sie frech: „Und, was wollen Sie nun machen?“ Sie sah es überhaupt nicht als Problem an.

Ich war nun richtig sauer und sagte, dass ich die Polizei rufe, dann würde es eine Anzeige wegen Betrugs geben. Das würde dann sehr viel teurer als eine Taxifahrt. Plötzlich brüllte sie mich auf Russisch an, wahrscheinlich Beleidigungen, die ich glücklicherweise nicht verstand. Dann stieg sie einfach aus, ging auf die Haustür zu, schloss sie auf und drängte sich rein.

Ich rannte hinterher und konnte gerade so verhindern, dass sie die Tür schloss. Nun schrie ich sie an, dass das eine Sauerei ist und dass sie eine Kriminelle wäre. Sie ließ sich nicht beeindrucken, ging nach oben. Ich hinterher, um der Polizei später sagen zu können, wohin sie verschwunden sei. Doch sie klingelte an einer Tür im zweiten Stock. Dort sprach sie mit einer Nachbarin und bekam von ihr einen 20-Euro-Schein. Den reichte sie mir, nicht ohne mich wieder auf Russisch zu beschimpfen. Ich sah sie verächtlich an und tappelte zurück zum Taxi.

Zwei, drei Stunden später verschlug es mich noch zum Olympiastadion. Hier finden derzeit die Hauptveranstaltungen der Leichtathletik-EM statt. Es war fast alles vorbei, nur noch vereinzelt kamen Leute raus. Da sonst kein Taxi da war, wartete ich einige Minuten am Olympischen Platz. Tatsächlich steuerten schon bald drei Leute auf mich zu, ein mittelalter Mann und zwei recht junge Frauen. Schon während er mir das Fahrtziel „Crowne Plaza Hotel“ nannte, merkte ich, dass er einen aggressiven Ton hatte. Ich fragte, welches Crowne Plaza er meinte, denn es gibt zwei davon. Er wiederholte genervt und betont langsam: „Crowne Plaza Hotel“. Meine Frage, ob das in der Nürnberger Straße oder in der Halleschen Straße beantwortete er, indem er den Namen ein drittes Mal aufsagte.

„Wenn Sie mir nicht sagen, in welches der beiden Crowne Plaza Hotels Sie wollen, kann ich Sie nicht fahren!“ Langsam war ich sehr genervt von dem Typen. Ich war froh, dass er nicht direkt neben mir saß. Stattdessen mischte sich nun eine der beiden Frauen ein und sagte in ruhigem Ton, dass es in der Nähe vom Kudamm sei. Ich bedankte mich und fuhr in die Nürnberger Straße. Der Typ fing von hinten nochmal an zu stänkern, als ich in die Kantstraße fuhr. Aber ich ignorierte ihn, so wie das auch die beiden Frauen taten. An Ziel meckerte er nochmal über den angeblichen Umweg, ich konterte nur mit „ja, ja“. „Ja ja heißt leck mich am Arsch“, blökte er, wenig fantasievoll. Ich ließ das unbeantwortet, grinste aber etwas. Die Frau neben mir grinste zurück.

Glücklicherweise ist eine solche Häufung von nervenfressenden Erlebnissen die Ausnahme. Am Ende meiner Schicht ging es dann nochmal für 50 Euro vom Wedding nach Kleinmachnow und Wannsee. Auf der leeren Rückfahrt nahm ich den Umweg über die Havelchaussee, die nachts nur von Taxis befahren werden darf. Man ist also ungestört, wenn man dann einen Stopp am kleinen Strand einlegt und für ein paar Minuten ins Wasser geht. Das habe ich getan und es war alles wieder gut :-)




Tausende Taxifahrer gedopt

Ein neuer Skandal erschüttert Berlin: Am Wochenende ging Taxifahrer Gerhard M. (43) an die Öffentlichkeit und gestand, dass er seit über 15 Jahren fast immer gedopt Taxi gefahren ist. Unter Tränen gab er zu, dass Aufputschmittel, Koffein, Vitamine u.ä. auch bei seinen Kollegen “völlig normal” seien, die Fahrer machen sich darüber gar keine Gedanken mehr, sie lachen sogar über die wenigen Taxifahrer, die keinen Kaffee trinken.

Blutkontrollen gibt es im Taxigewerbe fast nie, so dass sich das Aufputschen durch irgendwelche Mittelchen mittlerweile zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt hat. Ein schlechtes Gewissen hat kaum jemand, wie eine Umfrage an den Taxiständen Alexanderplatz und Europa-Center ergab. Zwar wurden manche Kollegen rot und stammelten, dass sie “selbstverständlich” keine entsprechenden Mittel nehmen, als man sie aber auf die Thermoskanne neben dem Sitz ansprach, wurden sie aggressiv und bedrohten uns mit Schlägen und einer Strafanzeige wegen Verleumdung.
Noch ist nicht absehbar, welche Konsequenzen dieser Skandal haben wird. Wenn es wirklich so ist, dass sich schätzungsweise 90 Prozent aller Berliner Taxifahrer mit Kaffee, Cappuccino, Cola und anderen Aufputschmitteln dopen, müssen harte Maßnahmen ergriffen werden, damit das Taxigewerbe wieder glaubwürdig wird. Möglicherweise müssen sogar die Einnahmen der vergangenen fünf Jahre wieder an die Fahrgäste zurückgegeben werden.
Das Ordnungsamt hat jedenfalls angekündigt, das Taxigewerbe künftig sehr genau zu beobachten. Vor allem nachts, wenn manche Fahrer mit ihren Fahrgästen mit teilweilse über 50 km/h durch die Straßen rasen, soll es Dopingkontrollen geben. Im Interesse der Fahrgäste und vor allem der ehrlichen Taxifahrer.




Merkwürdige am Hauptbahnhof

Der Berliner Hauptbahnhof ist nicht nur riesig, sondern dort findet man auch ständig Menschen die – freundlich ausgedrückt – etwas merkwürdig sind. Im vergangenen Sommer sah ich dort einen sehr alten Mann, nur mit String-Tanga und offenem Pelzmantel bekleidet. Regelmäßig führt eine alte Frau ihre vier bis sechs Hunde im und am Bahnhof spazieren. Jugendliche aus dem nahen Hostel, die auf Klassenfahrt in Berlin sind, benehmen sich oft daneben und bekommen dann Ärger mit dem Wachschutz. Vor einigen Jahren probte in der Südhalle ein Gospelchor, offenbar waren das ebenfalls Touristen.

Nicht, dass ich irgendwas dagegen hätte, jeder soll nach der eigenen Façon glücklich werden, nicht wahr Friedrich? Manchmal aber wundere ich mich schon etwas mehr. So z.B. bei Sperrung des Tiergartentunnels über die zahlreichen Autofahrer, die offenbar nicht in der Lage sind, die Zeichen zu erkennen. In diesem Fall sind diese Zeichen
1. Schilder, die das Einfahren in den Tunnel am Europaplatz verbieten,
2. große gelbe Blinklichter über der Straße, die auf eben jene Schilder hinweisen sowie
3. eine große, rot-weiß-gestreifte Schranke mit roten Blinklichtern, die quer über die Fahrbahn geschwenkt ist und verhindert, dass Autos in den Tunnel fahren.

Trotz all dieser unübersehbaren Zeichen gibt es bei jeder Ampelphase ein paar Autofahrer, die trotzdem versuchen, in den Tunnel zu kommen. Da die Schranke erst nach ca. 10 Metern die Durchfahrt versperrt, stehen dann plötzlich 2, 4 oder mehr Fahrzeuge wie die Kuh vorm Berg. Der einzige Weg raus ist dann, rückwärts wieder auf die Kreuzung zu fahren, in den rollenden Verkehr hinein. Das ging dort schon mehr als einmal schief.

Gestern allerdings so richtig: Manche Autofahrer meinen nämlich, sie müssten vom Europaplatz kommend links extra schnell in den Tunnel rasen. Blöd, wenn dies gleich mehrere tun und der erste plötzlich eine Vollbremsung machen muss, um nicht gegen die Schranke zu brettern. So hatten letzte Nacht die Fahrer vor vier oder fünf Autos erstmal genügend Zeit, sich über die Verkehrsregeln Gedanken zu machen. Denn sie mussten auf die Polizei warten, nachdem sie alle ineinander gefahren waren.

Gewundert habe ich mich auch über meine Fahrgäste, die es ebenfalls letzte Nacht geschafft haben, mich innerhalb von vielleicht fünf Minuten auf die Palme zu bringen.

Es war schon vorher klar, dass es eine kurze Fahrt wird. Im Funkauftrag, der mich zur Kreuzung Tor-/Chausseestraße schickte, stand als Ziel bereits „Hauptbahnhof“. Zwar verstehe ich nicht, wieso man sich dafür extra ein Taxi bestellt, wenn man an einem Ort wohnt, an dem jede Minute ein bis fünf leere Taxis vorbeifahren. Ich verstehe auch nicht, wieso ich 15 Minuten dort warten muss, bis die Leute dann endlich runterkommen, ohne sich für die Verspätung zu entschuldigen. Stattdessen maulten sie rum, dass ich 5 Minuten zuvor das Taxameter angestellt habe. Eigentlich startet man es schon beim Eintreffen am Abholort.

„Zum Hauptbahnhof“ zickte eine der beiden Frauen mich an. Über die Invalidenstraße waren wir schnell dort. Kurz vor dem Bahnhof fuhr ich rund 200 Meter weit in die Zufahrt über das Friedrich-List-Ufer am Europaplatz zum Eingang. Dort angekommen fragte mich der Mann, was sie dort sollen. „Sie wollten zum Hauptbahnhof, hier ist der Eingang“, antwortete ich.
„Wir wollten aber zum Steigenberger!“, zischte eine seiner Begleiterinnen.
„Das kann ich ja nicht wissen, wenn Sie mir das nicht sagen.“
„Jetzt werden Sie nicht auch noch pampig! Außerdem heißt es ja wohl ‚Steigenberger am Hauptbahnhof‘. Hauptbahnhof!“
„Nein, es heißt ‚Steigenberger am Kanzleramt‘. Kanzleramt – nicht Hauptbahnhof!“ Ich hatte jetzt genug. Ich stehe ja dazu, wenn ich einen Fehler mache, aber mir solchen Mist anzuhören, dazu hatte ich für die paar Euro keine Lust.
„Wollen Sie jetzt hier aussteigen und durch den Bahnhof durchlaufen oder soll ich außen rum fahren?“

Natürlich hatten die Herrschaften keine Lust zum Laufen, also ging‘s zurück zum Europaplatz, dann einmal um den ganzen Bahnhof rum. Dort angekommen wollten sie ernsthaft 2 Euro weniger zahlen, weil ich ja einen Umweg gefahren sei. Ich reagierte kühl, nahm mein Handy und sagte: „Dann werde ich mal die Polizei rufen. Das Taxameter läuft dann allerdings weiter.“
Der Mann warf mir einen Zehner hin, die Frauen zischten wieder herum, irgendwas von „Unverschämtheit“, dann verschwanden sie im Hotel.

Mal schauen, was mich morgen am Hauptbahnhof erwartet.




In den hohen Norden

Es gibt rund 10.000 Straßen in Berlin und wohl niemand kennt sie alle. Ich schätze, dass ich etwa ein Viertel bis ein Drittel davon ohne Stadtplan oder Navi finde würde. Das ist sicher kein schlechter Schnitt, wenn ich manche meiner Taxikollegen so höre.

Schön ist es immer, wenn sich meine Taxi-Fahrgäste wundern, dass ich ausgerechnet ihre kleine Straße im Außenbezirk kenne. So war es auch gestern Nacht, als mein Kunde in den Kasinoweg nach Frohnau wollte. Eine schöne Fahrt von Charlottenburg aus, zumal er darauf bestand, den Umweg über die Autobahn zu fahren. Da ich aber vor langer Zeit schon mal einen Kunden dorthin hatte, habe ich mir den Namen gemerkt, zumal er schon sehr merkwürdig ist. Ein Kasino gibt es dort nämlich nicht.

Eine Stunde später fand ich mich am Hauptbahnhof wieder. Ein altes Ehepaar versuchte mir klarzumachen, dass sie mir ihren Straßennamen gar nicht erst nennen brauchen – ich würde die Straße eh nicht kennen. Sie läge in Frohnau und da würden sich die meisten Taxifahrer sowieso nicht auskennen. Es ist auch wirklich schwierig, denn es gibt so gut wie keine Straße, die einfach nur ordentlich geradeaus führen und normale Kreuzungen mit anständigen Querstraßen hätten. Stattdessen vor allem ein wildes Straßenknäuel und dazu gehört auch der Kasinoweg, zu dem meine Fahrgäste wollten. Die winzige Straße hat etwa 15 Häuser und es ist schon ein Zufall, dass ich aus verschiedenen Richtungen Kunden praktisch zum gleichen Ort hatte. Das Ehepaar wunderte sich auch und sie lobten meine Kenntnisse ausdauernd. Was sich aber leider nicht im Trinkgeld niederschlug.

Aber manchmal spielt das Leben eben verrückt und vermutlich werden mir nun wieder einige vorwerfen, ich würde übertreiben. Tatsächlich sollte ich in dieser Nacht aber ein drittes Mal in die Gegend kommen, diesmal aus dem Prenzlauer Berg und das Ziel in der Welfenallee lag nur rund 200 Meter Luftlinie vom Kasinoweg entfernt.

Die drei Fahrten in den Norden machten in dieser Schicht mehr als die Hälfte meiner Einnahmen aus, zumal der letzte Fahrgast morgens um 2.30 Uhr die 35 EUR mit einem 50er zahlte und dem Spruch: „Geben Sie mal 5 zurück.“ Dabei hat er während der ganzen Fahrt kein Wort gesprochen, außer dass er lieber Jazzradio hören würde statt Rock.

Auch wenn man sich am späten Abend oder nachts nicht mehr in Frohnau, Waidmannslust oder am Märkischen Viertel an die Taxihalte stellt, sondern erstmal eine recht weite Strecke in die Innenstadt fährt, lohnen sich Touren nach Frohnau doch sehr. Gleich dreimal in einer Schicht, das hebt die Stimmung dann schon. Und dann auch noch immer in die gleiche Gegend, das ist vielleicht ein Zeichen des Himmels.

 




“Rufen Sie uns bitte ein Taxi”

Ich fahre ein Taxi, das ich echt klasse finde, denn es ist genau wie ich: Es ist nicht mehr das Neueste, hat schon über 270.000 Kilometer hinter sich, einige kleine Beulen, meist nicht ganz sauber. Zudem ist es kein schicker Mercedes, sondern ein eher pragmatischer Opel.

Es gibt Fahrgäste, die bestellen bei der Funkgesellschaft ausdrücklich einen Mercedes und wenn ich an der Taxihalte stehe, steigen manche auch lieber hinter mir in den C-Klasse-Sternling ein, als bei mir. OK, das ist ihr gutes Recht. In Berlin haben die Fahrgäste die freie Taxiwahl, sie sind nicht gezwungen, das erste Taxi in der Reihe zu nehmen.

Was aber gar nicht geht ist, was ich jetzt erlebt habe: Ich stand als Einziger an der Taxihalte vor dem Hotel Radisson in Mitte. Kurz zuvor hatte ich das Auto an einer Tankstelle gewaschen. Ein Pärchen in teuren Klamotten steuerte auf mein Taxi zu, blieb dann aber zwei Meter davor stehen. Sie unterhielten sich offensichtlich über das Fahrzeug. Dann klopfte der Mann an die Scheibe und stellte die etwas dumme Frage, ob ich denn das einzige Taxi hier wäre.
Ich blieb aber freundlich und antwortete: “Wenn kein anderes hinter mir steht, dann anscheinend ja.”
“Hm.” Er war sich unsicher, ich mir jetzt auch. Hatte ich etwa vergessen, das Taxischild anzuschalten? Aber nein, es leuchtete.
Dann sagte er: “Rufen Sie uns bitte ein Taxi”.
“Warum sollte ich das tun? Sie stehen schon vor einem, ich fahre Sie gerne.”
“Nein, ich meinte ein richtiges Taxi. Nicht so ein…” Er sprach nicht weiter, aber ich sah schon an seinem Gesichtsausdruck, dass er sich zu fein war, in einen ordinären Opel einzusteigen.
Da ich nicht antwortete, wiederholte er seine Bitte. Ich antwortete nur “Rufen Sie doch selber an”, und schloss das Fenster.

Man mag mir vorwerfen, eingeschnappt gewesen zu sein. Aber wenn ihm mein Wagen nicht schick genug war, musste er sich schon selber um eine Alternative kümmern. Zumal ich sowieso keinen Funk habe und per Telefon anrufen müsste. Das konnte er dann auch selber tun.
Ich würde das machen, wenn es jemand gewesen wäre, der wirklich ein anderes Taxi braucht, weil er z.B. einen Elektrorollstuhl fährt. Aber jemanden damit zu beauftragen, mit dem man sich gleichzeitig weigert mitzufahren, das mache ich nicht mit.

Mittlerweile warteten zwei andere Fahrgäste, als hinter mir ein Mercedes-Taxi an die Halte fuhr. Einer der anderen stieg dort ein, der zweite dann bei mir und bescherte mir eine schöne Fahrt nach Zehlendorf.
Nur das feine Pärchen stand noch vor dem Hotel und wartete. Selber schuld.




Pink Taxi

Vor über 20 Jahren gab es in Berlin eine Taxi-Funkgesellschaft, die umgangssprachlich “Krawattenfunk” genannt wurde, weil die Fahrer dort Anzug und Krawatte tragen mussten. Das Ergebnis war, dass die Firma Anfang der 1990er Jahre mit nur noch 200 angeschlossenen Taxis billig verkauft wurde. Auch in Hamburg soll es eine ähnliche, aber erfolgreichere Taxi-Vermittlung geben, deren Zielgruppe Leute sind, die sich zu fein sind, um mit normalen Taxis zu fahren.
Normalerweise können sich die Fahrgäste in Berlin die Taxis nicht aussuchen, wenn sie über eine der Funkgesellschaften bestellen. Nur für Frauen und Kinder werden auf Wunsch extra Fahrerinnen vermittelt, ansonsten müssen die Fahrgäste nehmen, was kommt.

Davon hatten viele Frauen in der Hauptstadt von Ägypten die Nase voll. Immer wieder gab es in Kairo sexuelle Anzüglichkeiten und Übergriffe von männlichen Taxifahrern. Dies hat Reem Fawzy auf eine Idee gebracht, die nun seit dem Sommer 2015 praktiziert wird: Sie bietet sogenannte “Pink Taxis” an: Diese werden von Fahrerinnen gesteuert und nur Frauen werden als Fahrgäste akzeptiert. So wird denen ein Schutz vor übergriffigen Fahrern geboten. Aber das war nicht der einzige Grund zur Gründung der Firma. Kairos Taxifahrer gelten als eher ungebildet und grobschlächtig, was sicher auch viele potenzielle Passagiere abschreckt.

Deshalb bekommen die Fahrerinnen von Pink Taxi nicht nur eine mehrmonatige Ausbildung, sondern sie müssen auch einige Kriterien erfüllen. So wird von ihnen verlangt, gut Englisch zu sprechen sowie einen Universitätsabschluss zu haben. Ein weiteres Kriterium ist dagegen eher diskriminierend: Reem Fawzy akzeptiert als Fahrerinnen nur Frauen bis 45 Jahre.

Anfangs bekam sie von den Konkurrenten sehr viel Gegenwind, diese machten sich über sie lustig: “Könnt ihr überhaupt Reifen wechseln?” wurden die Frauen gefragt. Doch im Laufe der vergangenen zwei Jahre wurden sie immer weiter akzeptiert. Unter anderem werden ihre Dienste gern von Touristinnen angenommen, die vorher oft von männlichen Fahrern belästigt wurden. Die pinken Taxis stehen deshalb jetzt besonders oft am Flughafen von Kairo.

Doch unter Frauenrechtlerinnen sind diese Taxis nicht unumstritten. Sie kritisieren, dass damit nur die Symtome bekämpft werden, der Sexismus aber weiter besteht. Mittlerweile gibt es jedoch auch männliche Unternehmer, die von ihren Fahrern explizit einen korrekten Umgang mit weiblichen Fahrgästen verlangen. Solche Änderungen brauchen eben manchmal lange.




Retter in der Not

Man sagt ja, dass Taxifahrer automatisch auch Psychologen sind. Tatsächlich gibt es immer wieder Fahrgäste, die einem Dinge erzählen, die oft nicht mal die eigenen Familienangehörigen oder Freunde erfahren. Sicher, gerade in Berlin ist die Hemmschwelle geringer, weil man bei 8.000 Taxis nicht davon ausgehen muss, dass man sich mal wiedersieht.
Es kommt natürlich auf den Taxifahrer an. Wenn der Fahrgast nach seinem Seufzer “Was war das heute für ein schlimmer Tag” von vorn nur zu hören bekommt: “Tja, Pech gehabt”, dann wird sich kein Gespräch entwickeln. Manche Kollegen und ich freuen sich aber, wenn man sich mit den Fahrgästen auch unterhält. Ich dränge ihnen kein Gespräch auf, doch man merkt normalerweise innerhalb von Sekunden, ob er Lust darauf hat oder nicht.
Viele Fahrgäste haben mir schon ihr Herz ausgeschüttet, was manchmal auch unangenehm sein kann. Trotzdem höre ich erstmal zu und gebe wenn möglich meinen Senf dazu. Das können Alltagssorgen sein, Beziehungsprobleme, aber auch richtige Katastrophen. Ein paarmal fuhr ich in den Nächten Leute, die gerade einen geliebten Menschen verloren hatten. Der Vater des kleinen Mädchens, das eine Stunde zuvor im Krankenhaus gestorben war, die Frau, dessen Vater gerade dem Krebs erlegen ist, die Rentnerin, die bis zum Schluss noch am Krankenbett ihres Mannes saß.
In solchen Fällen kann man nicht viel sagen, aber zuhören. Über das Leid zu reden ist der erste Schritt, um darüber hinweg zu kommen. Da ist es schon gut, nicht einfach nur desinteressiert das Radio lauter zu stellen, wie manche Kollegen das machen.

Ein paarmal hatte ich Mütter im Taxi, die über die Entwicklung ihrer pubertierenden Kinder geklagt haben. Einer hatte sich mit einem Erwachsenen eingelassen, ein anderer kiffte und schwänzte die Schule. Ich antworte in solchen Momenten, dass sich das Verhältnis zwischen Eltern und Nicht-mehr-Kindern natürlich ändern müsse, weil Jugendliche ihren eigenen Weg suchen und von den Eltern Vertrauen und Unterstützung bekommen sollten. Sicher habe ich als Nichtvater gut reden, bin ja nicht selber in der Verantwortung, aber ein bisschen kenne ich mich da schon aus. Und ich habe diese Zeit bei mir nie vergessen.

Natürlich sind die meisten Taxifahrer keine Psychologen und die Meinungen sind nicht wissenschaftlich fundiert. Es gab schon Situationen, in denen ich darauf extra hingewiesen habe, wenn sich jemand zu sehr auf meine Meinung verlassen hatte. Da ging es um den Umgang mit Selbstmordabsichten. Für solche Moment habe ich aber immer eine Telefonnummer und eine Webadresse im Auto, die ich notfalls weitergeben kann. Auch die Nummer eines Frauenhauses gehört dazu. Den Weg zum Psychologen, zur Opferberatung oder ins Frauenhaus scheuen viele Menschen. Deshalb habe ich mich in einem Fall sogar angeboten, die Dame in ein Frauenhaus zu fahren (obwohl ich als Mann die Adressen eigentlich nicht wissen darf). Ich wurde dort zwar abgewiesen, aber die Frau wurde herzlich aufgenommen, und nur darum geht es ja.

Es kann bei Taxifahrten zu einer gefühlsmäßigen Nähe kommen, die es möglich macht, ein gewisses Vertrauen zu bekommen und dann vielleicht zu helfen. Wer ansonsten immer nur mit den gleichen Menschen zu tun hat, von denen er keine Hilfe erwartet, öffnet sich manchmal Fremden in solch einer Situation. Die schönste Reaktion die ich mal nach einem Gespräch mit einem Fahrgast hatte, war: “Sie waren wirklich mein Retter in der Not”.

Berliner Krisendienst: www.berliner-krisendienst.de (nach Bezirken sortiert)
Frauenhauskoordinierung: 08000 116 016




Kurze Fahrt

Es kommt selten vor, dass ich einen Fahrgast wieder vor die Autotür setze. Laut Taxi-Ordnung darf ich das eh nur, wenn eine Gefährdung für mich oder den Fahrgast besteht. Das ist natürlich Auslegungssache. Falls zum Beispiel jemand mit offener Tuberkulose einsteigt, darf ich ihn abweisen, weil er mich damit gefährdet. Wenn es jemand ist, der faschistische oder antisemitische Sprüche macht, darf ich ihn ebenfalls rauswerfen, denn sonst wäre seine Gesundheit gefährdet.

Nicht in diese Kategorien gehörte das schon reichlich angetrunkene Paar, 30 bis 40 Jahre alt, Typ Cindy aus Marzahn, nur assiger. Sie hatten mich in Schmargendorf herangewinkt. Ich stand noch mitten auf der Kreuzung, als sie ins Taxi stiegen. Noch bevor ich sie begrüßen konnte, befahl der Mann von hinten “Losfahren!”

In diesem Moment war schon klar, dass es nicht so einfach werden würde. Um die Situation zu retten sagte ich “Ihnen auch einen schönen Abend. Wo möchten Sie denn hin?”

“Quatsch nicht, fahr einfach geradeaus, man!” raunzte er aggressiv von hinten.
„Vielleicht geht es ja auch etwas freundlicher. Ich habe Ihnen nichts getan. Und bevor ich losfahre, muss ich erstmal wissen, wohin.“
Nun mischte sich die Frau ein und schrie mich von hinten an: „Du scheiß Penner, fahr endlich los, schwule Sau. Sonst gibt’s was auf die Fresse!“

Damit war das Maß überschritten. In ruhigem Ton sagte ich ihnen, dass sie aussteigen sollen. Gleichzeitig rief ich die Funkzentrale an (leider haben wir im Auto keinen Sprachfunk). Als sie sofort antwortete, gab ich den Standort durch und bat darum, Kollegen vorbeizuschicken.
Der Mann war plötzlich ganz zahm, warf mir einen Zehner („stimmt so“) auf den Beifahrersitz und sagte, sie wollten nur zum Elsterplatz. „Kurzstrecke“.

„Es geht doch auch freundlich“, meinte ich und fuhr los. Die Zentrale blieb weiter am Telefon und hörte mit. Etwa 200 Meter weiter zerrte die Frau plötzlich von hinten an meinem T-Shirt, sagte, ich sollte einen bestimmten Radiosender einstellen. Als ich antwortete, dass ich den nicht kenne und wir sowieso nur eine Minute fahren würden, zog sie noch weiter und schrie wieder rum. Dann griff sie von hinten an mein Ohr und zog daran. Daraufhin machte ich eine Vollbremsung, beide flogen nach vorne, weil sie nicht angeschnallt waren. Selber schuld.

„Raus!“ schrie ich nach hinten. Ich stieg aus, öffnete die Hintertür, die man wegen der Kindersicherung nicht von innen aufmachen kann und schrie nochmal: „Raus!“
Ich war dermaßen aufgeladen, dass ich sofort zugeschlagen hätte, wenn mich jemand von den beiden angegriffen hätte. Stattdessen aber stiegen sie wütend aus, brüllten noch rum, kamen mir aber nicht zu nahe. Ich warf die Tür zu und fuhr weg. Die Zentrale fragte, ob jetzt alles ok sei. „Ja, sie sind weg“, sagte ich.

Abgesehen davon, dass mich sowas natürlich total nervt, gab es einen Umstand, der es weniger schlimm machte. Direkt an dem Ort, wo ich die beiden rausgeschmissen habe, hatte ich am Abend vorher einen sehr lieben und hübschen jungen Mann kennengelernt, der mit mir eine halbe Stunde durch die Stadt fuhr. Zum Schluss gab er mir noch seine Telefonnummer.
Es ist also nicht alles schlecht in Schmargendorf  :-)




Verpeilter Fahrgast

Früher Abend, gerade hatte ich mit dem Taxi drei junge Neuberliner vom Hauptbahnhof abgeholt (“Endlich, endlich weg aus Mannheim!”) und am Winterfeldplatz ausgeladen, als mich ein recht edel gekleideter Mann mit Hut heran winkte. Er wollte gerne zum Flinsberger Platz, jemanden abholen und danach zum Hermannplatz. Ob 35 Euro reichen würden? Nach kurzem Überlegen sagte ich ihm, dass es vielleicht knapp werden würde, aber es sollte zu schaffen sein.

War es aber nicht. Denn in Schmargendorf angekommen machten wir erstmal einen Stopp in der Auguste-Viktoria-Straße. Dummerweise genau gegenüber der israelischen Botschaft, weshalb auch gleich zwei Polizisten ankamen, um uns wegzuschicken. 100 Meter weiter blieben wir wieder stehen und er schaute aus dem Fenster. Diese Situation kenne ich ja, man wartet auf den anderen. Aber in diesem Fall tat sich nichts. Er versuchte auch nicht, ihn anzurufen. Nach drei, vier Minuten wollte mein Fahrgast dann in die Salzbrunner Straße. Dort gab er mir 30 Euro als Pfand und suchte an einem der Häuser die Klingelschilder ab. Dann rauchte er erstmal eine, um danach mit mir in die Warmbrunner Straße zu fahren.
So ging es noch eine Weile weiter. Erneut Auguste-Viktoria-Straße, dann auf die andere Seite des Hohenzollerndamms in die Landecker Straße, dann wieder Warmbrunner. Mir war’s egal, den Großteil des Geldes hatte ich ja.

Während all der Fahrten schaute er immer die Fassaden hoch, als wenn er dort etwas suchen würde. Ich machte mir unterdessen Gedanken, was wohl dahinter steckt. Eine klare Adresse hatte er ja nicht, von der er jemanden abholen wollte. Kannte er bloß die Fassade und die ungefähre Gegend?
Irgendwann gab er auf und woillte zurück fahren. Kaum auf dem Hohenzollerndamm sollte ich aber nochmal links in die Cunostraße, aber nach 100 Metern wieder wenden.
Da wir zwischendurch immer wieder stehengeblieben sind und dann das Taxameter weiter lief, hatten wir schon über 20 Euro auf der Uhr.

Endlich gings es wieder los, Richtung Neukölln. “Das werden wir jetzt mit 35 Euro aber nicht mehr schaffen”, sagte ich ihm. Er antwortete mit “Kein Problem.” Na dann.
Als wir gerade am Ende der Yorckstraße direkt auf den Mehringdamm zufuhren, sollte ich anhalten. Das Taxameter stand bei 34,90 EUR. Er gab mir noch einen Fünfer und verließ ohne einen Gruß das Taxi. Nachdem er bereits die Tür geschlossen hatte, sagte ich noch “Tschüss”. Obwohl er das natürlich nicht mehr hören konnte, drehte er wieder um, öffnete nochmal die Tür und verabschiedete sich. “Sorry, ich bin heute ein bisschen verpeilt.”
Ja, den Eindruck hatte ich auch.




Chinesische Ansichten

Es kommt öfter vor, dass ich im Taxi nach bestimmten Ereignissen die Meinungen meiner Fahrgäste dazu höre. Besonders an den Wahlabenden werden deren Ergebnisse oft unterschiedlich bewertet. Und nicht selten unterscheiden sie sich von meiner eigenen Meinung, das ist ja normal.

Diesmal aber ging es nicht um ein spezielles Ereignis, es hatte sich einfach so in den Gesprächen ergeben. Meine sehr junge Fahrgästin stieg mir in Zehlendorf ins Auto und auf der langen Fahrt nach Hohenschönhausen erzählte sie mir von ihrer Heimat Hongkong. Als der einst souveräne Staat 1997 wieder an China fiel, befürchteten viele Bewohner Hongkongs, das das bis dahin kapitalistische Land als neue Sonderverwaltungszone Chinas politisch gleichgeschaltet wird. Tatsächlich versucht die Zentralregierung in Peking die Verhältnisse dort immer weiter anzugleichen, die Geheimpolizei bespitzelt die Bevölkerung, behindert Parteien und unabhängige Initiativen. Meine Kundin erzählte, dass ihre Mutter als Dozentin an der Universität seit zwanzig Jahren drangsaliert wird, immer wieder wird sie zu Gesprächen mit Behördenmitarbeitern vorgeladen und dort zu ihren politischen Ansichten verhört. Der Bruder meiner Fahrgästin, der schwul ist, sieht in Hongkong keine Zukunft. Zwar ist Homosexualität dort nicht verboten, aber der gesellschaftliche Druck ist enorm. Das hat er bei der Jobsuche erfahren, bei der er von den potenziellen Chefs auf seine Sexualität angesprochen wurde – obwohl er sich ihnen gegenüber gar nicht geoutet hat. Woher sie es wussten, sagten sie nicht. Und einen Job erhielt er trotz Qualifikation auch nicht.

Meine Kundin würde gerne Journalistik studieren und arbeitet für ein Jahr in Deutschland. Aber sie hat Angst, dass sie ihren Beruf in Hongkong später gar nicht ausüben kann, weil sie keine Lust auf Hofberichterstattung hat. Und eine kritische Presse gibt es auch in Hongkong immer weniger. „Es ist eigentlich hoffnungslos“, beendete sie ihre Erzählung.

Ganz anders der etwa gleichaltrige Mann, den ich einige Stunden später mitten in der Nacht vom Wedding nach Charlottenburg brachte. Er studiert an der TU irgendwas mit Ingenieur und klagte, dass er seit 18 Stunden ununterbrochen lernt und in sechs Stunden eine Klausur schreiben müsste. 12 bis 16 Stunden lernen wären normal, sagte er mir, aber er mache das ja für eine gute Sache. Nach dem Studium will er zurück nach China, das ihm eine große Karriere biete.

Deutschland habe ja eigentlich einen guten Ruf, was technische Entwicklungen angeht, aber warum die Deutschen den neuen Flughafen nicht fertig kriegen, kann er sich nicht erklären. In China hätten sie das innerhalb von zwei Jahren organisiert.
Ich erzählte ihm von der jungen Studentin und er wurde sehr böse. Es gäbe eben viele Menschen, die die Leistungen des Staates nicht anerkennen oder dekadent als selbstverständlich betrachten würden. Noch vor einer Generation war China ein Agrarland, jetzt hat es eine der größten Industrien der Welt und bietet seinen Bürgern alle Möglichkeiten. Wenn ein Flughafen oder eine Großsiedlung gebaut würde, müssten zwar manchmal Dörfer verschwinden, aber die Bewohner würden großzügig entschädigt, trotzdem gäbe es immer wieder welche, die sich weigern würden. Er bezeichnete sie als Ewiggestrige, einen Begriff, den er in Deutschland gelernt hat.
Ich erklärte ihm, dass damit nach dem Faschismus diejenigen bezeichnet wurden und bis heute werden, die sich nach dem alten Nazi-Reich zurücksehnen. Für ihn war das kein Unterschied, er bezeichnete die Chinesen als reaktionär, die sich nicht dem Gemeinwohl unterordnen wollen, wenn es ihnen Nachteile bringe.

Als Beweis führte er an, dass seine Eltern, beides ehemalige Bauern und jetzt Handwerker, das Geld für seinen Aufenthalt in Deutschland nicht hätten aufbringen können. Sie haben in ihrer Kleinstadt herumgefragt und viele Menschen hätten Geld gegeben, damit er in Berlin studieren kann. Und das, obwohl sie selber keinen Nutzen davon haben. Das war eine schöne Geschichte, und manche Dinge sehe ich ähnlich, die er erzählte. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Demokratie im „Westen“ oft versagt und vieles hier nicht funktioniere, auch dass das Leben hier sehr oberflächlich ist. Eine Einheitspartei, die er als besonders wichtig bezeichnete, würde ich jedoch nicht wollen.

Es war ein interessantes Gespräch und schade, dass es am Fahrtende abgebrochen wurde. Es sind diese Art von Erlebnissen und Gesprächen, die für mich das Taxifahrer interessant machen.




Verschätzt

Natürlich gibt es lukrativere Taxitouren als für 5,50 Euro Das ist aber kein Grund, eine solche Tour abzulehnen. Vor allem nicht, wenn man extra zum Kunden bestellt wurde. Dann kann man sich gerne innerlich ärgern, die Fahrgäste zu ihrem Ziel bringen und dann weiterfahren.
Der Kollege jedoch, der den Auftrag in der Zehlendorfer Seitenstraße bekommen hatte, reagierte anders: Er pflaumte die Kundin an, dass er fast eine Stunde am Halteplatz gestanden hätte und nun nicht die paar hundert Meter fahren wollte.

Die Dame empfing mich also etwas skeptisch, weil sie befürchtete, ich könnte ähnlich drauf sein. Das war ich aber nicht. Als wir nach wenigen Minuten Fahrzeit bei ihr zuhause in Kleinmachnow ankamen, bat sie mich zu warten. Sie hatte sich eben entschlossen, nochmal zurück zu fahren, musste nur noch ihr Geld holen.

Während wir wieder nach Zehlendorf fuhren, erhielt sie einen Anruf, eine kurzfristige Einladung zu einem Freund. Also kehrten wir erneut um, damit sie von zuhause eine Flasche Wein holen konnte. Mit Frau und Wein ging es wieder zurück nach Berlin, diesmal nach Lichterfelde.
Auf der Fahrt erzählte sie mir von dem Kollegen vor mir, aber sie sagte auch, dass ich das genaue Gegenteil sei.

In Lichterfelde suchten wir noch nach der richtigen Adresse, denn sie wusste den Straßennamen nicht. Nach ein paar Minuten standen wir vor dem Eingang zu einer Gartenkolonie, unserem Ziel. Die 34,90 Euro auf dem Taxameter rundete sie großzügig auf 40 auf. So wünsche ich mir mehr Fahrten, die mit einer vermeindlichen Kurzstrecke beginnen.




Kurzstrecke

Ich verstehe gar nicht, wieso so viele Taxi-Kollegen nölen, wenn ihre Fahrgäste eine Kurzstrecke verlangen. Zum einen ist das ein ganz normaler Tarif, außerdem sind sie sowieso leer unterwegs. Vom Taxistand aus gilt dieser Tarif ja nicht. Trotzdem ist er offenbar sehr unbeliebt.

Schon mehrmals hatte ich Fahrgäste, die sich dafür entschuldigt haben, dass sie „nur“ eine Kurzstrecke fahren wollen. Manchmal entgegne ich ihnen dann, das wäre kein Problem, wir fahren einfach weiter und dann wieder ein Stück zurück. Solche Ansagen darf man natürlich nicht bei jedem machen, manche verstehen den Witz nicht.

Und dann gibt’s natürlich jene, die eine Kurzstrecke sehr großzügig auslegen. Sie wollen vom Anfang bis zum Ende des Kudamms als Kurzstrecke fahren und verstehen gar nicht, dass die 3,5 Kilometer lange Strecke nun mal mehr sind als die 2 km, für die dieser Tarif gilt. Man kann dann schon auf die Behauptung warten, dass andere Taxifahrer das auch machen würden. Und dass es immer reichen würde. Ich antworte dann: „Dann nehmen Sie einen von den anderen Kollegen.“

Oder man fährt eine Strecke, bei der nicht sicher ist, dass sie noch innerhalb des Limits liegt. Falls nicht, springt das Taxameter danach auf den normalen Tarif, die Fahrgäste zahlen also auch nicht mehr, als wären sie von Anfang an zum Normaltarif gefahren.
Oft beginnt dann aber die Diskussion, ob man die letzten paar hundert Meter nicht ohne Taxameter fahren könnte. Natürlich tu ich das nicht, denn nur weil der günstige Tarif abgelaufen ist, fahre ich nicht noch zusätzlich umsonst. Schließlich muss ich von den Einnahmen leben. Das wollen manche Kunden nicht einsehen und beginnen dann noch mit Meckern: Ich hätte ja vorher bremsen können oder wenigstens bescheid sagen müssen und überhaupt. Nein, es ist nicht mehr Aufgabe, die gefahrenen Meter zu zählen. Wenn es passt, dann ist gut und wenn nicht, dann kostet es eben ein paar Groschen mehr.

Meinem lieben Kollegen Sash ist es sogar passiert, dass ein Kunde nach Fahrtende noch auf Kurzstrecke umsteigen wollte  – obwohl die gefahrene Strecke sogar länger als zwei Kilometer war.

Keine Ahnung, warum sich manche Fahrgäste ausgerechnet bei diesem Thema so merkwürdig benehmen. Ich habe mir in den Jahren auch abgewöhnt, mit ihnen darüber zu diskutieren, es bringt einfach nichts. Vermutlich versuchen manche einfach nur, einen Euro zu sparen. Aber auf meine Kosten.




Sie hätten darauf bestehen müssen!

Es nervt, wenn manche Taxi-Fahrgäste meinen, alles besser wissen zu müssen. Dabei habe ich nichts gegen Kritik an meiner gewählten Fahrstrecke, aber sie muss schon begründet sein. In manchen Gegenden kenne ich mich auch nicht so gut aus, dann bin ich froh, wenn mir ein Fahrgast eine bessere Strecke vorschlägt.
Leider gehörte der männliche Part des offensichtlich bayerischen Pärchens nicht zu den konstruktiven Helfern, sondern zu den Besserwissern – ohne es wirklich besser zu wissen.
Vom KaDeWe wollten sie zum Hamburger Bahnhof, eigentlich eine leichte Strecke. Wäre da nicht der Wasserrohrbruch in der Invalidenstraße vom Wochenende. Und die Starrsinnigkeit meiner Fahrgäste.
Während wir über den Spreeweg fuhren, erzählte ich ihnen von der Sperrung der Invalidenstraße und dass wir stattdessen eine etwas längere Strecke fahren würden, durch die Lüneburger Straße.
„Nein, das tun wir nicht“, sagte mein Fahrgast. „Wir fahren die normale Strecke, ohne Umwege.“
„Ich sagte Ihnen doch gerade, dass die Straße gesperrt ist, da kommen wir nicht durch.“
„Das werden wir ja sehen. Notfalls fahren wir eine andere Straße, aber keinen Umweg. Diese Ausreden kenne ich schon, die habt Ihr ständig drauf, um Eure Fahrgäste zu betrügen!“
Ich dachte, ich höre nicht richtig. Am MotelOne fuhr ich rechts ran und nannte den Fahrpreis. Auf solche Beleidigungen hatte ich keine Lust und auch nicht auf eine verbale Auseinandersetzung. Natürlich gefiel das dem Kerl nicht, er wollte nicht zahlen und auch nicht aussteigen.
„Gut, dann rufe ich die Polizei und Sie bekommen eine Anzeige wegen Nötigung und Erschleichung von Dienstleistungen.“

Nun mischte sich zum ersten Mal die Frau ein, die vom Verhalten ihres Mannes sehr genervt war: „Fahren Sie doch einfach weiter und hören Sie nicht auf ihn, er hat heute einen schlechten Tag.“
„Dafür kann ich aber nichts,“ antwortete ich, „dann soll er es gefälligst nicht an mir auslassen.“
„Da haben Sie allerdings recht“, antwortete sie.

Die Fronten waren geklärt und da ich mittlerweile an der ursprünglich geplanten Straße vorbei war, musste ich mich nun in den Stau einreihen. Die 600 Meter kosteten uns etwa 20 Minuten, gegenüber sonst zwei bis drei.
Nachdem wir uns dort durchgequält hatten und auch durch die schmalen Wege am Hauptbahnhof, fing der Mann wieder mit seiner Nörgelei an. Seine Frau erinnerte ihn daran, dass ER es war, der unbedingt diese Strecke fahren wollte und dass ich als Taxifahrer ihnen einen besseren Weg vorgeschlagen habe.

Seine Antwort verschlug mir echt die Sprache: „Dann hätte er eben darauf bestehen sollen!“
Es gibt Leute, die glauben immer Recht zu haben. Und wenn nicht, dann sind eben die anderen daran schuld.




Keine Freiheit

Im Laufe meiner Taxi-Karriere habe ich ja schon so manch besondere Fahrgäste gehabt. Einige haben sich echt seltsam benommen, ein Mann hatte gerade seine kleine Tochter verloren, eine alte Frau erzählte mir von ihrer tiefen Einsamkeit, eine andere machte sich große Sorgen, weil ihr 15-jähriger Sohn mit einem Mann zusammen war. Paare haben sich in meinem Taxi zerstritten, ich habe Lebenskrisen mitgekriegt, Ratlosigkeit, aber auch großes Glück. Das ganze Repertoire, das das Leben so zu bieten hat.

Dazu gehört auch der hagere Mann, der mir heute am Hauptbahnhof ins Auto stieg. Ich schätzte ihn auf 60 Jahre, sehr kurze graue Haare und Bartstoppeln, eingefallenes Gesicht, tiefe und dunkle Augenhöhlen, seine mit Furchen durchzogene Haut war sehr blass. Er hatte zerschlissene Kleidung an, manche würden ihn als heruntergekommen bezeichnen. Aber ein Stadtstreicher war er nicht.
Wir fuhren nach Wilmersdorf, dort wollte er gerne seine Kinder sehen, die schon lange keine Kinder mehr sind, wie er sagte. 15 Jahre lang hatte er keinen Kontakt.
“Die werden sich bestimmt freuen”, meinte ich.
“Wohl kaum. Ich will nur von außen reinschauen, sie möchten mich ja nicht sehen.”

Er erzählte, dass er erst am Morgen aus dem Gefängnis in Hamburg entlassen worden war. All die Jahre hatte er gesessen, weil er einem anderen das Leben genommen hatte. Es tat ihm schon in dem Moment leid, als der gerade starb, aber er konnte es nicht mehr rückgängig machen.
Er sagte, der andere hätte sein Leben verloren, er selber aber auch. Seine Frau, seine Kinder, sein Job, seine Wohnung, sein gewohnter Alltag, die schönen Stunden im Restaurant, im Urlaub – alles war nun Vergangenheit, eine zerstörte Existenz.

Dies alles erzählte er ohne zu jammern. Schon sehr lange hat er sich damit abgefunden, weil er es ja doch nicht ändern konnte. Nun wollte er wenigstens einen Blick auf diejenigen werfen, die ihn mal geliebt haben, sagte er. Aber sie haben auch gerichtlich erwirkt, dass er sich ihnen nicht nähern darf. “Dabei will ich doch wissen, wie sie jetzt aussehen.”
Er tat mir leid. Ich kenne ja nicht die Hintergründe der Tat, vielleicht hat er ja ein Familienmitglied getötet und deshalb wollen sie nun keinen Kontakt mehr. Es gibt Situationen, an denen kann niemand etwas ändern, die sind für alle Seiten nur traurig und ohne Ausweg. Jeder muss seinen Weg finden, damit umzugehen.

Als ich ihn fragte, was er danach machen würde, musste er passen. In Berlin bleiben will er nicht, weil er dann immer wieder in Versuchung geraten würde, zu seinen Kindern zu fahren. Am nächsten Morgen würde er wieder nach Hamburg zurück fahren. Dort hat er jedoch keine Wohnung und nur wenige Kontakte. “Vielleicht  springe ich auch von der Brücke, was weiß ich denn.”
Wie soll man auf sowas reagieren? Immerhin hat er in Hamburg Kontakt zu Sozialarbeitern, die ihn in der neuen Freiheit unterstützen. Aber die sind für ihn auch eine große Hilfe, das habe ich während des Gesprächs gemerkt.

Am Ziel angekommen zahlte er. Er entschuldigte sich, dass er kaum Trinkgeld geben könne, aber er müsste auf jeden Euro achten. “Kein Problem”, antwortete ich.
Er stieg aus, ging ein paar Schritte, blieb stehen und schaute nach den Straßenschildern. Es schien, als ob er zum ersten Mal dort wäre, dabei hatte er Jahre lang hier gelebt. Dann setzte er sich auf die Bank einer Bushaltestelle.

Während meiner Rückfahrt in die Innenstadt dachte ich noch lange über ihn nach. Auch wenn er jemanden umgebracht hat, so hat er doch das Recht, sein Leben weiter zu leben. Die Strafe aber geht für ihn weiter, auch wenn er nicht mehr im Knast sitzt.