Kunstklo

Manche Künstler haben es schwer, auf sich aufmerksam zu machen. Nicht jeder kann seine Werke in einer Galerie ausstellen und so muss sich mancher andere Wege an die Öffentlichkeit suchen. So wie der Künstler Flocke Art.
Eine Stehtoilette am Senefelderplatz im Prenzlauer Berg wurde von ihm komplett beklebt. Komplett heißt: Auch die Innenwände, an denen regelmäßig Wasser herunterläuft, um die Hinterlassenschaften der Männer abzuspülen. Stattdessen pinkelt man nun auf die Werke des Künstlers. Das ist etwas gewöhnungsbedüftig.
An den beiden Ausgängen des Klohäuschens sind Taschen angebracht, in denen verschiedene, durchnummerierte Drucke zum Mitnehmen stecken. Eine nette Geste, die man – wenn man möchte – mit einer Spende auf ein Paypalkonto honorieren kann.




Heute Nacht wird umgebracht wer anders ist

Knock out

Keiner kommt hier lebend raus
Benzin im Treppenhaus
Heute Nacht wird umgebracht
wer anders ist
Deutsche Geschichte wird
immer wieder neu inszeniert
weil das Publikum so schnell vergisst
Biedermann und Brandstifter
und es werden immer mehr
Das kotzt mich an und ich krieg’ kaltes Blut
Ich schrei’ euch ins Gesicht
stumm zusehen werd’ ich nicht
und aus Trauer wird jetzt nackte Wut

Knock out
immer wieder der deutsche Schock
Knock out
meine Nerven laufen Amok
Knock out

Dieses Land wird mir fremd
wo Blödheit keine Grenzen kennt
wo Weltverbesserer ein Schimpfwort ist
wo die Kanonen blüh’n
Soldaten wieder in den Krieg zieh’n
und blinder Hass sich in die Herzen frisst

Knock out
immer wieder der braune Schock
Knock out
knock ihn aus
knock den Wahnsinn aus
knock ihn aus
morgen brennt das nächste Haus
knock ihn aus
knock den Wahnsinn raus
zähl’ ihn aus
wieviel Tote braucht ihr noch?

Keiner kommt hier lebend raus
Flammen im Treppenhaus
heute Nacht wird umgebracht
wer anders ist

Knock out
immer wieder der braune Schock
Knock out
Knock den Wahnsinn aus
morgen brennt das nächste Haus
Knock ihn aus
was muss noch gescheh’n
so wird Deutschland untergehen
knock ihn aus
knock den Wahnsinn raus
zähl’ ihn aus
wieviel Tote braucht ihr noch?
Knock ihn aus

Songtext: Udo Lindenberg




Warum ein Junge bleibt

Sie treben, treiben, stehlen, fliehn
Und wollen mit den Vögeln ziehn
Verstecken sich in den Kellern unserer Nacht
Die Mädels gleichen Hunden und
Die Jungs manchmal ihren Kunden
Auf der Platte haben sie sich festgemacht

Ein lebenlanges Suchen auf der Straße
Und im letzten Dreck
Sie sind die Sonnenkinder ohne Licht
Und engelsgleich und kummervoll
Verfolgt von altem Elterngroll
Verbirgt der Hass ein jedes Kindgesicht

Warum ein Junge bleibt
Warum er still steht
Wenn’s ihn weiter treibt
Warum er Fahne zeigt
Und von sich spricht

Warum ein Junge bleibt
Auch wenn’s ihn noch so sehr
Nach draußen treibt
Warum er bleibt
Ich weiß es wirklich nicht

Vielleicht suchen sie eine Hand
Kein Mutterglück, kein Vaterland
Vielleicht nur einen Plan, eine Vision
Ein echtes Wort und kein Gericht
‘ne Zunge, die nicht doppelt spricht
Vielleicht ‘ne Zukunft und kein Tagelohn

Vielleicht sind sie gar nicht so schlecht
Und ihre Träume haben recht
Und wollen nur wie wir einfach nach Haus
Vielleicht ist unsre Angst so groß
Ihre Armut wäre doch ein Floß
Und sie trügen uns ins weite Meer hinaus

Ich habe dich von fern gesehn
Deinen Palmenhut, dein Augenwehn
Ich hörte deine Lieder in der Nacht
Bin längst zu satt um dich zu still’n
Zu taub um dir noch zuzuhörn
Doch hast du mich um meinen Schlaf gebracht

Ich schmeiß es hin, ich heb es auf
Ich nehm das Glück wieder in Kauf
Dein Fernweh hat mir Leid gebracht
Und wenn wir dann am Hafen stehn
Und wieder nach der Insel sehn
Dann hab ich uns ein Feuer angefacht

Klaus Hoffmann




Der Gefangene

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muss? – Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen bessre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.
Sich lügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann’s euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen – Tyrannei!
dann ruf ich’s in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen!

Erich Mühsam
August 1919

Erich Kurt Mühsam (6. April 1878 in Berlin – 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg) war ein anarchistischer deutscher Schriftsteller, Publizist und Antimilitarist.

 

 

 




In Erinnerung an Daliah Lavi

Daliah Lavi, 1942 – 2017

Das bleibt immer ein Geheimnis

Warum der alte Stern, die gute Erde,
sich ewig drehen muss durchs Himmelsblau –
ja das bleibt immer ein Geheimnis,
das weiß niemand so ganz genau.

Warum spricht der alte Mann in seinem Garten
zu den Blumen wie mit seiner Frau?
Ja das bleibt immer ein Geheimnis,
das weiß niemand so ganz genau.

Warum tun wir, wenn wir von Liebe reden,
als gäb’s nur Liebe zwischen Mann und Frau?
Ja das bleibt immer ein Geheimnis,
das weiß niemand so ganz genau.

Warum wir Menschen nie in Frieden leben können,
ohne Mauer, Grenzen, Drahtverhau –
ja das bleibt immer ein Geheimnis,
das weiß niemand so ganz genau.

Warum ist Töten und ist Töten nicht dasselbe?
In Uniform stellt man es noch zur Schau!
Ja das bleibt immer ein Geheimnis,
das weiß niemand so ganz genau.

Wir alle suchen jeden Tag die Wahrheit.
Sind wir, wenn sie finden, alt und grau?
Ja das bleibt immer ein Geheimnis,
das weiß niemand so ganz genau.

Daliah Lavi




Der Meistersaal in Kreuzberg

Unauffällig gliedert sich das 100 Jahre alte Gebäude mit der durch Säulen verzierten Fassade in die Häuserfront der Köthener Straße, nicht weit entfernt vom Potsdamer Platz. Und doch ist dieser Ort voll mit Geschichte, Musikgeschichte vor allem. Als ich das Gebäude zum ersten Mal wahrnahm, war ich noch ein kleiner Junge. Es stand allein und halb zerstört in der Straße, auf der anderen Straßenseite war die Mauer. Durch einen Gebietsaustausch zwischen Ost- und West-Berlin wurde sie im Jahr 1972 abgerissen, das dahinterliegende Gelände zwischen Stresemannstraße und Landwehrkanal wurde vom Bezirk Mitte (Ost) dem Bezirk Tiergarten (West) zugeschlagen. Das Haus Köthener Str. 38 stand aber noch auf der Kreuzberger Seite.

Begonnen hat seine Geschichte vor etwas mehr als hundert Jahren. Die Innung des Bauhandwerks errichtete es 1913 als Verbandshaus. Es diente als Bürohaus, sein Herzstück jedoch war der 265 Quadratmeter große Saal. Hier fanden Veranstaltungen statt, hier wurden den Handwerksgesellen nach bestandener Prüfung die Meisterbriefe überreicht.

Anfang der 1920er Jahre zogen mehrere künstlerische Einrichtungen in das Gebäude ein, Verlage, eine Galerie. Im Meistersaal fanden Lesungen statt, Theater- und Musikaufführungen. Während der Nazizeit wurde es verstärkt für Konzerte genutzt, die Reichsmusikkammer übernahm die Kontrolle über den Saal. Ein Luftangriff im November 1943 zerstörte den gesamten hinteren Teil des Gebäudes, abgesehen von den kaputten Scheiben blieb der Meistersaal jedoch intakt. Die oberen Stockwerke waren jedoch ebenfalls ausgebombt und blieben die folgenden 30 Jahre zugemauert und ungenutzt.

Auch nach dem Krieg diente der Saal vor allem zur Aufführung von Konzerten und Theaterstücken. Zwischen 1948 und 1961 wurde der Meistersaal als Ballhaus City bzw. Ballhaus Sisi genutzt. Doch mit dem Mauerbau brach das Publikum weg, statt mitten in der Stadt befand sich das Gebäude plötzlich ganz am Rande.

Noch im Jahr 1961 griff die Schallplattenfirma Ariola zu und baute den Meistersaal zu einem Aufnahmestudio um. Opern- und Operettensänger (René Kollo, Rudolf Schock, Ivan Rebroff), aber auch Schlagerstars wie Zarah Leander oder Peter Alexander nahmen hier Schallplatten auf.

15 Jahre später begann eine komplette Renovierung des Gebäudes. Der Meisel Musikverlag aus Wilmersdorf hatte 1976 den gesamten Komplex gekauft und auch die oberen Stockwerke wieder hergerichtet. Überall entstanden Tonstudios, die kurz zuvor gegründete Marke Hansa war eben auf dem Weg, für ihre qualitativ hochwertigen Aufnahmen international bekannt zu werden. Das auch deshalb, weil die Studios immer auf dem neusten technischen Stand gehalten wurden. Schon früh arbeitete man hier z.B. mit Computern.

Viele bekannte Künstler wie David Bowie, Depeche Mode, U2, Richard Clayderman oder Jon Bon Jovi reisten an, um im Meistersaal ihre Schallplatten einzuspielen. Und auch ein Großteil der westdeutschen Musikszene nutzte die Hansa-Studios, Rock, Pop, Schlager, Liedermacher, viele große Namen waren vertreten, wie Lindenberg, Jürgens, Nena, Tote Hosen, Rosenberg, Maffay und, und, und…

David Bowie hatte drei seiner wichtigsten Alben größtenteils im Meistersaal produziert. Und wie so einige andere schummelte er ein bisschen. Zu seinem Song “Heroes” wurde er angeblich durch die Mauer auf der gegenüber liegende Straßenseite inspiriert. Tatsächlich aber war diese bereits vier Jahre zuvor abgerissen worden. Aber egal, die Geschichte ist trotzdem schön.

Ab dem Frühjahr 1989 entstand auf dem Brachgelände an der Köthener Straße der sogenannte Polenmarkt, das Tempodrom baute seine Zelte auf und mit dem Mauerfall kamen die vielen Autos. Der einst ruhige Meistersaal war nun nicht mehr als Aufnahmestudio zu gebrauchen. Stattdessen sollte er wieder zu einem Veranstaltungsort umgebaut werden.

1994 war dieser Umbau fast beendet, als alte Fotografien des Saals auftauchten. Daraufhin begann der Umbau erneut. Doch dem Saal war nicht viel Glück beschieden. Mehrmals wechselten die Eigentümer und auch die Konzepte. Derzeit wird der Meistersaal als Veranstaltungsort für verschiedene Events genutzt. Und auch hin und wieder für Musikaufnahmen.




Eigentümer schmeißt Theater raus

Sie kommen aus Schwaben oder Wilmersdorf und kaufen sich im Prenzlauer Berg eine Wohnung. Danach verklagen sie die bestehenden Kultureinrichtungen, weil sie ihnen zu laut sind. So erging es in den vergangenen Jahren dem über 50 Jahre altem Knaack-Klub und dem Magnet in der Greifswalder Straße, dem Icon in der Cantianstraße, der Bar zum schmutzigen Hobby in der Rykestraße, in der Pappelallee dem Club der Republik. Das neuste Opfer dieser Leute, die offenbar mitten in der Stadt auf dem Dorf wohnen wollen, ist das „Theater o.N. Die freie Theatergruppe existiert bereits seit fast 40 Jahren, Mitte der 1990er Jahren bezog es die Räume in der Kollwitzstraße 53. Die Eigentümerversammlung beschloss nun am Wochenende, dass der Mietvertrag für das Theater im Sommer nicht mehr verlängert wird. Als Grund wurde angegeben, dass das Theater zu laut sei, obwohl schon längst zahlreiche Gegenmaßnahmen ergriffen wurden. Die Theatergruppe hat sogar angeboten, eine Zwischendecke einzuziehen. Doch das wurde von den Eigentümern abgelehnt. Vermutlich haben die Eigentümer ganz andere Interessen und der Lärmschutz ist nur vorgeschoben.

Dabei haben die Wohnungsbesitzer vom Senat Subventionen für die Sanierung des Hauses erhalten – allerdings unter der Auflage, Raum für ein soziales oder kulturelles Projekt zu günstiger Miete zu schaffen. Die Theatergruppe zog 1996 in die Räume ein und baute sie selbst aus. Es wurde Platz für 50 Zuschauer/innen geschaffen, die meisten von ihnen Kinder.

Ob es bei der faktischen Kündigung wirklich um die Lautstärke geht, ist zu bezweifeln. Die Senatsauflagen für die Nutzung der Gewerberäume laufen dieses Jahr aus und eventuell wollen die Eigentümer die Räume einfach nur teuer vermieten.
Für das Theater o.N. würde dies vermutlich das Aus bedeuten, denn eine ähnliche Gelegenheit wie dort wird sich heutzutage in der Gegend kaum noch finden.

Schon in den Anfangsjahren nach 1979 wurden der damaligen ersten freien Theatergruppe der DDR viele Steine in den Weg gelegt, zeitweise hatten sie Auftrittsverbot. Sie nannte sich damals noch Zinnober und entwickelte basisdemokratisch organisiertes Theater für Kinder und Erwachsene. Intellektuelle wie Heiner Müller, Christa Wolf und Ruth Berghaus traten für die Idee eines freien Theaters ein.
Jetzt im Kapitalismus werden sie nicht von kommunistischen Ideologen bekämpft, sondern von denjenigen, die möglichst viel Kohle machen wollen. Es ist erbärmlich, wie ein paar kleine Hauseigentümer ihr bisschen Macht ausspielen gegen eine freie Theatergruppe, die Generationen von Kindern erste Theatererfahrungen beschert hat.

www.theater-on.com




Yolocaust

Vor einigen Tagen hat der AfD-Rechtsextremist Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal in Mitte als Schande bezeichnet und gefordert, die Erinnerung umzukehren. Die Nazis wollen das Gedenken an dieses größte Verbrechen der Menschheit auslöschen. Deshalb hetzen sie seit vielen Jahren gegen das Mahnmal.

Es erinnert an aufgereihte Särge. Aber dies ist nur die eine, etwas oberflächliche Wirkung, die das Denkmal hat. Man muss es betreten, hindurchgehen, um seine Wirkung zu spüren, denn es symbolisiert den Weg der europäischen Juden während der Nazizeit: Außen ist es noch niedrig und übersichtlich, doch je weiter man hinein geht, umso höher werden die Blöcke um einen herum. Gleichzeitig senkt sich der Weg und wird uneben. Selbst tagsüber verdunkelt es sich, niemand, der einigermaßen sensibel ist, kann ich der Beklemmung erwehren.

Aber es gibt auch die anderen, die diese Sensibilität nicht haben. Sie sehen das Stelenfeld als Spielplatz, hüpfen über die Quarder oder spielen darin Verstecken. Oft ist es dort laut. Das Holocaust-Denkmal ist eine Sehenswürdigkeit, tausende Touristen besuchen es jeden Tag. Und viele von ihnen fotografieren sich darin. Es gibt viele tausend Selfies, in denen die Stelen den Hintergrund bilden.

Der in Berlin lebende israelische Satiriker und Autor Shahak Shapira hat nun einen Teil dieser Fotos auf einer Website Yolocaust veröffentlicht. Menschen, die lachen, tanzen, sich verrenken, fröhlich sind. Doch wenn man mit dem Mauszeiger auf die Bilder geht, verschwinden im Hintergrund die Betonstelen und die Touristen stehen plötzlich im Konzentrationslager, in einem Massengrab, auf einem Haufen Körper ermordeter Juden.

Shapira klagt nicht an, der legt einfach nur die Fotos übereinander, die ja durchaus etwas miteinander zu tun haben. Denn die meisten der ermordeten Juden haben kein eigenes Grab bekommen, sie wurden entweder in Massengräbern verscharrt oder verbrannt und ihre Asche verstreut.

Es stimmt, das Verhalten mancher Menschen am Holocaust-Mahnmal bewerten viele als respektlos. Aber Shahak Shapira sieht es lockerer, er schreibt dazu: “Die Opfer sind tot, also bleibt es fragwürdig, ob es sie die Bohne interessiert.” Vermutlich hat er recht. Und so ist auch der Name seiner Website zu verstehen, denn Yolocaust ist ein Kunstwort: zusammengesetzt aus “You only live once” (man lebt nur einmal) und Holocaust.

Yolocaust.de




Quaster: 136 Rosen

Am 17. August 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, versuchten zwei Freunde an der Zimmerstraße zu fliehen. Von Mitte, Ost-Berlin nach Kreuzberg, West-Berlin. Peter Fechter schaffte es nicht, Kugeln der Grenzsoldaten trafen den 18-Jährigen, schreiend und wimmernd verblutete er an der Mauer.
Wenige Meter weiter befand sich der VEB Autobahn Projektierung Berlin. Die Arbeiter dort hatten einen direkten Blick auf das Geschehen, sie hörten die Schüsse, sie sahen den Jungen fallen und sterben. Einer der Kollegen war der Lehrling Dieter Hertrampf, der Jahre später als Gitarrist Quaster mit der Rockband Puhdys bekannt werden sollte:
“Schnell breitete sich bei uns eine starke Wut aus. Wir konnten es nicht verstehen das man dem Jungen nicht half, sondern ihn dort verbluten ließ. Keiner von uns arbeitete mehr weiter. Zu groß war der Schock des Erlebten. Unser Parteisekretär spürte unsere Wut und schloss sich kurzerhand in seinem Büro ein. Über Lautsprecher wurde uns dann verboten, aus dem Fenster zu sehen. In der Zwischenzeit war auch die Bereitschaftspolizei eingetroffen und besetzte unseren gesamten Betrieb.”
Mehr als 50 Jahre später veröffentlichte Quaster das Lied 136 Rosen, das an die Toten der Mauer erinnert.

136 ROSEN

Er war ein Kämpfer, friedlicher Rebell
Er war wie David der sich Goliath stellt
Sein Herz war auf Freiheit gepolt
Folgte dem Hoffnungsfunken
Sie haben ihn aus dem Wasser geholt
auf der Flucht ertrunken

136 Rosen
Treiben in der Spree
Als Symbol für unsre Großen
Hier am Mauerweg
Sie mussten alle fallen bevor sie fiel
Gingen mutig voran
Richtung blühendes Ziel

Ein sie treibender Traum
ein unbändiger Wille
Dorn im Auge der Macht
Geben uns neue Kraft
in der Stunde der Stille

Sie ging so tapfer mit dem Kopf durch die Wand
Wurde verstoßen, Verräterin genannt
Sie hat die Weichen auf Hoffnung gestellt
Und alle Regeln gebrochen
Am Kopf getroffen auf dem Minenfeld
Wir wussten’s erst nach Wochen

136 Rosen
Treiben in der Spree
Als Symbol für unsre Großen
Hier am Mauerweg
Sie mussten alle fallen bevor sie fiel
Gingen mutig voran
Richtung blühendes Ziel
Dorn im Auge der Macht
Geben uns neue Kraft in der Stunde der Stille

(Text und Musik: Mia Aegerter)




Rio Reiser

Am 20. August 1996 starb Rio Reiser mit nur 46 Jahren. Der Sänger, Komponist und Schauspieler hat mit seiner zärtlichen und konsequenten Art sehr viele Menschen bewegt und angespornt.

Als Ralph Möbius sich nach dem gescheiterten Schauspieler Anton Reiser nannte, war er gerade 18 Jahre alt und sammelte bei Hoffmanns Comic Theater (HCT) in Berlin erste Bühnen-Erfahrungen. Zuvor hatte der bekennende Beatles-Fan (später Stones) die Schule und eine Fotografen-Ausbildung abgebrochen und war erst mal nach Liverpool ausgebüxt. Bis Ende der 60er traten Reiser und R.P.S. Lanrue mit ihrer Coverband Degalaxis auf und waren als Musiker und Komponisten am HCT engagiert.
1970 nahm Rio Reiser den Song “Macht kaputt, was Euch kaputt macht” auf, dies war die Geburtsstunde von “Ton Steine Scherben”. Die Band wurde während der Schüler- und Jungarbeiter-Bewegung in West-Berlin zu dem, was man heute Kult nennt. Sie nahm an Festivals und Hausbesetzungen teil (Tommy-Weißbecker-Haus, Georg-von-Rauch-Haus, Drugstore).
Ab Mitte der 70er Jahre erfolgte eine musikalische Umorientierung zu melodischerem Rock und weniger vordergründig politischen Texten. Außerdem auch Rios schwules Coming Out mit zwei Alben als “Brühwarm”.

Rio Reiser war Zeit seines Lebens auf der Suche und am Ausprobieren, bis zum Schluss neugierig wie ein kleiner Junge. Einiges, was er probierte, war sehr erfolgreich, wie die Titeltolle in Kollers Spielfilm “Johnny West” (1977), für die er mit dem Bundesfilmpreis in Gold ausgezeichnet wurde.

1985 trennten sich Ton Steine Scherben, Rio Reiser machte als Solokünstler weiter. Im Folgejahr erschien sein Album “Rio I.”, das ihn bundesweit bekannt machte, vor allem durch die Single-Auskopplung “König von Deutschland”.
Einen persönlichen Höhepunkt seines Lebens erreichte Rio am 2. Oktober 1988, als er von 6.000 Menschen in der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle gefeiert wurde.

Rio Reiser war und ist für viele Menschen mehr als nur ein Künstler. Durch die Zärtlichkeit in seinen Liedern und in seinem Auftreten ist er selbst noch Jahre nach seinem Tod für viele eine Identifikationsfigur geblieben, die ein Denken und Fühlen verkörpert, wie es nur sehr selten vorkommt.

Weitere Infos:
Rio Reiser Website




Iron Rocker im Taxi

Ich war Zweiter am Taxistand, Südseite des Hauptbahnhofs. Es war sehr heiß, deshalb stand ich wie der Kollege vor mir neben dem Wagen. Drei Piraten kamen aus dem Bahnhof genau auf uns zu. Zwar hatte keiner von ihnen ein Holzbein, nicht mal eine Augenklappe war zu sehen, aber ansonsten sahen sie wirklich sympathisch aus. Tätowiert, wirre Haare, schwarze T-Shirts mit undefinierbarem Aufdruck, etwas zerfletterte Westen, lässiger Gang.
Dies sah der Kollege vor mir anders, er stammelte was von „Vorbestellung“, zuckte mit den Schultern. Mir sollte es recht sein, so super lief die Schicht bisher nicht. Also kamen die Drei auf mich zu, der Wildeste von ihnen grüßte mit „Moin, moin“ und als ich mit „Ahoi“ antwortete, was das Eis schon gebrochen.

Leider sollte die Fahrt nur nach Mitte gehen, zu einem Hotel an der Leipziger Straße. Aber während der der Fahrt stellte sich heraus, dass sie dort nur kurz einchecken wollten und dann gleich weiter zur Waldbühne. „Kannste einen Moment auf uns warten und dann dahin fahren?“
Na und ob ich das konnte!
Die Truppe war herrlich. Sie kamen gerade aus Hamburg, einer war Maurermeister mit eigener Firma, einer Fischer, der andere Kapitän. Zwar nicht auf einem Piratenschiff, aber immerhin einem Fischkutter. Also nicht so abgehobene Leute, wie ich sie sonst oft im Auto habe und die meist steif wie ein Brett sind.

Es ging zum Konzert von Iron Maiden, und schnell fachsimpelten wir über Musik. Heavy Metal ist zwar nicht meine Priorität, aber allemal besser als z.B. Helene Fischer. Die Fahrten zum Hotel und zur Waldbühne waren klasse. Wir sprachen über meine vielen bisherigen Jobs, dann über ihre. Über Iron Maiden, A.C.D.C. und die Böhsen Onkelz. Über Taxifahrer, die Leute wie sie nicht mitnehmen wollen, über Philosophie und die Gesellschaft. An der Waldbühne angekommen, wollten sie meine Telefonnummer, um mich für die Rückfahrt anzurufen. Normalerweise gebe ich die nicht weiter, in diesem Fall aber sehr gerne. Allerdings sagte ich auch, dass ich bei Konzertende eventuell zu weit weg sein könnte.
Die 34 Euro bezahlten sie mit einem 50-EUR-Schein: „Stimmt so, war ne geile Fahrt!“ Stimmt.

Etwa drei Stunden später kam über Funk der Hinweis, dass das Konzert in der Waldbühne zu Ende sei und Taxi gebraucht würden. Vom Kudamm ist es nicht weit dort hin, nach 10 Minuten war ich da. Hunderte Konzertbesucher kamen mir schon entgegen, aber ich stellte mich erstmal mit ausgeschaltetem Taxischild an den Rand und wartete auf den Anruf. Mehrmals in der Minute fragten mich Leute, ob ich sie mitnehmen könnte, aber ich musste sie enttäuschen. Nach einer Viertelstunde dachte ich, dass meine Fahrgäste wohl doch nicht mehr anrufen und bevor ich gar keine Tour mehr bekäme, brachte ich zwei bayrische Metaller zu ihrem Hotel nach Schöneberg. Kaum hatte ich sie dort ausgeladen, riefen die Piraten an. „Ich brauche aber mindestens 20 Minuten“, sagte ich.
„Kein Problem, wir haben doch noch unser Bier dabei. Und solange brauchen wir sowieso, bis wir vorn sind.“ Na wenn das so ist.

Wir verabredeten uns an der letzten Absperrung. Wieder waren es Hunderte von Menschen, die mir auf der Passenheimer Straße entgegen kamen. Die Reihe der Autos zog sich vom Glockenturm bis zur Heerstraße, da ging nichts mehr. Alle anderen Fahrstreifen waren von Konzertbesuchern gefüllt, die ebenfalls zur Heerstraße gingen und gefühlt jeder Zweite versuchte mich zu bewegen, ihn mitzunehmen.
Natürlich hatte ich die Fackel wieder ausgeschaltet, aber das interessierte niemanden. Als ich an der Absperrung ankam und anhielt, stiegen sofort drei Leute ein. Aber nicht die, für die ich gekommen war. „Ach das ist aber jammerschade“, sagte einer von ihnen, als ich sie wieder rauswerfen musste.

Dann kamen „meine“ Fahrgäste. Ich kenne das ja selbst: Nach einem coolen Konzert ist man aufgedreht und gut gelaunt. So war es auch bei ihnen. Und ihre Stimmung wurde noch besser, als ich an der langen Reihe der Stau spielenden Autos einfach auf der Gegenfahrbahn vorbei fuhr. Es hätte sonst bestimmt eine halbe Stunde gedauert, das wollte ich uns nicht zumuten. Mich wunderte, dass sogar mehrere Taxis in der Reihe standen, anstatt meinen Weg zu wählen. Dann bog ich in die Jesse-Owens-Allee ein und am Olympiastadion vorbei, nach wenigen Minuten waren wir schon am Theodor-Heuss-Platz.

„Ich wusste es, du bist der beste Taxifahrer Berlins!“, lobte mich der Maurer. Der Rest der Rückfahrt war wieder unterhaltsam und kam mir vor, als wären wir nur ein paar Minuten unterwegs gewesen. In Mitte angekommen wollten sie noch gar nicht ins Hotel, sondern irgendwo was trinken. Am Hackeschen Markt zeigte ich ihnen die Bars und wo es zur Oranienburger ging. Am Ende standen rund 30 Euro auf der Uhr. Wieder zahlten sie mit einem Fünfziger und wieder kam das „Stimmt so!“
Insgesamt 36 Euro Trinkgeld für zwei tolle Fahrten – das wünschte ich mir öfter! Als aber drei Stunden später nochmal das Telefon klingelte, war ich bereits zu Fuß unterwegs nach Hause und musste meine Hamburger Piraten enttäuschen.
„Aber wir heben deine Telefonnummer auf, für’s nächste Mal.“
Ja, sehr gerne!




Delphi Palast

Ursprünglich war das Delphi gar kein Kino, sondern ein Tanzpalast. Berühmte Tanzorchester wie die von Teddy Stauffer oder Heinz Wehner traten nach der Eröffnung im Jahr 1928 auf. Wie schon 30 Jahre zuvor das Theater des Westens wurde auch das Delphi von Bernhard Sehring entworfen – inklusive Säulen, Putten und pseudoantiken Wandschmuck. Der Delphi Palast entwickelte sich schnell zu einem der beliebtesten Tanzlokale Berlins. Vor allem zu Jazz und Swing kamen die Besucher aus der gesamten Stadt, oft mussten die Türen wegen Überfüllung geschlossen werden.

Als die Nazis an die Macht kamen, wurde die sogenannte “Negermusik” als “undeutsch” verboten. Zeitweise versuchte man noch, die Titel mit deutschen Texten zu spielen, aber vergeblich. Zu diesem Zeitpunkt waren der Jugoslawe Josef König Betreiber des Tanzpalastes. Da er Jude war, emigrierte er am 8. März 1933. Die Geschäfts führte nun der ebenfalls jüdische Jugoslawe Rudolf Gutmann. Drei Wochen später, nach dem Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April, stellte sich der Betriebsrat gegen Gutmann und erteilte ihm Hausverbot. Nach einer Intervention der jugoslawischen Gesandtschaft beim Auswärtigen Amt wurde erreicht, dass er vorerst das Delphi wieder betreten durfte. Zu diesem Zeitpunkt versuchte die NS-Regierung noch, ausländische Juden von antisemitischen Maßnahmen zu verschonen, um international nicht an Ansehen zu verlieren.

1943 wurde das Delphi geschlossen. Kurz danach trafen Fliegerbomben das Gebäude, es brannte aus und das Dach stürzte ein. Im Jahr 1947 übernahm Walter Jonigkeit das Gebäude, um es als Kino weiterzufühen. Der Wiederaufbau dauerte aber erstmal zwei Jahre, wobei ihm seine Freundschaft zu Edzard Reuter zugute kam, dem Sohn des damaligen Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter.
Von der Eröffnung 1949 an sollte Jonigkeit das neue Delphi ganze 60 Jahre lang führen, bis zu seinem Tod im Jahr 2009. Dabei hat er gute, aber auch unruhige Zeiten erlebt. Mit 1.200 Plätzen war es anfangs das größte Kino Deutschlands, es hatte die größte Leinwand der Stadt und die beste technische Ausstattung. Im Jahr 1952 fuhren die ersten Filmstars die Auffahrt hoch, das Delphi war Austragungsort der 2. Internationalen Filmfestspiele. Hier fanden große Premieren statt wie die von “Ben Hur” oder “My Fair Lady”. Beide Filme liefen danach ein ganzes Jahr. Und es gab im Delphi schon 1952 die ersten 3D-Vorführungen.

Doch mit der rasanten Verbreitung des Fernsehens Mitte der 1960er Jahre gerieten die großen Filmpaläste in finanzielle Bedrängnis, die Leute schauten sich die Filme nun lieber Zuhause an. Die großen Kinos im Umkreis des Breitscheidplatzes standen in immer größerer Konkurrenz zueinander. Als der Zoo-Palast 1980 das Delphi sogar übernehmen wollte, organisierte Walter Jonigkeit zusammen mit den Off-Kinos und zahlreichen Zuschauern Protestaktionen. Am 15. Dezember streikten die Programmkinos, stattdessen gab es eine große Party im Delphi mit Tausenden von Gästen.

Anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlin beschloss der Senat, das Gebäude zu renovieren und das unmittelbare Umfeld aufzuhübschen. Dabei tauchten in der Erde nicht nur Skelette in Wehrmachtsuniformen auf, sondern auch Teile der alten Dekoration des Tanzpalastes, die nach dem Krieg dort verschüttet wurden. Die umfangreiche Sanierung musste dann jedoch noch mal zehn Jahre warten.
Heute ist der Delphi Filmpalast Premieren- und Berlinale-Kino und noch immer eines der schönsten Kinos der Stadt.




Vaganten Bühne

Als Vaganten (lateinisch vagare, ziellos unterwegs sein) wurden umherziehende Kleriker auf der Suche nach einem geistlichen oder weltlichen Amt, Studenten und allgemein gelehrte Bohème des 12. und 13. Jahrhunderts bezeichnet. Man sagte ihnen damals durchaus einige Zuchtlosigkeit nach. Teile der Wandervogel-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezogen sich ebenfalls auf diesen Begriff.

Die Vaganten Bühne, die sich gleich neben dem Quasimodo auch unterhalb des Delphi befindet, geht tatsächlich auf diese Tradition zurück. Gleich nach dem Krieg gegründet spielte die Truppe vor allem christlich orientierte Theaterstücke. Sie hatte anfangs keine feste Bühne, sondern zogen durch kirchliche Gemeindesäle, Schulen und andere Spielstätten in Berlin und anderen Gemeinden. Damals nannte sich die Gruppe um Horst Behrend noch “Theater im Koffer”, im Februar 1949 wurde sie in “Die Vaganten” umbenannt. Eine Besonderheit war, dass die Vaganten sowohl im Westen, wie auch im Osten auftraten, was aber durch die zunehmende Reglementierung in der DDR immer schwieriger wurde. Trotzdem gehörten dem Ensemble bis zum Mauerbau Künstler aus beiden Teilen Berlins an. Deshalb gab es nach dem 13. August 1961 Probleme, die nun in Ost-Berlin eingesperrten Schauspieler zu ersetzen.

Bereits Anfang der 1950er Jahre hatte sich die inhaltliche Ausrichtung der Vaganten geändert. Die Schauspieltruppe spielte nun nicht mehr religiöse Stücke, sondern modernes Theater, bald auch Komödien und Kriminalstücke. Sie selbst beschreibt diese Entwicklung so:
“”Alles begann mit dem expressionistischen Nachkriegstheater, dann folgte das vor allem durch Frankreich geprägte Theater des Existentialismus und später das Theater des Absurden. Bald beherrschten verschiedene Phasen von symbolistischem bis hin zu naturalistischem Theater die Inszenierungen, sowie dokumentarisches und – auf Inhalte bezogen – sozialrealistisches oder -engagiertes Theater.”

Im Jahr 1956 erhielt die Gruppe eine eigene Spielstätte. Nachdem der Delphi Tanzpalast als Kino neu eröffnet hatte, wurden die ehemaligen Kühlräume nicht mehr gebracht. Dort hinein zogen die Theaterleute, die nun ihre eigene “Vaganten Bühne” hatten.
Wenige Jahre apäter expandierten sie und eröffneten mit dem “Theater am Kreuzberg” sowie dem “Theater an der Spree” im heutigen Haus der Kulturen der Welt im Tiergarten weitere Spielstätten. Damals hieß das Gebäude noch Konresshalle und hatte einen Saal mit 400 Plätzen, der von Horst Behrend 1959 angemietet wurde. Dort wurde die Stücke jeweils nur wenige Tage aufgeführt. Während in der Vaganten Bühne in der Kantstraße eher “Avantgarde-” und experimentelle Stücke auf dem Spielplan standen, war das Theater an der Spree stärker konventionell und an anspruchsvoller Unterhaltung orientiert. Es existierte bis Mitte der 60er Jahre.
Das Theater am Kreuzberg öffnete im Februar 1962 im Georg-Wilhelm-Schulze-Haus in der Kreuzbergstraße 47. Dort war der Spielplan eher für jugendliches Publikum und Schüler ausgerichtet. Dieses Theater bestand bis 1965, später zog dort die “Kleine Oper Kreuzberg” ein.

Die Vaganten Bühne ist mit 99 Plätzen eines der kleinen Theater in der Stadt. In seiner Geschichte aber hat es schon rund zwei Millionen Zuschauer unterhalten, immerhin mehr als die Hälfte der Berliner Bevölkerung.
Sie war eines der ersten Avantgarde-Theater, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Bis heute macht sie immer mal wieder von sich reden. So mit “Die gesammelten Werke William Shakespeares in 90 Minuten”. Oder mit der Produktion “Menschen im Hotel”, das nicht nur auf der Theaterbühne aufgeführt wurde, sondern das die Zuschauer ganz real mitnahm in das nahe Savoy-Hotel, wo das Stück weitergespielt wurde.




Wilde Bühne und Tingel Tangel

Während oben im Theater des Westens ernste Opern oder fröhliche Operetten gespielt wurden, wurde 1920 das sogenannte Parzivalzimmer geschlossen. Der Saal befand sich im Untergeschoss des Theaters, zugänglich von der Westseite, unter der Kaisertreppe hindurch. Die Schauspielerin und Sängerin Trude Hesterberg öffnete dort am 5. September 1921 ihre “Wilde Bühne”, eine der ersten modernen literarisch-politischen Kabarettbühnen. Auf dieser standen bald Schauspieler wie der noch junge Bertolt Brecht oder Joachim Ringelnatz. Autoren wie Kurt Tucholsky, Walter Mehring, Erich Kästner und zahlreiche anderen schrieben Stücke für die Wilde Bühne. Es war die Zeit des Kabaretts, gleich um die Ecke an der Joachimsthaler Straße eröffnete im April 1922 auch die “Rakete”. Die Wilde Bühne wurde nach Max Reinhardts “Schall und Rauch” schnell die beliebteste Kabarettbühne der Stadt.

Am Vormittag des 16. November 1923 brach jedoch ein durch Kabelbrand verursachtes Feuer aus, Bühne und Publikumsbereich wurden vernichtet. Auf dem Höhepunkt der Inflation war an eine Renovierung nicht zu denken, die Wilde Bühne wurde Geschichte.
Im Jahr danach richtete der Komiker Wilhelm Bendow (genannt “Onkel Wilhelm”) die Spielstätte wieder her und eröffnete sie unter dem Namen “Tütü”. Die musste er aber im März 1928 nach einem politischen Paukenschlag schließen: König Amanullah aus Afghanistan hatte Berlin besucht, was den Staat rund eine Million Mark gekostet haben soll. Trude Hesterberg und Kurt Gerron verarbeiteten diese Verschwendung schon einen Tag später auf der Bühne mit dem erstmals aufgeführten Schlager “Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?”. Soviel populäre Kritik vertrug die Demokratie nicht, das Tütü wurde geschlossen.

1931 erfolgte die Auferstehung der Bühne, diesmal unter dem Namen “Tingel Tangel”. Der Komponist Friedrich Holländer brachte zwei Revuen zur Aufführung, “Spuk in der Villa Stern” und “Höchste Eisenbahn”. Nach der Machtübergabe an die NSDAP ging Holländer ins Exil, das Tingel Tangel wurde von Gustav Heppner weitergeführt. Zwar wurden die Stücke etwas weniger bissig, doch die Nazis verstanden keinen Spaß. Wenn die Gestapo im Zuschauerraum fleißig mitschrieb, fragte Werner Finck: “Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder muss ich mitkommen?” Finck und der Kabarettist Walter Gross kamen für mehrere Monate ins Gefängnis und erhielten danach Berufsverbot. Das Tingel Tangel wurde am 10. Mai 1935 geschlossen, diesmal für immer.




Ausgerockt

Die Uralt-Rocker aus DDR-Zeiten haben aufgehört. Rund 26.000 Zuschauer sahen die zwei ausverkauften Konzerte der Puhdys in der Mehrzweckhalle Friedrichshain, Abschiedskonzerte. Dabei stehen sie bis zum Juni noch 20 mal zusammen mit Karat und City auf der Bühne, die “Rocklegenden” nennen sie sich selbst.
Ganz falsch ist das nicht. In der DDR waren die Puhdys unangefochten die Nummer 1, sozusagen das Bayern München des DDR-Rock. Das brachte ihnen nicht nur Freunde ein. Manch einer warf ihnen vor, zu staatsnah zu sein, zu sehr die Karriere im Auge zu haben und deshalb still zu sein. Das stimmte nur begrenzt. Sie solidarisierten sich mit Musikern, die Auftrittsverbote hatten, eines ihrer erfolgreichsten Songs (über das Verhältnis zwischen DDR und BRD) durfte im DDR-Rundfunk nicht gespielt werden. Aber eine Widerstandsband waren sie natürlich nicht.

Dabei sprachen die Puhdys schon damals Themen an, die in der Rockmusik nicht üblich waren. Ihre Lieder über Nazis, Homophobie, Rassismus oder Mobbing machten auch vielen Menschen Mut, die selber betroffen waren. Sie sangen über Selbstmord von Jugendlichen, über einen toten S-Bahn-Surfer, über den jungen Knackie, den alternden Gigolo, den zweifelnden Grenzsoldaten und im Jahr 2002 über die Elbe-Flut.

Manche der Songs haben auch mein Leben beeinflusst. Vor allem diejenigen, in denen es darum ging, wie man eigentlich leben möchte. Angepasst, glatt und erfolgeich – oder glücklich, weil man zu sich selber und den eigenen Bedürfnissen steht. Auch wenn dies oft schwieriger ist.
Es waren nicht nur die Lieder, die Bandmitglieder kamen zwar manchmal prollig rüber, waren jedoch alles andere als oberflächlich. Mit dem damaligen Bassisten Harry saß ich ein paarmal am Müggelsee auf dem Steg. Wir haben uns intensiv über das Leben in der DDR unterhalten (ich selber wohnte damals in West-Berlin), über das was werden könnte und wie man sich selber dazu verhalten soll.
Nach einem Konzert in Hamburg habe ich eine intensive Diskussion innerhalb der Band miterlebt, in der es um das Thema ging, wie weit man sich verbiegen sollte oder eben nicht. Anlass war die Überlegung des Drummers Gunther, die Band und die DDR zu verlassen und in die Bundesrepublik zu ziehen. Das hat er später dann auch getan.
Solche Diskussionen waren möglich, auch wenn man natürlich wusste, dass auf Auslandsfahrten immer jemand für die Stasi mitschrieb. Im Fall der Puhdys war das der Keyboarder Peter. Er ging damit relativ offen um und man wusste, dass bestimmte Dinge eben nicht in seinen Berichten landen würden.

Hamburg und die Puhdys, das gehörte sowieso ein bisschen zusammen. Beim ersten Konzert waren wir viel zu früh der Stadt. Also fuhren wir mit den Autos und LKWs herum, besichtigten die Reeperbahn und den Hafen. Als wir wieder raus wollten, um zur Halle zu fahren und die Bühne aufzubauen, standen wir plötzlich am Zoll. Der glaubte uns nicht, dass wir als Touristen im Hafen waren und so standen wir mit der gesamten Musik- und Lichtanlage an der Hafenausfahrt und kamen nicht mehr raus.
Einige verzweifelte Telefonate später bot das Management von Udo Lindenberg an, dessen Anlage zur Verfügung zu stellen. So kam es dann auch und das Konzert konnte mit einer fremden Anlage doch noch stattfinden.

Der Erfolg der Puhdys lag auch daran, dass sie sehr lebensnah waren. Die Texte mit den Alltagsthemen, auch die Interviews, die offene Art sich bei Festen und Veranstaltungen zu bewegen. In ihrer Heimat zwischen Köpenick und Erkner wusste jeder wo die Musiker leben, sie nahmen trotz Promiestatus am Kleinstadtleben von Friedrichshagen und Rahnsdorf teil. Arroganz war ihnen fremd.

Musikalisch hatte sich die Puhdys schon früh festgelegt. Ihre Rockmusik war oft so melodisch, dass eine lange Reihe von Ohrwürmern heraus kam. Lieder wie “Ikarus”, “Alt wie ein Baum” oder “Sturmvogel” können heute noch von Tausenden Menschen auswendig mitgesungen werden.

Faszinierend ist, dass die Band bis zum Schluss viele junge Menschen angezogen hat. Die Musiker sind gealtert, die meisten schon über 70 Jahre alt. Auf den Konzerten aber gehts schon bei Jugendlichen los, der Durchschnitt liegt vielleicht bei 40 Jahren. Viele der Fans waren noch nicht mal geboren, als die Band im Jahr 1969 gegründet wurde.
Die Puhdys waren ein Phänomen, im Osten, aber immer mehr auch in der Bundesrepublik. In ihrem doch ziemlich hohen Alter haben sie zum Schluss jährlich noch mehr als 100 Konzerte gegeben. Als deutschsprachige Liveband waren sie unübertroffen. Sie werden fehlen. Mir jedenfalls.

Foto: Ralf Roletschek




Landwehr-Kasino

Die Jebensstraße hinter’m Bahnhof Zoo wird heute eher bestimmt vom Elend der Obachlosen rund um die Bahnhofsmission als von der Geschichte des Ortes. Doch genau gegenüber der Mission steht mit der Jebensstr. 2 ein Gebäude mit sehr lebendiger Geschichte.

1909 wurde es als luxuriöses Kasino des “Offizierscorps der Landwehr-Inspektion Berlin” in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. eröffnet. Es gab einen kleinen Festsaal, ein Restaurant, einen Fechtsaal, Kegelbahnen und Schießstände. Das Herzstück des Gebäudes war jedoch der 660 Quadratmeter große Kaisersaal mit einer Tonnendecken in 11,40 Metern Höhe. Entgegen des relativ schlichtem Äußeren entfaltete das Landwehr-Kasino innen eine wahre Pracht.
Über dem Mittelteil des Gebäudes thront ein großer Spitzgiebel mit der Inschrift “UNTER DER REGIERUNG WILHELMS II. DEUTSCHEN KAISERS KOENIGS VON PREUSSEN ERB. V. D. KAMERADSCHAFTL. VEREINIGUNG D. OFFIZ. D. LANDWEHR INSP. BERLIN MCMIX”.

Während des 1. Weltkriegs dienste das Landwehr-Kasino als Lazarett, hunderte Kriegsversehrte lagen im Kaisersaal in Feldbetten.
Ab 1920 wurde der große Saal zu einem Theater für 750 Zuschauer ausgebaut. Dort gab es mehrere Uraufführungen von Operetten. Doch das “Neue Theater am Zoo” wurde verspottet als “Unterhaltungsbühne für Höhere Töchter”. 1929 wurde es in “Deutsches Volkstheater” umbenannt, aber es schrieb rote Zahlen und konnte sich nie gegen Häuser wie dem nahen Theater des Westens durchsetzen.
1937 erfolgte wieder ein Umbau, zurück zu einem Festsaal.

Während des 2. Weltkriegs gab es massive Zerstörungen, erst 1954 konnte das Haus wieder eröffnen, als Kunstbibliothek und Museum.
Zwischen 1978 bis 1986 nutzte die Berlinische Galerie das Gebäude für Ausstellungen. Mit dem Bezug des Neubaus der Kunstbibliothek 1993 am Kulturforum wurde das einstige Kasino nur noch als Depot und Werkstatt vom Museum Europäischer Kulturen und der Alten Nationalgalerie gebraucht.

Seit 2004 befindet sich hier das Museum für Fotografie, eine Einrichtung der Staatlichen Museen Berlin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Das Haus ist jetzt als Ausstellungs-, Forschungs- und Dokumentationszentrum für das Medium Fotografie konzipiert.
Wichtigster Nutzer ist auf zwei Etagen die Sammlung der Helmut-Newton-Stiftung. Newton selber hatte noch kurz vor seinem Tod die Vereinbarung geschlossen, in den Räumen wechselnde Ausstellungen zu seinem Werk zu zeigen.

Am anderen Ende der Straße zieht sich der Yva-Bogen an der Stadtbahn bis zur Kantstraße durch. Yva war der Künstlername der Modefotografin Else Ernestine Neuländer, bei der Helmut Newton (damals noch Helmut Neustädter) ab 1934 als 16-Jähriger seine Fotografenlehre absolvierte, bis er Deutschland aufgrund der Verfolgung durch die Nazis verlassen musste. Yva wurde 1942 im KZ Sobibor ermordet.




Lebenslänglich

Du bist schon 30, welch ein Schreck
und nichts als ein Pantoffelheld.
Du hast ein Kind und eine Frau
und du kennst heute schon genau
dein Altersgeld.
Die Zukunft ist bereits vorbei
denn das was kommt ist nicht mehr neu.

Mit achtzehn warst Du voller Pläne
Hattest viele Ideale.
Die Konvention hast du verlacht.
Du sprachst von Freiheit, wolltest klüger sein als alle
Und oft hast du bei dir gedacht
Dass du mal alles anders machst.

Gut, man muss vielleicht
In seinen Wein mal Wasser gießen
Denn das Alltagsleben
Ist halt voll von Kompromissen
Aber das große Ziel war klar,
Es schien dir niemals in Gefahr.

Dann hast du dich in sie verliebt,
Du wolltest sie nicht mehr verlieren,
Da warst du dir schon nicht mehr treu,
Die langen Haare schneiden und ganz brav frisieren
Auch mit dem Gammeln war’s vorbei.
Nun gut, was ist denn schon dabei.

Dann kam die Hochzeit und danach
Die viel zu große Wohnung.
Sie stellte ihre Möbel rein.
Du machtest Kurse mit zur besseren Entlohnung
Und stecktest jedes Unrecht ein
Und langsam kriegten sie dich klein.

Gut, du stelltest dir
Zumindest selbst noch manchmal Fragen
Auch noch mit Krawatte
Und mit weiß gesteiftem Kragen.
Doch du hast alles mitgemacht
Und’s zum Abteilungschef gebracht

Nun bist du 30 und du weißt
Es ist zu spät noch was zu ändern.
Du gehst zur Arbeit, das ist Pflicht,
Lebst wie ein Fremder in den eigenen vier Wänden
Und deine Frau, die liebst du nicht.
Na ja, das Kind zählt schon für dich.

Am Samstag dann im Supermarkt
lädst du den Wagen voller Essen,
Konserven, Schinken, Käse, Wein.
Doch dein Gefühl der Leere geht nicht weg vom Fressen
Du wirst stets unzufrieden sein,
Doch so geht’s nicht nur dir allein.

Gut, man kann so tun,
Als würde alles bestens stehn
Aber seinen eignen Träumen
Kann man nicht entgehn.
Du hast sie irgendwo in dir
Lebenslänglich eingesperrt.
Lebenslänglich.

Robert Long




Bin ein Fremder

Ich geh den weiten Weg
Durch die Wüste der Einsamkeit
Seh überall dasselbe
Tränen, Hass und Leid

Meine Augen sind müde
Mein Herz ist schwer
Mein Pass hat eine Nummer
Doch der Name zählt nicht mehr

Ich schlafe bei den Tieren
Ich treibe mit dem Wind
Werd von jedermann gemieden
Bin doch aller Menschen Kind
Bin ein Fremder
Lass mich in deine Tür
Nimm mich auf für eine Nacht
Und wärme mich an dir

Bin der Andalusier
Bin der Armenier
Bin ein Wanderer
Und nicht für immer da

Ich komm von irgendwo
Ich geh nach nirgendwo
Bin ein Fremder

Bin der Somalier
Vater stammt vom Golgatha
Mutter aus Malaysia
Sie kamen über Afrika

Bin der Andalusier
Bin der Armenier
Bin ein Fremder

Ich bin der, den du vermeidest
Ich bin der, den du verschweigst
Bin der Hass in deinem Herzen
Bin das Misstrauen, dass du zeigst
Du kannst mich auf den Straßen
Der großen Städte sehn
Ungezählt uns heimatlos
Die in der Schlange stehn

Ich trage fremde Kleider
Ich esse fremdes Brot
Doch so fremd ich dir auch bin
Such ich auch deinen Gott
Es gibt wenig Unterschiede
Zwischen dir und mir
Wir sind Reisende auf Zeit
Und nicht für immer hier

Bin der Andalusier
Bin der Armenier
Bin ein Wanderer
Und nicht für immer da

Ich komme von irgendwo
Ich geh nach nirgendwo
Bin ein Fremder

Bin der Somalier
Vater stammt vom Golgatha
Mutter aus Malaysia
Sie kamen über Afrika

Bin der Andalusier
Bin der Armenier
Bin ein Fremder
Bin der Andalusier

Klaus Hoffmann




Dschungel in der Badewanne

Wie so viele Orte in Berlin hat sich auch die Nürnberger Straße grundlegend gewandelt. Vor allem im Teil zwischen Augsburger und Tauentzienstraße gab es mal ein reges Nachtleben. Sie war einer der Orte, die den “Goldenen Zwanzigern” ihren Namen gaben. Aber auch nach dem Krieg ging es hier weiter, bis in die 1980er Jahre hinein.

Bis heute dominiert das lang gezogene Hotel Ellington die östlichen Straßenseite. Nachts schick beleuchtet hat es nichts von seiner Eleganz verloren, die dem Gebäude schon bei der Eröffnung Ende der 1920er Jahre viel Ruhm einbrachte. Dabei handelte es sich nur um ein Bürohaus. Aber eines, bei dem Hauseingänge und die Schaufenster der Ladenfront in Messing gefasst sind.
Interessanter war, was sich unter und hinter dem Verwaltungsgebäude “Haus Nürnberg” befand. Am 1. Otkober 1929 öffnete dort das Ballhaus Femina, mit 2.000 Sitzplätzen, zwei großen Bars und drei Kapellen.

“Durch ein Marmor-Vestibül und einen zweiten Vorraum betritt man eine Herrenbar, in der Stimmungssänger und -sängerinnen sich hören lassen. Von den Garderoben fährt ein Fahrstuhl, der gleichzeitig 16 Personen befördert, die Gäste in die Tanzbar des ersten Stocks, wo zwanzig junge Damen bedienen und ein allererstes Tanzorchester spielt. Es gibt Tischtelefone und eine Rohrpost mit Zentrale, von der aus junge Mädchen in Uniform die Briefchen austragen. Die Tanzfläche kann ganz oder teilweise um einen halben Meter erhöht werden, um die Darbietungen allgemein sichtbar zu machen. Elegante Tanzpaare, Grotesk-Tänzer und vollständige Ballette werden sich nachmittags und abends dort zeigen. Allermodernste Beleuchtung taucht den Saal in blendendes Licht.”

Offenbar aber hatte sich der Betreiber übernommen, zudem war die Konkurrenz in der Gegend enorm. Stückchenweise wurden ab 1931 einzelne Bereiche geschlossen, im April 1933 machte das Femina dicht.
Zwei Jahre später ging es wieder los. Das Femina sollte ein Zentrum der deutsch-völkischen Musik werden, Kapellen der SA, SS und Wehrmacht spielten zum Tanz. Langsam jedoch entwickelte es sich trotz Bedrohung durch die Nazi-Herrschaft zum beliebtesten Swingpalast Berlins – also für eine Musik, die in den braunen Ohren undeutsch klang. Die britischen Bomben jedoch beendeten die Party und die Existenz des großen Ballsaals.

Aber schon 1946 zog wieder Kultur ein. Erst mit dem Kabarett “Ulenspiegel”, zwei Jahre später wurde der Saal zum Kino umgebaut. Im Juli 1949 öffnete im gleichen Haus auch die “Badewanne”. Das einzigartige Künstlerkabarett konnte innerhalb eines Jahres sechs Programme präsentieren, machte aber trotzdem schon 1950 pleite. Doch in den 13 Monaten seines Bestehens wurden die Weichen für die Karrieren mehrerer Künstler gestellt, hier entstanden unter anderem die “Stachelschweine”.
Im gleichen Gebäude, direkt nebenan, wurde das “Berliner Theater” gegründet. Dort traten Lil Dagover, Olga Tschechowa, Grethe Weiser auf, aber auch spätere Stars wie Günter Pfitzmann, Edith Hancke oder Klaus Kinski.

Mit dem Ende des Kabaretts übernahm eine ganz andere Mannschaft die Badewanne, den Namen aber behielten sie und auch die namensgebende, ungenutzte Badegelegenheit blieb gleich hinter dem Eingang stehen.
Jazzer mögen das verrauchte Dämmerlicht, die Kelleratmosphäre muss ihnen sofort gefallen haben. Schnell entwickelte sich die “Wanne” zu einem der berühmtesten Jazz-Clubs in West-Berlins. Die us-amerikanischen Soldaten kamen, ebenso Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Duke Ellington, Count Basie, Lionel Hampton, Dizzie Gillespie. In langen Nächten klangen die Trompetensoli bis auf die Straße, die ansonsten längst ihren Reiz verloren hatte.

Zwanzig Jahre später war vom Zauber der Badewanne nichts mehr übrig. Es folgte eine unstete Zeit, mit Schlager und Disco. Manch einer kennt vielleicht noch die Namen “Sugar Shack”, später “Garage”, unter denen man dort tanzen ging.
Ende der Siebziger aber kam “New Wave” und mit ihr der stylisch-schicke “Dschungel”, der zuvor nur eine Kneipe am Winterfeldtplatz war. Schnell wurde er mit Wendeltreppe zur Empore, Aquarium und kleinem Springbrunnen zur absoluten Szene-Discothek. Und wieder kamen die prominenten Namen in die Nürnberger Straße. Nach den Kabaretisten, Schauspielern und Jazzern waren es nun Namen wie David Bowie, Romy Haag, Barbra Streisand, Lou Reed, Nick Cave, Frank Zappa, die den Räumen Glanz verliehen. Mick Jagger, Prince oder Boy George verbrachten hier die Nächte nach ihren Konzerten. Der Dschungel verstand sich als Gegenstück zu New Yorks “Studio 54”, entsprechend kam längst nicht mehr jeder herein.

Mit dem Aufkommen des Techno Ende der 1980er Jahre begann aber der Abstieg des Dschungels. Ein paar Jahre hielt man sich noch mit der Erinnerung an eine große Vergangenheit über Wasser, doch 1993 kam das Ende.
Party ist an diesem Ort nicht mehr angesagt. Das 2007 eröffnete Hotel nutzt sämtliche Etage und Räume oder hat sie an hochwertige Geschäfte vermietet. Nur der Name des Restaurants und Hotels (“Duke” und “Ellington”) sowie das ebenfalls im Haus beheimatete Jazzradio erinnern noch an die kulturelle Vergangenheit.




Freiwild Frei.Wild

Es kommt vor, dass man seine Meinung zu bestimmten Dingen ändert. Im Kleinen wie auch im Großen. Auch im sehr Großen, im Grundsätzlichen. Dieses Recht muss man jedem Menschen zugestehen, schließlich ist das ein Ausdruck der eigenen Weiterentwicklung und Lernfähigkeit. Merkwürdig ist es schon, wenn eine Kehrtwende in grundsätzlichen Fragen nicht nur bei einem einzelnen Menschen eintritt, sondern gleichzeitig bei einer ganzen Gruppe, in diesem Fall vier Personen.
Die südtiroler Rockband Frei.Wild galt seit ihrer Gründung als rechts und nationalistisch. Wobei das Nationalistische auf Südtirol bezogen ist, das zu Italien gehört und deren Einwohnerschaft größtenteils deutschsprachig ist.

Der sehr zur Schau getragene Nationalismus der Band und auch die Kontakte zu Rechtsrockbands oder zur österreichischen Partei FPÖ widersprachen den eigenen Beteuerungen, keine politische Musikgruppe zu sein. Nun ist Nationalismus sicher nicht per se rechtsradikal und Frei.Wild haben es immer verstanden, sich nicht zu offensichtlich politisch rechts zu äußern. Auf der einen Seite distanzieren sie sich seit Jahren von Nationalsozialismus und Neonazis, andererseits scheinen immer wieder Andeutungen  durch, die man als völkisch oder antisemitisch interpetieren könnte.

Anders als die Böhsen Onkelz, die sich nach einer sehr frühen Phase im rechtsextremen Milieu in vielen Songs und Ansagen mehr als eindeutig von den Neonazis distanzierten, waren die Aussagen von Frei.Wild bis vor Kurzem eher zurückhaltend.
Allerdings bleibt es auch jedem selbst überlassen, sich von den Rechtsextremen abzugrenzen. Keine Distanzierung abzugeben ist nicht gleichbedeutend mit einer Sympathiebekundung. Und wenn ständig von einem eine Distanzierung gefordert wird ist verständlich, wenn man irgendwann keinen Bock mehr darauf hat. Die Onkelz versichern seit über 25 Jahren, dass sie mit Neonazis nicht zu tun haben wollen und werden trotzdem von vielen noch als Rechtsrockband betrachtet. Und dies, obwohl weder die Texte, die Ansagen oder die Fans dafür einen Hinweis gäben. Da ist es nachvollziehbar, wenn eine Band sich dem ständig geforderten Ablass irgendwann verweigert.

Schon mehrmals wurden Frei.Wild deshalb von Veranstaltungen ausgeschlossen, aktuell vom Reeperbahn-Festival in Hamburg. Die Organisatoren unterstellen der Band in einer Erklärung rassistisches und faschistisches Gedankengut. Offenbar stört es sie in ihrer Pauschalverurteilung auch nicht, dass Frei.Wild mittlerweile ganz eindeutig Position bezieht. Aber ein schönes Feindbild ist ja auch immer gut für den eigenen Zusammenhalt – da kann die Realität schon mal stören.

Frei.Wild jedenfalls hat sich klar zu den Themen Flüchtlinge und Rechtsextremisten geäußert:

Es gibt Menschen, die wir heute mehr und mehr und stolzer als bisher als unsere Fans und großartige Menschen bezeichnen: Es sind diejenigen, die für Menschlichkeit und Zivilcourage einstehen und sich verdammt nochmal vehement und entschlossen gegen die Brandstifter und Fremdenhasser stellen. Sie tun das völlig uneigennütz. Sie tun das, weil sie es für richtig halten und es absolut notwendig ist, diesen gescheiterten Existenzen aufzuzeigen, dass ihr Hass und ihre Aktionen nicht tolerierbar und inakzeptabel sind. Es ist Wurscht, wie sich solche Idioten nennen, egal ob “Pegida”, “AfD”, “Keine Asylanten in…” usw.
Ihr seid Scheiße und diese Scheiße werden wir nicht zulassen. Nicht bei uns und nicht mit dieser Band!
Wer Menschen, die gerade mit knapper Not einem grausamen Krieg oder einer Verfolgung aus religiösen oder anderen Gründen entkommen sind entfliehen mussten oder auf der Flucht ihre Liebsten verloren haben, wer solche Menschen hier wieder bedroht und terrorisiert, der ist schlichtweg ein asoziales Arschloch ohne Verstand und, viel schlimmer, ohne Herz und hassgesteuert.

Die Reaktionen aus dem rechten Spektrum auf diese Erklärung waren natürlich vorhersehbar. Gift und Galle wird über der Band ausgeschüttet, sie werden als Verräter tituliert, als vom Kapital gekauft, und natürlich darf die beliebte Verurteilung als “Gutmensch” nicht fehlen. Sie werden tatsächlich zum Freiwild, so wie vorher schon aus der linken Ecke. Ich selber sehe die Erklärung als eindeutig und kann keinen Grund erkennen, weshalb sie nur verbal abgegeben würde, ohne dass die Musiker inhaltlich dainter stehen. Man mag die Attitüde der Band nicht mögen, aber sie auf immer und ewig als Bäh zu bezeichnen und ihr keine positive Entwicklung zuzugestehen, ist einfach nur dumm.

Songtext auf der neuen CD über die Sicht eines Flüchtlings:

Ich bin neu, ich fange an

Sehe nur leere Gesichter, unsägliche Angst
Aufbruch zur Flucht, aus dem eigenen Land
Scherben hinterlassen und Scherben erwarten
Geister auf Auswegen, auf unsicheren Pfaden

Wohin mit mir, wohin und mit wem?
Werde ich zurückkommen?
Oder immer dort leben?
Das Urteil des Schicksals
Hätte es anders gewählt
Doch mein Wille zum Leben
Wählt meinen Weg

Endlich angekommen
Alles neu und fremd
Nichts hier wird einfach
Weil mich keiner hier kennt
Neues Land, neue Wege
Werde mich neu definieren
Will mein Leben hier leben
Will das alles kapieren

Ich will Teil dieser Welt sein
will nicht am Rande stehen
Werd es beweisen, ich bin dankbar
Für den Beitrag an meinem Leben
Schlage Brücken durch Sprache
Will sie lernen, will sie verstehen
Euer Land kennenlernen
Und will euch von meinem erzählen
Ich weiß, dass das alles
Für keinen hier einfach wird
Doch halte dran fest
Weil es nur ein Zusammen gibt
Ein Zusammen, das ich ohne euch so nicht leben kann
Also fange ich an, ich fange an, ich fange an
Und es fühlt sich richtig an

Was habe ich zu erwarten?
Wem soll ich vertrauen?
Wer hilft, wer misstraut mir?
An wen kann ich glauben?
Liegt mein Anker für immer?
Endet hier meine Flucht?
Tausende Fragen
Auf die ich Antworten suche

Doch will ich ein Leben
In eurer Mitte und frei
Begegnung verbindet, sie hilft mir dabei
Neues Land, neue Regeln
Heißt auch Neues probieren
Ich will mit euch leben
Und das kann funktionieren

Egal woher, egal wohin
Neues soll kommen, Altes muss bleiben
Will mein Leben hier leben
Will das Land hier verstehen

Egal wo, egal woher
Egal wo, egal wohin
Egal wo
Für ein Zusammen
Nicht ein Auseinander
Für das Leben und Dinge
Die für ein solches stehen