Anhalter Bahnhof

Es gibt in Berlin einige langgezogene Brachflächen, denen man ansieht, dass hier einmal ein sehr großes Bauwerk gestanden hat. Direkt am Potsdamer Platz ist solch eine Fläche, am Spreewaldplatz in Kreuzberg und an der Invalidenstraße sogar zwei. Hier standen einst große Fernbahnhöfe: Potsdamer, Lehrter, Stettiner und Görlitzer Bahnhof bringt man heute höchsten noch mit dem Nahverkehr in Verbindung.
Das gleiche gilt auch beim Anhalter Bahnhof. Nur noch der Rest einer Ruine erinnert daran, was hier einst stand – es ist das Portal des ehemaligen Eingangsbereichs. Dahinter eine leere Fläche auf der manchmal ein Zirkus sein Zelt aufbaut, ansonsten spielt man hier Fußball.

“Berlin – Anhalter Bahnhof”, das war mal ein Begriff. Nahe des Potsdamer Platzes war der Askanische Platz, an dem der Bahnhof stand, ein pulsierendes Stück Berlin. Auf der gegenüberliegenden Seite der Königsgrätzer Straße (heute Stresemannstraße) stand das größte Hotel Europas, das Exelsior: 600 Zimmer, neun Restaurants, ein Bierkeller für 1.500 Gäste, zweihundert Tageszeitungen aus aller Welt. Selbstverständlich gab es einen eigenen unterirdischen Zugang zum Bahnhof. Daneben warteten aber noch fünf weitere Luxushotels in unmittelbarer Nachbarschaft des Bahnhofs, wie das Hotel Hollstein.
Der Anhalter Bahnhof des Architekten Franz Schwechten war wie alle Berliner Fernbahnhöfe eine Endstation. Bei der Planung wurden sie als Kopfbahnhöfe angelegt, die nahe der Stadtmauer stehen. Der Anhalter jedoch, aus dem die Züge Richtung Süden ankamen und losfuhren, war eine Besonderheit, hier hatte der Kaiser sogar eigene Räume. Zusammen mit seinem Reichskanzler Bismarck erschien Wilhelm I. denn auch zur Eröffnung am 15. Juni 1880. Dabei hatte Bismarck überhaupt kein gutes Verhältnis zur Eisenbahn, er meinte, sie wäre nur dem Verkehr im Wege. Doch die riesige Halle des “Berlin-Anhaltischen Eisenbahnhofs” mit 34 Metern Höhe und einer Spannbreite von 62 Metern beeindruckte auch ihn.
Anhalter Bahnhof, das hieß eine direkte Verbindung nach Dresden, von wo aus es weiterging nach Wien, Rom und Athen, es waren sechs Bahnsteige in die weite Welt. Später ging es von hier aus sogar direkt bis nach Neapel. Und die Welt kam auch hier an. Neun Jahre nach der Eröffnung entstieg der italienische König Umberto seinem extra für diese Reise gebauten Luxuszug, der sieben Salonwagen hatte. Umberto wurde von Wilhelm II. persönlich erwartet. 1913 folgte der russische Zar Nikolaus, fünf Jahre später holten hier 20.000 Menschen Karl Liebknecht von Zug ab.

55 Jahre nach seiner Inbetriebnahme war jedoch das Ende des Bahnhofs beschlossene Sache: Adolf Hitlers Pläne für eine neue “Reichshauptstadt Germania” sahen an dieser Stelle eine Badeanstalt vor, die Bahnhöfe sollten aus der Innenstadt verschwinden. Dass der Bahnhof dann zehn Jahre später tatsächlich zerstört wurde, war ebenfalls Hitlers Verdienst, wenn auch auf andere Weise. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges gab es schwere Schäden, vor allem die verheerenden Luftangriffe am 3. Februar 1945 vernichteten große Teile des Komplexes, alle dazu gehörenden Gebäude brannten aus oder wurden gesprengt. Die Menschen flüchteten in den unterirdische S-Bahnhof. Als die Rote Armee bereits in Berlin stand, wurde der Nord-Süd-Tunnel am Landwehrkanal mutmaßlich von der SS gesprengt. Gerüchten nach sollen dabei tausende Menschen im Tunnel ertrunken sein, Augenzeugen berichteten jedoch, dass das Wasser nur langsam stieg und fast alle fliehen konnten.

Etwa ein Jahr nach Kriegsende wurde der Anhalter Bahnhof wieder provisorisch in Betrieb genommen. Die Gebäude waren zerstört, das Dach verschwunden, die Bahnsteige notdürftig geflickt, aber die Schienen erneuert. Das langsame Sterben des Bahnhofs ging jedoch weiter. Durch die besondere Lage der nun geteilten Stadt mussten alle Züge die nach Berlin wollten durch die von den Sowjets besetzte Zone. Im Mai 1952 verlangte die DDR-Regierung, dass sämtiche Personenzüge nach Westberlin zuerst den Ostbahnhof anfahren müssten. Das war das Aus für den Anhalter Bahnhof. Der notdürftig geflickte Bahnhof war nun nutzlos geworden. Trotz massiver Proteste aus der Bevölkerung ließ der Senat das Gebäude 1960 sprengen, nur ein Teil des Portals blieb stehen. Ganz oben sieht man noch heute die Allegorien für den Tag und die Nacht, dazwischen Loch, in dem einst eine große elektrische Uhr hing – Symbole dafür, dass im Anhalter Bahnhof immer Betrieb war.




Jung und schwul in den 70ern

Schwule in Berlin, das ist heute nichts besonderes mehr. Wir hatten einen offen homosexuell lebenden Bürgermeister, jedes Jahr Hunderttausende geschminkt und gestylt auf dem Christopher-Street-Day, Regenbogenfahne vor dem Rathaus – all das ist normal und regt nur noch politische oder religiösen Fundamentalisten auf, und ein paar Unbelehrbare. Doch noch vor nicht allzu langer Zeit war das ganz anders, da war Schwulsein dasselbe wie “abartig” oder “kriminell” und wurde entsprechend behandelt.
Mein erster bewusster Kontakt mit einem schwulen Mann war Anfang der 70er Jahre. Im Kreuzberger Prinzenbad drückte sich einer in den Ecken herum, den die anderen Jungs Camillo nannten. Ich fand ihn interessant und abstoßend zugleich, obwohl ich ihn nie näher kennen lernte. Das Mysterium Camillo war spannend, wahrscheinlich war ich noch zu jung, um ein anderes Interesse zu entwickeln. Das änderte sich ein paar Jahre später.
Mit 14 Jahren hatte ich einen Schulfreund, Ralf, mit dem ich jeden Nachmittag verbrachte. Irgendwann merkte ich, dass er mir nicht nur als guter Freund gefiel, sondern dass er auch meine gerade aufkeimende Sexualität anregte. Wieder spielte das Prinzenbad eine wichtige Rolle, hier konnte ich ihn beim Umziehen auch mal nackt sehen. Den Anblick nahm ich danach mit nach Hause ins Bett. Es war aber unvorstellbar, ihn irgendwie anzumachen und zu zeigen, wie attraktiv ich ihn fand. Zumal er auch als erster in der Klasse  eine Freundin hatte, die er später sogar heiratete.

Natürlich war mir früh klar, dass meine Gefühle nicht “normal” waren und dass ich sie lieber geheim hielt. Einmal nur habe ich es anders gemacht, als ich einem Mitschüler beim Duschen zu lange angeschaut habe und prompt eine Erektion bekam. Noch am selben Tag wusste es die ganze Klasse und ich war das Gespött aller Mitschüler. Da aber auch andere Jungs in diesem Alter schnell einen Ständer bekommen, war der Vorfall bald wieder vergessen, ich aber hatte meine Lektion gelernt.

Ich musste einen Weg finden, um meine neue Sexualität irgendwie ausleben zu können. Es war ja bekannt, dass sich in Schwimmbädern und auf öffentlichen Toiletten Männer rumtreiben, die Sex mit anderen suchen. Doch auch das ging daneben, entweder fand ich niemanden oder er wollte mich nicht. Die Erlösung kam dann ganz zufällig. Bei der Party eines Schulfreunds sprach mich ein Junge an, den ganzen Abend hingen wir zusammen. Ich war so naiv, dass ich all seine Bemerkungen und “zufälligen” Berührungen nicht richtig deutete. Erst als wir nachts alleine waren und er sich nackt auszog, begriff ich es endlich. Für mich war die Nacht eine Sensation, aber Ingo gab sich danach total cool und desinteressiert, ich war völlig verwirrt. Während ich mich schon auf die große Liebe freute, verschwand er wieder aus meinem Leben. Das war zwar frustrierend, aber andererseits war ich mir jetzt sicher, dass ich schwul bin.

Der nächste Mann war dann einer meiner Lehrer, in mancherlei Hinsicht. Ich bin ihm bis heute dankbar für viele Dinge, die er mir fürs Leben beigebracht hat. Natürlich wusste ich, dass der Sex mit ihm verboten war, aber in seiner Wohngemeinschaft lernte ich auch, dass man manchmal Dinge einfach tun muss, wenn man es richtig findet, auch wenn sie nicht erlaubt sind.

Erst gegen Ende der 70er Jahre sah man auf der Straße manchmal Schwule, die sich betont auffällig gaben, tuntig oder ganz in Leder oder mit extrem kurzen und engen Hosen. Für mich war das sehr aufregend, zumal ich beschlossen hatte, meine Homosexualität nicht mehr zu verstecken. Andererseits wollte ich nicht in Rosa oder Leder rumlaufen, ich wusste aber nicht, ob man sich als “richtiger Schwuler” nicht doch entsprechend stylen muss. Es war mir nicht bewusst, dass fast alle Schwulen ganz normal aussahen, also wählte ich die Minimallösung: Ich lackierte mir einen Fingernagel und trug ab sofort einen Ohrring.
Schon nach wenigen Tagen wurde ich deswegen von zwei jungen Männern verprügelt, das kam dann in den folgenden Jahren und Jahrzehnten immer wieder mal vor. Aber es schreckte mich nicht ab, sondern weckte den Trotzkopf in mir. Ab sofort wollte ich dazu stehen wie ich bin und was ich eh nicht ändern konnte. Wenn die anderen ein Problem damit haben, sollten sie es doch mit sich selbst ausmachen und ihre Verklemmtheit nicht an mir abreagieren. Das war natürlich ein weitreichender Entschluss und hat mir immer wieder mal Ärger eingebracht, von blauen Augen bis zu ausgeschlagenen Zähnen. Aber das war es wert, besser als mich auf ewig zu verstecken. Zu oft habe ich seitdem Klemmschwestern kennengelernt, also Schwule, die ihre Sexualität verleugnen, die teilweise sogar zur Tarnung eine Frau geheiratet haben, um bloß nicht in Verdacht zu geraten. So wollte ich niemals werden. Ich habe meine Entscheidung nie bereut und gegen die Schläger habe ich Kampfsportunterricht genommen und einige Male erfolgreich angewandt.

Spätestens Anfang der 1980er wurde es dann auch leichter. Mit der Hausbesetzerbewegung entstand eine breite alternative Szene, in der Homosexualität akzeptiert war. Damals habe ich gelernt: Ein selbstverständliches und offensives Umgehen mit der eigenen Identität ist der beste Schutz gegen Diskriminierung.

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Hallesches Tor

Das Hallesche Tor ist für die meisten heute nur ein Umsteigebahnhof zwischen zwei U-Bahnlinien. Dabei war dieser Ort zwei Jahrhunderte lang einer der wichtigsten Berlins.
September 1743: Ein 14-jähriger Junge kommt nach langem Fußmarsch aus Dessau endlich in Berlin an. Nein, er kommt an die Stadtmauer, die Berlin umschließt. Es ist bereits die zweite Stadtmauer, eine etwa vier Meter hohe Pallisade, innerhalb der sich nicht nur die Stadt Berlin befindet, sondern in der östlichen Hälfte auch noch Ländereien. Die Mauer wurde erst wenige Jahre vorher fertiggestellt, 1735, vorher gab es die Bastionen.
17 Tore hat diese Stadtmauer. Benannt sind sie fast alle nach dem Ort, den man erreicht, wenn man durch dieses Tor Berlin verlässt und immer dem Weg folgt. Noch heute sind die Namen von einigen dieser Tore allgemein bekannt, z.B. Schlesisches Tor, Kottbusser Tor und Hallesches Tor. Andere Tor-Namen leben als Plätze weiter, wie der Potsdamer oder der Rosenthaler Platz.
Der 14-Jährige kam aus Dessau in Sachsen-Anhalt, über die Straße, die von Berlin nach Halle führt. Also erreichte er die Stadt am Halleschen Tor, jedoch durfte er sie hier nicht betreten. Denn er war Jude und deshalb war nur ein einziges Tor für ihn passierbar: Das Rosenthaler Tor auf der anderen Seite Berlins. So musste Moses Mendelssohn – so hieß der Junge – einen weiten Weg gehen, um endlich ein Tor zu finden, bei dem er eine Chance zum Eintritt hatte. Zwar hat es auch dort nur mit einer List geklappt, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Hallesche Tor war schon zu dieser Zeit ein verkehrsreicher Ort. Einige Jahre zuvor war an seiner Innenseite ein Platz angelegt wurden, das sogenannte Rondell, nach dem Vorbild des Piazza del Popolo in Rom. Seine Gegenstücke waren das Achteck (Leipziger Platz) und das Quadrat (Pariser Platz). Auf das Rondell führten innerhalb Berlins drei Straßen zu, die Wilhelm-, Friedrich- und Lindenstraße, alle Straßennamen existieren noch heute. 23 Häuser standen anfangs auf dem Platz, dazwischen war ein Markt. 1815 erhielt der Platz den Namen Belle Alliance, 1843 dazu noch eine 19 Meter hohe “Friedenssäule” mit einer bronzenen Viktoria des Bildhauers Christian Daniel Rauch. Im Jahre 1947 wurde der Platz in Mehringplatz umbenannt.
Das Hallesche Tor entwickelte sich aber auch außerhalb, zumal einige Meter weiter der Landwehrgraben vorbeiführte, der später zum Kanal ausgebaut wurde, einer der wichtigen Verkehrsadern dieser Zeit. Dahinter befand sich seit 1815 der Platz am Halleschen Tor (seit 1884 Blücherplatz).
Als die Stadtmauer um 1867 abgerissen wurde, war das Hallesche Tor schon zu beiden Seiten eng bebaut. Bereits seit 1850 gab es eine Klappbrücke über den Kanal, doch diese war mittlerweile völlig unzureichend. An ihrer Stelle entstand 1876 eine neue Überquerung des Landwehrkanals, mit 33 Metern die breiteste Brücke der Stadt. An ihrer Südseite wuchs die Tempelhofer Vorstand als bürgerliches Wohnviertel heran. Auf dem Bauwerk wurde eine Figurengruppe aus Marmor errichtet, die die Fischerei, die Schifffahrt, den Handel und den Gewerbefleiß symbolisieren. Im Krieg wurden zwei dieser Figuren zerstört. Die beiden anderen überlebten, weil sie zwischenzeitlich einen anderen Standort bekommen hatten, um dem Hochbahnbau Platz zu machen. Heute stehen sie wieder auf der Brücke. Vor allem der Hochbahnhof mit seinen markanten Treppenaufgängen geben dem Ort heute ein besonderes Bild. Der südliche Aufgang befindet sich sogar über dem Wasser des Kanals.
Ende des 19. Jahrhunderts explodierte der Verkehr, allein neun Pferdebahnlinien und eine Pferdeomnibuslinie kreuzten die beiden Plätze. 1896 war das Hallesche Tor nach dem Potsdamer Platz der verkehrsreichste Ort Berlins. Am 19. November 1905 begann hier auch der Linienverkehr mit motorisierten Omnibussen. Einen optischen Einschnitt erlebte das Hallesche Tor aber schon drei Jahre vorher, als die Hochbahnstrecke vom Stralauer Tor zum Potsdamer Platz gebaut wurde. Die Bahn wurde hier auf Stelzen teilweise über dem Landwehrkanal errichtet, um Platz zu sparen. Immerhin führten neun Straßen auf die beiden Plätze nördlich und südlich des ehemaligen Tores.
Am Vormittag des 3. Februars 1945 kam für den Belle-Alliance-Platz, das Hallesche Tor und den Blücherplatz das Aus: Das amerikanische Flächenbombardement ließ kaum ein Gebäude übrig. Zwar wurden die Häuser im Belle-Alliance-Platz nochmal provisorisch hergerichtet, aber das war nur für ein paar Jahre. In den 60er und 70er Jahren verwandelte die Gegend ihr Gesicht grundlegend, vier der hier ankommenden Straßen biegen seitdem vor dem Halleschen Tor in eine andere Richtung ab. Das ehemalige Rondell wurde wieder rund bebaut, diesmal aber eingebettet in eine große Fußgängerzone. Wilhelm- und Lindenstraße wurden vor dem Platz zum Landwehrkanal umgebogen, die Friedrichstraße endet seitdem am Mehringplatz.
Groß waren auch die Veränderungen am Blücherplatz: Die Belle-Alliance-Straße, 1947 zu Mehringdamm umbenannt, erhielt ebenfalls einen Knick und verläuft seitdem westlich des letzten noch bestehenden Wohnblocks. Die einstige Blücherstraße endet nun nicht mehr auf dem gleichnamigen Platz, sondern wurde quer über den alten Jerusalems-Friedhof gelegt und geht nun in die Obentrautstraße über. Vom Ufer her kann man den Platz nicht mehr befahren, dort gibt es nur noch eine Stichstraße, die zur Amerika Gedenkbibliothek führt. Und auch die Brücke ist dem Individualverkehr verwehrt. Hier befindet sich die Endhaltestelle einer Buslinie.
Das Hallesche Tor ist zwar immer noch ein Knotenpunkt, allerdings nur als Umsteigebahnhof der U-Bahn. Dass die einmal einer der verkehrsreichsten Orte Berlins war, ist nicht mehr vorstellbar.




Ein Schultag mit Folgen

Mitte der Siebziger Jahre wehte ein besonderer Wind durch die Schulen West-Berlins. Die 68er-Revolte hatten wir höchstens als Kinder am Fernsehen verfolgt, “die Studenten” wurden uns als Feindbilder präsentiert. Mein Vater, ein Beamter, tat seinen Teil dazu, um uns Kindern diese Sichtweise einzutrichtern. Mir blieben vor allem die langen Haare der Revoltierenden im Gedächtnis und das Gefühl von Faszination.
Nur wenige Jahre später wuchsen die Haare auch an vielen Jungen-Köpfen. Sie gehörten jetzt dazu, die Ohren verdeckt, das Gemecker der Alten ließ nicht lange auf sich warten. Die Studenten waren weiterhin eine Generation vor uns, wir hatten mit ihnen nicht viel gemein. Die ersten von ihnen wurden nun unsere Lehrer und sie gaben sich wirklich Mühe. Während die alten uns im Erdkunde-Unterricht Flüsse und Bodenschätze pauken ließen, übersetzten die jungen Lehrer mit uns im Englisch-Unterricht die Texte der Beatles und der Rolling Stones. Die Tische der Schüler wurden umgestellt, zu kleinen “Inseln” gruppiert, nicht mehr nur mit dem Blick geradeaus.
Man erhielt immer noch eine Eintragung ins Klassenbuch, wenn man mal wieder den Unterricht geschwänzt hatte, der Unterschied war aber, dass sich der Lehrer für die Gründe des Wegbleibens interessierte. Aber bei unserem Klassenbewusstsein (Schüler gegen Lehrer) hatte er keine Chance.

Eines Tages erzählte unser Klassenlehrer, dass ein anderer sehr beliebter Kollege von ihm aus der Schule entlassen wurde. Ich kannte ihn nur flüchtig, weil er mal eine Vertretungsstunde bei uns hatte. Aber er war wirklich sympathisch. Vollbart, lange Haare und immer freundlich. Und anscheinend Kommunist, das war jedenfalls die Begründung für seinen Rauswurf. Natürlich wusste wir nicht, was das bedeutete, obwohl es bereits einige Schüler gab, die sich “schon aus politischen Gründen” sehr für ihn einsetzten. Sie verteilten auch manchmal Flugblätter, die wir dann ungelesen zu Papierfliegern verarbeiteten.
Die Entlassung des Lehrers zog allerdings weitere Kreise, als es sich das Schulamt vorher gedacht hatte. Eines Tages kam unser Klassenlehrer zu uns und berichtete, dass es morgen eine Demonstration gegen die Entlassung geben würde. Es sollte eine Schülerdemonstration sein und alle Hauptschulen aus Kreuzberg würden daran teilnehmen. Ein Schüler aus der Nachbarklasse saß neben ihm und fing dann an zu erzählen: Es ist geplant, dass die Schüler einen Sternmarsch machen, aus fünf Schulen zum Bezirksamt. Insgesamt waren nämlich Lehrer aus drei Hauptschulen betroffen und es waren überall die beliebtesten. Wir sollten uns während der ersten Hofpause am Tor versammeln. Die Schüler einer benachbarten Schule würden mit ihrem Demozug bei uns vorbeikommen und abholen, gemeinsam sollten wir dann zum Rathaus ziehen. Das hörte sich alles sehr aufregend an, auch wenn ich den Grund dafür nicht wirklich kapierte. Aber das war egal, immerhin winkten Spannung pur und einige Freistunden.

An den ersten beiden Stunden den nächstens Tages war an normalen Unterricht nicht zu denken. Alles redete durcheinander und unsere strenge Bio-Lehrerin gab sich irgendwann auch keine Mühe mehr. Mittendrin stand sie allerdings auf und sagte laut, dass wir uns keine Illusionen machen bräuchten: Wir dürften die Schule erst nach dem offiziellen Schluss verlassen, die Demo sei für uns gestorben. Natürlich haben wir das nicht ernst genommen.
Am Morgen waren auch wieder Flugblätter verteilt worden, diesmal wurden sie sogar gelesen. Alle wussten, dass etwas passieren würde und so fieberten wir der großen Pause entgegen.

Das erste was wir sahen, als wir auf den Hof hinaus kamen, waren die verschlossenen Tore. Die Schulleitung hatte die riesigen Gitter schließen lassen und mehrere Lehrer davor postiert. Drüberklettern war nicht. Mehrere hundert Schüler standen auf dem Hof herum, unschlüssig, wie es weitergehen sollte. Einige diskutierten mit den Lehrern am Tor und auch unser Klassenlehrer zeigte offen, dass er auf unserer Seite stand. Er schnauzte unseren alten Sportlehrer an: “Sie sind natürlich wieder in der ersten Reihe dabei. Wie früher!” Erst Jahre später habe ich kapiert, was er damit gemeint hat.
Als das Klingeln das Ende der Pause anzeigte, wuchs die Spannung. Natürlich wollten wir jetzt nicht brav in die Klassen gehen. Einige Streber liefen zwar ins Haus, aber sie waren dort allein. Der Rektor rannte aufgescheucht mit einigen Hiwis durch die Menge, schrie einzelne Schüler an, packte sie sogar am Arm. Sofort rief eine Schülerin um Hilfe, erschrocken ließ er sie wieder los. Eines war klar: Sie konnten uns zwar auf dem Hof einsperren, nicht aber in die Klassenräume zwingen. Jetzt erst recht nicht.
Plötzlich Polizeisirenen, Blaulicht auf der Straße, Mannschaftswagen vor dem Schultor. Wollten sie uns jetzt etwa ins Haus prügeln lassen? Viele Leute bekamen Angst. Mein Freund, der eigentlich immer sehr ängstlich war und deswegen von vielen gehänselt wurde, war auf einmal richtig mutig und schrie: “Ihr Arschlöcher”. Er zitterte zwar wie verrückt, aber es war klar, dass er diesmal nicht nachgeben würde. Mir, aber auch einigen anderen gab sein Verhalten den Mut weiterzumachen. Auch wenn wir nicht wussten, wie das enden sollte. Natürlich hatten wir alle Angst, verprügelt zu werden, die Bilder kannten wir ja aus dem Fernsehen. Aber diesmal hatten sie uns in einen kollektiven Trotz getrieben, wir wussten, dass ein Nachgeben für uns noch lange Auswirkungen haben würde.
Doch die Polizei war nicht nur wegen uns da. Sie war die Vorhut der Demo, die auf dem Weg zu unserer Schule war. Nach wenigen Minuten hörten wir die Sprechchöre. Die Polizisten stellten sich in einer Kette vor unserem Tor auf, so gut war der Schuleingang wohl noch nie bewacht: Innen Lehrer, außen behelmte Polizisten. Wir sahen die Menge vor dem Tor anwachsen und von draußen riefen sie: “Tor auf! Tor auf! Tor auf!” Natürlich stimmten wir sofort in den Sprechchor ein, hunderte pubertäre Rufe, sie mussten uns wohl Kilometer weit hören. Es war ein herrliches Gefühl der Stärke und des Zusammenhalts.

Von den Lehrern und den meisten Schülern unbemerkt hatten sich einige von uns in den hintersten Winkel des Schulhofs zurückgezogen. Dort standen die Mülltonnen und auch einiger Sperrmüll an einer Brandmauer. Plötzlich schrien Sie “Feuer!” und “Hilfe!” und rannten von hinten nach vorn auf das Tor zu. Die meisten von uns erkannten die List sofort, nur die Lehrer nicht. Sie gerieten sofort in Panik, zumal die Flammen und der Rauch schon gut zu sehen waren. Jetzt war das Löschen wichtiger, die armen Schüler mussten in Sicherheit gebracht werden. Innerhalb von Sekunden war das Tor auf, auch die Polizisten gingen sofort zu Seite, wir stürmten auf die Straße. Frei!

Die Demonstration zum Rathaus war natürlich auch sehr aufregend, zumal mehrere Schüler Spaß daran hatten, sich mit den Polizisten anzulegen. Einmal kam es kurz zu einer Prügelei, bei der sie sogar ihre Knüppel einsetzten. Trotzdem ging der Zug weiter und schließlich hielten wir eine Kundgebung vor dem Kreuzberger Rathaus ab. Damit war die Aktion beendet.
Ob die Demonstration gegen die Entlassungen erfolgreich war, weiß ich nicht mehr. Für mich aber, und auch für viele meiner Mitschüler, hatte dieser Tag mehr bewirkt, es war der Anfang einer Politisierung. Zwar wurden aus den Flugblättern auch weiterhin Flieger gebaut – ab diesem Tag wurden sie jedoch vorher gelesen.

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Der Landwehrkanal

Mit dem Spottlied “Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal” wurde die ermordete Rosa Luxemburg nach ihrem Tode noch posthum verhöhnt. Leider ist dies das einzige Lied, in dem das größte Bauwerk Berlins vorkommt.
Als der Kanal am 2. September 2000 sein 150-jähriges Jubiläum hatte, kam niemand auf die Idee, dies zu würdigen. Aber das steht in alter Tradition: Schon seine Einweihung war der Presse 1850 nur wenige Zeilen wert. Die Berliner nahmen ihn im Prinzip nicht wahr, zumal er damals noch außerhalb der Stadtmauern lag…
Ausschlaggebend für den Bau des Kanals waren die unzureichenden Kapazitäten der Spree-Schleuse am Mühlendamm (heute im Bezirk Mitte). Die Schiffe mussten schließlich wochenlang warten, bis sie die Schleuse passieren konnten, die damals schon mitten in der Stadt lag. Sie war zu eng, die Schleusenkammern zu kurz, der Ansturm zu groß.

Es ist nicht bekannt, wann der sogenannte Landwehrgraben angelegt wurde, der direkt nördlich der Stadtmauer zwischen dem Schlesischen und Halleschen Tor verlief. Wenn die Spree Hochwasser führte, diente der Graben zu ihrer Entlastung. Ab 1705 gab es auch Holztransporte über den Landwehrgraben. Doch erst über hundert Jahre später wurde die Situation an der Schleuse so untragbar, dass die Idee zum Bau einer Ausweichmöglichkeit aufkam. Schiffen, die die Stadt nicht anlaufen sondern nur durchqueren wollten, sollten so um die Mauern herum geführt werden und die Spree in Berlin entlasten.
1818 stellte der Ober-Mühleninspektor Schwahn einen Plan zum Bau des Umgehungskanals auf. Er sollte elf Meter breit und selbst bei niedrigstem Oberwasserspiegel noch mindestens 1,30 m tief sein. Nachdem bereits alle Vorbereitungen getroffen waren, ließ der König den Bau jedoch 1820 aus Kostengründen stoppen.

Erst 1840 erhielt Peter Joseph Lenné den Auftrag zur Bebauung des Köpenicker Feldes. Sein Konzept enthielt als Hauptpunkt die Anlegung eines schiffbaren Wasserweges, der an der Spree an der jetzigen Schillingbrücke begann. Von hier aus wurde der Luisenstädtische Kanal über den heutigen Engeldamm, Oranienplatz, Erkelenzdamm zum späteren Urbanhafen geführt. Parallel dazu trieb Lenné die Entwicklung der alten Idee einer Spree-Umfahrung voran.

Die Bürokratie mahlt oft langsam, in diesem Fall besonders. Als 1845 der Bau des Landwehrkanals begann, war an manchen Stellen noch nicht mal seine genaue Trassenführung entschieden. Die endgültige Linienführung beschrieb der Bauleiter des Kanals, Ingenieur Helfft:
“Der ungefähr 1 3/8 Meilen [10,4 km] lange Landwehrkanal tritt oberhalb des Schlesischen Thores, nicht weit von der ehemaligen Mündung des Landwehrgrabens, aus der Spree, durchschneidet alsdann die Chaussée nach Treptow, entfernt sich, die sogenannten Berliner Wiesen durchschneidend und bei seiner Wendung beinahe einen rechten Winkel bildend, von der Stadt, kommt derselben bei Durchschneidung des Rixdorfer Dammes wieder näher, erreicht die Stadtmauer am Halleschen Thore, durchschneidet ferner die Militairstraße [Wilhelmstraße], die Berlin-Anhalter Eisenbahn, die Schöneberger Straße, die Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn und die Potsdamer Straße, läuft die Grabenstraße entlang, wendet sich dann nach dem ehemaligen Fasanen-Gehege nach Charlottenburg und mündet endlich oberhalb Lietzow, bei dem neuen königlichen Salzmagazine, in die Spree aus.”

An der Stelle des heutigen Urban-Krankenhauses stieß der Luisenstädtische Kanal in den Landwehrkanal, hier wurde der Urbanhafen angelegt, der die gesamte Fläche des heutigen großen Parkplatzes, einen Teil des Krankenhaus-Neubaus sowie gegenüber einen Teil des Böcklerparks einnahm. Der Luisenstädtische Kanals durchbrach zwischen dem Kottbusser und dem Halleschen Tor die Stadtmauer, worauf heute noch der Name Wassertorplatz hinweist. Mitten in die Bauarbeiten platzte die Revolution von 1848, die auch die 5.000 Arbeiter am Luisenstädtischen Kanal erfasste. Elf von ihnen starben im Oktober 1848 am Engelbecken.

Durch die Schleusentore am Anfang und Ende des Landwehrkanals konnte eine konstanter Wassertiefe gehalten werden, unabhängig vom tatsächlichen Wasserstand der Spree. So wurde gewährleistet, dass die Tiefe nie unter 1,50 m sank. Die Breite betrug an der Wasseroberfläche etwa 20 Meter. Allerdings maß die Sohle nur zehn Meter, die Ufer stiegen damals schräg an, so dass die Schiffe nicht direkt am Rand halten konnten.
Dass der Platz nicht reichte, wurde nach dem Abriss der Stadtmauer und der schnellen Ausbreitung der Stadt deutlich. Zahlreiche zum Entladen angelegte Schiffe blockierten den Kanal. Bei den Begegnungen und Überholmanövern in der schmalen freibleibenden Rinne wurde die Uferbefestigung an zahlreichen Stellen beschädigt, wodurch Sand durchbrach und den Kanal dort unpassierbar machte. 1880 erließ die Stadt daher die Order, dass der gesamte Kanal periodisch stets nur in eine Richtung befahren werden durfte.

Um die Situation zu entspannen sollte nur etwa 300 Meter südlich ein weiterer Umgehungskanal gebaut werden. Allerdings fiel die Entscheidung aus finanziellen Gründen dann zugunsten eines Ausbaus des Landwehrkanals. Natürlich dauerte die Realisierung wieder viele Jahre, erst 1941 (!) war die Erweiterung des Landwehrkanals abgeschlossen. Das Profil war statt trapez- nun kastenförmig, wodurch eine nutzbare Breite von 22 Metern entstand, die Anlegung von Steilufern und Ladestraßen gaben den Schiffen die Möglichkeit, zur Entladung anzulegen, ohne den Durchgangsverkehr zu behindern. Auch der Wasserstand wurde verändert, der nun mindestens 1,75 Meter und in der Kanalmitte 2 m betrug.

In der Folgezeit erhielt der Landwehrkanals aufgrund des Krieges eine besondere Bedeutung, vor allem zur Schuttabfuhr. Doch die zunehmende Motorisierung auf der Straße sowie schließlich die Teilung der Stadt machten ihn seit den 60-er Jahren fast überflüssig. Heute wird er fast nur noch von Ausflugsdampfern genutzt.

Ein noch schlimmeres Schicksal erlitt der Luisenstädtische Kanal, nach der Bebauung des Köpenicker Feldes wurde er kaum noch befahren. Im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wurde der Kanal 1926/27 zugeschüttet und stattdessen ein breiter Grünzug angelegt, der ab 1961 teilweise als Grenzstreifen diente. An einer Stelle aber hat er noch ein deutliches Zeichen hinterlassen: Die Waldemarstraße überquert den ehemaligen Kanal noch immer über eine (während der Mauerzeit zugemauerte) Brücke!




Der erste 1. Mai in Kreuzberg

1987 gab es in Kreuzberg die bis dahin stärksten Straßenkrawalle zum 1. Mai. Damals wurde die “Tradition” der Maikrawalle begründet. In einem Romanentwurf habe ich meine Erlebnisse von damals festgehalten, die Namen wurden jedoch geändert. Aufmerksame Leser kennen den Text bereits.

Der 1. Mai war ein warmer Tag. Am frühen Nachmittag gingen wir zum Lausitzer Platz, wo gerade das Straßenfest begonnen hatte. Schon seit ein paar Jahren wurde an diesem Tag im Kiez gefeiert. Auf einer Bühne spielten Bands, Artisten traten auf, einige Läden aus der Gegend bauten Stände auf und verkauften Bücher, Schmuck und Klamotten. Politische Initiativen verteilten ihr Infomaterial und viele einzelne Leute oder Besetzerkollektive boten Kaffee, Saft und selbst gebackenen Kuchen an. Dazwischen gab es Spiele für Kinder, überall hörte man Musik, es war eine fröhliche Stimmung. Diesmal aber, 1987, war etwas anders. Es gab Diskussionen, überall standen Gruppen von Leuten, die laut miteinander redeten. Ich erfuhr, dass in der Nacht zuvor der Mehringhof von der Polizei durchsucht worden war. Dieses Zentrum der radikalen Linken in Berlin war ein Symbol, die Razzia bedeutete ein Schlag gegen die Szene. Opfer der Durchsuchung war das VoBo-Büro, wo die Aktionen gegen die von der Bundesregierung geplante Volkszählung koordiniert wurden. Es war klar, dass es dagegen noch Protest geben würde, aber ich wollte jetzt erstmal nur feiern.

Tobi aber war ziemlich sauer. Und beunruhigt. »Meinste, dass es heute noch knallt? Das kann man doch nicht einfach so hinnehmen.«
»Klar, da kommt heute noch was, aber jetzt will ich erstmal was zum Futtern und ‘n bisschen rumkucken.«
»Tach Mädels, wie geht’s?« Marko war ein richtiger Autonomer, immer zu einer Provo bereit, die Hasskappe in der Tasche.
»Habt ihr Lust auf ein bisschen Action? Wir treffen uns gleich am Görli, vielleicht finden wir was zum Aufräumen.«, grinste er.
Aufräumen – das bedeutete das genaue Gegenteil, Krawall, mit oder ohne Anlass. Hauptsache es knallt. Ich bin jemand, der darauf auch manchmal Lust hat, in den vergangenen Jahren habe ich an fast allen Straßenschlachten teilgenommen. Diesmal aber wollte ich nicht so recht, jedenfalls nicht jetzt schon, am späten Nachmittag.

Noch während wir neben der Kirche am Lausitzer Platz standen, hörten wir Geschrei am Görlitzer Bahnhof. Von uns aus konnten wir aber nichts sehen, außer einem einzelnen Baulicht. Tobi nahm mich an die Hand und so wäre ich mit ihm überall hingegangen. Er wollte aber auch erstmal nur auf dem Fest bleiben.
Auch die Kirchengemeinde hatte einen Stand aufgebaut und verkaufte dort Kekse und Saft. Nicht teuer, aber trotzdem zu viel für mich. In dieser Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten, nett oder böse sein. Also entweder diskutieren oder einfach zugreifen und abhauen. Beides macht auf unterschiedliche Art Spaß, aber weil Christen ja gerne reden, versuchte ich sie meinerseits zuzutexten. Von wegen, dass Jesus ja auch das Brot gebrochen habe und nicht extra Geld dafür verlangte.
»Gebt dem armen Jungen doch was zum Essen, er wird sonst vor Hunger noch bewusstlos, direkt vor eurem Stand!« Tobi gab sich wirklich Mühe.
»Dafür würde er euch bestimmt auch die Füße waschen.«
Ich dachte, ich höre nicht richtig.
»Bist du bekloppt? Wieso denn Füße waschen?«
»Du solltest öfter mal in der Bibel lesen. Da steht das drin!«
Natürlich hatte auch Tobi kein bisschen Ahnung vom Neuen Testament, wahrscheinlich hatte der die Story nur beim Kommunionsunterricht aufgeschnappt.  Aber ob man damit Christen beeindrucken kann?
»Du siehst eigentlich nicht so aus, als ob du nach der Bibel leben würdest«, entgegnete die Hippiefrau schnippisch, aber da war sie bei uns an der richtigen Adresse!
»Wie bitte? Schon als Kind habe ich täglich den Herrn angerufen…«
»…und um Vergebung gefleht für meine Sünden!«
»Genau. Und wie oft habe ich meinen Mitmenschen in schweren Stunden beigestanden!«
»Stimmt. Er hat Trost gespendet und sein letztes Hemd hat er gegeben!«
»Alles im Namen der Barmherzigkeit und des Glaubens.«
»Amen!«
Tobi und ich ergänzten uns hervorragend und wir waren erfolgreich: »Na gut, ihr habt mich überzeugt…«
Wir beide grinsten uns an.
»… dass ihr gute Schauspieler seid. Das soll belohnt werden.«
Sie goss jedem von uns einen Becher Saft ein und reichte uns zwei Stück Kuchen.

In diesem Moment rannten uns mehrere Kinder um, die Saftbecher flogen auf den Verkaufsstand, wir selber konnten uns gerade noch festhalten. Eben noch überall Musik und Lachen, auf einmal nur noch Geschrei. Innerhalb einer Sekunde war die Stimmung gekippt, die Panik der Kinder griff auch auf die Erwachsenen über. Die Wege zwischen den kleinen Ständen waren viel zu eng für die Masse an Menschen, die plötzlich dort durch rannten. Alles was im Weg stand, wurde zur Seite gedrückt, die vielen Tapeziertische mit Spielzeug und Selbstgebackenem zerbrachen, durch die berstenden Saftflaschen wurde es sofort sehr rutschig. In ihrer Panik fielen die Leute hin, andere rannten darüber hinweg.

Im Gegensatz zu den meisten anderen wusste ich, dass unkontrolliertes Wegrennen meist keinen Sinn hat. Man nimmt seine Umgebung nicht mehr wahr, läuft vielleicht noch in die falsche Richtung. Bei den vielen Demonstrationen habe ich gelernt, ruhig zu bleiben, die Situation zu überblicken und erst dann zu reagieren. Nun aber sah ich die Kette der weißen Polizeihelme auf uns zu rennen, ihre Knüppel schlugen in alle Richtungen. Während die ersten nur noch ein paar Meter entfernt waren, blieb der größte Teil von ihnen stehen. Dort prügelten sie auf mehrere Leute ein, die am Boden lagen und sich, so gut es ging, mit ihren Armen vor den Schlägen schützten. Sie schrien um Hilfe. Wir standen direkt neben einem Gebüsch, und anstatt mit mir abzuhauen, bückte sich Tobi, holte sich einen Stein aus den Büschen und warf ihn aus der Drehung dem vordersten Bullen direkt an den Helm. Sofort rasten wir los, den anderen Flüchtenden hinterher. Nach ein paar Metern kamen wir an einem Kinderwagen vorbei, offenbar war die Mutter mit ihrem Baby schon weggerannt. Im Laufen zog ich den Wagen hinter uns her und warf ihn um. Wie erhofft stolperte der Prügelbulle, allerdings ohne richtig hinzufallen. Ein anderer sprang darüber hinweg und verfolgte uns weiter. Anscheinend wurde er aber zurückgepfiffen. Er drehte um und dann liefen sie zu ihrer Einheit zurück.

Damit war es aber noch nicht vorbei. Von hinten wurden nun Tränengasgranaten geschossen, und zwar großflächig auf den gesamten Platz. Während sich die Schläger zurückzogen, knallten von dahinter die Gewehre, die innerhalb einer Minute mindestens 20 Gaskartuschen abfeuerten. Der gesamte Lausitzer Platz, der kleine Park, der Spielplatz und die Kirche verschwanden in den Tränengasschwaden. Während des Angriffs waren viele Kinder in die Büsche geflüchtet, schreiend kamen sie nun raus und rieben sich die brennenden Augen. Eine Frau kam mit einer Seltersflasche angerannt und spülte mehreren Mädchen die Augen aus, alle nicht älter als neun oder zehn Jahre.
Manche hatten den Fehler begangen hatte, sich in Hauseingänge zu flüchten. Das hat die Polizei beobachtet. Ein Trupp stieß vor, riss die Türen auf und schoss ebenfalls Gas in die Hausflure. Natürlich strömt es dort auch in die Wohnungen, aber das war ihnen wohl egal. Für sie waren die Kreuzberger eh alles potenzielle Terroristen, da ist es nicht schade drum, wenn deren Wohnungen mit Tränengas verseucht wurden.

Auch Tobi und ich hatten die volle Ladung abbekommen und so brannten uns die Augen wie verrückt. Man musste sie möglichst zu lassen, was beim Wegrennen aber nachvollziehbare Probleme macht. Ich hatte Kontaktlinsen, die die Augen einige Minuten vor dem Gas schützen. So konnte ich uns beide in ein türkisches Café retten, in dem wir uns erstmal die Augen ausspülen konnten.

»Das mit dem Stein war nicht gerade die Idee des Jahrhunderts«, sagte ich zu meinem Freund.
»Wieso? Kloppe hätten wir doch sowieso bekommen. Außerdem hatte ich zum Nachdenken keine Zeit, wie du vielleicht bemerkt hast.«
Zwischen uns war plötzlich eine aggressive Stimmung.
»Kein Grund gleich auszuflippen, man! Was sollte ich denn machen? Stehen bleiben und mich zusammenschlagen lassen?«
Er hatte ja recht, wahrscheinlich hätte ich selber auch geworfen, wenn ich gerade ‘nen Stein oder eine Flasche in der Hand gehabt hätte.
»Haste gehört, wie das gescheppert hat?« Wir lachten beide los.
»Kein Wunder, Hohlköpfe sind ein prima Resonanzkörper. Das ist wie bei ‘ner Glocke.«
»Gong. Gong«. Ich konnte mich plötzlich vor Lachen kaum noch halten.
»Schade, dass er sich nicht richtig auf’s Maul gelegt hat.«

»Und wie geht’s jetzt weiter?«, fragte Tobi.
»Na, was glaubst du denn? Nach der Aktion knallt es doch wie noch nie.«
Ich sollte recht behalten. Innerhalb einer Stunde entwickelte sich eine Straßenschlacht, wie es sie in Berlin wohl seit 1945 nicht mehr gegeben hat. Hunderte von Menschen griffen die Polizei an, mit Steinen und Knüppeln gingen sie auf sie los.

Wir trieben sie in ihre Mannschaftswagen, nach der Zerschlagung des Festes war die Stimmung unter den Leuten voller Hass. Immer weiter jagten wir die Bullen vor uns her. Manche von denen rannten den bereits flüchtenden Mannschaftswagen hinterher, schafften es gerade noch reinzuspringen. Dann flogen die ersten Mollies an die Wannen, zwei, drei Meter hoch schlugen die Flammen. Zwar wurden jetzt noch Wasserwerfer herangekarrt, aber es nutzte nichts mehr. Was nun folgte war Anarchie pur. Vom Lauseplatz bis zum Kottbusser Tor und dem Moritzplatz, überall wurden jetzt Barrikaden gebaut, eine Strecke von etwa einem Kilometer. Autos, die am Straßenrand geparkt waren, wurden quergestellt. Wir zogen Bauwagen auf die Straßen, warfen sie um und zündeten sie an. Aus allen Hinterhöfen und Baustellen wurde nun Material für den Barrikadenbau herangeschleppt. Mülltonnen, Holzbalken, Zementmischer, Gitter, alte Möbel, auseinander gerissene Baugerüste, Reklametafeln. Auf jeder Kreuzung bauten die Leute meterhohe Barrieren. Und das waren längst nicht nur wir Hausbesetzer, sondern viele andere Kreuzberger, die von der Polizei die Schnauze voll hatten. Viele Kinder und Jugendliche waren dabei, Studenten, Türken und Deutsche, Junge und Alte, Arme, Arbeiter, Angestellte, Alle. Es war ein wirklicher Volksaufstand. Während sich die Polizei immer weiter aus dem Kiez zurückzog, übernahmen wir die Kontrolle.

»An dieses Straßenfest werden wir noch lange denken!« Tobi war begeistert, überschwänglich, und während rings um uns weiter Barrikaden gebaut wurden, tanzte er auf der Straße. Nach dem Schreck von vorhin waren wir jetzt total ausgelassen. Plötzlich waren wir stark und die Bullen die Hasen.

Das Zentrum des Riots war die Oranienstraße. Am Kotti tobten noch Kämpfe, während der Kiez selber schon »befreit« war. Wie auch sonst meistens hatten Tobi und ich unsere Tücher um den Hals, das war Mode in der Szene, aber auch ganz praktisch. Notfalls konnte man es sich einfach vor’s Gesicht ziehen, um nicht so schnell erkannt zu werden. Auf diese Weise zogen wir unter dem Hochhaus durch, das die Adalbertstraße überspannt, zum Kottbusser Tor. Der Kreisverkehr mit dem Hochbahnhof in zehn Metern Höhe, war voller Menschen. Die wenigsten von denen waren vermummt, wahrscheinlich war auch kaum jemand vorher schon mal an einer solchen Schlacht beteiligt gewesen.

Der gesamte Platz war eingenebelt vom Qualm der brennenden Barrikaden, die in Richtung Wassertorplatz errichtet wurden. Es war ein merkwürdiges Bild: Während Hunderte von Menschen Material für die Barriere anschleppten, die immer höher wuchs, sah man von dahinter nur noch die Spritze eines Wasserwerfers. Er gab sein bestes, aber das Feuer konnte er nicht mehr löschen.
Von unserer Seite flogen Steine, der halbe Gehweg war bereits auf dem Luftweg in Richtung Polizei befördert worden. Die revanchierte sich mit Tränengasgranaten, die im Dutzend auf uns abgeschossen wurden.

Mitten in der allgemeinen euphorischen Stimmung wurde Tobi plötzlich ganz still.
»Was ist los, hast du Angst?«
»Na ja, meinst du nicht, dass die gleich richtig zurückschlagen?«
Bevor ich antworten konnte, gab es ein paar Meter neben uns ein großes Geschrei. Drei Zivilbullen hatten sich jemanden gegriffen und versuchten nun, ihn auf die andere Seite zu bringen. Das konnte nicht gutgehen, denn der Weg war längst versperrt. Die Zivis waren so sehr mit ihrer Verhaftung beschäftigt, dass sie die Falle gar nicht bemerkt hatten, in der sie längst saßen. Von allen Seiten schlugen und traten Leute auf die drei Polizisten ein, die sich jetzt mit Tonfas zu verteidigen suchten.
»Warum lassen die Idioten den Typen nicht laufen? Sie haben doch gar keine Chance!«

Ein paar Leute versuchten, den Festgenommenen zu befreien, sie zerrten an ihm, während andere auf die Bullen einschlugen. Plötzlich zogen zwei von denen ihre Pistolen und zielten auf die Angreifer. In diesem Moment wurde der dritte von einem Stein am Kopf getroffen und fiel blutend zu Boden. Nun konnte sich der verhaftete Junge befreien und rannte sofort weg. Zu dritt bahnten sich die Zivis einen Weg durch die Meute, immer die Waffen im Anschlag, die Todesangst war ihnen deutlich anzusehen. Einem wurde noch die Jacke vom Körper gerissen, dann waren sie verschwunden.

»Wollt ihr hier nur rum stehen und glotzen, oder was?« Der Typ, der uns angesprochen hat, hielt eine Holzkiste in der Hand, in der ein Dutzend Flaschen standen, alle mit einem Stück Stoff als Pfropfen. »Feuer habt ihr ja hoffentlich selber.«
Er reichte mir eine Flasche, aber ich nahm sie nicht an. »Was soll ich damit? Ich will die Bullen vertreiben, nicht umbringen.«
Der Typ lachte arrogant und fragte Tobi: »Bist du auch so ein Weichei? Dann geht doch nach Hause zu Mami.«
Tobi fühlte sich in seinem Stolz verletzt und griff nach der Brandflasche.

»Du weißt aber schon, dass man den nach dem Anzünden wegwerfen muss, ja?« Der Typ war ein Arschloch, das war nicht zu übersehen, Außerdem ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass er auch ein Provokateur sein könnte, der erst Leute zu Aktionen animiert, um sie später verhaften zu lassen. Ohne groß nachzudenken, nahm ich Tobi den Molly aus der Hand, zog den Stoff heraus und reichte dem Typ die Flasche. Dabei war ich wohl etwas zu schnell, so dass ein großer Schluck Sprit heraus spritzte – genau auf die Jacke des Typen.
»Pass doch auf, du Idiot!«, brüllte er, »das ist Benzin. Willst du mich abfackeln?«
Er wurde total jähzornig und hätte er nicht noch die Kiste mit den Mollys in der Hand gehabt, wäre er vielleicht auch auf mich losgegangen.
»Man, reg dich nicht so auf, Alter!« Plötzlich war auch Tobi sauer. Er schrie den Typen an, dass er sich verpissen solle. In der Zwischenzeit waren die Leute um uns herum aufmerksam geworden. Einige nahmen dem Typen Flaschen aus der Kiste, um sie selber zu benutzen. Mir aber blieb er suspekt und so war ich froh, als er endlich weiterzog.

Mittlerweile wurde es langsam dunkel und erfahrungsgemäß werden Schlachten mit der Polizei dadurch noch angeheizt. So war es auch an diesem Abend. Jenseits der Barrikaden am Kottbusser Tor zogen sich die Wasserwerfer und Wannen zurück. Plötzlich war da kein Blaulicht mehr und kein Tränengas. Es war, als hätten wir gewonnen und die feindlichen Truppen waren geflüchtet. Ganz falsch war die Einschätzung nicht, wie wir später aus einem Mitschnitt des Polizeifunks erfahren haben. Die Wucht des Widerstands hatte die Polizei einfach überrascht, zudem gab es unter ihnen  auch viele Verletzte.

Hinter dem Heinrichplatz war was los, das sahen wir bis hierher. Im Hindernislauf um die kleinen und größeren Brände herum kamen wir zum Görli.
Der Name Görlitzer Bahnhof ist eigentlich falsch, denn er bezieht sich auf einen Bahnhof, den es gar nicht mehr gibt. Er lag zwischen der Wiener und der Görlitzer Straße, also einige hundert Meter weiter östlich, aber durch den Mauerbau war er vom Streckennetz abgeschnitten. Jetzt war er einfach nur Brachland, das mal zum einem Park mit Schwimmbad werden sollte.
Am Hochbahnhof Görlitzer stand auf ‘nem Eckgrundstück ein weiß verkleidetes, zweistöckiges Gebäude ohne Fenster. Der große Supermarkt von Bolle, eine wichtige Einkaufsquelle für die Bevölkerung. Und der wurde gerade geplündert.
»Kuck mal, Bolle hat heute geöffnet«, grinste Tobi mich an.
»Dann mal nichts wie hin.«

Es war ein überwältigendes Bild. Die Schaufenster waren zerbrochen, die Glastür existrierte nicht mehr. Im Innern sahen wir mindestens hundert Leute. Manche hatten gleich die Einkaufswagen vollgepackt und schoben sie nach Hause. Die meisten hatten irgendwas in den Händen, Würste, Obst, Büchsen, irgendwelche Kartons mit Lebensmitteln. Doch nicht das war das Aufregende, sondern die Leute selbst. Kaum jemand war ein typischer »Szene«-Mensch, sondern es waren die normalen Nachbarn, die dort plünderten. Viele Kinder und Jugendliche, klar. Aber auch Männer Typ Familienvater, alte Rentner mit Einkaufswägelchen, ganze türkische Familien. Der Alkohol und die Zigaretten waren schon weg, als wir in den Supermarkt kamen. Überhaupt war alles Teure längst »ausverkauft«, Käse und Fleisch können sich viele hier ja kaum leisten. Ein Pärchen, beide um die Fünfzig, schlenderte am Marmeladenregal entlang. Man sah ihnen an, wie sehr sie es genossen, endlich mal nicht auf den Preis schauen zu müssen. Ein paar Kinder legten Milchtüten auf den Boden und sprangen drauf, damit sie platzen und den Inhalt umherspritzen. Ihr Vater kam und brüllte sie an, dass sie lieber mal was Sinnvolles machen sollten: »Helft Mutti beim Tragen!«
Es war schon eine komische Situation, diese Alltäglichkeit mitten in dieser totalen Anarchie.
»Weißte was wir jetzt machen,?« Tobi strahlte plötzlich wie ein Atomkraftwerk. »Wir holen jetzt auch was. Für Martha.«
»Ja, coole Idee. Ach, die wird sich freuen!«

Martha hieß mit Nachnamen Pfahl, was ihr im Leben sicher viel Spott eingetragen hat. Jetzt war sie über 80 Jahre alt und lebte in einer kleinen Einraum-Wohnung im Hinterhaus der Oranienstraße 169. Wir kannten sie, weil wir ihre Nebenwohnung mal besetzt hatten. Martha war sehr offen und kam gleich mal rüber zum Kucken und brachte sogar Kekse. Tobi und ich besuchten sie seitdem alle paar Wochen mal, wenn es sich gerade ergab. Leider hatte Martha aber einen Sohn, den man nur als böse bezeichnen kann. Er war Mitte Fünfzig, BVG-Busfahrer und quälte seine Mutter oft. Wenn er zu Besuch war, musste sie ihm immer was zum Essen machen, obwohl sie sehr arm war. Aber mitgebracht hat er ihr nie etwas.

Bei Bolle am Görlitzer war nun aber nichts mehr zu holen. Wir gingen stattdessen wieder zurück in die Oranienstraße bis zum O-Platz. Hier gab es auch noch einen Supermarkt und vielleicht kamen wir da ja noch rein.
Tatsächlich wurde der Plus-Markt gerade aufgebrochen. Der Eingang direkt an der Ecke des ehemaligen Kaufhauses war mit einem Metallrollo gesichert. Normalerweise reicht das, Einbrecher wollen ja leise in den Laden kommen. Diesmal aber mussten wir uns um die Lautstärke keine Sorgen machen. Das nächste Blaulicht war erst etwa 500 Meter weiter zu sehen, noch hinter dem Moritzplatz. Wahrscheinlich wurde dort der Straßenverkehr in des Kiez gesperrt.

Anders als der große Bolle-Markt gab es hier keine Scheiben. Die waren längst gegen Holzplatten ausgetauscht, weil sie zu oft eingeworfen wurden. Und so war es im Supermarkt fast dunkel. Da wir in der Gegend wohnten, kannten wir den Markt ganz gut und konnten uns darin einigermaßen orientieren. Unser Ziel war die Wurst- und Käsetheke, und auch beim Fleisch bedienten wir uns reichlich. Vor der Kasse war das Regal mit dem Alkohol und so besorgten wir auch noch eine Flasche Likör. So voll bepackt zogen wir die hundert Meter zu Marthas Haus. Die Haustür war wie immer offen und auf dem dunklen Hof sahen wir, dass hinter Marthas Fenster noch Licht brannte.
»Wer ist denn da?« Ihre Stimme klang ängstlich, nachdem wir an der Wohnungstür geklopft hatten.
»Tobi und ich. Hey Martha, wir haben hier ein paar Geschenke für dich!«
Sie öffnete und schaute uns aus ihrem Morgenmantel ungläubig an. »Um diese Zeit seid ihr noch unterwegs, Kinder? Na, kommt erstmal rein.«
Sofort bot sie uns wieder was an, aber diesmal waren wir an der Reihe.
»Schau mal, was wir dir hier mitgebracht haben.«

Wir breiteten alles auf ihrem Tisch aus: Jeweils ungefähr ein Kilo Wurst und Käse, ein paar Schnitzel und Koteletts. Tobi zog sogar ein paar Schachteln Zigaretten aus der Hosentasche, die hatte er beim Rausgehen noch eingesteckt. Außerdem Kekse und Schokolade.
»Alles für dich, Martha. Nachträglich zum Geburtstag.«
»Aber ich habe doch erst im Oktober Geburtstag. Habt ihr das etwa gestohlen?«
Tobi setzte seinen allerliebstes Schwiegersohnlächeln auf: »Ne, Martha. Heute kriegen wir alle hier im Kiez endlich mal was geschenkt. Ist das nicht toll? Mach dir mal keene Gedanken, diesmal bezahlen die Reichen.«

Martha blieb skeptisch und kochte uns erstmal einen Tee. Sie hatte hier hinten gar nichts mitgekriegt und so erzählten wir ihr, was alles passiert war. Vom Straßenfest, vom Tränengas, von der Gegenwehr und schließlich von den Plünderungen. Immer wieder fuhr sie erschrocken zusammen. »Oh Gott, ist das denn nicht gefährlich? Passt bloß auf euch auf, meine lieben Jungs!«
Sie hatte etwas sehr mütterliches, es war schön, dass sie sich um uns sorgte. Beruhigend, als wenn uns dann nichts mehr passieren könnte.

Mittlerweile war Mitternacht durch und noch immer saßen wir auf Marthas alter Couch. Vom dritten Stock aus schaute man ein Stückchen hoch zum Dach des Vorderhauses. Vor dem halbdunklen Himmel sah ich, wie mehrere Personen geduckt über’s Dach schlichen. Mehr aber konnte ich nicht erkennen. Ein paar Minuten später plötzlich Geschrei: »Bleib stehen, du Schwein!«.
Tobi rannte zum Fenster, ich löschte erstmal das Licht. Wir sahen, wie ein paar Gestalten mit weißen Helmen über das Dach liefen. Sie waren langsam, weil sie auf der Spitze des Schrägdachs gingen, dort gab es nur schmale Bretter für den Schornsteinfeger. Offenbar suchten sie jemanden.
Und wir sahen ihn: Fest an die Dachziegel gepresst stand er etwa vier Meter unter den Polizisten in der Regenrinne. Mein Herz begann Amok zu laufen, immerhin ist das hier ein altes Haus und ziemlich heruntergekommen. Dass ausgerechnet die Regenrinne  stabil sein sollte, glaubte ich nicht. Es vergingen ein paar Sekunden, bis Tobi reagierte. »Wir müssen ihm helfen! Lass uns nach vorn gehen, vieleicht können wir was tun.«

Wir wussten, dass die Dachböden miteinander verbunden sind. Also kletterten wir nach oben und öffneten im Vorderhaus ein Dachfenster. Es war circa einen halben Meter über dem Mann, für ihn also unerreichbar. Wir machten eine Räuberleiter, ich kletterte zur Hälfte aus dem Fenster und beugte mich nach unten.
»Komm, halt dich fest, ich zieh dich hoch!«
So leicht war das aber nicht. Wer schon mal 70 Kilo mit einer Hand heben wollte und dabei kopfüber aus einem schrägen Dachfenster gehangen hat, weiß, was ich meine.

»Ey Leute, ihr habt mir echt das Leben gerettet. Diese scheiß Rinne hat mich kaum gehalten.«
»Was suchst du dir auch so einen blöden Weg aus zum Spazierengehen.«
Tobi übertraf sich mit seiner Komik wieder mal selbst.
Der da vor uns stand war kaum älter als wir. Mitte zwanzig, komplett schwarze Klamotten und um den Hals ein schwarzweißes Pallituch. Diese »PLO-Tücher« waren sehr praktisch, man konnte seinen Kopf darin komplett verhüllen.
Der missglückte Straßenkämpfer erzählte, dass er vom Dach Steine und Ziegeln auf die Polizei geworfen hatte.

»Bist du bekloppt?«, brüllte Tobi ihn an. »Damit kannst du doch jemanden töten!«
»Na und, es sind doch nur Bullen man, keine Gnade.«
Auch ich wurde total wütend. »Hast du keine Achtung vor dem Leben anderer Menschen? Was bist du – ein Nazi?«
Der Typ schrie, dass wir wohl wohl blöde Okös seien und am besten nach Hause zu Mami gehen sollen.
Tobi hatte vor Wut einen hochroten Kopf, noch nie vorher hatte ich ihn so sauer gesehen.
»Wir hätten dich fallen lassen sollen, du Arsch!«
»Auf welcher Seite steht ihr eigentlich?«, fragte der Typ und versuchte, dabei ganz lässig auszusehen. Aber er war noch immer sehr blass, soweit man das in dem schummrigen Dachboden erkennen konnte.
Tobi und ich waren sehr erschüttert über die Menschenverachtung dieses Typen. Mit solchen wollten wir nichts zu tun haben. Hatten wir aber, jedenfalls an diesem Abend. Wütend verließen wir alle den Dachboden.

Ganz kurz schauten wir noch bei Martha rein und verabschiedeten uns.
»Wir kommen morgen nochmal vorbei und erzählen dir dann, was heute noch war.«
»Oh Gott, oh Gott, passt auf euch auf, Kinder!« Sie tat mir leid, weil sie wirklich um uns besorgt war. Gleichzeitig wollte ich aber raus und nachschauen, was noch passierte. Aber wir kamen nicht weit.

Kaum standen wir auf der Oranienstraße, rannte von rechts ein Rudel Bullen auf uns zu. Sie hatten keine Schilde dabei und wir wussten, was das bedeutet: Diese Gruppe gehörte zum SEK. Das Sondereinsatzkommando ist dafür da, in Situationen einzugreifen, die für normale Polizisten zu gefährlich sind. Zum Beispiel bei Banküberfällen oder Geiselnahmen. Diese Bullen ließen sich mit ein paar Steinen nicht aufhalten, als Selbstschutz reichte der Helm. In den Händen hatten sie statt Schilden und Knüppel kleine schwarze Tonfas. Das sind Holzknüppel mit einem Quergriff, mit dem man nicht nur einfach zuschlagen kann. Wer damit umgehen kann, wirbelt ihn durch die Luft oder sticht auf kurze Distanz mit dem stumpfen Ende auf einen ein. Später erfuhr ich, dass sie in dieser Nacht jemanden genau so ein Auge ausgeschlagen haben.

Wenn ein Dutzend solcher Leute auf einen zu rennt, hilft nicht viel. Kämpfen ist sinnlos, aber verprügeln lassen wollten wir uns auch nicht. Von der anderen Seite sahen wir Blaulicht, dieser Weg war also eh versperrt.
»Das Lager!«, rief Tobi und rannte zwei Häuser weiter auf den Hinterhof. Erst in diesem Moment dachte ich an die versteckten Molotow-Cocktails auf dem Hof der 167. Wir wussten, dass es dort unter einer Metallplatte versteckt ein kleines »Waffenlager« gab. Es war nicht das einzige im Kiez, eine ganze Reihe von Höfen, leer stehenden Wohnungen, Kellern und Dachböden waren so präpariert. Mollies, Steine, Zwillen mit Stahlmuttern waren so breitflächig versteckt, genau für solche Situationen. Manche, wie das Lager im Hof der Oranien 167, lagen sogar taktisch sehr gut, was jetzt ein riesen Glück für uns war.

Wir rannten durch das dunkle Vorderhaus auf den Hof, uns war klar, dass wir nur ein paar Sekunden Vorsprung haben.
»Wo ist diese scheiß Platte?«, zischte Tobi.
»Man, direkt neben der Kellertreppe!«
In diesem Moment sahen wir schon, wie vorn die Haustür auf ging, die ersten weißen Helme waren zu sehen. Die Polizisten rannten aber nicht ins Dunkel, sondern tasteten sich vorsichtig zur Hintertür. Sie hatten wohl schon ihre Erfahrungen gemacht und sind vielleicht mal in einer Falle gelandet. Manchmal werden kleine Grüppchen von Polizisten in Höfe oder in ein Haus gelockt und dann von allen Seiten mit Steinen und Knüppeln angegriffen.

Die Sekunden der Vorsicht gaben uns die Zeit, die dicke Blechplatte zur Seite zu heben. Darunter kamen etwa ein Dutzend Mollies zum Vorschein, die allerdings noch nicht »scharf« waren. Man musste den um den Flaschenhals geknoteten Stoff ja erstmal in Benzin tränken. Das sollte vorsichtig und langsam geschehen, damit das Benzin nicht über die ganze Flasche läuft. Sonst brennt die nämlich beim Anzünden gleich mit. Aber diese Zeit hatten wir jetzt nicht.

Jeder von uns nahm sich zwei Mollies und wir rannten ein paar Meter nach hinten. Hier war eine zwei Meter hohe Mauer, hinter der ein weiterer Hof lag. Über den konnte man quer durch den Block rennen und kam dann in der Dresdner Straße raus. Das hatten wir vor. Aber als wir nach hinten zur Mauer rannten, kamen die ersten Bullen auf den Hof und brüllten gleich: »Hier sind sie!«
Tobi sprang ohne sich festzuhalten auf eine der Mülltonnen, die an der Mauer standen. Dabei fiel ihm eine Flasche aus der Hand und sie zerbrach am Boden. Ich bückte mich und tunkte den Stoff meiner beiden Mollies in die Benzinpfütze. Tobi war schon auf die Mauer geklettert, da rannten die Polizisten von hinten auf mich los.

»Fang!«, schrie ich Tobi an und warf beide Flaschen zu ihm hoch. Diesmal hatte er mehr Glück und beide Mollies blieben heil. Ich kletterte die Mülltonne hoch, während er mit seinem Feuerzeug die Lunte von einem der Brandsätze anzündete. Gerade als ich mich auf die Mauerkrone hoch zog, erreichte mich der erste Bulle und hielt mich am Bein fest. Ich sah zu Tobi und schrie: »Schmeiß doch, man!« und er warf den Brandsatz auf den Boden. Eine Sekunde später stand unter mir alles in Flammen. Der Mollie entzündete auch das Benzin der vorher zerbrochenen Flasche. Die Flammen loderten sofort einen halben Meter hoch. Ich merkte, wie der Polizist mein Bein los ließ und in die andere Richtung rannte. Bloß weg aus dem Feuer! Die anderen blieben stehen, einer trat an der brenndenden Hose des Bullen die Flammen aus. Dann ließ sich Tobi auch schon auf der anderen Seite der Mauer runter.

Ich sprang hinterher. Wir rannten über den Hof, wollten durch’s Hinterhaus nach vorn flüchten. Kaum öffneten wir die Tür, sahen wir einen bulligen Kerl vor uns. Irgendein Bewohner von der Sorte »Müllkutscher«, diejenigen, die Volkes Stimme auch mal mit der Faust Nachdruck verleihen. Er griff sich Tobi und hielt ihn am Kragen fest. Mit der anderen Hand versuchte er, mich zu packen. Ich nahm Tobi den Mollie aus der Hand und schlug ihn dem Bär auf den Kopf. Die Kopfhaut riss auf und der Mann brüllte wie wahnsinnig, sicher auch, weil das Benzin in die Wunden kam. Aber wenigstens ließ er Tobi los.

In diesem Moment sah ich, wie zwei der Bullen über die Mauer stiegen und auf uns losrannten.
»Gib Feuer!«, schrie ich und Tobi warf unseren letzten Mollie in den Durchgang zum Hof.
Hinter den Polizisten dann der brennende Eingang, im Flur der hilflos schreiende Mülltyp, man kann nicht sagen, dass wir besonders unauffällig waren. Aber wenigstens verfolgten uns die beiden Bullen nicht mehr.
Nach einem kurzen Sprint durch’s Vorderhaus öffneten wir leise die Tür zur Dresdener Straße 16 und lugten heraus. Hier waren keine Bullen, aber links und rechts sahen wir an den Häuserwänden blaue Lichter zucken. Offenbar war am Kotti und am O-Platz schon die Polizei und kurz darauf sahen wir dort auch mehrere Wannen sich langsam vortasten. Sie schoben die längst ausgebrannten Barrikaden zur Seite.

»Lass uns versuchen, nach Hause zu kommen. Genug für heute.« Ich nahm Tobis Vorschlag gerne an.
Aber so leicht war das mit dem Rückzug nicht. Denn zwischen uns und der Adalbertstraße stand jetzt der Feind. Also packten wir unsere Halstücher in die Hosentasche, setzten die harmlosesten Unschuldsmienen auf und machten uns auf einen weiten Umweg, rund um den Kiez, an der Mauer entlang bis zur Adalbertstraße.

Am nächstens Morgen spazierten wir durch den Kiez. Es sah aus wie im Kriegsgebiet. Fast alle Schaufenster waren eingeworfen, selbst die kleinen Läden aufgebrochen und geplündert. In den Türen standen vezweifelte Inhaber, manche weinten, andere waren wütend. Den meisten aber sah man ihre Ratlosigkeit an.
Am Straßenrand war genau zu erkennen, welche Autos schon in der Nacht dort gestanden haben. Sie waren entweder völlig zerbeult, mit eingeworfenen Scheiben oder sogar ausgebrannt.
»Ist dir klar, dass wir das waren?«, fragte ich Tobi. Mir ging es plötzlich dreckig, denn wir hatten ja die Polizei, den Staat, die Reichen als Ziel unserer Angriffe. Getroffen wurden aber fast nur die einfachen Leute.

»Das waren wir nicht, nur ein bisschen. Wir waren ja nur dabei.«
»Klar, alle waren nur dabei. Wie damals in der Reichskristallnacht.«
Tobi sah mich entsetzt an: »Bist du bescheuert? Was haben wir mit den Nazis zu tun?«
Mir war auf einmal wirklich zum Heulen. »Vielleicht mehr, als uns das klar ist.«
»Quatsch! Die Nazis haben Juden ermordet oder denen die Scheiben eingeschmissen, das ist doch was ganz anderes. Außerdem kämpfen wir nicht gegen ‘ne Minderheit, sondern gegen Nazis!« Seine Argumente wurden immer verworrender.
»Sind die Faschos keine Minderheit mehr? Gehören die Läden hier etwa alle den Nazis?«

Das Schlimme an der Diskussion war ja, dass ich das alles kenne und eigentlich genauso rede.
»Wir haben noch nie mal so richtig darüber gesprochen, warum wir das machen und was wir erreichen wollen.«
»Na, ist doch klar: Widerstand!« Tobi begriff nicht, was ich meinte. Kein Wunder, ich stellte ja plötzlich auf einmal alles in Frage, was bisher anscheinend klar war. Doch der Anblick dieser Zerstörungen hat mir regelrecht die Augen geöffnet.
»Aber wenn wir keinen Unterschied mehr machen zwischen einer Nazikneipe und ‘nem Klamottenladen…«

»Was hast du denn auf einmal?«, fiel mir Tobi ins Wort. »Wirst du jetzt ein Hippie oder was? Es war doch geil letzte Nacht, die Barrikaden und so. Wann erlebt man das schon mal?«
»Darum geht es doch gar nicht! Wir sind doch keine Hooligans, die sich nur wegen der Action prügeln, oder? Ich hab eigentlich schon ‘nen politischen Anspruch.«
»Politischer Anspruch. Ja toll. Ich nicht, oder was? Ey, wir sind der Widerstand, kapierste das nicht? Der Kiez gehört uns, die Bullen sollen sich hier raushalten. Und die Hausbesitzer sollen sich verpissen. Ist das vielleicht nicht politisch?«
»Und was haben die kleinen Läden damit zu tun?« So eine Schaufensterscheibe kostet bestimmt tausend Mark. Daran kann so einer pleite gehen.«

Tobi sah aber jedes Argument als persönlichen Angriff, obwohl es ja gar nicht so gemeint war. Es ging ja auch gegen mich selbst und meine eigene Ignoranz. Ich merkte, dass plötzlich etwas zwischen uns stand. Wir hatten uns auch vorher manchmal gestritten, aber diesmal ging es tiefer. Wir sahen uns ja als politische Menschen, aber waren nicht in der Lage, auch so zu diskutieren. Vielleicht auch deshalb, weil nicht viel dahinter steckte. Waren wir nicht doch eher Hooligans?
Schweigend gingen wir die Oranienstraße weiter.

»Lass uns kurz bei Martha vorbeigehen«, schlug ich vor.
»Ne, keine Lust.« Tobi war immer noch sauer.
Also stieg ich allein die drei Stockwerke nach oben und klopfte. Es war aber nicht Martha, die mir öffnete, sondern ihr Sohn. Und der zog mich sofort in die Wohnung und schlug mir ins Gesicht.
»Da ist ja einer dieser Chaoten! Euch sollte man alle vergasen, wie damals!«, brüllte er und schlug wieder zu. Im Affekt trat ich ihm mit voller Wucht zwischen die Beine und offenbar hab ich gut getroffen. Winselnd ging er zu Boden.
Dann sah ich Martha, zusammengesunken auf ihrer Couch. Sie hatte wohl geweint und wischte sich gerade das Gesicht trocken. Ich beugte mich sofort zu ihr.
»Was ist denn los? Hat er dich geschlagen?«, wollte ich wissen.
»Nein«, schluchzte sie, “aber angeschrieen. Und alles weggeschmissen, was ihr mir gestern gebracht habt.” Sie zeigte zum Mülleimer, wo der Käse und das Fleisch rausschauten. Ich nahm alles raus, machte es wieder sauber und legte es auf ihren Küchentisch.
Dann nahm ich mir ihr Nudelholz und ging zu ihrem Sohn.

»Wenn du nicht sofort die Wohnung verlässt, schlage ich dir den Schädel ein!«
Er schaute mich mit einem hassverzogenen Gesicht an, rutschte dann aber zur Wohnungstür. Aufstehen konnte er noch nicht. Als er draußen war, schloss ich die Tür und ging zu Martha. Sie war noch immer sehr aufgeregt.
»Wie kann eine so liebe Frau nur mit so ‘nem bösen Jungen gestraft sein«, sagte ich. »Nimm’s mir nicht übel, aber das denke ich wirklich.«
»Ach Junge, du hast ja recht. Aber was soll ich denn machen? Manfred ist doch nun mal mein Sohn.«
Wir saßen dann noch über eine Stunde zusammen und redeten. Über ihr Leben, über den Sohn, über Tobi und mich. Ich erzählte ihr von meinem schlechten Gefühl, was die Plünderungen der kleinen Läden anging.

Als ich ging, drückte sie mich eng an sich. Es war das erste Mal. Und das letzte Mal, dass wir uns sahen. Als ich sie eine Woche später besuchen wollte, sagten die Nachbarn, dass Martha zwei Tage vorher gestürzt war. Sie hatten sie ins Urban-Krankenhaus gebracht, wo sie nach ein paar Stunden gestorben ist. Ich bin dann dort hin, wollte wissen, wo sie beerdigt wird. Aber man wusste es nicht. Ich habe es auch nicht mehr erfahren.

 




Der Meistersaal in Kreuzberg

Unauffällig gliedert sich das 100 Jahre alte Gebäude mit der durch Säulen verzierten Fassade in die Häuserfront der Köthener Straße, nicht weit entfernt vom Potsdamer Platz. Und doch ist dieser Ort voll mit Geschichte, Musikgeschichte vor allem. Als ich das Gebäude zum ersten Mal wahrnahm, war ich noch ein kleiner Junge. Es stand allein und halb zerstört in der Straße, auf der anderen Straßenseite war die Mauer. Durch einen Gebietsaustausch zwischen Ost- und West-Berlin wurde sie im Jahr 1972 abgerissen, das dahinterliegende Gelände zwischen Stresemannstraße und Landwehrkanal wurde vom Bezirk Mitte (Ost) dem Bezirk Tiergarten (West) zugeschlagen. Das Haus Köthener Str. 38 stand aber noch auf der Kreuzberger Seite.

Begonnen hat seine Geschichte vor etwas mehr als hundert Jahren. Die Innung des Bauhandwerks errichtete es 1913 als Verbandshaus. Es diente als Bürohaus, sein Herzstück jedoch war der 265 Quadratmeter große Saal. Hier fanden Veranstaltungen statt, hier wurden den Handwerksgesellen nach bestandener Prüfung die Meisterbriefe überreicht.

Anfang der 1920er Jahre zogen mehrere künstlerische Einrichtungen in das Gebäude ein, Verlage, eine Galerie. Im Meistersaal fanden Lesungen statt, Theater- und Musikaufführungen. Während der Nazizeit wurde es verstärkt für Konzerte genutzt, die Reichsmusikkammer übernahm die Kontrolle über den Saal. Ein Luftangriff im November 1943 zerstörte den gesamten hinteren Teil des Gebäudes, abgesehen von den kaputten Scheiben blieb der Meistersaal jedoch intakt. Die oberen Stockwerke waren jedoch ebenfalls ausgebombt und blieben die folgenden 30 Jahre zugemauert und ungenutzt.

Auch nach dem Krieg diente der Saal vor allem zur Aufführung von Konzerten und Theaterstücken. Zwischen 1948 und 1961 wurde der Meistersaal als Ballhaus City bzw. Ballhaus Sisi genutzt. Doch mit dem Mauerbau brach das Publikum weg, statt mitten in der Stadt befand sich das Gebäude plötzlich ganz am Rande.

Noch im Jahr 1961 griff die Schallplattenfirma Ariola zu und baute den Meistersaal zu einem Aufnahmestudio um. Opern- und Operettensänger (René Kollo, Rudolf Schock, Ivan Rebroff), aber auch Schlagerstars wie Zarah Leander oder Peter Alexander nahmen hier Schallplatten auf.

15 Jahre später begann eine komplette Renovierung des Gebäudes. Der Meisel Musikverlag aus Wilmersdorf hatte 1976 den gesamten Komplex gekauft und auch die oberen Stockwerke wieder hergerichtet. Überall entstanden Tonstudios, die kurz zuvor gegründete Marke Hansa war eben auf dem Weg, für ihre qualitativ hochwertigen Aufnahmen international bekannt zu werden. Das auch deshalb, weil die Studios immer auf dem neusten technischen Stand gehalten wurden. Schon früh arbeitete man hier z.B. mit Computern.

Viele bekannte Künstler wie David Bowie, Depeche Mode, U2, Richard Clayderman oder Jon Bon Jovi reisten an, um im Meistersaal ihre Schallplatten einzuspielen. Und auch ein Großteil der westdeutschen Musikszene nutzte die Hansa-Studios, Rock, Pop, Schlager, Liedermacher, viele große Namen waren vertreten, wie Lindenberg, Jürgens, Nena, Tote Hosen, Rosenberg, Maffay und, und, und…

David Bowie hatte drei seiner wichtigsten Alben größtenteils im Meistersaal produziert. Und wie so einige andere schummelte er ein bisschen. Zu seinem Song “Heroes” wurde er angeblich durch die Mauer auf der gegenüber liegende Straßenseite inspiriert. Tatsächlich aber war diese bereits vier Jahre zuvor abgerissen worden. Aber egal, die Geschichte ist trotzdem schön.

Ab dem Frühjahr 1989 entstand auf dem Brachgelände an der Köthener Straße der sogenannte Polenmarkt, das Tempodrom baute seine Zelte auf und mit dem Mauerfall kamen die vielen Autos. Der einst ruhige Meistersaal war nun nicht mehr als Aufnahmestudio zu gebrauchen. Stattdessen sollte er wieder zu einem Veranstaltungsort umgebaut werden.

1994 war dieser Umbau fast beendet, als alte Fotografien des Saals auftauchten. Daraufhin begann der Umbau erneut. Doch dem Saal war nicht viel Glück beschieden. Mehrmals wechselten die Eigentümer und auch die Konzepte. Derzeit wird der Meistersaal als Veranstaltungsort für verschiedene Events genutzt. Und auch hin und wieder für Musikaufnahmen.




3. Februar 1945: Die Zerstörung der Innenstadt

Es war der Vormittag des 3. Februar 1945. Nur noch die Dümmsten unter den Nazis konnten an ihren Endsieg glauben. Doch was an diesem Tag geschah, sollte auch ihnen die Augen öffnen. Es gab einen Bomberangriff auf die Innenstadt der Reichshauptstadt. Allerdings nicht irgendeinen sondern den dreihundertsten. Offenbar wollten die Alliierten dieses Jubiläum feiern, denn es wurde der schwerste Luftangriffe des ganzen Krieges auf Berlin.

Um 10.27 Uhr heulten die Luftschutzsirenen, um 11 Uhr tauchten die Bomber am Himmel auf. Er färbte sich dunkel, so viele waren es und sie hatten das Regierungsviertel im Visier. Von Westen kommend flogen 939 “Fliegende Festungen” der US Air Force immer die Spree entlang, ab Moabit war dann der Punkt, von dem ab die Ladung abgeworfen wurde. Durch ganz Mitte und Kreuzberg zog sich eine Schneise der Zerstörung bis nach Friedrichshain, 2200 Tonnen Sprengstoff zerstörten das Schloss und den benachbarten Dom, Bahnhöfe, Kaufhäuser, Kirchen und tausende Wohnhäuser. Selbst U-Bahnhöfe stürzten unter der Wucht des Angriffs zusammen, im Bhf. Weberwiese starben mehrere hundert Menschen, die dort Schutz gesucht hatten.
Der Angriff dauerte nur 50 Minuten, aber er kostete etwa 25.000 Menschen das Leben. Die meisten von ihnen wurden unter den zusammenstürzenden Gebäuden begraben, von vielen blieb nichts zurück. Die Kraft der Bomben und des Feuers war stärker. Mehr als 120.000 Menschen verloren an diesem Tag ihre Wohnung, die Schneisen, die der Angriff schlug, sind zum Teil heute noch zu sehen. Um die Leipziger Straße, die Oranienstraße, den Alexanderplatz und die Wilhelmstraße hielt kaum ein Haus den Bomben stand. Die Charité wurde getroffen, das Rote Rathaus und die Staatsoper. Zerstört wurden auch die Museumsinsel, die Neue Reichskanzlei und mehrere Botschaften.

Wie viele hatten immer noch gehofft, dass es eine militärische Wende geben würde, dass die versprochene “Wunderwaffe” V2 das Kriegsgeschehen zu Gunsten der Wehrmacht umkehren würde. Vergeblich. Unter dem Beben der Einschläge wurde vielen endlich klar, dass dieser Krieg verloren war.
Wer die Katastrophe dieses Tages überlebt hatte, sah noch Tage lang brennende Häuser und völlig zerstörte Straßenzüge. Man muss heute mal mit offenen Augen vom Halleschen Tor kommend die Wilhelmstraße, Koch- und Oranienstraße entlang laufen, um das Ausmaß der Zerstörung zu begreifen. Komplette Häuserblöcke waren durch die Wucht zerstört worden, Straßenzüge über einen Kilometer hinweg zusammengestürzt. Bis zum Moritzplatz zogen sich die Flächen hin, manche sind noch heute unbebaut.

Der 3. Februar war einer der schwärzesten Tage in der Geschichte der Stadt. Zwar folgen noch zehn Wochen lang weitere Angriffe aus der Luft, am 26. sogar ein noch größerer. Wer aber den 3. Februar überlebt hatte, wollte nur noch die restlichen Wochen herum bringen.
Zehn Tage nach dem Bombardement stand Dresden auf der Liste. Dort starben in der Nacht zum 14. Februar mehrere zehntausend Menschen, weil die britischen Phosphorbomben einen Feuersturm entfacht hatten – ein Schicksal, das Berlin erspart geblieben war.

Foto: Bundesarchiv, Jerusalemer/Zimmerstraße




Der alte Kreuzberger

Ein Vorteil des Taxifahrens ist, dass man viele unterschiedliche Menschen trifft, darunter manchmal sehr interessante. So war es auch in der vergangenen Woche. Der beleibte Mann war schon älteren Datums, 70 Jahre alt. Er stieg mir vor einem Charlottenburger Theater ins Auto und wollte zum Oranienplatz. Wir kamen schnell ins Gespräch. Immerhin habe ich die ersten 30 Jahre meines Lebens auch in Kreuzberg verbracht, auch danach immer wieder mal für einige Wochen oder Monate. Und der Oranienplatz gehörte lange Zeit dazu. Mehrere besetzte Häuser, in denen ich Anfang der 1980er Jahre gewohnt habe, standen in unmittelbarer Umgebung.

Der alte Kreuzberger erzählte, dass er bereits seit 60 Jahren im gleichen Haus lebt. 1890 hatte sein Großvater gleich nebenan das alte Café an der Ecke zur Naunynstraße übernommen und es „Kuchen Kaiser“ genannt. Nicht, weil er selbst etwa Kaiser hieß, aber mit seinem Namen Fluss hätte er dort höchstens ein Fischgeschäft eröffnen können. Ende der 1950er Jahre musste das Café schließen, statt Kuchen wurden dort fortan Küchen verkauft. Seit 1998 ist in den Räumen ein Restaurant, das den Namen übernommen hat.

Der Mann erzählt vom ehemaligen Kaufhaus C&A an der Ecke zur östlichen Oranienstraße, das derzeit zu einem 4-Sterne-Hotel ausgebaut wird. Wir sprachen über die Hausbesetzerbewegung und was sie bewegt hat. Über die Architektur, darüber dass der nahe Moritzplatz vom Kreisverkehr zur Kreuzung umgebaut werden soll und auch, dass der Oranienplatz die gleiche Struktur hat wie der Savignyplatz (weil er auch vom selben Stadtplaner entworfen wurde). Der Oranienplatz war mal Teil eines Kanals und auch durch den Savignyplatz sollte einst einer gebaut werden.

Er erzählte vom Pfarrer der St. Thomas-Kirche, vom Rauchhaus, zu einigem konnte ich eigene Erinnerungen zusteuern. Natürlich sprachen wir auch über die Gentrifizierung und den Widerstand dagegen, über einstige Autobahnpläne in Kreuzberg, über einiges, was letztlich nicht realisiert wurde.

Die Fahrt war leider viel zu schnell zu Ende. Aber sie war emotional, lehrreich und interessant. Früher gab es ja im Kiez viele Bewohner, die dort seit Jahrzehnten lebten. Auch meine Mutter und Oma gehörten dazu, seit 50 Jahren auch die türkischen Immigranten. Mittlerweile sprechen die typischen Kreuzberger Englisch oder Spanisch, sogenannte Alteingesessene gibt es nicht mehr viel. Es macht deshalb Spaß, wenn man mal wieder einen trifft, der schon sein ganzes langes Leben in diesem Kiez wohnt und sich noch immer für die Entwicklung vor seiner Haustüre interessiert.




Der Kreuz-Bär von Kreuzberg

Im Frühjahr 2014, wenige Monate vor seinem Tod, schrieb mein lieber Kollege Klaus Weidenbacher einen besonderen Eintrag in seinem Taxi-Blog. Klaus war ständig mit seiner Kamera in Berlin unterwegs, viele seiner Fotos sind noch immer online.

Eines Tages wurde er fast vor der eigenen Haustür fündig. Aus dem zehnten Stockwerk des Rathauses Kreuzberg in der Yorckstraße fotografierte er einen metallenen Bären, der ganz oben auf einem Kuppeldach stand. In der Hand hält er das Wappen des alten Bezirks Kreuzberg, am Fußgelenk baumelt eine abgeschnittene Kette.
Klaus fragte alle möglichen Leute, aber niemand konnte ihm Auskunft darüber geben, was es mit diesem Bären auf sich hat. Über die Kommentare und der Erklärung des Museums Friedrichshain-Kreuzberg kam dann die Lösung.

Der Kreuz-Bär wurde im Sommer 1989 auf dem Dach des alten Rathauses angebracht und ist im Grunde ein Blitzableiter. Es ist ein Werk des Bildhauers und Grafikers Günter Anlauf. Ursprünglich sollte der Bär in Ketten liegen, was die geteilte Stadt symbolisieren sollte. Prophetisch und optimistisch entschied sich aber der Bauamtsleiter Wolfgang Liebehenschel für eine zerrissene Kette, wenige Monate später wurde die Mauer tatsächlich geöffnet.

Unklar ist, wieso bisher so wenig über diesen Bär zu finden ist. Klaus: “Bei meinen eigenen Recherchen in Bibliotheken (im Werksverzeichnis Gunter Anlauf ist dieser Bär nicht vorhanden), im Mühlenhaupt Museum (die sich ja auch mit Gunter Anlauf beschäftigen) und weiteren, nirgends nicht mal eine Spur zu dieser doch so originellen Skulptur.”
Deshalb sei auch an dieser Stelle auf ihn aufmerksam gemacht!




Das Gewerkschaftshaus am Engeldamm

Am 31. März 1900 wurde das neue Gewerkschaftshaus am Luisenstädtischen Kanal an der Grenze zwischen Mitte und Kreuzberg eröffnet. Das Haus am Engelufer (ab 1937 Engeldamm) wurde in den folgenden Jahren zur Zentrale der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Im Vorderhaus hatten die meisten der damals 92 Berliner Einzelgewerkschaften ihre Büros. Im Erdgeschoss war der zentrale Arbeitsnachweis untergebracht, in den Hinderhäusern gab es Säle verschiedener Größe für bis zu 1000 Personen. Außerdem konnten 200 Menschen untergebracht werden. Bald hatte sich in der Öffentlichkeit der Name “Rote Engelburg” durchgesetzt, da die meisten Gewerkschaften zu dieser Zeit sozialistisch ausgerichtet waren.
Das Gewerkschaftshaus erfreute sich großer Beliebtheit, aufgrund der großen Nachfrage wurden sogar wöchentliche Führungen durch den Komplex angeboten. Auch die sozialdemokratische Reichstagsfraktion kam zu Besuch.
Traurig berühmt wurde das Haus, als es die SA am 2. Mai 1933 besetzte, das Foto mit dem Einzug der Nazis ging damals um die Welt. In den folgenden Tagen und Wochen wurden die Gewerkschaften zerschlagen und durch die NS-Organisation “Deutsche Arbeitsfront” (DAF) ersetzt, die das Gebäude zusammen mit der Gauverwaltung Berlin der Organisation “Kraft durch Freude” (KdF) nutzte. Das Gewerkschaftshaus wurde in “Haus der deutschen Arbeit” umbenannt.

Während der Krieges wandelte sich langsam die Nutzung des Hauses, es wurden immer mehr Betten für Kriegsopfer eingestellt, schließlich übernahm das Rote Kreuz das Gebäude komplett als Notkrankenhaus. Allerdings gab es durch die Bombardierungen im Februar 1945 schwere Schäden, ein Teil der Quergebäude wurde zerbombt und auch später nicht mehr aufgebaut.

Nach dem Ende des Faschismus blieb das Gebäude als Krankenhaus erhalten. Als im August 1961 die Mauer gebaut wurde, wurde der Engeldamm zum Grenzgebiet. Mitten auf der Straße verlief die Hinterlandmauer, so dass man aus dem Ex-Gewerkschaftshaus direkt auf den Todesstreifen blickte.
Auch nach dem Ende der DDR diente das Haus noch der Medizin, von 1992 bis 1997 wurde es vom Tropeninstitut des Landes Berlin genutzt, seitdem ist es privat vermietet.

Berliner Illustierte:
“Von der Herberge für den wegmüden, fremden Arbeiter bis zur Kegelbahn, vom großen Versammlungssaal bis zu den Baderäumen, vom Restaurant bis zur Waschküche ist in reichster und mannigfaltigster Art für alles vorgesorgt, was man von einem Gewerkschaftshaus im Sinne der modernen Arbeiterschaft verlangen kann.
Das schmucke Vorderhaus enthält zwei Verkaufsläden und ein großes Restaurant, das durch die Berliner Schultheiß-Brauerei betrieben wird. Die ersten drei Stockwerke enthalten die Büros für die Gewerkschaften, während für kleinere Gewerkschaften, die nur periodisch einen Raum für Arbeitsnachweise brauchen, ein Saal mit Tischen eingerichtet ist.
Weitaus der interessanteste Teil ist das zweite Quergebäude. Hier befindet sich die Herberge mit 200 Betten. Luftige, saubere, anheimelnde Räume. Ein Nachtquartier kostet hier von 40 bis 45 Pfennige. Hier ist der zugereiste Arbeiter prächtig aufgehoben. Auch ein Lesesaal ist da, in den Seitenflügeln und in den anderen Stockwerken befinden sich noch einige separierte Logiszimmer.”




Lasterhaftes Hallesches Tor

Heute ist das Hallesche Tor in Kreuzberg mit seiner Brücke über den Landwehrkanal vom Straßenverkehr bestimmt. Autos auf beiden Seiten des Kanals, auf der Brücke die BVG-Busse, herum wuselnde Passanten überall, auf dem Wasser die Ausflugsdampfer, oben und unten die U-Bahn. Eine ganz andere Art von Verkehr gab es hier um die vorletzte Jahrhundertwende.

Damals befand sich direkt am Blücherplatz in einem typischen Berliner Wohnhaus die Eckkneipe “Zur Katzenmutter”. Zwei Räume nur, aber stets gut gefüllt mit Soldaten und Zivilisten, fast alle männlich. Die Enge zwang die Gäste, etwas näher zusammen zu rücken. Es war beabsichtigt, sich näher zu kommen, denn hier trafen sich Soldaten aus der Dragonerkaserne (heute Finanzamt am Mehringdamm) sowie von den militärischen Anlagen auf dem Tempelhofer Feld mit speziellen Berlinern Herren. Vor allem für die vom Lande stammenden Handwerker und Bauern, die ihren Militärdienst in der Reichshauptstadt verrichteten, waren dieses Lokal und ähnliche in der Gegend die Gelegenheit, mal etwas anderes auszuprobieren. Die meisten von ihnen kamen aus ärmlichen Verhältnissen und erhofften sich finanziellen und vielleicht auch geistigen Gewinn, wenn sie mit großstädtischen Homosexuellen anbändelten.
Tatsächlich ging es dabei nicht nur um Sex, sondern auch um kulturelle Aktivitäten, Diskussionen, Museumbesuche. Man ging zusammen essen und ins Varieté, wobei nicht wenige der Soldaten in ihren Heimatorten verheiratet waren. Trotzdem führte der Weg von der Katzenmutter über den Besuch im Salon meist auch ins Bett. Der Soldat freute sich über die Befriedigung, gutes Essen und Zigarren, der Berliner Herr über sexuelle Zuneigung.

Das alles blieb natürlich auch dem preußischen Militär nicht verborgen, bald verbot es seinen Soldaten den Besuch in diesen Lokalen. Die Katzenmutter wurde 1903 sogar polizeilich geschlossen, doch schon ein Jahr später ging das Treiben dort munter weiter, bis das Lokal 1910 endgültig schließen musste.

Mehr als dreißig Jahre lang diente die Gegend um das Hallesche Tor der Anbahnung homosexueller Kontakte. Sobald es dämmerte, spazierten die Interessierten am Kanal entlang, man schaute sich unauffällig an, blieb am Geländer nebeneinander stehen, kam ins Gespräch. Und wenn es passte, nahm der Zivilist den Uniformierten mit zu sich nach Hause. Während der Weimarer Republik wurde den Soldaten deshalb sogar der abendliche Aufenthalt am gesamten Waterloo-Ufer vom Militär untersagt. Aber solche Verbote sind natürlich sinnlos, die Treffpunkte verlagerten sich einfach westwärts zum Tempelhofer und Schöneberger Ufer. All das war mit der Machtübernahme der Nazis vorbei. Die öffentlichen Toiletten am Blücherplatz, an der Möckern- und der Flottwellstraße standen unter besonderer Beobachtung und bald war es für die Männer zu gefährlich, sich hier noch zu treffen.

In den 1960er bis 80er Jahren war dann das neu errichtete Toilettenhäuschen am Waterloo-Ufer nochmal Treffpunkt schwuler Männer. Da ging es aber nur noch um Sex, ein gemeinsamer Museumsbesuch nahm dort vermutlich eher selten seinen Ausgang.




Hell und dunkel

Es gibt richtig finstere Orte in Berlin, selbst wenn die mitten in der Stadt liegen. Dazu gehört auch eine der ältesten Straßen Berlins, die Köpenicker in Kreuzberg. Auch nachts ist sie noch relativ stark befahren. An der Einmündung der Eisenbahnstraße sind einige Laternen ausgefallen, bei den anderen verschwindet das fade Neonlicht in den Baumkronen, selbst wenn sie wie jetzt im Winter gar keine Blätter tragen. Es ist ein bisschen wie früher, als das hier Zonenrandgebiet war. Nicht weit entfernt endete die Köpenicker Straße an der Mauer. Aber die Grenze verlief auch parallel zur Straße, dazwischen ein schmales Gewerbegebiet, direkt an der Spree. Das alte, langgezogene Gebäude der einstigen Heeresbäckerei aus der Preußenzeit liegt ebenfalls im Dunkel. Daneben verläuft eine kurze Straße, sie endet aber an der Spree. Früher mündete die Brommystraße in eine Brücke, von der stehen seit Jahrzehnte nur noch die Pfeiler im Wasser. Eine stählerne Aussichtsplattform direkt am Fluss gibt den Blick frei auf die Friedrichshainer Seite der Spree. Dort ragt neuerdings ein Hochhaus aus dem einstigen Todesstreifen, dahinter beginnt die East Side Gallery und dann die neue Mercedes-Zentrale. Eine andere Welt.

Hier in Kreuzberg besteht die Straße aus uraltem Pflaster, vermutlich noch aus dem 19. Jahrhundert. Wellig zieht es sich die ca. 100 Meter zwischen Köpenicker Straße und Spree, man kann es nur langsam befahren. Links die alte Mauer zur Heeresbäckerei. Rechts ein Zaun, dahinter Zapf-Umzüge. Dort grüßt vor dem Eingang zum Bürogebäude Lenin in Überlebensgröße. Der Firmengründer hatte ihn nach dem Zusammenbruch der DDR gekauft. Beide sind mittlerweile tot.

Die riesige Ex-Bäckerei ist dunkel, aber nicht leer. Auf der Rückseite liegt der Eingang zum Restaurant Spindler und Klatt. Jetzt zur Fashion Week ist dort Party, die jungen Damen und vollbärtigen Hipster kommen teilweise in schwarzen VW-Bussen an, sponsored by Hippe Marke.
Um zum Restaurant zu kommen muss man vorn an der Ecke Köpenicker / Brommystraße über einen kleinen Platz, dann durch ein altes Gittertor. Dahinter folgt wieder Dunkelheit, eine einsame Lampe leuchtet sehr zurückhaltend an der Fassade, rechts an der Mauer weisen ein paar dunkelrote Lichter den Weg ums Haus. Aus dem Dunkel sieht man ein paar Gestalten langsam nach vorn gehen, wo die Taxis auf Kundschaft warten. Die aufgebrezelten Ladys beschweren sich darüber, dass sie mit ihren Pfennigabsätzen so schlecht über das Kopfsteinpflaster gehen können. Authentizität wollen sie, aber bloß nicht zu viel. Kurz denke ich über ein “Original altes Kreuzberg”-Disneyland für solche Herrschaften nach. Finster und gruselig, aber klinisch sauber – und die Katzenköppe sind nur aufgemalt. Die Damen leuchten in der Dunkelheit, so sind sie geschminkt und gestylt. Total chic und bemüht lässig steigen sie ins Taxi und lassen sich ins Adlon fahren. Am Ende der Fahrt gibt es 20 Cent Trinkgeld.

Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Köpenicker Straße, leuchtet das Restaurant Richard. In den Neunziger Jahren war da drin das Maxwell. Eines Nachts drangen Autonome dort ein und zündeten eine Handgranate. Das sollte eine Anti-Gentrifizierungsaktion sein und tatsächlich verließen die Maxwell-Leute den Kiez und zogen nach Mitte. Das war jedoch der einzige Sieg der autonomen Militaristen. Manchmal, wenn ich so das Publikum im Spindler & Klatt und all den anderen ähnlichen Läden so sehe, denke ich doch an die spektakuläre Aktion im Maxwell. Vielleicht sollte man. Oder lieber doch nicht? Nein. Es ist eh zu spät.




Der Turm

Eines der ersten und bekanntesten Häuser während der 1980er Bewegung der Hausbesetzer war der “Turm”. Das Haus direkt an der Mauer wurde im September 1979 besetzt. Plakat 1980Aufgrund seines markanten Treppenhauses hatte es schnell den Namen Turm weg. Besetzt wurde es von Jugendlichen auf der Suche nach einer Bleibe, sie strebten den Abschluss von Mietverträgen an. Doch weil sich Senat und Eigentümer stur stellten, erfolgte eine Radikalisierung, so dass Vertragsverhandlungen schließlich abgelehnt wurden.
Der Turm war eines der buntesten Häuser der Stadt. Die Bewohner waren an vielen Aktivitäten der Bewegung beteiligt, Kinderbauernhof, Anarcho-Schwarzmarkt, Tuwat-Kongress usw.
Der Turm heuteAm 28. März 1980 beteiligen sich die Turm-Bewohner maßgeblich an der Gründung des “Besetzterrats”, der die Interessen der besetzten Häuser nach außen vertrat. Ein Jahr später, im April 1981, stürmte die Polizei das Gebäude für eine Razzia. Die befürchtete Räumung blieb jedoch noch aus.
Vor dem Turm (seit dem Mauerfall die Rückseite des Gebäudes) entstand der Kinderbauernhof, der sich bis zur Adalbertstraße hinzieht. Er existiert bis heute. Außerdem wurde 1981 von einer Gruppe Jugendlicher das Nebenhaus “Leuschi 7” besetzt.
Im Frühjahr 1983 stellte der Senat dem Turm ein Ultimatum: Entweder Vertrag oder Räumung. Die Besetzer lehnten jedoch weiterhin Verhandlungen ab. Daraufhin wurde das Haus sowie die Leuschi 7 am 28. Juni 1983 geräumt. Im Nachhinein erhielten die Bewohner jedoch Verträge für die einzelnen Wohnungen.




Ach, die Jugend

Mit diesem Spaziergang in Berlin endet die Serie mit den Texten von Diether Huhn. 250 Spaziergänge hat er publiziert, bis er im September 1999 im Alter von 64 Jahren starb. Sie alle wurden in den vergangenen fünf Jahren an dieser Stelle nochmal veröffentlicht.

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Ach, die Jugend. Dieses “Ach” heißt: Manchmal sehnt man sich nach ihr zurück, manchmal freut man sich, dass man sie hinter sich hat. 1968 war ich Richter am Landgericht. Zur 500-Jahr-Feier des Kammergerichts schrieb ich in der Deutschen Richterzeitung in gehobenem Tone über “oppositionelle Richter”. Ich hatte für mich die Geschichten von ein paar Leuten entdeckt, von denen die meisten Kollegen nichts wussten. Oft arbeitete ich in der Amerika Gedenkbibliothek am Halleschen Tor. Wenn ich Pause machte, ging ich auf den Dreifaltigkeitsfriedhof am Mehringdamm. Die Friedhöfe am Halleschen Tor und auch die anderen der dort aneinander gefügten Friedhöfe gehören zu den schönsten Friedhöfen in Berlin; vielleicht überhaupt zu Berlins dichtesten Örtlichkeiten. Ich bin bis heute oft hier. Ich kann das Geschichtsgefühl nicht entfühlen, das das Gelände, umtost und verkehrsumbraust, bis heute versendet. Kann man durch geheimen Zauber die Vergangenheit, oder mindestens Teile davon nicht doch zurückholen? 50 Jahre ist der Stadtgerichtsrat Carl Twesten alt geworden; hier an der Mauer – schräg gegenüber von Mendelssohn Bartholdys ist er inmitten seiner Familie begraben. Das Relief in der Mitte zeigt seinen Vater, der Professor der Theologie war; Nachfolger Schleiermachers; Schleiermacher, der preußischste Theologe war Carl Twestens Pate. Heute, an diesem sonnigen Spätsommertag, bin ich um vieles älter als der Tote; ich stehe wieder hier; oder ich stehe noch hier, meine Lebensfreundin stützt mich, weil ich ein bisschen krankheitsschwach auf den Beinen bin.

Als ich aufhörte, Richter zu sein, hatte ich einen höheren richterlichen Rang erreicht, als ihn Carl Twesten, der nun auch jünger ist als ich, je erreicht hatte. Twesten war zu seiner Zeit einer der bekanntesten deutschen Politiker und Publizisten. Zwischen 1850 und 1870 war er vielleicht der bekannteste deutsche Politiker und Publizist. Das Vergessen hat ihn, den Vielbesprochenen, so vollkommen eingeholt wie uns, von denen von Anfang an niemand gesprochen hat. Weiter als bis hierher zu den Friedhöfen am Mehringdamm – bequem erreichbar mit der U6 – braucht eigentlich niemand zu gehen, der in Berlin ein Geschichtsbuch aufschlagen will, das nicht nach den Jahren zählt. Ich lerne hier immer mehr, kann immer mehr Gedichte auswendig hersagen und ergänze mir immer mehr abgeschlossene Leben zu vollständigen Geschichten. Gestern Abend habe ich meiner Lebensfreundin laut und mit mancher gerührten Pause die Rede vorgelesen, die Karl Dorn, ein glänzender Verteidiger aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, zu Gunsten von Carl Twesten in einem jener politischen Strafprozesse gehalten hat, mit denen der preußische Staat oppositionelle preußische Richter bedrohte: “Das politische Leben, die Abstimmungen und Meinungen der Abgeordneten des Volkes unterliegen nicht der Beurteilung irgend einer Behörde. Unerschrockenheit ist die erste Pflicht des Volksvertreters, die Meinung, die er für die richtige hält, gleichviel ob sie andere für die richtige halten, diese Meinung muss er verteidigen, solange er sie verteidigen kann. Blicken Sie dagegen um sich in unserem Vaterlande, wohin Sie sehen, überall politische Prozesse! Sie sind die Frucht des leidenschaftlichen Hasses, der angeregt und angestiftet wird durch böse Geschäfte. Schrecken und Trauer werden in die Familien getragen. Der unschuldige Bürger wird fortgerissen von seinem häuslichen Herd, monatelang in Fesseln geschlagen und einer traurigen Untersuchungshaft unterworfen, um dann endlich, endlich seine Freiheit wieder zu erlangen. Niemand fühlt sich mehr sicher in seinem Hause, der Bürger zittert vor dem Bürger und fürchtet Verrat. Es ist die traurige Zeit der politischen Verfolgungen.”

Die Geschichte der politischen Opposition ist stets auch eine Geschichte politischer Prozesse gewesen. Man könnte die Geschichte der Opposition in Deutschland in spiegelbildlicher Verkehrung schreiben, indem man von den Prozessen gegen deutsche Oppositionelle berichtete. Auf den Präskriptionslisten stehen die glänzendsten Namen, solche, die aufgerufen werden dürfen als deutsche, wenn in Not- und Schuldzeiten Deutschlands ein Hinweis auf seine besseren Möglichkeiten ratsam und notwendig ist: So der Name Theodor Mommsens, der Name – wie gesagt – Carl Twestens, des populärsten Mannes im Lande, wie Lassalle sagte, des Vorsitzenden der Fortschrittspartei, später der National-Liberalen Partei, die, bei Opposition in den meisten außenpolitischen Fragen, die eigentliche Regierungspartei Bismarcks war: der “politische Arm” des Liberalismus; der Partei der Deutschen Bank; Werner von Siemens, Rathenau, Virchow, Forckenbeck, Unruh, Lasker, Delbrück gehörten ihr an.
Über die Zossener Brücke, unter Siemens’ Hochbahn hindurch, am Patentamt vorüber, einem mächtigen architektonischen Gruß des endenden 19. Jahrhunderts ans 20. (von Hermann Solfs und Franz Wichards), entlang an Erich Mendelsohns Haus der IG Metall von 1929/30, spazieren wir bis zu der Wohnanlage Ritterstraße Nord (von Ganz und Rolfes), die eine Wende, heißt es, in der Berliner Baupolitik der Nachkriegszeit markiert. Daneben liegt der erste Hochbau der Weimarer Republik, ironischerweise das Gebäude der ehemaligen Reichsschuldenverwaltung, gebaut von German Bestelmeyer, 1919-1924, von “monumentaler Schlichtheit”: dem Vornamen des Architekten entsprechend. Gegenüber breitet sich seit den 1880er Jahren der Waldeck-Park aus mit einem Marmorstandbild von 1889: Waldeck, wie er leibte und lebte: der oppositionellste aller oppositionellen Richter, Obertribunalsrat, 1870 gestorben, jeder zweite Berliner folgte – aber das wird eine journalistische Übertreibung sein – der Leiche von der Link- in die Liesenstraße. Und auch jenes Imperfekt ist falsch, unüblich, im 16. Jahrhundert zurückgeblieben.




Hasenheide

Mit der Hasenheide beginnt oder endet Neukölln gegen Kreuzberg. Aber eigentlich beginnt oder endet hier nichts. Die Stadtgegend zwischen den Tempelhofer Höhen und der großen West-Ost-Magistrale Gneisenaustraße/Hasenheide ist einheitlich. Ihre Einheitlichkeit ist berlintypisch; ein Signum dieser Weltstadt, deren Weltläufigkeit so schwer erfahrbar ist, ist das Grün, das Grün der Bäume am Straßenrand, der kleinen und größeren Parks und der Friedhöfe; und die kiezige Lebhaftigkeit dazwischen. Wer vom Kreuzberg herüber nach einem weiten Blick über die Stadt durch die Bergmannstraße bis zum Südstern gegangen ist, wo Kreuzberg und Neukölln eins werden, der hatte zur Rechten eben eines der schönsten Friedhofsgelände der Stadt und er hat den ehemaligen Standortfriedhof an der Lilienthalstraße vor sich, neben dem er parallel zur Autostraße Hasenheide den westlichen Eingang in den Volkspark Hasenheide findet. Friedhof an Friedhof; der lebhaft-ruhige, die Gegensätzlichkeit der Stadt aufhebende und aufbewahrende Stadtpark ist umgeben von Friedhöfen: im Süden noch der merkwürdige, fast beunruhigende Garnisonfriedhof am Columbiadamm, ein Platz martialischer Hintergründigkeiten, daneben der alte mohammedanische Friedhof, der heute wie ein Hochsicherheitstrakt geschützt wird. Und am östlichen Ende des Volksparks wäre es über die Welserstraße (zum Beispiel), die Thomashöhe hinab, nicht weit zu dem großen Neuköllner Gräberfeld, das sich die Hermannstraße entlang streckt. Berlin hat viele Friedhöfe. Viele davon sind schön. Als ob besonders viel gestorben würde in Berlin, oder besonders schön. In Berlin wird so viel gestorben wie überall; aber es gab Zeiten, in denen hier schlimmer gestorben wurde als in anderen Weltstädten. Wer so alt ist wie ich, hat es noch selbst erlebt. Menschen als Kollateralschäden. Aber an die denkt der Spaziergänger nicht, der nun in den Park der Lebendigen hinein wandert. Der Weg führt im Rücken der Häuser entlang, die die Fassaden der Verkehrsstraße Hasenheide bilden. Ihre Höfe öffnen sich hierher, einige neuerdings mit freundlichen Balkonkonstruktionen. Dort sitzen die Bewohner und schauen auf die sanften Wiesen herab, die sich zur Rixdorfer Höhe hinauf ziehen.

Der Volkspark Hasenheide, das ist schon was, ein echtes städtisches Stück. “Draußen ist es laut wie in Ankara oder in Teheran”, sagt Medhi, der selbst aus Teheran stammt. Das Gelände gibt es als Nutzfläche seit Ende des 17. Jahrhunderts; der Kurfürst wollte sicher sein, dass er frische Hasen auf den Tisch kriegt und befahl deshalb seinen Forstmännern ein Hasengehege. Gegen 1840 machte der große grüne Lenné einen Landschaftspark daraus; später diente er als Schießplatz für die Soldaten der Garnison, die hier lernten, ihre Klassengenossen aus anderen Ländern zu Tode zu bringen (oder muss man das anders sagen? Aber worum geht es schließlich, wenn Soldaten schießen lernen?). Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war das Gelände ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner, mit vielen Bier- und Kaffeegärten; Volkspark – wie wir heute sagen – ist es erst seit 1936/39, als schon wieder eine deutsche Zeit begann, in der das Schießen auf Nachbarn zu den Heldentaten zählte.

An diesem Vormittag sind die meisten Besucher des Parks Kita-Kinder mit ihren Erzieherinnen. Ich sitze mit meiner Lebensfreundin und Medhi auf einer Bank am unteren, südlichen Weg. Wir freuen uns an den Kleinen, die die Welt bestaunen und sich aneignen. Die meisten Erzieherinnen wirken ernsthaft und mütterlich. Auf der Wiese, die aufwärts führt zu dem Denkmal von Turnvater Jahn, liegen in der Mittwochs-Mittagssonne zwei fast nackte Männer.
“Wenn es Frauen sind, heißt es lesbisch”, erklärt die hochgewachsene Erzieherin, “wenn es Männer machen, heißt es schwul … Aber die hier”, fügt sie nach einer kleinen Pause hinzu, “sonnen sich jetzt nur.”

Friedrich Ludwig Jahn, der Turnvater, im altdeutschen Rock, aus fester Bronze, blickt von seinem in halber Höhe hinter einem Platz und einer Treppenanlage liegenden Denkmal zu uns herab. Jahn, der das Geräteturnen zwar nicht alleine erfunden, aber in Deutschland zu einer politischen Bewegung gemacht hat, war Lehrer am Grauen Kloster und 33 Jahre alt, als er hier, in der Hasenheide, 1811 den ersten Turnplatz, mit Riesengeräten, eröffnete. Die sogenannten Befreiungskriege, nach denen halb Kreuzberg bis heute verehrend heißt, erfassten Jahn und das Turnen; und als aus diesen Kriegen statt Befreiung für das Volk, das in ihnen geblutet hatte, Restauration und Unterdrückung hervor ging, war Turnen plötzlich eine staatsfeindliche Betätigung; Jahn mit Berufsverbot belegt, verhaftet, erst Spandau, Festung Küstrin, Berliner Stadtvogtei: Hochverrat. Zu Ende war die unrechtmäßige Verfolgung erst 1825, endgültige Rehabilitierung erst 1840; 1848/49 Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, Tod 1852 in Freyberg an der Unstrut; Weltgeltung folgt, Denkmäler wie dieses hier in der Hasenheide; Turnvereine in aller Welt hatten zehn Jahre lang bis 1872 dafür gesammelt; viele steinerne Erinnerungszeichen sind in der Balustradenmauer noch da, die metallenen nach WK 2 meist gestohlen und als Altmetall verwertet.
Während ich den ABM-Leuten zusehe, die das Denkmal gärtnerisch auf Zack bringen, und die Sonne im hohen Mittag steht, fällt mir die Nachtschatten-Geschichte ein, deren geistesgeschichtliche Komik darin besteht, dass der Untersuchungsführer im Verfahren gegen Jahn 1820 in der endlich errichteten einigermaßen unabhängigen Untersuchungs-Kommission E.T.A. Hoffmann war, der Gespenster-Hoffmann, der Teufels-Hoffmann, der große Schriftsteller, im Zivilberuf einer der höchsten Richter Preußens. Hoffmann und Jahn: der kleine, schmächtige, dämonenverfolgte Intellektuelle und der deutschtümelnde Kraftmensch: einen skurrileren Typengegensatz kann man sich gar nicht denken, als ihn hier die Wirklichkeit schafft. Fast 100 Druckseiten ist die juristische Arbeit lang, in der Hoffmann die Vorwürfe gegen Jahn untersucht; nicht Literatur, reine Jurisprudenz, aber von der besten Art. Ein Freund der Turnerei ist Hoffmann natürlich nicht. Sie wollten lieber das Leben lassen als das Turnen, hatte Hoffmann Turner sagen hören. Man kann sich vorstellen, wie ein solcher Satz sich in seinem Votum anhört: “Knabenunfug”. Aber: Hochverrat? Nicht die Rede davon! Jahn in Freiheit setzen!
Eine Zeit der Berufsverbote, der unrechtmäßigen Polizeiaktionen und der bösartigen Staatsverfolgung haben wir auch erlebt, denke ich. Ich will nichts vergleichen, aber mich der Leute doch erinnern, denen die Rechtsprinzipien nicht so schnell wohlfeil wurden, was immer sie sonst dachten. “Auf die Erinnerung, dass doch eine Tat begangen sein müsse, wenn es einen Täter geben solle, meinte Knarrpanti, dass, sei erst der Verbrecher ausgemittelt, sich das begangene Verbrechen von selbst finde.” Knarrpanti nannte der Kammergerichtsrat H. im “Meister Floh” den Polizeiminiser von Kamptz. “Das Denken, meinte K., sei an und vor sich eine gefährliche Operation und würde bei gefährlichen Menschen eben desto gefährlicher.”
Über der Hasenheide liegt die Sonne eines friedlichen Mittags. Die ABM-Leute zupfen Gras aus dem kleinen Versammlungsplatz, auf dem ich sonst mit meiner Lebensfreundin allein bin. Ein Adieu an Jahn! Ein Hoch auf den Kammergerichtsrat! Wir sind zurück aus der Geschichte.

 




Gözleme Straße

Im Januar dieses Jahres erschien im Stadtplandienst von Google plötzlich der Eintrag “Adolf-Hitler-Platz”. Einst hieß der Theodor-Heuss-Platz in Charlottenburg wirklich mal so, aber das war lange vor Google-Zeiten. Wie es zu dem Eintrag kam, konnte nicht geklärt werden.
Nun wurde der Onlinedienst anscheinend wieder mal gehackt. Die Görlitzer Straße in Kreuzberg erhielt bei Google Maps den Namen Gözleme Straße, benannt nach einer Teigtasche aus der anatolischen Küche. Und auch an mehreren Straßenschildern wurde der Name angeklebt.
Wer hinter der erneuten Umbenennung steht, ist unbekannt. Der neue Name, der im Kartendienst mittlerweile wieder gelöscht wurde, ist jedenfalls wesentlich geschmackvoller als der Adolf-Hitler-Platz.




Moritzplatz

Der Kreuzberger Moritzplatz ist ein typisches Beispiel dafür, wie erst der Krieg einen Stadtteil zerstört und danach eine widersinnige Stadtplanung verhindert, dass daraus wieder etwas erwächst.
Bis in die 1940er Jahre war der Platz eine Kreuzung, kein Kreisverkehr. An der südöstlichen Ecke befand sich das große Wertheim-Kaufhaus. Extra wegen dieses Kaufhauses hatten die Verkehsbetriebe den U-Bahn-Bau vom Kottbusser Tor zur Neanderstraße (heute Heinrich-Heine-Straße) gestoppt. Statt unter dem Oranienplatz hindurch wurde die Linie nun zum Moritzplatz geführt. Hier sollte eigentlich ein Umsteigebahnhof gebaut werden, weswegen der Bahnhof heute eine viel zu große Zwischenetage hat.
Wertheim bekam zwar seinen U-Bahnhof, wurde aber während des Kriegs zerstört, so wie auch die anderen Gebäude ringsum.
In den Nachkriegsjahren war geplant, eine Autobahn durch Kreuzberg zu bauen, auch quer über den Platz. Zwar war nach dem Mauerbau klar, dass daraus erstmal nichts wird, trotzdem wurde außer einem Fabrikneubau jahrelang nichts mehr am Moritzplatz gebaut. Dem Platz hat das nicht gutgetan.
Unmittelbar nördlich des Kreisverkehrs befand sich während der Mauerzeit ein Grenzübergang nach Ost-Berlin, wie auf dem Foto gut zu sehen ist. Die eigentliche Mauer verlief an der Sebastianstraße.

Unmittelbar neben dem tosenden Verkehr des Moritzplatzes befindet sich heute eine ländliche Idylle.  Wo einst Wertheim stand, liegen jetzt der Prinzessinnen-Garten, ein 2009 entstandenes Projekt, in dem Menschen aus der  Umgebung eigenes Gemüse, Salate und Kräuter anpflanzen. Manches was hier geerntet wurde, wandert direkt in die Küche des Gartens. Und oben drüber summen die Bienen der kleinen Imkerei.
Natürlich gibt es schon einen szenepassenden Namen dafür: Urban Gardening. Sinn dieser  Stadtgärten ist sicher nicht nur, dass man sich sein autoabgasverseuchtes Gemüse selber  zieht, sondern vor allem das soziale Miteinander.

Dass der Moritzplatz aber jemals wieder ein attraktiver Ort wird, ist leider zu bezweifeln.




Zwei Rosen für Varnhagen

Dieser Spaziergang durch Mitte beginnt in Kreuzberg.
Der älteste Teil des Friedhofsareals am Mehringdamm ist der fast quadratische Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde; er hat keinen eigenen Zugang, ist nur über die anderen Friedhöfe zu erreichen und hat deshalb etwas besonders Abgeschiedenens. In der Diagonale zu den Gräbern der Mendelssohn-Bartholdys liegen hier, dicht an der Südmauer zur Baruther Straße, neben dem umrankten Komposthaufen die Gräber von Rahel Levin und Karl August Varnhagen. Dieser Stätten wegen sind wir jetzt hier; denn wir wollen von diesem letzten Aufenthaltsort des berühmten Paares aus die Orte in Mitte besuchen, an denen sie gelebt und ihre Geschichte gemacht haben.
Die so friedlich nebeneinander liegenden Gräber sind ein späteres Arrangement. Varnhagen – gestorben am 10. Oktober 1858 in der Mauerstraße – war zwar katholisch getauft gewesen, aber er hatte den Wunsch, auf diesem protestantischen Friedhof beerdigt zu werden. Rahel war zu dieser Zeit schon ein Vierteljahrhundert tot, aber sie hatte sich gewünscht, 30 Jahre in kein Grab zu kommen, sondern in einer Totenhalle zu liegen. “So geschah es”, heißt es, erst im Juli 1867 ist sie hier neben ihrem Ehemann in die Erde gebracht worden. Die weißen Grabplatten sind efeuumrankt, verwittert, die Aufschrif ten allenfalls noch für den lesbar, der den Text von früher kennt. Niemand – scheint es – kümmert sich um die berühmten Gräber. Wir müssen eine Initiative gründen: Neue Grabplatten für die Varnhagens. Dafür werden wir gewiss auch Professor Blumenthal gewinnen, den ehemaligen US-Finanzminister, der jetzt Direktor des Jüdischen Museums ist und eben so schön über Rahel geschrieben hat.

In der kleinen Friedhofsgärtnerei am Mehringdamm habe ich drei rote Rosen gekauft. “Eine für Rahel, zwei für Varnhagen.” “Aber sie ist doch die viel berühmte re”, sagt L., meine Lebensfreundin, “und er ist nur die Witwe Rahels”. Eben nicht; dieses Bild kommt aus den Rahelbüchern. Varnhagen ist in seiner Vollständigkeit überhaupt noch eine unbekannte Größe der deutschen Geistesgeschichte … und so weiter; so rede ich, während wir – am Jüdischen Museum vorbei – durch Linden-, Markgrafen- und Charlottenstraße das neue Berlin erreichen, das Berlin-Mitte hier ist.

Zunächst sitzen wir an einem Straßentisch vor dem Café Adler am alten Checkpoint Charlie; links und rechts amerikanische Ehepaare, aus ländlichem US Gebiet, “from Vermont” und “from Michigan”, freundliche Menschen, die hier das Gefühl haben, an einem weltgeschichtlichen Platz zu verweilen. Der Wind bläst die Friedrichstraße herauf und weht Staub in den Milchkaffee. “Man denkt, man ist am Meer und die Leute kommen vom Strand heim.” Im “Haus am Checkpoint Charlie” verteidigt ein alter Mann eine Geschichte, die es nicht mehr gibt. Die Welt ist offen.
Gleich hinter diesem gewesenen Türchen in der Weltenmauer biegt in elegantem Bogen die Mauer straße nach Westen ab. Gegenüber dem “Friedrichs”, dem angenehmen Bistro unserer Freundin Ada Scholz, ist der Grundriss der Barockkirche der Böhmischen Brüder ins Straßenpflaster gemauert. So ähnlich wie diese Kirche – von Friedrich Wilhelm Diterich 1735 gebaut, der auch die Kirche in Buch entworfen hat, die noch da ist und an der man sich orientieren kann, wenn man eine Anschauung braucht – so ähnlich sah auch die Dreifaltigkeitskirche aus, von deren Friedhof wir kommen. 1943 ausgebrannt, 1945 zerstört. Es gibt einen Stich, der die breite Mauerstraße hinter der Leipziger zeigt, auf diese Kirche zulaufend, darauf auch das Haus, Mauerstraße 36, in dem Varnhagens sechs Zimmer mit Küche bewohnten, seit 1827.
“Kann ich Ihnen helfen?” fragt mich eine freundli che junge Frau. Ich stehe vor dem Ärztehaus, am Haus der Berufsgenossenschaft für die Chemische Industrie. Es gelingt mir nicht, mir vorzustellen, wie es hier 1830 ausgesehen haben mag. “Kommen Sie doch mit herauf”, sagte Varnhagen zu Grillparzer, aber wer kennt Grillparzer noch? “Rahel wird sich freuen”, Grillparzer war müde, er wollte nicht, aber als Rahel ihnen entgegen kam, wie eine Fee aussehend, um nicht zu sagen wie eine Hexe, fügte er sich in sein Schicksal. Sobald sie aber zu sprechen anfing, war er bezaubert, “die Müdigkeit verflog und machte einer Art Trunkenheit Platz”.
Vor allem kam Alexander von Humboldt. Er war gewiss der berühmteste Besucher dieses sogenannten zweiten Berliner Salons der Rahel in der Mauerstraße. Den Text des Kosmos, seines Meisterwerkes, gab er Varnhagen zum Überarbeiten. Die klassische Sprache dieser epochalen Naturgeschichte, heißt es heute, ist weitgehend Varnhagens Werk.

Wir gehen die Kronenstraße abwärts. Eine typische Berliner Übergangsstraße des [vorletzten] Jahrhundertendes. Die Südseite mit Neubauten und bestrenovierten Vorjahrhundertgebäuden bestellt, noch wenig bezogen, die Straße ungepflastert, noch nicht passierbar; solange wir im bayrisch gastlichen Leopolds, Kronen- Ecke Friedrichstraße, draußen an der Straße sitzen bei unseren Weißwürsten, kommt kein Mensch vorbei, mitten in der Metropole ein abgeschiedener Ort.
Vor allem hat er Tagebücher geschrieben, Aufzeich nungen niedergelegt. Varnhagen, vorne in der Mauerstraße, ist vielleicht der größte Zeitzeuge des seine Mitte erreichenden 19. Jahrhunderts. Die Bücher, die die Nichte Ludmilla Assing aus dem Nachlass veröf fentlichte, sind alsbald vom Preußischen Staat mit Verboten verfolgt, Ludmilla Assing ist mit Gerichts verfahren überzogen, zu Freiheitsstrafen verurteilt worden und musste aus Deutschland fliehen. Die Sätze aus Varnhagens Feder waren auch noch zu Zeiten des Bismarck-Reiches skandalös. Das Material ist längst nicht erschöpft, heißt es. Erst nachdem der eiserne Vorhang aufgezogen ist, hat man – in Krakau – den fast unversehrten Varnhagen-Nachlass wiedergefunden. Die Geschichte Varnhagens ist nicht zu Ende. Ich stelle mir vor, was aus ihm geworden wäre, wenn er tatsäch lich Preußens Botschafter in Washington geworden wäre. Da hätte er nicht nein sagen sollen … So reden wir, als ob die Geschichte ein Wunschkonzert wäre.
Dann gehen wir natürlich hinüber über den Gendarmenmarkt, zur Jägerstraße; in dem fein reno vierten Haus Nummer 54, in der Dachstube, unterhielt Rahel ihren ersten Salon, in dem Größen der verge henden und der kommenden Zeit verkehrten. Wir gehen die Jägerstraße, Richtung Außenministerium zuende, bewundern die immer fertiger werdende Sendezentrale von Sat1 – eine schönere Unterkunft hat kein TV-Sender in Europa und wo überhaupt in der Welt -; über den Hausvogteiplatz kommen wir in die Taubenstraße.
Die “Brasserie” dort ist ziemlich neu, da machen wir halt und analysieren die anderen Gäste: Sat1-Journalisten und mit den eckigen Köfferchen die Regierungsrä te, die in Berlin ihre endgültige Wohnung noch nicht gefunden haben.
Die Zeit von Rahels erstem Salon war eine Zeit des Endes, die französische Revolution rückte mit Napole on heran, mit der bürgerlichen Freiheit für die Juden übrigens, die nach den Befreiungskriegen wieder hin war: befreit von der Freiheit. Und jetzt, welche Zeit erlebt Berlin jetzt? Der Gendarmenmarkt und die umliegenden Straßen statten sich aus. Es ist für alle Berliner, die alten und die neuen, östlichen wie westli chen, eine ganz neue Zeit. Die Geschichte ist nur Dekor. Keine Angst! Aber aufpassen!

 




Hetze nach Mord an Flüchtling

Heute Mittag wurde in der besetzten Gerhard-Hauptmann-Schule in Kreuzberg einer der Flüchtlinge von einem Mitbewohner erstochen. Es war nicht der erste Streit in der Unterkunft, der mit Messern ausgetragen wurde. Mehrmals gab es in den vergangenen Monaten Prügeleien und Messerstechereien auf dem Gelände.
Aus diesen Grund hatte die Bezirksverwaltung einen privaten Sichrheitsdienst eingerichtet. Dieser kontrolliert aber sicher nicht die Duschen, in denen die Tat geschah.
Sofort nach Bekanntwerden der Tat begannen die üblichen Verdächtigen, sie für ihre politischen Zwecke auszuschlachten. Irgendwelche autonomen “Unterstützer” machten die Lebensbedingungen in dem Gebäude für die Tat verantwortlich. Als ob die Menschen gezwungen wären, dort zu wohnen. Bisher haben sich die meisten einfach geweigert, in ein anderes Gebäude zu ziehen, weil ihnen von den “Unterstützern” eingeredet wurde, dass es ihnen dort noch schlechter gehen würde. Natürlich sind die bestehenden Flüchtlingsheime kein schönes Zuhause – aber besser als die besetzte Schule sind die Verhältnisse dort allemal.

Besonders widerlich reagierte erwartungsgemäß der Kreuzberger CDU-Chef Kurt Wansner. Der “Innenexperte” forderte wieder mal, dass die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann zurücktreten solle. Indirekt machte er sie für den Tod des Flüchtlings mit schuldig. Dabei ist er einer derjenigen, die mit ihrem Fundamentalismus die Situation rund um die Flüchtlinge eskalieren lassen. Statt nach einer menschlichen Lösung zu suchen, schürt er den Hass.