Abi-Ball

Jetzt war wieder die Zeit der Abi-Bälle. In Hotels, in Konzertsälen oder auch in Läden wie der Moabiter Universal Hall, wo sonst Boxkämpfe stattfinden. Dort stand ich, um eine sehr aufgetakelte, sehr betrunkene Lady nach Hause ins Westend zu fahren. Sie trug ein goldfarbenes Satinkleid, das nicht weit unterhalb des Bauchnabels endete und selbst wenn sie noch in der Lage gewesen wäre, hätte sie damit nachts lieber nicht auf der Straße rumlaufen sollen. Tat sie auch nicht, sondern sie setzte sich zu mir ins Taxi, flüsterte mir lallend ihren Straßennamen ins Ohr und machte es sich dann auf dem kompletten Rücksitz bequem. Am Ziel angekommen stieg sie aus und wankte zur Haustür.
Ich ging ihr hinterher und sagte, dass sie wohl noch was vergessen hätte. “Scheiß Typen, man. Ich hab kein Geld, ey.” Das war mir egal, ihre Fahrt hatte sie zu bezahlen, trotz ihres Schmollmunds und treudoofen Dackelblicks.
Da ich sie nicht ins Haus ließ, ohne dass sie bezahlte, war sie ratlos, klingelte dann aber Sturm. Nach ein, zwei Minuten die genervte Stimme von oben, was denn los sei. “Mama, bring mal Geld runter, für Taxi!” Mama tat’s, Taxifahrer war zufrieden, und Tochter kotzte während des Bezahlens ins Gebüsch. Wenigstens hat sie solange gewartet.

Abi-Bälle sind komisch, jedenfalls ihre Besucher. Sie sind alle um die 18, 19 Jahre alt, brezeln sich jedoch auf, als hätte sie schon die doppelte Zeit hinter sich. Schmale Jungs in Anzügen, die nicht wirklich passen. Mädels in Abendkleidern, in diesem Jahr mit auffallend vielen Turmfrisuren. Sie spielen eine Erwachsenengesellschaft, wie man es sonst eher von Sechsjährigen kennt. Ich finde es unnötig, affig und peinlich. Vielleicht ist es für mich auch nur so befremdlich, weil die Klamotten in so einem Kontrast zu den jungen Gesichtern stehen. Es unterstreicht das Gekünstelte, das offensichtliche Noch-nicht-erwachsen-sein.
Am Liebsten würde ich ihnen sagen, dass sie sich ihre Jugendlichkeit noch bewahren sollen, die verschwindet irgendwann von ganz allein. Und dann beginnen sie plötzlich sich wieder jünger zu stylen. Aber vielleicht wollen sie ja gar keine Jugendlichen mehr sein.




Grüne Jungs

Die feschen Buam, die mir an der Grünen Woche lärmend ins Auto stiegen, waren gar nicht aus Bayern, sondern von der Nordseeküste. Aber wer erwartet bei diesen Minusgraden schon Fischköppe in Sepplhosen…
Drei Jungs, ein Mädel, alle von ihrer Agrarberufsschule nach Berlin geschickt, mussten von mir erstmal in ihre Grenzen verwiesen werden. Z.B. dass die Fenster nicht dazu da sind, um aus ihnen an Bushaltestellen wartende Frauen mit sexistischen Sprüchen zu belegen. Oder dass sie sich alle anzuschnallen haben. Für sie wurde es noch eine lehrreiche Fahrt.

Am Nolli vorbeifahrend sagte einer von ihnen, Jonas, dass das hier das schwule Viertel von Berlin sei. Natürlich waren alle gleich auf Hundert, der Soziologe würde sofort gruppendynamische Zusammenhänge gepaart mit nicht aufgearbeiteten sexuellen Präferenzen erkennen. Jonas hatte die lauteste Stimme und saß von mir am Weitesten entfernt. Er versuchte von seinem Spruch abzulenken und mich in ein Gepräch zu verwickeln, was aber wegen der Lautstärke im Auto echt schwierig war.
Seine Frage nach Ehefrau oder Freundin habe ich damit beantwortet, dass ich beides nicht habe und auch nicht haben will. “Was, bist Du etwa schwul? Ich meinte, sind Sie etwa schwul?”
“Ja.”
“Das glaube ich nicht.”
“Soll ich es Dir beweisen? Ich kann Dich gerne heute Nacht nach Feierabend im Hostel abholen.”
Jonas sah ein wenig geschockt aus. Sicher ist man auf dem Dorf so einen offenen Umgang nicht gewohnt. Aber dann war ich schon überrascht, als er nach ein paar Sekunden sagte: “O.K. Wann?”
Das war der Moment, als es im Taxi ziemlich still wurde und die anderen ihr Lachen verschluckten.
“Ich mache meistens gegen 2 Uhr Schluss, da komme ich gerne vorbei und wir unterhalten uns weiter.”

Der Junge neben mir grinste die ganze Zeit und meinte zu mir: “Du siehst gar nicht aus wie ein Schwuler.”
“Du meinst wohl, wie DU Dir einen Schwulen vorstellst.”
“Na ja. Ja. Willst Du echt Sex mit Jonas haben? Das ist doch eklig.”
“Aha. Woher weißt Du das denn so genau?”
(Fast) alle lachten wieder.
“Aber ist es nicht so, dass Ihr Euch gegenseitig hinten rein, und so?”
“Machen das Heteros etwa nicht?”
“Ja, vielleicht. Aber nicht nur.”
“Jeder wie er will, oder? Außerdem seid Ihr doch in einem Alter, in dem man ruhig mal was ausprobieren sollte, denke ich. Ob Mann, Frau oder Schaf…”
Das war zu viel, jetzt ging ein Protest los, der sich aber vor allem darauf bezog, dass sowas ja nur Bayern machen würden. Auch eine schöne Argumentation.

Am Ziel angekommen stand die Uhr auf 15,60 EUR. Der Junge neben mir gab Zehn und rief nach hinten, dass noch 6 Euro fehlen. Jonas reichte mir einen Zehner und sagte “Stimmt so. Und echt vielen Dank!”
“Dir auch. Und viel Glück!”
“Danke.”
Aus unserer Verabredung ist leider nichts geworden, aber nächstes Jahr ist ja auch wieder eine Grüne Woche.




Für’n Zehner zum Berghain?

Anders als in anderen Großstädten ist am Berliner Hauptbahnhof morgens um halb Zwei nichts mehr los. Entsprechend wenig Taxen stehen dann dort, ich war mit meiner an vierter und letzter Stelle. Schon als ich ankam, sah ich einen Haufen von Jugendlichen am ersten Wagen stehen und mit dem Fahrer diskutieren. Irgendwann stiegen ein paar ein und der Kollege fuhr weg. Die andern verteilten sich auf den 2. und 3. Wagen. Kurze Diskussion, einsteigen, wegfahren. Die letzten Vier  kamen zu mir, stiegen ein und sagten: “Für’n Zehner zum Berghain.”
Dass zwei von ihnen offene Bierflaschen in der Hand hielten, war mir egal. Allerdings fand ich es ziemlich dreist, dass sie es offenbar als normal betrachten, dem Taxifahrer den Fahrpreis zu diktieren
“So läuft das nicht”, antwortete ich ruhig. “Zum Berghain kostet es mehr, mindestens 15 Euro.”
“Wieso denn? Die anderen fahren auch alle für zehn.”
“Mag ja sein, das ist dann aber ohne Taxameter, also illegal.”
“Das ist doch egal.”
“Nein.”
Schimpfend stiegen sie wieder aus, gingen zur Straße und stoppten dort ein Taxi, das sie auch mitnahm.

Natürlich ist es illegal, “pauschal” zu fahren und in den vergangenen Jahren habe ich das auch nicht gemacht, selbst wenn ich dadurch mehr in der Tasche gehabt hätte. Allerdings hat sich meine Einstellung dazu mittlerweile geändert. Die Gebühr für die Hälfte meiner vermittelten Aufträge muss ich aus eigener Tasche zahlen. Ebenso die Autowäsche, was ebenfalls Sache des Unternehmers wäre. Da kommen im Monat rund 40 bis 50 Euro zusammen. Und so sinkt die Loyalität der Angestellten zum Chef eben stückchenweise, auch wenn ich das eigentlich gar nicht will.

Dass ich die Jungs nicht für zehn Euro zum Berghain gefahren habe, lag also nicht an dem Verbot, sondern an deren arroganten Auftreten. Außerdem war ich einfach zu müde, um mich noch für solch stressigen Fahrgästen belasten zu wollen. Stattdessen brachte ich kurz darauf den müden Eisenbahner nach Lichtenberg – für 20 Euro.




Jung-Rudel

Der Mensch ist ein soziales Wesen und somit ein Herdentier. Das merkt man in Berlin besonders in der Nähe von Hostels und Sehenswürdigkeiten. Vor allem Jugendliche aus fernen Dörfern bevölkern das Terrain, gern in einer Lautstärke, die den Verdacht aufkommen lässt, man wolle damit die Gefahr der Großstadt vertreiben. Wenn das Schreien dutzender Stimmbrüchiger selbst den Autolärm am Potsdamer Platz übertönt, ist das schon beachtlich.
Der Berlin-Besuch gehörte ja schon zu Mauerzeiten zum beliebten Pflichtbesuch der jungen Menschen aus “Wessiland”, so mancher männlicher Jugendlicher erkundete dabei gleich mal die Möglichkeit, nach Abschluss der Schulzeit vor der Bundeswehr nach West-Berlin zu flüchten. Dieser Teil der Stadt war damals auch Ziel westdeutscher Treber, also von Jugendlichen, die von Zuhause ausgerissen sind. Man verabredete mit Freunden, offiziell gegenseitig bei dem anderen zu schlafen und hatte dann einige Stunden Zeit, um durch die Grenzkontrollen nach West-Berlin zu reisen. Wenn die Eltern am nächsten Tag den Coup entdeckt hatten, war man in Kreuzberg oder Wedding relativ sicher verborgen.
Aber die heutige Jugend geht ja nicht mehr auf Trebe. Sie läuft mit einer geöffneten Flasche Bier in der Hand betont lässig über den Pariser Platz, macht Lärm und mit dem Handy Fotos. Lehrer, soweit überhaupt vorhanden, sind meist nicht in der Lage, selbst so wesentliche Dinge durchzusetzen wie das Stehenbleiben an einer roten Ampelkreuzung. Das ist z.B. am Potsdamer Platz eigentlich eine ganz gute Überlebensstrategie, aber viele Junghirne sind offenbar noch nicht so weit ausgereift, um das zu verstehen. Oder sie denken, zuhause in der Dorfstraße hört man ja, wenn ein Trecker kommt, da muss man auch nicht extra aufpassen. Wahrscheinlich aber ist es das Spiel, wer am Coolsten ist. So auch gestern Abend, am Hardenbergplatz vor’m Bahnhof Zoo. Die Fußgängerampel springt genau in dem Moment auf Rot, als der erste von vielleicht 30 Frischlingen in Alter von rund 16 Jahren die Fahrbahn betritt. Wie meistens bedeutet das für alle Folgenden, ebenfalls weiterzulaufen, möglich hintereinander, damit der Letzte dann vielleicht noch das erste Grün erwischt. Jedenfalls fuhr ich langsam an, aber ohne jemanden zu gefährden. Der Leithammel, ein recht groß gewachsener Lulatsch von bestimmt 1,90 Metern, meinte daraufhin umkehren zu müssen und brüllte mich in schönstem Schwäbisch an, was ich doch für ein Dorftrottel sei. Durch das offene Fenster antwortete ich: “Das sagt ja der Richtige. Und jetzt verschwinde von der Fahrbahn, ihr habt Rot.” Er schlug mit der Hand auf das Autodach und brüllte: “Du Arschloch!” Damit war meine Toleranzgrenze erreicht. Ich stieg aus, zog ihn am T-Shirt-Kragen zu mir runter (ich bin ja nur 1,70 groß) und schrie ihn an: “Was willst Du? Du kannst gerne Ärger haben.” Einige der anderen mischten sich verbal ein, kamen aber nicht näher. Ich drückte den Jungen gegen das Auto und plötzlich fing er an zu heulen. Mit dieser Reaktion hatte ich nun nicht gerechnet, seine Kumpels aber auch nicht: “Jetzt flennt er…” rief einer von hinten.
Da ich ihm ja nichts tun wollte, ließ ich ihn wieder los und sagte ihm, er sollte mal sein kleines Gehirn einschalten, denn von anderen Leuten hätte er jetzt schon längst eine Faust im Gesicht gehabt. Nun mischte sich auch der Lehrer ein, der sich bisher schön im Hintergrund gehalten hatte. Ich sollte doch “den Marco in Ruhe lassen” und warum ich überhaupt so aggressiv wäre. Offenbar hält er das Verhalten seines Schützlings für gerechtfertigt, dagegen aber nicht, dass es darauf eine Reaktion gibt. Ich antwortet ihm nicht, sagte nur: “Jetzt könnt Ihr über die Straße, los.”

Nun bin ich ein Mensch, der sich gar nicht so schnell aufregt und schon gar nicht gleich handgreiflich wird. Andererseits lasse ich mich auch nicht gerne von solchen Mackern runtermachen, auch wenn sie noch Pubertierende sind. Auch ich musste in diesem Alter erstmal meine Grenzen auskundschaften und habe das mit einigen blauen Augen bezahlt. Insofern war das gestern eine noch recht gewaltfreie Lektion in angewandter Lehre des Verhaltens im öffentlichen Raum. Vielleicht hat er es kapiert, dann war meine pädagogische Maßnahme erfolgreich: Lege Dich nicht mit Taxifahrern an, die bellen nicht nur, sondern beißen auch!




Blonder Quengel

Es ist ein gewohntes Bild in der Innenstadt: Eine Gruppe von Jugendlichen blockiert den Bürgersteig und schlendert gerne betont langsam über die Straße. Die Jungs halten als Pflichtaccessoir bemüht lässig eine geöffnete Bierflasche in der Hand, ohne die hätten sie vielleicht Angst, sich zu verlaufen. Es sind meist Schulklassen auf Besuch in der Hauptstadt, in rund 100 Hostels ist die Übernachtung ja auch preislich schülerkompatibel.

Vor dem Hotel Ritz Carlton fotografieren sich die Touristen gerne gegenseitig, mancher Doorman ist da freundlich und posiert auch mal.
Anders aber der, der gestern Abend da stand, den habe ich hier noch nie gesehen. Offenbar ist er neu oder wurde von einem anderen Posten an die Front versetzt. Hart gescheitelt, immer wieder seinen Anzug überprüfend, gab er sich alle Mühe, gut auszusehen – oder was er eben darunter versteht.
Es waren diesmal nur fünf Jungs, die auf den Hoteleingang zu schlenderten, natürlich mit Bierflaschen in der Hand. Neugierig näherten sie sich dem hell erleuchteten Eingang, aber schon ein paar Meter vorher stellte sich ihnen der Doorman in den Weg, obwohl das noch öffentliches Straßenland ist. Er hatte es nicht einfach, weil sich die Gruppe etwas verteilte und er schlecht alle fünf aufhalten konnte. Einer der Jungs, schmal und blond, etwa 16 Jahre alt, spielte jetzt Einkriege mit ihm. Er lief um den Doorman herum, der sich ihm nun sogar in die falsche Richtung in den Weg stellte. Vielleicht wurde dem das Spiel jetzt auch zu albern und er zog sich zur Tür zurück, mit verschränkten Armen versuchte er, entschlossen und grimmig auszusehen. Aber vergeblich: Jetzt holten einige der Jungs ihre Handys raus und fotografierten den armen Mann von allen Seiten. Der Blonde tat, als würde er eine Rede halten, ich verstand ungefähr “Der gefährlichste Türsteher Berlins!” Die anderen lachten, auch ich.

Als in diesem Moment ein Taxi mit Fahrgästen ankam, sah der Doorman leicht verzweifelt aus, musste er doch jetzt nicht nur die Tür bewachen, sondern auch dem Hotelgast die Autotür öffnen und das Gepäck rausholen. Brav tat er seine Pflicht und als der Fahrgast aus dem Taxi stieg, empfing ihn nicht nur der Doorman, sondern auch die Jungs, die mit ihren Handys ein kleines Blitzlichtgewitter veranstalteten. Den Gast störte das nicht, er poste sogar noch vor ihnen wie ein Prominenter. Nur der Doorman fand es nicht lustig, aber da war er der Einzige.




“Sind Neger Schweine?”

Die drei Jungs, die mir in Kreuzberg ins Taxi gestiegen sind, machen zuerst einen netten Eindruck. Sie waren fröhlich, gröhlten nicht herum und gaben sich auch nicht als Gangsta-Rapper.
Zuerst sprachen sie untereinander ab, wie der Abend noch aussehen könnte, der Blonde auf dem Beifahrersitz wollte unbedingt noch in eine Bar. Die anderen konnte ich in der Dunkelheit nicht sehen, aber sie mussten alle so um die 16-18 Jahre alt sein. Schließlich einigten sie sich auf eine nette Kneipe zum Billardspielen in der Nähe vom Olivaer Platz.
Während der Fahrt drehte sich mein Nachbar nach hinten:
»Der Neger eben war doch echt ein Schwein, oder? Sind eigentlich alle Neger Schweine?«
Von hinten kam Gelächter, dann aber begann eine Diskussion, allerdings nicht wirklich kontrovers. Im Grunde waren sie alle einer Meinung, wobei so ziemlich alle Schwarzen verurteilt wurden, egal ob sie als Wirt, Taxifahrer, Dealer oder sonstwas vorkamen. Mir wurde das Gespräch immer unangenehmer, zumal ich als Einziger die antirassistische Fahne hoch hielt.
»Wieso sagt Sarrazin eigentlich nichts gegen Neger?«, meinte der Blonde neben mir.
Die Antwort kam von hinten: »Nee, der ist ja nicht nur gegen Türken, sondern gegen Moslems allgemein. Und die meisten Schwarzen sind ja Moslems.«
»Schwarzen? Das heißt Neger, du Neger!«, pflaumte mein Nachbar nach hinten. So ging es noch ein paar Minuten weiter bis Blondie was von White Power meinte.
»Ich denke, das reicht jetzt!«, sagte ich ihm ernst ins Gesicht. Die Reaktion war lautes Lachen von allen Dreien.
Dann waren wir auch am Ziel, der Blonde zahlte brav, und gab sogar einen Euro Trinkgeld.
Als die Jungs ausgestiegen waren und am Taxi vorbei in die Kneipe gingen sah ich: Die beiden anderen waren schwarz!




Hunger

Die vernachlässigten Geschwister Roland und Paul beobachten die Abschiebung ihrer Nachbarn. Als die Polizei mit ihnen verschwunden ist, beschließen sie, die verlassene Wohnung zu betreten. Im Inneren entdecken sie eine andere Welt, exotische Speisen, Musik, Kleidung und Make-up. Für einen Moment haben sie die Chance, sich in einer Welt der Spiele eintauchen und spielen – aber wenn ihr Vater sie entdeckt, werden sie schnell in die Realität zurück gebracht. Ein Kurzfilm von schwedischen Regisseurs Carolina Hellsgård.

 




Todesengelchen

Die lieben Kleinen sind längst nicht mehr so lieb, wie es einem lieb wäre. Jedenfalls sind in manchen Gegenden Berlins Kinder soweit (v)erzogen worden, dass Überfälle und Körperverletzungen für sie offenbar normal sind. Im Norden Moabit häufen sich solche Erfahrungen. Immer wieder werden rund um den Stephanplatz Leute von Kinder bzw. Jugendlichen bedroht, geschlagen und beraubt, oft sind die Jungs noch nicht mal strafmündig. So wie die beiden höchstens 12-Jährigen, die in der Rathenower Straße ein Mädchen berauben wollten. Oder der etwa 14-Jährige, der auf dem Stephanplatz eine alte Frau bedrängte. Als sich ein Passant einmischte, wurde er von dem Jungen massiv bedroht. Vor zwei Wochen griff eine Gruppe von 11- bis 14-jährigen Kindern einen Mann in der U-Bahn sogar mit dem Messer an, der sich jedoch wehren konnte. Weniger Glück hatte die 84 Jahre alte Frau, die Anfang Dezember überfallen wurde. In der Havelberger Straße rissen mehrere Jungs die Rentnerin zu Boden und raubten ihr die Handtasche. Als Folge des Überfalls starb die Frau wenig später.
In fast allen diesen Fällen sind die Täter türkische und arabische Jungs, was mittlerweile schon zu rassistischen Äußerungen im Kiez führt. Trotzdem ist es eine Tatsache. Offenbar ist den Eltern die Erziehung ihrer Kinder egal. Oder sie tolerieren dieses Vorgehen sogar, denn manche der Jungs sind bei der Polizei schon als Intensivtäter bekannt, ohne dass die Eltern wirksam eingreifen.
Diese Gewalt gibt es natürlich nicht nur in Moabit und genauso von deutschen, bosnischen oder russischen Kids und Jugendlichen. Am S-Bahnhof Schöneweide und in der Frankfurter Allee in Lichtenberg prügelten vergangenes Wochenende mehrere 12- bis 16-Jährige auf Passanten ein, um sie zu berauben. In diesen Fällen konnten alle Schläger festgenommen werden.
Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig sprach bereits von einer nachwachsenden Generation junger Intensivtäter, die Brutalität der straffällig gewordenen 10- bis 13-Jährigen in der Stadt sei enorm. Dass es dazu auch zu Todesopfern kommt wie jetzt in Moabit, ist glücklicherweise noch die Ausnahme. Aber der selbstverständliche Gebrauch auch von Stichwaffen lässt für die Zukunft Schlimmeres befürchten.
Wenn die Eltern nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, ihren Kindern Regeln des sozialen Zusammenlebens beizubringen, braucht man sich nicht wundern, wenn sich Bürger in den Kiezen organisieren und auch gegen diese Engelchen vorgehen. Das gab es schon einmal vor 20 Jahren, während der Hausbesetzungen in Friedrichshain. Damals schlossen sich auch Neonazis den Bürgerwehren an und es kam zu harten Auseinandersetzungen zwischen denen und Hausbesetzern, mit vielen Verletzten.
Eine solche Entwicklung in Moabit, Wedding oder Neukölln sollte vermieden werden. Andererseits ist sie verständlich, wenn Eltern, Schule und Jugendamt versagen. Denn niemand hat Lust, das nächste Opfer zu werden.




Verlorene Vorurteile

Ich weiß, man soll ja keine Vorurteile haben. Dabei machen sie einem das Leben doch so viel einfacher, weil man schnell Antworten hat, ohne sich überhaupt die Fragen stellen zu müssen. Blöd nur, wenn einem die schönsten Vorurteile immer wieder verlustig gehen, weil das Leben sich nicht daran hält. Letzte Nacht war das gleich dreimal der Fall, langsam kriege ich Zweifel, ob meine Vorurteile wirklich so gut sind, wie ich immer dachte …

Vorurteil 1: Araber sind Großmäuler

Kennen Sie Borat, diese Filmfigur eines Kasachen, der im Westen so ziemlich alles falsch macht, was nur geht? So ungefähr, plus mehrere Goldketten um Hals und beide Armgelenke sowie nach einem Liter Parfüm stinkend stieg ein arabischer Mann bei mir ins Taxi ein. Natürlich hatte er eine Sonnenbrille auf, obwohl es auf Mitternacht zuging. Der Dandy grinste mich an, der Schneidezahn mit dem eingelassenen Diamanten wunderte mich schon nicht mehr. Seine mehrere Nummern zu enge Jeans trug er ohne Unterhose, das war nicht zu übersehen. Ein Teil seiner Kopfhaare war mit Goldfarbe besprüht, mehr Klischee geht eigentlich nicht. Wahrschenlich musste er mit dem Taxi fahren, weil der Cadillac gerade zur Wellnesskur in Monte Carlo weilte.
Dieses Wesen stieg also am Nollendorfplatz ein und wollte in eine Disco. Das Goya hat zu, dort kam er gerade her. Ich empfahl ihm, zum Maxxim oder ins Q-Dorf zu gehen, erst unterwegs fiel mir ein, dass er sicher auch gut ins SO36 gepasst hätte. Kaum losgefahren flüsterte er plötzlich “Love you”.
Wie bitte?
Es stellte sich heraus, dass nicht er mich liebt, sondern Gott. Der Libanese war missionarisch unterwegs. Sein schreiendes Äußeres war das totale Gegenteil zu seinem Anliegen, immer wieder flüsterte er “God loves you!”. Er zeigte mir kleine Zettel, offenbar mit Sprüchen aus der Bibel, auf Arabisch und Englisch. Dann wollte er wissen, ob ich auch Gott liebe, ich antwortete, dass ich es nicht weiß. Der Messias schaute sehr mitleidig. Mittlerweile waren wir am Ziel angelangt, er zählte die 6,30 Euro genau vor und dann streichelte er meinen Arm: “He loves you!”

Vorurteil 2: Spandauer sind schlauer

Leider kommt es oft vor, dass die Taxistände von Privatautos blockiert werden, die sie als Parkplatz benutzen. So war es auch gestern Abend, ganz hinten am Bahnhof Spandau. Der letzte Platz war von einer Edelkarosse, einem glänzenden Audi-Geländewagen, besetzt. Ein Polizeiauto stand in zweiter Reihe und im selben Moment fuhr schon der Abschleppwagen vor und lud den Falschparker auf. Sofort nutzte der Fahrer eines Opel Zafira die Situation aus und rangierte genau in die eben freigeräumte Lücke. So schnell er gekommen war, sprang er auch schon aus dem Auto, schloss ab und rannte – einem der Polizisten genau in die Arme. Dieser versuchte den Übertäter zum Wegfahren zu bewegen, was sich aber innerhalb einer halben Minute zu einer lautstarken Diskussion ausweitete. Ich hörte den Opel-Fahrer nur “scheißegal” und “ich muss zum Zug” brüllen und dann rannte er in den Bahnhof. Natürlich forderte der Polizist wieder einen Abschleppwagen an und kurz darauf verschwand das Auto auf dessen Ladefläche Richtung Ruhlebener Straße.
Bleibt nur zu hoffen, dass der Zafira-Fahrer ausreichend Geld einstecken hatte für die Rückfahrt mit dem Taxi. Denn sein Auto auszulösen kostet ihn mindestens 200 Euro. Offenbar sind Spandauer doch nicht so schlau.

3. Vorurteil: Iren sind laut und besoffen

Taxihalten haben manchmal so ihre Besonderheiten. Und nicht alle sind verständlich. Die Halte am Kranzler gehört dazu: Wer hier steht, kann sich sicher sein, dass bald eine Horde lärmender Jugendlicher (Typ: Pubertierende Schulkasse aus dem Rheinland) vorbeizieht, die Jungs mit der obligatorischen Bierflasche in der Hand. Gröhlend ziehen sie die Aufmerksamkeit auf sich, je lauter umso besser. Das kennt man aber auch von Anderen, zum Beispiel stehen die Bewohner der grünen Insel in diesem Ruf. So war ich nicht begeistert, als vor mir eine Horde Iren lautstark die Joachimstaler überquerte und auf mich zusteuerte. Einige hatte riesige grüne Hüte auf und lange Bärte umgehängt. Vielleicht waren die auch nicht echt, jedenfalls zwängten sie sich in mein Taxi. Nicht alle 20, aber doch eindeutig zu viel. “Only four persons, please!” sagte ich, obwohl ich in diesem Moment gar nicht wusste, ob die überhaupt Englisch sprachen. Bei Iren weiß man ja eh nie, woran man ist, aber sie verstanden es und brav stiegen zwei von ihnen wieder aus und steuerten auf die hinteren Taxis zu.
Das Fahrtziel Grünberger Straße besänftigte mich gleich, zwar rechnete ich mit einer stressigen, aber wenigstens lohnenden Tour. Auf dem Weg nach Friedrichshain lernte ich plötzlich ganz andere Iren kennen: Sie sprachen fast flüsternd miteinander, wie in der Kirche, der Mann hinter mir sang leise ein Lied. Am Schlesischen Tor musste ich eine extra Runde um den Bahnhof fahren, damit sie ihn von allen Seiten betrachten konnten, sie fanden ihn “so nice”. Der Höhepunkt aber war der Blick von der Oberbaumbrücke nach Westen, alle waren so begeistert, dem Mann neben mir kamen fast die Tränen.
Am Fahrtziel wurde ich gleich von dreien angebettelt, das Fahrgeld von 19,30 EUR  nur jeweils von ihm zu nehmen, schließlich legte mein Beifahrer 25 Euro hin und stieg aus, nicht ohne sich nochmal umzudrehen: “You are very, very nice”.
Die Türen waren zu, gerade wollte ich losfahren, da kam der grünbehütete Bartträger zurückgelaufen, riss hinten die Tür auf und stammelte: “Sorry, sorry!” Dann kurbelte er die Scheibe ganz hoch, das hatte er noch vergessen.
Sage mir niemand wieder, Iren seien alles nur gröhlende, saufende, unsentimentale Monster. Das sind alles nur Vorurteile!




Immer wieder Amok

Es sind jedes Mal die gleichen Reaktionen, wenn es wieder einen Amoklauf gab, wo wie kürzlich in Winnenden. Natürlich sind alle “entsetzt” und “betroffen”, vor allem, wenn sie vor einer Kamera stehen. Im Fernsehen wird das Foto mit dem Schild “Warum?” gezeigt, das darf niemals fehlen. Dann kommen die Forderungen, Verbot von Waffen und bestimmten Computerspielen. Und schließlich landet das Bild des Täters auf den Titelseiten und es wird nach den Schuldigen gefragt: Wer hat versagt? Die Eltern? Lehrer? Allein der Jugendliche? Es ist die Zeit der Psychologen, der Erklärer. Fast immer dreht sich alles um den Täter. Wie konnte er zum Mörder werden, wie war sein Elternhaus, welche unbemerkte Anzeichen gab es im Vorherein, wieso konnte er an Waffen kommen, usw. Der Amokläufer steht im Mittelpunkt des Interesses, er wird als Ursache des Geschehens betrachtet. Auf den ersten Blick ist er das natürlich auch, aber niemand wird ja ohne Grund mal eben zum Mörder. Dabei sollte es aber nicht um den einzelnen Menschen. Die Amokläufer von Erfurt, Emstetten oder Winnenden haben persönlich vielleicht ganz unterschiedliche Gründe für ihre Taten gehabt, was jeweils ausschlaggebend war, wird man kaum noch erfahren. Es wäre zur künftigen Vermeidung solcher Taten aber auch egal, denn man würde höchstens beim Einsatz von einem persönlichen Psychologen pro Schüler eingreifen können. Doch selbst dies wäre nur ein Herumdoktorn am potenziellen Täter. Die Gründe für solche Geschehnisse würde man dadurch nicht beseitigen.

In all der Ratlosigkeit ist es interessant, einfach mal von etwas weiter weg auf diese Taten zu schauen. Seit wann gibt es denn solche Amokläufe und wo kommen sie noch vor? Es geht nämlich nicht nur um Schulen oder Universitäten, sondern auch um ähnliche Aktionen in Betrieben und in Familien, auch wenn diese weniger Tote produzieren und deshalb weniger spektakulär sind. Allen gemein ist, dass die Opfer fast immer aus dem Umfeld des Täters stammen, und er sich meistens auch selber tötete. In seinem Buch “Going Postal” beleuchtet der Autor Mark Ames die Historie von Amokläufen in den USA, die während der Reagen-Regierung begannen. Die damaligen Zeit, Anfang der 80er Jahre, veränderte die Gesellschaft und die Lebensbedingungen der Menschen grundlegend, die Kälte, die Konkurrenz und der Druck auf den Einzelnen stiegen enorm an. Diese Entwicklung gab es aber nicht nur dort, sondern auch hier in Europa. Die neue Wirtschaftskrise verschärft die Zustände, die Angst vor dem Absturz lässt viele verzweifeln und manche irrational ausrasten.
Die Schusswaffenmassaker in Amerika begannen ab 1983 kurz hintereinander in vier zuvor privatisierten Postämtern, dann in Fabriken, Büros, Universitäten, schließlich auch in Schulen. Es waren und sind bis heute immer genau die Orte Schauplatz von Massakern, in denen Menschen unter hohem Leistungsdruck stehen. Und in denen sie dem Druck nicht standhalten, weil sie isoliert sind, oft auch gemobbt werden. In fast allen Fällen gehören die Täter keiner Gruppe von Kollegen oder Mitschülern an, allerdings sind die meisten auch keine ausgesprochenen Sonderlinge.
Es sind nicht die Täter, nach denen man fragen muss, sondern die Bedingungen. Oder weitergehend: Die Gesellschaft, die eine Situation toleriert, in der normale Menschen zu Mördern werden. Es ist eine Gesellschaft, in der Einzelne verzweifeln, weil sie ungerecht behandelt werden, ihre Leistung nicht bemerkt oder anerkannt wird, Mobbing ist darin ein Normalzustand. Also sind die Amokläufer auch keine “Irren”, die durch Computerspiele für solche Taten abgestumpft oder gar animiert wären. Im Gegenteil: Bei den meisten Tätern handelt es sich um Menschen, die mein Mitleid erregen, weil sie irgendwann den Druck nicht mehr ertragen und einfach explodieren. Das entschuldigt natürlich nicht ihre Taten, aber es macht klar, dass es viele potenzielle Amokläufer gibt. Nämlich die ganz normalen Schüler, Angestellten oder Familienväter.

Sarkastisch gesehen könnte man diese Morde mit anschließender Selbsttötung auch als Rebellion sehen. Mark Ames tut das in seinem Buch, er bezeichnet die Täter gar als politisch, wenn auch nicht bewusst. Als Vergleich nennt er die Sklavenaufstände, die bis vor 200 Jahren in den USA immer wieder vorkamen. Jahrhunderte lang war die Sklaverei normal, wenn die Schwarzen sich aber wehrten, die Plantagen niederbrannten oder ein Familienmitglied des Farmers töteten, verurteilte man das als niederträchtig. Man wäre damals nie auf die Idee gekommen, eine solche Aktion als politischen Anschlag zu sehen, heute dagegen ist dies der erste Gedanke.
Die Rebellion eines Unterdrückten muss nicht mal von ihm selbst bewusst als politische Aktion begriffen werden. Wer heute an seiner Schule Lehrer und Mitschüler erschießt, begehrt damit gegen diejenigen auf, die für ihn Teil der Demütigung sind. Immer wieder taucht das in den Botschaften von Amokläufern auf, der Hass auf die Mitschüler, die Schule, das System.
Dieses “System” ist es, das der Täter treffen will, gleichzeitig ist es aber nicht greifbar. Deshalb werden die Menschen umgebracht, die aus seiner Sicht dazugehören. Dabei ist das nur die Spitze, denn die meisten laufen ja nicht Amok. Aber unbekannt ist den meisten diese Hilflosigkeit nicht, sie kommt in vielen Situationen des Lebens vor. Ob es der Arbeitslose ist, der im Jobcenter um ein paar Euro mehr betteln muss, die Oma, die im Altenheim von den Pflegern angebrüllt wird, oder der kleine Angestellte, der für die Fehler des Chefs verantwortlich gemacht wird. Sie sehen sich als Opfer eines Systems, das gegen sie ist und das sie nur in Form der Personen greifen können. Der Kinofilm “Falling down” hat eindrucksvoll gezeigt, wie ein durchschnittlicher Bürger zum Amokläufer werden kann, wenn ihm die Schläge des Alltags zuviel werden. Die Wut der Menschen äußert sich immer öfter in Drohbriefen oder E-Mails an Behörden und Firmen, vor allem wenn diese mit Missständen in Verbindung gebracht werden. Seit Beginn der Finanzkrise in den USA werden zunehmend auch einfache Angestellte bestimmter Banken und Versicherungskonzerne bedroht und angegriffen. Der Frust macht such Luft in Anrufen bei Live-Sendungen im Radio oder Fernsehen. Aber vielen reicht das nicht mehr, sie schlagen auch zu.

Dass Massaker öfters in Schulen passieren, hat natürlich auch damit zu tun, dass Jugendliche besonders unsicher sind, was ihr Leben betrifft. Die Gedanken, die Gefühle und die Hormone spielen verrückt, man denkt, sein Leben sei eh schon gelaufen. Trotzdem ist ein Massaker natürlich ein riesiger Schritt, die Verzweiflung muss ungeheuer groß sein, bis aus dem Gedanken Realität wird. Aber es ist immer wieder möglich, denn die Täter sind nicht “verrückt”. Das haben ganze Heerscharen von Psychologen, Soziologen und polizeilichen Ermittlern herausgekriegt: Es gibt kein Täterprofil, jeder kann es sein, der ausgegrenzt wird, der sich als Verlierer fühlt. Solange die Gesellschaft nicht in der Lage ist, jeden mitzunehmen und zu akzeptieren, werden wir noch viele Amokläufe erleben. Dagegen helfen weder schärferen Gesetze, noch das Verbot von sogenannten Killerspielen




Rechte Jungs

Unser werter Minister für Innereien, Wolfgang Schäuble, gab sich große Mühe, ein betroffenes Gesicht zu machen. Doch wirklich glaubhaft schien er nicht. Die Nachricht, dass fast ein Fünftel der deutschen Jungen und ca. 10 Prozent der Mädchen eine rechtsextreme politische Meinung haben, sollte den Innenminister einer Demokratie natürlich beunruhigen, auch wenn ich denke, dass die Zahl – derzeit noch – zu hoch gegriffen ist. Doch gleichzeitig weiß man auch, dass die Regierung bisher nicht viel getan hat, diese Entwicklung zu stoppen. Schäubles Politik des Law and Order fördert demokratisches Denken so wenig wie sein Überwachungswahn.
Auch dass der Staat im vergangenen Jahr dem Verein Exit die finanzielle Unterstützung gestrichen hat, obwohl er jahrelang Neonazis erfolgreich beim Ausstieg aus der Szene geholfen hat, spricht nicht für ein fleißiges Bemühen, den Rechtsextremismus zurückzudrängen.

Seit Jahren werden in Deutschland Jugendeinrichtungen geschlossen, die Freizeit wird zunehmend in rechten Strukturen verbracht, oft gibt es vor Ort gar keine anderen Möglichkeiten mehr. Alkoholismus, Gewalt, Perspektivlosigkeit sind vielerorts normal, egal ob in Ost oder West. Wenn aber die politischen Verführer die einzigen sind, die Kindern und Jugendlichen etwas bieten, dann braucht man sich nicht über die Konsequenzen zu wundern. Manche Neonazigruppen verstehen es super, mit wenig Mitteln Jugendliche an sich zu binden. Einen Raum zum Treffen, Leute zum Quatschen, Unternehmungen in der Natur, Partys –  all das könnten auch andere Vereine, Initiativen oder eben lokale Jugendclubs organisieren, doch die werden noch immer reihenweise geschlossen, sehr massiv auch hier in Berlin.

Schäuble und die Familienministerin Von der Leyen kündigten jetzt an, gezielte Maßnahmen ergreifen zu wollen. Vor allem in ländlichen Regionen würden mehr Freizeiteinrichtungen benötigt. Aber wer glaubt noch daran? Es ist doch jedes Mal die gleiche Reaktion, nach rassistischen Gewalttaten, nach Wahlerfolgen von Neonazis oder eben wenn eine neue Studie darüber erschienen ist. Man heult kurz aus, gelobt Besserung und viele Gegenmaßnahmen – und am nächsten Tag ist schon wieder alles vergessen. Währenddessen wühlen sich die rechten Ideologen weiter in die Köpfe der Jugendlichen. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn die dann in 5 oder 10 Jahren nicht nur in manchen Parlamenten sitzen, sondern auch in einigen Regierungen.




Pflicht oder nicht?

Im Unterricht zum Thema Ethik wird den Berliner Schülern beigebracht, wie das Zusammenleben in unserer Gesellschaft funktionieren sollte. Ethik ist sowas ähnliches wie Moral minus Religion. Nicht, dass Moral immer mit Christentum o.ä. verknüpft sein muss, aber oft wird sie damit verbunden. Zu Unrecht finde ich, weil die Kirchen oft genug bewiesen haben, wie gewissenlos sie sein können. Also wurde der verbindliche Religionsunterricht in Berlin schon vor Jahren abgeschafft, stattdessen gibt es seit 2006 das Fach Ethik. Hier werden auch die Inhalte religiösen Glaubens vorgestellt, doch dieser steht nicht im Mittelpunkt. Vor allem berücksichtigt der Ethik-Unterricht, dass es nicht nur christliche Schüler gibt, sondern auch Moslems, Juden und Anhänger anderer Religionen und Atheisten. Wer möchte, kann neben diesem verbindlichen Unterricht zusätzlich noch das Fach Religion besuchen, das jedoch freiwillig ist.
Schon seit Monaten bereitet nun die Initiative Pro Reli einen Volksentscheid vor, mit dem sie Religion wieder als Wahlpflichtfach an Schulen durchsetzen will. Die Jugendlichen sollen sich künftig entscheiden, ob sie den Ethik- oder den Religions-Unterricht besuchen wollen. Dazu wird am 26. April ein Volksentscheid stattfinden.
Jetzt geht auch Pro Ethik ins Rennen, die den Ethik-Unterricht als Pflichtfach erhalten will, Religion soll es weiterhin nur zusätzlich auf freiwilliger Basis geben. Damit will sie verhindern, dass Schüler sich für Religion oder Ethik entscheiden müssen, und dann – bei einer Entscheidung für Religion – von den Lehrinhalten des Ethik-Unterrichts ausgeschlossen sind. Damit würde ihnen aber die Vermittlung wichtiger Inhalte und Gedanken vorenthalten, vor allem was unterschiedliche Werte und kulturelle Traditionen betrifft. Es geht beim Ethik-Unterricht auch nicht darum, gegen die christlichen Kirchen zu wettern, wie das teilweise hingestellt wird, sondern diesen Glauben gleichberechtigt neben anderen Weltanschauungen zu betrachten. Die Kampagne von Pro Ethik wird von der SPD, den Grünen und der Linkspartei unterstützt. Die CDU ist – wenig überraschend –  auf Seiten der Kirchen.
Leider kann man bei Pro Reli den Eindruck bekommen, der Senat wolle einen Religions-Unterricht verhindern. Das ist aber falsch, und so haben wir es wie schon bei der Tempelhof-Abstimmung mit ziemlich unsauberer Demagogie zu tun. Die Kirche muss sich stattdessen fragen lassen, warum sie den Teilnehmern des Religions-Unterrichts künftig die Teilnahme an den Ethik-Stunden verwehren will, denn anders als bisher wäre es dann nicht mehr möglich, dass Schüler beide Fächer besuchen.
Es drängt sich schon der Verdacht auf, Pro Reli wolle keine anderen Inhalte zulassen, als die ihrer Kirchen. Doch Jugendliche müssen vergleichen können, sowohl zwischen den Religionen, wie auch mit ganz anderen Ideen. Der Glaube zu irgend einem Gott ist nicht die Voraussetzung für ethisches Denken und Handeln. Manchmal verhindert er es sogar.




Guter Russe, böser Türke

Guter Russe, böser TürkeTürkisch-stämmige Bürger sind in Deutschland schlechter integriert als größere Gruppen anderer Nationalitäten. Obwohl in 40 Jahren vier Millionen Türken her kamen oder hier geboren wurden, stehen sie einer neuen Studio des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zufolge an letzter Stelle bei der Integration in die deutsche Gesellschaft. Viele von ihnen beherrschen kaum die deutsche Sprache, erreichen (auch deshalb) keinen Schulabschluss und sind überdurchschnittlich kriminell.
Dies alles sind keine Vorurteile von rechtsradikalen Dummköpfen, sondern es ist die Realität in unserem Land.  Aber warum ist das so? Sind Türken dümmere und schlechtere Menschen als z.B. Schweizer, Schweden oder Schwaben? Oder verwehren die Deutschen ihnen etwa die Chance, Teil der Gesellschaft zu werden, vielleicht gar aus rassistischen Gründen? Beides dürfte falsch sein, denn abgesehen von einem kleinen Teil wirklicher Ausländerfeinde hat sich die deutsche Bevölkerung schon lange daran gewöhnt, dass ihre Nachbarn und Kollegen Ahmed, Ali oder Ayse heißen. Auch wenn man manche Bräuche nicht versteht, so ist die Fremdheit im Alltag doch kleiner als z.B. gegenüber Afrikanern oder Asiaten. Und doch sind diese Gruppen in unserem Land integrierter, als sehr viele Türken.
Vielleicht ist es ausgerechnet die Masse, die es verhindert, dass viele Türkischstämmige in unserer Gesellschaft ankommen. In manchen Stadtteilen leben 50 oder 60 Prozent Türken, mit völlig unabhängiger Infrastruktur, von Ärzten über Einzelhandel, Lokalen, Dienstleistungsfirmen bis zu allen möglichen Kultureinrichtungen. Man kann Jahrzehnte dort leben, ohne ein einziges Wort Deutsch zu sprechen oder zu verstehen. Solch eine Parallelgesellschaft macht eine Integration scheinbar überflüssig. Dass es solche Gegenden überhaupt gibt, ist aber nicht die Schuld der Türken, sondern der Politik in den 60er und 70er Jahren. Die damaligen Zuwanderer wurden noch Gastarbeiter genannt und sie wollten und sollten tatsächlich nur für ein paar Jahre hier bleiben. Die Stadtverwaltungen brachten sie meist konzentriert in einem Wohnviertel unter, so entwickelten sich ghettoähnliche Verhältnisse, und sie richteten sich darin ein. Auch die Kinder und Enkel wuchsen dort auf, fein getrennt von den Einheimischen, und so ist es kein Wunder, dass viele von ihnen kein Deutsch können. Bei der Einschulung beginnen dann die Probleme, denn natürlich ist der Unterricht nicht in türkischer Sprache. Ob in der Schule oder in der Freizeit, wer vom Rest der Gesellschaft isoliert ist, schmort im eigenen Saft und wird sich auch mit der Kultur und den Gepflogenheiten des Landes nicht auseinandersetzen. Das Ergebnis sind Wertevorstellungen, die mit den hiesigen wenig zu tun haben.
Dass viele türkische Kinder und Jugendliche so schlecht in der Schule sind, liegt also vor allem daran, dass sie sich von der Gesellschaft in Deutschland isolieren, obwohl sie doch mitten drin leben. Angehörige anderer Nationalitäten, wie Russen, Italiener oder Ceylonesen versuchen meist viel mehr, Teil der Gesellschaft zu werden, anstatt sich nur abzugrenzen. Dabei geht es gar nicht um Assimilation, also um die Auslöschung der eigenen Nationalität. Die Hugenotten sind z.B. völlig in der deutschen Bevölkerung aufgegangen, außer ein paar französischen Worten und Namen ist von ihnen nichts mehr übrig. Der Mittelweg aber sollte das Ziel sein, eine Integration, die in beide Richtungen geht. Sich als Teil des Landes zu begreifen, ohne nationale Eigenheiten aufzugeben. Davon profitieren Migranten genauso wie wir Eingeborenen, es wäre eine Bereicherung für alle. Doch außer, dass sich in 40 Jahren der Döner Kebab durchgesetzt hat, ist wenig speziell Türkisches angekommen.
Die Selbstisolation raubt den jungen Türken viele Chancen für die eigene Zukunft. Wer die Sprache nicht beherrscht, hat doch viel weniger Möglichkeiten, sein Leben so zu gestalten, wie er es gerne möchte. Man ist auf sein kleines Ghetto der Parallelgesellschaft beschränkt, kann nicht studieren, die beruflichen Perspektiven schrumpfen.
Und je mehr Migranten sich von der Gesellschaft abwenden, umso größer wird die gegenseitige Ablehnung. Es ist ein Teufelskreis, der vor allem von einer Seite durchbrochen werden kann. Es sind die jungen Türken, die Kontakte nach außen knüpfen und die Schule als Chance begreifen müssen. Nur wer sich in der Gesellschaft souverän bewegen kann, wird sich im Leben auch gegen die Widerstände durchsetzen können. Egal, ob diese von konservativen Patriarchen in der eigenen Familie kommen oder von rassistischen Deutschen.




Im Schatten der Akropolis

Man sitzt weit weg vor dem Fernseher, ratlos schaut man auf die Bilder von brennenden Barrikaden, Autos, Geschäften. So viele junge Randalierer, der Nachrichtensprecher nennt die Zahl von 4000 Autonomen. Wahrscheinlich hat er alle gemeint, die in diesen Tagen auf der Straße kämpfen. Ich suche nach Berichten im Internet, die nicht sensationsheischend sind. Endlich finde ich ein Weblog, von einem deutschen Studenten in Athen, der ein Online-Tagebuch führt und dort auch viele Fotos veröffentlicht. Er beschreibt, wie er die Entwicklung der Kämpfe seit dem Tod der 15-jährigen Jungen am Wochenende mitkriegt. Seine Wohngemeinschaft befindet sich in unmittelbarer Nähe der Auseinandersetzungen. Die Texte, seine Fotos, sind sehr beklemmend. Aber auch sie lassen mich ratlos zurück.




Wilde Jahre im Spreebogen

Wer heute im Spreebogen-Dreieck zwischen Hauptbahnhof, Kanzleramt und Reichstagsgebäude steht, kann sich kaum vorstellen, wie es hier noch vor einigen Jahren aussah. Bevor die Bundesregierung nach Berlin zog und mit ihr auch die Bürokraten und Glasfassadenanzugträger, die heute das Regierungsviertel bestimmen. Die Menschen, die neuen Gebäude, die ganze Gegend, alles ist steril und abwaschbar.
Zu Mauerzeiten lag der Spreeebogen fast im Niemandsland. Am Nordeingang des Reichstags ging es zur Ausstellung “Fragen an die deutsche Geschichte”, Pkws und Touristenbusse teilten sich den Parkplatz, ein Abstecher zum Ufer der Spree gehörte mit zum Programm. Die Kreuze erzeugten eine Gruselstimmung.
Aber wenige Meter weiter begann der Urwald. Zwar noch auf West-Berliner Gebiet gelegen trauten sich die Besucher meist nicht weiter hinein. Vor allem in den Abendstunden trafen sich hier diejenigen, die mit Reichstag und Tourismusattraktionen nichts zu tun hatten. Wir Kiffer, Hippies, Schwulen und Treber feierten nachts am Ufer, den Blick zum Mauerstreifen, der hier so manchem Sozialismus-Enttäuschten das Leben gekostet hat. Wir aber genossen die abendliche Ruhe, zeigten auch mal einen nackten Hintern Richtung Osten und relaxten oder feierten manche Nacht hindurch.

Statt hell erleuchteter Politzentralen und Hauptbahnhofaquariumsarchitektur herrschte Dunkelheit, ausgenommen natürlich den ewig beleuchteten Todesstreifen. Der alte Lehrter Stadtbahnhof und das daneben gelegene Paketpostamt verströmten eine gemütliche Ruhe, manches mal schliefen wir am Lagerfeuer ein. Ab und zu störten zwar Polizeistreifen oder die Amis mit ihren Jeeps, aber die waren auch schnell wieder weg.
Öfter dagegen kamen die Männer. Sie trieben sich in den Büschen herum, anfangs wussten wir gar nicht, was sie dort tun. Manche von ihnen waren mutig, sie setzten sich zu uns und sagten ganz offen, dass sie hier sind, weil sie Sex suchen. Einige waren jeden Abend hier, man kannte sich dann schon und trank auch zusammen. Es waren zwei verschiedene Welten, die sich an diesem Punkt trafen, aber die sich gegenseitig tolerierten und einige von uns verschwanden auch mal mit einem anderen im Gebüsch, das Unbekannte wurde erforscht.

Nur ein paarmal gab es richtig Stress, als Rechtsradikale das Gelände für sich entdeckten und abends dort ihre merkwürdigen Kriegsspiele machen wollten. Sie bedrohten uns immer wieder, es gab auch kleinere Auseinandersetzungen. An einem Sommerabend wollten sie es wissen und griffen uns mit etwa 20 Mann an. Sie hätten sich lieber vorher umschauen sollen, denn gerade an diesem Tag hatten wir eine große Party mit sicher 150 Leuten. Dass es auf ihrer Seite keine Schwerverletzten gab und dass keiner von ihnen in die Spree geworfen wurde, lag nur daran, dass wir nicht solche Schläger waren wie sie. Wir schlugen sie zwar zurück, wollten aber keine Eskalation. Seitdem hielten sie sich vom Spreebogen fern.

Nach dem Fall der Mauer war die Idylle schnell vorbei. Lange bevor die Bauarbeiten zur schönen neuen Regierungswelt begannen, wurde das Gelände gerodet, Touristen entdeckten es und immer mehr Berliner kamen auf ihrem Mauerspaziergang hier entlang.
Es gibt viele Stellen in Berlin, die durch die Ereignisse 1989/90 und der darauf folgenden Entwicklung verschwanden und neu erstanden, ohne jeden Bezug auf das Gewesene. Bei manchen ist es nicht schade, andere vermisst man schon. Der Spreebogen aber gehört zu den Orten, die eher unter der Oberfläche gestorben sind. Wir nutzten ihn in einer Zwischenzeit. Dass hier einst das Alsenviertel war und stattdessen die “Große Halle” des GröFaZ entstehen sollte, war lange vor unserer Geburt. Nun ist hier alles betoniert, ein Bundestagsbürogebäude steht auf unserem Platz, hell, luftig, großzügig, modern. Nur gemütlich ist es hier nicht mehr.

ANDI 80




Drei Tote auf dem Alex

Am 7. Oktober 1977 gab es auf dem Alexanderplatz schwere Krawalle zwischen DDR-Jugendlichen und der Volkspolizei. Der Auslöser war, dass die Vopo ein Rockkonzert wegen eines Unfalls stürmte. Doch die Jugendlichen ließen sich das nicht gefallen, sie griffen ihrerseits die verhasste Polizei an. Zu lange hatte sich der Frust aufgestaut, die Gängelung, die Bevormundung, die Kontrolle aller Lebensbereiche wurden abgelehnt, Freiräume sollten erkämpft werden. Schon in den Monaten vorher gab es Wohnungsbesetzungen durch Jugendliche, besonders im Prenzlauer Berg, in Friedrichshain und Lichtenberg. Dort, auf öffentlichen Plätzen und auf Konzerten entwickelte sich eine neue Jugendkultur, die mit der FDJ nichts mehr zu tun haben wollte. Das wollte sich der autoritäre Staat natürlich nicht gefallen lassen und so wurden junge Menschen auf der Straße besonders oft kontrolliert, ihre illegalen Partys in besetzten Wohnungen geräumt. Wer nicht aus der Hauptstadt kam, konnte sogar “Berlinverbot” erhalten.
Viele Jugendliche hatten von dieser Repression genug und so leisteten Hunderte am 28. Republikgeburtstag Widerstand gegen die Vopo. Die Polizei zückte ihre Gummiknüppel und schlug auf alle ein, die sie erreichen konnten.

“Plötzlich schlug die ganze Erbitterung der Ost-Berliner Jugendlichen durch. ‘All we are saying is give peace a chance”‘ wurde gesungen. In Sprechchören wurde ‘Freiheit, Freiheit’ gefordert. ‘Russen raus, lasst Biermann rein’, hörte ich.
Die Polizeiketten droschen erbarmungslos zu. Die Massen fluteten zurück, dann flogen hageldicht Steine, und alles strömte wieder vor. Von den Balustraden flogen Flaschen auf die Bullen. Sie trieben daraufhin die Leute oben weg. Als nur noch Bullen oben waren, schmissen die Leute von unten mit Steinen. Die großen Fensterscheiben klirrten. Riesige Splitter segelten den Bullen um die Ohren.
Barrikaden aus Cafe-Tischen, Stühlen, Müllcontainern und den großen steinernen Papierkörben wurden gebaut. Zweitausend Jugendliche gegen vierhundert Polizisten.
Nach zwei Stunden Straßenschlacht gelang es den Bullen, verstärkt durch massiven Stasi-Einsatz, uns zu zerstreuen und einen Teil auf den vorderen Alexanderplatz abzudrängen. Alles war abgesperrt, man kam nicht mehr raus. Wieder stürmte die Polizeikette vor. Ich kam nicht mehr weg und wurde von einem dröhnenden Schlag auf den Kopf kurz ohnmächtig.”

(Aus dem Bericht des damals 17-jährigen Karl Winkler)

Erst in den folgenden Tagen wurde das ganze Ausmaß bekannt. Zwei Volkspolizisten und ein Schüler waren getötet worden, 200 Jugendliche mussten im Krankenhaus behandelt werden, viele von ihnen durch Polizei und Stasi verletzt. Die meisten Festgenommenen kamen vor Gericht und wurden verurteilt, zahlreiche Jugendliche mussten ins Gefängnis.
Der 7. Oktober 1977 war eines der Ereignisse, das junge DDR-Bürger weiter von ihrem Staat entfremdeten. In den Jahren danach verlagerte sich die Organisierung von Jugendlichen in die Kirchengemeinden.




Die lieben Kleinen fliegen nicht mehr

In der letzten Woche der Sommerferien dreht sich natürlich viel um unsere lieben Kleinen und die Schule. Nicht nur, dass der Ex-Regierende Eberhard Diepgen seine Kontakte spielen ließ und damit den Abriss eines Teils der Rudolf-Steiner-Schule verhinderte. Die zehlendorfer Schule hatte den Anbau ihren Nachbarn offensichtlich illegal  vor den Gartenzaun gestellt, was diese sich nicht gefallen ließen. Diepgen sei Dank bleibt nun alles wie es ist.
Nicht aber in der Turnvater-Jahn-Grundschule im Prenzlauer Berg: Hier wurde bekanntgegeben, dass zum neuen Schuljahr eine Schuluniform eingeführt wird, die zu bestimmten Anlässen sogar von den Lehrern getragen werden soll. Uniform ist natürlich das falsche Wort, es handelt sich lediglich um Polo-Shirts bzw. Kapuzenjacken. Damit soll dem Markenwahn unter Jugendlichen entgegengewirkt werden, vor allem der Ausgrenzung von ärmeren Kindern, die sich keinen Einkauf in der Friedrichstraße leisten können. Leider wurden bei der Planung die Hosen und Schuhe vergessen, so dass die gutgemeinte Aktion von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Ürigens ist es ein Gerücht, dass die Schule neben den Blauhemden auch wieder Pionierhalstücher eingeführt hat.
Den Jugendlichen in Neukölln soll das Leben ebenfalls schwerer gemacht werden. Hier startete der Bezirk eine Aktion gegen den Verkauf von Alkohol an Minderjährige. Weil den Initiatoren offenbar kein vernünfiger Name einfiel, wurde der sperrige Slogan “Kein Alkohol für Kinder Aktion” gewählt, damit – ha, ha – die Abkürzung KAfKA passt. Langzeitarbeitslose besuchen nun die Geschäfte, um das Personal davon zu überzeugen, dass sie Kindern und Jugendlichen keine alkoholischen Getränke mehr verkaufen. Die sollen gefälligst ihre älteren Geschwister oder Freunde schicken.

Kafkaesk ist auch die finstere ausländische Patentraubmafia, gegen die der Zoll bei der Funkausstellung einen Schlag nach dem anderen ausführt. Fünf LKW-Ladungen an Ausstellungsstücken wurden seit Freitag beschlagnahmt, mehrere hundert Beamte streifen durch die IFA und konfiszieren, was sie gebraucht können nach illegaler Ware riecht.
Überhaupt ist die IFA 2008 der Stolz der Stadt. Diesmal ist sie so groß, dass sogar zusätzliche Hallen errichtet werden mussten. Und jedes Medium wies darauf hin, dass es ab jetzt auch Kühlschränke und Waschmaschinen im Angebot gibt – “intelligente” natürlich, die zusammengehörende Socken z.B. auch als Paar wieder ausspuckt. Oder so.

Nicht mehr sondern weniger Bagage dürfen dagegen Flugeisende künftig dabei haben. Wer von Berlin aus mit Ryanair fliegt, muss auf mancher Route auf seine Koffer verzichten. Nur Handgepäck ist noch erlaubt, damit die Airline Kerosin spart. Mit solch halben Sachen fängt Air Berlin gar nicht erst an. Sie sparen gleich 100% und nehmen ganze Verbindungen aus ihrem Programm, z.B. die nach London oder Dortmund. Easyjet fliegt nicht mehr nach Kreta, Ibiza und andere und vielleicht kommen wir ja demnächst an den Punkt, dass der neue Flughafen BBI gar nicht mehr gebraucht wird. Für die letzten paar verbliebenen Flüge reicht dann möglicherweise sogar Tempelhof, dann kann Tegel geschlossen werden und alle sind glücklich. Außer potenzielle Fluggäste, aber für die gibt es ja dann noch die Bahn. Oder die Kutsche, so wie früher.

Von früher waren auch viele Stücke, die sich in der Langen Nacht der Museen die etwa 40.000 Besucher angesehen haben, zumindest in den konventionellen Museen. Mittlerweise entwickelt sich die Aktion aber zu einem City-Event, die Köpenicker Angebote wurden kaum genutzt, weil die Verbindungen so schlecht waren und die Stasi-Objekte wurden gar nicht erst angefahren, obwohl sie dazu gehörten. Deshalb beteiligen sie sich künftig auch nicht mehr an der Aktion.

Empört ist auch der Haushaltsausschuss des Bundestags. Der hat von den Bundesministerien einen Bericht darüber angefordert, was es kostet, dass ständig zwei Ministeriumssitze (Berlin und Bonn) finanziert werden müssen. In den Berichten wird der Ausschuss so richtig belogen und an der Nase herumgeführt, ausgerechnet eines der kleinsten, das Ministerium für Bildung und Forschung, soll die höchsten Mehrausgaben haben. Das Verteidigungsministerium hat angeblich nur halb so viele Kosten, auch das Finanzministerium braucht auffallend wenig Geld, um beide Standorte parallel zu finanzieren. Flüge zwischen den Standorten, die Kosten von daraus resultierendem Arbeitszeitausfall und von Aktentransporten wurden aus der Berechnung rausgenommen.
Vielleicht sollte der Haushaltsausschuss nun konsequent sein, selber eine Berechnung anstellen und dafür sorgen, dass den Ministerien die Differenz künftig aus dem Etat gestrichen wird. Aber dazu wird es nicht kommen, denn wenn die Bürokraten zusammenhalten, kann das Parlament und damit die Bevölkerung beliebig betrogen werden. So funktioniert das eben mit unserer Demokratie.




Das Ende des Regensbogens

West-Berlin, Ende der 70er Jahre. Der junge Stricher Jimmi lebt auf der Straße, mit kleinen Diebstählen und Überfällen kommt er über die Runden, bis er eines Tages von einer Studenten-WG aufgenommen wird. Dort bekommt er ein bisschen Halt und wird nicht mal rausgeschmissen, als er das Haushaltsgeld klaut. Mit neuer Freundin und Aussicht auf einen Job hofft er, sein Leben endlich auf die Reihe zu kriegen. Doch es klappt nicht, er hat es nicht gelernt, die vielen Fallstricke im Leben zu meistern. Ausweis beantragen, bei Firmen wegen Jobs anrufen, Lebenslauf schreiben, nicht mal ein korrektes Umgehen mit den Leuten in der Wohngemeinschaft kriegt er hin.

“Wenn ick am meene Zukunft denke, krieg ick n Horror.”

Im Februar 1976 nahm sich in West-Berlin der 18-jährige Andy das Leben. Seine Geschichte erschien ein paar Jahre später als Kinofilm “Das Ende des Regenbogens”. Der Film beschreibt die Situation, in der damals hunderte Jugendliche in West-Berlin waren. In Diebstählen und Betrügereien sahen damals viele ihre einzige Chance, wer auffiel, landete im Heim oder im Knast. Sozialarbeiter gab es wenig, Projekte um die Leute in ein geregeltes Leben zu kriegen überhaupt nicht. Viele flohen vor der Perspektivlosigkeit in Drogen oder in den Selbstmord.

Der Hauptdarsteller des Film kam selbst von der Straße, er spielte teilweise sein eigenes Leben. Authentisch sind die Szenen in der Disco, hinter dem Bahnhof Zoo, die Prügelei mit dem Vater im Hochhausghetto. Wenn Jimmi mit seinem Kumpel durch die Kreuzberger Straßen zieht, in denen gerade ganze Häuserblöcke abgerissen werden, ist man mitten in dieser Zeit. Er aber bleibt darin fremd, ausgeschlossen aus dem normalen Leben, dem er sich immer wieder trotzig entzieht.




Dennis auf dem Strich

Dennis ist 16 Jahre alt und geht in Berlin auf den Strich. Der Text ist die Zusammenfassung eines Interviews mit ihm.

Ich komme eigentlich nicht aus Berlin, aber seit zwei Jahren bin ich nicht mehr Zuhause gewesen. Ich will da auch nicht mehr hin. Das war auf dem Land und ich habe auch immer Angst, dass ich hier mal gesehen werde von Verwandten oder Freunden meiner Eltern, wenn sie mal nach Berlin kommen. Oder dass die Polizei mich kontrolliert. Das ist auch schon ein paarmal passiert, aber bis jetzt konnte ich mich immer rausreden.

Hier in Berlin arbeite ich auf der Straße als Stricher. Callboy hört sich besser an oder? Ein paar Freier haben auch meine Handynummer, die rufen mich an, wenn ich hinkommen soll. Meistens arbeite ich in Moabit auf der Straße. Am U-Bahnhof Turmstraße, das ist nicht so ein offener Strich wie am Zoo oder in der Joachimstaler, sondern mehr so unter der Oberfläche. Da bin ich meistens mit zwei Kumpels, wir stehen einfach nur rum und wenn einer kommt der einen Stricher sucht, dann läuft das schon, so über Blickkontakt. Hier ist das besser als am Zoo, obwohl hier auch viele Junkies rumrennen. Aber die schaffen hier nicht an, die stehen in der Jebens oder die Mädchen auf der Kurfürsten. Hier kommen manchmal auch noch richtige Kinder her, 13, 14 Jahre oder so, nach der Schule. Die verdienen sich dann was dazu. Die meisten Freier denken auch, dass ich erst 14 bin, weil ich jünger aussehe.

Als Stricher zu arbeiten ist eigentlich kein schlechter Job, außer wenn man ein richtiges Schwein erwischt. Das gibts leider auch manchmal, manche Freier sind Arschlöcher. Aber das gehört leider dazu. Dann muss man stark sein und sich nicht alles gefallen lassen. Ich mache auch nicht alles mit, wenns sein muss, kann ich auch auf einen Freier verzichten. Die Junkies müssen jeden nehmen, die machen es auch für 10 oder 20 Euro und manchmal werden sie noch um ihr Geld betrogen. Aber was soll man machen. Ich bin froh, dass ich nicht so abgeranzt bin und so werde ich auch nie.

Eine eigene Wohnung hab ich nicht, aber das wäre schon mein Traum. Richtig cool, mit Badewanne, Whirlpool haha, amerikanischer Küche und so. Mindestens 100 Quadratmeter oder 150, da gründe ich dann eine Familie. Aber nicht hier in Moabit, sondern irgendwo am Meer in Schleswig-Holstein. Im Moment wohne ich mit zwei Kumpels zusammen in einer 1-Raum-Wohnung gleich um die Ecke. Die gehörte einem Freier, aber der ist schon seit Monaten verschwunden, irgendwo in Asien oder so. Vorher hatten wir eine leere Wohnung aufgemacht, auch hier, gleich in der Lübecker. Da sind wir aber nach ein paar Wochen rausgeflogen, weil der Hausmeister was gemerkt hat. Und davor war ich in einem Wohnheim, aber nicht so legal, hahaha. Jetzt ist es viel besser und die Wohnung ist cool.

Manchmal versucht ein Freier mich zu locken, weil ich süß bin und er mich für sich allein haben will. Aber das mache ich nicht, außer er würde mir 80 Euro für jede Stunde zahlen. Aber das kann sich keiner leisten, das sind ja über 1000 Euro am Tag, oder? Manche Freier sind ja auch ganz in Ordnung, aber ein so Idiot hat mal versucht, mich wie eine Hure zu halten. Er wollte mich zwingen und da hab ich ihm gedroht, zur Polizei zu gehen. Ich hab gesagt, dass ich erst 13 bin und er dann tierischen Ärger kriegt. Da hat er dann aufgegeben. Aber sonst ist der Job ganz ok. Mal sehen, wie lange ich das mache. Auf jeden Fall nicht mein ganzes Leben lang.




Konsum illegaler Drogen geht zurück

HaschischDie Drogenbeauftragte der Bundesregierung kümmert sich nicht etwa um den Nachschub für die Minister, sondern beobachtet die Entwicklung beim Drogenkonsum, u.a. bei Jugendlichen. Regelmäßig legt sie dazu Berichte vor, so wie auch jetzt wieder. Demnach nutzen wesentlich weniger Jugendliche illegale Betäubungsmittel als noch vor drei Jahren. 2004 haben noch 22 Prozent der 14- bis 17-Jährigen angegeben, Haschisch oder härtere Drogen zu konsumieren. 2007 sind es nur noch 13 Prozent. Der weitaus größte Teil von ihnen beschränkt sich dabei auf das Kiffen, nur sehr wenige haben auch Erfahrung mit Pillen, Kokain, Crack oder Heroin.
Diese Entwicklung ist zwar sehr erfreulich, allerdings ist sie auch nur die halbe Wahrheit. Denn viele Experten gehen mittlerweile davon aus, dass der Konsum von Haschisch und Gras ungefährlicher ist, als der von hochprozentigem Alkohol. Doch wieviel Jugendliche Schnaps trinken, erfährt man in dem Bericht nicht. Zwar ist es Minderjährigen verboten, solchen Alk zu konsumieren, insgesamt aber gilt Schnaps nicht als illegales Betäubungsmittel. Deshalb ist die Aufteilung in legale und verbotene Drogen wenig sinnvoll, es ist nur eine rechtliche Bewertung. Wichtiger wäre es, in mehr oder weniger gefährliche Stoffe zu unterscheiden. Ob das Ergebnis dann immer noch so positiv ausfallen würde, ist fraglich. Denn dass viele Jugendliche von Gras auf Alkohol umsteigen, kann auch bedeuten, dass sie mittlerweile abhängig geworden sind.