Hallesches Tor

Das Hallesche Tor ist für die meisten heute nur ein Umsteigebahnhof zwischen zwei U-Bahnlinien. Dabei war dieser Ort zwei Jahrhunderte lang einer der wichtigsten Berlins.
September 1743: Ein 14-jähriger Junge kommt nach langem Fußmarsch aus Dessau endlich in Berlin an. Nein, er kommt an die Stadtmauer, die Berlin umschließt. Es ist bereits die zweite Stadtmauer, eine etwa vier Meter hohe Pallisade, innerhalb der sich nicht nur die Stadt Berlin befindet, sondern in der östlichen Hälfte auch noch Ländereien. Die Mauer wurde erst wenige Jahre vorher fertiggestellt, 1735, vorher gab es die Bastionen.
17 Tore hat diese Stadtmauer. Benannt sind sie fast alle nach dem Ort, den man erreicht, wenn man durch dieses Tor Berlin verlässt und immer dem Weg folgt. Noch heute sind die Namen von einigen dieser Tore allgemein bekannt, z.B. Schlesisches Tor, Kottbusser Tor und Hallesches Tor. Andere Tor-Namen leben als Plätze weiter, wie der Potsdamer oder der Rosenthaler Platz.
Der 14-Jährige kam aus Dessau in Sachsen-Anhalt, über die Straße, die von Berlin nach Halle führt. Also erreichte er die Stadt am Halleschen Tor, jedoch durfte er sie hier nicht betreten. Denn er war Jude und deshalb war nur ein einziges Tor für ihn passierbar: Das Rosenthaler Tor auf der anderen Seite Berlins. So musste Moses Mendelssohn – so hieß der Junge – einen weiten Weg gehen, um endlich ein Tor zu finden, bei dem er eine Chance zum Eintritt hatte. Zwar hat es auch dort nur mit einer List geklappt, aber das ist eine andere Geschichte.

Das Hallesche Tor war schon zu dieser Zeit ein verkehrsreicher Ort. Einige Jahre zuvor war an seiner Innenseite ein Platz angelegt wurden, das sogenannte Rondell, nach dem Vorbild des Piazza del Popolo in Rom. Seine Gegenstücke waren das Achteck (Leipziger Platz) und das Quadrat (Pariser Platz). Auf das Rondell führten innerhalb Berlins drei Straßen zu, die Wilhelm-, Friedrich- und Lindenstraße, alle Straßennamen existieren noch heute. 23 Häuser standen anfangs auf dem Platz, dazwischen war ein Markt. 1815 erhielt der Platz den Namen Belle Alliance, 1843 dazu noch eine 19 Meter hohe “Friedenssäule” mit einer bronzenen Viktoria des Bildhauers Christian Daniel Rauch. Im Jahre 1947 wurde der Platz in Mehringplatz umbenannt.
Das Hallesche Tor entwickelte sich aber auch außerhalb, zumal einige Meter weiter der Landwehrgraben vorbeiführte, der später zum Kanal ausgebaut wurde, einer der wichtigen Verkehrsadern dieser Zeit. Dahinter befand sich seit 1815 der Platz am Halleschen Tor (seit 1884 Blücherplatz).
Als die Stadtmauer um 1867 abgerissen wurde, war das Hallesche Tor schon zu beiden Seiten eng bebaut. Bereits seit 1850 gab es eine Klappbrücke über den Kanal, doch diese war mittlerweile völlig unzureichend. An ihrer Stelle entstand 1876 eine neue Überquerung des Landwehrkanals, mit 33 Metern die breiteste Brücke der Stadt. An ihrer Südseite wuchs die Tempelhofer Vorstand als bürgerliches Wohnviertel heran. Auf dem Bauwerk wurde eine Figurengruppe aus Marmor errichtet, die die Fischerei, die Schifffahrt, den Handel und den Gewerbefleiß symbolisieren. Im Krieg wurden zwei dieser Figuren zerstört. Die beiden anderen überlebten, weil sie zwischenzeitlich einen anderen Standort bekommen hatten, um dem Hochbahnbau Platz zu machen. Heute stehen sie wieder auf der Brücke. Vor allem der Hochbahnhof mit seinen markanten Treppenaufgängen geben dem Ort heute ein besonderes Bild. Der südliche Aufgang befindet sich sogar über dem Wasser des Kanals.
Ende des 19. Jahrhunderts explodierte der Verkehr, allein neun Pferdebahnlinien und eine Pferdeomnibuslinie kreuzten die beiden Plätze. 1896 war das Hallesche Tor nach dem Potsdamer Platz der verkehrsreichste Ort Berlins. Am 19. November 1905 begann hier auch der Linienverkehr mit motorisierten Omnibussen. Einen optischen Einschnitt erlebte das Hallesche Tor aber schon drei Jahre vorher, als die Hochbahnstrecke vom Stralauer Tor zum Potsdamer Platz gebaut wurde. Die Bahn wurde hier auf Stelzen teilweise über dem Landwehrkanal errichtet, um Platz zu sparen. Immerhin führten neun Straßen auf die beiden Plätze nördlich und südlich des ehemaligen Tores.
Am Vormittag des 3. Februars 1945 kam für den Belle-Alliance-Platz, das Hallesche Tor und den Blücherplatz das Aus: Das amerikanische Flächenbombardement ließ kaum ein Gebäude übrig. Zwar wurden die Häuser im Belle-Alliance-Platz nochmal provisorisch hergerichtet, aber das war nur für ein paar Jahre. In den 60er und 70er Jahren verwandelte die Gegend ihr Gesicht grundlegend, vier der hier ankommenden Straßen biegen seitdem vor dem Halleschen Tor in eine andere Richtung ab. Das ehemalige Rondell wurde wieder rund bebaut, diesmal aber eingebettet in eine große Fußgängerzone. Wilhelm- und Lindenstraße wurden vor dem Platz zum Landwehrkanal umgebogen, die Friedrichstraße endet seitdem am Mehringplatz.
Groß waren auch die Veränderungen am Blücherplatz: Die Belle-Alliance-Straße, 1947 zu Mehringdamm umbenannt, erhielt ebenfalls einen Knick und verläuft seitdem westlich des letzten noch bestehenden Wohnblocks. Die einstige Blücherstraße endet nun nicht mehr auf dem gleichnamigen Platz, sondern wurde quer über den alten Jerusalems-Friedhof gelegt und geht nun in die Obentrautstraße über. Vom Ufer her kann man den Platz nicht mehr befahren, dort gibt es nur noch eine Stichstraße, die zur Amerika Gedenkbibliothek führt. Und auch die Brücke ist dem Individualverkehr verwehrt. Hier befindet sich die Endhaltestelle einer Buslinie.
Das Hallesche Tor ist zwar immer noch ein Knotenpunkt, allerdings nur als Umsteigebahnhof der U-Bahn. Dass die einmal einer der verkehrsreichsten Orte Berlins war, ist nicht mehr vorstellbar.




Der Gefangene

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muss? – Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen bessre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.
Sich lügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann’s euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen – Tyrannei!
dann ruf ich’s in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen!

Erich Mühsam
August 1919

Erich Kurt Mühsam (6. April 1878 in Berlin – 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg) war ein anarchistischer deutscher Schriftsteller, Publizist und Antimilitarist.

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Dampfer auf dem Savignyplatz

Dass Großbauprojekte manchmal andere Wege nehmen als geplant, weiß man nicht erst seit dem BER-Desaster. Schon vor 130 Jahren wurde ein riesiges Projekt geplant, das jedoch niemals Wirklichkeit geworden ist.

Stellen Sie sich vor, anstelle der Grünflächen auf dem Savignyplatz gäbe es heute ein großes Wasserbecken. Von Nordosten her würden Dampfer einfahren und am Steg stiegen Ausflügler ein, die auf dem Kanal Richtung Wannsee weiter ins Grüne fahren. An den Ufern des Bassins würden im Sommer die Menschen in der Sonne sitzen, an Tischen ihren Kaffee oder eine Berliner Weiße trinken. Die Kantstraße würde das große Wasserbecken als Brücke überspannen.

All dies ist keine Spinnerei, sondern war tatsächlich so geplant. Im Zuge der Stadterweiterung im 19. Jahrhundert sollte eine neue Wasserverbindung hergestellt werden zwischen der Spree und dem Wannsee, weil der Umweg über Spandau schlecht schiffbar war. Dies lag vor allem am teils zu flachen Flussgrund, aber auch an zu niedrigen Brücken, die Spree und Havel überspannten. Schon bei mittlerer Wasserhöhe konnte ein Teil der Schiffe dort nicht mehr fahren.

Parallel zur Stadtplanung von James Hobrecht reifte der Plan, eine Umfahrung zu bauen. Hobrechts Bebauungsplan wurde als Grundlage genommen, um darin eine neue Wasserstraße einzubauen, den rund 18 Kilometer langen Süd-West-Kanal. Er sollte von der noch heute existierenden Schleuse am Landwehrkanal Richtung Süden abzweigen, entlang von Fasanen- und Uhlandstraße auf den Savignyplatz einbiegen und von hier durch die Knesebeckstraße Richtung Wilmersdorf. Von dort aus war geplant, ihn durch die Grunewaldseen zum Wannsee in die Havel zu führen. Zwischendurch war ein Hafen am heutigen Olivaer Platz vorgesehen sowie mehrere Haltestellen auf dem Weg zum Grunewaldsee.

Mit der Planung beauftragt war das Ingenieurbüro Havestadt & Contag, das seinen Entwurf im Jahr 1883 vorstellte. Die Gegend rund um den Savignyplatz war zu diesem Zeitpunkt zwar nur spärlich bebaut, jedoch existierte bereits die Stadtbahntrasse, so dass die Kanalplanung darauf Rücksicht nehmen musste. Die Planer schrieben dazu:

Wie bereits erwähnt wurde, liegt der geeignetste Punkt einer Unterführung des Kanals unter der Stadtbahn im Zuge der Knesebeckstrasse; um diese zu erreichen, ist die Trace so gewählt, dass der Kanal, nach Unterschneidung der Hardenbergstrasse, in einer scharfen Curve an der hinteren Seite des zur Villa Mendelssohn gehörigen Gartens vorbei, das noch unbebaute Terrain durchdringend, den im Bebauungsplan vorgesehenen grossen Platz – des Vereinigungspunkt von 7 Strassen – erreicht; auf letzterem ist ein Wendebassin projektiert, welches bis zur Vollendung der Bebauung der benachbarten Stadttheile mit Vortheil auch als Hafenbassin verwerthet werden kann. Die Strasse No. 18 [heute Uhlandstraße] wird von dem Kanal schiefwinkelig geschnitten. … Die Ableitung der Strasse No. 18 bei ihrem Zusammentreffen mit dem Kanal wird die einzige wesentliche Aenderung des bisher festgestellten Bebauungsplanes sein. …

Die Ausmündung des Kanals liegt im Zuge der Knesebeckstrasse und zwar ist der Kanal in zweischiffiger Breite (18,0 m) in der Mitte der jetzigen Strasse angenommen, wodurch die Theilung derselben in zwei Uferstrassen nothwendig wird. Die hierdurch eintretende Verbreiterung der Knesebeckstrasse bis auf 52 m – excl. Vorgärten – würde zwar auf Kosten der angrenzenden Bauterrains erfolgen, dieselben aber zweifellos in ihren Werthe steigern, weil damit der Charakter der Strasse wesentlich gehoben wird.

Tatsächlich wäre nicht nur der Charakter der Knesebeckstraße extrem verändert worden, sondern z.B. auch der des Kurfürstendamms, der dann als Brücke den Kanal überspannt hätte.

Die Wahl auf die Knesebeckstraße für die Unterführung der Stadtbahn hatte zwei Vorteile: Zum einen das als Savignyplatz geplante Wasserbassin vor der Ausfahrt, was bessere Rangiermöglichkeiten geboten hätte. Vor allem aber hatte die Stadtbahntrasse durch eine um vier Meter größere Lichtweite sowie tiefere Fundierung der Pfeiler, als die Alternativen Fasanen- und Uhlandstraße.

Mitte der 1880er Jahre wuchs die Stadt rasant. “Berlin ist aus dem Kahn gebaut” heißt es, womit gemeint ist, dass ein Großteil des Baumaterials, vor allem Ziegel und Holzbohlen, über die Kanäle in die Stadt kamen. Besonders die Kalkberge Rüdersdorf waren wichtiger Lieferant für die Neubauten in Berlin und all seine vorgelagerten Gemeinden wie Charlottenburg. Rüdersdorf war über Kalk-, Flaken-, Dämmeritzsee und schließlich die Spree an Berlin angebunden. Ein Kanal quer durch die damals noch selbstständigen Gemeinden Charlottenburg und Wilmersdorf würde deren Aufschwung sehr unterstützen.

Letztlich aber kam alles anders. Schon vor der Planung des Süd-West-Kanals wurde seit 1861 auch über eine südliche Umfahrung der Stadt nachgedacht, die allerdings doppelt so lang würde. Der Vorteil war, dass er hier vor allem über Felder geführt wurde, bei denen keine Rücksicht auf bestehende oder geplante Stadtbebauung genommen werden musste. Außerdem bekämen die südlich gelegenen Gebiete eine Verbindung zu Havel und Spree (bzw. die Dahme), auch ohne Umweg über den Landwehrkanal.

Damals wie heute wurden Großprojekte hauptsächlich nach politischen Gesichtspunkten beschlossen. Und so setzte sich der Teltower Landrat Ernst Stubenrauch (genannt “Der Eiserne”) 1885 durch, der den Südkanal favorisierte. Stubenrauch erhoffte sich von dem Kanal, dass sein Landkreis Teltow, der damals noch von Zehlendorf bis Köpenick reichte, wirtschaftlich aufgewertet würde. Um den Widerstand gegen die Entscheidung für den Teltowkanal und gegen den Süd-West-Kanal zu schwächen, beauftragte er ebenfalls das Ingenieursbüro Havestadt & Contag. Dies hatte erst kurz zuvor eine 76-seitige Broschüre zur Planung des Süd-West-Kanals veröffentlicht.

Am 22. Dezember 1900 erfolgte im Park von Babelsberg der erste Spatenstich für den neuen Teltowkanal, auf den Tag genau sechs Jahre später wurde das Bauwerk auf gesamter Länge eröffnet. Damit war die Planung für den Kanal durch Charlottenburg und Wilmersdorf hinfällig. Und am Savignyplatz liegen keine Ausflugsdampfer.




Vater wollte Sohn töten lassen, weil er der Familie Schande machte

Der Eigentümer und Chef einer Familienfirma mit Sitz in Berlin, die er unter schwierigsten Bedingungen groß gemacht hatte, hatte sich alle Mühe gegeben, seinen Sohn zu einem würdigen Nachfolger zu erziehen und gut zu verheiraten, natürlich mit einem Mädchen aus der Familie, mit der richtigen Religion. Aber der Sohn interessierte sich mehr für Männer als für Frauen und mehr für die neueste Musik als für die Arbeit in der Firma. Je strenger die Erziehung durch den Vater wurde, desto unglücklicher wurde der Sohn, bis er schließlich nicht einmal mehr die erfolgreiche Firma übernehmen wollte. Er wollte nur noch weg. Mit seinem Freund versuchte er, nach England zu reisen und sich dort Arbeit zu suchen.

Die Reisepläne flogen auf, und der wütende Vater wollte beide jungen Männer töten lassen, um die Ehre zu retten. Seine Mitarbeiter weigerten sich aber, dabei zu helfen. Der Freund jedoch wurde vor den Augen des Sohnes getötet. Später wurde der Sohn, der inzwischen nicht mehr aufmuckte, zwangsverheiratet mit einem passenden Mädchen, das er nicht liebte, und musste eine Filiale hundert Kilometer weiter weg leiten, um sich zu beweisen – und um nicht am Berliner Leben teilnehmen zu können.

Bis zum Tode seines Vaters musste dieser junge Mann sich ununterbrochen verstellen, allen gegenüber, und er hat nie mehr wirkliche Freunde gehabt. Dennoch übernahm er nach dem Tode seines Vaters die Firma und führte sie zu großem Erfolg. Er stellte viele Mitarbeiter aus anderen Ländern ein und respektierte, dass sie einen anderen Glauben hatten. Bei ihm durfte niemand wegen seiner Religion oder seiner Abstammung diskriminiert werden, obwohl er selbst seinen Glauben verloren hatte. Überall in Berlin und Potsdam setzte er moderne Bauten hin.

So wurde er einer der berühmtesten Deutschen. Er starb kinderlos. Die Firma ist inzwischen erloschen. In Neukölln steht übrigens ein Denkmal, dass dankbare ausländische Mitarbeiter trotz allem dem Vater setzten.

Wer war der Vater, wer der Sohn?

(Geschrieben von Hanno Wupper nach dem Hören eines Radioberichts über die Neuköllner Heroes.)




Großer Stern

Vergoldete Erektion

Türme eignen sich gut als Erkennungszeichen in Filmen, weil man sie leicht im Hintergrund ins Bild kriegt. Das gilt auch für die Siegessäule auf dem Stern, der dem Stern im Klever Tiergarten nachempfunden ist. Und ohne sie wäre der Stern wenig überzeugend.
Der Stern von Moritz von Nassau in Kleve liegt auf einem Berg, und Moritz hatte in seinem Zentrum noch einen Hügel aufschütten lassen, damit man wirklich gut sehen kann. Und wenn man über die von diesem Punkt ausgehenden Wege schaute, sah man in fast jeder Richtung etwas Schönes. Leider ist dort nun alles ähnlich zugewachsen wie auf der Marienhöhe.
Der große Stern im Berliner Tiergarten ist flach. In einer Richtung erblickt man durch das Brandenburger Tor hindurch den Neubau, der einmal kein Schloss werden soll. In der entgegengesetzten Richtung verliert sich eine schnurgerade Straße nach zwölf Kilometern im Nichts. Bei allen anderen Wegen gab es damals auch nichts Spektakuläres, und das hat sich bis heute nicht geändert.
Da kam Hitler diese Säule gerade recht. Sie stand vor dem Reichstag und ähnelte der Säule auf dem Mehringplatz, dem ehemaligen Belle-Alliance-Platz. Die Säule dort heißt Friedenssäule, aber oben drauf steht die Siegesgöttin Viktoria, breitet die Flügel aus und schwenkt in der rechten Hand einen Siegerkranz. Die Säule, die damals vor dem Reichstag stand, heißt dagegen Siegessäule, hat mit 1870/71 zu tun, ist größer, und oben drauf breitet eine Viktoria die Flügel aus und schwenkt einen Siegerkranz. Suchen Sie die Unterschiede!
Hitler, der sich später mit dem stummelförmigen Schwerbelastungskörper verewigte, fand diese Säule zu klein. Um Mussolini bei dessen Staatsbesuch zu imponieren, ließ er sie ins Zentrum des Großen Sterns umsetzen und erhöhen. Eine Art Staatserektion. Auch ließ er die Straßen dort erheblich verbreitern, damit man später die Love Parade schön feiern konnte. Nur an ein Abfallsystem für Getränkedosen hatte er nicht gedacht.
Damals gab es den Fernsehturm noch nicht, und diese Säule zwischen den beiden Zentren wäre eine Art Mittelpunkt gewesen. Sie hat auch dem Großen Stern einen landschaftsarchitektonischen Sinn gegeben: wenn man von außen, zum Beispiel von der Stadtbahn aus, zum Zentrum des Sterns schaut, sieht man sie. Es ist genau umgekehrt wie in Kleve.
Auch für Männer, die Sex mit Männern suchen, war die Siegessäule seit Jahrzehnten der Mittelpunkt Berlins. Dennoch ist der große Stern verglichen mit einigen anderen weiter oben beschriebenen Orten relativ einseitig.

Aus: Suche nach der Mitte von Berlin




Fernsehturm

Die DDR bleibt

Als ich selbst lesen konnte, war eines meiner ersten Bücher ein Kinderbuch meiner Mutter: Hans und Kathrin entdecken Berlin. Damals war der Funkturm neu und wurde im ganzen Land bewundert, und Hans und Kathrin wollten unbedingt hin. Der Funkturm steht am Westkreuz und unter Denkmalschutz und sieht aus wie die obere Hälfte des Eiffelturms. Wenn man ihn mal nicht länger nötig hat, kann man ihn einfach auseinanderschrauben und die denkmalgeschützten Teile irgendwo einlagern.
Ulbricht, der schon in Potsdam einen Wolkenkratzer gebaut hatte, wollte auch in Ost-Berlin ein zentrales Hochhaus haben. Die Post begann gleichzeitig auf den Müggelbergen einen Funkturm zu bauen, der aber in den Flugverkehr von und nach Schönefeld geragt hätte. Wenn die Post sich durchgesetzt hätte, hätte man vielleicht den neuen Flughafen BER ganz woanders hinbauen müssen. Auf den Müggelbergen steht nur ein Stummel dieses Projekts, eine Art Niedrigragkörper.
Nach langem Hin und Her entstand dann der Plan für einen zentralen Funkturm mitten in der Stadt, neben der Marienkirche, statt des Hochhauses. Ein Standortvorteil war, dass dort der Kiesboden so stabil war, dass das Fundament keine sechs Meter tief zu sein brauchte, ein Drittel des Fundaments des Schwerbelastungskörpers. Ein weiterer Standortvorteil war, dass der Turm in den Flugverkehr von und nach Tegel ragt. Tegel lag ja an der anderen Seite des Eisernen Vorhangs.
Es gab damals viel Kritik an Höhe und Aussehen des Turmes; aber eigentlich ist er doch ganz schön geworden und hat sich sowohl als Fernsehturm bewährt als auch als Wahrzeichen der Stadt. Außerdem macht er Reklame für die christliche Religion: bei Sonnenschein erscheint auf der Kugel ein großes Kreuz. Das liegt an der Reflexion der Fensterrahmen und war auch zu Ulbrichts Zeiten schon so. Auf Luftbildern sieht er aus wie eine riesige Stecknadel in der Landkarte: „Hier ist der Mittelpunkt.“ Wobei nicht ganz deutlich ist, ob diese Stecknadel sich selbst meint oder die Marienkirche.
Der Turm war der zweithöchste Fernsehturm der Welt, der höchste Europas und ist immer noch das höchste Gebäude Deutschlands. Als ich das letzte Mal in der Eingangshalle war, stand allerdings auf der Informationstafel: „zählt zu den 16 höchsten Türmen Europas.“ Vielleicht wird es Zeit für eine programmierbare Leuchtschrift.
Es lohnt sich, nicht nur die Aussichtsplattform zu besuchen, sondern vorher einen Tisch im Restaurant zu reservieren und sich Zeit zu nehmen. Während man isst, dreht sich unter einem die Metropole. Mir wurde gesagt, dass sie sich seit der Wende viel schneller dreht als vorher, weil den Gästen nach einer Umdrehung langweilig wird und sie die Plätze frei machen. Nehmen Sie sich dennoch Zeit!
Als ich in den Siebziger Jahren in Ost-Berlin war, hingen dort wie immer noch in ganz Berlin große Stadtpläne an den Haltestellen. Nur war da auf West-Berliner Gebiet kein einziges Gebäude und keine einzige Straße eingezeichnet, nur Bodenprofil, Wald und Wasser. Die Mark Brandenburg kurz nach der Eiszeit! Die Zivilisation hörte auf diesen Plänen genau an der Mauer auf. Jedoch konnte jeder Bürger der DDR sich vom Fernsehturm aus überzeugen, dass West-Berlin ziemlich vollgebaut und nachts daran erkennbar war, dass es bis zur Mauer überall anders leuchtete als das heimische Ost-Berlin mit seinem vom Mond aus erkennbaren gelben Natriumdampficht. Weißlicher wegen der Gas-Glühstrümpfchen und der modernen Quecksilberdampflampen, aber hinzu kam etwas, das man vom Mond aus nicht gut unterscheiden konnte: Überall bunte Lichtreklame. Es kann also nicht sein, dass die Regierung der DDR die Existenz einer Zivilisation hinter der Mauer geheim halten wollte. Mir wurde nie klar, warum diese Stadtpläne so selektiv waren.
Wie dem auch sei, die DDR ist samt Palast der Republik weg; man hat so schnell wie möglich in Ost-Berlin auch überall bunte Lichtreklame angebracht – doch der Fernsehturm ragt immer noch in den Tegeler Flugverkehr und kommt in jedem Film vor, bei dem man erkennen soll, dass er in Berlin spielt. Man kann ihn ja auch weder auseinanderschrauben noch sprengen. Darum will man den Tegeler Flugverkehr gern abschaffen; aber dazu müsste man auf die Erlebnistouren „quer über das 960 Hektar große BER-Gelände“ verzichten. Oder den Flughafen Tempelhof wieder in Betrieb nehmen.

Aus: Suche nach der Mitte von Berlin




Schwerbelastungskörper

Germania bleibt

Auch nicht nötig war nach neueren Einsichten der Schwerbelastungskörper. Eine Zeitlang hat man darum seine Existenz nicht an die große Glocke gehängt; nun versucht man krampfhaft, ihn als Sehenswürdigkeit anzupreisen. Als Sehenswürdigkeit wofür?
Hitler wollte nach dem Endsieg Berlin zu Germania umbauen lassen. Speer machte die Entwürfe, und hier und da wurde etwas gebaut, das zum Gesamtplan passte.
Zum Glück nie gebaut wurden die Halle des Volkes, die Prachtstraße von Norden nach Süden und der geplante Südbahnhof. Die Halle des Volkes wäre so groß geworden, dass sich darin Wetter gebildet hätte, mit Wind und Nieselregen. Fragen Sie einen Meteorologen, wenn sie es nicht glauben! Es hätte gut sein können, dass der Führer im Nebel verschwunden wäre, wenn alle jubelten. Der Südbahnhof wäre so groß geworden, dass man die Wege beim Umsteigen kaum geschafft hätte. Abgesehen davon, dass das alles nicht funktioniert hätte, wäre ein großer Teil der Stadt für diesen Unsinn abgerissen worden.
Auch nicht gebaut wurde ein Triumphbogen, der endlich mal richtig groß sein sollte. Also richtig groß, viel größer als das mickrige Ding von Napoleon in Paris. Nun ist aber, wie schon Friedrich Wilhelm I. mit seiner ersten Garnisonkirche einsehen musste, der Brandenburger Boden entweder sandig oder sumpfig, und selbst wenn er oben sandig ist, kann es weiter unten problematische Grundwasseradern geben. Wenn man nicht aufpasst, versinkt so ein Triumphbogen im Untergrund oder fällt zuerst langsam, dann immer schneller um, was bei der Größe und Lage allerlei Kollateralschäden verursacht.
Wenn man keine Erfahrung hat, muss man Experimente machen. Zum Glück war Speer auch Minister und hatte genug Kriegsgefangene zur Verfügung. Also rechnete er aus, wie schwer ein Fuß des Triumphbogens auf den Boden drücken würde, und seine Kriegsgefangenen stellten einen Betonklotz mit dem entsprechenden Gewicht her. Er ist vierzehn Meter hoch wie ein Haus mit fünf Stockwerken, und sein Fundament reicht achtzehn Meter tief in den Boden. Umgefallen ist er bis heute nicht, was für den Boden spricht. Er ist massiv, weil er ja schwer sein soll.
Als es noch kein Internet gab, wollten wir ihn suchen. Ich wusste nur, dass er in der Nähe der General-Pape-Straße sein sollte. Erstaunlicherweise kannten ihn die Einwohner der Gegend aber nicht, auch nicht, als wir ihm schon recht nahe waren. „Sind sie Freunde der Zeit?“ fragte ein Lehrertyp nach einem Blick auf unsere Lederjacken und Stiefel. Auch Mütter, die ihren Kinderwagen täglich am Schwerbelastungskörper vorbeischoben, wussten nichts von einem riesigen fensterlosen Betonklotz.
Aber er steht noch. Daneben wurden Wohnhäuser gebaut, also ist Sprengung ausgeschlossen. Stücke herausbrechen kann man auch nicht, weil er rund ist. Wenn Sie es nicht glauben, versuchen Sie einmal, ein Stück aus einer ungeschälten Wassermelone zu beißen! Mit Presslufthämmern zerkleinern würde Monate, wenn nicht Jahre dauern und die Anwohner verrückt machen.
Nachdem es das Internet gab, erschienen nach und nach immer mehr Beschreibungen und Bilder, und wer sie betrachtete, wurde immer weniger für einen „Freund der Zeit“ gehalten.
Heute ist der Schwerbelastungskörper ein anschauliches Beispiel für das, was in Berlin immer wieder geschieht:
Da gibt es geheimnisvolle Orte, wo gewisse Linien ihr trauriges Ende finden. Zunächst kennt fast niemand diese Orte; dann erscheinen WWW-Seiten und Bücher mit schönen Bildern; dann wird alles eingezäunt, damit sich ungeschickte Besucher nicht verletzen; dann gibt es inoffizielle Führungen, dann offizielle; zum Schluss entdeckt ein Investor oder ein Bezirk den Ort und baut etwas schwer Subventioniertes, das nachdenklich machen soll – oder der Ort verschwindet unter einem neuen Einkaufszentrum. Wie beim Tacheles, einer ehemals von Punkern und Künstlern bewohnten Ruine eines Kaufhauses. Wie beim Vergnügungspark am Plänterwald mit seinen ausgestopften Sauriern und verrosteten Achterbahnen. Wie auf dem Flughafen Tempelhof, dessen Landebahn-Beleuchtung ordentlich eingezäunt und beschriftet ist. Wie bei den teilweise gebauten, aber nie in Betrieb genommenen U-Bahn-Linien, deren hoffnungsvolle Bahnhöfe an der Schlossstraße in Steglitz und in Jungfernheide sichtbar vor sich hin warten.
Den Schwerbelastungskörper konnte man früher einfach besuchen und anschauen. Dann wurde er eingezäunt und, ja, wirklich, restauriert! Eine Schautafel faselte in krummen Sätzen etwas von „erlebbarer Geschichtserinnerung“ oder so. Oben drauf kam eine neue, glatte Betonschicht gegen Verwitterung. Ritzen wurden ordentlich zugeschmiert. Netze wurden angebracht, damit Besuchern keine abbrechenden Betonteile auf den Kopf fallen können. Wenn darauf Vögel sitzen, fällt einem etwas anderes auf den Kopf. Ein Teil des Sockels wurde freigelegt, und man kann in Messräume mit verrosteten Installationen schauen. Daneben gibt es einen kleinen, neu gebauten Seminarraum mit sechs oder acht Designerstühlen für Veranstaltungen und ein freistehendes Treppenhaus mit 87 Stufen, damit man von oben die neue Betonschicht bewundern kann. Damit sich der Eintritt lohnt, ließ man den Zaun zuwachsen. Man kann den Schwerbelastungskörper nun nur sehen, wenn man den Eingang findet. Da aber fast niemand kommt, braucht man nun keinen Eintritt mehr zu bezahlen, man muss nur wissen, wann der Eingang geöffnet ist. Ein Mann muss da dann immer sitzen und aufpassen, damit man auf der Treppe und in den freigelegten Messräumen keinen Unsinn macht. Die beiden Glastüren, durch die man hindurch muss, sind dem Durchzug nicht gewachsen, also hat der Mann auch noch eine Aufgabe als Schleusenwärter.
Das Ganze hat 913.750 Euro gekostet – sechs mal so viel wie geplant. Hoffentlich kann man die gesammelten Erfahrungen verwenden, wenn demnächst Schöneflug-Wunderland für immer eingemottet wird! Im Kleinen könnte man das System aus Zaun, Zugang und Aufsicht auch direkt auf die gefährliche Wiedervereinigungswippe beim Schloss übertragen.

Aus: Suche nach der Mitte von Berlin




Jungfernheide

Der Volkspark im Norden Charlottenburgs ist nach dem Tiergarten der zweitgrößte Park Berlins und der letzte Rest eines ehemaligen Wald- und Heidegebiets, das einst von Moabit bis nach Tegel reichte. In Moabit erinnert der Name Waldstraße noch immer daran. Und selbst der S-Bahnhof Jungfernheide ist mittlerweile etwa einen Kilometer vom eigentlichen Park entfernt.
Ihren Namen hat die Jungfernheide vom Spandauer Nonnenkloster, das im 13. Jahrhundert gegründet wurde. Bis etwa 1800 diente sie als königliches Jagdrevier, danach wurde sie als Schieß- und Exerzierplatz genutzt. Die Stadt Charlottenburg kaufte 1904 einen Teil des Gebietes und wollte es zu einem Park umbauen, was sich aber immer weiter verzögerte. Nachdem Charlottenburg 1920 nach Berlin eingemeindet wurde, wurde schrittweise bis 1926 der Jungfernheidepark nach Plänen des Charlottenburger Gartendirektors Erwin Barth angelegt. Barth legte Wert darauf, das ein Großteil des Baumbestands erhalten blieb, so wurde der Park also in den Wald hineingebaut. Nur im mittleren Teil schlug man eine große Schneise, hier entstanden u.a. große Spiel- und Liegewiesen, Spielplätze und ein künstlicher See mit einer 3 Hektar großen Insel, die über zwei Brücken erreichbar ist. Am östlichen Ende markiert der 28 Meter hohe Wasserturm einen Höhepunkt der Jungfernheide.
Heute erreicht man den Park sehr gut von U-Bhf. Halemweg auf der U7. Man taucht sofort in den Wald ein und als erstes fallen einem die Schilder auf, die vor dem Verlassen der Wege warnen. Der alte Baumbestand ist zu einer Gefahr für die Spaziergänger geworden.

Wir wählen einen Rundgang in Uhrzeigerrichtung. Auf einem Hauptweg erreichen wir einen kleinen Platz, von dem man den “Kulturbiergarten” betreten kann. Kultur gibt es manchmal, Bier immer. Etwas abgeschieden kann man hier seinen Spaziergang unterbrechen, aber wir haben ja gerade erst angefangen. Das dazugehörige Freilufttheater ist geschlossen, aber hier hängt ein aktuelles Programm aus. 2000 Besucher fasst es. Ob auch mal so viele kommen?
Auf dem Weg weiter Richtung Westen liegen ein Bauspielplatz sowie eine Hundeauslauf-Anlage. Beide sind fest verschlossen und anscheinend nicht mehr in Betrieb. Oder nur innerhalb der Woche? Jedenfalls scheinen beide Anlagen sehr überholungsbedürftig zu sein.

Dann sehen wir schon das Wasser des Jungfernheidesees. Am östlichen Ufer ein Strand, bei dem warmen Wetter liegen ein paar Einzelne, Pärchen und Familien am Wasser, aber nur wenige baden auch. Bald erreicht man die Brücke, die zur Insel führt. Sie muss nur ca. zehn Meter Wasser überwinden, es sind hier alles keine großen Distanzen. Am Wasser entlang kommt man an zwei kleineren Häuschen vorbei, Pavillons, die den Spaziergängern zur Pause errichtet wurde.

Auch am westlichen Ende des Sees baden Leute, mehr als gegenüber. Jedoch ist dies hier ein offizielles Freibad, abgezäunt, sauber und es bietet einige Annehmlichkeiten wie Imbiss und Lokal, Toiletten und Umkleidekabinen. Der Nichtschwimmerbereich ist deutlich mit einer rot-weißen Kette abgezäunt, es sind vor allem Familien mit Kindern hier. Das kleine Strandbad, ein Familienbetrieb, ist auch bei heißem Wetter nicht überfüllt.
Hinter dem Bad geht es nördlich des Sees wieder zurück. Nur wenige Meter in einen Weg, durch eine kleine Gittertür – und man steht auf einem großen Sportgelände, mit mehreren Fußballplätzen, Vereinshaus, Gaststätte und mobilem Imbiss. Heute am Sonntag ist hier eine Menge los. Man kann sich mit einem Getränk in den Schatten setzen und den Sportlern beim Rennen zusehen.
Oder man setzt seinen Weg weiter fort, am See entlang erreicht man wieder die erste Badestelle. Hier beginnt auch die große Liegewiese, die mehrere hundert Meter weiter durch den Wasserturm abgeschlossen wird. Es ist hier tatsächlich eine Wiese, kein kurz geschnittener Rasen, die man sich allerdings mit zahreichen Maulwürfen teilen muss. Der Wasserturm ist ein expressionistischer Klinkerbau von 1927. Mittlerweile gibt es in seinem Sockelbereich sogar wieder eine Gaststätte.

Im östlichen Teil des Parks hat man nochmal die Möglichkeit, durch Waldgebiet zu wandern. Hier gibt es auch Wildschweine, die in einem Gehege leben. Sie machen sich durch ihren strengen Geruch bemerkbar.
Noch vor einigen Jahrzehnten reichte die Jungfernheide weiter Richtung Osten. Doch mit dem Bau der Stadtautobahn (Kurt-Schumacher-Damm) und des Flughafenzubringers gingen größere Teile verloren. Unter anderem der Platz, an dem sich 1856 der damalige Berliner Polizeipräsident Ludwig von Hinckeldey mit Hans-Wilhelm vom Rochow-Plessow ein Duell lieferte – und erschossen wurde. An dieser Stelle war daraufhin ein Kreuz errichtet worden, das aber mit dem Bau der Stadtautobahn versetzt werden musste und nun am Parkeingang an der Ecke Kurt-Schumacher-/Heckerdamm steht.

Wir gehen nun zurück zum Ausgangspunkt. Die vier Kilometer Rundweg sind schön zu laufen, wenn auch manchmal etwas frustrierend. Denn am Ende heißt es wieder: Das Verlassen der Wege ist verboten. Wegen Baum-Einsturzgefahr.

Foto: Kvikk CC-BY-SA 4.0




Europa-Center

Hier ballte sich das ehemals neue Berlin

Im Ernst: Liegt die Mitte Berlins vielleicht gar nicht in Berlin Mitte, sondern irgendwo im Westen? Dort war ja auch vor Krieg und Mauerbau schon ein zweites Zentrum, und zwar ein ganz anderes. Heute nennt man es „City West“. Statt Schloss, „Zoo von Wilhelm zwo“, Gruft und Museen gab es hier damals schon das Kaufhaus des Westens, einen echten Zoologischen Garten und alle paar Meter einen U-Bahn-Knotenpunkt. Hier beginnt nicht Unter den Linden, sondern der Kurfürstendamm, die weltberühmte Einkaufsstraße. Die Querstraßen zogen seit jeher Künstler, Schriftsteller und andere Querdenker an. Zum Beispiel hat Christopher Isherwood hier eine Zeitlang gelebt. Sein Roman Goodbye to Berlin ist heute noch lesenswert.
Damit es wenigstens ein bisschen monarchistisch wurde, regte Kaiser Wilhelm II. den Bau einer Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche an. Seit die weitgehend zerstört und ganz anders wieder aufgebaut wurde, ist sie eine Sehenswürdigkeit geworden. Hier muss alles modern sein und war es immer schon.
Am Bahnhof Zoo, bekannt durch den Roman Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, kreuzen sich die S-Bahn und zwei U-Bahn-Linien. Zu Fuß ist man dann schnell bei dieser Gedächtniskirche und dem in den 1960er Jahren in ganz Deutschland bewunderten Europa-Center. Einige Schritte weiter gibt es auf dem Wittenbergplatz, neben dem KaDeWe, einen besonders schönen U-Bahnhof, wo sich gleich drei unterirdische Linien treffen. Südlich vom Bahnhofsgebäude erhält man die besten Pommes Frites von ganz Berlin, immer handgeschnitten aus frischen Kartoffeln der Jahreszeit.
Die U-Bahn-Linie nach Pankow taucht kurz dahinter aus dem Untergrund auf und wird zur Hochbahn. Am Nollendorfplatz treffen sich dann vier U-Bahn-Linien auf drei Stockwerken. In unmittelbarer Nähe schließen nach und nach zahllose Kneipen und Restaurants für Männer, die Männer lieben, weil sie nicht mehr nötig sind.
Danach drängt auch die U-Bahn-Linie nach Kreuzberg ans Licht: Sie fährt mitten durch ein fünfstöckiges Wohnhaus und kommt dort aus dem zweiten Stock zum Vorschein, um ihren Weg über der ehemaligen Akzisemauer als Hochbahn fortzusetzen. Die Bewohner schämen sich dessen anscheinend, denn sie haben ihr Haus bei Google Street View als einziges der ganzen Dennewitzstraße verpixeln lassen.
Zu Zeiten der Mauer war die Gedächtniskirche mit Europa-Center und Kurfürstendamm so ungefähr das Einzige, was Menschen aus Westeuropa von Berlin kannten. So modern und blau, diese Kirche, solcher Luxus in diesen Geschäften! Und all die schicken Leute, die man hier sehen konnte! Und zwei Uhren, so modern, dass man sie gar nicht ablesen konnte! Und drinnen im Europa-Center ein Terrassenkaffee, in dem man sich fühlte, als säße man draußen! Und in der Lebensmittelabteilung des KaDeWe kann man Austern essen!
Nur: wenn man all das ein-, zweimal gesehen hat, behält allein die Pommes-Frites-Bude am Wittenbergplatz ihren Reiz. Ich esse da gern eine Portion, wenn ich ohnehin zum Umsteigen hier bin. Austern kann man viel besser bei Rogacki in der Wilmersdorfer Straße essen, und all die Geschäfte strahlen tödliche Langeweile aus. Na ja, die Wasseruhr im Europa-Center ist technisch wirklich interessant, und man kann sie gut Frau und Kindern erklären.
Manchmal muss man dem Volk aufs Maul schauen. Dazu muss ich aber ausholen und kurz vom Reichstagsgebäude schreiben, das einige Kilometer weiter weg liegt.
Christo hatte jahrzehntelang den Plan nicht aufgegeben, einmal den Reichstag zu verhüllen. Nach der Wende war es dann endlich so weit, aber der Widerstand vor allem aus konservativen Kreisen war groß. Manche Reden von Politikern der CDU und CSU erinnerten an Reden über „entartete Kunst“ aus vergangenen Zeiten. Weil das betroffene Gebäude Sitz des Deutschen Bundestags war, musste der darüber entscheiden, ob es dieses Kunstprojekt geben dürfe oder nicht. Die Debatte vor der endgültigen Abstimmung werde ich nie vergessen. Gesundes Volksempfinden gepaart mit Dummheit, Unwissen und Angst. „Würde des Hauses“ und so weiter. Ich war damals froh, nicht mehr in diesem Land leben zu müssen.
Aber eine Mehrheit war für Christos Plan, und als man das Resultat sah, gaben auch die hartnäckigsten Konservativen zu, dass sie sich geirrt hatten. Der silbern verhüllte Reichstag gehörte zum Schönsten, was man überhaupt jemals in Berlin gesehen hatte. Christo wurde auf Knien gebeten, das Projekt länger laufen zu lassen. Aber es war für genau vierzehn Tage geplant, und er ließ sich nicht erweichen.
Damals gab es in O-Ton-Interviews im Rundfunk nur eine einzige Gegenstimme. Ich erinnere mich genau. Der damalige Bundes-Kohl sagte mit seinem Akzent: „Isch sehe mir das nischt an. Isch brauche sowas nischt.“ Und dann verkündete sein Sprecher, dass der Bundeskanzler lieber die Zeit nutzt, um im Europa-Center eine Tasse Kaffee zu trinken.
Der Kanzler, der den Regierungssitz nach Berlin verlegt hatte! Dass er den Anblick eines Kunstwerkes nicht ertragen wollte, ist mir egal. Aber diesem Mann fiel zu ganz Berlin nichts anderes ein, als dass er im Europa-Center eine Tasse Kaffee trinken könnte. Für ihn war das also der Mittelpunkt Berlins, ja, der einzige Punkt, den er außer dem Brandenburger Tor überhaupt kannte. Für meine Eltern übrigens auch.
Nicht mit mir! Wenn ich Austern essen will, finden Sie mich bei Rogacki, wo es danach auch noch eine sehr schmackhafte und reichhaltige Fischsuppe gibt. Wenn ich beim Essen an Berlin denken will, finden Sie mich im Marjellchen. Wenn ich tatsächlich mal in solchen Läden einkaufen will, wie es sie um die Gedächtniskirche gibt, fahre ich in die Schlossstraße in Steglitz. Auch dort gibt es S- und U-Bahnhöfe, auch dort teilweise mehrstöckig, sodass man schnell weg kann, und alle Ladenketten sind vertreten. Wenn ich Wilhelm den Großen bewundern will, schaue ich mir das Tempelchen bei der Porta Westfalica an; aber ich will ihn eigentlich nicht so oft bewundern. Es reicht mir schon, dass er immer daneben liegt, wenn ich Luise in ihrem Mausoleum aufsuche. Und eine Tasse Kaffee kann man nun wirklich an hunderten Orten in Berlin besser trinken als im Europa-Center.

Aus: Suche nach der Mitte von Berlin




Humboldt-Forum

Abrakadabra

Der Bundestag hingegen zweifelte nicht. Auf der Seite des Fördervereins Berliner Schloss e.V. lesen wir buchstäblich:

Das Humboldt-Forum – Die Mitte Berlins wurde neu definiert
Der Deutsche Bundestag beschloss am 4. Juli 2002 ein wegweisendes, neues Konzept für die inhaltliche Gestaltung der Mitte Berlins. Dieses sieht ein gemeinsames Nutzungskonzept von Museumsinsel und Schloss vor, die einander so in großer Vollkommenheit ergänzen werden.
Folgerichtig beschloss die Bundesregierung im April 2007, den Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Kulturzentrum unter dem Namen “Humboldt-Forum” bis 2014 zu verwirklichen. Namensgeber sind Wilhelm und Alexander von Humboldt, die die geistige Blüte Preußens am Anfang des 19. Jh. maßgeblich beieinflussten, Wilhelm v. H. als Gründer der Universität Berlin und Schöpfer der klasischen Schulbildung in Preußen und Alexander v. H. als Erforscher der außereurioopäischen Welten in Amerika und Asien. Der Archtektenwettbewerb fand im Jahr 2008 statt und wurde am 28. November d.J. entschieden.
Museen der außereuropäischen Kunst
Am authentischen Ort, gegenüber dem bisherigen Erfolgsstandort Museumsinsel, der Wilhelm von Humboldt gewidmet wird, mit seinem europäischen Sammlungsspektrum von den frühesten Hochkulturen Vorderasiens und Ägyptens bis zu den einzigartigen Sammlungen mit den Werken des 19. Jahrhunderts in der alten Nationalgalerie, soll mit Schloss und Museumsinsel unter dem Namen “Humboldt-Forum” die alte Idee der Aufklärung aus dem frühen 19. Jahrhundert wiederaufgenommen werden, im Zentrum Berlins eine “Freistätte von Kunst, Wissenschaft und Kommunikation” entstehen. Diese wird Alexander von Humboldt gewidmet.
Im Mittelpunkt dieses Konzepts steht die Verwandlung des Schloss- und Museumsinsel-Areals in einen Weltort der europäischen und außereuropäischen Künste und Kulturen sowie der Wissenschaften. Ein großes, international angebotenes, hochkarätiges Veranstaltungs- und Konferenzzentrum dient der Kommunikation dieses Vorhabens und steht allen wichtigen Entscheidern, vor allem aber auch der Bevölkerung für die Befriedigung ihres Informationsbedarfs zur Verfügung.

Und so weiter und so weiter. Die Absicht, dass „die alte Idee der Aufklärung aus dem frühen 19. Jahrhundert wiederaufgenommen werden“ soll, stimmt hoffnungsvoll. Was mit der noch älteren Idee der Aufklärung im 18. Jahrhundert geschehen soll, bleibt unklar; aber irgendwo muss man ja anfangen. Rechtschreibung und Wahl der Substantive und Adjektive weisen jedenfalls in die Zukunft der Aufklärung im 21. Jahrhundert. Dann aber taucht ein Adjektiv auf, das wir eher dem finsteren Mittelalter zugeordnet hätten:
Die magische Formel dafür lautet: „Die Welt in der Mitte Berlins”.

Wenn dieser Stein der Weisen einmal vollendet ist, können Sie den Rest dieses Buches entsorgen, weil Sie auf der Suche nach der Mitte von Berlin die ganze Welt finden und in eine Endlosschleife geraten: Weiter auf Seite 15! Wobei die Frage aufkommt, ob der Mond wohl im Humboldt-Forum zur Welt zählen wird.
Das Buch, das Sie offenbar doch noch in Ihren Händen halten, dient der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit. Man könnte Ähnliches vom sogenannten Konferenzzentrum in diesem Neubau erwarten. Aber das steht nicht geschrieben. Das hochkarätige, international angebotene Ding soll der Kommunikation eines Vorhabens in einer Richtung dienen: Wichtige Entscheider, vor allem aber auch Sie, lieber Leser aus der Bevölkerung, können dort zur Befriedigung Ihres Informationsbedarfs vernehmen, dass ein Areal in einen Weltort verwandelt werden soll. Zwischen den Zeilen lesen wir aber, dass es abgesehen von wichtigen Entscheidern und der Bevölkerung offenbar auch noch unwichtige Entscheider gibt. Treffen Sie und ich uns in der Gruppe der letzteren?

Aus: Suche nach der Mitte von Berlin




Der Landwehrkanal

Mit dem Spottlied “Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal” wurde die ermordete Rosa Luxemburg nach ihrem Tode noch posthum verhöhnt. Leider ist dies das einzige Lied, in dem das größte Bauwerk Berlins vorkommt.
Als der Kanal am 2. September 2000 sein 150-jähriges Jubiläum hatte, kam niemand auf die Idee, dies zu würdigen. Aber das steht in alter Tradition: Schon seine Einweihung war der Presse 1850 nur wenige Zeilen wert. Die Berliner nahmen ihn im Prinzip nicht wahr, zumal er damals noch außerhalb der Stadtmauern lag…
Ausschlaggebend für den Bau des Kanals waren die unzureichenden Kapazitäten der Spree-Schleuse am Mühlendamm (heute im Bezirk Mitte). Die Schiffe mussten schließlich wochenlang warten, bis sie die Schleuse passieren konnten, die damals schon mitten in der Stadt lag. Sie war zu eng, die Schleusenkammern zu kurz, der Ansturm zu groß.

Es ist nicht bekannt, wann der sogenannte Landwehrgraben angelegt wurde, der direkt nördlich der Stadtmauer zwischen dem Schlesischen und Halleschen Tor verlief. Wenn die Spree Hochwasser führte, diente der Graben zu ihrer Entlastung. Ab 1705 gab es auch Holztransporte über den Landwehrgraben. Doch erst über hundert Jahre später wurde die Situation an der Schleuse so untragbar, dass die Idee zum Bau einer Ausweichmöglichkeit aufkam. Schiffen, die die Stadt nicht anlaufen sondern nur durchqueren wollten, sollten so um die Mauern herum geführt werden und die Spree in Berlin entlasten.
1818 stellte der Ober-Mühleninspektor Schwahn einen Plan zum Bau des Umgehungskanals auf. Er sollte elf Meter breit und selbst bei niedrigstem Oberwasserspiegel noch mindestens 1,30 m tief sein. Nachdem bereits alle Vorbereitungen getroffen waren, ließ der König den Bau jedoch 1820 aus Kostengründen stoppen.

Erst 1840 erhielt Peter Joseph Lenné den Auftrag zur Bebauung des Köpenicker Feldes. Sein Konzept enthielt als Hauptpunkt die Anlegung eines schiffbaren Wasserweges, der an der Spree an der jetzigen Schillingbrücke begann. Von hier aus wurde der Luisenstädtische Kanal über den heutigen Engeldamm, Oranienplatz, Erkelenzdamm zum späteren Urbanhafen geführt. Parallel dazu trieb Lenné die Entwicklung der alten Idee einer Spree-Umfahrung voran.

Die Bürokratie mahlt oft langsam, in diesem Fall besonders. Als 1845 der Bau des Landwehrkanals begann, war an manchen Stellen noch nicht mal seine genaue Trassenführung entschieden. Die endgültige Linienführung beschrieb der Bauleiter des Kanals, Ingenieur Helfft:
“Der ungefähr 1 3/8 Meilen [10,4 km] lange Landwehrkanal tritt oberhalb des Schlesischen Thores, nicht weit von der ehemaligen Mündung des Landwehrgrabens, aus der Spree, durchschneidet alsdann die Chaussée nach Treptow, entfernt sich, die sogenannten Berliner Wiesen durchschneidend und bei seiner Wendung beinahe einen rechten Winkel bildend, von der Stadt, kommt derselben bei Durchschneidung des Rixdorfer Dammes wieder näher, erreicht die Stadtmauer am Halleschen Thore, durchschneidet ferner die Militairstraße [Wilhelmstraße], die Berlin-Anhalter Eisenbahn, die Schöneberger Straße, die Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn und die Potsdamer Straße, läuft die Grabenstraße entlang, wendet sich dann nach dem ehemaligen Fasanen-Gehege nach Charlottenburg und mündet endlich oberhalb Lietzow, bei dem neuen königlichen Salzmagazine, in die Spree aus.”

An der Stelle des heutigen Urban-Krankenhauses stieß der Luisenstädtische Kanal in den Landwehrkanal, hier wurde der Urbanhafen angelegt, der die gesamte Fläche des heutigen großen Parkplatzes, einen Teil des Krankenhaus-Neubaus sowie gegenüber einen Teil des Böcklerparks einnahm. Der Luisenstädtische Kanals durchbrach zwischen dem Kottbusser und dem Halleschen Tor die Stadtmauer, worauf heute noch der Name Wassertorplatz hinweist. Mitten in die Bauarbeiten platzte die Revolution von 1848, die auch die 5.000 Arbeiter am Luisenstädtischen Kanal erfasste. Elf von ihnen starben im Oktober 1848 am Engelbecken.

Durch die Schleusentore am Anfang und Ende des Landwehrkanals konnte eine konstanter Wassertiefe gehalten werden, unabhängig vom tatsächlichen Wasserstand der Spree. So wurde gewährleistet, dass die Tiefe nie unter 1,50 m sank. Die Breite betrug an der Wasseroberfläche etwa 20 Meter. Allerdings maß die Sohle nur zehn Meter, die Ufer stiegen damals schräg an, so dass die Schiffe nicht direkt am Rand halten konnten.
Dass der Platz nicht reichte, wurde nach dem Abriss der Stadtmauer und der schnellen Ausbreitung der Stadt deutlich. Zahlreiche zum Entladen angelegte Schiffe blockierten den Kanal. Bei den Begegnungen und Überholmanövern in der schmalen freibleibenden Rinne wurde die Uferbefestigung an zahlreichen Stellen beschädigt, wodurch Sand durchbrach und den Kanal dort unpassierbar machte. 1880 erließ die Stadt daher die Order, dass der gesamte Kanal periodisch stets nur in eine Richtung befahren werden durfte.

Um die Situation zu entspannen sollte nur etwa 300 Meter südlich ein weiterer Umgehungskanal gebaut werden. Allerdings fiel die Entscheidung aus finanziellen Gründen dann zugunsten eines Ausbaus des Landwehrkanals. Natürlich dauerte die Realisierung wieder viele Jahre, erst 1941 (!) war die Erweiterung des Landwehrkanals abgeschlossen. Das Profil war statt trapez- nun kastenförmig, wodurch eine nutzbare Breite von 22 Metern entstand, die Anlegung von Steilufern und Ladestraßen gaben den Schiffen die Möglichkeit, zur Entladung anzulegen, ohne den Durchgangsverkehr zu behindern. Auch der Wasserstand wurde verändert, der nun mindestens 1,75 Meter und in der Kanalmitte 2 m betrug.

In der Folgezeit erhielt der Landwehrkanals aufgrund des Krieges eine besondere Bedeutung, vor allem zur Schuttabfuhr. Doch die zunehmende Motorisierung auf der Straße sowie schließlich die Teilung der Stadt machten ihn seit den 60-er Jahren fast überflüssig. Heute wird er fast nur noch von Ausflugsdampfern genutzt.

Ein noch schlimmeres Schicksal erlitt der Luisenstädtische Kanal, nach der Bebauung des Köpenicker Feldes wurde er kaum noch befahren. Im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wurde der Kanal 1926/27 zugeschüttet und stattdessen ein breiter Grünzug angelegt, der ab 1961 teilweise als Grenzstreifen diente. An einer Stelle aber hat er noch ein deutliches Zeichen hinterlassen: Die Waldemarstraße überquert den ehemaligen Kanal noch immer über eine (während der Mauerzeit zugemauerte) Brücke!




Heiligsprechung eines Antisemiten

Langsam kann ich es nicht mehr hören: Martin Luther, hier Martin Luther dort. Im Fernsehen, auf Plakaten, in Veranstaltungen, überall wird der Reformator verehrt, der vor 500 Jahren dem Christentum eine weitere Spielart hinzugefügt hat. Dass er damals mit seinen Mitteln aber auch übelste antisemitische Propaganda verbreitet hat, wird meist abgetan mit der Begründung, das wäre in dieser Zeit so üblich gewesen. Nicht nur in seinem letzten Buch “Von den Juden und ihren Lügen”, auch noch wenige Tage vor seinem Tod 1546 predigte er in Eisleben übelste Hetze gegen jüdische Gläubige.

1543 schrieb er, man solle Synagogen sowie jüdische Häuser und Schulen “mit Feuer anstecken und was nicht verbrennen will, mit Erden beschütten, dass kein Mensch ein Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich”. Kein Wunder, dass Adolf Hitler diese blutrünstigen Vernichtungsphantasien Luthers für seine Propaganda ausnutzte und sogar ein Luther-Bild bei sich hängen hatte, obwohl er selbst eher kein Christ war.

Trotz der eindeutigen und zahlreichen antisemitischen Ausfälle Luthers behauptet die Evangelische Kirche Deutschland auf dem offiziellen Internetportal zum Luther-Jahr, dass er kein Antisemit gewesen sei. Dort stand auch: “Zudem hatte es in Böhmen jüdische Missionsversuche unter Christen gegeben, die dazu führten, dass Christen sich beschneiden ließen und den Sabbat feierten. [Das lasse Luthers Äußerungen] … verständlicher erscheinen.” Dieses Äußerung wurde mittlerweile von der Website entfernt, ist sie doch zu sehr entlarvend.
Dass sich heute viele evangelische Kirchengemeinden von Martin Luthers Antisemitismus distanzieren, stattdessen aber seine “Leistungen” hervorheben, ist doppelmoralisch. So könnte man auch Hitler loben, aufgrund seiner Leistungen in der Arbeitsbeschaffung und dem Autobahnbau – solange man sich nur vom Krieg und dem Holocaust distanziert.

Sicher hätte dem “Führer” auch Martin Luthers Erklärungen zu den Bauernkriegen gefallen. Vor allem badische, thüringer und schweizer Bauern hatten sich aufgelehnt gegen die Herrscher, forderten die Abschaffung der Leibeigenschaft und der Zwangsarbeit sowie der fürstlichen Justiz, die der Bauernschaft keinerlei Rechte zugestand.
Luther jedoch verdammte diese Aufstände als Werk des Teufels und forderte alle Fürsten dazu auf, die Bauern “mit aller notwendigen Gewalt niederzuschlagen”. Das taten sie dann auch. Zwischen 75.000 und 130.000 Bauern wurden niedergemetzelt. Bis heute heißt einer der letzten Schauplätze der Bauernkriege Blutrinne. Es dauerte noch über 300 Jahre, bis der Feudalismus abgeschafft wurde, den Martin Luther mit seiner Forderung nach den Massakern so vehement verteidigt hatte.

Auch behinderte Kinder beschrieb Luther ausnahmslos als Teufelsgeschöpfe. Den Sohn eines Fürsten beschrieb er als “Fleischmasse”, das keine Seele besitze und das man im Fluss ertränken sollte. Kein Wunder, dass sich auch die Nazis bei ihren massenweisen Ermordungen Behinderter auf Luther beriefen. Ihre Euthanasie  forderte 200.000 Opfer.

Wie es die evangelische Kirche schafft, trotzdem solch einen Hype um Martin Luther zu veranstalten, ist bemerkenswert und erschreckend. Dass dafür aber auch noch zig Millionen an öffentlichen Geldern für Veranstaltungen verpulvert werden, ist ein Skandal. Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland schätzt, dass die Feierlichkeiten etwa eine viertel Milliarde Euro kosten.

Neben der allgemeinen Verharmlosung innerhalb der Kirche gibt es aber auch andere Stimmen. So distanziert sich der Studierendenrat der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg von dem Kult um den Menschenfeind Luther: “Nicht unser Held, nicht unsere Reformation”. Sie kritisieren, dass es bei den Feierlichkeiten nicht in erster Linie um die Reformation geht, die Luther angestoßen hat, sondern immer erst um seine Person. Auf allen Bannern, Büchern, Plakate, Kugelschreibern, sogar als Playmobil-Figur – überall Martin Luther.

Es ist unverständlich, wieso ganz Deutschland mit dem Antlitz des Antisemiten Luther belästigt wird. Die Arroganz der evangelischen Kirche, ihre Ignoranz gegenüber den menschenfeindlichen Äußerungen ihres großen Helden, ist leider eine Fortsetzung ihrer Politik während der Nazizeit.
Glaube ist das Eine. Er ist privat und sollte auch privat bleiben. Aber dann auch noch mit einer solchen Person Werbung zu betreiben, ist nur noch ätzend!

Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Wenn ich könnte, wo würde ich ihn [den Juden] niederstrecken und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren. Jawohl, sie halten uns [Christen] in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen sie dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein … sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.
[…]
Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien.
Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande.
Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird.
Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren.

Martin Luther




Der Meistersaal in Kreuzberg

Unauffällig gliedert sich das 100 Jahre alte Gebäude mit der durch Säulen verzierten Fassade in die Häuserfront der Köthener Straße, nicht weit entfernt vom Potsdamer Platz. Und doch ist dieser Ort voll mit Geschichte, Musikgeschichte vor allem. Als ich das Gebäude zum ersten Mal wahrnahm, war ich noch ein kleiner Junge. Es stand allein und halb zerstört in der Straße, auf der anderen Straßenseite war die Mauer. Durch einen Gebietsaustausch zwischen Ost- und West-Berlin wurde sie im Jahr 1972 abgerissen, das dahinterliegende Gelände zwischen Stresemannstraße und Landwehrkanal wurde vom Bezirk Mitte (Ost) dem Bezirk Tiergarten (West) zugeschlagen. Das Haus Köthener Str. 38 stand aber noch auf der Kreuzberger Seite.

Begonnen hat seine Geschichte vor etwas mehr als hundert Jahren. Die Innung des Bauhandwerks errichtete es 1913 als Verbandshaus. Es diente als Bürohaus, sein Herzstück jedoch war der 265 Quadratmeter große Saal. Hier fanden Veranstaltungen statt, hier wurden den Handwerksgesellen nach bestandener Prüfung die Meisterbriefe überreicht.

Anfang der 1920er Jahre zogen mehrere künstlerische Einrichtungen in das Gebäude ein, Verlage, eine Galerie. Im Meistersaal fanden Lesungen statt, Theater- und Musikaufführungen. Während der Nazizeit wurde es verstärkt für Konzerte genutzt, die Reichsmusikkammer übernahm die Kontrolle über den Saal. Ein Luftangriff im November 1943 zerstörte den gesamten hinteren Teil des Gebäudes, abgesehen von den kaputten Scheiben blieb der Meistersaal jedoch intakt. Die oberen Stockwerke waren jedoch ebenfalls ausgebombt und blieben die folgenden 30 Jahre zugemauert und ungenutzt.

Auch nach dem Krieg diente der Saal vor allem zur Aufführung von Konzerten und Theaterstücken. Zwischen 1948 und 1961 wurde der Meistersaal als Ballhaus City bzw. Ballhaus Sisi genutzt. Doch mit dem Mauerbau brach das Publikum weg, statt mitten in der Stadt befand sich das Gebäude plötzlich ganz am Rande.

Noch im Jahr 1961 griff die Schallplattenfirma Ariola zu und baute den Meistersaal zu einem Aufnahmestudio um. Opern- und Operettensänger (René Kollo, Rudolf Schock, Ivan Rebroff), aber auch Schlagerstars wie Zarah Leander oder Peter Alexander nahmen hier Schallplatten auf.

15 Jahre später begann eine komplette Renovierung des Gebäudes. Der Meisel Musikverlag aus Wilmersdorf hatte 1976 den gesamten Komplex gekauft und auch die oberen Stockwerke wieder hergerichtet. Überall entstanden Tonstudios, die kurz zuvor gegründete Marke Hansa war eben auf dem Weg, für ihre qualitativ hochwertigen Aufnahmen international bekannt zu werden. Das auch deshalb, weil die Studios immer auf dem neusten technischen Stand gehalten wurden. Schon früh arbeitete man hier z.B. mit Computern.

Viele bekannte Künstler wie David Bowie, Depeche Mode, U2, Richard Clayderman oder Jon Bon Jovi reisten an, um im Meistersaal ihre Schallplatten einzuspielen. Und auch ein Großteil der westdeutschen Musikszene nutzte die Hansa-Studios, Rock, Pop, Schlager, Liedermacher, viele große Namen waren vertreten, wie Lindenberg, Jürgens, Nena, Tote Hosen, Rosenberg, Maffay und, und, und…

David Bowie hatte drei seiner wichtigsten Alben größtenteils im Meistersaal produziert. Und wie so einige andere schummelte er ein bisschen. Zu seinem Song “Heroes” wurde er angeblich durch die Mauer auf der gegenüber liegende Straßenseite inspiriert. Tatsächlich aber war diese bereits vier Jahre zuvor abgerissen worden. Aber egal, die Geschichte ist trotzdem schön.

Ab dem Frühjahr 1989 entstand auf dem Brachgelände an der Köthener Straße der sogenannte Polenmarkt, das Tempodrom baute seine Zelte auf und mit dem Mauerfall kamen die vielen Autos. Der einst ruhige Meistersaal war nun nicht mehr als Aufnahmestudio zu gebrauchen. Stattdessen sollte er wieder zu einem Veranstaltungsort umgebaut werden.

1994 war dieser Umbau fast beendet, als alte Fotografien des Saals auftauchten. Daraufhin begann der Umbau erneut. Doch dem Saal war nicht viel Glück beschieden. Mehrmals wechselten die Eigentümer und auch die Konzepte. Derzeit wird der Meistersaal als Veranstaltungsort für verschiedene Events genutzt. Und auch hin und wieder für Musikaufnahmen.




Der alte Kreuzberger

Ein Vorteil des Taxifahrens ist, dass man viele unterschiedliche Menschen trifft, darunter manchmal sehr interessante. So war es auch in der vergangenen Woche. Der beleibte Mann war schon älteren Datums, 70 Jahre alt. Er stieg mir vor einem Charlottenburger Theater ins Auto und wollte zum Oranienplatz. Wir kamen schnell ins Gespräch. Immerhin habe ich die ersten 30 Jahre meines Lebens auch in Kreuzberg verbracht, auch danach immer wieder mal für einige Wochen oder Monate. Und der Oranienplatz gehörte lange Zeit dazu. Mehrere besetzte Häuser, in denen ich Anfang der 1980er Jahre gewohnt habe, standen in unmittelbarer Umgebung.

Der alte Kreuzberger erzählte, dass er bereits seit 60 Jahren im gleichen Haus lebt. 1890 hatte sein Großvater gleich nebenan das alte Café an der Ecke zur Naunynstraße übernommen und es „Kuchen Kaiser“ genannt. Nicht, weil er selbst etwa Kaiser hieß, aber mit seinem Namen Fluss hätte er dort höchstens ein Fischgeschäft eröffnen können. Ende der 1950er Jahre musste das Café schließen, statt Kuchen wurden dort fortan Küchen verkauft. Seit 1998 ist in den Räumen ein Restaurant, das den Namen übernommen hat.

Der Mann erzählt vom ehemaligen Kaufhaus C&A an der Ecke zur östlichen Oranienstraße, das derzeit zu einem 4-Sterne-Hotel ausgebaut wird. Wir sprachen über die Hausbesetzerbewegung und was sie bewegt hat. Über die Architektur, darüber dass der nahe Moritzplatz vom Kreisverkehr zur Kreuzung umgebaut werden soll und auch, dass der Oranienplatz die gleiche Struktur hat wie der Savignyplatz (weil er auch vom selben Stadtplaner entworfen wurde). Der Oranienplatz war mal Teil eines Kanals und auch durch den Savignyplatz sollte einst einer gebaut werden.

Er erzählte vom Pfarrer der St. Thomas-Kirche, vom Rauchhaus, zu einigem konnte ich eigene Erinnerungen zusteuern. Natürlich sprachen wir auch über die Gentrifizierung und den Widerstand dagegen, über einstige Autobahnpläne in Kreuzberg, über einiges, was letztlich nicht realisiert wurde.

Die Fahrt war leider viel zu schnell zu Ende. Aber sie war emotional, lehrreich und interessant. Früher gab es ja im Kiez viele Bewohner, die dort seit Jahrzehnten lebten. Auch meine Mutter und Oma gehörten dazu, seit 50 Jahren auch die türkischen Immigranten. Mittlerweile sprechen die typischen Kreuzberger Englisch oder Spanisch, sogenannte Alteingesessene gibt es nicht mehr viel. Es macht deshalb Spaß, wenn man mal wieder einen trifft, der schon sein ganzes langes Leben in diesem Kiez wohnt und sich noch immer für die Entwicklung vor seiner Haustüre interessiert.




Schwere Kindheit und die Erfüllung eines Traums

Meine Kindheit und frühe Jugend waren nicht gerade heiter oder glücklich. Meine Eltern hatten mit 30 Jahren geheiratet, mein Vater war Geschäftsführer in der Berufs-Genossenschaft der Papiermacher. Am Ende des ersten Ehejahres hatte meine Mutter eine Totgeburt. Danach mussten die Eltern neun Jahre warten, bis ich dann endlich kam – zu ihrer großen Freude. Inzwischen waren sie nach Frankfurt/Oder übersiedelt, wohin Vater versetzt worden war. Er wurde in Berlin eines Tages von seinem Chef gefragt, ob er sich zutraute, in Frankfurt eine Sektion der Berufsgenossenschaft aufzubauen und er meinte, wenn Sie mir das zutrauen, traue ich es mir auch zu. Er nahm einige Herren aus Berlin mit. Die Arbeit tat er gern und die Eltern sollen sich in Frankfurt wohl gefühlt haben.
Ich wurde im April 1907 getauft. Berliner Verwandte kamen herüber, und es wurde später in der Familie erzählt, dass mein Vater an diesem Tage noch heiter und gesellig gewesen war und eine eindrucksvolle Tischrede gehalten habe.
Im gleichen Jahre, 1907, war er dann zweimal wegen völliger Nervenzerrüttung im städtischen Krankenhaus in Frankfurt. Nach der zweiten Behandlung wurde meiner Mutter gesagt, dass er ein unheilbares Gehirnleiden hätte und in eine Nervenheilanstalt überführt werden müsse. Das war ein unvorstellbarer Schreck für meine Mutter. Zuerst die Freude über das Kind und die gehobene Stellung, überhaupt eine glückliche Ehe – und dann das. Es war auch wirtschaftlich eine Katastrophe: Vater wurde mit 41 Jahren pensioniert und starb später mit 49 Jahren, also da kann man sich vorstellen, wie klein die Pension war, von der Mutter und ich leben mussten. Vater hatte eine mittlere Beamtenstellung, er hatte kein Abitur.
Mein Vater kam also in die Nervenheilanstalt in Eberswalde, die für unseren damaligen Wohnort Frankfurt zuständig war. Ich habe überhaupt keine Erinnerung mehr an ihn, da mich meine Mutter, als ich drei Jahre alt war, nicht mehr auf ihren Besuchen zu ihm mitnahm. Ich sollte seinen Verfall nicht miterleben. Zur wirtschaftlichen Situation vergaß ich noch zu sagen, dass 2/3 seiner Pension nach Eberswalde zu seinem Unterhalt gingen, von dem 3. Drittel durften Mutter und ich leben. Wie sie das geschafft hat, weiß ich nicht. Sie war sehr ruhig und ernst, aber liebevoll im Umgang mit mir und klagte und jammerte nie. Sie zog sehr bald mit mir nach Berlin zurück, wo wir Verwandte hatten, zunächst in eine angeblich hübsche Wohnung nach Steglitz, nach einem Jahr zog sie aber mit einer Schwester zusammen in eine 3-Zi.-Wohnung in die Bayreuther Straße. Diese Tante, unverheiratet, habe ich sehr geliebt, es ging harmonisch bei uns zu. Mutter schickte mich dann in die Aug. Viktoria Schule in die Nürnberger Straße, ein 10-klassiges Lyzeum. Vom 4. Schuljahr an hatte ich eine Freistelle. In den ersten sieben Jahren ging ich weder ungern noch sehr gern zur Schule. Dann aber, in den letzten drei Jahren, lebte ich auf, schwärmte für unseren derzeitigen Ordinarius, bei dem wir Deutsch, Religion und Geschichte hatten und war richtig glücklich. Es ist sehr schwer, über diesen Mann, er war damals Mitte 30 und verheiratet, im ersten Weltkrieg gewesen, in weniges Sätzen Umfassendes zu sagen. Dass er von uns unbedingte Aufmerksamkeit, Disziplin und Fleiß erwartete, merkten wir vor lauter Eifer kaum. Jeden Stoff brachte er lebendig, eingebettet in seine Geschichtsphase, jede Epoche wurde nach Entwicklung und Störfaktoren etc. behandelt. Er fragte Einzelne von uns plötzlich mitten im Unterricht, ob sie das gerade Behandelte verstanden haben und wenn nicht, warum sie denn nicht frage. Bei Aufsätzen gab er uns 2 oder 3 Themen zur Wahl (für uns z.Zt. ganz neu!). Bei Gedichten eines Autoren konnten wir unter mehreren einen auswählen, das wir lernten.
In Religion, damals hauptsächlich Kirchengeschichte, brachte er den Stoff nicht nur so lebendig und mitreißend wie alles andere, sondern man merkte allmählich, dass er ein ganz bewusster, gläubiger Christ war. Er gehörte in seiner Wohngemeinde nicht nur zum Gemeinde-Kirchenrat, sondern auch zum Kreiskirchenrat und schließlich zur ev. Generalsynode. Wenn die tagte, einmal im Jahr, durfte er zwei Tage in der Schule fehlen. Ohne dass er uns im Religionsunterricht irgendwie bedrängen oder “bekehren” wollte, bezeugte er ganz sachte und fast insgeheim, dass es sich besser leben lässt, wenn man sich in der Kirche oder im Glauben geborgen fühlt. Er hatte, als er unsere Klasse übernahm, allen – wir hatten viele Jüdinnen bei uns – gesagt, dass er uns gern, wenn wir uns mal in Nöten oder Problemen, welcher Art auch immer, glaubten, in Einzelgesprächen zur Verfügung stünde. Davon habe ich im Laufe der drei Jahre öfter Gebrauch gemacht. Er wurde, auch nach der Schulzeit, so eine Art Vaterfigur für mich, die ich ja sehr brauchte. Er hat als Pädagogen eine steile Aufwärtskarriere gemacht – vom Studienrat zum Oberstudien-Direktor und schließlich zum Oberschulrat. Das Provinzial-Schulkollegium, seine Dienststelle, löste Hitler später auf, er wurde wie alle heraus geschmissen (ohne jede politische Tätigkeit) und durfte dann bei Beibehaltung von Titel und Gehalt als Studienrat (!) weiterarbeiten. Dort – in Dahlem – war er in einer Lehrerkonferenz ausschlaggebend beteiligt, dass die Tochter vom Kultusminister Rust nicht versetzt werden konnte. Er konnte ihr in Deutsch keine 3 mehr geben. Einige Wochen danach wurde er – ohne Angabe von Gründen – nach Königsberg versetzt, es war schon Anfang des Krieges. Dort kam er in den Volkssturm und wurde als die Russen anrückten, gefangen genommen und nach Sibirien verschleppt. Von seiner Frau konnte er sich nicht einmal verabschieden.
Er wurde 1947 oder 48 entlassen und lebte in Potsdam. Seine Frau hat er verzweifelt gesucht. Nach vielen Monaten schrieb ihm eine Königsberger Lehrerin, dass sie seine Frau nach mehreren Monaten Russenbesatzung tot und offensichtlich verhungert in einem Hausflur in Königsberg gefunden hatte. Sie hatte wohl Fabrikarbeit leisten müssen. Da hatte er nun Gewissheit, wenn auch eine Schreckliche. In Potsdam hatten sie ihn zum Regierungsdirektor in der Sparte Lehrerausbildung gemacht, schöne Arbeit, aber er war doch körperlich und seelisch so ramponiert von seinem leidvollen Schicksal, dass er bereits 1958 starb. Er hatte mich gefunden und besuchte mich öfter, manche andere frühere Schülerin auch. Nach Potsdam konnten wir ja nicht vom Westen aus.

Doch nun wieder zu mir. Ich verließ die Schule 1923. Meine Mutter war zu der Zeit schon sehr krank, sie starb im Sommer 1925. Das hatte natürlich großen, negativen Einfluss auf meine Berufswahl. Ich wollte zunächst Krankenschwester werden. Da rannte ich aber bei Mutter gegen eine Mauer: Aufgrund unserer ganz knappen wirtschaftlichen Lage und des baldigen Sterbens, das Mutter voraussah, war ihr klar, dass sie keine lange Ausbildung für mich, bei der ich voll von ihr hätte versorgt werden müssen, wählen könnte. Ich ging also als Lehrling – 2 1/2 Jahre Ausbildung – in die Darmstädter- und Nationalbank, wo ich gleich eine kleine Lehrvergütung bekam. Man höre aber und staune: Im ersten Jahre, also 1923, Inflationsjahr, bekam ich monatlich Tausende von Mark, bald Millionen, Milliarden bis Billionen. Im Dezember, als die neue Währung kam, waren es 19,35 Reichsmark pro Monat!!!
Im 2. Jahr waren es 50,- RM, im dritten etwa 75,-.
Zum 1. Oktober 25 wurde ich fest eingestellt, am 21. September war Mutter gerade gestorben. Nun stand ich mit ca. 110,- oder 120,- p.M. mutterseelenallein da, aber es ging. In der Bank war ich todunglücklich! Mich interessierte doch der ganze Kram nicht. Ob die Aktien so oder so standen, ob Herr Müller 5.000,- oder 500.000,- Mark Kredit bekam, war mir doch so schnuppe! Es gab auch damals noch keine Berufsfachschulen, wo ich etwa einen Gesamtüberblick über das Bankwesen hätte bekommen können. Es war trostlos! Wie oft hatte ich auf dem Klo gesessen und geheult. Dort hatte ich übrigens Frau Jahr, damals Hilde Herlitz, kennengelernt, die aber leider schon Ende 1923 als Nicht-Fachkraft abgebaut wurde. In den nächsten Jahren, als ich es bezahlen konnte, fing ich dann an, mein Englisch zu vervollkommnen, nahm Einzel-Unterricht, ging in einen englischen Club und fing an, englische Romane zu lesen. “Gone with the wind”, vom Winde verweht und die fünf Bände “Foresyte Saga” habe ich im Original gelesen! D.h. ich suchte mich auf verschiedenen Gebieten günstig zu ernähren, nur nicht zu verkommen. Die Kameradschaft in der Bank von den Jungen war nett, und schließlich war die Bankfiliale noch der Ort, von dem aus ich in die Jugendbewegung kam durch eine etwas ältere Kollegin, die als einzige von uns Wandervogel war. Sie nahm mich zunächst mit in einen kleinen Kreis in Schmargendorf, der mich gleich sehr anzog, den ich jetzt aber nicht erst schildern will. Von dort aus kam ich in Beziehung zum Berliner Neuwerk-Kreis. Diese Gruppe war ein Teil des gesamten “Neuwerk-Kreises”, einer evangelischen Wandervogel-Vereinigung, die am stärksten im Südwesten des damals ungeteilten Deutschen Reiches verbreitet war. Ihr Ziel und Idealismus war es, die der Kirche bzw. dem Christentum in den letzten Jahrzehnten entfremdete Arbeiterschaft zurückzugewinnen, das – rückblickend – ja nicht erreicht wurde. Unsere Berliner Gruppe wurde von einem ev. Pfarrer, der an einer Moabiter Kirche ordiniert war, geleitet. Wir waren einmal in der Woche zusammen, ca. 25 Personen, etwa im Alter von 18-30 Jahren, alles Wandervögel.
Unsere Jungen waren überwiegend Studenten – Theologen, Germanisten, Psychologen – kaum Techniker. Unter den Mädchen waren weniger Studentinnen, hauptsächlich Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Fürsorgerinnen, Kunstgewerberinnen etc. und wenige kaufmännische Angestellte. Wir hatten alle 14 Tage biblische Themen – unser Pfarrer Günter Dehm war ein ausgezeichneter lebendiger Theologe, später Uni-Professor in Bonn, und wir alles fragende, kritisierende, auf Lebens- und Glaubensfragen ausgerichtete Jugendliche. Der Kreis war jugendbewegt, theologisch und mit einem Hauch von Sozialismus ausgerichtet. An den übrigen 14 Tagen beschäftigten wir uns mit den damals aktuellen Dingen wie z.B. Psychoanalyse, Zionismus, sozialpolitische Fragen und natürlich mit Literatur, übrigens auch mit Philosophie, wie mit Jaspers und Heidegger. Letzterer war mir damals zu schwierig. Jaspers besagte mit viel. Wenn nötig, wurde zunächst ein Fachmann herangeholt zur Einführung, und wir arbeiteten dann selbst weiter.
Untereinander standen wir und recht nahe. An den Wochenenden wurde gewandert, gesungen und problematisiert. Einmal waren wir 14 Tage zusammen in Gral-Müritz an der mecklenburgischen Küste, 1927. Günter hatte für uns ein Pensionshaus gemietet, wo wir in Doppelzimmern wohnten, immer je zwei Mädchen und zwei Jungen, und einem schönen Aufenthaltsraum für alle hatten. Die romantischere Zeit mit Schlafen in Zelten und Abkochen habe ich nicht mehr miterlebt. Die Jugendbewegung war zu meiner Zeit schon leise im Abklingen. Es waren herrliche zwei Wochen, in denen ich mich übrigens auch verlobt hatte. Eine blödsinnige Wahl – wir passten überhaupt nicht zueinander, nach rund einem Jahr gingen wir wieder auseinander.
Dieser Kreis, in dem ich mit unvorstellbarer Begeisterung war, hat für mich meine Lebensausrichtung geprägt. Ich war übrigens auch trotz meiner etwas mickrigen Existenz ohne Abitur und ohne einen anständigen – oder sagen wir interessanten – Beruf sehr selbstverständlich und herzlich aufgenommen worden. Dort lernte ich übrigens den Fürsorgerinnen-Beruf, der ja auch ziemlich neu war, kennen. Er imponierte mir außerordentlich und ich überlegte sehr und versuchte, mich irgendwie ohne Ausbildung in ihn hinein zu mogeln, aber das war unmöglich, die Ausbildung war lang und anspruchsvoll.

Der 2. Weltkrieg trieb uns dann auseinander. Die Jungen, die je nach Beendigung ihres Studiums sowieso nach einer Zeitspanne Berlin verlassen hatten und durch neue, jüngere laufend ersetzt wurden, wurden nun auch noch eingezogen, und wir alle standen bald laufend in Bombengefahr. Ich verlor meine mütterliche Wohnung 1943 und die Notbleibe dann nochmals 1945. Nach der 2. Ausbombung nahm mich der Vater einer jüngeren Freundin, der allein von seiner Familie in seiner 5-Zi.-Wohnung mit einem Dienstmädchen zurückgeblieben war. Seine Frau war verstorben, seine zwei Söhne im Feld und seine Tochter, meine Freundin, war auswärts als Dozentin einer Lehrerinnen-Bildungsanstalt. Er selbst fiel ganz zu Ende des Krieges im Volkssturm. Dann war ich kurze Zeit ganz allein in der großen Wohnung und wurde in der Russenzeit fünfmal vergewaltigt – mit Ansteckung.
Anfang Mai kam meine Freundin dann zurück, ohne alles, mit durchgelaufenen Füßen, die Schuhe in der Hand. Sie fiel mir weinend in die Arme mit der Frage: “Wo ist Vati?”
Sie fand, als sich alles notdürftig normalisierte, Arbeit als Lehrerin, hielt die große Wohnung durch vermieten, heiratete 1954, hat süße Töchter, die jetzt auch verheiratet sind und Kinder haben. Ich wohnte dort bis 1960, als ich mir eine Eigentumswohnung, 2 Zimmer, in Wilmersdorf kaufte. In dieser Familie, deren Entstehung ich miterlebte, bin ich vollkommen verwurzelt. Mit dem Mann meiner Freundin verstand ich mich bestens. Er ist vor 1 1/2 Jahren bei einem fürchterlichen Verkehrsunglück ums Leben gekommen.

Doch zurück zu 1945. Als Bankangestellte stand ich ja nun völlig im Freien. Die Banken in Berlin hatten ja sehr viel länger geschlossen, als die in der späteren Bundesrepublik. Ich war im Mai einmal zu Fuß – zwei Stunden lang – durch das grausig zerstörte Berlin in restlichen Teile der Ruine der Dresdner Bankzentrale gegangen und traf dort einen Rest des früheren Personalbüros an. Natürlich konnte niemand uns etwas Verbindliches sagen. Wir bekamen nur eine Bescheinigung, dass wir auf unbestimmte Zeit gehaltlos beurlaubt wurden. Was nun? Die großen Firmen und Betriebe waren ja alle zerstört oder stillgelegt im Laufe des Krieges und kamen ganz, ganz langsam wieder, die meisten erst nach der Währungsreform, also drei Jahre nach dem Krieg. Und dann kam noch hinzu, ich war ja nur im Bankfach ausgebildet. Zum Glück hatte ich während meiner Lehrzeit Maschineschreiben und Stenographie gelernt, verlangt wurde das nicht in der Bank. Und im tiefsten Grunde wollte ich ja auch gern ganz aus dem kaufmännischen Bereich heraus. Sehr bald fiel mir die Kirche ein. Ich ging zu einem der Dahlemer Pfarrer in Wohnnähe, und siehe da, der brauchte gerade eine Gemeindehelferin. Die brauchten ja normalerweise auch eine Ausbildung, aber dieser Pfarrer merkte im laufenden Gespräch, dass ich im kirchlichen Leben ziemlich zuhause war und stellte mich ein. Das Gehalt, das er mit nach Verständigung mit seinem Vorgesetzten bot, entsprach meinem bisherigen Gehalt bei der Bank. Also fing ich sehr bald an, froh und etwas ängstlich. Ich hatte da vormittags Büroarbeiten, auch allerlei Publikumsverkehr mit Gemeindegliedern, die z.B. Amtshandlungen anmelden wie Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Auskünfte wollten und um Hilfe aller Art baten, für die natürlich der Pfarrer selbst zuständig war. Es gab auch einige Kassen zu führen, die sonntäglichen Kollekten zu verbuchen und weiterzuleiten etc. Also Büroarbeiten, die mir sehr viel mehr Spaß machten, als die in der Bank. Nachmittags machte ich dann Gemeindebesuche, ein weites Feld in dieser Notzeit, in der überall gelitten, gehungert und gestorben wurde. Auch zwei Altersheime lagen in unserer Gemeinde, in denen ich bald auch kleine Andachten hielt. Das war nun eine Aufgabe, die außer guter Vorarbeit innere Bereitschaft, Einfühlungsvermögen und seelsorgerischen Takt erforderte und die niemand, ob ausgebildet oder nicht, so nebenher hinlegte. Ohne meine Existenz im Neuwerk-Kreis hätte ich das nicht gekonnt.
Und nun kommt der Clou. Eines Tages sagte mir der Pfarrer, ich sollte doch mal zu einer Frau Friese, eine Sechzigerin, die noch niemand nach 1945 wieder in der Gemeinde gesehen hätte und die vorher sehr rege am Gemeindeleben teilgenommen hätte. Ich traf auf eine sehr lebhafte, liebenswürdige Dame, die sich herzlich freute, dass jemand aus der Gemeinde nach ihr sah und versprach auch, zu kommen. Wir kamen in ein langes, gutes Gespräch. Sie seien eine Juristenfamilie. Ihr verstorbener Mann sei Rechtsanwalt gewesen, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn, die zwei Kinder hätten, seien ebenfalls Juristen. Das große Leid sei, dass ihr Schwiegersohn vor wenigen Wochen von den Russen abgeholt worden und dem Vernehmen nach nach Sibirien verschleppt worden sei. Er war wohl Nazi, ich fragte nicht. Es sei, diese Worte habe ich behalten, “eine so maßlos glückliche Ehe” gewesen. Sie, die Tochter, habe erfreulicher Weise Arbeit gefunden, eben als Juristin, die große Ansprüche an sie stelle, ihr aber auch helfe, ihr Schicksal zu tragen.
Sie kamen bald abends mal zur Bibelstunde, wir sahen uns an, die Tochter und ich, und schrien: “Käthe!” – “Gerda!” Sie war eine Mitschülerin von mir, sprang nach der 4. Klasse allerdings ab und besuchte die Studienanstalt, um das Abitur zu machen. Nach meinem Schulabgang von der 10. Klasse hatten wir uns dann nicht mehr gesehen. Nun – nach der Veranstaltung – plauderten wir noch eine Weile zusammen. Sie erzählte, dass sie Dozentin an der Frauenschule Alice Salomon, der staatlichen, sei und dort Rechtskunde in allen Varianten unterrichtete. Ich erzählte ihr von meiner Situation und schließlich platzte sie heraus: “Hast du nicht Lust, Fürsorgerin zu werden?” Ich muss wohl sehr blöd geguckt haben, jedenfalls fassungslos. Sie erklärte mir, dass Fürsorgerinnen dringend gebraucht würden, also Mangelware seien. Einzige Voraussetzung für die Aufnahme zur Ausbildung seien Mittlere Reife und eine abgeschlossene Berufsausbildung. Der Unterricht erfolgte abends, tagsüber wurde man gleich in die praktische Arbeit geschleust, sozusagen als Lehrling in einem Bezirksamt, Familienfürsorge.
Sie versprach mir, mich bei der Direktorin Frau Dr. Runkel anzumelden, und ich ging wie in einem Taumel nach Haus und besprach alles mit meiner Freundin. Das Gespräch bei Frau Dr. Runkel verlief sehr positiv. Es imponierte ihr, dass ich diesen Beruf wirklich mit heißem Herzen ersehnt hatte. Im November begann ein neuer Lehrgang – es war Spätsommer, als ich dort war. Ich kündigte in meiner Dienststelle, erledigte die wenigen Formalitäten und erfuhr, dass ich in die Fafü Steglitz kommen würde. Finanziell war ich gesichert, weil ich gleich Gehalt bekam, im ersten Halbjahr allerdings nach Gruppe 9 der Angestellten-Besoldung, aber das machte insofern nichts, da wir im Jahre 1947 ja noch in der ersten Nachkriegszeit waren und außer den kümmerlichen paar Lebensmitteln auf unsere Karten nichts zu kaufen bekamen. Das ging erst Mitte 1848 los, und da war ich dann immerhin in Gruppe 8. Die Ausbildungszeit war hochinteressantes Neuland für mich, aber hart, ganz hart. In der Frauenschule ging mir alles glatt ein: unsere Fächer waren Jugendwohlfahrt, Rechtskunde, also Familienrecht, Jugendrecht, Jugendstraffreiheit, Staatsrecht, Pädagogik, Psychologie und Sozialmedizin. Die Dozenten waren überwiegend ausgezeichnet klar und lebendig, wir schrieben dann und wann Klassenarbeiten und zu Haus hatten wir Gesetze zu pauken und Referate auszuarbeiten.
Nach 2 1/2 Jahren schloss unsere Frauenschulzeit mit einer Prüfung ab, die ich mit gut machte, und die Zeit als Hilfsfürsorgerin im Amt endete. Wir wurden “anerkannt” und als Fürsorgerinnen in der Gehaltsgruppe 7, später 6, eingestellt. Ich blieb ca. zehn Jahre in der Fafü Steglitz und ging dann in das Landesjugendamt in die Sparte Heimerziehung. Mein großer Wunsch nach Arbeit, die mich als Menschen, als Frau geistig und von der mütterlichen Seite her forderte und mich erfüllt, war tatsächlich noch erfüllt worden. Inzwischen waren die fünfziger und sechziger Jahre vorübergegangen und hatten für uns alle und jeden Einzelnen manche Wende gebracht. Ich war 1960 in eine eigene Wohnung, eine schöne 2-Zi.-Eigentums-Wohnung gezogen, die Freundschaft mit Schulz und ihrer Familie festigte sich immer mehr, Günter Dehm, der Mittelpunkt unseres Neuwerk-Kreises, hatte in der Zeit des Kirchenkampfes in der Nazizeit 1 1/4 Jahre im Gefängnis gesessen, die Familie verlor ihre Wohnung durch Bomben und einer seiner drei Söhne blieb in Russland verschollen. Er selbst wurde 1948 Universitäts-Professor für praktische Theologie in Bonn. Als er 1970 mit 88 Jahren, fast erblindet, seine Frau verlor, ging ich, leider nur für zwei Monate, nach Bonn und betreute ihn in seiner Wohnung bis zu seinem Tode. Unser Kreis war in der Kriegs- und Nachkriegszeit langsam zerbröselt. Wir in Berlin Verbliebenen hatten Kontakt bis Einer nach dem Anderen verstarb. Ich als die Jüngste bin die letzte Übriggebliebene.

Käthe T.




Seebad Mariendorf

Berlin hat viele einstige Vergnügungsorte, von denen heute nichts mehr zu sehen ist. Kaum jemand kennt noch den Lunapark am Halensee, das Haus Vaterland am Potsdamer Platz oder die West-Eisbahn am Bahnhof Zoo. Ein solch verschwundener Ort ist auch das Seebad Mariendorf.

Heute sieht die Häuserzeile in der Ullsteinstraße aus wie Tausende andere in Berlin. Nachkriegsbauten aus den 1950er Jahren, ein paar Neubauten, dazwischen gehen Wege in den Block hinein. Sie führen allerdings nicht in Höfe, sondern in einen kleinen Park, der sich um eine Seniorenresidenz windet. Dahinter im Blockinneren liegen zwei Fußballplätze, sie sind zu allen Seiten von Häusern umgeben, weder vom Mariendorfer Damm, noch von der Rathausstraße aus sind sie zu sehen.

Genau hier befand sich seit dem 19. Jahrhundert das Seebad Mariendorf. Adolf Lewissohn hatte das feuchte Wiesengelände einst von seinem Vater geerbt. Am Grenzweg (heute Ullsteinstraße) ließ er Anfang der 1870er Jahre ein mehrstöckiges Gebäude mit einem Restaurant errichten, aber das eigentliche Geschäft machte er mit den Teichen auf der Wiese. Er ließ sie tiefer ausbaggern und wenn sie im Winter zufroren, begann die Eisernte. Das Eis wurde in die kühlen Keller des Gebäudes gebracht und dort Monate lang gelagert. Damals gab es noch keine Kühlschränke und so waren Gastwirte zur Kühlung des Bieres auf Stangeneis angewiesen. Dies lieferte ihnen nun Adolf Lewissohn, dessen Auslieferungskutschen bald selbst im damals noch weit entfernten Berlin zu sehen waren. Bis zu 500 Touren am Tag soll er geliefert haben.

Parallel dazu baute Lewissohn ein Teil des Geländes zu einer öffentlichen Badeanstalt aus, die er 1876 eröffnete. Dass im gleichen Jahr der Ingenieur Carl von Linde den ersten funktionstüchtigen elektrischen Eisschrank erfand und damit das Ende vom Stangeneis einläutete, ahnte Lewissohn zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Doch in den folgenden Jahren ging die Eisproduktion immer mehr zurück und an ihrer Stelle wuchs das Schwimmbad. Adolf Lewissohn ließ ein 130 Meter langes Sportbecken anlegen, in dem Wettkämpfe stattfanden. Aus einem 60 Meter tiefen Brunnen wurde ständig neues Wasser gepumpt, so dass die Werbung von der größten und schönsten Badeanstalt Groß-Berlins mit ständigem Zu- und Abfluss sprach.

Das Bad wuchs jedes Jahr, es entstanden feste Betonbecken, und im Jahr 1912 fanden im Seebad Mariendorf sogar Ausscheidungskämpfe für die Olympischen Spiele in Stockholm statt. Mit dem Ersten Weltkrieg war dann erstmal Schluss mit Baden, das Restaurantgebäude wurde zum Lazarett umfunktioniert.

In den 1920er Jahren hatte das Seebad dann seine beste Zeit. Bis zu 4.000 Gäste am und im Wasser, 7.000 konnten im Restaurantgebäude gleichzeitig bewirtet werden. Der Rand des Geländes wurde als Park angelegt, dort waren noch einige der alten Teiche vorhanden. Es gab einen hölzernen Sprungturm und zur Markgrafenstraße hin am südlichen Ende des Bades eine große Sandfläche als Strand.

1934 musste Helene Lewissohn, Witwe des einige Jahre zuvor verstorbenen Adolf, das Bad verkaufen. Im Rahmen der „Arisierungen“ durch die Nazis erhielt sie dafür nach Bezahlung aller Rechnung gerade mal 151,25 Reichsmark. Nur ein kleiner Teil des Grundstücks blieb in ihrem Besitz, bis auch dieser 1939 zwangsversteigert wurde. Wie schon im Ersten Weltkrieg wurde das Restaurantgebäude wieder zu einem Hilfskrankenhaus.

Trotz des Krieges ging der Badebetrieb weiter, erst 1947 wurde es geschlossen. Nur im Sommer 1950 öffnete das Seebad Mariendorf nochmal für einige Monate, danach aber wurden die Becken zugeschüttet. Das Technische Hilfswerk nutzte das einstige Bad als Übungsgelände, bis es ab 1954 teilweise bebaut wurde. Auch das Restaurant wurde abgerissen.

Helene Lewissohn, die nach dem Krieg versucht hatte, das Bad und das Restaurantgebäude zurück zu erhalten, hatte damit keinen Erfolg. Sie starb verarmt 1957 in der nahen Prühßstraße. Vom einstigen Seebad ist heute nur noch einer der Teiche sowie ein kleiner Torbogen übrig.




Haus der Einheit

Schon viele residierten hier: Jüdische Kaufleute, Nazis, Kommunisten, Kapitalisten. Es ist eine laute, stark befahrene Kreuzung, Torstraße und Prenzlauer Allee treffen hier aufeinander. Nur wenige hundert Meter nördlich des Alexanderplatzes ist das sogenannte “Prenzlauer Tor” ein ungemütlicher Ort. Wie zufällig platziert stehen einige alte Wohnhäuser, der Nikolai-Friedhof an der Ecke zieht immer wieder alte und neue Nazis zum Gedenken an Horst Wessel an. Gegenüber ein großes Gebäude, seine Fassade, markant geschwungen, mit einer „Bauchbinde“ in der ersten Etage. Es hat eine wechselvolle Geschichte und wechselnde Adressen.
Als der jüdische Kaufmann Hermann Golluber 1928/29 das Haus errichten ließ, hieß die Torstraße noch Lothringer Straße. Die Nummer 1 wurde ein Stahlskelettbau im Stil der Neuen Sachlichkeit. Am Rand des Scheunenviertels wurde ein Warenhaus gebaut, in dem auch der ärmere Teil der Berliner einkaufen konnte. Und es war ein Kreditwarenhaus, die Kunden konnten „auf Pump“ einkaufen.
Das Haus enthielt ein Dachterrassen-Restaurant und großzügige Räume auch für die Angestellten. 1929 war die Eröffnung als „Kaufhaus Jonaß“, doch schon vier Jahre später kam der erste Einschnitt. Im Dezember 1933 nutzten die Nazis einen Teil des Gebäudes als Ausstellungsfläche. Golluber und sein ebenfalls jüdischer Geschäftspartner Hugo Halle nahmen zwei Mitarbeiter in die Geschäftsleitung auf, um nicht enteignet zu werden. Doch Golluber und Halle wurden von den beiden aus der Firma gedrängt und flohen 1939 aus Deutschland.

Warenhäuser galten im NS-Staat als „jüdisch“, selbst wenn diese – was praktisch bei allen der Fall war – gar nicht mehr Juden gehörten. Die neuen Besitzer schlossen das Kaufhaus, bauten es um und vermieteten es an die Reichsführung der Hitler-Jugend. 1942 verkauften sie es an die NSDAP.
Direkt nach dem Krieg zog der „Zentralausschuss der SPD“ in das Gebäude ein. Mit der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im April 1946 ging der Komplex an das Zentralkomitee der neugegründeten „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“. Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl als erster und einziger Präsident bzw. Ministerpräsident arbeiteten in diesem Haus. An sie erinnern noch heute zwei Tafeln am Eingang (noch zu seinen Lebzeiten wurde die Lothringer Straße 1951 in Wilhelm-Pieck-Straße umbenannt, das ehemalige Kaufhaus erhielt damit wieder eine neue Adresse). Das Gebäude hieß nun offiziell „Haus der Einheit“, was auf die Zusammenlegung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien hinwies. Während des Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953 war es deshalb auch Ziel von Angriffen durch Demonstranten. Im Anschluss daran spielte es eine unrühmliche Rolle in der Verfolgung von Oppositionellen. Die Schauprozesse gegen Aufständische des 17. Juni wurden hier „vorbereitet“, die Todesurteile schon vorher festgelegt. Aber auch andere verheerende Maßnahmen wie Kollektivierung der Landwirtschaft und die Enteignung der Betriebe wurden zum großen Teil in diesem Gebäude beschlossen und organisiert.

Im Jahr 1956 zog das „Institut für Marxismus-Leninismus“ in den Bau ein. Auch das Parteiarchiv der SED, das historische Archiv der KPD sowie mehrerer Massenorganisationen nutzen das einstige Warenhaus.
Mit der Wende kam dann nicht nur das Aus für die DDR, sondern auch für das einstige Parteigebäude. Die Archive wurden ins Bundesarchiv verlagert, die SED-Nachfolgepartei musste das Haus abgeben. Seitdem steht es unter Denkmalschutz. Längst ist es den Erben von Hermann Golluber und Hugo Halle zurückgegeben worden, trotzdem stand es noch jahrelang leer. 2010 zog hier der edle Soho-Club ein. Club, Restaurant, Hotel, Schwimmbad.
Jüdisches Warenhaus in den 1920ern, Hitler-Jugend unter den Nazis, marxistische Lehranstalt in der DDR und nun Wohlfühlort von Reichen. Erneut hat das Gebäude sich der Zeit angepasst.

(Foto: Bundesarchiv)




Geschichtspark Moabit

Vor zehn Jahren, am 26. Oktober 2006, wurde gegenüber des neuen Hauptbahnhofs der Geschichtspark “Ehemaliges Zellengefängnis Moabit” eröffnet. Nach drei Jahren Bauzeit entstand aus der einstigen Lagerstätte des Tiefbauamts ein Gedenkort, der vor allem aus der einstigen Gefängnismauer besteht. Im Inneren sind alle Gebäude, also das einstige Gefängnis, verschwunden, abgerissen 1958, nachdem die Alliierten das Gefängnis noch zehn Jahre genutzt hatten.

Das Zellengefängnis Lehrter Straße war als eines der berüchtigsten Knäste Berlins bekannt. Doch seine schlimmste Zeit hatte es nicht in den ersten hundert Jahren (Bauzeit 1842-1849), sondern während der Zeit des Nationalsozialismus. Anfangs galt es nämlich noch als Mustergefängnis für Preußen: Nach einer von Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen eingeleiteten Gefängnisreform sollten die Gefangenen nicht länger in Gemeinschaftszellen, sondern isoliert in ca. 520 Einzelzellen untergebracht werden. Einer der bekanntesten Insassen war Wilhelm Voigt, der einstige “Hauptmann von Köpenick”. Nach der Machtübernahme der Faschisten wandelte sich das Gefängnis zum Symbol für politische Unterdrückung, Folter und Mord. Zahlreiche Systemgegner wurden dort inhaftiert, u.a. Wolfgang Borchert, Ernst Busch und Alfred Haushofer, der hier seine “Moabiter Sonetten” verfasste. Wenige Tage vor der Befreiung vom NS-System wurde er mit anderen Nazigegnern nachts vom Gefängnis zum nahen Ausstellungsgelände ULAP gebracht und dort erschossen.

Im Geschichtspark werden die Ausmaße des Baus durch Steinreihen gekennzeichnet, auch die Form und Größe der Höfe sind nachvollziehbar. Eine Zelle wird in ihrer ursprünglichen Größe durch Betonwände nachgebildet. Wer sie betritt startet ein akustisches Feature, mit einem Beitrag über Haushofer und die Haft in diesem Gefängnis.

Das Gelände ist nach außen abgeschlossen, zu drei Seiten steht die alte Gefängnismauer, teilweise saniert. Und obwohl der Hauptbahnhof mit der lauten Invalidenstraße dazwischen nur 200 Meter entfernt ist, ist es im Geschichtspark seltsam ruhig, jedenfalls gefühlt.
Merkwürdig auch, dass sich im stark bewachsenen Teil eine Kletterwand befindet, die irgendwie deplatziert wirkt.
Die meisten Menschen, die man im Gedenkort sieht, sind auch gar keine Besucher. Sie nutzen ihn nur zum durchqueren, wenn sie aus der Lehrter Straße zum Bahnhof wollen.
Informationstafeln zum Geschichtspark finden sich am Eingang in der Invalidenstraße. Sie klären auf Deutsch und Englisch über die Geschichte dieses Ortes auf.




Ernst-Thälmann-Denkmal

Es ist ein Gruß aus einer längst vergangenen Zeit. Monumental grüßt der einstige Vorsitzende der KPD, 50 Tonnen schwer, 14 Meter hoch und breit, mit der Faust, geschaffen vom sowjetischen Bildhauer Lew Jefimowitsch Kerbel. Im Hintergrund die Fahne blickt er mit einem entschlossenen Gesicht, das auffallend dem seines großen Vorbilds Lenin ähnlich sieht. Das Monument steht im Prenzlauer Berg an der Greifswalder Straße, es war als Zentrum des Wohnviertels Thälmannpark gedacht.
Seit das Denkmal Mitte der 1980er Jahre gegossen wurde, war es mehrmals im Jahr Ort von Kundgebungen und Heldenverehrungsfeiern.

Ernst Thälmann galt in der DDR als Nationalheld und großes Vorbild für die Jugend. Als Kämpfer gegen die Nationalsozialisten verbrachte er fast die gesamte Nazizeit in Haft, bis er 1944 in Buchenwald ermordet wurde.
Obwohl es in der DDR einen wahren Thälmann-Kult gab, gab es in Ost-Berlin nie eine Thälmannstraße. Dafür aber in West-Berlin gleich drei – wenn auch nur für wenige Monate. So trug die Turmstraße in Moabit zwei Jahre lang diesen Namen.

Nach der Wiedervereinigung wurde immer wieder der Abriss des Denkmals gefordert, weil es einen Mann ehre, der eher Stalinist als Demokrat gewesen ist. Vor allem technische Gründe haben den Abriss jedoch verhindert. Mittlerweile steht es auf der Berliner Denkmalsliste und erinnert heute wieder an etwas: Vordergründig weiterhin an Ernst Thälmann, in Wirklichkeit aber an eine Epoche der deutschen Geschichte, in der die Verehrung “verdienter Kämpfer für den Sozialismus” in teilweise übertriebenen Personenkult abdriftete.




Mons Penck

Nachts auf dem Kreuzberg

Schau, der Treptow-Tower.
Schau, die Charité.
Schau, ein Reststück Mauer.
Schau, das KaDeWe.

Schau, da hinten: Tegel.
Schau, da vorn: der Dom.
Schau, da, diese Kegel:
das Tempodrom.

Schau, der Klotz da links ist,
wo Rudi wohnt.
Schau, das runde Dings ist
der Mond.

Martin Betz

370 000 km. Nachts auf dem Penckberg

Vielleicht ist dieses ganze Buch nicht nötig, denn in seinem Gedicht beschreibt Martin Betz Berlin und die Berliner, wie ich es nicht besser könnte. Keineswegs könnte ich es so dicht wie dieser Dichter. Und vielleicht ist der Kreuzberg ja die Mitte, nach der wir suchen. Aber nun haben Sie einmal das Buch angeschafft, und wir können die Sache breiter und tiefer behandeln.

Es gibt zwei Sorten Berliner. Die der einen Sorte kommen nie aus ihrem Kiez heraus und haben bis ins hohe Alter keine Ahnung, was sich ein paar Kilometer weiter abspielt. Ein in 13582 Berlin-Spandau wohnhafter Onkel wurde zum Beispiel einmal von einem in 12051 Berlin-Neukölln logierenden Freund dorthin zum Frühstück eingeladen und sagte mit Befremden: „Nach Berlin fahren wir eigentlich nie.“ Von denen kann man nicht viel Topographisches über diese große Stadt lernen. Trotzdem kennen sich manche erstaunlich gut in der preußischen Geschichte aus und verstehen nicht, dass jemand von außerhalb nicht einmal weiß, was Preußen war und warum man sich um Himmels willen heute dafür interessieren sollte. Um ehrlich zu sein: Als ich die ersten Male in Berlin war, wusste ich auch nicht, warum ich mich für Preußen interessieren sollte.

Den Berlinern der anderen Sorte darf man nicht alles blind glauben. Die stehen nachts auf dem Kreuzberg, kennen und lieben ganz Berlin, wissen, dass der Gendarmenmarkt „der schönste Platz Europas“ ist und Hotel Estrel „das größte Hotel von Deutschland“ war, als es gebaut wurde, das KaDeWe das „beste Kaufhaus nach Harrod‘s in London, aber mit einer viel besseren Lebensmittelabteilung“, und dass Berlin die einzige Stadt auf der Welt ist, in deren „Zentrum“ man ein Feuerwerk abbrennen kann, das fünfhundert Meter breit, tief und hoch ist. Und dies friedlich auf einem Niveau mit dem Klotz, wo Rudi wohnt, und anderen Gegenständen, die weit weg sind, die man aber vom Kreuzberg erkennen kann.

Die Berliner beider Sorten hatten übrigens schon vor 1920 ein Telefon mit Wählscheibe, und sie haben bis heute nicht verstanden, wie man Ferngespräche wählt und wann man eine Null weglassen muss. Die Wählscheibe war für Ortsgespräche, das mit den Nullen machte das Fräuleins vom Amt, aber Ferngespräche führte man sowieso nie. Wozu auch?

Nachts auf dem Kreuzberg kann man mit einem guten Fernrohr auch den Mons Penck erkennen, benannt nach einem ehemals in Berlin wirkenden Geographen. Der wurde tausend Jahre lang geschätzt wegen seiner wissenschaftlich unterbauten Pläne, welche Teile der Sowjetunion Deutschland sich notwendigerweise als Lebensraum einverleiben müsse und welche als Satellitenstaaten unter deutschem Einfluss eine gewisse Freiheit haben könnten. Kurz danach rückten Satellitenstaaten unter sowjetischem Einfluss auf knapp sechzig Kilometer an Berlin heran. Das kommt davon. Derzeit ist in Berlin keine Straße nach Penck benannt, wohl aber auf dem Mond ein ganzer Berg.

Die Berliner der zweiten Sorte sind stolz darauf, viele Straßennamen zu kennen, aber damit haben sie es schwer. Erst wurde alles nach preußischen Generälen benannt, dann nach Kommunisten, dann, nach der Wende, wurden manche Straßen zwei- oder dreimal umbenannt, und nun müssen mindestens 50,00% nach Frauen benannt werden, jedenfalls in Kreuzberg. Viele Straßen haben jedoch, seit sie gebaut wurden, keinen Namen, sondern eine Nummer, zum Beispiel Straße 256, und niemand traut sich mehr, einen Namen vorzuschlagen, weil es unweigerlich Streit gibt. So durfte unlängst der Platz vor dem jüdischen Museum wegen der Frauenquote nicht nach dem berühmten Philosophen Moses Mendelssohn benannt werden. Nach langem Ringen wurde er dann nach seiner Frau und ihm benannt, in dieser Reihenfolge. Aber wir schweifen ab – etwas, das in diesem Buch wohl noch öfter geschehen wird. Zurück zum Mond, auf dem das Umbenennen noch nicht um sich gegriffen hat!

Nachts auf dem Penckberg kann man mit einem guten Fernrohr auch heute noch das ehemalige Ost-Berlin vom ehemaligen West-Berlin unterscheiden. Der Osten strahlt gelb, weil da zu DDR-Zeiten überall Natriumdampflampen aufgestellt wurden. Im Westen gab es bis jetzt noch überwiegend gemütliche Gaslaternen, fahlweiß. Hinzu kamen auf Hauptstraßen Quecksilberdampflampen, grellweiß. Derzeit werden all die schönen Gaslaternenpfähle ausgegraben, weggebracht, gesandstrahlt, neu angestrichen, ausgestattet mit elektrischem Licht, zurückgebracht, wieder eingegraben und verkabelt. Das ist billiger. An die Arbeitsplätze im Glühstrümpfchensektor denkt niemand.

Ob man vom Mons Penck aus erkennen kann, wo Rudi wohnt, konnte ich nicht überprüfen.

Aus: Suche nach der Mitte von Berlin

 

MARTIN BETZ
Dichter, ausgebildeter Cembalist und eine der interessantesten Neuköllner Persönlichkeiten.
Im Jagdschloss Stern trägt er Cembalomusik und eigene Gedichte vor.
Im Hepcats’ Corner begleitet er regelmäßig Stummfilme am Klavier.
Noch viel mehr finden Sie auf seiner Homepage martinbetz.de