3. Februar 1945: Die Zerstörung der Innenstadt

Es war der Vormittag des 3. Februar 1945. Nur noch die Dümmsten unter den Nazis konnten an ihren Endsieg glauben. Doch was an diesem Tag geschah, sollte auch ihnen die Augen öffnen. Es gab einen Bomberangriff auf die Innenstadt der Reichshauptstadt. Allerdings nicht irgendeinen sondern den dreihundertsten. Offenbar wollten die Alliierten dieses Jubiläum feiern, denn es wurde der schwerste Luftangriffe des ganzen Krieges auf Berlin.

Um 10.27 Uhr heulten die Luftschutzsirenen, um 11 Uhr tauchten die Bomber am Himmel auf. Er färbte sich dunkel, so viele waren es und sie hatten das Regierungsviertel im Visier. Von Westen kommend flogen 939 “Fliegende Festungen” der US Air Force immer die Spree entlang, ab Moabit war dann der Punkt, von dem ab die Ladung abgeworfen wurde. Durch ganz Mitte und Kreuzberg zog sich eine Schneise der Zerstörung bis nach Friedrichshain, 2200 Tonnen Sprengstoff zerstörten das Schloss und den benachbarten Dom, Bahnhöfe, Kaufhäuser, Kirchen und tausende Wohnhäuser. Selbst U-Bahnhöfe stürzten unter der Wucht des Angriffs zusammen, im Bhf. Weberwiese starben mehrere hundert Menschen, die dort Schutz gesucht hatten.
Der Angriff dauerte nur 50 Minuten, aber er kostete etwa 25.000 Menschen das Leben. Die meisten von ihnen wurden unter den zusammenstürzenden Gebäuden begraben, von vielen blieb nichts zurück. Die Kraft der Bomben und des Feuers war stärker. Mehr als 120.000 Menschen verloren an diesem Tag ihre Wohnung, die Schneisen, die der Angriff schlug, sind zum Teil heute noch zu sehen. Um die Leipziger Straße, die Oranienstraße, den Alexanderplatz und die Wilhelmstraße hielt kaum ein Haus den Bomben stand. Die Charité wurde getroffen, das Rote Rathaus und die Staatsoper. Zerstört wurden auch die Museumsinsel, die Neue Reichskanzlei und mehrere Botschaften.

Wie viele hatten immer noch gehofft, dass es eine militärische Wende geben würde, dass die versprochene “Wunderwaffe” V2 das Kriegsgeschehen zu Gunsten der Wehrmacht umkehren würde. Vergeblich. Unter dem Beben der Einschläge wurde vielen endlich klar, dass dieser Krieg verloren war.
Wer die Katastrophe dieses Tages überlebt hatte, sah noch Tage lang brennende Häuser und völlig zerstörte Straßenzüge. Man muss heute mal mit offenen Augen vom Halleschen Tor kommend die Wilhelmstraße, Koch- und Oranienstraße entlang laufen, um das Ausmaß der Zerstörung zu begreifen. Komplette Häuserblöcke waren durch die Wucht zerstört worden, Straßenzüge über einen Kilometer hinweg zusammengestürzt. Bis zum Moritzplatz zogen sich die Flächen hin, manche sind noch heute unbebaut.

Der 3. Februar war einer der schwärzesten Tage in der Geschichte der Stadt. Zwar folgen noch zehn Wochen lang weitere Angriffe aus der Luft, am 26. sogar ein noch größerer. Wer aber den 3. Februar überlebt hatte, wollte nur noch die restlichen Wochen herum bringen.
Zehn Tage nach dem Bombardement stand Dresden auf der Liste. Dort starben in der Nacht zum 14. Februar mehrere zehntausend Menschen, weil die britischen Phosphorbomben einen Feuersturm entfacht hatten – ein Schicksal, das Berlin erspart geblieben war.

Foto: Bundesarchiv, Jerusalemer/Zimmerstraße




Ein Sonntagnachmittag am Boxhagener Platz

Der Boxhagener Platz heißt jetzt fast ein Jahrhundert nach dem Vorwerk, auf das die Boxhagener Straße zulief, und das jetzt ununterscheidbar Berlin ist und nichts mehr weiß von den Buchs, die dort ihren Hagen hatten. Die Stadtgegend ist mit dem Jahrhundert entstanden und erhielt überwiegend Namen nach Orten im Osten, wo viele herkamen, die hier ihre kümmerlichen Wohnungen fanden: Aber es war in Berlin. Die Großstadt war die Hoffnung. Auf dem Lande konnte man nichts werden. Von der Großstadt erzählte man sich Märchen. Die dunkle Großstadt bot die hellsten Verheißungen. In der Stadt war schon nicht mehr viel Platz. In den 1880er Jahren war eine Wirtschaftskrise ausgebrochen, die Spekulation, die Sucht nach dem schnellen Geld, die Einbildungen und Erwartungen, die die neue Weltmachtstellung des Bismarckreiches erweckte, hatten sich heißgelaufen: Nun verlangten die Banken zu viel Zinsen, als dass – “lustig” wollen wir das ja wirklich nicht nennen – weiter gebaut werden konnte, wie in den Jahrzehnten zuvor. Erst gegen 1900 gingen die Zinsen wieder runter und sofort stieg auch die Neubautätigkeit wieder. Im Süden und im Norden entstanden in Gegenden, die man damals Vorstädte nannte, beispielsweise der Boddin- und der Arnimplatz, und hier im Osten eben die Gegend, in der wir uns eben jetzt platzieren, an diesem sonnigen Sonntagnachmittag, in dem Café, das sich an der Ecke Gabriel-Max-/Krossener Straße eine Cocktailbar nennt.
“Gefüllte Weinblätter” sagt Mehdi, weil ich mir welche bestelle, “gibt es von Spanien bis nach China und überall schmecken sie so anders, dass man an dem Geschmack erkennen kann, wo man ist.” Ich versuche, mir den Geschmack der Weinblätter am Boxhagener Platz zu merken.

Der Platz ist rundum dicht bebaut. Man kann nicht von einem Ende zum anderen hinübersehen. Die westliche Hälfte ist Kinderspielplatz, die östliche mit vielen Bänken um die weite Wiese Altenplatz. Von der Bank, auf der wir an der Nordseite sitzen, blicken wir gerade auf die alte Linde, die mächtig an der Südseite steht und früher ersichtlich noch mächtiger war. Bestimmt ist es unterdessen der älteste Baum des Platzes. “Die anderen haben 1945/1946 alle daran glauben müssen”, vermutete Jagusch, der Fotograf. “Erinnere dich doch: Wie kalt diese Winter waren.” Frau T. beim Bezirksamt weiß das Alter der Linde auch nicht genau. Jagusch hat sie gefragt. Über hundert Jahre, vermutet auch sie. Ich soll mehr über die Geschichte schreiben, hat Frau T. außerdem zu Jagusch gesagt. Wirklich? Aber tatsächlich ist das beinahe die Frage, deretwegen ich heute den Boxhagener Platz langsam umwandere und lange an seinen Rändern in Bistros und auf Bänken sitze. Was weiß die schwarze Spinne, die hier eingedübelt ist? (Wenn Sie vielleicht die Erzählung “Die schwarze Spinne” von Jeremias Gotthelf kennen: Die schwarze Spinne, die nicht getötet, sondern allenfalls zurückgehalten werden kann unter den Häusern der Gegenwart: Das ist, denke ich, die Vergangenheit und wenn man etwas Falsches tut, dann fliegt der Dübel heraus, die Spinne kriecht hervor und, selbst wenn wir unschuldig sind, so werden wir doch die Opfer der Kollateralschäden). Ich bin hier schon mehrfach herumgewandert, habe auch schon darüber geschrieben (im ersten Band “Vom Wedding nach Gethesamane” meiner Berliner Spaziergänge unter dem Titel “Teils – teils” kann man’s nachlesen). Von hier gingen zum Beispiel 1915 die sogenannten Butterkrawalle aus; Arbeiterfrauen protestierten gegen den Hunger, den ihnen die Regierung bereitete, die gleichzeitig ihre Männer tötete, die ihrerseits die Männer französischer Frauen töteten. Sozialdemokratische Frauen sind sogar von hier bis in die Vorstandssitzung der SPD in der Lindenstraße gezogen und haben Ebert und Scheidemann Lumpensäcke genannt, weil auch die Führer der Mehrheitssozialisten schließlich vom Krieg bezaubert waren, in dem nur die einfachen Parteimitglieder starben.

Das ist natürlich eine ruhmvolle Geschichte des Boxhagener Platzes; wollen wir ihn deswegen “Platz der mutigen Frauen”, “Platz des Protestes”, “Platz gegen den Hunger und gegen den Krieg” nennen? Da könnten wir ihn auch gleich Platz dessen nennen, was schließlich doch nichts nützt.
“Denn bin ich aus’m Krieg nach Hause und denn gleich auf Tournee gefahren für fünf Jahre”, sagt in diesem Augenblick der Grauhaarige auf der Nachbarbank zu den beiden alten Frauen, denen man ansieht, dass es ihnen weniger um die Geschichte als um die Begleitung geht. Was war das für eine Tournee, auf die der Alte gegangen ist? “Als Bauarbeiter”, vermutet Liesel; 1945/46 als Bauarbeiter auf Tournee, nee, da passen das Wort nicht und nicht die Umstände. Artist, Rummelbudiker, Stehgeiger, Schwarzmarkt, Schmuggel? Vielleicht heißt es einfach: ich bin da hingegangen, wo ich dachte, hier kann ich ein paar Tage bleiben und was zu essen kriegen gegen Arbeit und Dienste.
Etwas Großstädtischeres als den Boxhagener Platz an einem Sonntag-Nachmittag kann es nicht geben. Da kann man ruhig ein bisschen einnicken und nur aus einem schmalen Augenschlitz hervorblinzeln – wie es meine junge Enkelin tut, die gerade 10 Tage alt ist – und man weiß: Ich bin in einer ganz großen Stadt. Gleichzeitig ist die Stimmung aber sehr privat; sobald man sich auf eine Bank gesetzt hat, ist man bekannt und kennt die Nachbarn. Die Wohnzimmer sind alle nach draußen verlegt und jeder, der kommt, wird aufgenommen. Solche Plätze gibt es in den meisten großen Städten. In Berlin gibt es – weil James Ludolf Hobrecht sie in seinem Stadtplan von 1862 schon eingeplant hatte, bevor es überhaupt Häuser gab – besonders viele. Das ist der Grund, weswegen jeder, der Berlin lernen will, hierher empfohlen wird. Es sind alte und junge Leute hier, viele bunte darunter, auch solche, die man beinahe schick nennen muss: die Platinblonde zum Beispiel, die sich gerade jetzt am Rande des Betonbeckens niederlässt, durch das die Kinder tollen, weil alle paar Minuten die Wassersprüher ihre Fontänen hochgehen lassen.

“Mir is ett zu blöde hier!”
“Wat is dir nich zu blöde? Zu Hause rumhängen? Int Fernsehen gucken, wie die Idioten mit ihren Autos rumrasen?”
Damit meint die schnippische Schwarze mit den langen Ohrringen den großen Preis von Österreich in der Formel 1, der in diesem Augenblick zu Ende geht, denn die Freundin nimmt die Stöpsel aus den Ohren und sagt lässig: “Irvine hat gewonnen; war det der mit dem roten Karren oder mit dem silbernen?” Aber der Typ nimmt das Friedensangebot nicht an, sondern mault und findet weiterhin alles blöd.
Der Stadtwanderer, der nun vom Boxhagener Platz auf seinem Rückweg zur Frankfurter Allee und zur UBahn, nach einem kleinen Stück Gärtnerstraße in der Boxhagener Straße noch den Friedhof besuchte, der sich zwischen der Kreutziger- und der Mainzer Straße entlangzieht und der keinen anderen Ausgang hat als den Eingang, der hätte zusätzlich zu dem lebhaften Platz ein ganz stilles Stück Berlin, das für die Stadt ebenfalls ein ganz typisches Exempel ist. Wir sitzen ganz hinten auf der Bank bei der “Ruhestätte Puddel”, riechen den Wacholder, hören die Tauben gurren und die Pappeln pappeln. Was für ein Gegensatz! Nein, nein, es ist kein Gegensatz: es ist Berlin, in Minuten kann man die Stadtstimmungen wechseln und trotzdem fühlt man sich immer in einem Zusammenhang von demselben.




Das erste Opfer

Ich hätte den Weg in umgekehrter Richtung gehen sollen. Am Kreuzberg hätte ich ankommen müssen.
Ich bin aber von dort ausgegangen; Gleisdreieck in die U2, vom Alex zu Fuß zur Bartholomäuskirche, unter deren nördlicher Arkade ich nun vor dem Regen Schutz suche und hinabblicke auf die Wiese, die die Kirche von der breiten Autostraße trennt. Sie ist das Ziel und hätte – wie gesagt – der Anfang sein können. Ein Anfang könnte sie auch für einen zweiten Geschichts-Lehrpfad sein, einen viel kürzeren: Von hier zum Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain sind es kaum zehn Minuten.

Der Weg durch die Georgenkirchstraße zum Platz am Königstor ist viel schöner als der durch die Otto-Braun-Straße. Ich bin auch kein Freund der Straßen-Umbenennungen. Vor allem bin ich kein Freund derer, die sich die Geschichte oder sagen wir: die Erinnerung an das Gewesene nach ihren Interessen zurecht machen. Wenn es nach meinen Vorstellungen gegangen wäre, hieße die Otto-Braun-Straße also noch Bernauer Straße, fern von aller Politik.
Die Georgenkirchstraße ist eine ganz andere Straße als die Otto Braun. Nicht nur, dass sie natürlich viel ruhiger ist, als ob sie geradezu als Gegensatz zur OttoBraun-Straße geschaffen wäre: dort Auto an Auto, hier ganz wenige; die zehn Minuten, die ich sie heute aufwärts gegangen bin, kommen mir vor wie nur drei. Vor allem erfährt man aber – diesen Weg wählend – die Landschaft, die Hügeligkeit dieses nordwestlichen Stücks Friedrichshain; die Georgenkirchstraße steigt auf bis zur Bartholomäuskirche, dorthin fällt die Friedenstraße ab und gegenüber der Prenzlauer Berg steigt wieder auf.

In der Georgenkirchstraße wehren sich die Bäume gegen den Asphalt. Erst kommt ein schön weiß, dann ein schön rotbraun renoviertes Haus. Auf den Balkonen des weißen stehen mehrere Männer in Unterhemden, die mich beobachten, als ob ich etwas an mir hätte. Erkennen sie mich etwa mitten in der Großstadt als Fremden?

Für die Bartholomäuskirche steht die Renovation an. Die Selbstbelassenheit des Kirchenumraums scheint nur noch vorübergehend. “Zugang zur Kirche über die Winterkirche”, heißt es an der Pforte, die offen steht. Friedensbibliothek und Antikriegsmuseum der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg, Montag bis Freitag 17 bis 19 Uhr, Sonnabend 13 bis 17 Uhr.
Da beginnt es zu regnen. In der hohen Arkade neben dem verschlossenen Kircheneingang in Gesellschaft der aufgebockten Glocken von 1907 kann ich dem Geräusch, fast möchte ich sagen: der Melodie des Regens auf den Blättern der Rotbuchen, Birken und Linden zuhören. Und auf die schöne Wiese hinuntersehen, die ungemäht ist und weiß von Gänseblümchen.
Dort, direkt an der Treppe, die zur Kirche heraufführt und fast nicht zu sehen für den, der es nicht sucht, steht das merkwürdige Denkmal, dessentwegen ich heute hier herauf gewandert bin. “1813 fiel als erstes Opfer in den deutschen Befreiungskriegen Freiherr Alexander v. Blomberg, * Iggenhausen (Lippe) am 31. Januar 1788, gest. hier vor dem Königstor 20. Februar 1813.” Das ist die Inschrift.
Das Denkmal zeigt einen antiken Helm, als ob es Achilles geweiht sei oder irgendeinem klassischen Kämpfer. Jedenfalls einem ganz anderen als dem, den es benennt. Die Kriegsherren haben meist ein Interesse daran, ihre Opfer als ganz andere erscheinen zu lassen, meistens als solche, die schon längst tot waren, ehe man sie tötete.
Ist dieses Denkmal nun eine Lüge? Ich meine: Ist es schon deswegen eine Lüge, weil es nicht etwa von 1813 ist, als die sogenannten Befreiungskriege begannen, sondern von 1913, als der Weltkrieg Nummer 1 bevorstand und die Staatspropaganda die jungen Männer wieder mal bereit machen musste, ihr Leben einzusetzen für Interessen, die nicht ihre waren?

Diesen Lehrpfad empfehle ich mal den hierherum liegenden Schulen, wenn sie Geschichtslehrer haben, die wissen, wie wertvoll Zweifel sind: vom Denkmal am Königstor zum Friedhof der Märzgefallenen. Mit der Frage: Wofür ist der Blomberg nun gefallen und wofür – zum Beispiel – Ernst Zinna, 35 Jahre später? Was ist in diesen 35 Jahren geschehen mit dem deutschen Heldentum?
Der andere Geschichtslehrpfad – ich sagte es schon – führt von hier zum Kreuzberg, durch all die Straßen, die nach Schlachten der sogenannten Befreiungskriege heißen und nach Generälen, die den Krieg überlebten. Bis auf den Kreuzberg hinauf, wo an die Stiftung des Eisernen Kreuzes erinnert wird, auch 1813 und – wie der König schrieb – nur für diesen besondern Krieg gegen die Franzosen und die anderen Deutschen, die mit den Franzosen verbündet waren. Trotzdem ist dieses Eiserne Kreuz das Hoheitszeichen – schrieb mir jüngst ein Bundeswehroffizier, den man jetzt im Fernsehen manchmal die Kollateralschäden erklären hört – das Hoheitszeichen der deutschen NATO-Bomber also, die wohl hoffentlich keine Kinder und Flüchtlinge töten. Oder aus Versehen, gelegentlich doch?

So weit muss der Geschichtslehrer ja gar nicht gehen, der mit den Schülern vom Blomberg-Denkmal auf den Kreuzberg wandert. Aber einige der berühmtesten preußischen Geschichtsschreiber muss er doch für Lügner halten. Gar Verführer. Verführte Verführer. Verführung ist noch schwerer zu erklären als Lüge.
Mit der Tram Nr. 3 bin ich im Nu am Hackeschen Markt, wo ich Kaffeehäuser voller Gegenwart finde, die mich zu keinerlei Vergangenheitsbetrachtung auffordern. Wie gut, dass wir vergessen können. (Was freilich so viel heißt wie: Manches lernen wir am besten erst gar nicht. Und das ist natürlich kein Satz für die Feierstunden, bei denen sich am Schluss alle erheben und die Nationalhymne singen, die das Grundgesetz, das die Ehrengäste angeblich so lieben, gar nicht vorsieht.)

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Drei Schulen, drei Kirchen, ein Naja

Die Stadtgegend, die sich nördlich der Frankfurter Allee bis zur Friedrichshainer Bezirksgrenze erstreckt, wird seit Ende des [vor]vorigen Jahrhunderts von der Rigaer Straße durchquert und von ihr zugleich zusammengehalten, kann man sagen, auf den Bersarinplatz konzentriert und von diesem in die Petersburger Straße hingeführt, die als eine Gratstraße auch denjenigen Teil des Kiezes hinaufzieht, der sich in den nach Süd-Westen abfallenden Straßen entwickelt.
Die Gegend hat überhaupt etwas Bergiges oder wenigstens etwas Ansteigendes. Rein geographisch könnte man natürlich auch sagen: etwas Abfallendes, Absinkendes; aber das ist eben nicht der Eindruck; stadtästhetisch (oder soll man sagen: stadtgefühlig?) fühlt man sich erhoben, angehoben, aufgehoben im doppelten Wortsinn.
Metropolen, denke ich, dürfen nicht flach liegen. Es muss ein Hinauf und Hinab geben. Ich frage mich, wo ich dieses Gefühl her habe; vielleicht: Paris, Rom, irgendeine andere Hauptstadt; aber Berlin ist nicht ableitbar. Hier jedenfalls – sagen wir mal: von Samariter- bis Eckert- und Hausburgstraße – ist es besonders typisch. (Um nicht falsch verstanden zu werden: Auch um den Alice-Salomon-Platz, die Marzahner Promenade, den Anna-Siemsen-Weg ist Berlin besonders typisch, auch wenn es dort ganz anders aussieht als hier. Es gibt viele Wege in die Seele der Berliner. Warum hat sie trotzdem eine so wiedererkennbare Struktur?) Vielleicht liegt das an den Kirchen.

In meinem heutigen Spaziergangsgebiet liegen drei buchberühmte Kirchen, die Samariter-Kirche (1892 bis 1894 gebaut), die Pfingst-Kirche (1906 bis 1908) und die Galiläa-Kirche (1909 bis 1910), die beiden ersten lasse ich heute links und rechts liegen; sie sind mir geläufig, ich habe Vorstellungen über sie, der Pfarrer der Samariterkirche hat sogar schon mit mir gestritten, vielleicht, weil er mich für röter hielt, als ich bin.
Die Kirchen sind ziegelrote Lehrstücke der Architekturgeschichte: das war die Zeit, in der die Baumeister Historiker waren und zugleich Pädagogen, die den Leuten zeigen wollten, wie frühere Architekten gebaut hatten: Historismus, Prunk mit der Vergangenheit, Deutschland wollte Weltmacht werden, da machten alle mit, der König von Preußen in seiner schimmernden Wehr war der oberste Chef dieser Kirchen, der Bischof. Ob die Architekten also für Gott bauten und seine Kinder oder doch für ein ganz anderes Interesse … nein, das braucht man sich heute nicht mehr zu fragen. Die Erbauer der Galiläa-Kirche hießen Paulus und Dincklage; ganz hervorragende Architekten, mehrere Groß-Kirchen in Berlin sind von ihnen, auch ein schöner U-Bahnhof: Alleskönner im besten Sinne (und gewiss auch mit einem spielerischen Gemüt, man sieht es in der Rigaer Straße 9-10 den roten Ziegeln an, dem Spitzbogenportal, dem verkupferten Spitzhelm, dem Treppentürmchen mit Kegeldach, den aus dem Gemeindehaus dreiseitig hervortretenden Erker, dem sterngewölbten Chorpolygon und der gebrochenen Kassettendecke, durch die das Oberlicht Gottes hereinströmt).

Als Paulus und Dincklage mit ihrer Kirche in der Rigaer Straße fertig waren, war weiter vorne, Nummer 81/82, Ludwig Hoffmann schon lange fertig. Die Heinrich-Hertz-Schule dort (früher hieß sie nach dem Widerstandskämpfer Herbert Baum, nein, nein: die Heinrich-Hertz-Schule hieß schon immer nach Heinrich-Hertz, aber sie hat nicht immer in diesem Gebäude hier gewohnt, aus dem die Herbert-Baum-Schule in die Nichtexistenz ausgezogen ist, und noch früher hießen die Schulen an diesem Platze wahrscheinlich noch anders und davor ganz anders: Schulnamen gehören wie viele Straßennamen den Jeweiligen; ich würde sagen: Ludwig-Hoffmann-Schule, aber das brächte nichts, denn alleine nachher, in diesem ein-und-demselben Kiez, werde ich noch zwei andere Schulen besichtigen, die Ludwig Hoffmann gebaut hat, diese hier 1901 bis 1902) ist ein erstklassiges Beispiel… wofür? Dafür, was in Berlin offiziell los war zu Beginn des Jahrhunderts, dessen Ende wir demnächst hoffentlich in Frieden erleben werden, auch der Anfang sah allerdings friedlich aus; hätte man aus Bauten wie aus diesem Schulschloss entnehmen können, dass die feurigen Dämpfe unter der Stadt schon kochten? Ludwig Hoffmann war der Berliner Stadtbaurat, im Stadtgesicht Berlins hat er Runen hinterlassen, die bis heute sichtbar sind… nein, Runen, das ist wirklich nicht das richtige Wort; was Germanisches hatte Hoffmann nicht, für Schulbauten liebte er die Renaissance besonders, den Barock, die vergangenen Stile, die er den Berlinern gerne vormachte, damit sie wüssten, was gewesen war: das bekannteste Beispiel ist das Märkische Museum: ein Stück aus dem Lehrbuch: die Stadt als Volksschullehrer. Der Vorgänger Hoffmanns (er hieß Blankenstein und war wohl der größte Schulbaumeister Berlins) hatte für Schulen einen märkischen Einheitsstil entwickelt, Hoffmann dagegen wollte jeder Schule ihr eigenes Gesicht geben: sowohl historischlehrhaft, wie individuell-ästhetisch – ein architekturpolitisches Programm, über das sich reden lässt, aber war es nicht in seiner tiefsten Wirklichkeit das Weltstadtprogramm, das Weltmachtprogramm, zu dem sich Deutschland mit seiner Protzhauptstadt Berlin am Jahrhundertbeginn aufblies, als ob es nicht hätte wissen können, dass das das Untergangsprogramm war? “Nu übertreib mal nich!”, sagt meine Lebensfreundin, während wir uns auf den Weg machen in die Hausburgstraße: Nummer 20: die nächste Hoffmann-Schule, in ihrer angespitzen Fassade ebenfalls unverkennbar, und schließlich im plötzlichen Februarschauer – an den berühmten Wohnhäusern des Hoffmann-Freundes Messel in der Weisbachstraße vorüber (weiter unten in der Proskauer könnten wir noch andere sehen: die knappe Gegend hier ist in all ihrer Gegenwärtigkeit wirklich ein Freiluftmuseum … nicht nur der Architektur!) – in die Eckertstraße. Meine Lebensfreundin interessiert sich – als ich ihr erzähle, dass der Mann Pflüge konstruiert hat, Pflugscharen nicht Schwerter – mehr für Heinrich Ferdinand Eckert (1819-1875), als für Ludwig Hoffmann, für dessen Schulbau in der Eckertstraße 16 sie sich nach meinem Plan interessieren soll. “Schön”, sagt sie ziemlich gleichgültig, als wir die steinernen Schmuckbänder der Fassade betrachten und das ziemlich schmucklose rote Ziegelhaus, das sich in den Hof erstreckt. “Die Häuser der Schulen baut der Staat, da kann man meist nichts machen, aber was man den Kindern drinnen erzählt…”, so ungefähr, denke ich, sollte meine Lebensfreundin jetzt zu mir reden, denn in einem früheren Leben war sie Lehrerin; neulich habe ich eine ihrer früheren Schülerinnen getroffen:
“Wie geht’s denn Liesel?” hat sie gefragt; ein Wort und das andere, eine kleine Pause der Erinnerung; dann: “Ziemlich gute Leistung … damals … von denen.”
Genau! Die Pädagogik der Schulgebäude und die Pädagogik der Schullehrer … die wollen gut unterschieden sein. Wohl dem, der Unterschiede findet!
“Naja … ” wird meine Lebensfreundin sagen, wenn sie das hier liest.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Inkonsequent, unbeweglich, schwer. Subjektiv

Anfahrt mit der U5. Die U5 ist eine Ostberliner U-Bahn wie die U7 eine Westberliner. Die Linien sind in der unbegreiflichen Zeit der Teilung der Stadt entstanden. Wenn ich mit der U5 fahre, habe ich das Gefühl, in einer anderen Stadt zu sein. Am Frankfurter Tor tauche ich ab, am Tierpark komme ich wieder hervor. Hans-Loch-Viertel, sagte man früher zu dieser Stadtgegend. Hans Loch ist jetzt aus der Erinnerung gestrichen. Er gehört zu dem Teil der Geschichte, der nicht mehr gilt.
Ein flaches, leuchtreklamiges Einkaufshaus verändert die Gegend; wahrscheinlich kann man sagen: verbessert sie, macht sie bequemer, jedenfalls wärmer an Tagen wie diesem Februarmontag, an dem der kalte Wind schneidend um die Ecken fährt. Das Wort “Wärmenetz” kommt mir in diesem Zusammenhang fast innerlich vor. Wärmenetzerweiterung betreibt die Bewag im Erieseering. “Bewag Wärme, reine Wärme”, heißt der Werbeslogan, als gäbe es auch Wärme, die unrein ist, Wärme vielleicht, die anderen gestohlen ist, die nun an unserer statt frieren?
Damit überquere ich die Sewanstraße, früher nach Hans Loch genannt, dem Liberaldemokraten, noch früher nach der Vieh-Trift, jetzt eben nach einem See in Armenien: eine lebhafte Autostraße, hinter deren Fluchtlinie die Plattenbauten aus DDR-Zeiten Unter- und Nebenstraßen bilden. Viele der Hochbauten sind renoviert; Blau ist die vorherrschende Erneuerungsfarbe: die metaphysische Farbe, die oft noch etwas anderes bedeutet als Bunt, zum Beispiel Himmel, allgemeines Darüberhinaus, manche halten sie für kühl und wenig herzlich. Das Grau der Splanemann-Siedlung, die nun an der Südostseite der oberen Sewanstraße beginnt, ist zur Zeit überhaupt keine Farbe. Die Splanemann-Siedlung braucht einen neuen Anstrich. Ich bin dafür, dass sie tautsche Farben erhält; vielleicht die Fassaden sanftes Grün, die Fenster umrandet mit vorsichtigen Strichen aus schmalem Rot und Gelb. Die Ursprungsfarbe war Rotbraun, die Fenster weiß abgesetzt. Einen offiziellen Namen hat diese ums Halbrund der Splanemannstraße geordnete Siedlung nicht; nach dem Antifaschisten Splanemann, der in der Nähe gewohnt hatte, bis seine Mitbürger ihn ermordeten, nannte man sie inoffiziell in DDR-Zeiten; aber die Siedlung ist viel älter; Kriegerheimstraße hieß der Rundweg ursprünglich, 1925 geplant von den Architekten Primke und Goettel vor allem für Kriegsbeschädigte; 1926 bis 1930 in veränderter Form gebaut von Martin Wagner, dem berühmten SPD-Stadtbaurat von Berlin. Nicht der städtebauliche Plan jedoch, nicht die Anordnung der ein- bis dreistöckigen Häuser um den kleingärtnerisch genutzten Innenhof, nicht das Stadtrandarrangement an den Kleingartenkolonien, die sich vom Betriebsbahnhof Rummelsburg heraufziehen: nicht dies ist es, was diese Siedlung in die Bücher und in den allerdings ziemlich scheinbaren Denkmalsschutz bringt. Sondern die Materialien und die Baumethode: “Patent Bron”, eine holländische Erfindung: die erste Plattenbausiedlung in Deutschland. Man sieht die Platten ganz deutlich wie sie die Häuser grob gliedern und ihnen eine Mächtigkeit verleihen, der ihre Eigenheimlichkeit nicht gewachsen ist. Die Aktion war ein Fehlschlag. Martin Wagner hatte sich eingebildet, das industrielle Bauen beschleunige und verbillige den Bauprozess; aber damit war’s nichts. Vorfertigung und Montage inkonsequent, Serien zu klein, Platten zu schwer, der Baukran zu unbeweglich. Seitdem, wird behauptet, hat sich der Plattenbau niemals in Deutschland nachhaltig gelohnt, auch in der DDR nicht, auch nicht unter der Bedingung der Verstaatlichung der Bauindustrie, Martin Wagner hatte von einer genossenschaftlichen Bauindustrie geträumt. Indem ich an diesem in den Abend übergehenden grauen Februarnachmittag durch die Splanemannstraße gehe, kann ich also das Gefühl haben, mich an einem gesellschaftlichen Geburtsort zu befinden; mitten in diesem Verfall war ein Anfang. Bestritten von Anfang an, “Widerstand leisten!” hatte die “Bauwelt” schon 1930 gerufen. Das liegt alles ein Dreivierteljahrhundert zurück. War nun der Stadtbaurat geschichtlich erfolgreich oder dieser “Widerstand”? Wer sich aus der Splanemannstraße umsieht in die nördlichen und südlichen Himmelsrichtungen sieht Plattenbauten, die anfangen, wieder frisch auszusehen, mächtiggewachsene Splanemann-Kinder, könnte man sagen, im großen Stadtbau-Bogen um diese Elternsiedlung herumgelegt, aus der man sie sich herausgewachsen denken kann. Anfangs soll es Auseinandersetzungen zwischen den Splanemann-Bewohnern und der Hans-Loch-Bevölkerung gegeben haben. Wirklich?

Mit niedrigen Garagenbaracken endet die Splanemann-Siedlung am Bahndamm. Wenn man durch die Unterführung hindurch ist, auf dem pfützigen schwarzen Weg durch das Datschen-Areal, ist die Stimmung augenblicklich verändert. Die Ruhe der “Kolonie Hochspannung” fasst die Plattensiedlungen hinten und drüben von weitem zusammen und gibt dem Stadtgebiet rasch eine unvermutete Geschlossenheit. Die Hochspannungsleitung verläuft mächtig über die Gärten dahin und auch noch an der Ilsestraße entlang, nach deren östlicher Seite sich um zwei weite Innenhöfe eine dreistöckige Wohnanlage erstreckt, die wenn sie erst den Schmutz der Zeiten los ist – auch selbstbewusster wirken wird als jetzt. Ich gehe den Trampelpfad über den windigen Hof, erreiche die Marksburgstraße, die sich mit der Lisztstraße und der Sangeallee zu einem kleinen Platz zusammenschließt, hinter dem Karlshorst alsbald den geschlossenen Charakter intimer Bürgerlichkeit annimmt. Diese Stadtgegend, durch die ich nun auf der Hentigstraße passiere, die nach einem königlichen Minister heißt, ergänzt sich sozusagen täglich; hier versammeln sich ganz andere Traditionen als oben, woher ich komme; und die S3, mit der ich von Karlshorst bis zum Savignyplatz nach Hause fahre, scheint mir ein ganz anders gestimmtes Verkehrsmittel als die viel jüngere U5 von vorhin. Aber das geht anderen anders. Die Objektivität der Stadt ist ein Kaleidoskop von Subjektivismen.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




East Side Gallery gerettet!

In den vergangenen Wochen gab es viel Aufregung über den geplanten Teilabriss der East Side Gallery, um dort die Zufahrt für ein geplantes Luxus-Wohnhaus “Living Levels” anzulegen. Tausende und David Hasselhoff demonstrierten dagegen, so dass der Senat nach einer Möglichkeit suchte, das Denkmal zu retten. Dies ist nun gelungen: Dem Investor Maik Uwe Hinkel wurde ein gleichwertiges Grundstück in Mitte zur Verfügung gestellt, auf dem er nun sein Haus bauen kann. Und er hat bereits zugestimmt.

Das Ausweichgrundstück liegt direkt am Schnittpunkt der Alt-Bezirke Mitte und Tiergarten, auf dem Platz des 18. März, westlich des Brandenburger Tors. “Hier haben die künftigen Bewohner zwar keinen Blick auf das Wasser, dafür aber sind sie direkt am Park”, freut sich Hinkel.

Doch ganz problemlos ist auch diese exponierte Lage nicht zu haben. Das Brandenburger Tor befindet sich unmittelbar vor dem Baugrundstück, allerdings sieht Bezirksbürgermeister Christian Hanke darin kein Problem: “Derzeit wird geprüft, ob eine Verlegung des Tores auf die gegenüberliegende Seite des Pariser Platzes möglich ist. Dies hätte auch den Vorteil, dass der Platz durch die neue Tor-Situation zu Unter den Linden aufgewertet würde.”

Von Seiten des Senats gibt es offenbar keine Bedenken gegen die Verschiebung des weltbekannten Wahrzeichens. Im Gegenteil: Stadtentwicklungssenator Michael Müller regte sogar an, auch das Tacheles zum Pariser Platz zu verlegen, damit dort, so Müller, die ganze Bandbreite der Berliner Kultur repräsentiert werden kann.




März im September

Von Kreuzberg durch Friedrichshain, nach Kreuzberg zurück. Am Platz der Vereinten Nationen steige ich aus. Der Tag hatte mit Lampenfieber begonnen. 25 Jahre bin ich jetzt Hochschullehrer. Ganze Generationen von Justizfunktionären habe ich belehrt. Kurz vor dem Ende jetzt wache ich an Lehrveranstaltungstagen vorzeitig auf, weil mich im Traum einer fragt: Warum sagst du den Studenten nicht die Wahrheit? Ich will meine Melancholie ausatmen. Ich sitze neben den rastenden Arbeitern auf einer Bank am Nordende des Platzes; beinahe ein kleiner botanischer Garten; die Bäume sind numeriert und beschriftet, am besten gefällt mir heute Nummer 13, Schwarzahorn, Faassens Black, USA. Die Steine des Brunnens symbolisieren die Erdteile, “Australian Black” ist so viele Kilo schwer wie Sydney Kilometer weit. Am Infocenter der tüchtigen WBF vorbei gehe ich in den Friedrichshain, den namensgebenden Park.

Um diesen Park richtig mitzukriegen, muss man ihn am Haupteingang betreten. Damit man in Kontakt kommt zum Geist des Hains. Geist des Hains? Gibt es solche Geister? Na klar! Dieser Park ist vollgepumpt mit Absicht. Überall lauert Bedeutung. Während ich links rum auf dem Parkweg zum Parkeingang am Märchenbrunnen bin, versuche ich die Verben zu bedenken: Vollgepumpt, lauern. Lauern assoziiert Überfall. Städteplanerisch kann der Haupteingang ja schöner nicht sein, spitzwinklig zwischen den Straßen, am Königstor; aber was dann mit neun Arkaden kommt: der Märchenbrunnen vom Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, der überhaupt gerne architektonisch prunkte, – eine Art Überfall ist das schon.
Es war der Vortag des ersten Weltkriegs, als diese Figuren und Wasser hier installiert wurden; Kunst aus Barock-Imitat mit Märcheninhalt zur Beglückung derer, die schon auf dem Weg zur Schlachtbank waren, ehe sie es noch glauben wollten. Und jubelten. Ihre große Arbeiterpartei, die weltgrößte ihresgleichen, sagte ja zu Mord und Totschlag. In gutem Zustand ist die Anlage, die anfangs noch prächtiger war, nicht, das Wasser schäumt weißen Schmutz, die Märchenfiguren verwittern.
Zwei junge Männer küssen sich hinter einer Brunnenschale und fassen sich ein bisschen an. Ein Handwerker steht Bretter schneidend in einem Erdloch, als ob er nur halb wäre. Eine junge Frau im engen Busenschwenker joggt vorüber. Ein Elfjähriger ruft schriftlich Hilfe, seine Yorkshire-Hündin ist weggelaufen, “ruft mein Papa auf Arbeit an”; mich rühren die Hilferufe verlassener Tierbesitzer immer sehr. Aber wovor laufen die Hunde und Katzen weg? Vor der Liebe? Freiheit statt Liebe?
Der stehende Brunnen am Asphaltplatz neben dem großen Teich hat rotes Wasser. Absicht? Auf einer der mittleren Stelen steht die Liebeserklärung von Janine für Leonardo. Dafür musste sie durchs Wasser gehen. Auf eine Insel für die Liebe.

Schnellen Schritts bin ich jetzt auf dem Weg zum Friedhof der Märzgefallenen. Wie konnte der Volksmund, denke ich, diejenigen, die im März 1933 schnell in die Nazipartei eintraten, um auf der Seite der Sieger zu sein, “Märzgefallene” nennen? Das hieß, dass man von den Märzgefallenen von 1848 keine Vorstellung mehr hatte. Während Lenné diesen Park realisierte, war Revolution oder Revolutionsstimmung um ihn. Die erste Parkerweiterung war dieser Friedhof der Revolution: für ein “Staatsbegräbnis von unten”. Es ist hauptsächlich eine Wiese. Sie ist gerade frisch geschnitten. Es riecht nach hingerichtetem Gras, der Geruch einer täuschenden Frische. Vorne links das dicke Granitrot mit Liebknecht- und Ulbricht-Zitat, das Staatsarrangement, das einen Zusammenhang zwischen den Toten von 1848 und denen von 1918 herzustellen versucht. In der Mitte der Wiese ein mit schwarzer Schrift glänzender Denkmalsstein. Auch die Grabsteine am Rande jubiläumserneuert: der Staat gibt sich alle Mühe, die Revolution als eine herrenlose Sache zu behandeln, an der derjenige Eigentümer wird, der sie sich zueignet. Geschichte ist vor allem Propaganda-Stoff.
Wo man diese Stätte der undeutlichen Bedeutung verlässt, hat der Amtsleiter Vogt eine rot-weiße Banderole gespannt und angeschrieben: “Zur Zeit ist der Zugang zum Friedhof der Märzgefallenen leider nicht möglich.” Auf der Bank vor diesem versperrten Ausgang, der ein versperrter Eingang sein will, steht, gestern angeschrieben: “Für die wirklich Sensiblen und Nachdenklichen: Schwulsein ist oft echt beschissen.” Manchmal klappt die Liebe, manchmal klappt sie nicht. Die Liebe ist anarchisch und revolutionär. Manchmal klappt die Revolution, manchmal nicht. Dem Staat – man sieht es – gefallen vor allem die erfolglosen Revolutionen.

Die Strausberger Straße, die ich nun U-Bahn-wärts gehe, wollen Geistesaktivisten des Fried-Gymnasiums hier um die Ecke nach Zinna benennen, dem 18-jährigen Märzgefallenen. Ich schlage vor, die Straße “Altekopf-bis-Zinna-Straße” zu nennen, nach dem ersten Märzgefallenen im Alphabet und dem letzten. Für das Fried-Gymnasium habe ich eine Sympathie, die grundlos ist, weil ich die Schule eigentlich gar nicht kenne. Die Schulleiterin heißt Antal. “Antal in den Fleischwolf” steht nebenan angesprayt. Kinder, wisst ihr nicht, dass Wörter Bedeutungen haben? Professor Luft, die in einer doch gewiss ungerechten Republik – wenn es überhaupt eine Republik war – die Jugend gelehrt hat, fordert auf ihrem Wahl-Plakat: eine gerechte Republik. Ich lese das auch als eine Art Entschuldigung. Jeder, der lehrt, verlehrt sich bisweilen. Das weiß ich aus Erfahrung.
Im Untergrund sause ich mit U5 und U2 bis zum Potsdamer Platz, wo sich die Bagger in die Geschichte hineinfressen, ohne sie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Marshall, Bersarin

Unter unseren Füßen, vor unseren Augen verändert sich die Stadt. Wir wissen gar nicht mehr, wie sie zuvor war, als ob wir unser eigenes Leben vergessen hätten. Wir vergessen ja unser eigenes Leben. Die Lust auf Gegenwart ist auf existentielle Weise stärker als die Lust auf Vergangenheit, die demgegenüber gar keine Lust, sondern nur ein Interesse, ein intellektuelles Hobby scheint.
Mein heutiger Stadtgang hat in meinem Büro am Tempelhofer Ufer begonnen: Ich gehe ein Stück den Landwehrkanal westwärts, am Nordufer entlang; kleine Birken, Linden, Platanen, Buchen, Weiden, roter Hartriegel, Berberitze trennen den Spazierweg von der Autostraße, die – maritimer als es die Wirklichkeit rechtfertigt – Hallesches Ufer heißt.

Mein erstes Ziel ist das Lapidarium. Es liegt dem grün umzäunten Mendelssohn-Park gegenüber. Als ich nach Berlin kam vom Meer, war da statt des Parks ein Hafen, der heute nur noch in der Literatur existiert: in Theodor Fontanes Cécile zum Beispiel; der kaltblütige Oberst von St. Arnaud lebte dort mit seiner schönen Frau, dem früheren Fürstenliebchen, das die Duodez-Welfen vom Onkel auf den Neffen vererbt hatten; das führte erst in die Luxusvilla am Hafenplatz, dann in den Tod. Ich versuche mir vorzustellen, wie der Hafen ausgesehen hat, den ich noch selbst gesehen habe; er gehört zu meinen frühen Berliner Eindrücken. Nichts mehr weiß ich davon.
Die Melancholie der Vergessenheit kommt auf. Ich gehe durchs offenstehende Tor ins Lapidarium; Haus der Steine; Eintritt drei Mark; zwei Kustodinnen, ein Wächter und ich. Die Steine sind Menschenbilder aus Stein, draußen auch mythologische Tiere, mit einem halben Reichsadler fängt es an. Mehrheitlich sind die Steine aus der sogenannten Siegesallee, die die Geschichte aus dem Tiergarten gestrichen hat. Der schönste der Steine ist als Kaiserin Auguste Viktoria benannt, der breitkrempige, steinerne Blumenhut ist noch ganz gut erhalten, aber das Gesicht ist von der Zeit weggefressen; die Frau war auch zu Lebzeiten ziemlich gesichtslos.

Eigentlich ist das Steinhaus ein Haus für die Wasserklosetts: Das Pumpwerk 111 war ein Sieg. 1873 bis 76 gebaut vom großen James Ludolf Hobrecht verhäuslicht es den Sieg der Pumpkanalisation über das Abfuhrsystem. Das waren im stinkenden Berlin des 19. Jahrhunderts zwei Denkschulen, zwei “Philosophien” würde man heute sagen. Ich versuche die Gefühle nachzuempfinden, mit denen James Hobrecht, der große Entstinker Berlins, dieses Pumpwerk gebaut hat, nachdem er endlich seine Vorstellungen über großstädtische Entwässerung durchgesetzt hatte. Das war in den 1870er Jahren. Deutschland meinte, Europa besiegt zu haben.

In der Siegesallee stand der jetzt im Lapidarium nasenlos der Lächerlichkeit preisgegebene Wilhelm I. so steinem da, dass die Leute im Sinne Hegels denken sollten: Es ist erreicht. Deutschland ist die Welt! Nichts da! Deutschland ist kein Ziel.
“Es gibt kein höheres Ziel als die Schaffung dauerhaften Friedens und die Wahrung echter Freiheit für den Einzelnen.”
Die erhabenen Buchstaben aus dem erhabenen Text zu brechen, das ist schnell ein Ziel der Souvenierjäger geworden. “Peace” und “freedom” sind schon weg. Vom Lapidarium auf die Marshall-Brücke sind es nur wenige Minuten. Das ist die jüngste Brücke Berlins. Ganz in der Nähe gab es früher eine Brücke, die nach der gesichtslosen Königin-Kaiserin hieß.

Noch ist die Marshall-Brücke hauptsächlich Parkplatz; ein ruhiger Ort über dem Wasser inmitten eines unruhigen Quartiers dicker Erneuerung; vom Gewesenen sieht man hinten noch das Stüler-Kirchlein mit grünem Turm, auf der anderen Seite Hobrechts eleganten, achteckigen Pumpwerksschlot vor dem Stahlglas der Postbank, südlich Hyatt unter dem roten Bogen, Volksbank, debis; der Wind spielt in den Sonnenjalousien des sahara-sand-braunen Hochhauses wie in glattem Wasser, hinter dem Grün nördlich liegt die Straße Am Karlsbad; in Nummer 13 hatte Hobrecht sein Büro, in der Villa des Staatsbildhauers Begas, von dem nun Steine hinten stehen im stillstehenden Abwässerpumpwerk.
Am Karlsbad zeichnete Hobrecht den berühmten Bebauungsplan von 1862, der ihm so viele Vorwürfe eingetragen hat und deswegen auch so großen Ruhm. Vorwürfe wie Ruhm sind übertrieben. In seinem klassischen Buch über das Berliner Mietshaus hat mein Halbjahrhundertfreund Johann Geist das (zusammen mit seinem tüchtigen Kollegen Klaus Kürvers) dargelegt. Die Sagen werden trotzdem noch ein bisschen weitererzählt in gewissen Kreisen. Lange dauert es nicht mehr, dann weiß man von Hobrecht gar nichts mehr, weder den Ruhm, noch die Vorwürfe, noch, dass beides falsch war.
Die Straßen, die hier am Landwehrkanal entlangführen, hat Hobrecht schon von Lenné übernommen, dem Gartenbaumeister, der Preußen eine grüne Leichtigkeit verlieh, der dieser Staat nicht gewachsen war.

Der Bebauungsplan Hobrechts führte natürlich über die Spree hinüber, wo am Oberbaum die Prachtbrücke noch fehlte, aber aus dem Karlsbad Nummer 13 schon bedacht wurde. Auf Hobrechts Plan hebt sich der Boulevard jenseits der Spree über die Plätze N und M auf den Barnim hinauf, um die Stadt, die damals dort noch gar nicht da war, zu umrunden. Jetzt stehe ich deshalb – mit Hochbahn U1 und Tram 20 gekommen, nach Fußweg von der Marshall- zur Möckernbrücke auf diesem Platz N. Es ist ein Straßenstern, sechs Straßen gehen von ihm ab, führen auf ihn zu. Bersarin platz. Bersarin hätte auch Marschall sein können. Vorerst war er Generaloberst der – wie’s am Bezirksaint angeschrieben steht – ruhmreichen Sowjetarmee. An die Marshall-Brücke hätte man über George Marshall, den namensgebenden Friedensnobelpreisträger, auch schreiben können: “Generalstabschef der ruhmreichen U.S. Army”. Diese Adjektivzuweisung ist aber nicht üblich. “Ruhmreich” ist östlich.
Stalin hat getobt, sagt Manfred Jagusch, der Fotograf. Das Motorrad, mit dem Bersarin umgekommen ist, war keine Harley-Davidson, wie die Sage geht, sondern eine “gute alte deutsche Zündapp”. Am Petersburger Platz, Platz N des Hobrechtplans, sitze ich draußen vor dem Petersburger Café. Der Radiomoderator spekuliert über Clinton, der heute aussagt, ob er mit Monica Lewinsky … na, was denn? Die alten Frauen am Nachbartisch hören das: “Sollte Clinton …”
“Die Arbeitslosigkeit, dass die wegkommt, is wohl wichtiger, als ob sie den am Schwanz gelutscht hat.”
“Es sei denn, er hat gelogen.”
“Ach, was. Wenn die Arbeitslosigkeit wegkommt, dann meinetwegen ooch mit Lüge.”
Clinton ist auch unser Präsident, er ist auch am Petersburger Platz zuständig; die Welt ist eine Welt. Vor dem Petersburger Café steht eine kleine Palme. Noch 500 Tage bis zum nächsten Jahrtausend, sagt der Radiomann.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Fallende Grenzen

Wenn aus Kreuzberg und Friedrichshain ein einziger Bezirk wird – vielleicht heißt er Oberbaum -, dann bedeutet das, dass eine Grenze wegfällt. Eine politische Trennlinie wird gestrichen. Linie sagt man. Weil man sich Karten vorstellt. Aber in der sinnlichen Wirklichkeit gibt es keine solchen Linien. Wenn man sich in dieser Wirklichkeit vornimmt nachzusehen, wo diese “Linie” entfällt, was erwartet man dann zu sehen? Mal sehen. Was man schon gesehen zu haben meint, vergleichen mit dem, was man sieht, wenn man langsam dahingeht: langsam entlang am Entfallenden, durch die Gegenwart die Vergangenheit betrachtend, und sich – selbst ein Entfallender – die Zukunft vorstellt.

Mit der U1 bis Görlitzer Bahnhof, über den Lausitzer Platz, erstmal ins Café Liebermann. Gestern haben wir uns noch so heftig Sommer gewünscht, dass wir heute nicht über Sommerhitze klagen dürften. Alle Bänke um die Emmauskirche, lehnenlos, sind besetzt, belegt und belegen, im Schatten, Penner (sagt man) mit und ohne Hunde, viele Hunde. Ein Park ist das nicht. Eine Wiese mit vielen Trampelpfaden. Eine gemächliche Stimmung. Hier hat es niemand eilig. An der Bar hinter mir schimpfen zwei Männer. Die Staatstheater schmeißen das Geld raus, damit sie im nächsten Jahr dieselbe Bewilligung kriegen. Kostüme für die Chorsänger aus Stoffen extra aus Florenz, 3000 Mark das Stück, die liefen rum wie Herzöge, die Penner. Ganz richtig, denke ich, die Unterhaltung für die “besseren Kreise” lässt sich der Staat viel zu viel Geld kosten, “Kunst” – das ist ein undemokratischer Trick. Je länger ich da zuhöre – ich kann mir doch die Ohren nicht verstopfen -, umso feuriger wird die Stimmung, jetzt habe ich den Eindruck: Es brodelt.
Es brodelte hier oft. Man weiß manches über die Gegend. KP-Bezirk Südost. Erwin Beck, der alte Sozi, erzählte manches, später. Eisenbahnstraße Nr. 5 hatte Wilhelm Leuschner, der Gewerkschaftsführer, seine Firma für Apparatebau und Leichtmetallveredelung, aus der er gegen die Nazis konspirierte. Gefallen unterm Fallbeil, vielmehr: aufgehängt, am 24.9.1944. Seine letzte Botschaft lautete: Schafft die Einheit. Welche Einheit meinte er? Der Arbeiterklasse? KPD – SPD? Die NSDAP war genauso Arbeiterklasse.

Vorhin hat mich eine Leserin angerufen, sagte: Alle die alten KP- und SPD-Bezirke, das sind jetzt Türken-Bezirke. Entschuldigen Sie, alles, was Recht ist. Die Geschichten schieben sich in- und übereinander, der rote Faden unsichtbar, von der Rolle gefallen, entfallen, rot fällt weg, wird gestrichen.
Die Kirche ist rot. Alle diese Kirchen des preußischen Staatskirchen-Fundamentalismus sind rot, backsteinrot, beruhigungsrot. Die Kirche auf dem Lausitzer Platz heißt Emmauskirche. Zwei Jünger waren – man sagt uns nicht: warum – auf dem Weg nach Emmaus bei Jerusalem, heißt: warme Quelle.
Plötzlich kam ein Dritter dazu, es war der auf Erden noch nicht ganz entfallene Jesus, drei Tage nach seinem Tode. In der Story kommt nun bald das schöne Wort, ich höre es gerne, es hat so was KindlichZutrauliches: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden. Später aßen sie gebratenen Fisch und Honigseim. Lukas, Kapitel 24, am Ende. Viele interessieren sich hier für solche Geschichten wohl nicht mehr. Die Emmauskirche war mal die größte Kirche von ganz Berlin, 2600 Sitzplätze, mehr als der Dom.
Der Baumeister war wirklich ein Meister, Superklasse. August Orth. Er hat zur gleichen Zeit mehrere Kirchen dieser Art gebaut, u.a. Gethsemane und Himmelfahrt, aber auch Bahnhöfe: der Görlitzer Bahnhof, der ehedem da stand, wo jetzt der Görlitzer Park ist: auch von August Orth, und die Idee zur Stadtbahn, gebaut 1875 bis 1882, gerade wieder erneuert: auch. Damit sind wir bei der Eisenbahn.

Die Eisenbahnstraße, durch die ich jetzt gehe, heißt nach der “Verbindungsbahn”, dem “Verbinder”, der von 1850 bis 1871, bis zur Ringbahn, die Berliner Bahnhöfe miteinander verband. Aus militärischen Gründen. Um die Truppen schnell hin und her zu bewegen.
Die preußischen Generäle haben rasch erkannt, was sie an der Eisenbahn hatten. Zivilverkehr war nachrangig. Bis 1905 wurde noch Kohle eisenbahnmäßig durch die Eisenbahnstraße befördert, vom Schlesischen Bahnhof zu den Gaswerken in der Gitschiner Straße.

Denn natürlich fuhr die Eisenbahn durch die Eisenbahnstraße über das Wasser. Die Mauer, die die Brommystraße zur Sackgasse macht, ärgert mich. Ich stehe nebenan, ein Stückchen auf dem Grundstück von Zapf, Zapf-Umzüge. Von hier aus kann ich über die Spree sehen. Da sehe ich noch einen Rest vom Brückenpfeiler der entfallenen Brommybrücke. Dort sonnen sich jetzt die Schwäne und Enten. Und drüben geht die Straße nicht weiter, wie es manche Karten noch melden.
Dort drüben: Mauerreste und Sandberge. Die Grenze zwischen Kreuzberg und Friedrichshain ist immer noch von abweisender Dichte. Hinter der Schillingbrücke gibt es einen kleinen Trampelpfand am Kai entlang. Da kann das Volk sich durchschlängeln. Dann kommt die East-Side-Gallery. Ganz schöne Bilder. Aber ich kann mir nicht helfen: die ganze Mauer muss weg, Kunst hin, Kunst her. Hier zwischen Kreuzberg und Friedrichshain war die Spree früher wie ein Platz zwischen den Gewerbebetrieben beidseits, es gab kein hüben und drüben, das Wasser verband, heute trennt es, noch immer.

Ich gehe in praller Sonne die quälende Mühlenstraße entlang, der Rummelsburger Platz kaum noch Platz, eine kleine Birke gibt mir ein bisschen Schatten, dass ich die Stelle suchen kann, wo die Brommybrücke, die nach dem 48er Freiheitsadmiral Bromme hieß, herüberkam und die Eisenbahn mit dem schönen Namen “Verbinder”, zusammenbinden, was zusammengehört, und die Wunden versorgen, verbinden konnte, die die Zeit geschlagen hat.
Die Grenze, die entfallen wird, wie ich hoffe: nicht nur als politische Linie, also die Grenze zwischen dem heutigen Kreuzberg und dem heutigen Friedrichshain verläuft noch bis zur Lohmühleninsel, gegenüber der Modersohn- oder der Danneckerstraße, immer am Ufer der Spree entlang, durch den Garten des Stadtrats Cuvry, durch den Garten der Treibels (können wir sagen im Fontanejahr). Ecke Brommy-/Köpenicker Straße im königlichen Train-Depot wohnte, lese ich im Adressbuch von 1852, ein Hauptmann Fontane. Theodor Fontanes Sohn war zwar auch Hauptmann, aber der kanns nicht gewesen sein. Als der gefallen war, einfach gestorben am Blinddarm, und der Vater anfing, ans eigene Entfallen zu denken, hatte er “Unwiederbringlich” schon hinter sich, aber “Jenny Treibel” und die Köpenicker Straße noch vor sich. Dort um die Ecke, am Schlesischen Tor, sitze ich jetzt im “Kloster”, trinke Milchkaffee und Wasser, es ist mir eingefallen, die Schuhe auszuziehen und die Beine hochzulegen. Das fällt hier nicht auf. Im glasenden Sommermittag entfällt für ein schwaches halbes Stündchen die Grenze zwischen Tag und Traum.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Oberbaum, Brücke

Schlesisches Tor, sagt die Computerstinme mit absinkender Betonung, “Ausstieg rechts”, als ob sie erst hätte nachfragen müssen. Aber ich steige nicht aus. Die Zeit ist vorbei, in der die älteste Berliner Untergrund-Hoch-Bahn hier endete. Die Mauerkiezigkeit ist vergessen. Dass es das jemals gegeben hat, dass Berlin sich das hat gefallen lassen! Ach, manchmal hat es gar nicht mehr Berlin sein wollen; sondern Ost und West und hat sich über die Stellung der Bindestriche gestritten. Der Bogen, auf dem die U-Bahn nun aber wieder durch die Oberbaumstraße übers Wasser der Spree, des Berliner Lebensflusses, auf ihren jetzigen Endbahnhof an der Warschauer Brücke hinschwingt … man liest es hier: beschwingt sogar die Sprache, die ihn beschreiben will. Dieses U-Bahnstück ist eine Sehens- und Empfindungswürdigkeit.

Im Augenblick, in dem die Bahn ihre bisherige West-Ost- in eine Süd-Nord-Richtung wechselt, erreicht sie die Brücke, die auch in diesem Moment der Nähe noch aussieht wie aus dem Spielzeugkasten. Aber aus dem Spielzeugkasten der Kunstgeschichte ist nur das Backsteingewand; mit den Türmchen, Spitzbögen, Kreuzgewölben, Zinnen zitiert die Marienkirche und Mitteltorturm aus Prenzlau und Ueglinger Tor aus Stendal. Wer weiß warum. Es wird schon Leute geben, die das genau wissen. Ich will mir mal einbilden, dass die Mutter des Brückenbaumeisters – er hieß Otto Stahn – aus Prenzlau und sein Vater aus Stendal stammte; er wollte seinen Eltern eine Freude machen, weil er sie liebte, wie ich die meinen auch. Aber unter dem Backstein ist Eisen; der Hochbahnviadukt ist ein metallenes Stück technischen Fortschritts, der heute allerdings auch schon mehr als hundert ist. Diesmal, gerade gestern als ich sie benutzte, um diesen Text zu erwandern, tat mir die U-Bahn den planwidrigen Gefallen, mitten auf der Brücke, genau über dem Wasser, anzuhalten, stehen zu bleiben; vor dem östlichen Fenster, vor dem ich saß und nach Westen guckte aufs rote Rathaus hinten, stand das nördliche Türmchen; ich hätte das Rotbraun der Steine schnell auswendig lernen können. Dann kam der Gegenzug und zog den dicken gelben Strich über das blaue Wasser, der gleich rechts auf dem Transparent vor der Fabrikfassade in ein Logo verwandelt ist, in dem “Oberbaum-City” ein dicker roter Fleck ist, wie von Mirö. “Modern seit 1909”. 1909 bauten die Architekten Kampffmeyer und Walther (aber das sind nur noch Namen aus Büchern) die Fabrikgebäude gleich östlich der Bahntrasse für die “Deutsche Gasglühlicht AG”, die aus Osmium und Wolfram die Osramlampe erfunden hatte, die hell war wie sie selbst und die Kassen klingen ließ.

Die Bahntrasse und der Bahnhof sind von Siemens & Halske und Wittig, “modern seit 1902” könnten sie anschreiben, aber die Bahn und der Bahnhof müssen nicht mit Zahlen für sich werben. Der Bahnhof hat einfach was.
Wenn die U-Bahn hält und die Menschen aus der U1 (oder 15) alle nach einer Richtung energisch aussteigen und über die Warschauer Brücke zielgerichtet den 200-Meter-Weg zur S-Bahn antreten, die eine Etage unter der Straße verläuft wie die Untergrundbahn eine Etage drüber, wenn man jetzt den glücklichen Umstand ausnutzt, dass man ein bisschen Zeit hat, zurückbleiben kann auf dem sich schnell menschenleerenden Bahnsteig, dann muss man sich in Acht nehmen, dass man nicht vor plötzlicher Großstadt-Begeisterung “0h” ruft neben der U. Da würde der Zugabfertiger im stilgerechten Diensthäuschen dreimal mit der flachen Hand an seinem Gesicht vorbeiwinken und “ballaballa” sagen … würde er nicht, das ist ein Großstädter, der sieht vieles, auch zu dem Penner sagt er nichts, der nach dem Pegelstand der Vermouthflasche zu urteilen, die neben ihm steht, schon länger auf dem Drahtgitter-Sesselchen zwischen den Glaswänden sitzt und nachliest, wie Deutschland gespielt hat in Frankreich in der Zeitung, die er aus dem Abfallcontainerchen gefischt hat: Ballaballa. Da setze ich mich jetzt auch, studiere die westliche und östliche Großstadt-Aussicht; die Sonne glitzert auf den Jalousien der WBF, der tüchtigen Wohnungsbau-Gesellschaft Friedrichshain, die in ihrem Firmenlogo unten am Eingang Warschauer Straße das F auf ein grünblaues Quadrat schreibt, welches abstürzt oder abhebt und aufsteigt. Das Schräge ist das Gerade?

Das Leere das Erfüllte: Nebenan, in der Ehrenbergstraße, durch die der Südwind den Staub bläst, den Hochtief aus den Steinen schlägt, versuche ich mir den Anblick einzuprägen, den es bald nicht mehr zu erblicken gibt: die 89jährige Klassizität des Gasglühlicht-Gebäudes Nummer III, zur Zeit nur noch Fassade und ein paar tragende Wände, dazwischen Nichts, das übers Jahr – hoffe ich doch – voller postmodernem Leben sein wird.
Durch die Rotherstraße zum Warschauer Platz, den die U-Bahnbögen westlich und östlich mit zwei Fassaden bilden, die in Büchern stehen; über die Ludwig-Hoffmann-Fassade von 1914 hängen die bunten Fahnen, mit denen hier in der ehemaligen Höheren Webeschule die FHTW behauptet: Hochschulen bilden Berlin.
Ganz langsam wandere ich dann – vorbei am braunweiß gefleckten Eierkühlhaus – über die Oberbaumbrücke durch den Gewölbegang, der so kirchlich tut, bis er sich in der Brückenmitte weit öffnet und einen Blick freigibt über das Wasser, bei dem man verweilen muss, ans Gitter gelehnt, welches nervös, aber jederzeit vertraulich zittert, wenn die U-Bahn über den Betrachter donnert.

Von unten sind die Brücken-Türmchen Türme, und als ich vor dem Mosaik stehe über der Tür, das den Namen der Brücke weiß-schwarz nennt und zwei Drachen zeigt, links und rechts neben einer stilisierten Rose, als ob sie sich gerade verlobt hätten, denke ich: Da müsste man wohnen, auf der Brücke, über dem Wasser, dicht neben der Bahn. Das erste Haus in Kreuzberg, gleich links hinter der Brücke, steht zum Verkauf.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Bezirksberge

Ich stehe immer noch auf der Admiralbrücke. Oberbaum, schrieben uns viele Leserinnen und Leser:
Oberbaum soll der neue Bezirk aus Friedrichshain und Kreuzberg heißen.
An der Admiralbrücke liegt nicht die Mitte von Oberbaum im Wasser des Landwehrkanals, am Urbanhafen. Ich war von der südlichsten Stelle Oberbaums gekommen, sie liegt am Columbiadamm, wo eine deutsche Folterstätte gestanden hat, ein wildes KZ. Ein rostiges Eisenmal an der Ecke Columbiadamm/Golßener Straße erinnert daran und wird leicht übersehen.
Mit den Denkmälern ist das überall in Deutschland so eine Sache. Die Geschichte vergeht schneller als die Steine zerbrechen und das Eisen verrostet. Ich will den Neubezirk – nennen wir ihn also Oberbaum – von seinem äußersten Süden bis zu seinem höchsten Norden durchwandern.
Vom Columbiadamm, von der rostigen Geschichtserinnerung neben der Polizeikaserne, bin ich im Rücken des mächtigen Kartell- und Zollamtsgebäudes, das die Architekten des Nazireichs um den Flughafen Tempelhof spätklassizistisch errichtet haben und an dessen Fassaden man noch Reste der Weltmacht-Träume ausmachen könnte, wenn man nicht alles vergessen hätte, durch die Schwiebusser Straße hinüber passiert auf den Kreuzberg.

Habe mich an das Denkmal gelehnt, das der Staatsarchitekt Schinkel für die Ideologie eines anderen deutschen Staats dort oben errichtet hat; es liegt hinter dem Grau der Renovierungsplanen; Kreuzberg, das Eiserne Kreuz, Auszeichnung fürs Umbringen von Menschen, Befreiungskriege, die die meisten Hiesigen von der Freiheit befreiten; einige von denen, die später gegen diesen Befreiungstrug aufstanden, ruhen drüben am Friedrichshain, in der anderen Himmelsrichtung des Bezirks. Ich will jetzt noch hinüberwandern, vom Kreuzberg zum Friedhof der Märzgefallenen, von 1815 nach 1848 – die Leute, die hier wohnten und wohnen, waren jedesmal die Dummen.
“Genau am letzten Tag des Krieges ist unser Haus in der Möckernstraße zerstört worden”, sagt die 94-jährige; ihre Enkelin aus Südafrika schiebt sie im Rollstuhl durch den Viktoriapark. Die Möckernstraße heißt auch nach einer Schlacht, einem Ort, an dem die Fürsten das Volk geschlachtet haben. Was heißt da “Befreiungskrieg”?
So viele Orte gibt es in Berlin, an denen an “Helden” gedacht wird. Helden – das sind Tote; Menschen, die gestorben sind für Ziele, die nicht die ihren waren.
Die beiden Kirchen am Ende der Bergmannstraße, eine evangelische, eine katholische, nannten sich Garnisonskirchen, Soldatenkirchen, Gott war auf Seite der Generäle; ist er jetzt übergetreten auf unsere Seite? fragte ich mich, als ich in der Sommersonne im Café “Wunderbar” saß am Südstern und dann hinüberwanderte, das Urbankrankenhaus zur Linken, immer durch Kreuzberg, zum Landwehrkanal.

Auf der Admiralbrücke blieb ich eine Weile am Geländer lehnen. “Das ist eine der schönsten Stellen der Stadt”, habe ich in einem Kreuzberg-Spaziergang geschrieben, “Von Pol zu Pol” hieß dieser Text, weil ich damals schon hatte weiterwandern wollen, über die Schillingbrücke, unter der vielleicht die Mitte von Oberbaum im Wasser liegt, hinüber nach Friedrichshain bis in den Friedrichshain, hinauf auf den anderen namhaften Bezirksberg.
Der Neubezirk Oberbaum wird Berlins Berg-Bezirk sein. Im Süden der Kreuzberg, von dem ich jetzt herkomme, im Norden der kleine und der größere Mont Klamott, die Bunker- und Trümmerberge, im Park des Volkes.
Im Classic-Café am Strausberger Platz mache ich Halt. Manche Gäste kenne ich schon. Manche DDR-Erinnerung sitzt hier. Hat es die DDR überhaupt gegeben?

Oberbaum wird der einzige Neubezirk sein, fällt mir jetzt auf, der – wie unsere Stadt Berlin überhaupt zusammengesetzt ist aus Ost und West. Vielleicht ist es deswegen auch der einzige Neubezirk, für den sich so schnell ein neuer Name findet: Oberbaum, nach einer Brücke, nicht nach dem Baum, der auf dem Wasser die Stadt begrenzte.
Während ich durch die Strausberger Straße auf den Friedrichshain zugehe, hoffe ich, daß die Schüler des Fried-Gymnasiums Erfolg haben werden mit ihrem Umbenennungsvorschlag: Zinnastraße statt Strausberger Straße.
Mein Vater war der Sohn eines Glasermeisters. 1915 lag er in einem Schützengraben in Frankreich, 17 Jahre alt, in den Pausen las er in dem Buch “Der Vorkampf”, auf Seite 165 steht die Geschichte von Ernst Zinna; die Geschichte seines Todes; an der Barrikade in der Jägerstraße erschossen ihn 1848, am 18. März, preußische Soldaten, die arme Leute waren wie er; da war Ernst Zinna 17 Jahre alt, so alt wie mein Vater, der, seine Geschichte lesend, nur ein Wort in dem Buch unterstrich, das ich jetzt in der Hand habe: “Schlosserlehrling”.
Nach Generälen und Fürsten heißen so viele Straßen in Berlin, in Kreuzberg haben manche Generäle sogar zwei Straßen nach zwei Namen, hier könnten wir durch die Straße eines Schlosserlehrlings gehen zu dem Platz, an dem er begraben ist, im Friedrichshain. Genützt hat es nichts. Die Menschen gewöhnen es sich nicht ab, sich gegenseitig tot zu schießen.
Das Volk stellt die Gefallenen, habe ich in meinem letzten Spaziergangstext für Friedrichshain geschrieben. Zum Beispiel die Hiesigen, die Märzgefallenen. Niemand erinnert sich wirklich an sie. Vielleicht stimmt das nicht. Das Fried-Gymnasium, das überhaupt seinem Namesgeber Ehre zu machen scheint, steht auf der Seite des Lehrlings.

Mit versöhnlichen Gedanken durchquere ich also über die Berge den Friedrichshain und erreiche über die Margarete-Sommer-Straße, die nach einer aufrechten Lehrerin heißt, den nördlichsten Punkt von Oberbaum. Das wird ein schöner Bezirk, denke ich, er vereinigt vieles, was zusammengehört. Wenn man es zusammengehörig macht.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Bezirksdurchquerung

Beten ist Audienz beim Höchsten. Mit diesem Satz fängt meine heutige Stadtwanderung an. Vor der Adventskirche. Die Kirche gehört zum Prenzlauer Berg; aber gleich gegenüber fängt Friedrichshain an; gegenüber an der Ecke Margarete-Sommer-/ Danziger Straße, liegt der nördlichste Punkt des Neubezirks Friedrichshain-Kreuzberg, der vielleicht demnächst oder irgendwann oder auch gar nicht “Berlin, 2. Bezirk” heißen wird, dann ist der König Friedrich und das Militärkreuz weg aus den Berliner Stadtbezeichnungen. Ich will den Neubezirk, den es bisher nur als Ankündigung in der Verfassung gibt, von Norden nach Süden durchwandern. Sein Südpol liegt an der Dudenstraße oder ein kleines Stück weiter östlich, am Columbiadamm, am Rande des Flughafens Tempelhof. Dort berührt sich der Zweite Bezirk mit dem Neubezirk Tempelhof-Schöneberg und oben im Norden, wo ich jetzt bin, mit Prenzlauer Berg / Pankow / Weißensee. Wenn man Friedrichshain-Kreuzberg auf diese Weise durchqueren will, gibt es nur einen Weg, der vollständig im Bezirk verläuft: man muss über die Oberbaumbrücke.

Die Mitte des Bezirks liegt also, kann man sich vorstellen, in der Nähe des Schlesischen Tors: Ein Tor, durch das viele Nicht-Berliner kamen, als die Berliner für Berlin nicht genug waren; diese Tradition ist lebendig. Ich kann mir den geographischen Mittelpunkt dieses neuen verwaltungstechnischen Kunstbezirkes aber auch in der Nähe der Schillingbrücke vorstellen, dann findet man ihn wohl mitten im dunklen Wasser der Spree, in das eine stolze Stockente gerade ihre grafischen Muster zeichnet. Dort ist mein Ziel für heute. Jetzt betrachte ich an der Margarete-Sommer-Straße die freundlichen Erklärungstafeln; darauf heißt Margarete Sommer noch Werneuchen und Danzig noch Dimitroff. Über die staatlichen Tauf- und Umtaufaktionen komme ich nicht hinweg; mal gefällt den Offiziellen dieser Teil der deutschen Geschichte, mal ein anderer; etwas Ungeschichtlicheres gibt es nicht: Die Geschichte soll also aus der Gegenwart lernen, nicht etwa umgekehrt, wie gerne sonntagsgeredet wird.
Der Friedrichshain gibt dafür traurige Beispiele. Mit Friedrich, dem sogenannten Großen, fing das hier an; er gibt dem Hain den Namen, obwohl der doch angeblich fürs Volk war; das Gartenbauamt gräbt die Friedrichsbüste auf dem sogenannten Plateau wieder aus, wo die DDR sie versenkt hatte. Der Amtsleiter hofft, dass er alle Friedrichsstücke wieder findet. Warum hofft er? Ich kriege meine Eindrücke nicht auf die gedankliche Reihe. Das offizielle Straßenerklärungsschild nennt Margarete Sommer eine “Pädagogin”. Warum so lakonisch? Katholische Widerstandskämpferin. Der Widerstand erhebt sie. Das dürfte man nicht verschweigen, wenn der Straßenname pädagogischen Sinn machen soll. Oder soll er das gar nicht? Margarete Sommer vielleicht nur eine Proporz-Widerständlerin, nachdem es der DDR mit Namen aus dieser Geschichte vielleicht weniger um den Widerstand als um den Kommunismus gegangen war?

Damit bin ich durch das Schwimmstadion hindurch, das am Bezirksanfang malerisch verfällt. Zwei junge Frauen sonnen sich auf den hinfälligen Stufen und wollen schon die Büstenhalter lösen, als Jagusch sie fragt, ob er sie fotografieren darf. Am Ende der Sommer-Straße geht es 130 Stufen direkt nach oben auf den kleinen Mont Klamott. Gedankenverloren laufe ich viel zu schnell hinauf. Mein Herz schlägt heftig. Wir fühlen neue Kräfte, / Gewaltig stiegen Säfte, / Wir waren wieder flott / Am Mont Klamott. Im Gegenteil. Ich bin zwar oben. Aber keine steigenden Säfte, sondern melancholische Gedanken. Ich versuche, hier von dem nördlichen Bezirksberg den südlichen Bezirksberg auszumachen am Stadthorizont hinter Kirchen und Schloten: vom Mont Klamott den Kreuzberg: auch einen Kriegsberg, Verherrlichung der Befreiungskriege, die jedenfalls diejenigen nicht befreiten, die das Volk sind. Das Volk stellt die Gefallenen. Zum Beispiel die hiesigen, die Märzgefallenen. Niemand erinnert sich wirklich an sie. Sie sind nur Vorwände für Inszenierungen.
Ich will ihre Gräber nicht sehen. Der ganze Geschichtszauber stößt mich ab. Weg mit der Geschichte! Sie stiftet nur Verwirrung. Den Vögeln zuhören, den melodischen Sinnlosigkeiten. Die Aussicht, die volkstümliche Stimmung und eben die Rufe der Vögel – das ist das Schöne hier oben. Die Elster schnarrend, pfeifend, jekjekjek, ein Eichelhäher fliegt weg, die Amsel flötet ihre Stophen hoch endend, ein Grünspecht spielt leisen Trommelwirbel. Ein Bienenfresser? Ein Stieglitz? Ein Gartenrotschwanz? Ach, ich kenne die Vögel gar nicht gut genug, um sie so zu unterscheiden. Ich sehe Kindheitserinnerungen. Vom Südhang des Thüringer Waldes, am Horizont Coburg im verfließenden Blau, hinten, wo ich hier den Kreuzberg suchte, die Veste, hör doch, sagte meine Mutter, die ich bewundere wegen ihrer Schönheit und weil sie meine Mutter war, hör doch die Drosseln, die Amseln, die Nachtigall schlägt. Am liebsten höre ich den Zeisig. Er rief meinen Namen. Wo sind die vergangenen Jahre? Da stehe ich Luft schnappend auf den Klamotten meiner eigenen Geschichte und will gar nicht mehr wissen, woraus sie besteht.

Vorbei an den Hyazinthen an der Friedenstraße, in die Strausberger. Linker Hand das Fried-Gymnasium: “Solidarität bei rassistischen Übergriffen! Wer schweigt, stimmt zu!”, es freut mich, dass “Solidarität” für die Gymnasiasten ein Wort mit moralischem Plus ist; jetzt wollen sie für die Strausberger Straße den Namen eines wirklichen Märzgefallenen haben. Die Gymnasiasten wollen eine Adresse nach einem Schlosserlehrling, der mit verrostetem Säbel auf einen Offizier schlug.
“Hier isses schön. Da will ich ers mal meine Ruhe hahm!” sagt die Sozialarbeiterin, die gerade im Classic-Café am Strausberger Platz Platz nimmt. Ich bin auch kaputt. Die Füße schmerzen. Das Herz ist mir schwer. Ich komme heute nicht bis in die Mitte des Neubezirks, wo immer die liegt. Ich will erst mal meine Ruhe haben. Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, lese ich.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Palisaden

Vom U-Bahnhof Weberwiese zum U-Bahnhof Strausberger Platz: mit der U-Bahn kann man sich so schnell vom einen ins andere Stadtquartier versetzen, dass man geistig gar nicht mitkommt und, heraufgestiegen, das Erlebnis genießen kann, in der eigenen Stadt und doch ganz woanders, fremd und zu Hause zu sein. In der Schule dieser Gefühle ist Berlin derzeit überhaupt Spitze.
Für die Lehre der Verfremdung des Bekannten, der Bezweiflung des Sicheren, der Umgewöhnung des Gewohnten ist das Berlin der 90er Jahre eine Schule der höheren Grade, Gymnasium der Veränderungen des Gleichbleibenden.

Ich komme aus Pankow. Mein alter Berufsgenosse C.W. Müller hat dort zur Einweihung, Weihung?, der SuchtberatungsStelle des SPI einen anrührenden Vortrag über die Kultivierung der Gefühle gehalten, weil er nicht Erziehung der Gefühle, education sentimentale, sagen wollte. “Dass wir hier angekommen sind, die wir doch wenigstens Halbsozialisten sind, in der Großbürgerlichkeit des Amalienparks!”, habe ich gerufen und war fast von mir selbst gerührt.
Und bin es, als hätte ich für das bessere Leben schon selbst den Kopf hingehalten, noch immer, als ich von der Straße der Pariser Kommune nach links abbiege. Zur Rechten schiebt sich in den 50er-Jahre-Stil der Stalin-Marx-Allee ein im kühlen Sonnenlicht glänzender Zeitgeistturm vor, hält sich am Ende einer leicht ansteigenden Pflasterfläche hinter der Fluchtlinie zurück, aber ist doch unübersehbar Produkt eines anderen – soll man sagen: moderneren – Architektur-Denkens, um die sanfte Widersprüchlichkeit zu genießen, die unten in der gläsernen Rechtwinkligkeit das sich gotisch schreibende Alpenländische Gasthaus weiß-blau illustriert.
Von oben, aus den höheren Etagen dieser KM-Allee Nr. 91, 90a muss man einen sentimentalen Blick haben auf den Friedhof an der Friedenstraße, der sich anhebt über die ehemaligen Brauereikeller bis zur Landsberger Allee, wo ihm der Eingang zum Krankenhaus gegenüberliegt, als sei es ein Ausgang.

Dem Friedhof gegenüber beginnt die Palisadenstraße, hell und erneuert auf der Südseite, vom sachten Grün ins gedämpfte Rosa-Braun verlaufend, bald Nr. 48, alt und schwarz-grau, neben den erneuerten Nachbarhäusern, vom östlichen sich gute zehn Meter zurückziehend: eines der beiden Häuser, die ich aus dieser Straße kannte, ehe ich das erste Mal hier war:
Eines der ältesten Elektrizitäts-Werke Berlins, 1899 bis 1900, von den Brüstungsfeldern der Straßenfassade blicken die drei Elemente herab: drei Köpfe ohne Körper, ist Strom denn ein Element?
Mein Großvater war schon ein erwachsener Mann, als die Elektrizität hierher kam. Das rechne ich mir aus, damit mir klar wird, wie nahe ich selbst der Zeit stehe, in der Beleuchtung schwierig war. Wenn ich das Fortschritt nennen wollte, müsste ich an diesen anfangs ganz unbeleuchteten Großvater denken, den antimilitaristischen Glasermeister, über den keiner der Lehrmeister hinausging in meinem 60jährigen Leben.
Vorhin habe ich ihn zitiert, in Pankow, als ich einen Lehrsatz brauchte. Wenn ich diesen Satz aufschriebe, wäre es ein Satz von mir, denn mein Großvater sprach nicht viel und wenn er es tat, nannte er nicht die Lehrsätze, sondern ihre Anwendung auf praktische Lebensfälle.

Mit solchen Privatgedanken bin ich an den erneuerten Häusern der Palisaden-Süd-Seite und den zu erneuernden der Nordseite entlang fast bis zur Ecke Koppenstraße gekommen. Das ist eine der ältesten Straßen der Gegend. Als sie angelegt wurde, lebte Goethe noch nicht. Und war gerade ein Jahr tot, als die Palisadenstraße in ihrer festungshaften Vorstädtischkeit ihren Namen erhielt, der nun länger gehalten hat als die Erinnerung, die er benennt.
Die spätere Friedrichsberger Straße hieß nach der kleinen Ansiedlung, die hier bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Ländlichkeit bestand, die schnell eingeholt wurde von dem ungestüm wachsenden Berlin: Berlin der Knechte und Sklaven, kann man sagen, denn das Viertel, das die Bomben des zweiten Weltkriegs hier niederlegten, bestand aus den Wohnstätten der Opfer der Geschichte, die sich freilich so schnell zu Mittätern machen ließen, dass jedes Arbeiterklassen-Selbstbewusstsein zuschanden wird.
Aus der Palisadenstraße blicke ich in die Höfe hinter der KM-Allee, deren Prachtstraßenhaftigkeit immer noch Zeugnis gibt für ganz andere städtebauliche Gedankengänge. Die Palisadenstraße bekommt von diesem neuen Stadtdenken der entstehenden DDR, jedenfalls von der Koppenstraße an, wo sie sich platzartig erweitert, ihren Teil ab. Die schmalen Wohnblöcke versuchen die Straßenfluchtlinie zu brechen, die die Vorgängerfassaden hier in strenger Vorgeblichkeit errichteten.
Da bin ich bei der St.-Pius-Kirche, einer katholischen Pfarrkirche; energisch ummauert und umzäunt, steht sie hier wie ein himmlisches Raumschiff auf einer Erdeninsel. Sie sieht übriggeblieben und reduziert aus. Aber es wird manche geben, die die Aktualität dieser Kirche für einen Sieg über die Geschichte halten.
Die katholische Pfarrgemeinde, die hier zu Ende des 19. Jahrhunderts ihre Kirche baute, ging vorsichtig zu Werke. Erst zwei Mietshäuser, aus den Mieteinnahmen: die Kirche, die mit ihrem Turm fast 90 Meter hinaufragte in die Nähe dessen, von dem Hilfe kommt.

Die Mietshäuser sind weggebombt, von wem? Wer ist für die Bomben zur Verantwortung gezogen worden? Ach, das muss ich nicht gerade hier fragen. Das kann ich in Berlin an vielen Stellen fragen; ein Pazifist findet schwer eine Erklärung für Totschlag; auch den gerechten Totschlag, den Totschlag zu guten Zwecken möchte er nicht verteidigen und verwickelt sich in seine Widersprüche ohne den ernsthaften Willen, sich daraus zu befreien. Mit solchen Geistes-Abschweifungen verwirre ich mir die kritischen Gedanken gegen Hermann Henselmann und die anderen Autoren der Stalinallee, die der Pius-Kirche den hohen Turm verboten, weil er das Stalin-Denkmal überragte und der neuen Religion widersprach, zu der die neue Allee hinführen sollte.
Die Geschichte des Pius-Turms ist ein Lehrstück. In seiner Kurzfassung ist er immerhin noch da, Stalin ist weg und seine Allee dürfte nach mancher Polit-Meinung kaum nach Karl Marx heißen, der niemanden umgebracht hat.
Der Schulweg neben der Kirche trennt das stille verschlossene Gotteshaus von der zur lauten Baustelle verdichteten Schule, die hier eine “Doppelsporthalle” erhalten soll. “Sportbezogen” nennt sie sich. Während ich sie betrachte, weht mir der Wind den Staub zwischen die Zähne. Es knirscht. Hinter der Friedrichsberger Straße öffnet sich die Palisade zu humaner Hofhaftigkeit, Tagesstätten, Schulen: Kinder in der Mitte: ein pädagogisches Quadrat, rechts hinten das Erich-Fried-Gymnasium, das seinem Namens-Patron Ehre macht.

Im Classic-Cafe am Strausberger Platz, wo ich jetzt diesen Text schreibe, balancieren drei junge Damen (möchte ich fast sagen) aus dieser Schule die Zigaretten elegant zwischen den langen Fingern, in zurückhaltender Konkurrenz mit einem jungen Mann sprechend, der wie Paris das Wohlwollen seiner Rede sorgfältig verteilt. “Ick würde sagen”, sagt er schließlich, “Ami go home!” Que sera, sera, singt Doris Day im Hintergrund und die schönste der jungen Frauen wiegt ihren hohen Oberkörper zu der Melodie, die aus der Jugend eine Verheißung von Liebe und Treue macht.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Zum Petersburger Platz und um ihn herum

Tatsächlich: die Studentin sagte: “Ist Geschichte denn etwas anderes als Illustration des Lebens?”. Es war keine Feststellung, sondern wirklich eine ernsthafte Frage. Zuerst dachte ich: Diese Frage musst du zurückweisen; du musst darauf bestehen, dass das Leben eine Vergangenheit besitzt, damit es eine Zukunft hat. Von solchen Philosophismen hielt ich mich aber noch rechtzeitig zurück. Ein Freund der Geschichte bin ich auch nicht mehr. Dass man etwas aus der Geschichte lernen könnte… nein, da müsste man viel entschiedener geistig zu Werke gehen, als es die Menschen erträglich finden.
Aber ich beschäftigte mich mit dieser Frage der netten Studentin den ganzen Tag lang. Auch noch, als ich mit der U1 zum Kottbusser Tor, mit der U8 zum Alex, mit der U5 zur Petersburger Straße fuhr. Ich gehe die Petersburger Straße aufwärts, auf den Bersarinplatz zu. Ich habe den Platz gern. Seine Lage am Hang der Stadt gefällt mir. Mir gefällt auch, dass am alten Friedrichshainer Rathaus, gerade neben dem aktuellen Amtsschild, auch Bersarins gedacht wird und der “ruhmreichen Sowjetarmee”.
Hoffentlich kommt hier niemand von denen vorbei, die die Geschichte um das Gedächtnis bereinigen wollen. Geschichte ist, was in der Gegenwart für passend gefunden wird, dass es Gegenwart gewesen wäre. Geschichte ist eine Art Denkmalskunde… Nein, nein: sicher bin ich mir nicht, ob ich das glaube.

Wo jetzt tritec seine Werkstatt hat, war ein Nazi-Ort. Keglerheim, Mörderkeller. Da waren schon Gedächtnistöter vorübergekommen, drei Jahre war die Gedenktafel fort, geklaut und wiedergefunden. In Friedrichshain waren viele braune Orte, auch viele rote. Die Unterschiede waren geringer als es uns scheint, wenn wir die Folgen gesehen haben. Das sind so Bemerkungen, die man besser an Stellen wie dieser nicht macht. Sie werden leicht missverstanden.
Ich stehe auf der Mitte des Petersburger Platzes, für mich: ein Friedrichshainer Lieblingsort, östlich die Matternstraße, wie ein dem Platz angeschlossenes Gästezimmer, westlich die Häuserfront, aus der die Pfingstkirche herausragt und nach oben zeigt.
Die Kirche ist eindrucksvoll. Erbaut 1906 bis 1908. Aber schon lange geschlossen. Gottesdienste hinten im Gemeindesaal, der auch ein Baudenkmal ist, das in den Büchern steht, aus einer anderen Zeit, als die Kirche selbst, Expressionismus, die Kirche aus einer Vorkriegszeit, 1927 bis 1929 gebaut. Walter Erdmann hieß der Architekt.
Der Hof zwischen Kirche und Gemeindehaus ist eindrucksvoll: Wenn der Petersburger Platz eine Wohnung wäre, dann wäre dieser Pfingstkirchenhof das ruhige Zimmer nach hinten hinaus. Die Pfingstkirche ist also Geschichte. Sie liegt unter der Gegenwart wie die Wurzeln eines großen, im Hof stehenden Baumes, die das Straßenpflaster von unten anheben, ohne es zu durchbrechen.

Neulich habe ich an dieser Stelle über die Samariterkirche geschrieben. Weit entfernt ist sie von der Pfingstkirche weder räumlich noch geschichtlich. Bei dieser Gelegenheit habe ich eine Bemerkung über die Kirche gemacht, die einem Pfarrer missfallen hat. Geschichtlich gesehen, dachte ich damals, hängt die Größe dieser Kirchen und ihre Häufigkeit mit der Größe und der Dichte der Probleme zusammen, die die Menschen hier hatten, als der König, der ansonsten nicht ihr König war, diese Kirchen unter sie setzte. Das preußische Staatskirchentum, dem wir diese mächtigen Gebäude – sollen wir wirklich sagen – verdanken, ist hin. Das Christentum ist eine minderheitliche Denk- und erst recht eine minderheitliche Lebensform in diesem Lande. Aber trotzdem hätte die Studentin von heute morgen hier, auf dem Petersburger Platz, wohl unrecht. Die Pfingstkirche ist etwas anderes als eine Illustration der Geschichte und der Gegenwart.

Der Petersburger Platz wäre nicht der Petersburger Platz ohne dieses mächtige, eindrucksvolle und traditionelle, zusammenhaltende Bauwerk. Es ist ein dialektischer Bau. Groß und nicht groß, rufend und schweigend. Ich kehre ein im Café Petersburg an der Straßmannstraße. Ein empfehlenswerter ruhiger Ort. Fast stilvoll, spiegelig und lüstrig im Strahlehimmel. “Rühreier natur” bestelle ich, “naturell” verbessert mich der Wirt, sich über die sprachliche Eleganz seiner Speisekarte leicht ironisch erhebend.
“Ich bin ja nicht einer von denen”, erzählt er dann am Nachbartisch, “der gern an Orte geht wo er schon mal war. Mich zieht die Neugier immer weiter … Die Sehnsucht…” Die Formulierung, habe ich den Eindruck, das Wort, das goethische Wort: Sehnsucht, verändert die Szene. Wünsche kommen auf. Träume. Die Gäste am Nachbartisch, denen der Wirt dieses Wort zugeworfen hat, schweigen auch plötzlich. Sie überlegen auch: wenn sie nicht hier säßen, wohin sollen sie? “So’n Wunsch brauchst du bloß mal im Reisebüro der Tante vorzutragen, da kannste mal sehen, wie schnell die anfängt zu blättern!” Langsam, nein: ziemlich schnell, fällt die Dunkelheit ein, die Kirche verwandelt ihr dunkles Rathenower Rot immer mehr in ein ragendes Schwarz, sie zeigt nach oben, ohne Zweifel.
Der nördliche Teil der städtischen Parkanlage vor der Pfingstkirche ist ein Kinderspielplatz. Ich höre das Rufen der Kinder noch, sie sind nicht mehr zu sehen, von der blauschwarzen Dunkelheit des Abends schon eingehüllt. Sie liegen mir fern wie meine eigene Jugend. Ist meine Vergangenheit, ist also mein ganzes bisheriges Leben, eine Illustration meiner Gegenwart? Sehr intensiv ist meine Beziehung zu dem Menschen, der ich früher war, nicht mehr. Dass ich jetzt, im beginnenden Alter in einer Stadt lebe, die um so viel vollständiger ist als das Berlin, in dem ich die 30 Jahre zuvor verbrachte, gestattet es mir manchmal, mich als einen erneuerten Menschen anzusehen. Wenn es die Mauer bis zu meinem Lebensende gegeben hätte, hätte ich mein Leben in Westberlin beschlossen und hätte nicht das Gefühl gehabt, etwas zu vermissen. Ich hätte mich mit einem Teil zufrieden gegeben, hätte nicht gewusst, dass es das Ganze gibt.

“Ach, wenn ich daran denke…” sagt jetzt die Frau am Nachbartisch zu dem Wirt, und es klingt wie: Ein Glück, dass ich die Vergangenheit hinter mir habe. Die Vergangenheit ist keine Illustration der Gegenwart. Manchmal ist sie aber der Katalog der Irrtümer, an denen die Gegenwart zu tragen oder die sie – im besten Falle – einfach hinter sich hat. Ich gehe hinüber zur Straßenbahn, die mich aber nur bis zum Bersarinplatz bringt, ab dort Ersatzverkehr.
Die gehobene Petersburger-Platz-Stimmung wirkt noch nach in mir. In dem Wort: “Ersatzverkehr” höre ich vorwiegend die Verheißung: Der Ersatzverkehr überbrückt eine Zeit, die vorübergehen wird; wenn sie vorbei ist, werden Veränderungen eingetreten sein. Veränderungen zum Besseren. Wenn man dann noch dieselben Beurteilungsmaßstäbe hat. Als es über die Warschauer und dann über die Oberbaumbrücke geht, kann ich nicht verstehen, dass es seinerzeit Menschen gegeben hat, die die Straßen an dieser Stelle gerne geschlossen gehalten hätten.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Umwege von U-Bahn zu U-Bahn

Wer von der U-Bahn-Station Frankfurter Allee – zum Beispiel von dort – kommt, muss die Müggelstraße erst mal suchen. Sie beginnt (wie später die Kreutziger) an der Frankfurter Allee ganz privat. Neben dem “Vitamin-Bazar” und dem über 50-jährigen Bestattungshaus Ellrich geht es durch einen Hausdurchgang wie auf einen Hof, aber es geht in ein anderes Stadtstück, 30 Schritte und die belebte Frankfurter Allee ist – so deutlich sie auch noch zu hören ist – anderswo; ich bin in einer ruhigen Wohnstraße, in der sich – könnte ich mir einbilden – die Menschen kennen, die auf dem großen Boulevard eben noch aneinander vorbei gehastet sind, als wohnten sie alle woanders.
Das interessanteste Haus in dieser Gegend ist das Haus Finowstraße 3-4 oder das Ensemble, das es mit dem Nachbarhaus 2/2a bildet, gerade an der Stelle, an der die Straße einen eleganten Bogen nach Westen macht; der langlaufende Dachgeschoss-Balkon von Nummer 2 gibt dem ganzen sogar etwas südlichen Anschein, Italien in Friedrichshain… das wäre natürlich zu viel gesagt. Die Straße, nach Norden leicht ansteigend, macht einen ruhigen Eindruck, die unruhige Geschichte der Industriemetropole Berlin ist noch spürbar, aber die Unruhe ist außerhalb, hier sieht man sich schon besser als dicht nebenan, hier war’s nie wie in Scharnweberstraße 37, Ecke Colbestraße: allein im Kellergeschoss sieben Mietparteien, ein einziger Raum für eine Familie mit vier Kindern, feucht, dunkel, wenig Wasserstellen, Fäkalieneimer.

Mein Ziel ist jetzt die Glatzer Straße. Es ist eine kurze, dunkle Straße, breiter als sie wirkt, mit dünnen Bäumen im Jünglingsalter, deren Stämme vom Regen fast schwarz sind. Neben der “Auto Put Erlebnisbar” steht das Haus, dessentwegen ich gekommen bin. Nummer 6a. “In diesem Haus wohnte der antifaschistische Widerstandskämpfer Werner Seelenbinder, geb. am 2.8.1904, von den Faschisten ermordet am 24.10.1944 in Brandenburg, Ehre seinem Andenken”. Ehre seinem Andenken. Warum sagt das Schild aber nicht, dass das der bekannte Sportler Seelenbinder war, vielfacher deutscher Meister, Ringen griechisch-römisch; 1936 bei der Nazi-Olympiade hieß es noch: “Seelenbinder, Deutschland”. Schon 1933 zum ersten Mal verhaftet, “von den Faschisten ermordet”, von deutschen Polizisten, deutschen Richtern, deutschen Justizbeamten: Seelenbinder, Deutschland, ermordet von Deutschland: Was bringt Landsleute, Nachbarn dazu, Landsleute, Nachbarn umzubringen?
Wer aus der Geschichte etwas lernen will, aus der so schlecht etwas zu lernen ist, der muss darauf Antworten beibringen. Ein junger Mann, der in der Erlebnisbar verschwindet, blickt mich prüfend an, während ich mir den Text der Gedenktafel abschreibe, und guckt dann auch kurz hin, als ob er es zum ersten Mal täte. Die auf dem Wismarplatz zulaufenden Mietshausblocks sind noch ziemlich grau und verbraucht, nur am Nordwest-Ende des Platzes das Gold-Hotel leuchtet, eher gelb, als golden.

Ich schwenke ein in die Mainzer Straße. Es ist eine schnurgerade Straße, die Fassaden reihen sich aneinander wie angetreten. Die Straße hat eine linke Anmutung. Die ummauerten und umzäunten Bauarrangements, die Parkplätze von der Straße abtrennen, geben ihr zugleich etwas Gemütliches; der lustige goldene Löwe am Kopf der Löwenapotheke, über der die Fassade mit neuartigen Teilbogen-Balkonen bis hinauf zu den Dachappartements steigt, hat etwas Janosch-haftes, wirkt wie das Accessoire einer alternativen Kindererziehung. Nun zweimal links und ich bin durch den Hausdurchgang in der Kreutzigerstraße.
Lange wird es diese Hinterhofeinblicke nicht mehr zu besichtigen geben. Vor Nr. 24-27 stehen schon die Kräne, die vor die Reste dieses denkmalswürdigen Fuhrbetriebsensembles aus Remisen, Ställen, Schmiede, ein modernes, wohl postmodernes Wohn- und Geschäftshaus setzen werden, wie unten am anderen Straßenende schon eines gebaut ist. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Straße ihren alternativen Charakter verloren hat.
Zwischen Mainzer und Kreutzigerstraße, Eingang Boxhagener Straße, liegt der Friedhof IV der evangelischen Georgen- und Parochialgemeinde; 1867 erste Beerdigung, Kapelle im Schinkelstil 1879 eingeweiht. Berlin hat viele Friedhöfe von hoher Symbolkraft. Dieser ist einer der eindrucksvollsten. Seine breite Allee, die zwischen den Höfen von Mainzer und Kreutzigerstraße verläuft, die Totenstraße zwischen den Straßen der Lebenden, die Straße der Ruhe zwischen den Straßen des Lärms, die Avenue der Endgültigkeit in mitten der Straßen der Vorübergehenden; der hauptstädtische Wohnort der Toten zwischen den Quartieren der Lebenden, die bloß aus ihren Küchenfenster zu blicken brauchen, um zu wissen wie alles endet… nein, nein, alles endet ja keineswegs so, in würdiger, gesammelter Ruhe: Als dieses Viertel hier entstand, war’s kaum noch eine halbe Generation, und es war aus damit, dass ein ruhiges Grab unter Efeu und Blumen ausreichte fürs alltägliche Memento; getötet im Krieg der anderen, erschlagen, ermordet, in Lagern verhungert, andere in Lagern verhungern lassend, totschlagend, umbringend… Nach dem barmherzigen Samariter heißt die U-Bahn-Station, in der ich in der Erde verschwinde; der Name verheißt, worauf man sich auch keines wegs verlassen kann: “Hier ruht in Gott/ der Eigentümer/ Richard Ludewig”, gestorben 1909, Eigentum als Beruf. Das ist geblieben. Eigentum macht frei. Daran hat sich nicht viel geändert.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Um den Hauptbahnhof

Ich komme aus der S-Bahn von Westkreuz. Die S-Bahnlinien S3, S5, S7, S75 und S9 sind hauptstädtische Attraktionen. Sie gehen mitten hindurch durch die werdende Regierungsstadt. Um den Reichstag führen sie in einem respektvollen Bogen.
Der bekofferte Mann mir gegenüber will auch zum Hauptbahnhof [heute Ostbahnhof]. “Haste den Reichstag gesehn?” fragt er seine Frau, als wir ihn nicht mehr sehen. “Hm”, haucht sie und rückt näher an ihn heran, als ob man Mitleid mit dem gequälten Bauwerk haben müsste. “Fahrgäste in Richtung Erkner verbleiben auf diesem Bahnsteig”, wird uns bedeutet, als wir am Hauptbahnhof angekommen sind. Das Wort “verbleiben” missfällt mir. Viele “ver”-Wörter sind gefährlich.

Ich bleibe nicht. Eine Punkergruppe mit Hunden macht sich lustig über eine Gruppe junger Leute, die in den adretten Zugbegleiteruniformen der Bahn AG auch den Bahnsteig verlassen. Als ob das Punker-Habit nicht auch eine Uniform wäre. Ich verlasse den Bahnhof zur Erich-Steinfurth-Straße. Am Sonntagnachmittag ist das eine belebte Gegend. Eine vorläufige Gegend. Sie wird sich verändern.
Hier und da steht eine fröstelnde Gestalt, als werde auf etwas gewartet. Der junge Mann, nach dem eine Straße jetzt heißt, war ein kommunistischer Widerstandskämpfer gegen die Nazis und eins ihrer frühen Opfer, ermordet 1934, damals hieß die Straße nach einem preußischen Polizeipräsidenten, und das könnte eine Provokation gewesen sein.

Die sonntägliche Ruhe liegt über dem Quartier wie das Vergessen. Dies hier war eine proletarische Hauptgegend in der ersten Hauptstadtepoche Berlins. Rechter Hand steht mit leeren Fensterhöhlen ein Haus, von dem die Geschichte den Putz abgeschlagen hat. “Wechselstube”: “Die Himmel wechseln ihre Sterne…” Das Nachbarhaus hat schon Anschluss gefunden an die neue Zeit: “McBarber’s. Das Friseurerlebnis”. Gegenüber sucht ein junger Mann mit Hund Einlass in die Bahnhofsmission. Der Hund muss draußen bleiben, leise schluchzt er und schweigt.
Der “Flotte Happen” unterm Bahnhofsbogen ist am Sonntag zu. Ein Junge, der mit seiner ärgerlichen jungen Mutter entgegenkommt, tritt wütend gegen eine Bierdose, so dass ich schnell ausweichen muss. Der Junge sagt nichts zu mir, die Mutter nichts zu ihm.
Das Reklametransparent für “Take off Bier & Music Pub” verdreht sich im Wind zur Unlesbarkeit. Am blauen Baucontainer der Fa. Hein aus Georgsmarienhütte wird auf Werbeveranstaltungen für Kanada und Neuseeland hingewiesen.

Vom City Carré aus sieht der Platz zwischen Kaufhof und Hauptbahnhof geordneter aus als beim Süd-Nord-Blick. Aber nichts sieht hier nach Kalifornien aus. “California World” heißt das Eckgeschäft im City Carré, bei dem ich in die Lange Straße einbiege. Dieses von der Dresdner Bank dominierte Geschäftshaus, dessen Architekten sich von der Postmoderne angenehm zurückgehalten haben, verspricht in der Langen Straße eine Passage. Aber eine Passage, die am Sonntag zu hat, ist eigentlich keine Passage. Die Baubuden für das anschließende Bauprojekt zur Andreasstraße machen die Lange Straße für Autos zu einer Sackgasse, das gibt ihr etwas Privates. Im gepflasterten Eingang zum Inside Residence Hotel fegt der grünbewestete Hoteldiener in die Knie gehend Zigarettenkippen fort: “Ob allein, zu zweit oder mit der ganzen Familie – gerne sind wir für Sie da”: über die Grammatik dieses Werbespruchs für das Restaurant Intermezzo lässt sich nachdenken. Auch über die Wortschöpfung “Bistrorant”, die zu den Versprechungen gehört, mit denen der “Grundwert Fonds” die Bauarbeiten zu seinem Großprojekt an der Andreasstraße begleitet.

Ich biege in den Andreasplatz ein. Das ist das Gelände zwischen den sauber renovierten Wohnblöcken der WBF zwischen Langer Straße, Kraut-, Andreas- und Kleiner Andreasstraße. Gleich vorne hat man einen Einblick in die Höfe, die die beiden letzten Altbauten der Andreasstraße hierher öffnen, eine alte Weide wächst von innen empor. Ich gehe an den grellgelben Drahtgittern vorüber, die die Müllcontainer ordnend einschließen, zur Kleinen Andreasstraße hinauf.
Wo die WBF auf dem Bauschild die Modernisierung und Instantsetzung weiterer 420 Wohnungen in “Plattensanierungsprogramm nach InstModRL 94” anzeigt, sehe ich zu dem kleinen Pavillon hinüber, in dem junge Mütter mit ihren Kinderwagen sitzen, die nun ihrerseits mich mustern und sich wohl fragen: Warum glotzt der uns an? Aber ich glotze in die Geschichte. Als Berlin zum erstenmal Deutschlands Hauptstadt war, war dies hier eines der engsten und ärmsten Wohnquartiere. Weiter oben standen die Baracken in denen Obdachlose “troglodytenartig hausten”, die Polizei vertrieb sie im August 1872 auf so provozierende Art, dass die Arbeiter den Aufstand probten. Barrikaden an der Krautstraße. Die ganze Gegend, schrieb der Polizeipräsident, nach dem später unten die Straße benannt wurde: “Schauplatz ernstester Ruhestörung”. Eine Slumgegend. Später nannten manche das Quartier auch “Berlins Chinatown”, unter den Chinesen, die hier Unterkunft fanden, waren Tschou En-lai und Tschou Teh, die sich selbst noch nicht ansahen, dass sie Ministerpräsident und Armeeführer im bevölkerungsreichsten Land der Erde werden würden.
Ich folge dem Häuserbogen, der die Kleine Markusstraße bildet, bis zu dem gut besuchten Spielplatz, der friedliche Sonntagsstimmung verbreitet. Die Lange Straße nach Osten zurückgehend, studiere ich die Farbskala, die die WBF über die Stahlbänder verbreitet hat, mit denen die renovierten Fronten der Häuserblocks gehalten werden: vom lichten Gelb zum dunkelsten Rot in ein Blau, das sich nach Osten hin aufhellt. Die Leute nennen den Block “Regenbogenhaus”.

Rechts von der S-Bahn liegt hier als eine weite Brache das Areal, auf dem das erste große Industrieunternehmen dieser Gegend aufwuchs: 1843 begannt J. Pintsch als ein Klempnerbetrieb und wurde als Fabrik für Gasbeleuchtungs- und messanlagen ein Unternehmen von Weltruf.
Der Frontfassade seines mächtigen Verwaltungsgebäudes zur Andreasstraße (Nr. 71-73) kann man den gewesenen Weltmaßstab heute noch ansehen. Cremer und Wolffenstein hießen die Architekten. Das Haus steht direkt an der S-Bahn, in der Unterführung bläst mir der kalte Wind dreckigen Staub entgegen. Nach links und rechts kann ich weit in die erneuerten S-Bahn-Bögen blicken.
Auch die Gegend auf der Südseite des Hauptbahnhofs ist noch ganz unbestimmt. Hier und da hält sich noch Geschichte auf, aus unterschiedlichen deutschen Zeiten. Gegenüber unter den drei geschwungenen Giebeln aus Imitatbarock das Haus der ersten Gasanstalt, später Zentralmagazin der Städtischen Gaswerke. Daneben das Gemeindehaus der evangelischen Markus- und Andreasgemeinde; das weiße Kreuz ist stilgerecht aus Platten zusammengesetzt.
Die vielspurige Autostraße mit breitem Mittelstreifen trennt das Gemeindehaus von der Gemeinde. Gottesdienst heute in der Samariterkirche.
Zurück in den Hauptbahnhof, auf dem die Fernzüge zur Zeit nicht halten. Die Gleisanlagen werden erneuert. Die Bahn ist der große Träger der Renaissance dieser Gegend. Diese Rolle hat sie hier auch früher schon gespielt. Hinten sieht man ihr neues Verwaltungsgebäude in seiner gläsernen Symbolik.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Englische Soße

Die Warschauer Brücke ist westlich eine Baustelle, auf der anderen Seite ist sie der Verbindungsweg zwischen U- und S-Bahn; wer hier eine Weile die Augen offenhält, sieht viel von Berlin, aber was? Interpretation ist Pädagogik. Man braucht sich Berlin nicht lehren zu lassen, wenn man es lebt. Wer nicht U- und S-Bahn fährt, weiß nicht, wie das Leben ist.
“Komm’ wir hier rüber?” fragt die eine Alte die andere am Brückenende.
“Ick gloobe nich!”
“Von Glooben ist dett keene Frage! Probiern!”
“Der Bolschewismus siegt!”, ist dem Ärztehaus angesprayt, in dem die beiden Alten verschwinden, die in leninscher Weise die Praxis der Theorie vorgezogen haben. Leicht ansteigend vereinigt sich hier die Helsingforser Straße mit der Marchlewskistraße wie seinerzeit die SPD mit der KPD, aber war das auch ein leichtes Ansteigen? Neben ihrem kleinen Straßenkran unterhalten sich lautstark die Arbeiter.
“Wo warst du? Wat, du warst bei de Amerikaner, bei die Hirnlosen?”
“Du hast aber dein Hirn heut morjen ooch ze Hause jelassen!”
Über die Pillauer Straße gehe ich zur Marchlewski zurück. Am wildbegrünten Schulgrundstück stehen zwei Frauen, die ihre Hunde ausführen und Erziehungsprobleme besprechen.
“Zum Beispiel bei Nicole. Hat so und so gerechnet, kam fünfunnvierzig raus. War falsch. Un gloobste, ick weeß warum?”
“Ick sach ja” Die rechn ganz komisch. Das un das, un dann ziehn se wieder was ab.”
Die Schule weiter hinten ist mit kindlichen Palmen bemalt. Sofort stellen sich südliche Gefühle ein. Die südliche Seite des Comenius-Platzes, auf dem ich nun angelangt bin, ist in postmodernem Bunt erneuert. “40 Prozent vermietet” oder “Nur noch 40 Prozent nicht vermietet”: Der Berliner “Nur noch”-Stil ist doch eher ein Noch-nicht-Stil. Im Gartenteil des Platzes sitze ich auf einer naturschwarzen Bank. Ich höre der Melodie der Bäume im Sommerwind zu, die Rufe der Kinder markieren den Rhythmus. Drei Knaben veranstalten über die rot-grauen Wege ein Fahrradrennen, sie können so bremsen, dass der Kies hinter ihnen hoch aufstaubt.
“Muss dett sein?” ruft die Oma von der Bank neben mir.
“Ja! Dett muss!” ruft es zurück; lächelnd sagt die Oma für sich: “Dett hätt ich mir nun denken könn!” Energisch schiebt eine junge Mutter den kleinen Wagen mit Kind vorüber. Sie weiß, was sie zu tun hat. Schnell ist sie um die Ecke, während ich ihr nach der Marchlewskistraße nordwärts gehe. Die Straße zeigt hier, dass es auf die Stalinallee zugeht.

Hinter Nr. 45/47 öffnet sich die Wiesenlandschaft der Höfe. Das Haus ist übriggeblieben, man sieht noch Einschusslöcher vergangener Schlachten. “Wasserpflanzenzucht”: ein Schild aus einem Früher, das längst nicht so romantisch war, wie es seine antiquarischen Reste für manchen jetzt sind. Dann rechts herum. Hinter Nr. 25a setze ich mich auf die Stufen der Säulenkolonnade und höre den springenden Wassern zu, vor mir auf der Weberwiese, wieder ein Lied fast aus Natur. Nr. 25 ist das erste Nachkriegshochhaus im Berliner Osten, von Hermann Henselmann, jetzt ein Denkmal, die Schmuckplatten lösen sich, die Ziergesimse brechen ab, der Putz blättert, die Füße des Hauses sind besprayt, aber die Anlage hat noch immer jene intime Öffentlichkeit, die man als Städteplaner erstmal hinkriegen muss, ehe man sich über andere erhebt.

Wo die Marchlewskistraße endet, bildet sie mit der Hildegard-Jadamowitz-Straße einen kleinen Platz, auf dem das aus dem Kaiserreich herüberreichende Spritzenhaus gerade von einer Firma aus Recklinghausen erneuert wird, damit die Bewohner des neuen weiß-gelb glänzenden Pariser Hofes es von ihren Balkonen, Glaswand an Glaswand, betrachten können. Auf der abgeschlagenen Fassade des Feuerwehrhäuschens ist von vergangenen Parolen nur noch ein einziges Wort undeutlich zu lesen: Jugend. Jugend – wie in der Erzählung von Josef Conrad, in der es nach Bangkok geht. Ich komme in die Straße der Pariser Kommune; das Hochhaus rechts, Nr. 23, ist in sachten Blautönen renoviert mit leichtem tautschen Gelb um die Fenster; gegenüber das sich in die Runde biegende Eckhaus in lichtem Braun, das stellenweise fast violett wirkt. Andere Fassaden warten noch auf die Farbe der Erneuerung.
Im Café Plaza, das einen Namen wachhält, der hier eine Stätte volkstümlicher Vergnügung benannte, sitzen sechs Leute an den Plastiktischen. Die Bedienung ist freundlich und präzise. Was man etwa über die Geschichte der Gegend, die jetzt Franz-Mehring-Platz heißt, weiß, das wäre das eine. Aber wie ist die Gegend, wenn man sich ganz an die Gegenwart hält? “Neues Deutschland”: Die Überschrift über dem leeren Gebäude ist das Auffälligste; sie erzeugt natürlich einige Gedanken, aber vor allem doch de Gedanken an das allgegenwärtige: Es war einmal. Alle anderen Gedanken haben hier keine historische Färbung. Die Straße der Pariser Kommune und die Rüdersorfer Straße, die sich hier kreuzen, sind Autostraßen, nicht gerade übervoll, aber doch Auto an Auto. Die Wohnhäuser stehen ordentlich im Grün, es sind Überallhäuser, der Straßennamen mit seinem geschichtlichem Ehrgeiz wirkt aufgeblasen. Das ist hier keine Gegend für Kommunen, und dass der Platz, der von hier aus kaum als Platz wahrzunehmen ist, nach einem intellektuellen Sozialisten heißt, das löst nun auch keine tief erinnernden Assoziationen mehr aus. Die Geschichte dieser Gegend ist gestrichen. Die Gegend hat keine Geschichte. Da kann sie sich freuen. Früher habe ich anders gedacht. Jetzt geht’s mir wie dem Alten am Nebentisch:
“Mensch”, sagt er mit klassischer Anrede zu seiner Frau, “in der Sonne sitzen, ein Budweiser trinken, und es nicht weit haben nach Hause … jetzt trinken wir noch ‘n Bier, dann mach ich ‘n … Was macht man gegen Müdigkeit?” fragt er leutselig die Serviererin.
“Schlafen!”
“Danke! Danke für den Tipp!” und schlägt sich auf die Schenkel vor Wohlsein.
Ein Wind kommt auf. Heftig greift er in die Markisen.
Der Wind der Veränderung ist es wohl nicht. Oder?
“Englische Soße!” sagt die Frau, als sie sich den Ananas-Toast würzt.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Teils, teils

An der Ecke Grünberger/Warschauer Straße habe ich lange gestanden, nach allen vier Himmelsrichtungen aufmerksam geblickt und versucht, den Charakter der Gegend zu erfassen. Lautes Hin-und-Her, die Grünberger Straße: eine Durchgangsstraße für die, die es besser wissen im täglichen Kampf um die Minuten. Die Fassaden sind meist grau, keiner scheint sie zu betrachten. Ich warte auf den Geist der Gegend. Er will nicht erscheinen. Die Nachmittagswärme ist drückend, die Luft schwer. Die Straße führt nicht nach Arkadien. Je länger ich aber hier stehe, um so bewusster wird mir, dass das eine sehr typische Berliner Straße ist. Am dicksten war Berlin um 1900. Drei Jahrzehnte war Deutschland eine Weltmacht. Eine bestimmte, ziemlich offene Schicht machte mächtig Geld, die anderen hatten nicht den gerechten Anteil. Berlin ist Weltstadt geworden durch Ungerechtigkeit.
Friedrichshain ist kein Quartier, das auf der Sonnenseite der Geschichte gelegen hätte. Auf Hobrechts Plänen von 1862 heißt die zusammenfassende Bezeichnung für die paar Häuser hier “Siedlung”, ein paar Jahrzehnte später sind es Mietskasernen. Allein Hobrechts Plätze bewähren sich bis heute.

Zuerst der Boxhagener Platz: ein sehens- und bedenkenswerter Ort. Bei Hobrecht einfach ein bebauungsfreies Karree im steinernen Meer, ein Luftloch in den grauen Wällen. Dann waren diese Hobrecht-Plätze Aufforderungen zu städtischer Repräsentation, ich betrachte eine Ansichtskarte vom Boxhagener Platz aus dem Jahre 1916: “gründerzeitliche Schmuckanlage” schreiben die Denkmals-Topographen, als ob das hier ein großbürgerliches Wohnviertel wäre. 1916 war der Platz noch keine 15 Jahre alt, es war gerade ein Jahr her, das von hier eine Protestbewegung von Frauen ausgegangen ist, die sich gegen den Hunger wehrten, mit dem der Staat jene Familien bestrafte, deren Männer gerade für Kaiser und Vaterland töteten und getötet wurden. Die “Butterkrawalle”. Das Wort, mit dem das Ereignis überliefert wird, ist schon herabsetzend: Frauenvernunft gegen Männerwahnsinn – das nennen nur die Krawall, für die die alte Totschlagsaktion Vorwand für die neuen sein wird. Davon sieht man auf der Ansichtskarte ein Jahr später natürlich nichts. Mitten im europäischen Brudermorden scheint der Boxhagener Platz im tiefsten Frieden zu liegen.
Der Platz, wie er heute ist, geht dagegen zurück auf einen Plan aus der Weimarer Republik. Der Stadtgartendirektor Erwin Barth hat ihn 1929 entworfen. Er hat die Funktionen geteilt: Spielplatz und Erholungsort, die alten Bäume erhalten, neue gepflanzt, Rotdorn, Linden; 1993/94 ist die Anlage restauriert worden, ich zähle über 20 von den großen weißen um die Wiesen stehenden Bänken, man kann im Schatten sitzen und in der Sonne, sogar das grüngusseiserne Pinkelhäuschen scheint restauriert zu werden, eine Seltenheit in Berlin. Der Platz ist reich an Kneipen, die Gemüsegeschäfte haben ihre blau-weißen und blau-roten Markisen ausgefahren, der Getränke-Shop seine gelben, die Friseure ihre roten. Auf den Balkonen blühen die roten und rosaroten Geranien. Am Eckhaus zur Gabriel-Max-Straße ist angesprayt: “Ruhe und Glück gibt’s nur im Grunewald”. Auf dem Weg zur Knorrpromenade lese ich die Sprayer-Botschaft: “Ordnung? Nein!”. Im Widerspruch dazu ist die Knorrpromenade, ein seltenes Baudenkmal bürgerlicher Wohnanlagen mit Eingangsbesäulung, als ob wir in Paris wären und die Exkaiserin Soraya besuchen wollten, energisch um Ordnung bemüht. Mehrere Fassaden werden renoviert, andere sind schon fertig, Nr. 2 strahlt in ausgewogenem weißen Putzglanz.

Als ich beim Soccer-Shop – schon dem zweiten Fußballfangeschäft auf meinem heutigen Weg – um die Ecke biege – sehe ich den Helenenhof, er strahlt mir mit seinem Eckhaus an der Gryhiusstraße geradezu entgegen. Dieser Helenenhof – erste nach einer Frau benannte Straße – beendet gerade seine Renovierung. Er ist eine in den Architekturbüchern stehende Wohnanlage, wenn auch baugeschichtlich sozusagen nur ein Vorspiel. Der Bauherr und Eigentümer ist bis heute der Beamten-Wohnungsverein BWV, eine eingetragene Genossenschaft, um die [vorletzte] Jahrhundertwende gegründet, eine Organisation mit großen Verdiensten um die Wohnungsreform im “steinernen Berlin”. Der Architekt, dem der Verein und der dem Verein seinen Ruhm verdankt, war Paul Mebes, der zweite technische Direktor des BWV. Der erste hieß Erich Köhn. Von ihm stammt der Helenenhof in seiner nun bald hundertjährigen Vorbildlichkeit.

Gegenüber am Wühlischplatz liegt die Max-Kreutziger-Gesamtschule, ein Bauwerk aus den 50er Jahren, das auch eine interessante Geschichte von Absichten und Vorstellungen zu erzählen hat und nicht so schlecht ist, dass man es so herunterkommen lassen sollte. Der Eingangsflügel liegt – anders als beim Vorgängerbau aus Kaiserszeiten – zur Böcklinstraße, so dass er eine Art Platz bildet mit der gegenüber liegenden Dreifaltigkeitskirche, die Wilhelm Frydag ungefähr zu der Zeit fertiggestellt hat, als die Boxhagener Frauen sich zu den Butterprotesten formierten. Es ist nichts davon gemeldet, dass die Pfarrer sie in ihrer Hungersnot wirklich gestützt hätten.
Aber vielleicht weiß ich das nur nicht, denke ich, um mich zu beruhigen, während ich durch die Holteistraße davon gehe. Dieser Holtei war ein Operettendichter, mit weit bekannten Schlagertexten: “Und wenn die letzte Kugel kommt / Ins preußsche Herz hinein / Lieber Mantel, lasse Dich mit mir begraben / Weiter will ich von Dir nichts mehr haben / In Dich hüllen sie mich ein” Fontane nennt dieses Gedicht erschütternd und meint es leider ernst.

Damit lange ich auf dem Traveplatz an. Er ist viel weniger gepflegt als der Boxhagener Platz. Er wartet erst noch auf Restauration. Die Fassaden sind grau-schwarz, nur das autonome Haus schön bunt, keine Kneipen, kaum Geschäfte. Der Platz selbst funktioniert aber. Ich setze mich neben eine zeitungslesende Altersgenossin.
“Wohnen Sie auch hier in der Nähe?” fragt sie mich bald.
“Nee, aber ich habe mehr als 10 Jahre an der Trave selbst gewohnt, da dachte ich…”
“Ach … und wie isses da? Da war ich noch nie. In Paris wohl. Mit TUI.”
“Ach … und wie isses da?”
“Schön. Hier isses aber schöner.”
“Lieber am Traveplatz als an der Trave”, sage ich, sechs Fenster der Wohnung, die ich in Lübeck hatte, blickten auf die Trave. Ein gemütlicher Fluss. Der Traveplatz ist auch gemütlich. Aber irgendwie ist er auch anders. Oder jedenfalls, wie meine Banknachbarin sagt -:
“Teils, teils”.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Kammerherr out. Messel in

Der Freiherr von Mirbach war Kammerherr der Kaiserin. Nachdem sie das Schloss geräumt hatte und ihrem kaiserlichen Gatten nachgeflohen war, besichtigte der Graf Harry Keßler mit dem SPD-Breitscheid die Wohnung des letzten deutschen Kaiserpaares: “…spießbürgerlich, geschmacklos … Aus dieser Umwelt stammt der Weltkrieg: aus dieser kitschigen, kleinlichen, mit lauter falschen Werten sich und andere betrügenden Scheinwelt … Noch während des Krieges wusste die Kaiserin nicht, was ein Sozialdemokrat ist, dachte beinahe, die Leute fräßen kleine Kinder…” (Sonnabend, 28.12.1918).

In diese Welt gehört der Oberhofmeister von Mirbach. Was hatte er mit Friedrichshain zu tun, dass man eine breite Straße nach ihm benannte und ihr diesen Namen ließ über Kaiserreich, ersten und zweiten Weltkrieg, erste Republik und Nazireich, mehr als ein halbes Jahrhundert?
Ich will doch nicht annehmen, dass das so war, als ob man die Gartenstraße in Mitte nach dem Kammerherrn von Wülknitz genannt hätte, nach dem kammerherrlichen Kerl, der hier die ersten großen Ausbeutungsmiethäuser baute, Mietskasernen: Wohnen als Kriegsdienst. Das gab es in Friedrichshain auch.
Hier, wo ich jetzt stehe, gerade nicht. Die Mirbachstraße heißt heute und nun auch bald ein halbes Jahrhundert nach einem Mann, der zu denen gehörte, die hier wohnten und wohnen, ein Schlosser, Willy Bänsch, 36 Jahre war er alt, als die Nazis ihn ermordeten; die Mörder können aber auch Leute von hier gewesen sein.
Horst Wessel war ja auch von hier, nach dem der ganze Bezirk bis 1945 hieß. Die einen und die anderen, die Kammerherren, die einfachen Menschen, aus den Wohnungen und aus den Kneipen kommt die Weltpolitik. Die Bänschstraße ist eine schöne Straße, grün in der Mitte, nach Osten zulaufend auf die Samariterkirche, ein anderes Beispiel der vielen Berliner Beruhigunskirchen: Christus sollte die Menschen abhalten, allzu laut zu sagen, was sie litten. Christkirchentum als politisches Programm, alles in allem hat es geklappt, auch die sozialistische Kirchenbewegung hat ja schließlich ihre Klienten ruhiggestellt und Staaten unterstützt und verwaltet, die denen nicht gehörten, die hier heimisch sind.

Über solche Gedanken erreiche ich die nächste Straßenecke, Proskauer Ecke Schreinerstraße. Ich stehe vor einem Baudenkmal, vor einem sozialpolitischen Denkmal, das eine alltägliche Wirklichkeit ist. Als wenig weiter nordwärts gerade die Straße nach dem Kammerherrn benannt war, trat hier, wo die Proskauer Straße die Stadt schon ein ganzes Stück angehoben hat über die Frankfurter Allee, ein Mann auf, der nur dem Alter nach zur Generation des Kammerherrn gehörte. Er hieß Alfred Messel. Aus Darmstadt gebürtig, aber längst schon in Berlin einer der großen Architekten mit großen Aufträgen von den Leuten, die großes Geld hatten. 1892 war u.a. von zwei Männern, die sich Gedanken machten über die Macht, die vom Grundbesitz ausging, Adolf Damaschke und H. Albrecht, der Berliner Spar- und Bauverein gegründet worden. Der Verein wollte etwas tun gegen das Wohnungselend, gegen die kammerherrliche Ausbeutung, die Ausbeutung durch Kapital und Staat.

1893 zeigte Messel in der Sickingenstraße in Moabit das erste Beispiel vor: eine Einheit aus zwei Häusern mit zweigeschossigem Treppenhaus. Das machte Schule. 1896 erschien von Albrecht und Messel “Das Arbeiterwohnhaus”, eine Grundsatzschrift mit “Ratschlägen zum Entwerfen … auf Grund praktischer Erfahrungen”.
Diese Verbindung von sozialpolitischer Theorie, architektonischer Erfahrung und juristisch ausgestattetem Umsetzungswillen war neuartig und beispielhaft. Der gemeinnützige Verein wuchs rasch. Sein zweites vorbildliches Bauvorhaben entstand hier an der Proskauer Straße. Das war 1897. Der fünfgeschossige Wohnblock reichte selbstbewusst mit Turm und Giebel an die Straßenecke und weicht nicht vor ihr zurück, denn Stadt heißt: geschlosssene Fassaden und bebaute Ecken. Stadt ist Stadt und keine Landschaft, da fielen die Späteren hinter Messel zurück (sogar Bruno Taut, der eine Generation später für denselben Verein baute).

Der Komplex Proskauer/Schreinerstraße enthält fast nur Wohnungen aus Stube, Kammer, Küche, zwar ohne Bad damals, aber mit Innentoilette; er wird umschlossen, von einer einheitlich gestalteten Fassade, die weder die einzelnen Wohnungen noch die einzelnen Häuser abbildet und die durch unterschiedliche Giebel, Loggien, Balkone unter leuchtender Gesamtfarbe Vielgestaltigkeit gewinnt.
Das war damals eine Tat, die mit Weltmaßstab zu messen war, Weltklasse (um ein später in Deutschland populär gewordenes Spitzenwort zu zitieren). Auf der Weltausstellung in Paris zu Beginn des neuen Jahrhunderts, das ein Jahrhundert der Stadtzerstörung werden würde, 1900 gab es eine Goldmedaille dafür.

Ich gehe die Proskauer Straße zu Ende. Sie setzt sich jenseits der Eldenaer Straße fort in dem Fußgängerüberweg, der über zum Bezirk Prenzlauer Berg gehörendes Gelände zum S-Bahnhof und zur Storkower Straße nach Lichtenberg führt.
Diese überdachte Füßgängerbrücke zwischen drei Bezirken ist fast so lang wie die Proskauer Straße, die ich hierher heraufgewandert bin. Sie ist keine Schönheit, aber doch eine Einmaligkeit. Sie lässt uns von oben tiefe Blicke tun in und über die Stadt. Über die weiten Dächer der kaum noch genutzten Industriehallen westlich (östlich: Berliner Fliesenmarkt, Teppichland Berlin) blicke ich auf die Türme am Frankfurter Tor, die so tun, als ob sie den Gendarmenmarkt bekrönten.

Vorne liegt der Forckenbeckplatz in dichtem Grün. Sein Name erinnert an einen Mann, der – als diese Viertel hier wuchsen – versuchte, ein Parlamentarier in Deutschland zu sein und dann Oberbürgermeister der Reichshauptstadt war. “Dieses Volk kann nicht reiten!” sagte der Reichskanzler, nach dem heute noch überall in Deutschland Straßen, Plätze, Höhen und Türme benannt sind: “Dieses Volk kann nicht reiten! Die was haben, arbeiten nicht, nur die Hungrigen sind fleißig. Ich sehe sehr schwarz in Deutschlands Zukunft. Wenn die Forchow und Wirkenbeck (Virchow und Forckenbeck) ans Ruder kommen, fällt alles auseinander. Keiner wirkt fürs Ganze, jeder stoppt nur an seiner Fraktionsmatratze”.
Das war zehn Jahre bevor die Bänschstraße den Namen des Kammerherrn und anderthalb Jahrzehnte bevor der Forckenbeckplatz den Namen des Bürgermeisters und die Proskauer Straße ihre berühmten Häuser erhielt. Auf diesem Reitplatz der Geschichte ist Deutschland ganz schön herumgeritten.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Schluss zu Mutters Füßen

Auf meinem heutigen Gang sind Mauern die Attraktionen und die Wege an Mauern entlang. Die halbe Friedenstraße ist ein solcher Weg. Die Friedhofsmauer an der Friedenstraße hat drei Eingänge, der letzte (oder der erste) liegt neben dem ehemaligen Verwalterhaus, aber die Friedhofsverwaltung ist ausgezogen, jetzt “Forschungs- und Erkundungsgemeinschaft für Kultur, Kunst und Geschichte”. Bei dem Namen lässt sich vieles denken; für meinen Großvater waren alle Geschäfte, deren Rentabilität ihm nicht einleuchtete, bürgerliche Verkleidungen von Spionage. Aber was gibt es hier zu spionieren?
Die Geschichte gibt es aufzudecken, die Gegenwart ist nur Fassade der Vergangenheit. Die Friedenstraße: einst Europas modernste Brauereistraße. Der südliche Barnim fällt hierher auf schmalem Gelände fast 12 Meter ab, das ließ sich nutzen für Bierkeller und andere Aufbewahrungen.

Als Franz Schwechten mit dem Anhalter Bahnhof fertig war, bekam er einen Auftrag von Roesicke: ein Grabmal für den Mann, der Schultheiß hochgebracht hat. Da steht es nun: ein Sandsteinhaus, das Architekten und Bauherrn übersteht, weil es steht, zugegen ist auf dem Friedhof Nummer V, nahe beim Böhmischen Brauhaus, dessen Sudhaus in eine Turnhalle verwandelt ist.
Wo viele Menschen sind, braucht man viel Bier. Bis in die deutschen Kolonien wurde es transportiert, der Weltmarkt hat begonnen mit Räubereien und Transporten aus der neuen Welt in die alte, er setzte sich auch auf umgekehrtem Wege fort. Zwischen den Totenplätzen und den Brauplätzen: die Massenkirche, man hatte sich die Christlichkeit des Volkes auf die Dauer massenhafter vorgestellt. Ich gehe um die Auferstehungskirche herum, der Platz gefällt mir, die Kirche ins unrenoviert, Gesträuch und kleine Bäume wachsen aus dem Gemäuer. Der Turm ist beschnitten, die Kirche ist kleiner als sie mal war, ihre auftrumpfende Prächtigkeit ist in Notdürftigkeit verwandelt.

Der Weg führt aufwärts, heißt Diestelmeyerstraße, nach einem Politiker des 16. Jahrhunderts; ohne die Straße wüsste ich von ihm nichts. Und vermisste nichts, aber die Straße vermisste ich, wenn sie plötzlich geschlossen wäre; sie führt am Rücken der Friedhofsmauer aufwärts, links Sport und Spiel, rechts Tod und Verwesung, die Grabmale sind die Mauer, manche sind durchsichtig, die Zeit hat Steine herausgebrochen zu überraschenden Luglöchern. Ein Stückchen weiter, ehe sie in die Matthiasstraße übergeht, verwandelt sich die Straße vom Weg wieder zum Pflasterstück. Dort liegen die Schwerhörigen-Schule und zwei Kitas, die obere heißt Zwergenland mit Spraybildern über die Zwerge. Ich habe Sympathie für Zwerge, nicht wegen Dornröschen, sondern wegen Swift. Nach rechtwinkliger Kehre folgen Neubauten, Ärztehäuser 1 und 2, Dutzende von Medizinierinnen und Medizinern. Da lohnte es sich, mit mehreren Mängeln aufzutreten.

Nun gehe ich an der Mauer des Krankenhauses Friedrichshain entlang, gegenüber die Friedhofsmauer, Zwischen Baustelle Brau und Brunnen, ehemaligen Patzenhofer Brauerei, und den Friedhöfen gibt es jetzt einen zusätzlichen Eingang, der – um diesen alten Straßennamen zu verwenden – einmal schöne Kommunikationen erlaubt zwischen Landsberger Allee und Friedenstraße.
Dem Krankenhaus sieht man es von außen nicht an, dass es einmal Europas modernste Sanitätseinrichtung war.
Nach Virchow heißt die Straße, in die ich jetzt nach Norden einbiege. Einfach ist dieser Weg zur Zeit nicht zu gehen, der Bürgersteig ist kaum noch für Fußgänger, die Straßenbahn biegt unsensibel um die Ecke. Rudolf Virchow war nicht nur einer der absoluten Spitzenärzte des 19. Jahrhunderts, sondern – wo ist ein vergleichbarer heute? – einer der führenden deutschen Oppositionspolitiker, ein Mann, der für Deutschlands bessere Möglichkeiten stand, Fortschritt, vergeblich.
Aber das Krankenhaus ist da, “ein Haus, das keine Ängste einjagt”, sagt der neue Chefarzt, “ein Platz, wo Geschichte passiert”. Jaja, Geschichte passiert immer, hier sieht man, dass hier Geschichte passiert ist. Rudolf Virchow und der Fortschritt – erstmal haben in Deutschland die anderen gesiegt, diejenigen, die die Krankenhäuser beliefern und die Totenfelder.
Ich sitze der dicken Mutter Edmund Gomanskys gegenüber, am Beginn oder – je nachdem – am Ende des Volksparks, den ich heute nicht beschreiben will, weil er so dick voll ist mit Geschichte, dass die jungen Leute, die im Grase liegen, hoffentlich nicht allzu viel davon wissen. Vergessen ist Macht.

Ich bin müde. Ich betrachte die Riesen-Mutter, die ihr Riesen-Kind auf den Knien hält: die Mutterpose, die das Christentum geheiligt hat und die der Wirklichkeit der Leute so wenig entsprach. Das Denkmal ist von 1898, das ist das Jahr, in dem mein Vater geboren wurde, gerade heute, am 15. Mai, vor 99 Jahren, ich lag unter den Stachelbeersträuchern 1939, als er abzog, um andere Kinder, Frauen und Männer zu überfallen; er ist’s nicht, Adolf Hitler ist’s gewesen; abends lag ich im Bett neben meiner Mutter, die auch allein war. Die private Geschichte ist eine ganz andere Geschichte als die öffentliche. Aber auch aus der privaten Geschichte kann man fast nichts lernen. Sie ist vorbei. Das falscheste Denkmal kann die richtigsten Gefühle auslösen.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)