Ein Schultag mit Folgen

Mitte der Siebziger Jahre wehte ein besonderer Wind durch die Schulen West-Berlins. Die 68er-Revolte hatten wir höchstens als Kinder am Fernsehen verfolgt, “die Studenten” wurden uns als Feindbilder präsentiert. Mein Vater, ein Beamter, tat seinen Teil dazu, um uns Kindern diese Sichtweise einzutrichtern. Mir blieben vor allem die langen Haare der Revoltierenden im Gedächtnis und das Gefühl von Faszination.
Nur wenige Jahre später wuchsen die Haare auch an vielen Jungen-Köpfen. Sie gehörten jetzt dazu, die Ohren verdeckt, das Gemecker der Alten ließ nicht lange auf sich warten. Die Studenten waren weiterhin eine Generation vor uns, wir hatten mit ihnen nicht viel gemein. Die ersten von ihnen wurden nun unsere Lehrer und sie gaben sich wirklich Mühe. Während die alten uns im Erdkunde-Unterricht Flüsse und Bodenschätze pauken ließen, übersetzten die jungen Lehrer mit uns im Englisch-Unterricht die Texte der Beatles und der Rolling Stones. Die Tische der Schüler wurden umgestellt, zu kleinen “Inseln” gruppiert, nicht mehr nur mit dem Blick geradeaus.
Man erhielt immer noch eine Eintragung ins Klassenbuch, wenn man mal wieder den Unterricht geschwänzt hatte, der Unterschied war aber, dass sich der Lehrer für die Gründe des Wegbleibens interessierte. Aber bei unserem Klassenbewusstsein (Schüler gegen Lehrer) hatte er keine Chance.

Eines Tages erzählte unser Klassenlehrer, dass ein anderer sehr beliebter Kollege von ihm aus der Schule entlassen wurde. Ich kannte ihn nur flüchtig, weil er mal eine Vertretungsstunde bei uns hatte. Aber er war wirklich sympathisch. Vollbart, lange Haare und immer freundlich. Und anscheinend Kommunist, das war jedenfalls die Begründung für seinen Rauswurf. Natürlich wusste wir nicht, was das bedeutete, obwohl es bereits einige Schüler gab, die sich “schon aus politischen Gründen” sehr für ihn einsetzten. Sie verteilten auch manchmal Flugblätter, die wir dann ungelesen zu Papierfliegern verarbeiteten.
Die Entlassung des Lehrers zog allerdings weitere Kreise, als es sich das Schulamt vorher gedacht hatte. Eines Tages kam unser Klassenlehrer zu uns und berichtete, dass es morgen eine Demonstration gegen die Entlassung geben würde. Es sollte eine Schülerdemonstration sein und alle Hauptschulen aus Kreuzberg würden daran teilnehmen. Ein Schüler aus der Nachbarklasse saß neben ihm und fing dann an zu erzählen: Es ist geplant, dass die Schüler einen Sternmarsch machen, aus fünf Schulen zum Bezirksamt. Insgesamt waren nämlich Lehrer aus drei Hauptschulen betroffen und es waren überall die beliebtesten. Wir sollten uns während der ersten Hofpause am Tor versammeln. Die Schüler einer benachbarten Schule würden mit ihrem Demozug bei uns vorbeikommen und abholen, gemeinsam sollten wir dann zum Rathaus ziehen. Das hörte sich alles sehr aufregend an, auch wenn ich den Grund dafür nicht wirklich kapierte. Aber das war egal, immerhin winkten Spannung pur und einige Freistunden.

An den ersten beiden Stunden den nächstens Tages war an normalen Unterricht nicht zu denken. Alles redete durcheinander und unsere strenge Bio-Lehrerin gab sich irgendwann auch keine Mühe mehr. Mittendrin stand sie allerdings auf und sagte laut, dass wir uns keine Illusionen machen bräuchten: Wir dürften die Schule erst nach dem offiziellen Schluss verlassen, die Demo sei für uns gestorben. Natürlich haben wir das nicht ernst genommen.
Am Morgen waren auch wieder Flugblätter verteilt worden, diesmal wurden sie sogar gelesen. Alle wussten, dass etwas passieren würde und so fieberten wir der großen Pause entgegen.

Das erste was wir sahen, als wir auf den Hof hinaus kamen, waren die verschlossenen Tore. Die Schulleitung hatte die riesigen Gitter schließen lassen und mehrere Lehrer davor postiert. Drüberklettern war nicht. Mehrere hundert Schüler standen auf dem Hof herum, unschlüssig, wie es weitergehen sollte. Einige diskutierten mit den Lehrern am Tor und auch unser Klassenlehrer zeigte offen, dass er auf unserer Seite stand. Er schnauzte unseren alten Sportlehrer an: “Sie sind natürlich wieder in der ersten Reihe dabei. Wie früher!” Erst Jahre später habe ich kapiert, was er damit gemeint hat.
Als das Klingeln das Ende der Pause anzeigte, wuchs die Spannung. Natürlich wollten wir jetzt nicht brav in die Klassen gehen. Einige Streber liefen zwar ins Haus, aber sie waren dort allein. Der Rektor rannte aufgescheucht mit einigen Hiwis durch die Menge, schrie einzelne Schüler an, packte sie sogar am Arm. Sofort rief eine Schülerin um Hilfe, erschrocken ließ er sie wieder los. Eines war klar: Sie konnten uns zwar auf dem Hof einsperren, nicht aber in die Klassenräume zwingen. Jetzt erst recht nicht.
Plötzlich Polizeisirenen, Blaulicht auf der Straße, Mannschaftswagen vor dem Schultor. Wollten sie uns jetzt etwa ins Haus prügeln lassen? Viele Leute bekamen Angst. Mein Freund, der eigentlich immer sehr ängstlich war und deswegen von vielen gehänselt wurde, war auf einmal richtig mutig und schrie: “Ihr Arschlöcher”. Er zitterte zwar wie verrückt, aber es war klar, dass er diesmal nicht nachgeben würde. Mir, aber auch einigen anderen gab sein Verhalten den Mut weiterzumachen. Auch wenn wir nicht wussten, wie das enden sollte. Natürlich hatten wir alle Angst, verprügelt zu werden, die Bilder kannten wir ja aus dem Fernsehen. Aber diesmal hatten sie uns in einen kollektiven Trotz getrieben, wir wussten, dass ein Nachgeben für uns noch lange Auswirkungen haben würde.
Doch die Polizei war nicht nur wegen uns da. Sie war die Vorhut der Demo, die auf dem Weg zu unserer Schule war. Nach wenigen Minuten hörten wir die Sprechchöre. Die Polizisten stellten sich in einer Kette vor unserem Tor auf, so gut war der Schuleingang wohl noch nie bewacht: Innen Lehrer, außen behelmte Polizisten. Wir sahen die Menge vor dem Tor anwachsen und von draußen riefen sie: “Tor auf! Tor auf! Tor auf!” Natürlich stimmten wir sofort in den Sprechchor ein, hunderte pubertäre Rufe, sie mussten uns wohl Kilometer weit hören. Es war ein herrliches Gefühl der Stärke und des Zusammenhalts.

Von den Lehrern und den meisten Schülern unbemerkt hatten sich einige von uns in den hintersten Winkel des Schulhofs zurückgezogen. Dort standen die Mülltonnen und auch einiger Sperrmüll an einer Brandmauer. Plötzlich schrien Sie “Feuer!” und “Hilfe!” und rannten von hinten nach vorn auf das Tor zu. Die meisten von uns erkannten die List sofort, nur die Lehrer nicht. Sie gerieten sofort in Panik, zumal die Flammen und der Rauch schon gut zu sehen waren. Jetzt war das Löschen wichtiger, die armen Schüler mussten in Sicherheit gebracht werden. Innerhalb von Sekunden war das Tor auf, auch die Polizisten gingen sofort zu Seite, wir stürmten auf die Straße. Frei!

Die Demonstration zum Rathaus war natürlich auch sehr aufregend, zumal mehrere Schüler Spaß daran hatten, sich mit den Polizisten anzulegen. Einmal kam es kurz zu einer Prügelei, bei der sie sogar ihre Knüppel einsetzten. Trotzdem ging der Zug weiter und schließlich hielten wir eine Kundgebung vor dem Kreuzberger Rathaus ab. Damit war die Aktion beendet.
Ob die Demonstration gegen die Entlassungen erfolgreich war, weiß ich nicht mehr. Für mich aber, und auch für viele meiner Mitschüler, hatte dieser Tag mehr bewirkt, es war der Anfang einer Politisierung. Zwar wurden aus den Flugblättern auch weiterhin Flieger gebaut – ab diesem Tag wurden sie jedoch vorher gelesen.

ANDI 80




Der erste 1. Mai in Kreuzberg

1987 gab es in Kreuzberg die bis dahin stärksten Straßenkrawalle zum 1. Mai. Damals wurde die “Tradition” der Maikrawalle begründet. In einem Romanentwurf habe ich meine Erlebnisse von damals festgehalten, die Namen wurden jedoch geändert. Aufmerksame Leser kennen den Text bereits.

Der 1. Mai war ein warmer Tag. Am frühen Nachmittag gingen wir zum Lausitzer Platz, wo gerade das Straßenfest begonnen hatte. Schon seit ein paar Jahren wurde an diesem Tag im Kiez gefeiert. Auf einer Bühne spielten Bands, Artisten traten auf, einige Läden aus der Gegend bauten Stände auf und verkauften Bücher, Schmuck und Klamotten. Politische Initiativen verteilten ihr Infomaterial und viele einzelne Leute oder Besetzerkollektive boten Kaffee, Saft und selbst gebackenen Kuchen an. Dazwischen gab es Spiele für Kinder, überall hörte man Musik, es war eine fröhliche Stimmung. Diesmal aber, 1987, war etwas anders. Es gab Diskussionen, überall standen Gruppen von Leuten, die laut miteinander redeten. Ich erfuhr, dass in der Nacht zuvor der Mehringhof von der Polizei durchsucht worden war. Dieses Zentrum der radikalen Linken in Berlin war ein Symbol, die Razzia bedeutete ein Schlag gegen die Szene. Opfer der Durchsuchung war das VoBo-Büro, wo die Aktionen gegen die von der Bundesregierung geplante Volkszählung koordiniert wurden. Es war klar, dass es dagegen noch Protest geben würde, aber ich wollte jetzt erstmal nur feiern.

Tobi aber war ziemlich sauer. Und beunruhigt. »Meinste, dass es heute noch knallt? Das kann man doch nicht einfach so hinnehmen.«
»Klar, da kommt heute noch was, aber jetzt will ich erstmal was zum Futtern und ‘n bisschen rumkucken.«
»Tach Mädels, wie geht’s?« Marko war ein richtiger Autonomer, immer zu einer Provo bereit, die Hasskappe in der Tasche.
»Habt ihr Lust auf ein bisschen Action? Wir treffen uns gleich am Görli, vielleicht finden wir was zum Aufräumen.«, grinste er.
Aufräumen – das bedeutete das genaue Gegenteil, Krawall, mit oder ohne Anlass. Hauptsache es knallt. Ich bin jemand, der darauf auch manchmal Lust hat, in den vergangenen Jahren habe ich an fast allen Straßenschlachten teilgenommen. Diesmal aber wollte ich nicht so recht, jedenfalls nicht jetzt schon, am späten Nachmittag.

Noch während wir neben der Kirche am Lausitzer Platz standen, hörten wir Geschrei am Görlitzer Bahnhof. Von uns aus konnten wir aber nichts sehen, außer einem einzelnen Baulicht. Tobi nahm mich an die Hand und so wäre ich mit ihm überall hingegangen. Er wollte aber auch erstmal nur auf dem Fest bleiben.
Auch die Kirchengemeinde hatte einen Stand aufgebaut und verkaufte dort Kekse und Saft. Nicht teuer, aber trotzdem zu viel für mich. In dieser Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten, nett oder böse sein. Also entweder diskutieren oder einfach zugreifen und abhauen. Beides macht auf unterschiedliche Art Spaß, aber weil Christen ja gerne reden, versuchte ich sie meinerseits zuzutexten. Von wegen, dass Jesus ja auch das Brot gebrochen habe und nicht extra Geld dafür verlangte.
»Gebt dem armen Jungen doch was zum Essen, er wird sonst vor Hunger noch bewusstlos, direkt vor eurem Stand!« Tobi gab sich wirklich Mühe.
»Dafür würde er euch bestimmt auch die Füße waschen.«
Ich dachte, ich höre nicht richtig.
»Bist du bekloppt? Wieso denn Füße waschen?«
»Du solltest öfter mal in der Bibel lesen. Da steht das drin!«
Natürlich hatte auch Tobi kein bisschen Ahnung vom Neuen Testament, wahrscheinlich hatte der die Story nur beim Kommunionsunterricht aufgeschnappt.  Aber ob man damit Christen beeindrucken kann?
»Du siehst eigentlich nicht so aus, als ob du nach der Bibel leben würdest«, entgegnete die Hippiefrau schnippisch, aber da war sie bei uns an der richtigen Adresse!
»Wie bitte? Schon als Kind habe ich täglich den Herrn angerufen…«
»…und um Vergebung gefleht für meine Sünden!«
»Genau. Und wie oft habe ich meinen Mitmenschen in schweren Stunden beigestanden!«
»Stimmt. Er hat Trost gespendet und sein letztes Hemd hat er gegeben!«
»Alles im Namen der Barmherzigkeit und des Glaubens.«
»Amen!«
Tobi und ich ergänzten uns hervorragend und wir waren erfolgreich: »Na gut, ihr habt mich überzeugt…«
Wir beide grinsten uns an.
»… dass ihr gute Schauspieler seid. Das soll belohnt werden.«
Sie goss jedem von uns einen Becher Saft ein und reichte uns zwei Stück Kuchen.

In diesem Moment rannten uns mehrere Kinder um, die Saftbecher flogen auf den Verkaufsstand, wir selber konnten uns gerade noch festhalten. Eben noch überall Musik und Lachen, auf einmal nur noch Geschrei. Innerhalb einer Sekunde war die Stimmung gekippt, die Panik der Kinder griff auch auf die Erwachsenen über. Die Wege zwischen den kleinen Ständen waren viel zu eng für die Masse an Menschen, die plötzlich dort durch rannten. Alles was im Weg stand, wurde zur Seite gedrückt, die vielen Tapeziertische mit Spielzeug und Selbstgebackenem zerbrachen, durch die berstenden Saftflaschen wurde es sofort sehr rutschig. In ihrer Panik fielen die Leute hin, andere rannten darüber hinweg.

Im Gegensatz zu den meisten anderen wusste ich, dass unkontrolliertes Wegrennen meist keinen Sinn hat. Man nimmt seine Umgebung nicht mehr wahr, läuft vielleicht noch in die falsche Richtung. Bei den vielen Demonstrationen habe ich gelernt, ruhig zu bleiben, die Situation zu überblicken und erst dann zu reagieren. Nun aber sah ich die Kette der weißen Polizeihelme auf uns zu rennen, ihre Knüppel schlugen in alle Richtungen. Während die ersten nur noch ein paar Meter entfernt waren, blieb der größte Teil von ihnen stehen. Dort prügelten sie auf mehrere Leute ein, die am Boden lagen und sich, so gut es ging, mit ihren Armen vor den Schlägen schützten. Sie schrien um Hilfe. Wir standen direkt neben einem Gebüsch, und anstatt mit mir abzuhauen, bückte sich Tobi, holte sich einen Stein aus den Büschen und warf ihn aus der Drehung dem vordersten Bullen direkt an den Helm. Sofort rasten wir los, den anderen Flüchtenden hinterher. Nach ein paar Metern kamen wir an einem Kinderwagen vorbei, offenbar war die Mutter mit ihrem Baby schon weggerannt. Im Laufen zog ich den Wagen hinter uns her und warf ihn um. Wie erhofft stolperte der Prügelbulle, allerdings ohne richtig hinzufallen. Ein anderer sprang darüber hinweg und verfolgte uns weiter. Anscheinend wurde er aber zurückgepfiffen. Er drehte um und dann liefen sie zu ihrer Einheit zurück.

Damit war es aber noch nicht vorbei. Von hinten wurden nun Tränengasgranaten geschossen, und zwar großflächig auf den gesamten Platz. Während sich die Schläger zurückzogen, knallten von dahinter die Gewehre, die innerhalb einer Minute mindestens 20 Gaskartuschen abfeuerten. Der gesamte Lausitzer Platz, der kleine Park, der Spielplatz und die Kirche verschwanden in den Tränengasschwaden. Während des Angriffs waren viele Kinder in die Büsche geflüchtet, schreiend kamen sie nun raus und rieben sich die brennenden Augen. Eine Frau kam mit einer Seltersflasche angerannt und spülte mehreren Mädchen die Augen aus, alle nicht älter als neun oder zehn Jahre.
Manche hatten den Fehler begangen hatte, sich in Hauseingänge zu flüchten. Das hat die Polizei beobachtet. Ein Trupp stieß vor, riss die Türen auf und schoss ebenfalls Gas in die Hausflure. Natürlich strömt es dort auch in die Wohnungen, aber das war ihnen wohl egal. Für sie waren die Kreuzberger eh alles potenzielle Terroristen, da ist es nicht schade drum, wenn deren Wohnungen mit Tränengas verseucht wurden.

Auch Tobi und ich hatten die volle Ladung abbekommen und so brannten uns die Augen wie verrückt. Man musste sie möglichst zu lassen, was beim Wegrennen aber nachvollziehbare Probleme macht. Ich hatte Kontaktlinsen, die die Augen einige Minuten vor dem Gas schützen. So konnte ich uns beide in ein türkisches Café retten, in dem wir uns erstmal die Augen ausspülen konnten.

»Das mit dem Stein war nicht gerade die Idee des Jahrhunderts«, sagte ich zu meinem Freund.
»Wieso? Kloppe hätten wir doch sowieso bekommen. Außerdem hatte ich zum Nachdenken keine Zeit, wie du vielleicht bemerkt hast.«
Zwischen uns war plötzlich eine aggressive Stimmung.
»Kein Grund gleich auszuflippen, man! Was sollte ich denn machen? Stehen bleiben und mich zusammenschlagen lassen?«
Er hatte ja recht, wahrscheinlich hätte ich selber auch geworfen, wenn ich gerade ‘nen Stein oder eine Flasche in der Hand gehabt hätte.
»Haste gehört, wie das gescheppert hat?« Wir lachten beide los.
»Kein Wunder, Hohlköpfe sind ein prima Resonanzkörper. Das ist wie bei ‘ner Glocke.«
»Gong. Gong«. Ich konnte mich plötzlich vor Lachen kaum noch halten.
»Schade, dass er sich nicht richtig auf’s Maul gelegt hat.«

»Und wie geht’s jetzt weiter?«, fragte Tobi.
»Na, was glaubst du denn? Nach der Aktion knallt es doch wie noch nie.«
Ich sollte recht behalten. Innerhalb einer Stunde entwickelte sich eine Straßenschlacht, wie es sie in Berlin wohl seit 1945 nicht mehr gegeben hat. Hunderte von Menschen griffen die Polizei an, mit Steinen und Knüppeln gingen sie auf sie los.

Wir trieben sie in ihre Mannschaftswagen, nach der Zerschlagung des Festes war die Stimmung unter den Leuten voller Hass. Immer weiter jagten wir die Bullen vor uns her. Manche von denen rannten den bereits flüchtenden Mannschaftswagen hinterher, schafften es gerade noch reinzuspringen. Dann flogen die ersten Mollies an die Wannen, zwei, drei Meter hoch schlugen die Flammen. Zwar wurden jetzt noch Wasserwerfer herangekarrt, aber es nutzte nichts mehr. Was nun folgte war Anarchie pur. Vom Lauseplatz bis zum Kottbusser Tor und dem Moritzplatz, überall wurden jetzt Barrikaden gebaut, eine Strecke von etwa einem Kilometer. Autos, die am Straßenrand geparkt waren, wurden quergestellt. Wir zogen Bauwagen auf die Straßen, warfen sie um und zündeten sie an. Aus allen Hinterhöfen und Baustellen wurde nun Material für den Barrikadenbau herangeschleppt. Mülltonnen, Holzbalken, Zementmischer, Gitter, alte Möbel, auseinander gerissene Baugerüste, Reklametafeln. Auf jeder Kreuzung bauten die Leute meterhohe Barrieren. Und das waren längst nicht nur wir Hausbesetzer, sondern viele andere Kreuzberger, die von der Polizei die Schnauze voll hatten. Viele Kinder und Jugendliche waren dabei, Studenten, Türken und Deutsche, Junge und Alte, Arme, Arbeiter, Angestellte, Alle. Es war ein wirklicher Volksaufstand. Während sich die Polizei immer weiter aus dem Kiez zurückzog, übernahmen wir die Kontrolle.

»An dieses Straßenfest werden wir noch lange denken!« Tobi war begeistert, überschwänglich, und während rings um uns weiter Barrikaden gebaut wurden, tanzte er auf der Straße. Nach dem Schreck von vorhin waren wir jetzt total ausgelassen. Plötzlich waren wir stark und die Bullen die Hasen.

Das Zentrum des Riots war die Oranienstraße. Am Kotti tobten noch Kämpfe, während der Kiez selber schon »befreit« war. Wie auch sonst meistens hatten Tobi und ich unsere Tücher um den Hals, das war Mode in der Szene, aber auch ganz praktisch. Notfalls konnte man es sich einfach vor’s Gesicht ziehen, um nicht so schnell erkannt zu werden. Auf diese Weise zogen wir unter dem Hochhaus durch, das die Adalbertstraße überspannt, zum Kottbusser Tor. Der Kreisverkehr mit dem Hochbahnhof in zehn Metern Höhe, war voller Menschen. Die wenigsten von denen waren vermummt, wahrscheinlich war auch kaum jemand vorher schon mal an einer solchen Schlacht beteiligt gewesen.

Der gesamte Platz war eingenebelt vom Qualm der brennenden Barrikaden, die in Richtung Wassertorplatz errichtet wurden. Es war ein merkwürdiges Bild: Während Hunderte von Menschen Material für die Barriere anschleppten, die immer höher wuchs, sah man von dahinter nur noch die Spritze eines Wasserwerfers. Er gab sein bestes, aber das Feuer konnte er nicht mehr löschen.
Von unserer Seite flogen Steine, der halbe Gehweg war bereits auf dem Luftweg in Richtung Polizei befördert worden. Die revanchierte sich mit Tränengasgranaten, die im Dutzend auf uns abgeschossen wurden.

Mitten in der allgemeinen euphorischen Stimmung wurde Tobi plötzlich ganz still.
»Was ist los, hast du Angst?«
»Na ja, meinst du nicht, dass die gleich richtig zurückschlagen?«
Bevor ich antworten konnte, gab es ein paar Meter neben uns ein großes Geschrei. Drei Zivilbullen hatten sich jemanden gegriffen und versuchten nun, ihn auf die andere Seite zu bringen. Das konnte nicht gutgehen, denn der Weg war längst versperrt. Die Zivis waren so sehr mit ihrer Verhaftung beschäftigt, dass sie die Falle gar nicht bemerkt hatten, in der sie längst saßen. Von allen Seiten schlugen und traten Leute auf die drei Polizisten ein, die sich jetzt mit Tonfas zu verteidigen suchten.
»Warum lassen die Idioten den Typen nicht laufen? Sie haben doch gar keine Chance!«

Ein paar Leute versuchten, den Festgenommenen zu befreien, sie zerrten an ihm, während andere auf die Bullen einschlugen. Plötzlich zogen zwei von denen ihre Pistolen und zielten auf die Angreifer. In diesem Moment wurde der dritte von einem Stein am Kopf getroffen und fiel blutend zu Boden. Nun konnte sich der verhaftete Junge befreien und rannte sofort weg. Zu dritt bahnten sich die Zivis einen Weg durch die Meute, immer die Waffen im Anschlag, die Todesangst war ihnen deutlich anzusehen. Einem wurde noch die Jacke vom Körper gerissen, dann waren sie verschwunden.

»Wollt ihr hier nur rum stehen und glotzen, oder was?« Der Typ, der uns angesprochen hat, hielt eine Holzkiste in der Hand, in der ein Dutzend Flaschen standen, alle mit einem Stück Stoff als Pfropfen. »Feuer habt ihr ja hoffentlich selber.«
Er reichte mir eine Flasche, aber ich nahm sie nicht an. »Was soll ich damit? Ich will die Bullen vertreiben, nicht umbringen.«
Der Typ lachte arrogant und fragte Tobi: »Bist du auch so ein Weichei? Dann geht doch nach Hause zu Mami.«
Tobi fühlte sich in seinem Stolz verletzt und griff nach der Brandflasche.

»Du weißt aber schon, dass man den nach dem Anzünden wegwerfen muss, ja?« Der Typ war ein Arschloch, das war nicht zu übersehen, Außerdem ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass er auch ein Provokateur sein könnte, der erst Leute zu Aktionen animiert, um sie später verhaften zu lassen. Ohne groß nachzudenken, nahm ich Tobi den Molly aus der Hand, zog den Stoff heraus und reichte dem Typ die Flasche. Dabei war ich wohl etwas zu schnell, so dass ein großer Schluck Sprit heraus spritzte – genau auf die Jacke des Typen.
»Pass doch auf, du Idiot!«, brüllte er, »das ist Benzin. Willst du mich abfackeln?«
Er wurde total jähzornig und hätte er nicht noch die Kiste mit den Mollys in der Hand gehabt, wäre er vielleicht auch auf mich losgegangen.
»Man, reg dich nicht so auf, Alter!« Plötzlich war auch Tobi sauer. Er schrie den Typen an, dass er sich verpissen solle. In der Zwischenzeit waren die Leute um uns herum aufmerksam geworden. Einige nahmen dem Typen Flaschen aus der Kiste, um sie selber zu benutzen. Mir aber blieb er suspekt und so war ich froh, als er endlich weiterzog.

Mittlerweile wurde es langsam dunkel und erfahrungsgemäß werden Schlachten mit der Polizei dadurch noch angeheizt. So war es auch an diesem Abend. Jenseits der Barrikaden am Kottbusser Tor zogen sich die Wasserwerfer und Wannen zurück. Plötzlich war da kein Blaulicht mehr und kein Tränengas. Es war, als hätten wir gewonnen und die feindlichen Truppen waren geflüchtet. Ganz falsch war die Einschätzung nicht, wie wir später aus einem Mitschnitt des Polizeifunks erfahren haben. Die Wucht des Widerstands hatte die Polizei einfach überrascht, zudem gab es unter ihnen  auch viele Verletzte.

Hinter dem Heinrichplatz war was los, das sahen wir bis hierher. Im Hindernislauf um die kleinen und größeren Brände herum kamen wir zum Görli.
Der Name Görlitzer Bahnhof ist eigentlich falsch, denn er bezieht sich auf einen Bahnhof, den es gar nicht mehr gibt. Er lag zwischen der Wiener und der Görlitzer Straße, also einige hundert Meter weiter östlich, aber durch den Mauerbau war er vom Streckennetz abgeschnitten. Jetzt war er einfach nur Brachland, das mal zum einem Park mit Schwimmbad werden sollte.
Am Hochbahnhof Görlitzer stand auf ‘nem Eckgrundstück ein weiß verkleidetes, zweistöckiges Gebäude ohne Fenster. Der große Supermarkt von Bolle, eine wichtige Einkaufsquelle für die Bevölkerung. Und der wurde gerade geplündert.
»Kuck mal, Bolle hat heute geöffnet«, grinste Tobi mich an.
»Dann mal nichts wie hin.«

Es war ein überwältigendes Bild. Die Schaufenster waren zerbrochen, die Glastür existrierte nicht mehr. Im Innern sahen wir mindestens hundert Leute. Manche hatten gleich die Einkaufswagen vollgepackt und schoben sie nach Hause. Die meisten hatten irgendwas in den Händen, Würste, Obst, Büchsen, irgendwelche Kartons mit Lebensmitteln. Doch nicht das war das Aufregende, sondern die Leute selbst. Kaum jemand war ein typischer »Szene«-Mensch, sondern es waren die normalen Nachbarn, die dort plünderten. Viele Kinder und Jugendliche, klar. Aber auch Männer Typ Familienvater, alte Rentner mit Einkaufswägelchen, ganze türkische Familien. Der Alkohol und die Zigaretten waren schon weg, als wir in den Supermarkt kamen. Überhaupt war alles Teure längst »ausverkauft«, Käse und Fleisch können sich viele hier ja kaum leisten. Ein Pärchen, beide um die Fünfzig, schlenderte am Marmeladenregal entlang. Man sah ihnen an, wie sehr sie es genossen, endlich mal nicht auf den Preis schauen zu müssen. Ein paar Kinder legten Milchtüten auf den Boden und sprangen drauf, damit sie platzen und den Inhalt umherspritzen. Ihr Vater kam und brüllte sie an, dass sie lieber mal was Sinnvolles machen sollten: »Helft Mutti beim Tragen!«
Es war schon eine komische Situation, diese Alltäglichkeit mitten in dieser totalen Anarchie.
»Weißte was wir jetzt machen,?« Tobi strahlte plötzlich wie ein Atomkraftwerk. »Wir holen jetzt auch was. Für Martha.«
»Ja, coole Idee. Ach, die wird sich freuen!«

Martha hieß mit Nachnamen Pfahl, was ihr im Leben sicher viel Spott eingetragen hat. Jetzt war sie über 80 Jahre alt und lebte in einer kleinen Einraum-Wohnung im Hinterhaus der Oranienstraße 169. Wir kannten sie, weil wir ihre Nebenwohnung mal besetzt hatten. Martha war sehr offen und kam gleich mal rüber zum Kucken und brachte sogar Kekse. Tobi und ich besuchten sie seitdem alle paar Wochen mal, wenn es sich gerade ergab. Leider hatte Martha aber einen Sohn, den man nur als böse bezeichnen kann. Er war Mitte Fünfzig, BVG-Busfahrer und quälte seine Mutter oft. Wenn er zu Besuch war, musste sie ihm immer was zum Essen machen, obwohl sie sehr arm war. Aber mitgebracht hat er ihr nie etwas.

Bei Bolle am Görlitzer war nun aber nichts mehr zu holen. Wir gingen stattdessen wieder zurück in die Oranienstraße bis zum O-Platz. Hier gab es auch noch einen Supermarkt und vielleicht kamen wir da ja noch rein.
Tatsächlich wurde der Plus-Markt gerade aufgebrochen. Der Eingang direkt an der Ecke des ehemaligen Kaufhauses war mit einem Metallrollo gesichert. Normalerweise reicht das, Einbrecher wollen ja leise in den Laden kommen. Diesmal aber mussten wir uns um die Lautstärke keine Sorgen machen. Das nächste Blaulicht war erst etwa 500 Meter weiter zu sehen, noch hinter dem Moritzplatz. Wahrscheinlich wurde dort der Straßenverkehr in des Kiez gesperrt.

Anders als der große Bolle-Markt gab es hier keine Scheiben. Die waren längst gegen Holzplatten ausgetauscht, weil sie zu oft eingeworfen wurden. Und so war es im Supermarkt fast dunkel. Da wir in der Gegend wohnten, kannten wir den Markt ganz gut und konnten uns darin einigermaßen orientieren. Unser Ziel war die Wurst- und Käsetheke, und auch beim Fleisch bedienten wir uns reichlich. Vor der Kasse war das Regal mit dem Alkohol und so besorgten wir auch noch eine Flasche Likör. So voll bepackt zogen wir die hundert Meter zu Marthas Haus. Die Haustür war wie immer offen und auf dem dunklen Hof sahen wir, dass hinter Marthas Fenster noch Licht brannte.
»Wer ist denn da?« Ihre Stimme klang ängstlich, nachdem wir an der Wohnungstür geklopft hatten.
»Tobi und ich. Hey Martha, wir haben hier ein paar Geschenke für dich!«
Sie öffnete und schaute uns aus ihrem Morgenmantel ungläubig an. »Um diese Zeit seid ihr noch unterwegs, Kinder? Na, kommt erstmal rein.«
Sofort bot sie uns wieder was an, aber diesmal waren wir an der Reihe.
»Schau mal, was wir dir hier mitgebracht haben.«

Wir breiteten alles auf ihrem Tisch aus: Jeweils ungefähr ein Kilo Wurst und Käse, ein paar Schnitzel und Koteletts. Tobi zog sogar ein paar Schachteln Zigaretten aus der Hosentasche, die hatte er beim Rausgehen noch eingesteckt. Außerdem Kekse und Schokolade.
»Alles für dich, Martha. Nachträglich zum Geburtstag.«
»Aber ich habe doch erst im Oktober Geburtstag. Habt ihr das etwa gestohlen?«
Tobi setzte seinen allerliebstes Schwiegersohnlächeln auf: »Ne, Martha. Heute kriegen wir alle hier im Kiez endlich mal was geschenkt. Ist das nicht toll? Mach dir mal keene Gedanken, diesmal bezahlen die Reichen.«

Martha blieb skeptisch und kochte uns erstmal einen Tee. Sie hatte hier hinten gar nichts mitgekriegt und so erzählten wir ihr, was alles passiert war. Vom Straßenfest, vom Tränengas, von der Gegenwehr und schließlich von den Plünderungen. Immer wieder fuhr sie erschrocken zusammen. »Oh Gott, ist das denn nicht gefährlich? Passt bloß auf euch auf, meine lieben Jungs!«
Sie hatte etwas sehr mütterliches, es war schön, dass sie sich um uns sorgte. Beruhigend, als wenn uns dann nichts mehr passieren könnte.

Mittlerweile war Mitternacht durch und noch immer saßen wir auf Marthas alter Couch. Vom dritten Stock aus schaute man ein Stückchen hoch zum Dach des Vorderhauses. Vor dem halbdunklen Himmel sah ich, wie mehrere Personen geduckt über’s Dach schlichen. Mehr aber konnte ich nicht erkennen. Ein paar Minuten später plötzlich Geschrei: »Bleib stehen, du Schwein!«.
Tobi rannte zum Fenster, ich löschte erstmal das Licht. Wir sahen, wie ein paar Gestalten mit weißen Helmen über das Dach liefen. Sie waren langsam, weil sie auf der Spitze des Schrägdachs gingen, dort gab es nur schmale Bretter für den Schornsteinfeger. Offenbar suchten sie jemanden.
Und wir sahen ihn: Fest an die Dachziegel gepresst stand er etwa vier Meter unter den Polizisten in der Regenrinne. Mein Herz begann Amok zu laufen, immerhin ist das hier ein altes Haus und ziemlich heruntergekommen. Dass ausgerechnet die Regenrinne  stabil sein sollte, glaubte ich nicht. Es vergingen ein paar Sekunden, bis Tobi reagierte. »Wir müssen ihm helfen! Lass uns nach vorn gehen, vieleicht können wir was tun.«

Wir wussten, dass die Dachböden miteinander verbunden sind. Also kletterten wir nach oben und öffneten im Vorderhaus ein Dachfenster. Es war circa einen halben Meter über dem Mann, für ihn also unerreichbar. Wir machten eine Räuberleiter, ich kletterte zur Hälfte aus dem Fenster und beugte mich nach unten.
»Komm, halt dich fest, ich zieh dich hoch!«
So leicht war das aber nicht. Wer schon mal 70 Kilo mit einer Hand heben wollte und dabei kopfüber aus einem schrägen Dachfenster gehangen hat, weiß, was ich meine.

»Ey Leute, ihr habt mir echt das Leben gerettet. Diese scheiß Rinne hat mich kaum gehalten.«
»Was suchst du dir auch so einen blöden Weg aus zum Spazierengehen.«
Tobi übertraf sich mit seiner Komik wieder mal selbst.
Der da vor uns stand war kaum älter als wir. Mitte zwanzig, komplett schwarze Klamotten und um den Hals ein schwarzweißes Pallituch. Diese »PLO-Tücher« waren sehr praktisch, man konnte seinen Kopf darin komplett verhüllen.
Der missglückte Straßenkämpfer erzählte, dass er vom Dach Steine und Ziegeln auf die Polizei geworfen hatte.

»Bist du bekloppt?«, brüllte Tobi ihn an. »Damit kannst du doch jemanden töten!«
»Na und, es sind doch nur Bullen man, keine Gnade.«
Auch ich wurde total wütend. »Hast du keine Achtung vor dem Leben anderer Menschen? Was bist du – ein Nazi?«
Der Typ schrie, dass wir wohl wohl blöde Okös seien und am besten nach Hause zu Mami gehen sollen.
Tobi hatte vor Wut einen hochroten Kopf, noch nie vorher hatte ich ihn so sauer gesehen.
»Wir hätten dich fallen lassen sollen, du Arsch!«
»Auf welcher Seite steht ihr eigentlich?«, fragte der Typ und versuchte, dabei ganz lässig auszusehen. Aber er war noch immer sehr blass, soweit man das in dem schummrigen Dachboden erkennen konnte.
Tobi und ich waren sehr erschüttert über die Menschenverachtung dieses Typen. Mit solchen wollten wir nichts zu tun haben. Hatten wir aber, jedenfalls an diesem Abend. Wütend verließen wir alle den Dachboden.

Ganz kurz schauten wir noch bei Martha rein und verabschiedeten uns.
»Wir kommen morgen nochmal vorbei und erzählen dir dann, was heute noch war.«
»Oh Gott, oh Gott, passt auf euch auf, Kinder!« Sie tat mir leid, weil sie wirklich um uns besorgt war. Gleichzeitig wollte ich aber raus und nachschauen, was noch passierte. Aber wir kamen nicht weit.

Kaum standen wir auf der Oranienstraße, rannte von rechts ein Rudel Bullen auf uns zu. Sie hatten keine Schilde dabei und wir wussten, was das bedeutet: Diese Gruppe gehörte zum SEK. Das Sondereinsatzkommando ist dafür da, in Situationen einzugreifen, die für normale Polizisten zu gefährlich sind. Zum Beispiel bei Banküberfällen oder Geiselnahmen. Diese Bullen ließen sich mit ein paar Steinen nicht aufhalten, als Selbstschutz reichte der Helm. In den Händen hatten sie statt Schilden und Knüppel kleine schwarze Tonfas. Das sind Holzknüppel mit einem Quergriff, mit dem man nicht nur einfach zuschlagen kann. Wer damit umgehen kann, wirbelt ihn durch die Luft oder sticht auf kurze Distanz mit dem stumpfen Ende auf einen ein. Später erfuhr ich, dass sie in dieser Nacht jemanden genau so ein Auge ausgeschlagen haben.

Wenn ein Dutzend solcher Leute auf einen zu rennt, hilft nicht viel. Kämpfen ist sinnlos, aber verprügeln lassen wollten wir uns auch nicht. Von der anderen Seite sahen wir Blaulicht, dieser Weg war also eh versperrt.
»Das Lager!«, rief Tobi und rannte zwei Häuser weiter auf den Hinterhof. Erst in diesem Moment dachte ich an die versteckten Molotow-Cocktails auf dem Hof der 167. Wir wussten, dass es dort unter einer Metallplatte versteckt ein kleines »Waffenlager« gab. Es war nicht das einzige im Kiez, eine ganze Reihe von Höfen, leer stehenden Wohnungen, Kellern und Dachböden waren so präpariert. Mollies, Steine, Zwillen mit Stahlmuttern waren so breitflächig versteckt, genau für solche Situationen. Manche, wie das Lager im Hof der Oranien 167, lagen sogar taktisch sehr gut, was jetzt ein riesen Glück für uns war.

Wir rannten durch das dunkle Vorderhaus auf den Hof, uns war klar, dass wir nur ein paar Sekunden Vorsprung haben.
»Wo ist diese scheiß Platte?«, zischte Tobi.
»Man, direkt neben der Kellertreppe!«
In diesem Moment sahen wir schon, wie vorn die Haustür auf ging, die ersten weißen Helme waren zu sehen. Die Polizisten rannten aber nicht ins Dunkel, sondern tasteten sich vorsichtig zur Hintertür. Sie hatten wohl schon ihre Erfahrungen gemacht und sind vielleicht mal in einer Falle gelandet. Manchmal werden kleine Grüppchen von Polizisten in Höfe oder in ein Haus gelockt und dann von allen Seiten mit Steinen und Knüppeln angegriffen.

Die Sekunden der Vorsicht gaben uns die Zeit, die dicke Blechplatte zur Seite zu heben. Darunter kamen etwa ein Dutzend Mollies zum Vorschein, die allerdings noch nicht »scharf« waren. Man musste den um den Flaschenhals geknoteten Stoff ja erstmal in Benzin tränken. Das sollte vorsichtig und langsam geschehen, damit das Benzin nicht über die ganze Flasche läuft. Sonst brennt die nämlich beim Anzünden gleich mit. Aber diese Zeit hatten wir jetzt nicht.

Jeder von uns nahm sich zwei Mollies und wir rannten ein paar Meter nach hinten. Hier war eine zwei Meter hohe Mauer, hinter der ein weiterer Hof lag. Über den konnte man quer durch den Block rennen und kam dann in der Dresdner Straße raus. Das hatten wir vor. Aber als wir nach hinten zur Mauer rannten, kamen die ersten Bullen auf den Hof und brüllten gleich: »Hier sind sie!«
Tobi sprang ohne sich festzuhalten auf eine der Mülltonnen, die an der Mauer standen. Dabei fiel ihm eine Flasche aus der Hand und sie zerbrach am Boden. Ich bückte mich und tunkte den Stoff meiner beiden Mollies in die Benzinpfütze. Tobi war schon auf die Mauer geklettert, da rannten die Polizisten von hinten auf mich los.

»Fang!«, schrie ich Tobi an und warf beide Flaschen zu ihm hoch. Diesmal hatte er mehr Glück und beide Mollies blieben heil. Ich kletterte die Mülltonne hoch, während er mit seinem Feuerzeug die Lunte von einem der Brandsätze anzündete. Gerade als ich mich auf die Mauerkrone hoch zog, erreichte mich der erste Bulle und hielt mich am Bein fest. Ich sah zu Tobi und schrie: »Schmeiß doch, man!« und er warf den Brandsatz auf den Boden. Eine Sekunde später stand unter mir alles in Flammen. Der Mollie entzündete auch das Benzin der vorher zerbrochenen Flasche. Die Flammen loderten sofort einen halben Meter hoch. Ich merkte, wie der Polizist mein Bein los ließ und in die andere Richtung rannte. Bloß weg aus dem Feuer! Die anderen blieben stehen, einer trat an der brenndenden Hose des Bullen die Flammen aus. Dann ließ sich Tobi auch schon auf der anderen Seite der Mauer runter.

Ich sprang hinterher. Wir rannten über den Hof, wollten durch’s Hinterhaus nach vorn flüchten. Kaum öffneten wir die Tür, sahen wir einen bulligen Kerl vor uns. Irgendein Bewohner von der Sorte »Müllkutscher«, diejenigen, die Volkes Stimme auch mal mit der Faust Nachdruck verleihen. Er griff sich Tobi und hielt ihn am Kragen fest. Mit der anderen Hand versuchte er, mich zu packen. Ich nahm Tobi den Mollie aus der Hand und schlug ihn dem Bär auf den Kopf. Die Kopfhaut riss auf und der Mann brüllte wie wahnsinnig, sicher auch, weil das Benzin in die Wunden kam. Aber wenigstens ließ er Tobi los.

In diesem Moment sah ich, wie zwei der Bullen über die Mauer stiegen und auf uns losrannten.
»Gib Feuer!«, schrie ich und Tobi warf unseren letzten Mollie in den Durchgang zum Hof.
Hinter den Polizisten dann der brennende Eingang, im Flur der hilflos schreiende Mülltyp, man kann nicht sagen, dass wir besonders unauffällig waren. Aber wenigstens verfolgten uns die beiden Bullen nicht mehr.
Nach einem kurzen Sprint durch’s Vorderhaus öffneten wir leise die Tür zur Dresdener Straße 16 und lugten heraus. Hier waren keine Bullen, aber links und rechts sahen wir an den Häuserwänden blaue Lichter zucken. Offenbar war am Kotti und am O-Platz schon die Polizei und kurz darauf sahen wir dort auch mehrere Wannen sich langsam vortasten. Sie schoben die längst ausgebrannten Barrikaden zur Seite.

»Lass uns versuchen, nach Hause zu kommen. Genug für heute.« Ich nahm Tobis Vorschlag gerne an.
Aber so leicht war das mit dem Rückzug nicht. Denn zwischen uns und der Adalbertstraße stand jetzt der Feind. Also packten wir unsere Halstücher in die Hosentasche, setzten die harmlosesten Unschuldsmienen auf und machten uns auf einen weiten Umweg, rund um den Kiez, an der Mauer entlang bis zur Adalbertstraße.

Am nächstens Morgen spazierten wir durch den Kiez. Es sah aus wie im Kriegsgebiet. Fast alle Schaufenster waren eingeworfen, selbst die kleinen Läden aufgebrochen und geplündert. In den Türen standen vezweifelte Inhaber, manche weinten, andere waren wütend. Den meisten aber sah man ihre Ratlosigkeit an.
Am Straßenrand war genau zu erkennen, welche Autos schon in der Nacht dort gestanden haben. Sie waren entweder völlig zerbeult, mit eingeworfenen Scheiben oder sogar ausgebrannt.
»Ist dir klar, dass wir das waren?«, fragte ich Tobi. Mir ging es plötzlich dreckig, denn wir hatten ja die Polizei, den Staat, die Reichen als Ziel unserer Angriffe. Getroffen wurden aber fast nur die einfachen Leute.

»Das waren wir nicht, nur ein bisschen. Wir waren ja nur dabei.«
»Klar, alle waren nur dabei. Wie damals in der Reichskristallnacht.«
Tobi sah mich entsetzt an: »Bist du bescheuert? Was haben wir mit den Nazis zu tun?«
Mir war auf einmal wirklich zum Heulen. »Vielleicht mehr, als uns das klar ist.«
»Quatsch! Die Nazis haben Juden ermordet oder denen die Scheiben eingeschmissen, das ist doch was ganz anderes. Außerdem kämpfen wir nicht gegen ‘ne Minderheit, sondern gegen Nazis!« Seine Argumente wurden immer verworrender.
»Sind die Faschos keine Minderheit mehr? Gehören die Läden hier etwa alle den Nazis?«

Das Schlimme an der Diskussion war ja, dass ich das alles kenne und eigentlich genauso rede.
»Wir haben noch nie mal so richtig darüber gesprochen, warum wir das machen und was wir erreichen wollen.«
»Na, ist doch klar: Widerstand!« Tobi begriff nicht, was ich meinte. Kein Wunder, ich stellte ja plötzlich auf einmal alles in Frage, was bisher anscheinend klar war. Doch der Anblick dieser Zerstörungen hat mir regelrecht die Augen geöffnet.
»Aber wenn wir keinen Unterschied mehr machen zwischen einer Nazikneipe und ‘nem Klamottenladen…«

»Was hast du denn auf einmal?«, fiel mir Tobi ins Wort. »Wirst du jetzt ein Hippie oder was? Es war doch geil letzte Nacht, die Barrikaden und so. Wann erlebt man das schon mal?«
»Darum geht es doch gar nicht! Wir sind doch keine Hooligans, die sich nur wegen der Action prügeln, oder? Ich hab eigentlich schon ‘nen politischen Anspruch.«
»Politischer Anspruch. Ja toll. Ich nicht, oder was? Ey, wir sind der Widerstand, kapierste das nicht? Der Kiez gehört uns, die Bullen sollen sich hier raushalten. Und die Hausbesitzer sollen sich verpissen. Ist das vielleicht nicht politisch?«
»Und was haben die kleinen Läden damit zu tun?« So eine Schaufensterscheibe kostet bestimmt tausend Mark. Daran kann so einer pleite gehen.«

Tobi sah aber jedes Argument als persönlichen Angriff, obwohl es ja gar nicht so gemeint war. Es ging ja auch gegen mich selbst und meine eigene Ignoranz. Ich merkte, dass plötzlich etwas zwischen uns stand. Wir hatten uns auch vorher manchmal gestritten, aber diesmal ging es tiefer. Wir sahen uns ja als politische Menschen, aber waren nicht in der Lage, auch so zu diskutieren. Vielleicht auch deshalb, weil nicht viel dahinter steckte. Waren wir nicht doch eher Hooligans?
Schweigend gingen wir die Oranienstraße weiter.

»Lass uns kurz bei Martha vorbeigehen«, schlug ich vor.
»Ne, keine Lust.« Tobi war immer noch sauer.
Also stieg ich allein die drei Stockwerke nach oben und klopfte. Es war aber nicht Martha, die mir öffnete, sondern ihr Sohn. Und der zog mich sofort in die Wohnung und schlug mir ins Gesicht.
»Da ist ja einer dieser Chaoten! Euch sollte man alle vergasen, wie damals!«, brüllte er und schlug wieder zu. Im Affekt trat ich ihm mit voller Wucht zwischen die Beine und offenbar hab ich gut getroffen. Winselnd ging er zu Boden.
Dann sah ich Martha, zusammengesunken auf ihrer Couch. Sie hatte wohl geweint und wischte sich gerade das Gesicht trocken. Ich beugte mich sofort zu ihr.
»Was ist denn los? Hat er dich geschlagen?«, wollte ich wissen.
»Nein«, schluchzte sie, “aber angeschrieen. Und alles weggeschmissen, was ihr mir gestern gebracht habt.” Sie zeigte zum Mülleimer, wo der Käse und das Fleisch rausschauten. Ich nahm alles raus, machte es wieder sauber und legte es auf ihren Küchentisch.
Dann nahm ich mir ihr Nudelholz und ging zu ihrem Sohn.

»Wenn du nicht sofort die Wohnung verlässt, schlage ich dir den Schädel ein!«
Er schaute mich mit einem hassverzogenen Gesicht an, rutschte dann aber zur Wohnungstür. Aufstehen konnte er noch nicht. Als er draußen war, schloss ich die Tür und ging zu Martha. Sie war noch immer sehr aufgeregt.
»Wie kann eine so liebe Frau nur mit so ‘nem bösen Jungen gestraft sein«, sagte ich. »Nimm’s mir nicht übel, aber das denke ich wirklich.«
»Ach Junge, du hast ja recht. Aber was soll ich denn machen? Manfred ist doch nun mal mein Sohn.«
Wir saßen dann noch über eine Stunde zusammen und redeten. Über ihr Leben, über den Sohn, über Tobi und mich. Ich erzählte ihr von meinem schlechten Gefühl, was die Plünderungen der kleinen Läden anging.

Als ich ging, drückte sie mich eng an sich. Es war das erste Mal. Und das letzte Mal, dass wir uns sahen. Als ich sie eine Woche später besuchen wollte, sagten die Nachbarn, dass Martha zwei Tage vorher gestürzt war. Sie hatten sie ins Urban-Krankenhaus gebracht, wo sie nach ein paar Stunden gestorben ist. Ich bin dann dort hin, wollte wissen, wo sie beerdigt wird. Aber man wusste es nicht. Ich habe es auch nicht mehr erfahren.

 




Horchen und kucken

Als junger Westler war ich natürlich irgendwann auch mal neugierig, wie das Leben auf der anderen Seite der Mauer so aussah. Über die Musik bekam ich Kontakt nach Ost-Berlin, zu anderen Jugendlichen und zu Künstlern. In den 80er Jahren durfte ich dann auch ohne Zwangsumtausch ganz offiziell auf “Geschäftsreise” in die DDR, besuchte Musiker und Konzerte von Rostock bis Karl-Marx-Stadt ((Heute Chemnitz)).
Politisch war ich in Bezug auf die DDR sehr naiv. Ich fand in Ost-Berlin Freunde, mit denen ich durch die Gegend zog, Parties feierte und nachts am Strand des Müggelsees Sex hatte. Zwar war ich “bei mir im Westen” politisch aktiv, mit Hausbesetzungen und in der autonomen Szene. Aber in Bezug auf die DDR war ich erschreckend naiv. Ich konnte es gar nicht verstehen, dass die Grenzler meine Musikcassetten mit Liedern von Wolf Biermann nicht so toll fanden, dabei war er doch auch aus der DDR…
Für meine Freunde brachte ich vor allem Schallplatten von Udo Lindenberg mit. Nachdem sie mir aber an der Grenze auch die abgenommen haben, wurde ich konspirativer. Ich besorgte mir Klassik-Platten, die waren unverdächtig, und löste von denen die Label ab. Die kamen über die Aufkleber der Lindenberg-Platten und auch das Cover wurde ausgetauscht.

Ursprünglich ging ich über den Grenzübergang Friedrichstraße, weil ich das Durcheinander der Gänge so spannend fand. Doch eines Tages wurde ich wieder mal in einen extra Raum geführt. Ich musste alles abgeben, mich nackt ausziehen und in allen Körperöffnungen untersuchen lassen. Dann ging es zum Verhör, wen ich denn treffen wollte und warum, wer meine Schallplatten bekommen sollte usw. Ich antwortete wahrheitsgemäß, fühlte mich etwas schuldig, aber nicht wirklich kriminell. Zum Schluss wurde mir eröffnet, dass man die Schallplatten konfisziert hat, ich aber einreisen dürfte. Ich hatte ja in West-Berlin schon öfter Ärger mit der Polizei gehabt, Verhöre und auch Schläge waren mir nicht ganz unbekannt. An diesem Tag erfuhr ich aber das erste Mal, wie es ist, wenn man nach der Freilassung auch noch verfolgt wird – und zwar so offen, dass ich es merken musste. Mein Freund Ralf in Lichtenberg hatte ein Telefon und so konnte ich ihm die Lage erklären. Wir trafen uns am Alexanderplatz und er nahm mich dort demonstrativ in den Arm und küsste mich. Dann setzten wir uns an den Brunnen der Völkerfreundschaft und zählten ganz offen all die Kameras, die von den umliegenden Gebäuden den Platz beobachteten. Das war schon auffällig genug und als wir dann herumliefen, konnten wir sehen, wie die steuerbaren Kameras uns folgten und andere uns ins Visier nahmen. Ralf fragte mich, ob ich den Roman “1984” kenne und dass der auch in der DDR spielen könnte. Nach dem Besuch habe ich ihn gelesen.

Seitdem reiste ich nur noch über die Oberbaumbrücke ein. Die lag nicht nur näher an meinem Wohnhaus, sondern die Grenzübergangsstelle war auch viel kleiner als am Bahnhof Friedrichstraße. Die Kontrollen dort kamen mir anfangs tatsächlich weniger scharf vor, doch auch dort gab es natürlich die Stasi-Leute.
Es war wie immer: Von der Kreuzberger Seite aus ging ich neben dem niedrigen Wachturm durch die Gittertür und überquerte die Spree. Am Ende, kurz vor der Mühlenstraße, stand ein zweistöckiges Gebäude, über die gesamte Breite der Brücke. Ein tiefes Durchatmen, dann betrat ich den Vorraum. Ausweiskontrolle wie immer, dann wollte ich weiter nach hinten zum Zoll. Stattdessen aber stellten sich mir zwei Herren in Uniform in den Weg. Sie führten mich in ein kleines Zimmer, und nach der gewohnten Durchsuchung von Taschen und Körper bekam ich plötzlich andere Kleidung gereicht. Meine Klamotten kämen zur genaueren Kontrolle etwas später.

Diesmal gab es ein Verhör, das wesentlich aggressiver war als alles, was ich bis dahin an der Grenze erlebt hatte. Man warf mir vor, in der DDR kriminelle Handlungen vorgenommen zu haben, staatsgefährdende Hetze und Schmuggel. Natürlich war ich völlig aufgelöst und ängstlich, die Vernehmer schrien mich an, drohten mit Gefängnis und dass im Westen niemand etwas davon erfahren würde.
Sie wollten unbedingt Namen und Kontakte erfahren, die ich in der DDR hatte. Vorher hatte ich mir nie etwas dabei gedacht und meine Freunde wussten auch ganz genau, dass ihre Behörden von unseren Kontakten wissen. In dem Verhör wurden sie nun aber auch als Staatsfeinde hingestellt und ich spürte eine Verantwortung für sie. Trotz der Drohungen fühlte ich als Westbürger eine gewisse Sicherheit, ich nahm tatsächlich an, dass sie mich gar nicht für längere Zeit einsperren könnten. Deshalb mauerte ich und zählte nur noch die Leute auf, bei denen ich wusste, dass sie von dem Kontakt wissen.

Mitten in der Vernehmung musste ich dann in einen winzigen, etwa einen Quadratmeter kleinen Raum, der kein Fenster hatte, nur einen Stuhl. Hier saß ich gefühlte zwei bis drei Stunden ohne jeden Kontakt. Dann wurde ich nochmal den Vernehmern vorgeführt, die mich fragten, ob ich noch eine Aussage zu machen hätte. Gleichzeitig warfen sie mir meine Kleidung zu und ich musste mich vor ihren Augen umziehen, während ich rumstotterte, dass ich nichts weiter zu sagen habe. Sie fassten mich an beide Arme und brachten mich zu der Tür, an der ich Stunden zuvor das Gebäude betreten hatte. Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich als “unerwünschte Person” nicht mehr in die DDR einreisen dürfte.

Als ich über die Brücke zurück nach Kreuzberg lief, war ich nicht nur total frustiert, sondern auch froh, der so bedrohlichen Situation endlich entgangen zu sein. Vor allem aber machte ich mir Sorgen. Meine Freunde konnten ja nicht einfach über diese Brücke gehen und ich war mir sicher, dass sie ebenfalls Ärger bekommen haben.
Erst viel später erfuhr ich über indirekte Kontakte, dass sie Ralf tatsächlich zum Verhör geholt hatten. Aber danach passierte nichts mehr, außer dass er im Betrieb noch mehrmals auf seine “verbotenen Kontakte” angesprochen wurde. Wahrheitsgemäß konnte er aber antworten, dass er mich seitdem nicht mehr getroffen hat.
In den folgenden fünf Jahren versuchte ich immer wieder, ein Visum zu bekommen. Ungefähr alle sechs Monate stellte ich beim “Büro für Besuchsangelegenheiten” am Waterlooufer einen Antrag, doch fast immer wurde er abgelehnt. Nur einmal erhielt ich ein Visum, dabei wollte ich nur testweise einreisen, ohne Ralf oder jemand anderes zu besuchen. Doch am Grenzkontrollpunkt wurde ich wieder zurückgewiesen, die Erteilung des Visums war wohl ein Fehler oder eine Schikane. Erst im Herbst 1989, zwei Monate vor dem Mauerfall, erhielt ich ohne Probleme ein Visum und wurde auch nach Ost-Berlin durchgelassen. Zwar gab es eine scharfe Kontrolle, mehr aber nicht. Es war, als wäre vorher nie etwas geschehen.




“Faschistische Arbeiterheere”

Es war die Zeit der großen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik. Das West-Berlin der 80er Jahre war ein Schwerpunkt, Friedensbewegung, Häuserkampf, Frauen- und Schwulenbewegung, Arbeitskämpfe. Jedes Jahr gab es Dutzende von Demonstrationen, oft mit tausenden Teilnehmern. Die politischen Spektren links von der SPD und den Gewerkschaften waren sehr vielfältig. Da waren zum einen die Parteien, von verschiedenen stalinistischen und maoistischen, über die Trotzkisten bis hin zur DDR-orientierten “Sozialistischen Einheitspartei Westberlin” (SEW). Die größte der linken Parteien war die Alternative Liste.
Daneben gab es aber auch massig Linke, denen jede Form von Parteien suspekt waren, die Autonomen und Anarchisten sowie die zahllosen Basisgruppen, Kommunen, Hausgruppen und Einzelkämpfer, die in ihrer Vielzahl ein viel größerer Teil der Bewegung, der Opposition waren. Aber gegen den bundesrepublikanischen Staat, vor allem die Kohl-Regierung, hielt man zusammen.
Anders sah es bei inhaltlichen, ideologischen Fragen aus. Während z.B. die Friedensbewegung klar gegen die Atombewaffnung in West UND Ost war, sahen die Genossen der SEW die sowjetischen Waffen als gut und friedensstiftend an, im Gegensatz zu den bösen US-Raketen.

Eine Gruppe fiel aus dem Schema raus. Sie gehörten ursprünglich zum Spektrum der Autonomen,  die sich qua Namen von der Organisierung in Parteien distanzierten. Trotzdem proklamierten sie die Gründung einer “Kampfpartei”, die sowohl politisch als auch militant agieren sollte. Auf Demonstrationen traten sie in geschlossenen Blöcken auf, sehr massiv und einschüchternd, absolut machomäßig. Ihre Parolen waren vorher geprobt und die wurden wie ein Räumschild vor sich her geschoben. Das galt auch für ihre “Kampflieder”. Die wurden über Lautsprecher abgespielt und stammten aus der Mottenkiste der 1920er KPD. Besonders beliebt war bei denen das Lied “Der heimliche Aufmarsch”, ein Loblied von Hanns Eisler auf die Sowjetunion, mit den Zeilen
“Zerschlagt die faschistischen Ausbeuterheere
Setzt eure Herzen in Brand.”

Als Anarchist kotzte mich das autoritäre Auftreten dieser Recken ziemlich an, so wie auch ihre Stalo-Lieder. Und weil es meinen Freunden ähnlich ging, fielen wir irgendwann in den Gesang mit ein, jedoch mit leicht geändertem Text. Zuerst haben sie das gar nicht bemerkt, freuten sich nur über die unerwartete Unterstützung, bis zur Zeile
“Zerschlagt die faschistischen Arbeiterheere
Setzt eure Führer in Brand.”
Das Ganze hatte schon einen politischen Hintergrund, denn die simple Logik “Arbeiter = links” stimmte damals genausowenig wie schon in den 20er und 30er Jahren. Dafür waren wir schon zu oft mit Nazis zusammengetroffen und die meisten von ihnen waren Arbeiter.
In den Augen der kommunistischen Mannen jedenfalls waren wir plötzlich Feinde, die “antirevolutionäre Propaganda” verbreiteten. Das war natürlich Schwachsinn, in Wirklichkeit machten wir uns nur lustig über diese engstirnigen Politgorillas. Aber das war für sie genauso schlimm. Humor war das letzte, was sie hatten. Nach ein paar üblen Beschimpfungen und Drohungen begannen einige von ihnen, auf uns einzutreten und zuzuschlagen. Damit war eine Grenze überschritten, die wir immer akzeptiert haben: Mit Leuten “auf unserer Seite” konnte man sich streiten und anbrüllen, aber niemals körperlich angreifen. Nun jedoch wurden wir von ihnen attackiert und für mich war das ein Schock. Prügeleien hatten wir vorher mit der Polizei, Neonazis und Aktivbürgern, nicht aber mit anderen Linken. Dazu kam, dass sie extrem hart zuschlugen, teilweise mit Schlagringen, was bei manchen schwere Gesichtsverletzungen verursachte. Trotzdem begannen wir uns zu wehren. Und da wir mehr Kampferfahrung hatten und auch viel mehr Leute waren, konnten wir sie schnell in die Flucht schlagen.
Zurück blieben ein paar Verletzte auf beiden Seiten und die Erkenntnis, dass die linke Szene nicht nur ein Haufen von Leuten mit unterschiedlichen Konzepten ist, sondern dass es da Gräben gibt, die kaum zu überwinden sind.




Irgendeine kalte Bahnhofshalle

Endlich war ich dem Elternhaus entkommen, auch gleich raus aus der eisigen Mauerstadt. Meine Reise in die Welt ging erstmal nach Braunschweig. Damals war die Stadt für Tramper wichtig, weil sie ein guter Anschlusspunkt für Reisen zwischen West-Berlin und dem nördlichen und mittleren Teil der alten Bundesrepublik war. Hier traf man Leute aus aller Welt, was heute in Braunschweig kaum noch vorstellbar ist.
Auf meinem Schild stand nur “Süden” und tatsächlich bekam ich nach Stunden einen Trip nach Portugal. Sowas war auch an dieser Stelle ein Jackpot – wenn es denn geklappt hätte. Das Studentenpärchen wollte mit seinem alten VW-Bus in fünf Tagen dort sein. Wir verstanden uns prima und ich freute mich auf ein paar warme Wochen, mitten im Winter. Aber wie so oft kam es anders, bei unserem Abstecher nach Freiburg gab das Auto seinen Geist auf. Und zwar ohne Chance darauf, dass es bald weitergehen würde. Mit wenig Geld, aber viel Hoffnung, stellte ich mich wieder an die Straße.

Vor allem im Winter ist das Trampen echt hart. Bei Minusgraden stundenlang zu warten, dass einen jemand mitnimmt, ist nicht schön. Und nicht immer landet man am erhofften oder auch nur am vereinbarten Ort. Es konnte passieren, dass man auf einer einsamen Autobahnausfahrt rausgelassen wurde oder auf einer leeren Landstraße. Im Dunkeln kann man das Trampen dann vergessen, kein Bauer nimmt einen dann mit. Höchstens mal Leute beiderlei Geschlechts, die sich vom Tramper ein kurzes Sexabenteuer erhoffen. Wenn man darauf nicht einging, konnte man auch schnell wieder rausgeschmissen werden. Mir ist das mehrere Male passiert.
In Freiburg bekam ich einen Lift nach Bayern, von dort wollte ich nun über Österreich nach Italien. In diesem Winter hatte ich mein Zelt manchmal mitten im Schnee aufgebaut. Auch in dieser Nacht suchte ich mir wieder einen Platz zum Schlafen. Ich fand ihn nahe der Autobahn, es sah aus wie ein Park, und es war ziemlich duster. Nur der helle Schnee machte es möglich, dass ich mein Zelt noch irgendwie aufgebaut bekam.
Als ich am nächsten Morgen raus kroch, war ich erstmal perplex: Keine 50 Meter weiter stand ein mehrstöckiges Bürohaus, das ich in der Nacht überhaupt nicht bemerkt hatte. In immer mehr Fenstern tauchten die Köpfe der neugierigen Angestellten auf, einige winkten mir sogar zu, ich war eine richtige Attraktion. Blöd, wenn man nach dem Aufstehen erstmal pinkeln muss, aber zig Augen einen beobachten.
Kurz danach kam der Pförtner zu mir, in der Hand ein Tablett mit belegten Brötchen und heißem Kakao: “Wenn es nicht reicht, können Sie sich auch noch mehr holen.” Ich wünschte mir, jeden Tag so aufzuwachen!

Normalerweise braucht man unterwegs nicht viel Geld. Aber auch wenig ist irgendwann alle und dann gibt es drei Möglichkeiten: Klauen, betteln oder verdienen. Mit Klauen kann man mal einen Hunger kurzfristig stillen, aber auf Dauer ist das nichts. Gebettelt habe ich nicht gerne, höchstens mal nach übrig gebliebenem Obst oder Brot, wenn abends ein Markt geschlossen wurde. Dafür habe ich aber auf vielerlei Arten etwas Geld verdient, mit Hiwi-Arbeiten für ein Mittagessen, Bauern bei der Ernte geholfen oder für 10 Mark ein Lokal sauber gemacht.
Das alles ist schwieriger, wenn man die Sprache nicht spricht. So erging es mir, als ich dann irgendwann doch noch im Süden ankam. Milano war nicht eben mein Traumziel, aber nun war ich erst mal dort gelandet. Es war schon wieder dunkel und genauso kalt wie in Bayern. Meine Fahrerin hatte mich am Stadtrand rausgelassen und ich musste in die City laufen. Geld hatte ich nicht mehr und der Weg war echt lang. Obwohl ich mitten in der Nacht ankam, war am weißen Hauptbahnhof noch eine Menge los. Die Halle war zwar eiskalt, trotzdem standen noch mindestens 50 Leute herum. Es war mir nicht gleich klar, was hier ablief. Hatten die alle ihren Zug verpasst? Waren es Drogendealer? Oder gut gekleidete Obdachlose? Als mich der erste Mann ansprach, verstand ich langsam. Hier schlichen nämlich fast nur Männer herum, die auf der Suche nach einem Sexpartner waren.
Immer wieder kamen Jungs in die Halle, die sofort angesprochen wurden und meist sind sie sofort zusammen verschwunden. Und obwohl ich mit meinem Rucksack eindeutig als Tourist zu erkennen war, wurde ich noch etwa drei, vier Mal von jemandem angesprochen. Aber mit keinem von denen hätte ich mitgehen wollen. Mit der Zeit kapierten die Freier wohl, dass ich nicht zu den Strichern gehörte, auch wenn ich jung war. Sie ließen mich in Ruhe. Dabei hatte ich in Berlin schon durchaus Erfahrungen in dem Gewerbe gemacht. Aber jetzt wollte ich es nicht.
Ich stand am Rand und überlegte, ob ich hier meinen Schlafsack auslegen sollte und mich ein paar Stunden hinlegen. Einige andere lagen schon dort in einer Ecke, ich kannte das bereits aus dem Gare du Nord in Paris. Irgendwann morgens würde dann die Polizei kommen und uns verscheuchen, bevor die Rush Hour beginnt. Stattdessen blieb ich noch stehen, schaute mir die Bahnhofshalle und das nächtliche Treiben an. Mir kam dann der Gedanke, dass ich ja vielleicht einen etwas weniger unangenehmen Mann finden könnte, um dann bei ihm zu schlafen. Das ist natürlich mit etwas Risiko verbunden, weil ich die Leute hier aufgrund der mir fremden Sprache schlechter einschätzen konnte, als in Deutschland. Trotzdem ließ ich es darauf ankommen. Meinen Rucksack hatte ich neben mich gestellt, die Hände in den Hosentaschen, ließ ich meinen Blick über die Männer schweifen, die sich in der Halle herumdrückten. Schnell fiel mir einer auf, der recht sympathisch aussah: Circa zehn Jahre älter als ich, lange schwarze Haare, schlank, mit extrem engen Jeanshosen. Ich war nicht mal sicher, ob er nicht eventuell selbst auf den Strich ging. Andererseits wurde er zweimal von Männern angebaggert, ließ die aber abblitzen. Erst nach einigen Minuten bemerkte er meinen Blick. Er schaute zurück, lächelte, ich ebenfalls, alles klar. Natürlich war ich total aufgeregt, als er auf mich zu kam. Er konnte ein bisschen Deutsch, stellte sich dann vor mich, so dass niemand von außen etwas sehen konnte. Dann rieb er mir an der Hose herum, um mich geil zu machen, und drückte meine Hand auf seine Hose. Er nahm mich mit auf die Toilette, wo wir sehr kurzen, aber schönen Sex hatten. Zum Abschluss gab er mir einen Kuss auf die Wange und verschwand wieder.
Das hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt, ich hatte nun immer noch kein Bett. Etwas frustriert stellte ich mich wieder in die Bahnhofshalle. Und am Ende ging ich dann doch mit einem Freier mit, den ich zwar überhaupt nicht anziehend fand, der mir aber wenigstens Geld gab und mich bei sich schlafen ließ.

Es war nicht die letzte Nacht in einer kalten Bahnhofshalle. Diese Erfahrungen gehören aber mit zu denen, die man eben macht, wenn man auf Trebe ist. Sie sind nicht so schlimm, jedenfalls im Nachhinein. Ich habe danach noch viele andere Jobs gemacht, die ätzender und wesentlich schlechter bezahlt waren. Wenn man frei sein will, muss man auch offen sein. Neues ausprobieren gehört dazu, und herauszufinden, was eigentlich der eigene Weg ist. Oder sein könnte. Das macht ein Tramperherz aus!




Das A

“Anarchie ist machbar, Herr Nachbar!” Vor 30, 35 Jahren war dieser Spruch für mich wirklich wichtig – und realistisch. Halb Kreuzberg und Steglitz erfreute sich an meinen gesprühten “A”s mit Kringel drum, einige hundert Hauswände habe ich damit verschönert. Es war das Zeichen meiner Jugend, aber doch schon mehr als eine Schwärmerei. Und das ist es bis heute.
Dieses A symbolisiert für mich Freiheit, als Jugendlicher war das vor allem die Freiheit vom Vater, von den gesellschaftlichen Konventionen. Ich wollte nicht so sein, wie es von mir erwartet wurde. Also bezeichnete ich mich als Anarchist und traf damit genau den Nerv meines Vaters. Bei unserem letzten Treffen, 1980, nannte er mich deshalb auch einen Terroristen. Für ihn war es, wie für die Medien, das gleiche. Bis heute werden linke Gewalttäter gerne als Anarchisten bezeichnet. Dabei ist das Blödsinn, genauso könnte man sie als Bäcker bezeichnen, denn einige sind ja vielleicht welche.
Das Problem liegt schon in der Definition: Wollen Anarchisten nun die Anarchie oder den Anarchismus? Das ist ja nicht das gleiche. Anarchie bedeutet eigentlich nur, dass es keine Herrschaft gibt, Unordnung, Chaos, alles Böse der Welt. Anarchismus aber bezeichnet ein Gesellschaftssystem, schon eine Ordnung, die aber ohne Herrschaft auskommt. Es baut darauf, dass der Mensch als soziales Wesen in der Lage ist, sich ohne Zwang mit seiner Umwelt zu verständigen und sein Leben zu organisieren, ohne dass er dazu Gesetze und eine Ordnungsmacht braucht. Alle Menschen nehmen ihre soziale Verantwortung wahr, es gibt keine Ausbeutung und Unterdrückung anderer. Das schließt schon bestimmte Wirtschaftssysteme aus und auch demokratische Entscheidungen. Nicht die Mehrheit bestimmt, sondern alle  – für sich und gemeinsam.

Spätestens an diesem Punkt kommt der Einwand, dass das nicht funktionieren kann und es eine Utopie ist. Zumindest für die heutige Zeit stimmt das sicher. Solange es auf der ganzen Welt ein solch riesiges Ungleichgewicht gibt, Menschen zu Milliarden ausgebeutet werden und ganze Völker in Kriegen oder Bürgerkriegen stecken, solange gibt es keine Basis für eine anarchistische Gesellschaft. Fast alle Menschen werden im Bewusstsein erzogen, dass sie in Konkurrenz zueinander stehen und dass es ein “Oben” gibt, dem man sich unterzuordnen hat. Wobei dieses Oben die Regierung sein kann, eine Religion, oder aber das Geld mit all seinen Auswüchsen. Wenn heute auf einen Schlag alle Regierungen und Staaten abgeschafft würden und sämtliche Religionen aufgelöst, würde daraus sicher nicht eine Gesellschaft aus gleichberechtigten Menschen entstehen, die sich solidarisch organisieren. Stattdessen würden sich die Stärksten durchsetzen, Diktatur und Faschismus wäre das Ergebnis.
Für eine solch freie Gesellschaftsordnung wie den Anarchismus müssen die Menschen reif sein. Sie, wir alle, müssen begreifen, dass ein Miteinander besser ist als ein Gegeneinander. Mit diesem Grundprinzip müssten schon die Kinder aufwachsen. Und sie sollten es als beste Form des Zusammenlebens erkennen.
Daher kann der Anarchismus nicht kurzfristig z.B. über einen weltweiten Sturz der bestehenden Systeme entstehen. Er muss sich entwickeln, parallel dazu, dass Ausbeutung und Unterdrückung abgeschafft werden.

Eine naive Spinnerei?
Ja, es ist eine Utopie, aber sie ist nicht naiv. Denn letztendlich geht es nur darum den Grundbedürfnissen des Menschen gerecht zu werden: Gemeinschaft und soziale Sicherheit, kein Hunger, Leben ohne Kriege, ohne Fremdbestimmung.
Utopie?
Ja, aber nicht unrealistisch. Natürlich gibt es tausend Argumente, wieso das nicht funktionieren würde. Dabei lehrt uns die Geschichte, dass es Veränderungen gibt, die man kurz vorher nicht für möglich gehalten hätte. Wer hätte z.B. 1989 geglaubt, dass es schon fünf Jahre später eine der beiden Großmächte nicht mehr geben würde? Dass elf Jahre danach eine DDR-Bürgerin Bundeskanzlerin wird? Oder weitere vier Jahre später ein Schwarzer US-Präsident? Noch heute leben Menschen, die unter einem Kaiser geboren wurden. Frauen durften nicht wählen. Die Arbeiter waren völlig rechtlos. Millionen von Menschen waren das Eigentum von Kolonialherren.

Natürlich sind auch heute viele Rechte nicht umgesetzt und noch immer gibt es eine ungeheure Armut, Folter, Rassismus, unmenschliche Arbeitsbedingungen. Aber es geht um die wichtige Erkenntnis: Nichts bleibt, wie es ist. Die Menschen lernen weltweit, dass man etwas verändern kann. Dass sie etwas verändern können. Und sie tun es auch. Mal gibt es große Schritte, Revolutionen, mal kleine, durch Wahlen. Heute sind Parteien wie die Grünen und die Piraten möglich. Vor hundert Jahren noch hätte man denjenigen ins “Irrenhaus” gesteckt, der so was prophezeit hätte.
Die Menschen setzen sich immer mehr für ihre Rechte ein, Protest ist heute anerkannt und keine Majestätsbeleidigung mehr.

Wichtig ist, dass man das Bewusstsein hat, etwas verändern zu können. Die Welt ist im Wandel, weil überall die “einfachen Menschen” aktiv werden. In Arabien stürzen sie Diktaturen, sie demonstrieren in China, empören sich in Deutschland. Je mehr Einzelne von uns was machen, umso schneller geht es. Die Veränderung muss zur Normalität werden, keine Ausnahme bleiben. Und weil einem nichts geschenkt wird, muss man ständig für eine Verbesserung eintreten. Dafür, dass die Fabriken sauberer werden, die Arbeiter mehr Rechte bekommen, dass Flüchtlinge menschenwürdige Hilfe erhalten, dass die Armut effektiv bekämpft wird, statt an ihr zu verdienen. Die Liste ist lang und wer will, findet einen Platz, um für Veränderungen einzutreten.
Ich weiß, dass ich eine freie, eine anarchistische Gesellschaft nicht mehr erleben werde. Es wird noch einige Generationen brauchen, bis die Menschen so weit sind. Es wird eine lange Entwicklung sein, aber ich bin mir sicher, dass sie kommt. Denn die Entwicklung hat schon längst angefangen.




Gefangen im Hafen

Die Rockband kommt aus der DDR. Im Sommer war ich manchmal beim Bassisten, der wie fast alle von ihnen in der Nähe des Müggelsees wohnte. Es waren schöne Tage, 100 Meter vom Wasser entfernt. Relaxen auf dem Steg oder im Garten, zwischendurch mal eine Radtour durch den Wald.
Da die Band auch im Westen erfolgreich war, durfte sie auch im “nichtsozialistischen Ausland” auftreten. Vor allem Holland und die Bundesrepublik waren beliebt. Und natürlich “WB”, wie der westliche Teil Berlins im DDR-Bürokratendeutsch hieß.
Ich begleitete die Musiker zu vielen Konzerten beiderseits der deutsch-deutschen Grenze. Auch wenn es manchmal sehr anstrengend war, vor allem bei Tourneen. Nach einer meist kurzen Nacht ging es los in die nächste Stadt, oft mehrere hundert Kilometer entfernt. Am Nachmittag Bühnenaufbau und Soundcheck, dann konnte man noch ein bisschen den Ort besichtigen. Nach dem Konzert wieder abbauen und dann wurde noch gefeiert – damit auch die kommende Nacht wieder schön kurz blieb.

Diesmal war ein Konzert in Hamburg angesagt. Kurz vorher gab es drei Tage Rockmusik in der Deutschlandhalle, wo wir den damals noch nassen Udo Lindenberg stützen mussten, nachdem er bei der Probe betrunken von der Bühne gefallen war. Er dankte es uns bald danach.
Der erste Flug meines Lebens ging dann in die Hansestadt, dort trafen wir die Männer von der Crew. Und weil noch viel Zeit war, gab es eine Stadtbesichtigung – mit drei LOs (“Ellos”), den Lastwagen aus DDR-Produktion. Ein Highlight der Stadt ist natürlich der Hafen. Mit unserem kleinen Konvoi zuckelten wir an Lagerhallen, Verladekais und der großen Werft vorbei. Irgendwann aber mussten wir los zur Halle. Doch bei der Hafenausfahrt wurden wir gestoppt: Zollkontrolle. Wir alle hatten Fragezeichen über den Köpfen. Wieso Zoll, mitten in der Stadt?
“Wenn Sie mit Lastwagen aus dem Zollhafen kommen, müssen Sie Ihre Waren natürlich anmelden und verzollen”, belehrte uns der Mann in Grünbeige. Wir standen reichlich belämmert da, mit sowas hatten wir nicht gerechnet. Es half auch nicht, dass wir unser Dilemma erklärten. Wir hatten noch den Bühnenaufbau vor uns, das brauchte Zeit. Und da die ganze Anlage nach dem Konzert ja wieder zurück in die DDR sollte, musste sie auch nicht verzollt werden.
Der Beamte sah das anders und wir in die Röhre. Vom Management war niemand zu erreichen (Handys gab’s ja noch nicht), der Veranstalter mühte sich redlich aber erfolglos, wir bekamen die Wagen nicht frei. Mitten in der Verzweiflung hatte einer der Musiker eine Idee: “Fragen wir doch den Lindenberg!” Man kannte sich ja und wie sich herausstellte, war dessen Equipment nicht weit von der Halle untergebracht. Wir riefen ihn an und sofort scheuchte er seine Leute auf, die den ganzen Kram zur Halle brachten und aufbauten. Und das war nicht wenig. Schwere Lautsprecherboxen, Mischpulte, Lichtbühnen und zentnerweise Kabel. Wenigstens die Gitarren konnten wir am Zoll vorbei aus dem Hafen schmuggeln, nur das speziell aufgebaute Schlagzeug nicht und auch nicht den wichtigen, selbstgebauten Synthesizer.

Die Bühne stand, die Leitungen waren angeschlossen, kurz vor dem eigentlichen Konzertbeginn begann nun erstmal der Soundcheck. Der dauert schon unter normalen Bedingungen mindestens eine Stunde, aber mit einer fremden Anlage noch viel länger.
Und dann war plötzlich Stille. Aber es war nicht der Strom, der ausgefallen war, sondern die Stimme des Sängers. Die zweite Katastrophe an diesem Tag. Mit dem Taxi gings ins nächste Krankenhaus, um ihm vielleicht irgendwas besorgen zu können, das ihm wenigstens für ein, zwei Stunden die Stimme zurück gibt. Aber vergeblich.
Mit einer Stunde Verspätung wurden die Tore geöffnet, obwohl der Soundcheck noch lief. Währenddessen gab es hinten Diskussionen, ob das Konzert so überhaupt zu machen sei. Schließlich einigten sich die Musiker darauf, dass jemand von den anderen singt, schließlich ist man ja Profi und auch nicht so oft in Hamburg. Sie wollten den Auftritt nicht ausfallen lassen.
Erst nach einer weiteren Stunde konnte das Konzert endlich anfangen, und es gehörte sicher nicht zu den besten, die die Band gegeben hat. Aber die Besucher hatten Verständnis, obwohl sie erst lange nach Mitternacht wieder frei kamen.

Die Stimmung danach war miserabel, trotzdem setzten wir uns im Hotel noch einige Stunden zusammen. Mittendrin kam dann die Nachricht, dass die Ellos freigegeben waren und wir sie abholen konnten. Noch in der Nacht zogen die drei Fahrer zum Hafen und fuhren dann gleich weiter nach Braunschweig, wo das nächste Konzert stattfinden sollte. Das klappte auch super, fand pünktlich statt, der Sänger konnte wieder singen. Aber die Stadt hat ja auch keinen Hafen…




Winter 1980

Kottbusser Tor, Bahnsteig der Linie 8. Wie immer stehe ich an der Tür, um notfalls gleich wegrennen zu können. Der Notfall besteht aus zwei, drei, manchmal aber auch zehn Kontrolleuren, meist älteren Männern, die selten weiter als 20 Meter durchhalten. Aber auf dem Bahnsteig steht keine blaue Uniform, Entwarnung. Nur David sitzt auf einer Bank. Er ist etwas jünger als ich, 14 oder 15 Jahre alt, und sozusagen ein Kollege. Während er hier in Kreuzberg auf den Strich geht, stehe ich meistens am Zoo. Am Kotti anschaffen zu gehen wäre blöd, weil ich meinen Freiern im Alltag nicht begegnen möchte. Normalerweise steht David draußen, aber jetzt ist es so schweinekalt, da ist selbst der windige Bahnsteig etwas angenehmer. Oder er steht am Moritzplatz, vor den Toiletten im U-Bahnhof.
Treppe hoch, ich laufe den stinkenden Weg zum Ausgang und oben gleich in den riesigen Kaiser’s-Supermarkt. In der Gegend gibt es nur Kaiser’s am Kottbusser Tor und einen Plus-Markt am Oranienplatz. Beide haben Hausdetektive und Kameras, man muss sehr vorsichtig sein.

Im Winter habe ich meistens meine Klau-Jacke an, die ist aus Filz, schwarz und hat zwei große Taschen in den Innenseiten. Dort passt eine Menge rein, ohne das man von außen etwas sieht. Dafür sehe ich schon beim Betreten einen der Detektive. Es ist ein hässlicher Typ, vielleicht 30 Jahre, Halbglatze und Schnurrbart. Und einen ekligen Blick, der ihn schon von Weitem als schlechten Menschen verrät, jedenfalls in meinen Augen. Einmal hat er einen Freund von mir kontrolliert und weil der nichts in seinen Taschen hatte, steckte er ihm eine Dose Kaviar zu, die er dann “fand”. Als wenn man Kaviar klauen würde, wenn man Hunger hat!
Jedenfalls heftet er sich gleich an mich ran, so auffällig, dass es wohl jeder im Laden mitkriegt. An Klauen ist nicht zu denken, bis er plötzlich verschwindet. Ich sehe noch, wie er zum Ausgang rennt, wahrscheinlich hat dort einer seiner Kollegen Probleme.
Also nutze ich die Gelegenheit und gehe in die Schuh-Ecke. Meine Schuhe sind so kaputt, da fließt mehr Wasser durch als durch den Landwehrkanal. In den Regalen ist nicht viel Auswahl, aber trotzdem ein passendes Paar zu finden, ist nicht schwer. Ich bin ja nicht so anspruchsvoll. Dann noch mal umschauen – keiner zu sehen. Die alten Schuhe aus, die neuen an, vorher noch das Preisschild ab, fertig. Sie passen gut und ich gehe wie ein normaler Kunde los. Nur ein Gang weiter wartet aber Frau Zimmermann. Sie ist die Mutter meines Schulfreunds Ralphi und arbeitet hier als Verkäuferin. Ohne mich anzuschauen sagt sie: “Andi, stell die Schuhe zurück, sie beobachten dich!” Als ich den Laden verlassen will, werde ich tatsächlich kontrolliert, aber meine Taschen sind leer und an den Füßen hängen nur meine alten Treter. Danke, Frau Zimmermann!

Die Straßen sind dreckig, ich steige über den zusammengeschobenen Schnee, der teilweise einen Meter hoch liegt, grau bis schwarz. Unter der Hochbahn hindurch gehe ich zum Anfang der Reichenberger Straße. An der Ecke zur Kottbusser Straße hat Anni ihren Imbiss. Sie ist eine resolute, aber liebe Frau, niemals würde ich sie betrügen oder beklauen. Die Curry kostet 90 Pfennig mit Brötchen und wenn ich ihr eine Mark gebe, ist der Rest Trinkgeld. Dann immer das gleiche Ritual: Sie steckt den Groschen in das Gummisparschwein, drückt es dabei und pfeift eine kurze Melodie. Anni erzählt, dass sie bald wegziehen soll von ihrem Stammplatz. Hier sollen die gleichen Hochhäuser gebaut werden, wie schon auf der anderen Seite vom Kotti, groß und unpersönlich. Eine riesige Fläche wurde schon freigemacht, im Hintergrund steht ein Abrisskran, die Kugel liegt vor ihm im Sand. Hier hat sie schon ganze Arbeit geleistet. Nach und nach werden alle Altbauten plattgemacht und bald soll es überall so aussehen wie in der Gropiusstadt. Um das zu verhindern werden seit einem Jahr Häuser besetzt, aber noch viel zu wenig. Auch ich wohne ja in einem, in der Oranienstraße.
Nochmal überquere ich den Kotti. Neben der Dönerbude am U-Bahn-Ausgang Adalbertstraße gibt es neuerdings einen Obst- und Gemüsestand. Diese Stände mit ihren Auslagen sind sehr sozial, wenn auch nicht beabsichtigt: Man kann sich schnell einen Apfel oder eine Gurke greifen und wegrennen oder mit dem Fahrrad abhauen. Besser aber ist es, vorsichtig etwas verschwinden zu lassen, damit der Verkäufer nichts merkt und einen später nicht wiedererkennt. Schnell stecke ich zwei Mandarinen ein, als der türkische Mann gerade zur Seite schaut. Dabei kommen aber die anderen ins Rutschen, ein paar rollen nach vorn und fallen runter. Beim Aufheben kann ich noch zwei weitere einstecken, fette Beute. Niemand hat etwas gemerkt.
Rechts in der Bücherei gibt es gleich am Eingang eine Toilette. Hier kann ich mich mal richtig waschen, denn bei uns im Haus gibt es nur kaltes Wasser. Quer über die Adalbertstraße spannt sich das Hochhaus “Neues Kreuzberger Zentrum – NKZ”. Schrecklicher Name, passend zum Haus. Obwohl noch ziemlich neu ist es doch schon total schmutzig. Vielleicht, weil hier alles schnell dreckig wird. An die Wand hat jemand gesprüht: “Schade daß Beton nicht brennt”.

Unter dem Haus hindurch kommt man direkt in den Kiez. In meinen Kiez. Zwar ist hier auch alles Grau in Grau, aber doch ist darin Leben, also Farbe. Es riecht nach dem Qualm aus den vielen Öfen der Altbauten. Saubere Zentralheizungen gibt es da drin ja nicht und bei manchem Wetter wird der Rauch der Braunkohle nach unten gedrückt. Er legt sich auf die Hausfassaden, die Schneehaufen und in unsere Lungen. Da kann man sich wenigstens das Rauchen sparen, Lungenkrebs gibt’s gratis. Den Fassaden macht der Dreck nichts aus. Er versiegelt sie vielleicht noch, denn viele von ihnen haben ja kaum noch Putz. Viele Menschen finden das hässlich, ich aber sehe darin etwas anderes: Es ist heimisch, vertraut und strahlt auch in der Januarkälte eine gewisse Wärme aus.
Gleich das erste Haus auf der rechten Seite kenne ich gut. Als es im vergangenen Juni besetzt wurde, war ich mit dabei. Nachts sind wir von hinten eingebrochen, haben die Transparente rausgehängt und sind wieder raus. Als die Polizei die Besetzung bemerkt, das Haus aber nicht gestürmt hat, haben wir es auch ganz real besetzt, nicht nur zum Schein. Aber ich wohne dort nicht, habe nur in den ersten Tagen geholfen.
Direkt gegenüber ist eines der wenigen Kellergeschäfte, die es noch gibt, ein Zeitungsladen. Die Verkäuferin Frau Helbig schaut da von unten aus ihrem Fenster nach oben, zum Bezahlen muss man sich nach unten bücken. Rechts und links und auch über dem Fenster sind die Wände mit Zeitungen und Illustrierten behängt. Bunte, Praline, B.Z., National-Zeitung, Hurriyet. Hier kriegt man aber auch einzelne Briefumschläge, gleich mit Marke, Anmeldeformulare für die Polizei und ganz wichtig – Eddings. Frau Helbig grüßt mich schon mit “Hallo Andi 80!” und lacht. Woher weiß sie, welchen Namen ich überall hin schreibe? “Der Gerd hat mir das erzählt, bei dem du immer deine Sprühdosen kaufst.” Wieder mal habe ich das Gefühl, in einem Dorf zu leben.
In der Adalbertstraße habe ich sonst nicht viel zu tun. Hinter der Oranien ist noch der Jodelkeller, wo sich immer die Rocker von Phoenix treffen. Und ein Dönerimbiss, in dem nachts im Fernsehen Splattervideos laufen. Da weiß man gleich, woher das Dönerfleisch wirklich stammt. Und rechts um die Ecke wohnt Rio Reiser.

Ich gehe aber links in die Oranienstraße, unsere Kiez-Hauptstraße. Das zweite Haus fehlt, aber im Hofgebäude, einer ehemaligen Fabrik, werden die großen Etagen gerade umgebaut. Hier kommen Jugend-WGs rein, “betreutes Wohnen”, damit die Jugendlichen nicht mehr in einem Heim leben müssen. Mein süßer Freund Niko wird einer der ersten sein, die dort einziehen. Ich freue mich schon darauf, sie mit ihm in seinem Bett einzuweihen!
Gleich nebenan ist Kacza, der Farbenladen, bei dem ich meine Sprühdosen kaufe, wenn ich mal Geld habe. Sonst fahre ich zu einem Baumarkt in Schöneberg, wo man sie auch ganz gut klauen kann. Und Sprühdosen brauche ich einfach, mit ihnen verbreite ich mein “Andi 80” an fast jedes Haus!
Gegenüber von Kacza ist die Freibank, das ist eine Fleischerei, in der es vor allem Pferdefleisch gibt. Das ist viel billiger als das “normale” vom Rind oder Schwein. Ab und zu kaufe ich mit da ein paar Würste. Wenn man den Laden betritt, ist das sehr merkwürdig. Zwar werden die Viecher nicht dort geschlachtet, aber es riecht so und man sieht auch viel Blut. Irgendwie spürt man den Tod darin, es ist kein angenehmer Ort.
Ein Haus weiter dann Boenicke. Das ist eine kleine Ladenkette, die Zigarren und Waffen verkauft, allerdings interessieren mich die Zigarren weniger. Beliebt sind vor allem die Butterflymesser und natürlich auch die Springmesser: Man hält sie cool in der Hand, drückt auf einen Knopf und vorn oder von der Seite springt die Klinge heraus. Nicht wirklich zu gebrauchen im Alltag, aber super zum Angeben!

Auf der anderen Straßenseite wohnt Martha, eine typische Berliner Pflanze. Sie ist schon 80 Jahre alt und hat einen widerlichen Sohn, der sie ständig terrorisiert. Aber sie ist trotzdem immer fröhlich und ihre gute Laune steckt mich regelmäßig an. Martha gehört zu den unendlich vielen Frauen, deren Männer im Krieg gestorben sind und die dann ihre Kinder irgendwie durch die Nachkriegsjahre gekriegt haben. Eines ihrer beiden Töchter ist allerdings als Kleinkind gestorben, an Tuberkulose. Ich wünschte mir, es hätte stattdessen den Sohn getroffen, dann könnte Martha jetzt wenigstens in Ruhe leben. Manchmal gehe ich sie auch mit einem Freund besuchen, mit Deniz. Der ist 17 und erst vor zwei Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. In ihn bin ich gerade ziemlich verliebt und manchmal besucht er mich in meinem kalten Zimmer. Dann liegen wir unter meinen drei Decken und wärmen uns mit viel Zärtlichkeiten. Martha ist eine der wenigen, die von unserer Beziehung wissen, sie sagt immer: “Passt bloß auf, meine Kleinen, damit euch niemand sieht. Es gibt so viele schlechte Menschen und Idioten da draußen, nicht dass euch noch was passiert.”

Auf meinem Weg nach Hause muss ich noch über den Oranienplatz. Der ist ziemlich ätzend, die großen Rasenflächen tonnenweise vollgekackt, und an der Endhaltestelle vom 19er und 29er Bus stehen die BVG’ler und pöbeln Menschen wie mich an: “Wasch dir mal die Haare!”, “Geh doch rüber, scheiß Hippie” oder auch “Vergasen sollte man euch Typen”. Wenn man allein ist und sich gegen die Sprüche wehrt, kann es auch passieren, dass sie sogar auf einen einschlagen. Heute ist es ihnen aber wohl zu kalt, sie kommen nicht aus ihren Bussen raus.
Jetzt habe ich es nicht mehr weit, auf der rechten Seite kommt gleich die Hausnummer 44. Vorher habe ich in der 45 gewohnt, ebenfalls ein besetztes Haus. Das waren hauptsächlich Studenten, vor allem aus Westdeutschland oder Zehlendorf, die sich für was Besseres halten. Morgens früh aufstehen, Arbeitsplan machen, alles durchorganisieren. Und jeder muss genauso viel in die Hauskasse tun, egal ob er Geld hat oder nicht. Dass ich meinen Anteil stattdessen in Naturalien bezahlen wollte, also z.B. Werkzeug, Kabel oder Rohre irgendwo organisiere, das haben sie nicht akzeptiert. Mir war das alles viel zu spießig, da hätte ich ja gleich wieder zu meinem Vater ziehen können.

Im Nebenhaus sind die Leute nicht so drauf, da wird nur das Nötigste gemacht und ansonsten organisiert jeder sein Leben selber. Deshalb habe ich da jetzt eine ganze Etage zusammen mit Adrian. Er ist ein etwas seltsamer Vogel, also ganz ok.
In zwei Zimmern regnet es rein und deshalb waren die Dielen dort völlig vermodert. Wir haben die rausgerissen, Erde besorgt und darin Kartoffeln und Cannabis angepflanzt. Aber jetzt, mitten im Winter, wächst da natürlich nichts.
Strom gibt es nicht, sonst könnten wir bei uns sogar Heizlüfter benutzen. Ansonsten ist das aber nicht so schlimm, nur dass wir eben kein elektrisches Licht haben. Dafür aber Baustellenlampen. Da ist unten Öl drin und oben unter einer Glashaube ein Docht. Diese Lampen sind nicht sehr hell und stinken ziemlich, aber wenigstens spenden sie etwas Licht.
Echt übel ist, dass die Hauseigentümer alle Öfen zertrümmert haben. Der Gasherd in der Küche aber funktioniert noch und so haben wir die dünne Zwischenwand rausgerissen und heizen die Bude nun mit dem Gasherd. Warm wird es damit zwar nicht, aber wenigstens ein paar Grad über Null. Es passt auch zu meinem derzeitigen Leben. Überleben ohne Luxus – es könnte natürlich besser sein, aber auch viel schlechter. Was will ich also mehr, ich bin ganz zufrieden.

Andi 80

Foto aus dem Film: Das Ende des Regenbogens




Ein Zoom auf die Oranienstraße

Vor zwei Monaten hatte ich ja von Gesprächen mit zwei jungen Absolventen der Axel-Springer-Akademie berichtet. Zusammen mit anderen Studenten haben sie nun ihr Projekt zur Oranienstraße in Kreuzberg fertiggestellt. Herausgekommen ist ein erstaunlich interessanter Blick auf die Geschichte und Gegenwart der Straße. In Dutzenden von Video- und Textbeiträgen wurde ein wirklich tolles Bild dieser Straße gezeichnet. Das folgt keiner Chronologie, sondern man klickt sich durch die Themen und bleibt unweigerlich ständig an Videos hängen, die man nun gerade nicht gesucht hatte. Das ist aber kein Nachteil, sondern macht es spannender.

Thematisch haben die Jungjournalisten weit ausgeholt. Vom 19. Jahrhundert mit dem Luisenstädtischen Kanal geht’s los, die Zeit der Autobahnplanung, der Hausbesetzungen in den 1980ern und dann natürlich die Oranienstraße heute. Dazu gibt es viele kurze Interviews, in denen Menschen zu ihrem Leben und Arbeiten rund um den Kiez befragt werden. Andere beschreiben Ihre Wünsche, wie sich die Straße ändern sollte.
Da ist die alte Dame, die ihre Zeit als Kind direkt nach dem Krieg beschreibt. Der türkische Sozialarbeiter (den ich selbst noch vor 30 Jahren als Jugendlichen kannte). Der Blick in’s Café Luzia, das früher eine Leiser-Filiale war: In dem Beitrag wird der Leiser-Enkel aus Israel per Video zum Gespräch dazu geschaltet. Die Erinnerungen einstiger Hausbesetzer und eines Polizisten. Die deutsch-türkische Gayhane-DJane Ipek. Der weißrussische Pudel, der nur türkisch versteht. Türken und Gentrifizierung und Schwule und Punks und Ommas. Ein Beitrag zeigt auf der Oranienstraße, was Blinde sehen.

Mich interessiert natürlich der Geschichtsteil am meisten, in dem ich noch einiges erfahren hatte, was ich bisher nicht über die Oranienstraße wusste. Auch dass für das Interview mit mir, das ja ohne Kamera stattfand, extra ein Comics im Graphic-Novel-Stil gezeichnet wurde, finde ich klasse.
Ein bisschen fehlt mir in diesem Bereich aber ein begleitender Text, der die Geschichte der Straße chronologisch beschreibt, so dass man die viele Beiträge besser einordnen kann. Vor allem der westliche Teil der Oranienstraße wird da ziemlich vernachlässigt.
Trotzdem kann ich allen, die die Oranienstraße nicht aus eigener Erfahrung kennen, nur raten, sich ein bisschen Zeit zu nehmen und auf der Website durch die vielen Beiträge zu klicken. Und wer sie kennt, sollte erst recht reinschauen, denn sowohl die Darstellung, als auch die Beiträge sind es wert.

Zoom Berlin: Oranienstraße




Rückblick ins Kreuzberg von 1979

Kreuzberg, rund um’s Schlesische Tor vor mehr als 30 Jahren: Grau, schmutzig, Brandwände, viele freie Flächen, eine zerstörte Oberbaumbrücke. Aber meine Heimat! Ort meiner Jugend. Auch wenn viele der Gebäude heute noch stehen, wiederzuerkennen sind sie kaum noch. Das Video zeigt auch, um wieviel schneller und lauter Kreuzberg seitdem geworden ist.

Danke an Phips für den Hinweis!




Unangepasste

Besondere Zeiten bringen besondere Typen hervor. Oder mit sich. So war das auch in den 80ern, als sich viele Gestalten in der Hausbesetzer-Bewegung herumtrieben, die alles andere als normal oder angepasst waren. Mit ein paar von ihnen hatte ich zu tun, sie will ich hier vorstellen. Soweit ich ihre Namen noch weiß, habe ich die meisten von ihnen geändert.

Pistolen-Paul
Äußerlich war er Bud Spencer nicht unähnlich. Er hatte schon einige Jahre Knast hinter sich und war über die “Rote Hilfe” in die Szene gekommen. Ich lebte mit ihm in einem besetzten Haus in der Oranienstraße zusammen und weil wir beide immer zu wenig Geld hatten, machten wir gemeinsam Einbrüche. Vor allem Kneipen in Kreuzberg und Schöneberg waren unser Ziel. Ich lernte bei Paul das Aufbrechen von Fenstern, Türen und – wenn wir so weit gekommen sind – von Geldkassetten.
Er wurde Pistolen-Paul genannt, weil er nebenbei auch mit illegalen Schusswaffen handelte. Mir gegenüber stritt er das ab, aber im Nachhinein zeigte sich, dass es doch stimmte. Denn Paul war nicht nur ein Ex-Knackie, sondern auch ein Spitzel des Verfassungsschutzes. Das kam raus, kurz nachdem er plötzlich verschwunden war. Er hatte versucht, Pistolen an RAF-Sympathisanten zu verkaufen, aber die sind nicht darauf reingefallen.

Willie
Die besetzten Häuser waren nicht alle gleich, in manchen lebten Leute, die die Gebäude sanieren und toll ausbauen wollten, für andere dagegen waren die Besetzungen Teil ihres politischen Kampfs. In diese Kategorie gehörte das Haus in der Nähe des Oranienplatzes, das als besonders militant galt. Mehr als ein Dutzend seiner Bewohner hatten das Amerikahaus am Bahnhof Zoo gestürmt, besetzt und mit Molotow-Cocktails gegen die Polizei verteidigt. Sie gehörten zu den sogenannten Anti-Imps, die die RAF unterstützten und dafür auch in den Knast gingen.
In diesem Haus gab es eine Wohnung, die ganz anders war, dort wohnte Willie. Er war ein kleiner, schmaler, junger Mann Anfang Zwanzig, der etwas Besonderes ausstrahlte: Er war cool. Aber nicht cool im negativen, arroganten Sinn, sondern einfach nur lässig, in jeder Hinsicht. Das war auch nicht gespielt, sondern absolut authentisch. Sein Zimmer war wie ein Labyrinth, etwas verwunschen, genau wie er.
Irgendwie stand Willie immer über den Dingen, nichts konnte ihm was anhaben. Als ich ihn mal verwundet am Rande einer Straßenschlacht traf, fluchte er gerade darüber, dass sein Halstuch so versaut war. Dass es sein eigenes Blut war, interessierte ihn nicht.
Willie hatte eine Freundin, nebenbei aber auch mehrere Lover. Einer von ihnen war eine Zeitlang Rio Reiser, der damals nur zwei Straßen weiter wohnte. Und auch ich habe ein paar Nächte mit ihm verbracht, was für seine Freundin offenbar kein Problem war.
Er gehörte nicht zu der harten Fraktion in seinem Haus, sondern war ein lebensfroher Mensch und es gab wohl niemanden, der ihn nicht leiden konnte.

Peter und Piet
Die beiden Brüder waren 15 und 16 Jahre alt und gerade aus dem Heim abgehauen. Sie wollten sich nichts mehr von anderen Leuten vorschreiben lassen, und so war es klar, dass sie in einem der besetzten Häuser landen würden. Die beiden waren richtig konsequent in ihrer Ablehnung von Kontrolle, Bevormundung und der bürgerlichen Moral. In unserem Haus zogen sie in die kleine Wohnung einer verstorbenen Rentnerin, die noch komplett eingerichtet war. Dort warfen sie als Erstes sämtliche Spiegel raus. Sie wollten nicht mehr ihr Aussehen kontrollieren, sich dem Schönheitszwang entziehen. Außerdem bauten sie sämtliche Schlösser aus, weil sie als Anarchisten keinen Wert auf Privateigentum legten und jeder sich nehmen sollte, was er braucht. Peter und Piet haben mich in ihrer Konsequenz sehr beeindruckt.

Klaus
Ich lebte damals in einer kleinen Kommune direkt an der Mauer, Leuschnerdamm, am Ende der Welt. Wir hatten den Anspruch, ein freies Haus zu haben, das jedem offen steht, der was zum Leben suchte. Dass Anspruch und Realität manchmal nicht vereinbar sind, merkten wir bei Klaus. Ich sah ihn das erste Mal, als er gerade durch das Dachfenster in unsere Küche sprang. “Kann ich hier wohnen?”, waren seine ersten Worte. OK.
Aber es ging nicht lange gut. Wie die meisten von uns war Klaus Anarchist, allerdings hatte er eine andere Vorstellung davon, was das bedeutete. Ich würde ihn als einen der größten Chaoten bezeichnen, die ich je kennengelernt habe. Weder wollte er sich am Ablauf innerhalb der Kommune beteiligen, noch sah er ein Problem darin, anderen Menschen ihr Eigentum zu klauen oder zu zerstören. Nach ein paar Tagen flog er wieder raus und zog weiter, ins nächste Haus.
Seine Geschichte endete ein paar Monate später. Nach der Räumung mehrerer Häuser prügelte die Polizei in Schöneberg eine Gruppe Protestierer mitten in den fließenden Verkehr der Potsdamer Straße. Klaus war dabei. Er wurde von einem BVG-Bus erfasst, überrollt und getötet.

Der Apache
Wie er hieß, weiß ich nicht. Alle nannten ihn nur den Apachen. Er war ein großer, muskulöser Mann mit langen Haaren. Seine beiden Hunde waren immer bei ihm, auch auf Demonstrationen oder bei Straßenschlachten. Der Apache hatte ein entschlossenes Auftreten, gleichzeitig aber eine ruhige, sanfte, extrem hohe Stimme, die gar nicht zu seinem Äußeren passte. Wenn es vor großen Aktionen Vollversammlungen gab, dann stand er immer mitten drin, ohne jedoch etwas zu sagen. Er stand immer, vielleicht weil das bei Indianern nun mal so ist.
Über Jahre habe ich ihn immer nur allein mit seinen Hunden gesehen. Ich glaube er hatte keine Freunde. Irgendwann habe ich erfahren, dass der Bauwagen, in dem er lebte, abgebrannt ist, nur die Hunde haben überlebt. Es hieß, er habe den Wagen selbst angezündet.

Leila
Sie war klein, höchstens 1,55 Meter, aber man hörte sie immer schon von Weitem. Ihre Stimme war schrill und laut und fast immer schrie sie jemanden an.
Leila gehörte zu einer Gruppe türkischer Maoisten, die bei vielen Aktionen dabei waren. Sie war die pure Propagandistin und wenn man ihr mal widersprach, steigerte sich ihre Wut noch weiter. Unglaublich.
Irgendwann traf ich sie mal nachts am Görlitzer Bahnhof. Ich sah sie kaum, weil sie in einem dunklen Hauseingang stand. Als sie mich bemerkte, drehte sie sich weg. Wir kannten uns ja kaum, eigentlich nur vom Sehen und ein paarmal war ich natürlich auch von ihr angeschrieen worden, wie so ziemlich jeder.
Ich fragte sie, ob ich ihr helfen könnte. Erst antwortete sie nicht, aber dann hörte ich doch ihr Schluchzen. Plötzlich drehte sie sich zu mir und ihr Gesicht war überhaupt nicht mehr hart. Ich nahm sie in den Arm und sie weinte nun hemmungslos.
Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, erzählte sie mir, dass ihr klar geworden war, dass sie überhaupt keine Freunde hat. Niemanden, zu dem sie gehen und sich mal aussprechen oder ausweinen könnte. Ich riet ihr, vielleicht mal etwas weniger hart zu sein, auch mal den Menschen zu sehen, nicht nur den Genossen oder den Feind.
Doch als ich sie das nächste Mal sah, war es wie immer. Sie schrie wieder wie verrückt ihre Parolen, den schwachen Moment in der Nacht hatte sie wohl schon vergessen. Und mich kannte sie auch nicht mehr.

Chrissi
In bewegten Zeiten suchen viele Menschen nach ihrer Position, und manche verirren sich dabei. So auch Chrissi. Er war mit 13 oder 14 Jahren Anarchist geworden und ging in unserem Haus ein und aus. Wir freundeten uns an, diskutierten viel und gingen zusammen auf Demonstrationen und zu anderen Aktionen.
Irgendwann merkte ich, dass es weniger wurde. Chrissi kam nicht mehr so oft vorbei und wenn, dann hatte er nicht mehr so viel Interesse. Ich wusste nur, dass er neue Freunde gefunden hatte, mit denen wollte er jetzt mehr zusammen machen. Das wäre alles nicht schlimm gewesen, aber ich kannte ihn mittlerweile sehr gut und merkte, dass irgendwas passiert war. Aber er wollte nichts sagen.
Das kam dafür einige Wochen später ganz plötzlich. Zu dieser Zeit war er 16 oder 17 Jahre alt. Er saß bei mir und fing plötzlich an zu zittern und zu weinen, es ging fast bis zum Nervenzusammenbruch. Nachdem er sich beruhigt hatte, erzählte er, dass er mit seinen Kumpels eine Aktion geplant hatte, einen Banküberfall. Die anderen waren auch in seinem Alter, nur ihr Anführer, Andreas Sobo, war schon Mitte Zwanzig. Er war es auch, der die Aktion geplant und vorbereitet hatte. Sie wollten ein Auto klauen und nach dem Überfall nach Belgien fliehen. Chrissi hatte Angst, dass das alles schief gehen könnte, er im Knast landet oder vielleicht verletzt werden könnte.
Mir war klar, dass ich das nicht zulassen würde. Ich behielt ihn die ganze Nacht bei mir und redete auf ihn ein. Er wollte nicht abspringen, weil doch seine Freunde dabei waren. Ich konnte ihn überzeugen, dass er jetzt in erster Linie an sich denken müsste. Und ich drohte ihm, die Aktion bei der Polizei zu verraten, wenn er doch mitmachen würde.
Letztendlich habe ich es geschafft, ihn abzuhalten. Die anderen haben es aber durchgezogen. Nach dem Überfall in Westdeutschland sind sie an die Grenze gefahren, wo Andreas Sobo dem Grenzler einen speziellen Ausweis zeigte. Sofort wurden die anderen festgenommen, nur Sobo blieb unbehelligt.
Auch Chrissi wurde kurz darauf verhaftet und kam einige Wochen in Untersuchungshaft. Da er aber an der Aktion selber nicht teilgenommen hatte, kam er mit einer Bewährungsstrafe davon. Die anderen aber bekamen alle Haftstrafen. Beim Prozess wurde zur Gewissheit, was wir eigentlich schon wussten: Andreas Sobo war Agent des Berliner Verfassungsschutzes.
Warum er die Aktion gemacht hat, wurde nicht klar. Beim Prozess brauchte er nicht persönlich auszusagen. Wahrscheinlich wollte er sich beim Geheimdienst profilieren, denn die Jugendlichen waren vorher mit Sicherheit keine gefährliche Gruppe.

Herr Schattner
Als ich noch in die Hauptschule ging, führte mich mein Weg machmal an den Altbauten in der Kohlfurter Straße vorbei. Dort gab es einen kleinen Laden, in dem man Comics und Romanhefte kaufen konnte. Oder tauschen, für zwei Hefte gab es ein anderes. Der Laden war düster und der alte Mann hinter dem Tresen auch. Aber er war wichtig, denn außer den Heften verkaufte er noch etwas anderes: Stinkbomben! Damals war das etwas sehr Nützliches, das in der Schule öfters Anwendung fand.
Ein paar Jahre später, die Hausbesetzerbewegung hatte gerade begonnen, traf ich ihn wieder. Seinen Laden hatte er immer noch, aber er war nun auch an anderer Stelle aktiv.  Er engagierte sich in der Bürgerinitiative SO 36, die verhindern wollte, dass ganz Kreuzberg abgerissen wird und nachher so aussieht wie das Kottbusser Tor heute. Immer wenn die Polizei bei einem besetzten Haus auflief, kam auch Herr Schattner dazu und legte sich mit den Beamten an. Er versuchte immer erst, mit ihnen zu diskutieren, aber wenn das nicht ging, schrie er sie an.
Bei der Räumungsaktion an Fränkelufer gab es stundenlangen Krawall. Wir warfen mit Steinen gegen die Wannen und plötzlich waren mehrere Polizisten zu Fuß hinter mir her. Ich rannte wie um mein Leben und plötzlich zog mich jemand in einen Hauseingang und schloss sofort die massive Holztür ab. Es war Schattner, der mich da gerettet hatte.




Kollektiv

Damals in der Haupt­­schule hat man sich nicht die Mühe gemacht, uns die lateinischen Begriffe für Haupt-, Tu- oder Eigenschaftswörter beizubringen. Bis heute komme ich damit noch durcheinander, tja, was Hänschen nicht lernt…
Eines dieser Worte war “kollektiv”, das es groß geschrieben auch als Hauptwort (Substantiv!) gibt. Wie erklärt man aber Kreuzberger Gören, was “kollektiv” bedeutet? Meinem Lehrer Bernd fiel das nicht schwer, denn er lebte als 68er Student in einer der ersten Wohnkollektive, die später Wohngemeinschaften hießen. Anders als bei den Kommunen hatten die Leute dort eigene Zimmer, was die Sache nicht weniger spannend machte. Wenn Bernd von dort erzählte, war es in der Klasse still. Damals, Mitte der 70er, waren “Wohnkollektive” noch etwas Außergewöhnliches. Vor allem, als wir erfuhren, dass auch Jugendliche in unserem Alter dort lebten und genauso viel Rechte hatten, wie die Erwachsenen. Dazu gehörte auch, dass man die Erwachsenen duzen konnte. Dass Bernd das auch seinen Schülern erlaubte, machte ihn in der übrigen Lehrerschaft nicht beliebt. Dabei war er ganz sicher kein Verfechter der antiautoritären Erziehung, aber allein durch das Duzen war er in den Augen der Kollegen schon verdächtig. Wenn die gewusst hätten, dass einige der Schüler sogar in seiner WG übernachteten, wäre der Skandal perfekt gewesen.

Das Wort Kollektiv hörte man oft, wenn man aus Versehen mal die Nachrichten im DDR-Fernsehen anschaltete. Offenbar hießen die Belegschaften in den Betrieben dort so. Bernd erzählte uns aber, dass die nicht wirklich kollektiv organisiert waren, weil nämlich nicht alle die gleichen Rechte hatten. Er dauerte ein paar Jahre, bis ich die ersten größeren, wirklichen Kollektive kennenlernte. Die besetzte Feuerwache in der Reichenberger Straße, das Kerngehäuse in der Cuvrystraße, überhaupt in vielen der Häuser, die 1980 in Kreuzberg besetzt wurden.
Da gab es meist das Plenum, auf dem alles besprochen wurde, was entschieden werden musste. In den eher “intellektuellen” Häusern, da wo die Studenten wohnten, gingen solche Plenen gerne auch mal über mehrere Stunden – täglich!
Es gab Häuser mit Kommunen, alte Fabrikgebäude mit riesigen Räumen. Hier lagen Dutzende Matratzen nebeneinander, alle schliefen gemeinsam. Das beflügelte natürlich meine Fantasie, die allerdings stets enttäuscht wurde, wenn ich mal dort übernachtete.
Immer gab es auch einen großen, meist selbst gezimmerten Tisch, und wohl niemals, in keiner Kommune, war dieser Tisch jemals leer oder sauber. Kommunebewohner grenzten sich auch in dieser Beziehung streng von ihrer bürgerlichen Herkunft ab. Obwohl die meisten von ihnen tief im Herzen Spießer geblieben sind, wie ich bald merkte.

In dieser Zeit wurde ich vom Gedanken infiziert, dass kollektives Leben möglich ist und dass es viel cooler ist, als das normale Leben in einer Wohnung. Ich besuchte Landkommunen, wohnte einige Zeit in einer alten Burg in Niedersachsen, in der sich 1983 die Autonomen als politische Bewegung definierten. In kollektiven Werkstätten sah ich, dass nicht das Geld den Maßstab für die Arbeit bestimmen musste. Als Gegenleistung für’s Wohnen arbeitete ich in der Holzwerkstatt, in der Druckerei und auf dem Feld mit. Wenn ich keine Lust hatte, ließ ich es sein, jeder steckte das rein, was er konnte und wollte. Und das klappte.
Die Idee war das gemeinsame Projekt, meist ein Haus, aber z.B. auch (in Kopenhagen) ein altes Theater, in dem nun Konzerte stattfanden. Dass es alles auch eine Nummer größer funktionierte, sah ich 1980 in Gorleben. Auf dem besetzten Gelände des geplanten Atomlagers für Kernbrennstäbe lebte ich mit hunderten Anti-AKW-Aktivisten in selbst gebauten Hütten. Bis zu 2000 waren wir an den Wochenenden, organisiert in kleinere Bereiche des Widerstandsdorfs. Es gab das Freundschaftshaus, und die großen Küchenzelte, Gulaschkanonen, Badewannen zum Geschirrspülen, Baugruppen, einen Piratensender und sogar eigene Pässe, auf denen stolz unser “Republik Freies Wendland” stand.
Auch im dänischen Christiania sah ich mir an, wie das Zusammenleben vieler Menschen organisiert werden kann, ohne dass die Reichen das Sagen haben und die anderen sich danach richten müssen.

Kollektiv wohnen, arbeiten, auch lernen, das hat sich in mir festgesetzt. Dagegen steht der Frust der Vereinzelung. So wie ich es erlebt habe, gibt es das Kollektive heute kaum noch. Viele Projekte sind gescheitert, manche aber gibt es bis heute. In Kreuzberg, in Leipzig, in Kopenhagen, im einstigen “Wessiland”. Kollektiv leben ist sicher schwieriger, weil man Teil einer Gruppe ist und nicht nur für sich allein verantwortlich. Wer aber mit anderen zusammen lebt und viele Dinge zusammen organisiert, der trägt auch für das Ganze die Verantwortung mit. Man ist dazu gezwungen, die eigenen Entscheidungen zu  erklären und zu vertreten – also auch, sie sich selber bewusst zu machen. Und das kann schwer sein, erst recht, wenn es nicht nur um Organisatorisches geht, sondern z.B. um Beziehungen. Solidarische, gleichberechtigte Diskussionen sind die Voraussetzung dafür, dass das klappt. Sie geben aber auch allen die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, zu lernen, andere Meinungen zu akzeptieren und sich damit auseinanderzusetzen. Kollektiv ist das genaue Gegenteil von vereinzelt. Und genau deshalb werden z.B. politische Gefangene oft in Einzelhaft gesteckt: Um sie als kollektive Menschen zu brechen.

Die ganze Gesellschaft ist so aufgebaut, dass die Menschen sich möglichst nicht zusammentun. Man will uns das kollektive Denken austreiben, denn Gemeinschaften sind viel schwerer zu beeinflussen und zu kontrollieren, als isolierte Bürger. Vieles davon haben wir schon gefressen: Arabischstämmige Großfamilien, Straßengangs, Rockergruppen, Punks – sie sind auf ihre Art Kollektive, die uns als Gefahr präsentiert werden. Wir lehnen sie ab, während wir sie gleichzeitig um ihre Gemeinschaft beneiden.
Gleichzeitig lebt heute schon die Hälfte der Berliner Bevölkerung allein, selbst die Familien als kleinste natürliche Form des Kollektivs ist auf dem Rückzug.
Ich glaube aber, Kollektivität ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Dass wir Herdentiere sind, ist nicht nur eine leere Weisheit, sondern wahr. Doch weil immer mehr Menschen allein leben, wachsen die Ersatzbefriedigungen. Schneller, unverbindlicher Sex, Partys, verdummende Fernsehserien, Konsumieren von überflüssigen Dingen, die einem trotzdem nicht das Gefühl geben, irgendwo dazu zu gehören. Selbst wenn man jung ist und schön, oder sich zumindest so stylt, hat man keine Chance. Andere Dinge sind wichtig, unverbindliche Oberflächlichkeiten.

Wenn man etwas anderes will, muss man sich auf andere einlassen, muss gemeinsame Strukturen aufbauen, Häuser, Betriebe. Man muss bereit sein, mit anderen zu teilen.
Es fängt im Kleinen an. Aber es muss nicht klein bleiben.




Gewalt und Gegengewalt

Noch heute, rund 20 Jahre später, sehe ich die Gesichter vor mir. Die voller Hass und die voller Angst. Zehn Jahre lang war ich Mitglied der autonomen Antifa, von Mitte der 80er in West-Berlin bis Mitte der 90er in der wiedervereinigten Stadt. In dieser Zeit habe ich an zahlreichen “antifaschistischen Aktionen” teilgenommen, darunter auch etliche gewalttätige. Und Gewalt war oft ein Thema. Sie gehörte als Teil unserer politischen Arbeit selbstverständlich dazu. Ich war keiner von denen, die auf jeden Rechten drauf schlugen, egal ob er von der NPD oder der Jungen Union war. Aber distanziert habe ich mich von den prügelnden “Genossen” auch nicht.

Bis heute habe ich Situationen vor Augen, bei denen Rechtsradikale übelst verletzt wurden. Am Alexanderplatz wurde sogar ein 18-Jähriger totgeschlagen, während ich mich nebenan mit jungen Naziskins prügelte. Immer wenn es hieß “Die Nazis kommen!” fuhren wir los, innerhalb Berlins und ab 1990 auch ins Umland. Gerade in Brandenburg waren linke oder unpolitische Jugendliche oft froh, wenn die Antifa aus Berlin kam. Sie hatten dort viel Ärger mit Neonazis, Kameradschaften, Nationalistische Front, Skinheads, Nazirocker. Oft reichte es schon, wenn wir massiv Präsenz zeigten. Die Tücher über den Gesichtern, die kurzen Knüppel so unter der Jacke versteckt, dass sie sich deutlich abzeichneten. Mehr als einmal habe ich aber auch bemerkt, dass manche uns für die Faschisten hielten, aufgrund dieses martialischen Auftretens.
Wenn sich dann wirklich einzelne Nazis heran wagten, gab es immer den gleichen Ablauf. Einige von uns schnitten ihnen den Rückweg ab und dann prügelten alle auf sie ein. Dabei wurde keine Rücksicht mehr genommen, bis heute wundert es mich, dass so wenig Rechtsradikale bei solchen Aktionen ums Leben kamen. Schwere Verletzungen gab es aber zuhauf. Aufgeplatzte Kopfhaut, gebrochene Arme, Rippen und Nasen waren normal. Ich weiß aber auch, dass manche von denen danach nie wieder ein normales Leben führen konnten, weil die Verletzungen zu schwer waren.

Klar, wir wussen ja, mit wem wir es zu tun hatten. Die Faschisten sind selber nicht anderes mit ihren Gegnern umgegangen und bei Gelegenheit hätten sie uns genauso zugerichtet. Wer in eine solche Auseinandersetzung geht, muss auch in der Lage sein, sich körperlich zur Wehr zu setzen. Und Neonazis Angst zu machen, ist ja auch nicht so falsch.
Andererseits sind wir oft als die Aggressoren aufgetreten, die nach außen genauso abstoßend gewirkt haben, wie die Rechten. Oft wurden auch keine Unterschiede gemacht zwischen Neonazi-Schlägern und jungen Mitläufern – alles war rechts, alles war schlecht und musste deshalb genauso behandelt werden.

Wenn wir unsere eigenen Veranstaltungen, Konzerte, Demos geschützt haben, hatten wir auch immer unauffällige Wachen in Autos und auf Fahrrädern unterwegs. Knüppel und Pyropistolen wurden vorher schon in Kofferräumen oder Kellern gebunkert, so dass wir notfalls auch durch eine Polizeikontrolle gehen konnten.
Manchmal wurden aber auch Kundgebungen oder Versammlungen der Rechtsextremisten angegriffen. Dann waren wir normalerweile bis oben hin bewaffnet, zumal wir wussten, dass sie meist auch gut ausgerüstet waren. Oft wurde dann mit Tricks gearbeitet. Wir konnten einzelne von denen rauslocken und verprügeln, verschleierten unsere wirkliche Anzahl und wenn dann zehn von ihnen losstürmten, standen sie plötzlich 50 Leuten gegenüber. In diesen Situationen haben wir immer gewonnen, die meisten waren einfach schlauer und brutaler als die Faschisten. Es gab selten solche Aktionen, bei denen danach keine Krankenwagen kommen mussten.

Dabei ging es ja auch anders. Als ein Freund von mir in der Schule von Jungfaschos bedroht wurde, warteten wir dort und provozierten ihn. Der rannte mit seinen Freunden auf uns los, aber wir waren vorbereitet und warfen zwei von ihnen in einen Müllcontainer. Den Anführer bedrohten wir so massiv, dass er sich einpinkelte und so schickten wir ihn zurück über den Schulhof. An diesem Tag wurde kein einziger Schlag ausgeteilt und seitdem war dort auch Ruhe.
Leider eskalierten aber die Antifa-Aktionen immer wieder. Am Schlimmsten fand ich, als einige Leute ein Treffen der “Republikaner” in Neukölln überfielen und dabei jemand einem Rechten ein Messer in den Rücken stieß. Es war ein älterer Mann, kein Schläger, es war ganz sicher keine Notwehraktion. Der Täter wurde später verurteilt, aber bei mir war damit eine Grenze überschritten. Die Solidaritätsaktion zu dessen Unterstützung habe ich noch mitgetragen, doch innerlich hatte ich mich schon verabschiedet. Als ich dann in Diskussionen die Gewalt in Frage stellte und mit der von Neonazis verglich, war Schluss. Plötzlich war ich ein Verräter.
Heute kann ich gar nicht mehr nachvollziehen, wieso ich so lange geschwiegen habe. Gewalt hat mich ja schon immer abgestoßen, aber ich hatte mir gesagt, dass sie eben manchmal sein muss. Vielleicht stimmt das auch, aber dann nicht in dieser Form, wie ich sie damals oft erlebt habe.

Wer heute auf den einschlägigen Websites sucht, findet dutzende Berichte über solche Aktionen. Die Gewalt regiert noch immer und offenbar breiter als damals. Ich bin froh, dass ich nicht mehr dazu gehöre.

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Ein Kreuzberger 1982 in Lichtenberg

An manchen Tagen kann ich diese Uniformen einfach nicht mehr sehen. Schon beim Heraustreten aus dem Block in der Leninallee [heute Landsberger Allee] in Lichtenberg stehen sie vor der Tür, mich befällt das typische mulmige Gefühl im Magen, das ich immer nur hier habe. Als ich noch in Kreuzberg wohnte, waren Polizisten für mich immer “Bullen”. Hier gibt es für diese Bezeichnung gleich ein Jahr Knast wegen “Diskriminierung staatlicher Organe”.
Auf die Bevölkerung umgerechnet gibt es in Ost-Berlin doppelt so viele Polizisten wie im Westteil. Vielleicht sind sie deshalb immer in Zweiergruppen. “Warum treten die Volkspolizisten so häufig als Paar auf? Weil sie nur zu zweit ihre zehn Schuljahre zusammenkriegen”, spottet der sozialistische Volksmund. Und wenn man mit diesen preußischen Kameraden zu tun hat, hat man den Eindruck, dass etwas Wahres dran ist. Es sind meist nicht die hellsten Köpfe, die am 150%igsten sind. Die ihr Unwissen mit Disziplin und Härte überspielen.
Dabei ist eine Einschüchterung meist gar nicht nötig, die gibt es schon vom Anfang der sozialistischen Erziehung an. Nicht dass im Westen die antiautoritäre Erziehung gesiegt hätte, aber Ja-Sager und Buckler habe ich dort nie in solchen Mengen getroffen, wie hier täglich in Ost-Berlin. Es tut weh.
Und es zieht sich durch die gesamte Gesellschaft, das Anpassen, das Mitmachen, das Nicht-aus-der-Reihe-tanzen. So wie die Militarisierung. “Wer nochmal eine Waffe anfässt, dem soll die Hand abfallen!” Diese Losung war schnell vergessen. Schon im Vorschulalter lernen die Kinder Befehle zu befolgen, marschieren, später fahren sie in kleinen Panzern. In der “Gesellschaft für Sport und Technik” sowie in den Betriebskampfgruppen werden Zivilisten militärisch gedrillt. Glaubt die Staatsführung wirklich, dass die Menschen diesen Staat gegen “Imperialisten” oder “Staatsfeinde” verteidigen würden? Meine Freunde hier haben die “Fahne” noch vor sich, den Dienst in der Nationalen Volksarmee. Einer hat sich heulend die Arme aufgeschnitten, aus Verzweiflung. Diejenigen, die schon dort waren, erzählen nur verbittert von davon. Manche sagen, dass sie dort ihren Staat hassen gelernt haben. Als West-Berliner bin ich doppelt privilegiert: Hier im Osten sowieso, weil ich ja jederzeit wieder auf die andere Seite kann. Und in der Bundesrepublik ebenfalls, weil West-Berliner auch nicht zur Bundeswehr müssen. Ich habe schon immer ein großes Misstrauen gegen alles Militärische, das ich in West-Berlin nur von den jährlichen Militärparaden auf der Straße des 17. Juni kenne. Aber hier in der DDR ist es überall präsent, auch die Propaganda vom “bewaffneten Frieden”. Es gibt wohl nur wenige, die das glauben: Der Aufstand am 17. Juni 1953 ist nicht vergessen, genauso wenig wie der Einmarsch 1968 in die Tschechoslowakei. Niemand traut der NVA zu, länger als einen Tag auszuhalten, wenn es wirklich mal einen militärischen Angriff geben sollte. Was also soll die Propaganda erreichen, wenn nicht die Einschüchterung der eigenen Bevölkerung?

Wenn ich am Bahnhof Friedrichstraße oder der Oberbaumbrücke stehe, dann freue ich mich auf “meine” Stadt, die doch ziemlich weit weg ist, wenn auch nur ein paar hundert Meter. Die Monate in der DDR haben mir gezeigt, dass meine Unzufriedenheit in West-Berlin anders ist, als ich sie vorher wahrgenommen habe. In Kreuzberg habe ich doch viele Freiheiten und Möglichkeiten, kann mein Leben in relativ großem Rahmen selbst bestimmen. Erst in der DDR habe ich wirkliche staatliche Bevormundung gelernt, seitdem kommt mir die Bürokratie im Westen sehr klein vor.
Und doch habe ich etwas gefunden, das die vielen negativen Erfahrungen wieder ausgleicht. Ich habe erfahren, dass mir zugehört wird. Das, was ich sage, wird tatsächlich wahrgenommen, plötzlich muss ich statt dahin geworfener Sprüche eine richtige Aussage treffen. Unter all der Härte des öffentlichen Alltags habe ich eine große Sensibilität erfahren. Viele, wenn nicht die meisten, wollen z.B. gar nicht in den Westen gehen, wovon ich vorher immer überzeugt war. Sie sehen dort eine gesellschaftliche Kälte, und das nicht nur, weil es im Neuen Deutschland steht. Und sie haben recht. Ich habe immer wieder den mitleidsvollen Blick ertragen müssen, wenn ich mich mal wieder zu oberflächlich gegeben habe, wieder mal einen leeren Spruch angebracht habe, nur um irgendwas zu sagen oder um mich selbst interessant zu machen. Dabei wäre das nicht nötig gewesen: Im Privaten ist mir immer wieder wirkliches Interesse an meiner Person, an meinem Leben, meinen Erfahrungen und Gedanken begegnet. Ich konnte die Fragen irgendwann nicht mehr locker abbügeln, musste plötzlich mehr über mich nachdenken.
Im Westen muss man seine Fassade aufrecht erhalten, hier auch. Aber hier im Osten ist es vor allem eine Fassade nach außen, die die Öffentlichkeit bzw. den Staat vom eigenen Kreis der Freunde und Familie abgrenzt. Dagegen laufen in West-Berlin viele mit ihrer Mauer um sich selber rum. Wie tausende Menschen, die sich ein Fass übergestülpt haben, jeder für sich.
Berlin ist eine geteilte Stadt, nicht nur geografisch. Aus meinem vertrauten Kreuzdorf bin ich in die fremde Hauptstadt gekommen und diese Erfahrung hat zwei Bilder verändert: Das über die DDR und das über den Westen. Ich versuche zu verstehen, was diese Unterschiede sind, und wie es weitergeht.

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Meine alte Oranienstraße

Viele Jahre lang war ich ein Kreuzberger. Die ersten 30 Jahre meines Lebens habe ich dort verbracht, Zuerst als Kind in der Gitschiner Straße, erste Etage Vorderhaus, mein Kinderzimmerfenster schaute direkt auf die Hochbahn. Dann in der Spring-Neubausiedlung, die kaum jemand kennt, obwohl dort der – ich glaube sogar offizielle – Mittelpunkt Berlins liegt. Ruhige Wohnanlage, nicht so ghettomäßig wie das MV oder die Gropiusstadt, wir hatten auch nur ein einziges Hochhaus. Ab 1980 war ich dann fast ausschließlich im Kiez, also zwischen Moritzplatz und Schlesischem Tor, selten kam ich aus meiner Gegend heraus. Manchmal ging es nach Schöneberg, seltener nach Neukölln, aber sowas wie Spandau oder Zehlendorf war fast schon Ausland.

Innerhalb des Kiezes bin ich oft umgezogen, oft hatte ich auch gar keine Wohnung. Das Zentrum meines damaligen Lebens war die Oranienstraße. Zwölf bis fünfzehn Häuser habe ich seit 1980 in dieser Straße bewohnt, ich kannte wirklich jeden Durchgang, jeden Keller, ich wusste genau, wie man über die Dächer den ganzen Block umrunden konnte. Und ganz wichtig: Kein Polizist hat mich je erwischt, wenn ich mit Freunden quer durch die Blöcke geflüchtet bin, da war mir jede Mülltonne bekannt, über die ich über Mauern drüber kam. Auch jedes Hinterhaus, das im Keller einen Durchbruch zur anderen Seite hatte, kannte ich, es war wirklich mein Zuhause. Genauso sah es draußen aus: Die verblassenden aufgemalten Firmennamen über den Läden und Einfahrten begleiteten mich über die Jahre. Ich sah, wie sich die Häuser entwickelten, und die Menschen in ihnen. So manchen habe ich als Kind zum ersten Mal gesehen, später mit ihm Häuser besetzt, und manche sah ich auch sterben. Viele sogar. Teilweise durch Alkohol oder andere Drogen, zwei kamen durch die Polizei ums Leben, ein paar brachten sich selber um. Am schlimmsten ist mir noch Tommy in Erinnerung, ein lustiger Junge aus dem Nebenhaus, vielleicht 11 oder 12 Jahre alt. Beide Eltern waren Alkoholiker, irgendwann fing auch er an. Mit 15 war er davon aufgedunsen, eines  Tages trugen sie ihnen tot aus der Wohnung. So ist das Leben, so war das Leben damals in der Oranienstraße oft. Die kaputten, bröckelnden Hausfassaden, die stinkenden und dunklen Treppenflure, sie waren wie die Bewohner. Ich empfand das damals nicht als schrecklich, es war normal. Doch bei den alten Leuten wurde ich mitleidig. Manchmal besorgte ich für eine Greisin aus meinem Haus Holz und heizte ihren Ofen, denn das konnte sie nicht mehr allein. Damals gab es noch in den meisten Häusern Ofenheizung, wer aber keine Kohlen hatte oder sie nicht mehr tragen konnte, musste frieren. In einem der Häuser hatte ich mal eine Nachbarin, sie hieß Martha und war Mitte 80. Beim Krawall am 1. Mai 1987 wurde auch der Supermarkt am Oranienplatz geplündert und so ging ich mit meinem Freund dort rein. Mit Kaffee und Zigaretten, Käse und Wurst kamen wir nach Hause und wurden oben von Martha empfangen. Sie freute sich für uns und wir schenkten ihr unsere Beute. Sie war glücklich, hat es zuerst abgelehnt und dann doch angenommen. Dann haben wir zusammen in ihrer kleinen Wohnung mitten in der Nacht den 1. Mai gefeiert. Als ihr Sohn sie am nächsten Tag besuchte, hörten wir sein Gebrüll und sind sofort rüber. Er schrie sie an, dass sie das geklaute Zeug sofort wegwerfen sollte. Es gab eine kurze Schlägerei mit ihm, die er verlor. Martha weinte sehr und sagte, dass sie glücklich ist, solche Nachbarn wie uns zu haben. Gleichzeitig nahm sie aber natürlich ihren Sohn in Schutz, es war ja auch ihr einziger.

Am Heinrichplatz lebte ein Alkoholiker, noch nicht sehr alt, höchstens 24 Jahre, der zwei kleine Mädchen hatte. Wir hatten nie eine Mutter bei ihnen gesehen, immer brachte er sie in den Kindergarten, und manchmal gingen sie auch allein hin. Nachmittags spielten sie oft bei uns im Hof und ein paarmal brachte ich sie nach Hause, wenn es schon längst dunkel war, wenn ihr Vater wieder mal betrunken im Bett schlief. Als eines Tages der Wagen vom Bestattungsinstitut seinen Sarg abholte, sah ich die beiden Mäuschen an einer Frau stehen, offenbar die Mutter. Ganz kurz ging ich hin, wollte die beiden trösten, die überhaupt nicht verstanden, was da gerade passierte. Doch die Mutter stieß mich weg, ihre Kinder würden jetzt ein besseres Leben bekommen, raus aus dem Dreck. Ich hoffe, dass sie Wort gehalten hat.

In der Oranienstraße entstanden seit Ende der 70er Jahre viele neue Wohngemeinschaften und Kommunen, teilweise in besetzten Häusern. Es war eine große Zeit des Ausprobierens, die meisten waren wie ich noch sehr jung und sehr neugierig. In manchen Hinterhofwohnungen entstanden Werkstätten, Remisen wurden umgebaut, plötzlich kam auch Farbe in die Straße: Die vielen bunten Transparente an den besetzten Häusern und die zahlreichen Fassaden, die nun angemalt wurden, sie standen für das neue Leben, das dort einzog. Die Häuserbewegung zog ja auch manch alte Leute mit, gerade die armen, die kaum von ihrer kleinen Rente leben konnten. Zusammen feierten wir auf den Höfen, manchmal auch spontan auf der Straße, jeder der konnte brachte was mit runter, alles kam auf den Tisch und jeder konnte davon nehmen. Immer fanden sich welche, die mit Gitarre und Bongos Musik machten, manchmal auch mit Geige, doch leider beendete oft die Polizei unsere Party.

Wenn man alte Fotos von damals anschaut, sieht man meist nur kaputte Hausfassaden, morbiden Charme. Doch neben dem Elend in den Häusern gab es eben auch das andere, die Künstler, die Jugendlichen und Frauen, die Fantasie, die mit Farbe, Musik und vielen Ideen Leben hinein brachten. Es entwickelten sich Szenen, Schwule, Punks, Politische, Frauen-Power-Frauen. Auf meinen Streifzügen durch das Leben im Kiez fand ich Ateliers in ehemaligen Fabriketagen, in anderen lebten die Bewohner zusammen in den riesigen Räumen als Kommune zusammen, in wieder anderen standen kleine Druckmaschinen, auf denen Raubdrucke hergestellt wurden, also Nachdrucke von Büchern, die dann in den Kneipen der Stadt billig verkauft wurden. Ich landete in einer Sado-Maso-Wohnung, in einer illegalen WG, deren Bewohner nicht älter als 15 Jahre alt waren. Als ich mit einem Freund eine große Wohnung im vierten Stock besetzte, mit Blick Richtung Süden, pflanzten wir in einem Zimmer Cannabis an, in einem anderen Kartoffeln. Zwar regnete es manchmal in der Wohnung unter uns durch, aber das war nicht so schlimm, weil dort niemand wohnte, sondern sich da nur das Warenlager eines Hehlers befand.
In warmen Sommernächten schliefen wir auch auf Dächern, vor allem die von den Hinterhoffabriken waren meistens flach. Gefrühstückt wurde dort sowieso öfter und spannend waren die Ausflüge: Die meisten Häuser hatten ja Schrägdächer und neben der Dachspitze waren Bretter befestigt, auf denen die Schornsteinfeger laufen konnten. Es kam vor, dass Bretter nicht mehr fest waren oder schon verrottet, dann musste man besonders vorsichtig sein. Im Blockinnern war es natürlich besonders interessant. Dort standen die Seitenflügel des einen Hauses Rücken an Rücken mit dem vom Nebenhaus. Wenn nun im Krieg eines der Gebäude zerstört war, lief man auf dem Brett des anderen, direkt am Abgrund, in ca. 25 Meter Höhe. Da die Häuser nicht alle gleich hoch sind, musste man auch oft klettern, und es kam auch vor, dass man sich da oben mal verlief.
Das Bild der Oranienstraße war auch von den Plakaten geprägt. Jede Stelle war zugeklebt, selbst Haustüren waren nicht sicher. Die kommerziellen Plakate waren in der Minderheit, meist waren es Aufrufe zu Demonstrationen oder zu unseren Festen und Konzerten, auch zu Theateraufführungen in Höfen oder besetzten Häusern. Und an den wenigen Fassaden, an denen keine Plakate klebten, brachten wir unsere Parolen oder Zeichen an. Mein ANDI 80 prangte in der Oranienstraße an mindestens jedem zweiten Haus.

Wenn ich heute in die Oranienstraße komme, dann ist das wie zu Besuch in einer anderen Stadt. Die meisten Läden sind verschwunden, nur Farben-Korzac, das Max & Moritz, die Stiege und die Rote Harfe sind noch übrig. Alles andere kam erst später, das Antiquariat in der 45, das SO36, das Jenseits. Und die vielen Bars und Klamottenläden, die heute das Bild der Straße bestimmen. Die Fassaden sind jetzt alle bunt, mindestens pastellfarben, in die Häuser kommt man nur noch mit Schlüssel, und wenn man mal auf einem Hof steht, gehts dort nicht mehr weiter. Die kleinen Rasenflächen hinter den Häusern sind sauber geschnitten, der Müll wird getrennt. Die Straße ist ein bisschen wie Disneyland, für die Touristen ist sie sicher super interessant und authentisch. Die Türken, Studenten und “Alternativen”, die den Oranienkiez heute prägen, sind die Nachfolger meiner Generation. Doch sie sind mir fremd, obwohl es sie auch damals schon gab. Die Armut ist verschwunden, das ist gut, aber die Aufbruchstimmung auch, und das ist schade.

Vielleicht bin ich zu konservativ, vielleicht kann ich das Neue nicht akzeptieren, weil ich nicht mehr dazu gehöre. Möglicherweise will ich mir auch nicht eingestehen, dass ich einfach schon zu erwachsen bin, und die Stätten der Jugend nun mal mit ihr verschwunden sind. Man sagt Leuten wie mir ja nach, dass wir nicht erwachsen werden können oder wollen. Da ist schon was dran. Die alte Oranienstraße jedenfalls gehört für mich definitiv zu meiner Jugend. Und vielleicht habe ich ja Glück und entdecke irgendwo doch noch ein gesprühtes…

ANDI 80




Mein Christian Klar

Ich bin kein Sympathisant der Roten Armee Fraktion, war es auch nie, und ich bin auch Christian Klar nie persönlich begegnet. Trotzdem verbindet mich mit ihm etwas. Etwas auch im Sinne von “wenig”, aber nicht von “nichts”. Als ich heute von seiner vorzeitigen Entlassung aus dem Gefängnis hörte, nach etwas über 26 Jahren, berührte es mich schon. Unbestimmt.
Klar saß wegen der Morde von 1977. “Buback, Ponto, Schleyer – der nächste ist ein Bayer”, sang ich als Jugendlicher, dem damaligen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß in herzlicher Ablehnung verbunden, aber ansonsten ohne politischen Hintergrund. Die Anschläge der RAF faszinierten mich und einige meiner Freunde, nicht wegen der politischen Absicht, sondern einfach nur aufgrund der perfekten Dramaturgie. Der Staat war plötzlich hilflos, die auf allen Straßen präsente Polizei machte sich immer lächerlicher, weil sie nichts auf die Reihe bekam. Nur die paar verwegenen Gestalten, die “Baader-Meinhof-Bande”, führte die Regierung an der Nase herum. Sie waren für mich wie Robin Hoods, unfassbar für den Verstand und die Polizei. Trotz des riesigen Aufgebots an Sicherheitskräften mordeten sie weiter. Faszinierend waren auch die vorgeführten Fernsehaufnahmen nach den Selbstmorden von Stammheim: Selbst hier, im sichersten Gefängnis Deutschlands, konnten die Terroristen Waffen reinschmuggeln, sie konnten sich mit selbstgebauten elektronischen Geräten miteinander verständigen. Für uns Jungs war das einfach spannend, den Ernst der ganzen Sache erkannten wir gar nicht. Auch ich war diffus gegen den Staat, er stand für mich für viel Negatives. Kontrolle, Vorschriften, Gefängnisse, ich war ja gerade in der Phase flügge zu werden, mein Leben selber zu organisieren, mit erster eigener Wohnung, eigener erblühender Sexualität, mit eigener Selbstherrlichkeit. Da passte es gut, dass es irgendwo eine Gruppe gab, die “das System” bekämpfte. Ulrike Meinhofs Bild, das traurig nach unten blickende Gesicht und ihr Tod ein Jahr zuvor, hatten mich gerührt. Für mich war sie damals die, die das Buch “Bambule” geschrieben hatte, in dem es um das Aufbegehren von Mädchen in einem Erziehungsheim ging. Die Revolte aus dem Buch gab es wirklich, und in meinem Bezirk, in Kreuzberg, hatten Leute schon vor längerer Zeit das Rauchhaus besetzt und das Tommihaus, um jugendlichen Ausreißern ein Zuhause zu geben. Auch ich begehrte auf, wollte meine Grenzen durchbrechen, überall spürte ich Spießigkeit. Und wer sich dagegen wandte, hatte automatisch meine Sympathie.
In mein Zimmer hängte ich das berühmte Foto von Che Guevara auf, ich besuchte Ulrike Meinhofs Grab in Mariendorf, und ich tauchte in die Schwulenszene ein, weil ich dachte, dass das ja alles zusammengehört. Und während ich tagsüber meine Lehre in einem Kaufhaus absolvierte, klaute ich zum Feierabend im selben Gebäude kistenweise Langspielplatten, um sie in unserem Jugendclub zu verscherbeln. Einbrüche in Autos und Supermärkte folgten, es ging nicht nur um das Geld, sondern auch um das Ausbrechen aus dem geregelten, vorgeschriebenen Leben. Bei unseren Aktionen fühlten wir uns wie ein Teil der RAF, handelten in ihrem Geiste. So kam es uns vor. Und so fanden wir das klasse und uns gefährlich. Es war eine kindlich-jugendliche Spielerei, bis Anfang der 80er Jahre.

Im Frühsommer 1980 fand wie jedes Jahr die Militärparade der West-Alliierten auf der Straße des 17. Juni statt. Meine Mam, die damals Abteilungsleiterin in einer Bank war, kopierte mir in der Firma Flugblätter, die ich vorher gezeichnet hatte. “Anarchistische Revolution des Volkes” stand da, mit großer schwarzer Fahne (sehr praktisch, weil es ja nur Schwarz-weiß-Kopien gab). Dazu ein Text, der von einer Ermordung Ulrike Meinhofs und den Stammheim-Gefangenen sprach. Mit einem Stapel dieser Flugblätter stand ich am S-Bahnhof, ich kam nicht mal dazu, ein einziges zu verteilen. Schon saß ich in der Wanne, die Polizisten um mich herum machten sich über den Text lustig und fragten, ob ich das wirklich glaubte. Es war mir peinlich, gleichzeitig aber hatte ich einen riesigen Hass. Kurz überlegte ich sogar, ob ich einen Ausbruchsversuch starten sollte, so heroisch kam ich mir vor.
Mein damaliger Hass war nicht ganz unbegründet: Eine Woche zuvor war ich im Wendland geräumt worden. Im Widerstandsdorf, das zur Verhinderung des Atomendlagers Gorleben errichtet worden war, hatte ich schon einige Tage gelebt. Eines Morgens dann ging es los. Erst kamen die Hubschrauber, fünf, zehn, sie flogen direkt über die Hütten, mancher nur wenige Meter darüber. Und dann sahen wir die Fußtruppen. Tausende weiße Helme bildeten in der Ferne einen riesigen Kessel, während sie über die Felder auf uns zu kamen. Wir waren ein- bis zweitausend Menschen, friedlich, sehr viele Kinder, sehr viele alte Menschen, Bauern und Hausfrauen aus der Umgebung. Das erste Mal in meinem Leben habe ich damals diese Mischung aus Angst und Hass erlebt. Der 4. Juni 1980 war für mich der Punkt, an dem ich zum Staatsfeind wurde. Was vorher war, war unbewusst nur Spielerei. Aber als die Polizei am Dorf angekommen war, rollten sie mit ihren Baggern und Panzern all unsere Hütten und Zelte nieder. Wären noch Menschen drin gewesen, sie hätten das nicht überlebt. Einen unserer beiden Türme, ca. 15 Meter hoch, konnten sie nicht erstürmen. Also stießen sie ihn einfach um, mit den Leuten, die oben waren. So viel Geschrei, Hassgebrüll aus tiefster Überzeugung, so viel verzweifelte Menschen habe ich vorher nie gesehen.
Mit dieser Erfahrung solidarisierte ich mich nun in Berlin mit einer Toten, die es sich wohl verboten hätte, als Anarchistin bezeichnet zu werden. Spätestens an diesem Tag wurde ich wohl auch beim polizeilichen Staatsschutz erfasst.

Nahtlos ging es weiter, die Hausbesetzerbewegung hatte schon begonnen und hier lernte ich langsam, dass es viele verschiedene Fraktionen gab im Kampf gegen den Staat, das System, das Kapital. Und auch, dass viele der Gruppen regelrecht verfeindet waren, weil die anderen die falsche Ideologie hatten, oder zu viel oder zu wenig gewaltbereit waren. “Konsequenz” war der Begriff, auf den ich immer wieder stieß und er hatte etwas Negatives. Konsequent waren z.B. die “Genossen”, die im Mai das Amerikahaus in Berlin besetzt und mit Molotowcocktails verteidigt hatten. 13 von ihnen kamen aus einem besetzten Haus in Kreuzberg, Luckauer Straße. Ich wohnte nur 100 Meter weiter, sah die Polizei, die die restlichen Bewohner abführte, zusammenschlug und über die Dächer jagte. Die Amerikahaus-Besetzer waren RAF-Sympathisanten, Unterstützer, aber sie hatten in der Besetzerszene ihren Platz. Zwar war die Mehrheit gegen sie, doch Solidarität war selbstverständlich und es gab ja viele Fraktionen, warum also nicht auch sie. Ich hatte mich gerade in einen jungen Mann aus diesem Haus verliebt, der jedoch nicht zu den RAF-Sympies gehörte und so lernte ich dort einige Leute kennen, die immer “konspi, konspi” waren. Es durfte ja nicht mit Leuten von “außen” (also wie mich) über politische Dinge gesprochen werden, alles war konspirativ, geheim. Bei manchen konnte ich mir vorstellen, dass sie nicht mal sagten, wenn sie aufs Klo gingen. Einer ihrer wichtigsten Leute wurde nach der Wende als Stasispitzel bekannt, mehrere andere als welche vom Verfassungsschutz. Aber hauptsache konspi.
Mein wichtigster Eindruck dieser Szene war, dass sie extrem arrogant waren. Wer nicht dazu gehörte war schon allein deshalb “verdächtig”. Als mir mal jemand sympathisch war und er plötzlich nicht mehr auftauchte, machte ich den Fehler, nachzufragen. Sofort wurde ich angeschrien, wieso ich hier herumspitzele, ob ich vom Verfassungsschutz wäre. Das halbe Haus lief zusammen und umringte mich, man warf mir die absurdestens Dinge vor. Allein meine Art wäre ja schon immer verdächtig gewesen, meine Fragen, meine regelmäßigen Besuche usw. Schließlich durfte ich dann gehen, wurde also nicht gekreuzigt, Glück gehabt. Dieses Erlebnis, aber auch zahlreiche andere in der selben Richtung, machten mir diese Leute sehr unsympathisch. Von außen wurden sie “Anti-Imps” genannt, weil sie den “anti-imperialistischen Kampf” führten, wie in all ihren Pamphleten stand. Genauso wie von ihren Vorbildern, der RAF, kamen auch von den Anti-Imps öfter mehrseitige Flugblätter, sogenannte Erklärungen, die in völlig unverständlichem Deutsch geschrieben waren. Die Texte entsprachen ihrem überheblichen Auftreten bei persönlichen Begegnungen, mir und wohl den meisten anderen waren sie zutiefst unangenehm. Trotzdem ging von ihnen gleichzeitig eine Faszination aus, weil sie eben zum Umfeld der RAF gehörten. Die Militanz der Terroristen war weiterhin interessant, zumal auch wir uns auf der Straße und bei Räumungen mit der Polizei prügelten. Die RAF war aber weiter gegangen, in den Untergrund, das war eine Entscheidung, die mir Respekt abverlangte. Wer für seine politische Überzeugung einen solchen Schritt ging, musste ein besonderer Mensch sein. Dass diese Leute großes Leid bei den Hinterbliebenen ihrer Opfer geschaffen haben, wollte ich damals nicht sehen. Für mich waren sie offensive Kämpfer. Und die Anti-Imps waren Idioten, die sich der RAF anbiederten.

Mittlerweile gab es Fotos von Christian Klar, als er mit zwei weiteren Mitgliedern einen Hubschrauber mietete. Darauf sah man einen jungen, gutaussehenden Mann, der Selbstbewusstsein ausstrahlte. Bilder können einem etwas vorgaukeln, man kann so viel hinein interpretieren, dass es schon peinlich ist. Man denke an das Foto von Che Guevara, mit seinem “wilden” Blick, das heute sogar schon in Kudamm-Läden verkauft wird. Oder das von Ulrike Meinhof, das in den 80er Jahren in vielen Wohngemeinschaften hing. Für mich waren diese Bilder von Christian Klar wichtig. Auf ihnen sah ich einen Revolutionär, der für die gute Sache kämpfte, ohne Gnade, auch ohne Rücksicht auf die eigene Freiheit oder das eigene Leben. Zu diesem Zeitpunkt waren ja schon mehrere RAF-Mitglieder getötet worden, meist beim Versuch, sich der Verhaftung zu entziehen. Klar war ein Vorbild, aber seine RAF und vor allem deren Unterstützer nicht.
Trotzdem lernte ich in den folgenden Jahren immer wieder einige von ihnen näher kennen. Bei Christian Klars Verhaftung Ende 1982 war ich gerade in Karlsruhe. Mit zwei Freunden, die auch um die 20 Jahre alt waren, wohnte ich in einer Wohnung gegenüber des Bundesgerichtshofs, in der vorher angeblich Terroristen gelebt haben. Beide Freunde waren damals RAF-Sympathisanten, was später auch zum Bruch zwischen uns führte. In dieser Zeit aber lebten wir als Kommune im Dachgeschoss, mit bestem Blick auf den BGH. Das hatte auch die Polizei mitgekriegt und am Tage von Christian Klars Verhaftung wurde unsere Wohnung gestürmt. Vorn die Tür aufgebrochen, von oben durch das Dachfenster, bevor wir irgendwas kapierten schauten wir alle in die Mündungen von Maschinenpistolen. Dann die Durchsuchung, eher Razzia, also Zerstörung, übelste Beschimpfungen, Drohungen, Schläge. Aber sie fanden nichts, was einen Haftbefehl gerechtfertigt hätte. Danach fanden wir nichts, was nicht zerstört worden wäre. Selbst die Kacheln waren aus den Wänden herausgeschlagen. Und noch am gleichen Tag kam die Kündigung durch den Vermieter.

Damals sah ich mich als jemand, der im Widerstand steht. Hausbesetzungen waren nur eine Sache. Ich kämpfte mit gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen, gegen Atomlager, sprühte Parolen an Bundeswehrkasernen, schmiss Steine gegen Polizisten, Straßenschlachten kamen immer wieder vor. Berlin, Hamburg, Freiburg, Zürich, Kopenhagen, gegen Nazis, Spekulanten, Soldaten, Atomenergie, Bullen, unsere Feindbilder waren vielfältig und sie waren überall. Aber es gab immer eine Grenze: Niemals wollte ich einen Menschen töten. Und auch in den Untergrund würde ich nicht gehen, jedenfalls nicht freiwillig. Auch mit der Kommunismus-Propaganda der RAF wollte ich nichts zu tun haben, ich sah mich eher als Anarchist, der Parteien und Führerprinzip ablehnt. Für Kadergruppen war ich sowieso viel zu chaotisch und undiszipliniert. Trotzdem gab es eine Verbindung im Geiste. Die Texte der RAF erzählten von Solidarität mit den Unterdrückten in der Dritten Welt. Vom Hunger und der rassistischen Ausbeutung. Von Kämpfen, die wir unterstützen müssten. Sie appellierten an meinen Gerechtigkeitssinn, mit Erfolg, denn natürlich wollte ich gegen all das etwas tun. Aber eben nicht in dieser Art und in einer solchen Organisation.

Durch einen anarchistischen Freund landete ich Mitte der Achtziger in Frankfurt am Main. Sein Bruder war mit einer Friseurin zusammen, die in Kontakt stand mit Gefangenen aus der RAF. Sie hatte einen eigenen Salon in Mainz, früher waren Helmut Kohl und Heiner Geißler regelmäßige Kunden gewesen, doch die Polizei hatte sie gedrängt, sich einen anderen Friseursalon zu suchen. Aus Sicherheitsgründen. Sie war befreundet mit der Mutter von Gudrun Ensslin, einer derjenigen, die sich 1977 in Stammheim umgebracht hatten. Die Mutter lud uns zu Tee und Gebäck ein, es war sehr persönlich und dann erzählte sie, was sie so macht. Dass sie ja immer Humanistin war und ihre Tochter in diesem Sinne erzogen hatte. Dass Gudrun ein guter Mensch gewesen und geblieben war, auch als sie schon in der RAF kämpfte. Sie sprach mit großer Zärtlichkeit über die RAF-Leute, auch über diejenigen, die zu diesem Zeitpunkt im Untergrund waren. Beide unterhielten sich über einzelne Gefangene und es war so, als hätten sie auch zu einigen der aktiven Leute Kontakt. Als die Friseurin meine Meinung über Christian Klar hörte, musste sie lachen. Aber sie sagte, dass ich gar nicht so falsch läge, das wäre alles Auslegungssache. Mit den Anti-Imps hätte ich solche Gespräche niemals führen können, sie aber zeigte mir, dass es dort auch menschlichere Wesen gab, als nur die kalten Krieger, die ich aus Berlin kannte.

Eine Zeitlang hatte ich überlegt, selber mit Christian Klar in Verbindung zu treten, ihm einen Brief ins Gefängnis zu schreiben, um herauszufinden, wie er so ist. Doch dann kam 1985 ein Anschlag der RAF, der mein Verhältnis zu ihr endgültig klärte. In Wiesbaden hatten die Terroristen einen 20-jährigen US-Soldaten ermordet, nur um an seinen Ausweis zu kommen. Nicht nur mich widerte diese Aktion an, die an Menschenverachtung kaum zu übertreffen war. Alle Beteuerungen, für eine solidarische Gesellschaft zu kämpfen, die Phrasen von Menschlichkeit und Kollektivität, sie klangen nur noch zynisch. Wenn man bis dahin die Verlogenheit dieser Leute nicht begriffen hatte, jetzt war sie nicht mehr zu übersehen. In diesen Wochen klärte sich vieles, die RAF-Sympathisanten waren in der autonomen Szene unten durch, der Bruch ging auch durch viele Beziehungen. Und zahlreiche Unterstützer wandten sich danach von den Anti-Imps ab.

Viele Jahre hörte ich nichts mehr von Christian Klar, bis ich 2001 das Interview sah. Im Gespräch mit Günter Gaus schockte er mich mit seinen Äußerungen zum Thema Schuldbewusstsein und Reuegefühle:
“In dem politischen Raum, vor dem Hintergrund von unserem Kampf sind das keine Begriffe.”
Frage: “Aber es könnten persönlich doch Begriffe sein, die Bedeutung haben, wegen der Opfer?”
“Ich überlasse der anderen Seite ihre Gefühle und respektiere die Gefühle, aber ich mache sie mir nicht zu eigen.”

Mein Bild von ihm war zerbrochen. Menschlichkeit ohne Gefühle? Eine bessere Gesellschaft durch massenhaften Mord? Nicht mal Zweifel? Nach fast 20 Jahren Gefängnis war er offenbar noch immer im selben Denken gefangen, dass ihn in den 70ern zum Mörder gemacht hat. Ich war froh, ihn damals nicht angeschrieben zu  haben. Denn das, wofür ich stand und weswegen ich im Kleinen Widerstand geleistet hatte, wollte ich nun nicht mehr im Zusammenhang mit ihm oder der RAF sehen. Endgültig nicht.

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An der Oberbaumbrücke

Als Kreuzberger Pflanze bin ich nahe der Grenze zu Ost-Berlin aufgewachsen. Die Mauer war für mich normal, so wie die Ruinen, die abgeschnittenen Straßenbahnschienen und die großen Schilder “Sie verlassen jetzt West-Berlin”. Bei manchen schrieben wir darunter: “…und knallen mit dem Kopp an die Mauer!”
Solch ein Schild stand auch an der Oberbaumbrücke, hier war fast das Ende von Kreuzberg und unserer Stadt. Ost-Berlin gehörte damals für uns ja nicht dazu. Zwar gab es auch die Schlesische Straße, die noch etwas weiter östlich führte, zum tatsächlichen Ende, aber da kamen wir kaum mal hin.

Die Oberbaumbrücke war etwas besonderes. Hier stand zwar die Mauer quer drüber, aber sie hatte einen Durchlass, denn die Brücke war auch ein Grenzübergang. Der Durchgang war etwa zwei Meter breit, nur Fußgänger konnten ihn benutzen. Direkt dahinter stand ein Wachturm, dessen Fenster vergittert waren. So nah am Westen wollte man wohl sicher sein, dass kein Grenzbeamter stiften geht, denn der Abstand betrug gerade mal einen halben Meter. Das Ufer der Spree war an dieser Stelle gleichzeitig die Grenze. Da die DDR ihre Mauer nicht mitten im Wasser aufbauen konnte, stand sie gegenüber, etwa 50 Meter vom Friedrichshainer Ufer entfernt. Sie ist heute die East Site Gallery. Von der Kreuzberger Seite kam man bis ans Wasser heran. Dass der Fluss hier auf voller Breite zu Ost-Berlin gehörte, wurde einigen Kindern zum Verhängnis. Mehrmals fielen am Groebenufer (heute: May-Ayim-Ufer) kleine Jungs ins Wasser und kamen die 2 Meter Uferbefestigung nicht hoch. Zwar existierte auch ein Abstieg bis auf Wasserhöhe, aber Polizei und Feuerwehr durften nicht eingreifen und auch andere Helfer fanden sich meist nicht. Deshalb ertranken hier auf den 300 Metern mindestens vier Kinder, die man sonst vielleicht hätte retten können. Als 15-Jähriger erlebte ich einmal solch eine Situation mit. Wieder war ein kleiner Junge über die Absperrung geklettert, ausgerutscht und ins Wasser gestürzt. Da es damals warm war, waren viele Leute in der Nähe, die eingreifen konnten. Ein Mann zog sich sofort bis auf die Unterhose aus und sprang ins Wasser. Gegenüber lag immer ein Patrouillenboot der Grenztruppen in Bereitschaft, sie gaben Gas und fuhren Richtung Unglücksort – der für sie aber offenbar ein Tatort war. Noch während der Fahrt hatten die Soldaten nichts besseres zu tun, als den Helfer über Lautsprecher aufzufordern, “das Territorium der DDR sofort zu verlassen”. Angesichts der sich anbahnenden Tragödie war das unglaublich. Von Kreuzberger Seite aus wurden Holzbretter ins Wasser geworfen, damit sich der Mann und der Junge daran festhalten konnten. Dort wo die Treppe bis ans Wasser führte, hob der Retter das Kind auf den ersten Absatz. Der Junge wurde sofort nach oben gezogen und kam mit dem Schrecken davon. Der Mann jedoch konnte nicht so schnell hochklettern. Das Grenzboot fuhr weiter auf ihn zu, offenbar wollte man ihn verhaften. Um dem Mann zu helfen, hielten wir Stangen ins Wasser, damit er sich daran hochziehen könnte. Die Grenzler aber waren mittlerweile so nah dran, dass sie ihn zwischen Kaimauer und Boot einklemmten und gleichzeitig versuchten, ihn an Bord zu ziehen. Von unserer Seite aus schlugen einige Leute auf die Vopos ein, ich versuchte mit einem Freund, das Boot mit Stangen vom Ufer wegzudrängen. Endlich konnte jemand den Mann aus dem Wasser ziehen, nun war auch er in Sicherheit.
Während der ganzen Aktion wurden wir vom anderen Ufer aus beobachtet und von dort sowie vom Boot aus fotografiert. Den Beamten war es wichtiger, die “Grenzverletzer” zu bekämpfen, als dem Verunglückten zu helfen. Dieses Erlebnis hat mich tief getroffen und mein Verhältnis zu den “Organen” der DDR dauerhaft geprägt.
Später rächte ich mich für das Erlebte. Mehrmals ging ich mit Freunden nachts neben der Oberbaumbrücke runter an die Spree. Wir ließen Bretter oder kleine Flöße ins Wasser, auf denen benzingetränkte Lumpen lagen, die wir anzündeten. Wenn die Grenzboote zum Löschen kamen, bewarfen wir sie mit Steinen.
Aber es gab auch andere Situationen. In mancher Sommernacht saßen die Pärchen am Ufer, den Blick auf das schwarze Wasser und den hell erleuchteten Todesstreifen, die Hände streichelten den Partner. Wir haben nichts mehr um uns herum wahrgenommen, küssen, fühlen, ein unauffälliger Orgasmus, selten wurde man von Spaziergängern gestört. Diese schönen Erlebnisse waren das Kontrastprogramm zur Kälte der Grenzanlagen gegenüber.

Später in den 80er Jahren ging ich öfter mal nach Ost-Berlin rüber, weil ich dort Freunde gefunden hatte. Der Übergang auf der Oberbaumbrücke lag am nächsten und so lernte ich ihn auch von innen kennen. Damals stand gleich hinter der Brücke, quer über die gesamte Breite, das zweistöckige Grenzgebäude. Hier musste ich immer wieder mal zur Kontrolle in einen der kleinen Räume, in denen nur ein Tisch stand. Ausziehen, Kontrolle, selbst im Hintern, Kleidung und Gepäck wurden akribisch gefilzt. Manchmal kam noch ein Verhör dazu, wohin ich wollte, und warum. Es war nicht wirklich schlimm, aber immer sehr unangenehm und eines Tages wurde ich als “unerwünschte Person” zurückgewiesen. Bis zum Sommer 1989 war dann Schluss mit Hauptstadt der DDR.

Als kurz nach der Maueröffnung die Grenzanlagen an der Oberbaumbrücke abgebaut wurden, war das ein tolles Gefühl. Plötzlich stand ich mitten auf der Brücke und niemand konnte mir was. Die beiden Türme waren damals noch im Zustand von 1961, im Krieg beschädigt, die Dächer fehlten. Jemand hatte die Stahltür herausgerissen, so konnte ich mit einem Freund nach oben klettern. Wir genossen den Blick über die Spree, in den Sonnenuntergang. Ein anderes Mal nahmen wir Holz mit nach oben und entzündeten dort ein Feuer, es war wie eine riesige Fackel.
Schon bald nach der Wiedervereinigung sollte die Oberbaumbrücke auch für den Autoverkehr geöffnet werden. Vor allem von Kreuzberger Seite gab es dagegen heftige Proteste, weil absehbar war, dass der Verkehr stark zunehmen würde. Mehrere Male wurden Barrikaden gebaut und angezündet, es gab Blockaden und Demonstrationen, aber vergeblich. Die Brücke erhielt eine Komplettsanierung, sogar Straßenbahnschienen wurden eingebaut, und heute ist sie die einzige Autoverbindung zwischen Kreuzberg und Friedrichshain. Ruhe findet man hier nicht mehr, selbst die Straßenseite zu wechseln ist ein Risiko. An der Ufermauer aber spielen immer noch Kinder und abends sieht man hin und wieder Jugendliche, eng umschlungen, ohne ihre Umwelt wahrzunehmen. Die Oberbaumbrücke ist noch immer eine schöne Kulisse für romantische Momente.

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Mein Besetzersommer 1980

Am 10. Oktober 1980 lag schon in der Luft, dass bald etwas passieren würde. Schon seit einem Jahr wurden hier in Kreuzberg immer wieder mal leerstehende Wohnhäuser besetzt. Die ehemalige Feuerwache in der Reichenberger Straße war für uns wohnungslose Jugendliche ein neuen Obdach – bis wir geräumt wurden.
Anfang Juni machte ich dann meine erste richtige Besetzung mit: Montagmorgen, Adalbertstr. 6, am Kottbusser Tor neben dem riesigen “Neuen Kreuzberger Zentrum”. Im Schutze der Nacht brachen wir von hinten ein Fenster auf, es wurde Material und Werkzeug reingebracht, dann versuchten wir die Zugänge im Erdgeschoss so gut es geht zu verbarrikadieren. Am Morgen dann das “Coming Out”, Transparente wurden herausgehängt: “Instandbesetzt”. Sofort waren mehrere Polizeiwagen zu Stelle, sie wollten wissen, wann wir denn in das Haus gegangen sind. Aus der Erfahrung wussten wir, dass Neubesetzungen sofort wieder geräumt werden. Deshalb behaupteten wir, dass wir schon das ganze Wochenende hier wären. Sie nahmen es zur Kenntnis, machten ein paar Fotos und zogen wieder ab.
Bisher hatten wir erst drei Wohnungen geöffnet, und als wir uns dran machen, in der zweiten Etage eine Tür aufzubrechen, wurde sie von innen geöffnet! Unser Schreck war groß, schließlich waren wir davon ausgegangen, dass das Haus leer wäre. Stattdessen aber stand uns ein altes Ehepaar gegenüber. Im Gegensatz zu uns waren sie nicht überrascht, hatten sie schließlich schon die ganze Nacht den Krach im Haus gehört. Nach ein paar Tagen hatten wir uns dann aneinander gewöhnt. Und bald hörten dann auch sie auf, Miete zu zahlen…

In den nächsten Monaten folgten noch zwei Häuser in der Oranienstraße, erst in der 45, dann Nr. 44. Die “O. 45” war von irgendeiner Fachschaft der Freien Universität aufgemacht und besetzt worden. Ich bin zufällig dazugekommen, hatte aber mit den Leuten nichts zu tun. Auf dem täglichen Plenum wurde jeder Pups diskutiert, wer wo wann was wie machen soll, ob sich alle auch 150%ig an die Absprachen gehalten haben usw. Die Angst der bisher behüteten Bürgerkindchen vor dem Chaos lag lähmend über dem Haus. Außer mir war noch ein weiterer obdachloser Straßenjunge eingezogen, wir beide mussten ständig darüber lachen, wie sich die Studenten benahmen. Und wie sie sprachen, denn einige von ihnen hatten einen schwäbischen Dialekt vom Feinsten. Selbst wenn man wollte – man konnte es nicht ernst nehmen.
So waren wir beide auch schnell im Zentrum der Kritik und Anfeindungen. Obwohl wir nicht weniger am Haus arbeiteten als die anderen, wurde uns ständig vorgeworfen, faul zu sein und nicht mitzuhelfen. Es war wie früher beim Vater, Individualität, eigene Bedürfnisse und Vorstellungen wurden unterdrückt.
Als dann ein paar Hippies und Kleinkriminelle die Nummer 44 besetzten, sind wir einfach ein Haus weiter gezogen und haben dort im Vorderhaus die 4. Etage übernommen. Hier konnten wir einigermaßen so leben, wie wir es wollten. Wir rissen die vermoderten Dielen aus dem Boden, nahmen den Schotter raus und dichteten den Boden mit Plastikplanen ab. Im Park klauten wir zentnerweise Erde und dann wurden wir zu Kleingärtnern: Im ehemaligen Wohnzimmer einer Familie wuchsen jetzt Kartoffeln und Hanfpflanzen…

Währenddessen entwickelte sich eine Hausbesetzerszene. Die Vielfältigkeit, also auch Unterschiedlichkeit, der Gruppen machte eine Zusammenarbeit schwierig. Es gab die politischen Häuser, die Flippies, die Studies. Manche Häuser wurden heimlich besetzt, man wollte nicht auffallen – andere hängten Transparente raus und malten die Fassade an, damit es jeder sehen kann.
Es war klar, dass man irgendwann mit Räumungen rechnen musste. Mittlerweile waren etwa 15 Häuser besetzt und manchmal war auch schon eine Besetzung verhindert worden. Also rafften sich die Leute aus den Häusern zusammen und gründeten einen “Besetzerrat”. Er wollte die Außenvertretung der Besetzerszene sein, was sich aber in der Zukunft als fast unmöglich erwies, weil die Ansprüche der Leute zu unterschiedlich waren: Während die einen vor allem kostenlosen Wohnraum wollten und ansonsten ihre Ruhe, sahen andere die Besetzungen als politisches Mittel gegen den Staat, sie prägten den Begriff “Häuserkampf”. Die größte Gruppe aber sollten dann die “Instandbesetzer” werden, denen es vor allem darum ging, den Abriss der Gründerzeithäuser zu verhindern. In dieser Zeit gab es in Berlin trotz zigtausend Wohnungssuchender hunderte von leerstehenden Häusern, meist aus der Zeit um 1870-1910. Nach dem Willen der Eigentümer sollten die Häuser verrotten, damit sie dann eine Abrissgenehmigung bekommen und teure Neubauten errichten könnten. Wenn man bedenkt, dass im Frühjahr 1981 in Berlin 200 Häuser besetzt waren, bekommt man einen Eindruck vom Ausmaß des damaligen Leerstands.

Der Besetzerrat beschloss im Spätsommer 1980 eine Offensive. Man wollte sich nicht mehr verstecken und heimlich besetzen, sondern eine Bewegung schaffen, offensiv auftreten und aus der Illegalität herauskommen. Es entstand die Parole “Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen”, damit war man moralisch auf der richtigen Seite. Und tatsächlich solidarisierten sich viele Berliner Bürger mit dem Besetzern, zumindest solange diese nicht allzu militant auftraten. Jedem Mieter in Berlin war ja die Situation auf dem Wohnungsmarkt bekannt, wer eine neue Bleibe suchte, brauchte sehr viel Glück und meist auch Bestechungsgeld. Dadurch hatten wir damals eine gute politische Ausgangssituation.
Als Teil der Offensive wurde für den 10.10.1980 eine Demo durch Kreuzberg angemeldet. Sie wurde gleich “Großdemonstration” genannt, wir wollten möglichst ein paar tausend Leute zusammen kriegen. Die Demo durch den Kreuzberger Kiez endete am achteckigen Heinrichplatz auf der Oranienstraße. Schon ein paar Tage vorher hatte mich eine Besetzerin gefragt, ob ich mich einer Gruppe anschießen möchte, die ein Zentrum der Besetzerszene errichten wollte. Wir kannten uns schon einige Monate und sie wusste, dass ich zwar kein Politmacker war, aber durchaus Lust hatte, auch nach außen zu arbeiten. Nach einigen Planungen öffneten wir in der Nacht zum 10. Oktober 1980 das Haus Oranienstraße 198, ein großes Gebäude, das innen durch eine Wendeltreppe erschlossen war. Es stand direkt am Heinrichplatz, im Erdgeschoss befand sich noch einige Monate vorher eine große Alkohol-Abfüllstation namens “Heinrich-Eck”.
Die Demonstration war größer als erhofft, etwa 5000 Sympathisanten waren durch die Straßen gezogen und standen nun auf dem Heinrichplatz, um die Abschlusskundgebung zu hören. Das war unser Moment. Wir öffneten die Fenster, auf der ganzen breiten Front des großen Hauses wurden Transparente aufgehängt, plötzlich erhob sich das Gebäude wie aus einem Schlaf. Der Jubel auf der Straße war unglaublich, zum ersten Mal erlebte ich sowas wie eine Bewegung. Wir waren plötzlich nicht mehr nur ein paar Leute, sondern Tausende. Die vielen Menschen unten wurden sofort von der Polizei angegriffen, die unser Haus stürmen wollte. Doch wir wurden verteidigt und verteidigten uns auch von oben. Schließlich zog sich die Polizei zurück, erstmals wurde eine Neubesetzung nicht mehr verhindert, wir hatten unsere Besetzung erfolgreich verteidigt.

Statt einer Party gab es dann aber viel Arbeit. Ein so großes Haus abzusichern und überhaupt wieder bewohnbar zu machen, ist schwer. Zumal wir nicht nur die Polizei gegen uns hatten: Als ein direkt angrenzendes Haus abgerissen wurde, schlugen die Arbeiter mit der Abrissbirne auch ein paarmal in unseren Seitenflügel und zerstörten die Außenwand sowie eine halbe Etage. Erst als wir Alarm gaben und mit zig Leuten auf die Baustelle stürmten, beendeten sie die Aktion.
Ein paar Wochen später nahmen wir die Kneipe wieder in Betrieb, jetzt unter dem Namen “Besetzer-Eck” und sie entwickelte sich bis hinein in die aufblühende Besetzerbewegung 1981 zu einem Zentrum.
Am 12.12.1980 wurde im Fraenkelufer eine Häuserräumung militant verhindert, eine stundenlange Straßenschlacht am Kottbusser Tor folgte, am Tag danach eine Scherbennacht am Kudamm. Danach verhängte der Senat erstmal einen Räumungsstopp. In den kommenden Monaten gab es fast täglich neue Besetzungen. An eine vier Meter hohe Wand des Besetzer-Ecks wurden die Adressen der besetzen Wohnhäuser und Gewerbebetriebe geschrieben. Im März 1981 wurde die 200. Besetzung eingetragen. Erst später wurde uns klar, dass dies der Höhepunkt der Bewegung war.

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Wilde Jahre im Spreebogen

Wer heute im Spreebogen-Dreieck zwischen Hauptbahnhof, Kanzleramt und Reichstagsgebäude steht, kann sich kaum vorstellen, wie es hier noch vor einigen Jahren aussah. Bevor die Bundesregierung nach Berlin zog und mit ihr auch die Bürokraten und Glasfassadenanzugträger, die heute das Regierungsviertel bestimmen. Die Menschen, die neuen Gebäude, die ganze Gegend, alles ist steril und abwaschbar.
Zu Mauerzeiten lag der Spreeebogen fast im Niemandsland. Am Nordeingang des Reichstags ging es zur Ausstellung “Fragen an die deutsche Geschichte”, Pkws und Touristenbusse teilten sich den Parkplatz, ein Abstecher zum Ufer der Spree gehörte mit zum Programm. Die Kreuze erzeugten eine Gruselstimmung.
Aber wenige Meter weiter begann der Urwald. Zwar noch auf West-Berliner Gebiet gelegen trauten sich die Besucher meist nicht weiter hinein. Vor allem in den Abendstunden trafen sich hier diejenigen, die mit Reichstag und Tourismusattraktionen nichts zu tun hatten. Wir Kiffer, Hippies, Schwulen und Treber feierten nachts am Ufer, den Blick zum Mauerstreifen, der hier so manchem Sozialismus-Enttäuschten das Leben gekostet hat. Wir aber genossen die abendliche Ruhe, zeigten auch mal einen nackten Hintern Richtung Osten und relaxten oder feierten manche Nacht hindurch.

Statt hell erleuchteter Politzentralen und Hauptbahnhofaquariumsarchitektur herrschte Dunkelheit, ausgenommen natürlich den ewig beleuchteten Todesstreifen. Der alte Lehrter Stadtbahnhof und das daneben gelegene Paketpostamt verströmten eine gemütliche Ruhe, manches mal schliefen wir am Lagerfeuer ein. Ab und zu störten zwar Polizeistreifen oder die Amis mit ihren Jeeps, aber die waren auch schnell wieder weg.
Öfter dagegen kamen die Männer. Sie trieben sich in den Büschen herum, anfangs wussten wir gar nicht, was sie dort tun. Manche von ihnen waren mutig, sie setzten sich zu uns und sagten ganz offen, dass sie hier sind, weil sie Sex suchen. Einige waren jeden Abend hier, man kannte sich dann schon und trank auch zusammen. Es waren zwei verschiedene Welten, die sich an diesem Punkt trafen, aber die sich gegenseitig tolerierten und einige von uns verschwanden auch mal mit einem anderen im Gebüsch, das Unbekannte wurde erforscht.

Nur ein paarmal gab es richtig Stress, als Rechtsradikale das Gelände für sich entdeckten und abends dort ihre merkwürdigen Kriegsspiele machen wollten. Sie bedrohten uns immer wieder, es gab auch kleinere Auseinandersetzungen. An einem Sommerabend wollten sie es wissen und griffen uns mit etwa 20 Mann an. Sie hätten sich lieber vorher umschauen sollen, denn gerade an diesem Tag hatten wir eine große Party mit sicher 150 Leuten. Dass es auf ihrer Seite keine Schwerverletzten gab und dass keiner von ihnen in die Spree geworfen wurde, lag nur daran, dass wir nicht solche Schläger waren wie sie. Wir schlugen sie zwar zurück, wollten aber keine Eskalation. Seitdem hielten sie sich vom Spreebogen fern.

Nach dem Fall der Mauer war die Idylle schnell vorbei. Lange bevor die Bauarbeiten zur schönen neuen Regierungswelt begannen, wurde das Gelände gerodet, Touristen entdeckten es und immer mehr Berliner kamen auf ihrem Mauerspaziergang hier entlang.
Es gibt viele Stellen in Berlin, die durch die Ereignisse 1989/90 und der darauf folgenden Entwicklung verschwanden und neu erstanden, ohne jeden Bezug auf das Gewesene. Bei manchen ist es nicht schade, andere vermisst man schon. Der Spreebogen aber gehört zu den Orten, die eher unter der Oberfläche gestorben sind. Wir nutzten ihn in einer Zwischenzeit. Dass hier einst das Alsenviertel war und stattdessen die “Große Halle” des GröFaZ entstehen sollte, war lange vor unserer Geburt. Nun ist hier alles betoniert, ein Bundestagsbürogebäude steht auf unserem Platz, hell, luftig, großzügig, modern. Nur gemütlich ist es hier nicht mehr.

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Trampen

Es gibt Orte, die zwar noch vorhanden sind, aber deren Bedeutung längst irgendwo in der Vergangenheit versunken ist. Gerade Berlin mit seiner Geschichte der Teilung hat viele solcher Plätze. Zu diesen gehören auch der Parkplatz am einstigen Kontrollpunkt Dreilinden sowie als Ost-Berliner Gegenstück die alte Autobahnauffahrt Richtung Dresden, am Seegraben. Hier standen wir, als wir in den 70er und 80er Jahren raus wollten aus der Stadt, nach Westdeutschland oder Sachsen, je nachdem auf welcher Seite der Mauer man war.
Trampen hieß das, Daumen im Wind, so hat Udo Lindenberg auch eine Schallplatte dazu genannt. Wie oft bin ich zum Bahnhof Wannsee gefahren, den letzten Kilometer dann zu Fuß, ein Stückchen Wald noch, dann lag es vor mir: Das Tor zu Welt bestand aus dem Checkpoint Bravo, davor war ein Parkplatz mit Hotel und Raststätte. Am Ende der AVUS war die erste Kontrolle vor der Grenze, hier mussten alle Autos stoppen, hier standen wir. An warmen Sommertagen waren es manchmal über 100 Tramper, auf den Pappschildern stand “Barcelona”, “Hildesheim”, “Italien” aber auch mal “Indien” oder nur “Raus”.
Wer einstieg, wusste: Man musste mindestens bis Braunschweig im Westen oder Nürnberg im Süden mitkommen, sonst war ein Weiterkommen schwierig. Strategisches Denken war wichtig, um nicht irgendwo in der Pampa zu landen, die nächste Anschlussmöglichkeit wurde stets einkalkuliert.

Wenn man erstmal im Auto saß, kam die Überraschung, was sind es für Leute, die einen da mitnehmen? Meistens waren es Hippies, oft auch Berufskraftfahrer oder Vertreter, die ein bisschen Unterhaltung suchten. Der Elternschreck, also der Mann der einem an die Wäsche wollte, habe ich in hunderten von Tripps nur einmal gehabt. Weil ich nicht wollte wie ich sollte hat er mich “zur Strafe” auf einem winzigen Autobahn-Parkplatz rausgeschmissen, irgendwo in Italien. Manches mal kam ich auch bei Leuten mit, bei denen ich es nicht vermutet hätte. Kleine Familien oder Rentner-Ehepaare, streng konservative Jung-Unionisten waren darunter, einmal ein älterer Nazi, der mal jemanden von der anderen Seite kennen lernen wollte. Ein Ehepaar um die 30 wollte mich über Stunden für ihre Christensekte begeistern, eine Gruppe Mailänder “Gastarbeiter” versuchte mir auf der Fahrt im Kleinbus über die Alpen kommunistische Kampflieder beizubringen – auf italienisch. Nie vergessen werde ich die Nacht, als ich mitten in Dortmund einen angetrunkenen Porschefahrer nach dem Weg zur Autobahnauffahrt Richtung Hannover fragte. Sein Angebot, mich hinzufahren, sah ich mit etwas gemischten Gefühlen, aber es konnte ja nicht weit sein. Er aber fuhr mich nicht nur zur Auffahrt, sondern gab dann richtig Gas, mit 200 km/h rasten wir durch die Nacht. In solchen Sitationen verflucht man das Trampen, man ist ja ausgeliefert und kann auch nicht einfach aussteigen. Kurz vor dem Ziel verreckte sein Auto, Motorschaden, er war sauer, ich heilfroh.

Das Trampen bedeutete Freiheit. Per Anhalter ging es durch die Galaxis Deutschland und Westeuropa. Wenn es draußen goss oder schneite, wünschte ich mir, dass wir noch lange unterwegs seien, um bloß nicht aussteigen zu müssen. Wenn ich einen unangenehmen Fahrer erwischte, sollte es möglichst schnell gehen.
Am bequemsten war es in den Lastwagen, es gab viel Platz, meist auch Essen und Trinken, die Aussicht so hoch oben war klasse und unter den Truckern habe ich eine Menge toller Menschen kennengelernt. Einige begleitete ich mehrere Tage, wir schliefen abwechselnd in der Koje, bloß selber fahren durfte ich nie.

Toll waren oft auch die Touren mit Hippies, in der Ente, im R4 oder VW-Bus. Einmal erwischte ich todmüde einen Hippie-Bus, der zu einem regelrechten Schlafwagen ausgebaut war. Auf der Matratze schlief ich bis zu unserer Ankunft auf einem Bauernhof in Niedersachsen. Eigentlich wollte ich woanders hin, aber sie hatten mich hinten vergessen. Hier bekam ich nun einen Kaffee, selbstgebackenes Brot und das Angebot, solange ich wollte dableiben zu können. Ein paar Tage war ich zu Gast, so wie in vielen offenen Orten, in denen ich willkommen war, obwohl man mich nicht kannte. Ich lernte alternative Bauernhöfe in Schleswig-Holstein und im Wendland kennen, Joschkas Wohngemeinschaft in Frankfurt, eine Öko-Kommune in Freiburg, RAF-Sympathisanten in Karlsruhe, Kölner Sannyasins nahmen mich mit zu einer Party von Joseph Beuys, im dänischen Christiania lernte ich viel über die Selbstorganisation eines ganzen Dorfes und auch, dass selbst weiche Drogen Leben zerstören können. In Mannheim stand ich mal eineinhalb Tage und kam nicht mehr weg, zum Trost brachte mich ein Truck dann bis nach Paris. Von dort fuhr ich mit einem schwulen Bruderpaar nach Napoli, wo mich die Familie der Jungs liebevoll aufnahm. Ich machte Straßenmusik in Amsterdam und Helsingør, wohnte in Groningen auf einem Hausboot, neben Kühen in einem Hof bei Passau, in München knackte ich jeden Abend die Tür eines Christen-Cafés, um dort schlafen zu können. Die “Schwarzen Sheriffs” schoben mich aus der schicken Innenstadt ab, Stachus und Odeonsplatz waren nun für mich verboten. In Bad Canstatt waren die Wohnwagen einer rheinischen Zigeunerfamilie mein kurzfristiges Zuhause, in Wien abgestellte Nahverkehrsbusse, in Kopenhagen ein ehemaliges Theater. Als ab 1981 überall in Europa Häuser besetzt wurden, war es nicht mehr schwer, eine Bleibe zu finden.

Trampen ist nicht nur das kostenlose Fahren mit unbekannten Leuten. Es ist ein Lebensgefühl, es ist Ungebundenheit, Freiheit, Befriedigung der eigenen Sehnsucht. Trampen heißt, sich zu öffnen, neugierig zu sein, die Welt in sich aufzusaugen. Aber die Welt ist nicht nur gut, oft habe ich auch Schläge eingesteckt. Wirkliche Prügel von irgendwelchen Hooligans, die mich nachts an der Raststätte zusammenschlugen, mehr aber die gefühlten Schläge. Tagelang durchnässt, ohne Dach überm Kopf, kaum etwas zu essen, höhnische Sprüche von Dorfbratzen, immer wieder auch Schikane von Polizisten. Nach einem Holland-Trip wurde ich an der Grenze extrem gefilzt, hatte aber keine Drogen dabei. Dafür verfolgten sie mich, einen Kilometer weiter hielten sie mich an und schlugen mich blutig – als “Strafe”, weil ich sie verarscht hätte. In Dover saß ich wochenlang im Knast, diesmal aber, weil sie doch etwas gefunden hatten, 13 Gramm Haschisch. Eine bayrische Polizeiwache lernte ich sehr schmerzhaft kennen, man warf mir vor, mit Heroin zu dealen, was völliger Blödsinn war. Mit solchem Zeug wollte ich noch nie etwas zu tun haben. Auch hier war ich mal wieder der Prügelknabe.

Wer wie ich damals auf der Straße lebt, entwickelt ein eigenes Gefühl für andere Menschen. Er begreift, dass die üblichen Klischees nur begrenzt stimmen. Nicht jeder langhaarige Student war ein netter Kerl, nicht jeder Polizist ein Schläger, nicht jeder Eigenheimbesitzer ein intoleranter Spießer. Viele waren hilfsbereit, von denen ich es erst nicht erwartet hätte. Genauso gab es auch Kommunarden, die mir nur unwillig eine Decke oder einen heißen Tee abgegeben haben.
Wunderschön war eine Erfahrung, als ich kurz vor München ausstieg, in dunkler Nacht baute ich mitten im Schnee auf der Wiese mein Zelt auf. Als ich morgens meinen Kopf rausstreckte, sah ich, dass ich direkt neben einem Bürohaus gelandet war. Dort sahen plötzlich lauter Leute aus den Fenstern, manche winkten mir zu. Zwei von ihnen kamen zu mir, brachten mir ein Tablett mit heißem Tee und Brötchen. Manche Erlebnisse sind so schön, dass man sie kaum beschreiben kann.

Leben, leben lassen, ausprobieren, lernen, zuhören, die Jahre waren ein Schatz voller Erfahrungen. Ich bin damals in etlichen Extremen gewesen, die Straße war das, was alles zusammenhielt. Über bayrische Landstraßen bin ich als Motorradsozius bei 180 km/h gerast, aber auch auf Treckern gemächlich entlang getuckert. Geschwindigkeit war unwichtig, Entfernungen kein Problem, ich hatte es nie eilig. Manche Hürde habe ich auch nicht genommen, dann hat mir meine Mam 100 Mark zugeschickt, postlagernd, das reichte für Wochen. In Rom gab mir die deutsche Botschaft etwas Geld, um mich aus dem Land “zu verpissen”, wie sie es wenig diplomatisch ausdrückten. Auch in Jugoslawien wollte man mich nicht haben, schon nach zwei Tagen wurde ich abgeschoben, wieder nach Italien.

Das gleiche Schicksal hatte ich in der DDR. Aufgrund guter Beziehungen zu einigen ostdeutschen Rockbands durfte ich mich ohne zeitliche Begrenzung oder Zwangsumtausch dort aufhalten. Bald hatte ich Freunde in allen Teilen der DDR und so ging es auch hier per Anhalter quer durch die Republik. Im tiefsten Sachsen, Dreiländereck mit Polen und der damaligen Tschechoslowakei, wo man den Dialekt der Alten beim besten Willen nicht versteht, ausgerechnet im letzten Winkel Ostdeutschlands verliebte ich mich mal wieder und blieb gleich für ein paar Wochen. Mir war schon klar, dass die dortigen Behörden noch viel spießiger und strenger waren als die im Westen. Und wenn der Freundeskreis auch noch aus Hippies, Punks und anderen Unangepassten besteht, dann ist ganz schnell Ärger angesagt. Nach zwei Tagen Verhör teilte man mir mit, dass ich im Arbeiter- und Bauernstaat künftig unerwünscht sei. Freiheitsliebe und anarchistische Gedanken bräuchte man dort nicht. Ich war natürlich ganz anderer Meinung. Auch aus diesem Erlebnis lernte ich wieder, dass Wunsch und Realität oft weit auseinander liegen.

Und diese Realität verlangt einem vieles ab, was man eigentlich nicht will. Anpassung, der freiwillige Haftantritt, das absolute Gegenteil von Freiheit, jedenfalls in meinem Sinn. Die ganze Gesellschaft hat sich seitdem geändert, sie ist ernster geworden, Freigeister sind noch weniger erwünscht als damals. Bezeichnenderweise liegen meine alten Sachen im Keller, verpackt in Kartons. Die Sehnsucht ist eingesperrt, nur manchmal lugt sie vorsichtig heraus, ob sie vielleicht doch wieder eine Chance bekommt. Es gibt ja auch heute noch Tramps, auch alte.
Na, mal sehen.

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