Staatliche Kindesentziehung

Es gibt viele Kinder, die von ihren Eltern geschlagen werden. Das ist schlimm und es ist wichtig, dass die Jugendämter da genau hinschauen und eingreifen. Viel zu oft tun sie es leider nicht. Aber es gibt auch das Gegenteil und dies ist nicht weniger schlimm für die Eltern und die Kinder.

Ein solcher Fall ist der von Sandra aus Berlin. Sie ist mit über 30 Jahren sicher nicht mehr so sprunghaft wie eine Jüngere und als sie vor zwei Jahren ihre Tochter Sarah (Name geändert) bekam, war auch alles gut. Außer, dass sie noch immer in der Wohnung neben ihrer sehr dominanten Mutter wohnte, die die Kontrolle über Tochter und Enkelin behalten wollte.
Vor einem Jahr lernte Sandra einen Mann kennen, zog einige Monate später zu ihm in die Wohnung. Die Entscheidung fiel so schnell, weil sie großflächigen Schimmelbefall in ihrer Wohnung entdeckt hatte. Und auch, weil sie so endlich aus der Umklammerung ihrer Mutter entfliehen konnte

Mit dem Umzug schaltete die Mutter auf Konfrontation. Die gesamte Familie wurde mit einbezogen, Sandra wurde bei allen schlechtgemacht. Auch dass sie sich mit ihrem neuen Freund in einer evangelischen Freikirche engagiert wurde ihr zum Vorwurf gemacht. Schon bald wollte niemand mehr mit ihr etwas zu tun haben.

Dann kamen die Weihnachtstage. Im Kindergarten geriet Sarah mit einem anderen Mädchen aneinander, sie kloppten sich um ein Spielzeug, wobei sie einige blaue Flecken abbekam. Einen Tag später lief sie durch die für sie neue Wohnung. Einen Moment passte Sandra nicht auf, als das Mädchen an einen noch heißen Herd fasste. Schnell bildeten sich Brandblasen, Sandra und ihr Freund fuhren sofort mit Sarah ins Kinderkrankenhaus der Charité im Wedding. Die Ärzte dort alarmierten das Jugendamt und die Polizei, weil sie eine Vernachlässigung des Mädchens befürchteten.

Natürlich hätte Sandra oder ihr Freund besser aufpassen müssen, aber alle, die selber Kinder haben wissen, dass eine lückenlose Überwachung kaum möglich ist. Zumal die beiden erst noch dabei waren, die Wohnung kindergerecht umzubauen, sie also sicherer zu machen. Doch auch die Hämatome von der Auseinandersetzung im Kindergarten wurden als Hinweis für eine Misshandlung gedeutet. Die Mitarbeiterinnen im Kindergarten stritten die Klopperei von Sarah und dem anderen Mädchen gegenüber dem Jugendamt ab, während sie im kleinen Kreis zugaben, dass es sie gegeben hatte.

Nun begann die Kinderschutzmaschine anzulaufen. Mitarbeiter des Jugendamts Tempelhof-Schöneberg wurden zum Dauergast in der gemeinsamen Wohnung, es gab eine Befragung durch die Polizei, Psychologen beschäftigten sich mit Mutter und Tochter. All das ist ja ok, wenn ein Verdacht auf Misshandlung vorliegt. Aber es sollte auch zu einem vernünftigen Ergebnis führen. Das tat es jedoch in diesem Fall nicht.

Als Sarah im Februar krank wurde und nichts mehr essen wollte, riet der Arzt dazu, sie zur Essensaufnahme zu zwingen. Damit war natürlich keine Gewalt gemeint, aber Sandra sollte sich gegen ihre Tochter durchsetzen. Der Freund hielt nun Sarah den Mund auf, während Sandra sie fütterte. Dabei entstanden erneut Hämatome, die kurz danach einer Besucherin des Jugendamtes auffielen.

Am 2. März wurde Sarah aus der Wohnung geholt und in eine Kinderwohneinrichtung in Lichtenrade gebracht. Der Mutter wurde zugestanden, ihre Tochter zweimal pro Woche für je 1 ½ Stunden zu besuchen, jedoch nur unter Aufsicht. Versuche, mit dem Mädchen zu Kinderfesten oder dem Sommerfest des Kindergartens zu gehen, wurden unterbunden. Als Begründung wurde angeführt, dass das Kindeswohl nicht gesichert sei. Dabei haben sich Sandra und ihr Freund längst weitergebildet, besuchten einen Erste-Hilfe-Kurs für Babys und Kleinkinder. Und auch die Wohnung wurde kindergerecht ausgestattet, viele Sicherheitsmaßnahmen wurden installiert, Sarah hat ein eigenes, großes Zimmer.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder blaue Flecken kriegen. Sandra und ihrem Freund wird dies aber vorgeworfen, es wird die Behauptung aufgestellt, sie würden das Mädchen misshandeln.
Doch schon im März wies Sarah erneut neue Hämatome auf, die sie sich diesmal jedoch in der Wohneinrichtung zugezogen hat. Merkwürdig nur, dass diese ganz anders interpretiert werden, diesmal wurde nicht der Verdacht einer Misshandlung erhoben. Und noch schlimmer: Sandra fotografierte diese Flecken und stellte die Fotos dem Jugendamt zur Verfügung. Dort aber sind sie angeblich nicht mehr aufzufinden.

Immer wieder kamen parallel dazu Hinweise von Sandras Mutter, sie könne alles sofort rückgängig machen, wenn sie wieder zurückkämen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Mutter einen etwas zu guten Draht zum Jugendamt Tempelhof-Schöneberg hat, wenn sie so etwas behaupten kann.

Mittlerweile sind vier Monate vergangen. Sarah wohnt noch immer in der Einrichtung und das Jugendamt weigert sich, sie wieder freizugeben. Sie wollen Sandra das Kind dauerhaft wegnehmen, obwohl es keine nachvollziehbaren Hinweise auf eine Misshandlung gibt. So drohen sie auch damit, Sandra durch das Familiengericht die Erziehungsberechtigung entziehen zu lassen.

Alternativ bieten sie ihr an, erstmal für ein Jahr in ein Mutter-Kind-Heim zu ziehen. Dies würde aber die junge Familie auseinanderreißen und sie müssten auch ihre relativ günstige Wohnung in Moabit aufgeben. Zumal sie das große Glück haben, in der Nähe einen Kindergartenplatz ergattert zu haben.

Sandra und ihr Freund wollen sich mit der Willkür des Jugendamts nicht abfinden. Sie haben einen Rechtsanwalt beauftragt, der nun Anzeige gegen das zuständige Jugendamt Tempelhof-Schöneberg wegen Kindesentziehung gestellt hat. Vermutlich wird es also zu einem Gerichtsverfahren kommen.

Das alles wird ohne Not auf dem Rücken der kleinen Sarah ausgetragen, die erst von ihrer alten Wohnung in die neue gezogen ist und einige Monate später dort rausgeholt wurde. Sie musste sich zweimal an eine neue Umgebung gewöhnen, auch an neue Bezugsmenschen und an die Trennung von ihrer Mutter.
Das Gesetz spricht davon, dass es in erster Linie um das Wohl des Kindes geht. In diesem Fall aber hat man eher den Eindruck, das Jugendamt will ein Exempel statuieren. Unterstützt von einer fragwürdigen Psychologin aus der Wohneinrichtung sowie der Großmutter, die wiederum ihre eigenen Interessen verfolgt.

Ich kenne Sarah, Sandra und ihren Freund. Und ich weiß, dass an den Vorwürfen nichts dran ist. Das Vorgehen des Jugendamtes ist für mich nicht nachvollziehbar und ich hoffe, dass das Familiengericht dem Drama ein gutes Ende setzt.




Sonnenwende am Global Stone Project

Am 21. Juni, dem Tag der Sonnenwende, treffen sich die Fans von Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld am Global Stone Project, um den Lichtkreis des Friedens in die Welt zu senden. Um 13.00 Uhr Sommerzeit wird dieser Lichtkreis die einzelnen Steingruppen der fünf Kontinente verbinden und gleichzeitig einen Lichtkreis um die Welt – als Zeichen der Verbundenheit aller Menschen – schicken.

Mir fiel dieses Werk sofort am Anfang meiner Arbeit als Rikschafahrer auf. Wie beeindruckend waren doch diese Riesensteine. Magisch fühlte ich mich dort hingezogen, ohne zu wissen warum.

Einige Jahre später saß dann ein Mann täglich und unermütlich unter einem Sonnensegel an der Steingruppe aus dem Himalaja. Dort schliff und polierte er mit einem Winkelschleifer die Steine, bis sie glatt waren wie ein Kinderpopo und in der Sonne glänzten. Ich besuchte ihn regelmäßig und lernte Wolfgang und seine Geschichte aus erster Hand kennen und lieben.

Mir genügte aber bereits die Energie dieser Steine um zu sehen, welche Hoffnung, Liebe, Ausdauer darin stecken und wie beispielhaft diese Arbeit für die Menschheit ist. Die Gespräche mit Wolfgang bestätigten den ersten Eindruck vollständig und so gehöre ich zum Stamm der Fans. Bei meinen Fahrten durch den Tiergarten ist dieses Projekt ein regelmäßiger Bestandteil dieser Reise und für mich und meine Gäste ein wunderbarer, spiritueller Moment in Berlin. Niemand fand die Zeit dort als zu lang oder gar langweilig. Im Gegenteil, manchmal verspeisten wir dort Petit Four aus den KaDeWe in der Abendsonne, welche eigentlich für später gedacht waren, während die Kinder und wir die Steine begriffen. Oder ich traf dort neue Menschen. Einmal wurde der Abschied zu einer Weltreise eines Freundes und Kollegen dort gefeiert.

So ist auch für mich dieser Ort ein heiliger Ort und ich bin sehr froh, dass sich dieser Platz genau in Berlin – unweit meiner Wohnung – befindet und ich dadurch und auch durch meine schöne Arbeit regelmäßig im Kontakt damit sein kann.

Sollten Sie sich auch dafür interessieren, können Sie auf der Website vom Projekt einiges darüber erfahren.

Michael Hillebrand




Für die offene Gesellschaft

Zeit, was zu tun | #dafür. Sonst fliegt uns die Ganze … um die Ohren!

Für die offene Gesellschaft




Warum ein Junge bleibt

Sie treben, treiben, stehlen, fliehn
Und wollen mit den Vögeln ziehn
Verstecken sich in den Kellern unserer Nacht
Die Mädels gleichen Hunden und
Die Jungs manchmal ihren Kunden
Auf der Platte haben sie sich festgemacht

Ein lebenlanges Suchen auf der Straße
Und im letzten Dreck
Sie sind die Sonnenkinder ohne Licht
Und engelsgleich und kummervoll
Verfolgt von altem Elterngroll
Verbirgt der Hass ein jedes Kindgesicht

Warum ein Junge bleibt
Warum er still steht
Wenn’s ihn weiter treibt
Warum er Fahne zeigt
Und von sich spricht

Warum ein Junge bleibt
Auch wenn’s ihn noch so sehr
Nach draußen treibt
Warum er bleibt
Ich weiß es wirklich nicht

Vielleicht suchen sie eine Hand
Kein Mutterglück, kein Vaterland
Vielleicht nur einen Plan, eine Vision
Ein echtes Wort und kein Gericht
‘ne Zunge, die nicht doppelt spricht
Vielleicht ‘ne Zukunft und kein Tagelohn

Vielleicht sind sie gar nicht so schlecht
Und ihre Träume haben recht
Und wollen nur wie wir einfach nach Haus
Vielleicht ist unsre Angst so groß
Ihre Armut wäre doch ein Floß
Und sie trügen uns ins weite Meer hinaus

Ich habe dich von fern gesehn
Deinen Palmenhut, dein Augenwehn
Ich hörte deine Lieder in der Nacht
Bin längst zu satt um dich zu still’n
Zu taub um dir noch zuzuhörn
Doch hast du mich um meinen Schlaf gebracht

Ich schmeiß es hin, ich heb es auf
Ich nehm das Glück wieder in Kauf
Dein Fernweh hat mir Leid gebracht
Und wenn wir dann am Hafen stehn
Und wieder nach der Insel sehn
Dann hab ich uns ein Feuer angefacht

Klaus Hoffmann




Mit Lärm und Gewalt

Aus der ganzen Bundesrepublik hat die rechtsextreme Partei AfD heute ihre Anhänger zur Demonstration angekarrt, teilweise wurde den Leuten sogar Geld dafür bezahlt. Mein Eindruck war, dass es nicht mehr als 2.000 Demoteilnehmer waren, die Polizei spricht von 5.000. Aber auch dies wäre für eine bundesweite Demonstration nicht wirklich machtvoll.

Die Gegendemos waren mit über 25.000 Personen allerdings sehr beeindruckend. Auf beiden Seiten des Hauptbahnhofs, an und auf der Spree, auf dem Bertolt-Brecht-Platz, auf dem Pariser Platz, in der Ebertstraße, vor dem Reichstag und im gesamten östlichen Tiergarten waren Massen von Menschen, die mit Musik und Parolen lautstark gegen den Aufmarsch der Rechtsextremen protestierten.

Während der Demo und der Kundgebung am Brandenburger Tor schirmte die Polizei die AfD massiv ab. Als einmal mehrere Leute die Absperrungen durchbrachen und auf den Platz rennen wollten, ging die Polizei mit Pferden dazwischen. An der Ebertstraße ging die Polizei mit Pfefferspray gegen Antifa-Demonstranten vor, obwohl sie noch mehrere hundert Meter von der Kundgebung entfernt war. Auch in der Luisenstraße wurden Protestierer mit Pfefferspray attackiert. Schon am Mittag schützten die einen einzelnen Mann, der mitten im Hauptbahnhof antisemitische Plakate hochhielt. Erst als Passanten die Polizei darauf aufmerksam machten, wurde diese aktiv – indem sie diejenigen wegschickten, die sich beschwert hatten.

Nach dem Ende der rechten Demo gingen die Teilnehmer zum Bahnhof Friedrichstraße. Den Weg dorthin hatte die Polizei freigehalten, im Bahnhof aber stießen immer wieder Antifaschisten und Rechtsextremisten aufeinander. Mehrere Mitglieder der „Identitären Bewegung“, der jungen Nazi-Prügelgarde, von der sich die AfD angeblich distanziert, trat besonders aggressiv auf, ebenso Mitglieder der „Jungen Alternative“. Als mehrmals Antifaschisten die Absperrungen durchbrachen, ging die Polizei mit äußerster Härte gegen diese vor. Sie nahm eine Reihe von Anti-AfD-Protestierern fest, zog sie teilweise äußerst brutal über den Bahnsteig.

Trotzdem war der Tag als politisches Statement insgesamt erfolgreich. Sehr viele Menschen haben den Rassisten gezeigt, dass sie in Berlin unerwünscht sind. Und was die Erfahrungen mit der Polizei betrifft, ist sie nicht wirklich überraschend: Schon seit Jahren zeigen viele der Beamten ganz offen, dass sie mit den Rechtsextremen sympathisieren und das hat sich auch heute wieder gezeigt.

Bis in den frühen Abend hinein wurde dann auf der Straße des 17. Juni gefeiert. Love Parade statt Hassparolen.




Kein Abschluss unter dieser Nummer

Ich habe heute Post bekommen. Vom Arbeitsamt. Sie haben mir ein Stellenangebot zugeschickt, als Pressesprecher bei der AfD im Bundestag. Nicht für die ganze Partei, nur als Sprecher der Abgeordneten Verena Hartmann. Warum sie ausgerechnet darauf kommen, mir dieses Angebot zuzusenden weiß ich nicht. Habe ich dort einen solch guten Ruf? Da muss ich wohl mal drüber nachdenken.

Zumal Frau Hartmann eher zum radikalen Flügel der AfD gehört, also sozusagen noch rechter als rechtsextrem: Erst vor zwei Monaten wollte sie von der Bundesregierung wissen, ob die Zahl schwerbehinderter Kinder in Deutschland seit 2012 zugenommen hat. Offenbar glaubt die Frau, dass diese Menschen “Inzucht” betreiben und deswegen häufiger behinderte Kinder bekommen. Dabei lebt sie selber im tiefsten Sachsen. Da gibt es zwar wenig Flüchtlinge, dafür aber die meisten Neonazis des Bundeslands. Und meinem persönlichen Eindruck nach auch viele Inzuchtopfer. Was aber eher weniger mit Flüchtlingen zu tun hat, als mit den “engen Familienverhältnissen” in der Region, vor allem auf den Dörfern.
Ich werde mich auf diese Stelle wohl nicht bewerben. Nicht weil ich was gegen Inzucht hätte, jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden. Aber ich befürchte, ich bin zu wenig tolerant, um für ihre Partei sprechen zu können.

Übrigens ist Verena Hartmann sehr realistisch, was z.B. ihre Chancen auf eine spätere Wiederwahl in den Bundestag betrifft. Das Arbeitsverhältnis ist auf drei Jahre begrenzt.
Sehr aufschlussreich ist auch der geforderte Bildungsabschluss. Ausdrücklich wird verlangt: “Kein Abschluss”.
Man will ja auch nicht allzu intellektuell erscheinen.




Ihr seid doch alles Migranten!

Seit im Sommer 2015 über eine Million Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afghanistan nach Europa kamen, standen hier viele Menschen kurz vor einem Herzkasper. Und noch heute gibt es etliche, die meinen, dass die bösen Flüchtlinge “unser Deutschland” kaputt machen würden, dass die “deutsche Identität” verschwindet und dass “unsere Werte” bald nicht mehr gelten würden. Was für ein Blödsinn.

Es sind zwei Gruppen von Menschen, die derzeit nach Europa kommen. Die einen wollen möglichst wieder in ihre Heimat zurückkehren, sowie sie dort nicht mehr verfolgt werden oder keinem Krieg mehr ausgesetzt sind. Die anderen sehen ihre Zukunft bei uns. Und damit sind sie nicht allein. Wer einigermaßen realistisch ist, weiß, dass z.B. Deutschland ohne die Einwanderer gar keine Zukunft mehr hätte, schon allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht. Bei einer Geburtenrate von 1,2 Kindern pro deutschem Paar kann man sich ausrechnen, wann der letzte Germane auf der deutschen Scholle wandelt. Schon allein deshalb ist Migration nötig.

Und sie ist ja nicht ungewöhnlich: Einwanderung gab es zu allen Zeiten. Vor ziemlich genau 100 Jahren kamen hunderttausende Russen, die vor der Revolution flohen. Ihnen folgten 1945 etwa 4 Millionen Vertriebene aus den alten Ostgebieten. 1 1/2 bis 2 Millionen Menschen flohen vor 1961 aus der DDR in die Bundesrepublik, in den 1970er Jahren kamen über 1 Million “Gastarbeiter” aus der Türkei, Italien, Griechenland sowie viele Flüchtlinge aus Vietnam.
All diese Menschen fanden hier ihren Platz, auch wenn viele von ihnen anfangs angefeindet wurden.
Schaut man noch weiter zurück, einige hundert Jahre, wird eines deutlich: Die, die wir heute “Deutsche” nennen, sind praktisch alles Nachfahren von Immigranten. Unsere Urgroßeltern oder noch ältere Ahnen stammen daher, wo heute Frankreich, Polen oder Skandinavien liegt. Und wenn man ganz weit nach hinten schaut, dann stammen wir sogar alle aus Afrika ab.

Es war schon immer normal, das eigene Land zu verlassen und sich woanders anzusiedeln. Oft ist das die Folge von Unterdrückung, wie im 17. Jahrhundert, als die Hugenotten aus Frankreich nach Preußen kamen. 200 Jahre später wanderten rund 6 Millionen Deutsche nach Amerika aus, weil sie unter der Knute des Adels standen. In den 1930er Jahre gingen mehrere Millionen deutsche Juden ins Exil nach Palästina und in andere Länder, um ihrer Ermordung durch die Nazis zu entgehen.
Andere flohen vor den vielen Kriegen, was auch bis heute aktuell ist.

Ein- und Auswanderung hielten sich über die Jahrhunderte bei uns die Waage. Die ein bis zwei Millionen Flüchtlinge, die jetzt in Deutschland leben, sind eher wenig. Wir als eines der reichsten Staaten weltweit bräuchten kein Problem damit haben. Finanziell ist es einfach, sie zu versorgen. Ihnen eine berufliche und gesellschaftliche Perspektive zu verschaffen, ebenfalls. Was nur fehlt, ist der Wille.
Von der Bild-Zeitung, über Horst Seehofer bis hin zur AfD wird der Super-GAU an die Wand gemalt. Es wird von Terrorgefahr geredet, vom “Verlust der deutschen Identität” und davon, dass die sozialen Systeme ausgenutzt werden. Nationalismus und Rassismus sind derzeit en vogue, dabei haben die Befürchtungen hier überhaupt keinen realen Hintergrund. Die sozialen Systeme werden eher von der FDP oder Leuten wie Jens Spahn zerstört, als von Ali aus Syrien. Eingereiste islamische Terroristen haben weit weniger Menschenleben ausgelöscht, als deutsche Neonazis. Und was die deutsche Identität betrifft: Was soll das sein? Sauerkraut, Schuhplattlern?

Natürlich müssen sich Zuwanderer in die Gesellschaft einfügen, in die sie kommen, das ist gar keine Frage. Und der weitaus größte Teil versucht das auch. Anders als viele Deutsche, die z.B. nach Asien auswandern, aber dort nicht mal die Landessprache lernen. Und sicher gibt es auch bei den Immigranten in Deutschland viele, die sich nicht anpassen wollen. Aber all diejenigen, die sich in deutschen Landen integrieren, kann man nicht mit denen gleichsetzen. Es ist purer Rassismus, wenn man das Verhalten Einzelner oder relativ kleiner Gruppen auf die Mehrheit der Betroffenen überträgt, nur weil sie z.B. aus dem gleichen Land stammen oder sie der gleichen Religion anhängen.
Migration nach Deutschland ist möglich und nötig. Und es ist wichtig, dass sich alle anpassen. Die Immigranten genauso wie diejenigen, die hier geboren sind.




Anzugträger

Man kann ihnen in Berlin nicht entgehen, mindestens einen hat man in jeder Schicht im Taxi, meist kommen sie zu zweit. Anzugträger begegnen mir meist als Geschäftsleute, ich hole sie von der Firma ab und fahre sie ins Restaurant oder vom Hotel zum Flughafen. Fast immer telefonieren sie während der Fahrt oder besprechen gemeinsam ihre Geschäfte, das ist manchmal ziemlich unangenehm, vor allem wenn sie über Kollegen oder Geschäftspartner lästern.

Ich habe oft den Eindruck, dass sie eine Rolle spielen. Ihr Anzug macht sie zu Showstars. Manchmal treten sie auch in Rudeln auf, steigen aus schwarzen Bussen mit “VIP”-Aufschrift und benehmen sich wie Herrenmenschen. Anzugmenschen waren für mich schon immer konservativ, spießig und reaktionär. Daran sind bestimmt meine 68er Lehrer Schuld, obwohl mir durchaus bewusst ist, dass mein Denken ebenfalls intolerant und vorurteilsgesteuert ist. Nicht in jedem Anzug steckt ja ein verkappter Rechter oder Bonze.

Es ist auch nicht nur der Anzug, sondern genauso die Krawatte. Noch nie habe ich verstanden, wieso man sich ein Stück Stoff um den Hals schnüren kann, das einem das Atmen erschwert, sonst aber keinerlei Sinn hat. Es unterstreicht die Uniformität der Anzugträger, aber in diesem Bestreben nach Gleichheit versuchen sie sich mit verschiedenen Farben und Mustern voneinander zu unterscheiden. Krawatten haben eine merkwürdige Form, die wie ein Pfeil auf die Stelle zeigt, auf die Männer oft besonders stolz sind. Deshalb tragen Frauen wohl auch keine Krawatten.

Bisher konnte mir auch noch niemand erklären, wieso Krawatten einen Mann (angeblich) seriöser erscheinen lassen. Und warum überhaupt eine Krawatte, wieso hängt man sich nicht etwas anderes um, z.B. einen Strick, eine Perlenkette oder einen Fahrradreifen? Das hört sich vielleicht albern an, aber es ist nicht merkwürdiger, als dieser Stoffstreifen, natürlich nur in der genormten Form.

Anzugträger mit Hemd und Krawatte sind ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen etwas tun, nur weil es alle so machen, weil es normal ist. Dazu gehören noch andere Rituale wie das, dass Politiker bei Trauerfeiern immer an den Kranz treten und an seinen Schleifen herum spielen. Oder dass man “guten Tag” sagt, auch wenn einem das völlig egal ist, ob der andere einen guten Tag hat. Oder dass man die Krawatte – da ist sie wieder! – nur zu einem Hemd tragen darf, niemals zu T-Shirt, Pullover oder gar freiem Oberkörper.

Mir wird diese Welt des “richtigen Benehmens” immer fremd bleiben, auch wenn ich die meisten Regeln kenne. Trotzdem trage ich keine Krawatten und zu meinem über zwanzig Jahr alten “Holzfällerhemd” würden sie auch sicher nicht “passen”. Deshalb beschränke ich mich darauf, mir das anzusehen und mich zu wundern.




Interview: Im Knast

André H. hat ist im Herbst 2011 wegen gefährlicher Brandstiftung festgenommen worden und wurde im Frühjahr 2012 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Im vergangenen März ist er auf Bewährung entlassen worden. Nach dem Interview über seine Straftaten haben wir auch über seine Zeit im Knast gesprochen.

Nach der Verhaftung, warst Du ja erstmal im Untersuchungsgefängnis Moabit. Wie lange warst du da?

Ich war ein Jahr und ein Monat in Moabit. Nach der Festnahme im November 2011 begann dann Ende März, Anfang April 2012 der Prozess. Also ziemlich schnell. Noch eine Weile nach der Verurteilung war ich in Moabit. Am 19. Dezember 2012 bin ich dann nach Tegel überstellt worden.

Wie war das für dich, als du das Urteil bekommen hast?

Man redet sich das selber ein bisschen schön. Nicht so schlimm, bin ja schon ein halbes Jahr hier, sind ja nur noch sechs und ein bisschen. Die Zeit vergeht doch irgendwie, der Fernseher läuft. Lohnt sich auch nicht, sich so viel Gedanken zu machen, dann scheiß Wetter draußen, war ja im Winter. Man denkt da nicht viel nach, lohnt sich ja nicht. Aber so denkt fast jeder.
Und dann ging‘s rüber nach Tegel, Einweisungsstelle. Dann erzählen sie eben was. Da gibt’s die Sotha, Sozialtherapeutische Anstalt, da muss man aber eine Bewerbung schreiben für.
Aber erstmal habe ich gerechnet: 2012, da läuft die Fußball-EM gerade, 2014 die Weltmeisterschaft, 2016 nochmal die EM und erst 2018 wieder die WM. Also wenn ich da erst rauskomme, das finde ich echt zu spät. So waren meine Gedanken, so habe ich gerechnet.
Innen hab ich dann die Leute kennengelernt. Hilmar, der wohnt jetzt in Schöneweide, da haben wir Umschluss gemacht. Kaffeerunde, Kuchen, da kann man sich umschließen lassen. Man kommt dann zu einem anderen in die Zelle, drei, vier Stunden. Die holen einen, bringen einen zum anderen, und schließen hinter dir wieder zu. So läuft das da in Tegel.

Wie war das, als du ankamst im Knast, also in Moabit und später in Tegel?

Zuerst dachte ich, erstmal keinen zu nah ranlassen. Sind ja alles Kriminelle da und vielleicht noch Schlimmere. Aber dann kam ich doch relativ schnell in Kontakt mit anderen.

Hattest du dort eine Einzelzelle?

Normalerweise schon. In der ersten Nacht war ich in einer Begegnungszelle und da lief im Fernsehen ein Beitrag über mich. Ich hatte da einen Zellengenossen, der war da, weil er beim Schwarzfahren erwischt wurde und den Kontrolleur angegriffen hatte. Der hat das aber nicht geschnallt, dass ich das bin, um den es da ging. Ich weiß noch, da hat die Vize-Polizeipräsidentin gesprochen: Erfolg, Erfolg, und tralala. Ich dachte nur noch. Schluss, Fernseher aus und Ruhe.

Und dann nur Einzelzelle?

Ja, die ganze Zeit.

Macht man sich im Knast Pläne, wenn man das erstmal realisiert hat?

Ja. Ich habe erstmal gedacht, irgendwas arbeiten, aber alles locker angehen. Dann bin ich nach Tegel gekommen, konnte aber auch nicht gleich arbeiten, das hat vier Monate gedauert erst mal. Wegen den Kapazitäten. Und dann: Warum ist derjenige verurteilt, kann man den überhaupt mit den anderen Leuten zusammensetzen? Nicht dass der da durchdreht oder den Laden abfackelt. Oder ein anderer, der schnell man die Hand am Messer hat, kann man den in der Küche einsetzen, ohne dass er jemanden gleich ein Messer in den Hals sticht? Das sind so Aspekte, es gibt so eine Art Sicherheitsprüfung im Gefängnis, also ob derjenige auch tauglich ist, ob man den da und da einzusetzen kann.

Was war dann dein Job?

So ne Art Hausarbeiter, mit Treppen wischen und Essen ausgeben. Dabei habe ich dann auch Steve wiedergetroffen. Den kenne ich noch aus der Oberschulzeit, über zehn Jahre vorher, und dann treffen wir uns im Knast wieder. Das ist schon verrückt, 1998 oder so gesehen das letzte Mal. Zu der Zeit als ich unterwegs war, gabs ja noch eine andere Observationsgruppe. Damals sind eine Weile immer mal Geldautomaten in die Luft geflogen. Da war er Mittäter. Es gab wohl vor allem Sachschäden, weil da das Gas nicht richtig eingeleitet war. Die haben meistens Postbankfilialen genommen, in Steglitz und Charlottenburg. Wenn dann mal was war, haben sie auch von meinen Leuten welche zu denen abgezogen und haben die dann observiert.
Er hat dann fünfeinhalb Jahre Haft gekriegt, ein bisschen weniger als ich.
Wir sind dann zusammen zur Arbeit gegangen, gemeinsam durchs Haus gelaufen, und auch zusammen in die Sotha. Man hat sich die Zeit eben versüßt, den einen oder anderen kennengelernt.

Warst du in Tegel auch in Einzelhaft?

Ja, da ist alles Einzelhaft, diese Gruppenhaft gibt‘s gar nicht mehr. Das war mal im Haus 3, aber das gibt’s nicht mehr.

Wie ist das mit der Hierarchie dort? Es sind ja auch Leute dort, die nicht nur wegen Schwarzfahren dort sind, sondern richtige Gewalttäter, wegen Mord, Totschlag.

Ja, als Neuankömmling wird man natürlich schon gefragt, warum man da ist. Nicht irgendwas mit Kindern? Ne, ne, um Himmel willen. Was mich betrifft hat es sich schnell rumgesprochen da. Es gab natürlich auch hartes Klientel. Manche haben sich dort verschuldet, wegen Kaffee, Tabak, Drogen, das ist so die Währung im Knast. Wenn man dann nicht bezahlt, gibt’s auch Schläge. Da habe ich schon die eine oder andere Schlägerei mitbekommen, dass es knallt. Intern sozusagen, das passiert auch.
Aber dass da so einer Schutzgeld oder so kassiert, das habe ich nicht erlebt. Das würde eher so auf die Sittendelikte zutreffen, Pädophile oder so, da kann sowas tatsächlich mal vorkommen. Da gabs auch öfter mal eine geballert, das hab ich mitbekommen. Mario zum Beispiel, der wurde mal wegen Sachen mit Kindern verurteilt, und da gabs immer wieder mal Übergriffe, Stress, er konnte dann seine Arbeit nicht mehr machen, wurde immer wieder verprügelt.
Einen anderen, der hatte auch ein paar Jahre, weil er zusammen mit seiner Frau Kinder missbraucht hat, bei haben sie ein illegales Handy in der Zelle gefunden. Und da waren dann auch wieder Kinderpornos drauf. Diese Leute sind krank, das ist ein Verhalten, das kann man nicht weg tickern. Es gibt ja Therapien, die sind erfolgreich, dass die Leute von diesen Taten wegkommen. Aber bei vielen ist die Rückfallgefahr sehr groß, muss man deutlich sagen. Ein anderer, den haben sie ein halbes Jahr nach seiner Entlassung wieder gekriegt. Bei manchen nützt auch die Therapie nichts, wirklich geheilt ist der nicht.
Da gibt’s ja noch die Abteilung Sotha 2, das sind fast nur Kinderschänder, ein paar Frauenvergewaltiger mal. Bei mir war das so, da war ja fast alles vertreten: Bankräuber, Autobrände, Frauenmörder. Da ist auch ein ganz bekannter, der 2001 dieses Mädel umgebracht hat, in Brandenburg. Der hat auch lebenslänglich und die besondere Schwere der Schuld.

Habt ihr untereinander über die Sachen gesprochen, weswegen ihr sitzt?

Ja, manchmal, es hängt von der Person ab. Manche reden nicht so viel. Von vielen wusste man es auch schon, es wird da viel hinter’m Rücken getuschelt. Aber dass man gezielt auf die Taten angesprochen wird, das weniger. Dann natürlich solche wie Ali, der einen SEK-Beamten erschossen hat, der ist natürlich ne super Größe im Knast. Und selbst der ist wieder rausgekommen, sogar schon nach 15 Jahren.

Was ist die Sotha?

Das ist ne sozialtherapeutische Einrichtung, da sind Psychologen. Entweder kommen die aus dem Maßregelvollzug, aus der Klapsmühle, es sind auch Quereinsteiger. Es gibt viele Frauen, die den Job machen, so etwa Hälfte-Hälfte kann man sagen. Aber die kommen und gehen, kommen und gehen. Es gibt da viele Wechsel, das ist wohl nicht so beliebt.

Aber dort warst du erst später?

Ja, zuerst bin ich in Tegel in die Teilanstalt 2 gekommen, TA 2, normaler Strafvollzug. Da hab ich gemerkt, da war mehr Bewegung. Die Zellen waren manchmal länger offen, ein, zwei Stunden, aber auch immer unterschiedlich. Meistens so von 11 bis 13 Uhr und nachmittags auch nochmal, so ab 16 Uhr zwei Stunden oder so.

Und offen heißt was?

Na, du konntest dann durch die ganze Abteilung laufen, auch durchs ganze Haus oder hattest Hofgang. Da gab es dann immer mal Ärger, Schlägereien, Drogenhandel, Dusche kaputt geschlagen, sowas. Deswegen haben sie es dann abschnittsweise wieder getrennt.

Und als du da ankamst, hast du also deine Fühler ein bisschen ausgestreckt, mit wem du kannst?

Ja, genau. Ich habe ja dann den Steven wiedergetroffen, und Hilmer, der kam aus Moabit auch da hin. Dann hat man sich zum Kaffee eingeladen, hier und da gequatscht, dann Spielstunde, und so ging ganz schnell auch das nächste Jahr wieder rum. Ich dachte: Irgendwie geht das ja doch alles ziemlich zügig hier. Man hat dann auch noch manchmal seinen Besuch gehabt.
Aber am Anfang hat man schon gelitten, die erste Zeit. Aber irgendwie ist man auch wieder auf andere Gedanken gekommen. Ich habe mir dann gedacht, es gibt noch andere kriminelle Karrieren und die haben auch noch was aus sich gemacht. Dagobert ist auch wieder rausgekommen, der hat sich auch nicht umgebracht. Oder die Bankräuber von Zehlendorf, die haben zehn, zwölf Jahre gekriegt, aber da sieht man ja, die leben auch weiter.
Aber es gibt auch die anderen. Da hört man dann, die Freundin draußen hat einen verlassen und die zünden dann ihre Zelle an oder hängen sich auf. Solche Geschichten habe ich mehrfach da gehört, da gabs schon einige, habe ich mitgekriegt. Der Rudow-Bomber, der damals den Briefkasten hochgejagt hat und eigentlich seine Schwester treffen wollte, dann aber dieses Mädchen getroffen hat, der hat Ende Mai 2014 in der TA 2 Selbstmord begangen, der lebt auch nicht mehr. Der hatte auch Ärger mit den Beamten gehabt, immer Stress. Er war auf der Sicherheitsstation, B 1, Isolierstation, Hofgang nur für sich.
Menschlich hab ich mir immer erstmal selber ein Bild gemacht. Man hört ja so einiges, Prostituiertenmörder, der hat dies und das gemacht, der da ist scheiße und mit dem da kannste nicht reden. Ich habe sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Manche sind sehr offen, zum Kaffee eingeladen, Kuchen, mal was ausgegeben. Es ist ja so ein Geben und Nehmen.

Du warst Hausarbeiter, was ist das genau?

Zum Beispiel Essen ausgeben, Milch und Obst, Bettwäsche zur Hauskammer bringen oder verteilen, da gibt’s dann eine Liste, wer kriegt was. Man verdient aber relativ wenig. Man kann da ein bisschen Kontakt haben, man arbeitet was und kommt rum. Für die, die rauchen, Kaffee trinken, ist das relativ beliebt, um einen gewissen Standard zu haben. Was mit einem Euro pro Tag eben so geht. Mit Miete für den Fernseher sind im Monat schon 17 Euro weg.
Etwas mehr als die Hälfte arbeitet in Tegel, da gibt’s die Tischlerei, die auch Aufträge von draußen machen. Dann gibt’s die Polsterei, die haben Kunden wie die Feuerwehr. Die bringen ihre Notarzttaschen da hin, zur Reparatur. Es gibt die Gebäudereinigung, wo man auch eine Ausbildung machen kann. Dann die Küche, die Lehrbäckerei haben sie aber geschlossen. Außerdem die Wäscherei, Hauskammer, wo ich auch gearbeitet habe. Dort kriegen die Knackies, die neu angekommen, ihre Erstkleidung, Lunchbox, Teller, Utensilien die sie brauchen, um durch den Knastalltag zu kommen.

Aber es gibt keine Knastkleidung mehr, oder? So mit gestreiften Klamotten?

Doch, es gibt immer noch Knastkleidung, du kannst aber Privatkleidung tragen. Das wird relativ locker gehandhabt. In manchen Bundesländern ist das anders.

Als Hausarbeiter kriegst du sicher auch eine Menge mit.

Ja, die größte Schlägerei, das Schlimmste, war im November 2015. Da gabs ne große Schlägerei zwischen Hells Angels und Türken oder Arabern, da ging‘s um Drogengeschichten. Da haben sie Olli, einen 2-Meter-Hühnen, den haben sie hinterrücks angegriffen. Er soll aber auch zurückgeschlagen haben, da gabs Verletzte, auch Schwerverletzte. Damals musste von draußen noch die Polizei angefordert werden, die Kripo kam auch, einem sollen die Beine gebrochen worden sein. Das war schon ein Theater.

Es soll im Gefängnis ja viel Probleme mit Drogen geben.

Ja, und auch mit Handys. Die werden dann reingeschleust, von Freigängern, aber auch von Bediensteten. Das ist keine Seltenheit.
2014 zum Beispiel, da musste ich zur Sicherheit, die interne Sicherheit, das ist wie eine eigene Polizei. Da hatten wir Ingo gehabt und Herrn W., die haben so ein richtiges Geschäft mit Handys aufgebaut. Herr W. hat sie mit reingebracht, Ingo hat sie drinnen verkauft. Aber das wurde dann irgendwann zu viel und ist aufgefallen. Irgendwann musste ich dann zur Sicherheit, „Herr H., wir haben da mal ein paar Fragen“. Dann zeigten die mir einen Zettel, mit Schreibmaschine geschrieben, in dem von dem Geschäft berichtet wurde. Aber ich besitze gar keine Schreibmaschine. „Aber haben Sie doch trotzdem was mitbekommen“, sagten die.
Fragen Sie doch die Leute selber, hab ich denen gesagt. Als Strafe haben sie Herrn W. dann ans Tor versetzt. Ausgerechnet.

Wie ist das Verhältnis zwischen Knackies und Schließern?

Da gibt’s natürlich viele Unterschiede. Der eine will gar nichts mit denen zu tun haben. Der andere quatscht sehr viel mit denen, vor allem auch über andere Inhaftierte.
Zum Beispiel war da Frau R., 2014/2015, die hat auch Handys und Alkohol für Knackies reingebracht. Dann gabs Frau G., die soll mit einem gevögelt haben ständig. Jetzt soll sie draußen mit ihm zusammenwohnen. Aber egal, menschlich ist das ja ok, solange es einvernehmlich war, was will der Anstaltsleiter machen. Die beiden Bediensteten wurde danach versetzt in das Frauengefängnis nach Lichtenberg.
Der Insasse S. hatte auch engen Kontakt mit dem Bediensteten W. und dessen Familie. Er hat sie dann sogar in ihrem Haus besucht und Sie waren zusammen an der Ostsee. Als das rausgekommen ist, hat Herr W. natürlich Ärger gekriegt und wurde für eine Weile in ein anderes Haus versetzt.

Wie wichtig ist der Kontakt nach außen?

Also man schließt nicht mit draußen ab, aber man weiß, dass man erstmal drin ist. Man wird mit der Zeit vielleicht ein bisschen träge, ich habe dann auch den einen oder anderen nicht mehr zum Besuch eingeladen. Ich hatte ja einige, die mir viel geschrieben haben, habe dann aber gesagt, jetzt bin ich hier erstmal. War auch ein bisschen faul dann, habe mich eher mit den Leuten dort auseinandergesetzt.

Du hast sieben Jahre Haft bekommen, durftest aber vorher schon ab und zu raus.

Ich war zum ersten Mal draußen im August 2016. Alleine, ohne Geld in der Tasche, das kam sehr überraschend. Man muss da erstmal Vertrauensvorschuss haben, dann muss das alles bewilligt werden, man braucht einige Unterschriften und so was. Da hinten die Vollzugsstelle, dann muss der Teilanstaltsleiter unterschreiben, und noch einige mehr. Plötzlich stand ich dann draußen, kein Geld in der Tasche, kurze Hose, kein Handy. Und dann bin ich nach Charlottenburg gelaufen von der JVA Tegel, bis zum Kurt-Schumacher-Damm, an der Kaserne vorbei, neben der Autobahn, bis zum Schloss Charlottenburg. Derjenige war aber nicht da und deshalb bin ich wieder zurück. In der Zeit hat die Anstalt bei ihm angerufen, aber er wusste ja gar nicht, dass ich komme. Und als ich wieder zurück war, haben sie einigen Trouble gemacht, wieso ich überhaupt draußen war und so.
Danach durfte ich aber immer öfter und länger raus, dann am Wochenende zehn bis zwölf Stunden, und Weihnachten konnte ich auch draußen übernachten.
Seit Spätsommer 2017 war ich Ausgänger, Freigänger, das heißt, ich durfte vier bis fünf Tage pro Woche raus. Einmal bin ich dann bowlen gegangen, am Alex. Und dort: Bedienstete aus Tegel, wunderbar, hallo Frau F. Dafür gehe ich dann raus.

Und du bist jetzt auf Bewährung draußen?

Ja, genau. Die ist auf drei Jahre festgesetzt. Wenn ich innerhalb dieser Zeit einen Fehler mache, eine Straftat, dann geht’s wieder zurück ins Gefängnis. Es kann sogar ein grober Verstoß gegen die Bewährungsauflage sein. Wenn ich zum Beispiel einen Monat den Termin nicht wahrnehme beim Bewährungshelfer. Dann muss ich die restliche Strafe noch absitzt, knappe acht Monate.

Teil 1: Interview mit dem “Feuerteufel”

Foto: Von Olaf Meister – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

 




Sie sagen: Psychisch krank

Nachdem am Samstag in Münster ein Fahrzeug in eine Menschenmenge gefahren war und dabei zwei Personen getötet und viele verletzt wurden, stand der Schuldige für einige sofort fest. Die AfD-Rassistin Beatrix Storch, aber auch andere Rechtsextremisten, machten sofort Flüchtlinge dafür verantwortlich. Als sich dann herausstellte, dass der Täter ein Deutscher war, forderten sie jedoch nicht die Abschiebung aller Deutschen.

Viel zu schnell nach dem Anschlag gab die Polizei in Münster bekannt, dass der Täter „psychisch krank“ gewesen wäre. Er hatte sich kurz nach der Tat erschossen.
Es sind die beliebtesten Vorurteile, die nach solchen Gewalttaten verbreitet werden: Entweder war es ein Flüchtling = Islamist = Terrorist, oder eben ein psychisch Kranker. Behörden und Medien spielen da munter mit, eine Differenzierung gibt es kaum.

Dass es in Deutschland abgesehen von kriegstraumatisierten Flüchtlingen geschätzt 5 bis 6 Millionen Menschen gibt, die an einer psychischen Krankheit leiden, interessiert dabei nicht. Viele Menschen kommen auch einfach nicht mit den Verhältnissen in ihrem Leben klar, was kein Wunder ist, bei all den Anforderungen, denen man gerecht werden soll, bei Einsamkeit, bei Katastrophenmeldungen in den Medien. Noch vor einigen Jahren wurden Leute auch als „verrückt“ bezeichnet, wenn sie sich nicht anpassen wollten oder konnten, wenn sie sich nicht an bestimmten Konventionen hielten, wenn sie für die Gesellschaft nicht verwertbar waren. Heute nennt man sie „psychisch krank“, aber es ist das gleiche. Auch Depressionen, Burnout, Phobien und auch Traumata sind weit verbreitet. Trotzdem werden sie zur Stigmatisierung der Betroffenen genutzt, so dass sich diese Kranken vielleicht noch weniger trauen, sich zu offenbaren und Hilfe zu suchen. Wer will schon als potenzieller Attentäter dastehen, der aufgrund seiner Krankheit Amok läuft? Nicht anders ergeht es ja den vielen hunderttausenden Asylsuchenden, denen ebenfalls pauschal alles Böse unterstellt oder wenigstens zugetraut wird.

Natürlich können bestimmte psychische Krankheiten ein irrationales Verhalten auslösen, bis hin zu Gewalt gegen andere oder sich selbst. So wie es auch gefährliche Flüchtlinge gibt. Doch in beiden Fällen sind dies winzige Minderheiten, die in keiner Weise zu verallgemeinern sind.

Genau dies aber hat die Polizei von Münster getan, so vorschnell, wie sie das Urteil gesprochen hat. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, denn es kann zur Ablehnung von psychischen kranken Menschen führen. So wie schon geschehen, als in Berlin Anwohner gegen die Errichtung eines Hauses mit psychiatrischen Wohngemeinschaften demonstrierten.
Anstatt den Menschen zu helfen, die aus verschiedenen Gründen unser Mitgefühl und unsere Unterstützung brauchen, werden sie stigmatisiert. Unabhängig davon, ob sie tatsächlich eine Gefahr darstellen oder nicht.




Der Gefangene

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muss? – Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen bessre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.
Sich lügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann’s euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen – Tyrannei!
dann ruf ich’s in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen!

Erich Mühsam
August 1919

Erich Kurt Mühsam (6. April 1878 in Berlin – 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg) war ein anarchistischer deutscher Schriftsteller, Publizist und Antimilitarist.

muehsam-gedenkstein


 

 




Viel Glück gehabt!

Gemeinsame Jahre in Kindheit und Jugend – und dann ein Bruch, zwei Jahrzehnte. Das Wiedersehen war ein neues Kennenlernen, der neue Bruder, es erinnerte nichts mehr an früher. Aber es war schön, interessant, eine große menschliche Bereicherung. Auch wenn wir uns dann nicht so oft gesehen haben, waren es doch Begegnungen, die etwas Intensives hatten. In manchem Punkt eine innere Übereinstimmung, ein Verständnis, das es nicht so oft gibt. Gedanken und Lebensentwürfe ändern sich, unsere berührten sich, das war eine schöne Erfahrung.

Als dann die Entscheidung zur Auswanderung fiel, wenn auch nur in ein Nachbarland, habe ich das gut verstanden, auch ich habe so oft Fernweh, aber leider auch Heimweh. Nun ist es so weit, ich freue mich sehr für Dich und bin traurig für mich und den Rest unserer kleinen Familie. Gestern und heute die Lastwagen bepackt, alle haben den Abschied verdrängt und so getan, als wäre es nur ein Umzug innerhalb Berlins. Dann nur ein kurzer Abschied, weinen tut man allein. Hoffentlich klappt alles so, mit dem neuen Leben auf der Insel. Ich wär so gerne fort, und bin so gerne hier. Alles Liebe und viel Glück!

DiGlücks-Elcheser Text erschien hier am 18. Februar 2008.
Zehn Jahre später:

Mein Bruder Kex und seine Freundin Ann haben sich auf der schwedischen Ostsee-Insel Öland ein Zuhause geschaffen und – wie man so sagt – “eine Existenz aufgebaut”. (Als wenn sie vorher nicht existiert hätten…)

Der alte Bauernhof wurde total umgebaut. Das Wohnhaus ist noch immer eines. Schon früh ist im Nebengebäude ein Café entstanden, zu dem die Menschen im Sommer aus zig Kilometern anreisen. Darüber hat vor zwei Jahren die Regenbogen-Etage aufgemacht, eine bunte Ferienwohnung, kindergerecht, auch brudergerecht :-) In der Scheune entstand ein wunderschöner Spielzeugladen, dazu der wohl größte Drachen-Verkauf Schwedens.

Öland ist eine Urlaubsinsel, die fast nur von den Touristen lebt. Außerhalb der Saison kümmert sich mein Bruder um die Ferienhäuser von Schweden und Deutschen, repariert, streicht, mäht den Rasen, kontrolliert die Türen. Nach ein paar Jahren konnten sie dann endlich von allem leben.
Auf dem einstigen Bauernhof wurde und wird weiter gearbeitet. Der Schuppen und die Scheune werden als Nächstes umgebaut, Ann hat etliche Bilder gemalt, währenddessen ist draußen eine kleine Kinderburg entstanden und ständig kommt es Neues dazu.

Leider ist die Anreise von Berlin aus recht langwierig. Zur Ostsee, zwei Stunden rüber, dann nochmal 550 Kilometer. Oder sechs Stunden Fähre und 400 Kilometer. Aber es ist die Reise wert!
Vor ein paar Jahren hatten wir dort ein Familientreffen, letzten Sommer war ich wieder dort. Und bestimmt nicht das letzte Mal.
Bei der Abreise 2008 haben wir ihnen viel Glück gewünscht. Das haben sie gehabt. Aber auch wahnsinnig viel Arbeit.
Und nun: Juuuuuuhhhuuubiläumsjahr.
Gratulation!




Liebe Genderinnen und Ganter

Der Frühling kommt und ich habe mir bei Rossfrau einen geschlechtsneutralen Lippenstift gekauft. Die Sonne scheint über den Hof und die ersten Frühlingsblumen sprießen. Wir haben endlich eine neue Regierung und alles wird gut, auch für uns Frauen. Es gibt demnächst Kitaplätze für alle und keine Alleinerziehende muss sich mehr bei der Tafel anstellen. Das alles ist geschafft. Jetzt müssen wir nur noch die diskriminierenden Sprachregelungen ändern dann ist alles paletti. Denn wie sagte schon Rosa Luxenburg, das Bewusstsein bestimmt das Sein.

Deshalb löst jetzt Kristin Rose-Möhring, die seit 2001 Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums ist, die wirklich wichtigen Probleme. Die deutsche Nationalhymne ist zu männlich. Deshalb hat sie sich an die Sprachpolizei gewandt. Künftig soll Vaterland Heimatland heißen und brüderlich couragiert. Aber da sollten wir schon konsequent sein. Was ist mit all den anderen diskriminierenden Worten, die wir gebrauchen? Kann ich denn noch mit gutem Gewissen Muttersprache sagen? Das suggeriert doch ein völlig veraltetes Frauenbild, wo die Frauen noch hauptsächlich für die Babys zuständig waren und die Kinder die Sprache von der Mutter gelernt haben. Das hat sich ja geändert. Und was ist mit all dem LBGT Vätern und Müttern, die darf frau ja auch nicht diskriminieren. Sollte es statt Muttersprache demnächst nicht besser orginäre Erstsprache heißen?

Unsere Gesellschaft ist ja lernfähig, zu Flüchtlingen sagt frau ja inzwischen auch Geflüchtete, diese Sprachregelung hat sich schnell durchgesetzt. Seitdem klappt es besser mit der Integration. Denn die Verkleinerungsform, das “ling” wurde als diskriminierend angesehen, da es an Feigling oder Wüstling erinnert. Geht es jetzt den Geflüchteten besser? Und muss ich jetzt zum Schmetterling Geschmetterter sagen, damit der Zitronenfalter nicht beleidigt ist? Darf ich zu Fränzchen (fünf Jahre alt) noch “mein kleiner Liebling” sagen? Denn ich befürchte, wenn ich zu ihm “mein kleiner Geliebter” sage, steht gleich einer vom Jugendamt vor der Tür und unterstellt mir sonst etwas.

Aber es ist Frühling und die Sonne scheint und ich habe mein altes Frühlingsgedicht hervorgeholt und finde, das kann ich ohne mit der Sprachpolizei in Konflikt zu geraten noch einmal bringen. Es werden auch keine Frauen mit Blumen verglichen und auf Gendergerechtigkeit wird geachtet.

Lau war heut die Frühlingsnacht
Die Narzissen duften sacht
es singt im Gras der Schlängerich
oh Schlange du, wie lieb ich dich!

Es sagt die süße Nachtigall
sei still, zum Nachtigäller
du gehst mir ganz schön auf den Keks
mit deinem ewigen Geträller

Die Tulpe sagt zum Tulipan
was bin ich prächtig, sieh mich an
Die Rübe sagt zum Rüberich:
Oh Rüberich, wie lüb ich dich

Der Amsler und der graue Star
Die sind seit Jahren schon ein Paar
dran sich die Dorfbewohner laben
weil sie dann was zum Tratschen haben

Der Einfall und die Einfällin
die streiten bis aufs Messer
es geht wie immer nur darum
wer ist heute besser

Der Schuss und seine Schlüsserein,
die möchten in den Frühling ziehn,
drum lassen sie das Dichten sein,
und gehen in den Sonnenschein

Hannelore Mühlenhaupt
www.muehlenhaupt.de




Scheinheilige Toilettenlogik

Auf den Männer-Toiletten vieler Fastfood-Restaurants wurden in den vergangenen Jahren Pissoirs aufgehängt, die ohne Wasser funktionieren. Das bedeutet, dort wird nicht mehr gespült, weder auf Knopfdruck, noch automatisch. Das sogenannte Urimat soll nach eigenen Angaben trotzdem geruchslos bleiben, was schon mal nicht stimmt. Teilweise stinken sie sehr.

Die Betreiber werben damit, dass ihr „Vorbildliches Umweltprogramm“ jedes Jahr „wertvolles Trinkwasser“ spart. Das ist eine nichtssagende Aussage (jedes Jahr wieviel?), die zudem bezweifelt werden darf. Natürlich ist Trinkwasser wertvoll, vor allem in Gegenden, in denen es zu wenig davon gibt. Das ist in Deutschland jedoch nicht der Fall. Hier gibt es aufgrund vieler Seen und Flüsse, ausreichender Niederschläge und hoher Grundwasserspiegel mehr als genug Wasser. Dass trotzdem immer mehr davon gespart wird, ist für die Entwässerung ein Problem. Dadurch verstopfen nämlich in Berlin viele Abwasserrohre und müssen umständlich freigespült werden. Im Endeffekt wird also nicht weniger Wasser verbraucht, es wird nur teurer, weil die Leitungen speziell freigehalten werden müssen. Vorbildlich ist es also nicht.

Dazu kommt, dass diese Urinale zwar erstmal Wasser sparen – gleichzeitig ist aber jedes einzelne von denen mit einer beleuchteten Werbeanzeige versehen, die Strom verbraucht. Bei mehreren Toiletten pro Filiale kommt da schon einiges zusammen. Dieser Strom wird derzeit vor allem aus fossilen Brennstoffen gewonnen, von einem „vorbildlichen Umweltprogramm“ kann also nicht die Rede sein.

Diese Toiletten sind nichts anderes als scheinheiliger Umweltfake, der nur dazu dient, den Fastfood-Firmen ein positives Image zu verpassen. Das sind allerdings die gleichen Restaurants, die sämtlichen anfallenden Müll, egal ob Plastik, Papier oder Essensreste, zusammen entsorgen. Eine Trennung findet dort nicht statt. Vorbildlich ist das sicher nicht.




Journalist ermordet

In der Slowakei wurde am Montag der 27-jährige Journalist Jan Kuciak in seiner Wohnung ermordet. Zusammen mit seiner Verlobten hat man ihn aus nächster Nähe erschossen.

Kuciak ist seit mehreren Jahren dafür bekannt, dass er regelmäßig Korruption und Steuerbetrug aufgedeckt und publiziert hat. Damit hatte er sich viele Feinde gemacht. Darunter viele Unternehmer, aber auch Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei, die in der Slowakei an der Regierung ist. Kuciak ist deshalb in der Vergangenheit schon mehrmals bedroht worden.

Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico bezeichnete die investigativen Journalisten, die wie Jan Kuciak für das Onlineportal Aktuality.sk arbeiten, als “Hyänen”, “Idioten” und “Arschlöcher”. Die neusten Recherchen von Kuciak betreffen indirekt auch ihn: Ficos engste Mitarbeiterin Mária Trosková soll mit der italienischen Mafia-Organisation ’Ndrangheta zusammenarbeiten. Vor allem im Osten des Landes soll sich die Mafia mehrere Millionen Euro aus europäischen Landwirtschaftsfonds gesichert haben. Möglicherweise hat der Mord an Jan Kuciak direkt damit zu tun. Er hatte angekündigt, die Ergebnisse seiner Recherche demnächst zu veröffentlichen

Dieser Mord ist nicht der erste Angriff auf Journalisten im EU-Land Slowakei. In den 1990er Jahren gab es zahlreiche brutale Überfälle. Zwei Investigativ-Journalisten werden seit Jahren vermisst: Im April 2008 verschwand Pavol Rýpal, im März 2015 Miroslav Pejko. Auch diese beiden hatten zu Korruption und organisierter Kriminalität recherchiert. Im Juni 2016 wurde das Auto des Journalisten Milos Majko in Flammen angezündet.

Bereits einen Tag nach den beiden Morden begann Aktuality.sk gestern mit der Publizierung erster Artikel aus der Recherche Jan Kuciaks. Allerdings schreiben sie auch, dass Material verschwunden ist und viele Informationen fehlen. Man muss also befürchten, dass die Mörder ihr Ziel erreicht haben.




Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit vor dem Tod statt Paradies danach

In seinem Artikel “Rousseau und Kant statt Mohammed” in Philosophia perennis geht David Berger davon aus, dass “jede Gesellschaft 1. konservative, 2. liberale und 3. auch soziale Züge braucht”, und untersucht, was das derzeit bedeutet.

Man kann auch eine andere Einteilung und einen philosophischen Text von 1904 als Ausgangspunkt verwenden. Unser Philosoph* erklärt, dass vollkommene Freiheit im Denken, im geistigen Austausch, in Wissenschaft, Kunst und Kultur herrschen sollte, Gleichheit vor dem Gesetz und Brüderlichkeit in der Wirtschaft. Wir beginnen mit letzterer und führen die Gedanken von 1904 weiter in die heutige Zeit.

Brüderlichkeit

Derzeit werden die Reichen immer reicher und ungebildeter, die Armen immer ärmer und ungebildeter, und die bürgerliche Mittelschicht sieht ihre Ersparnisse verdampfen und das Bildungssystem langsam untergehen. Noch vor einer Generation lehrte die Wirtschaftswissenschaft, dass das Ziel einer Firma oder Organisation eigentlich ist, bestehen zu bleiben und den Mitarbeitern ein gutes Auskommen zu ermöglichen. Aufgabe des Staates war es, Bedingungen zu schaffen, dass der Gewinn einer Firma auch der ihrer Partner und Mitarbeiter ist und man gemeinsam zu Wohlstand kommt. Stichwort “soziale Marktwirtschaft”. Dieses Ideal ist heute nahezu vergessen und wird von zwei Seiten bedroht.

Zum einen von “den Finanzmärkten” und der neoliberalen Wirtschaftsphilosophie, an die unsere Politiker beinahe religiös glauben. Da werden ganze Firmen von Hedgefonds gekauft, damit man die Arbeiter auf die Straße setzen kann, da werden ganze Länder ins Unglück gebracht, und Politik und Medien glauben merkwürdigerweise, dass das gut wäre, weil “die Märkte” im Prinzip etwas Gutes seien.

Zum anderen seit längerem von der Mafia und neuerdings in deutschen Städten von gewissen arabischen Familienclans, die den deutschen Rechtsstaat verachten, Polizisten und Richter bespucken und bedrohen und immer offener eine illegale Wirtschaft zur Blüte bringen, in der “Brüderlichkeit” nur für die eigenen Verwandten gilt und man alle anderen verachten, ja, vernichten darf. Buschkowsky beschrieb in “Neukölln ist überall”, unter welcher Bedrohung Staat und Bildungssystem durch diese Menschen aus einer anderen Kultur stehen. Aber sie genießen merkwürdigerweise den Schutz fast aller Parteien und den Schutz all derer, die hohe Ideale vor sich hertragen. Es sind ja Moslems, und der Islam darf im Prinzip nichts Schlechtes sein. Wer etwas gegen diese Verbrecher sagt oder unternehmen will, wird schnell als “islamophob” hingestellt und selbst zum Sündenbock gemacht. Gesetzestreue, gut integrierte Moslems führen sich kollektiv beleidigt oder “unter Generalverdacht gestellt” und tragen so zur Verwirrung bei. Statt das Verbrechen und die verbrecherischen Strukturen anzupacken, ergehen sich Politik und Medien in sinnlosen Debatten über den Islam, “Gutmenschen”, Religionsfreiheit, “Angstbürger”, Diskriminierung und “Islamophobie”. Evidente Tatschen darf man inzwischen gar nicht mehr benennen; das hat selbst Sarah Wagenknecht erfahren müssen.

Gleichheit

Natürlich sind nicht alle Menschen gleich. Darum erklärt unser Philosoph der vorigen Jahrhundertwende, dass “Gleichheit” Gleichheit vor dem Gesetz bedeuten müsse. Eine der wichtigsten Aufgaben des Staates ist es, ein Gesetzessystem zu pflegen, das diese Gleichheit sicherstellt und ein brüderliches Wirtschaftssystem, nennen wir es ruhig soziale Marktwirtschaft, blühen lässt. Die Gleichheit vor dem Gesetz wird ebenfalls von zwei Seiten bedroht.

Zum einen vom weltweiten Wirtschaftssystem, das die Staaten dazu bringt, immer mehr Gesetze zu erlassen, vor denen eben nicht alle Menschen gleich sind. Wer Geld hat, kann sich ganz legal Rechte kaufen, ohne selbst etwas geschaffen zu haben: Rechte an Saatgut, Musik, Medikamenten, Darlehen und Seeufern, und so zum eigenen Nutzen die Preise in die Höhe treiben, um noch mehr Rechte zu kaufen. Beispiel: wer ein Haus für seine Familie kauft, muss hohe Steuern zahlen; wer eine Firma kauft, um sie zu zerschlagen und die Arbeiter auf die Straße zu setzen, erhält Steuererleichterung.

Zum anderen wird die Gleichheit vor dem Gesetz bedroht von einem verqueren Gedankengebäude um falsch verstandene Religionsfreiheit und falsch verstandenes Diskriminierungsverbot. Es wird von den meisten Parteien und Medien mehr oder weniger unterstützt. Als Folge führt ein Diktator in unserem Land seinen Wahlkampf, teils ganz offen, teils über von ihm finanzierte Moscheen. Andere Beispiele: Kindern wird beigebracht, unseren Rechtsstaat zu verachten und Männer, die sich lieben, zusammenzuschlagen, ja, zu töten. Kein Motorradfahrer mit seinem Helm auf darf unbehelligt in einem Einkaufszentrum oder den Räumen einer Bank herumlaufen, aber frauenverachtende, unästhetische Vollverschleierung genießt den Schutz der Religionsfreiheit. Wer versucht, in unserem Land eine Sharia-Gesetzessystem einzuführen, erntet bei manchen Verständnis, weil das ja “besser zu diesen Menschen passt”. Und auch hier wird, wer dagegen auftreten will der “Islamophobie” bezichtigt und mundtot gemacht.

Freiheit

Auch die geistige Freiheit steht von diesen beiden Seiten unter Druck.

Einerseits erwerben multinationale Konzerne immer mehr Rechte, und sie bestimmen nicht nur die Preise von wissenschaftlichen Zeitschriften, Musik und Medikamenten, sondern sie wissen auch die Verbreitung von Schriften und Internetbeiträgen zu verhindern, die ihnen nicht wohlgefällig sind. Das geschieht alles ganz schleichend und ungreifbar. Jeder Wissenschaftler, jeder Autor auf Suche nach einem Verlag, mancher Blogger weiß, was gemeint ist.

Andererseits bestimmt eine importierte vor-aufklärerische Kultur der Entrüstung, des kollektiven Beleidigtseins, welche Gedanken unerwünscht sind, und die meisten Medien und Parteien gehorchen. Das geht so weit, dass Regierungen sich für satirische Abbildungen und Beiträge in der Presse und im Fernsehen entschuldigen. Gedankenfreiheit, die wir seit Friedrich dem Großen mühsam erworben haben, wird nicht nur von mächtigen Konzernen schleichend unterdrückt, sondern auch von unseren politischen Führern untergraben.

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stehen seit Längerem von der einen Seite so unter Druck, dass wir verlernt haben, sie zu verteidigen und den Ernst der Bedrohung von der anderen Seite wahrzunehmen.

Aber wir haben dieser Bedrohung ja auch nichts mehr entgegenzusetzen. Fragen Sie doch mal in Ihrem Bekanntenkreis herum, welches die Werte denn sind, die uns in der “christlich-jüdischen Gesellschaftsordnung” so wertvoll sind. Mancher wird die Antwort schuldig bleiben. Wir wissen es selbst nicht mehr, können nicht einmal erklären, was Demokratie wirklich ist oder sein sollte. Wir lassen es in existentiellen Fragen auf dumpfe Volksentscheidungen mit 51 zu 49 Prozent ankommen und geben ein jämmerliches Bild ab mit unseren Wahlkämpfen, unserer laxen Haltung gegenüber Gesetzesverstößen und unserer Unsicherheit in Grundsatzfragen. Ab und zu “befreien” wir ein Land in Nordafrika oder Nahost von einem Diktator, lassen die Menschen irgenetwas “demokratisch” wählen, statten eine oder beide Seiten mit Waffen aus und machen alles damit nur noch schlimmer.

* Wer dieser Philosoph war, tut hier nichts zur Sache. Die Nennung seines Namens würde viele Leser verprellen und den Autor in eine Ecke stellen, in die er nicht gehört.




Wie lange lassen die sich das gefallen?

Schon bevor die “Alternative für Deutschland” in den Bundestag gewählt wurde, gab es unzählige verbale Ausfälle gegen Andersdenkende, Flüchtlinge und die anderen Parteien. Das ist das Einzige, das diese Partei wirklich gut kann: Pöbeln und Dreck produzieren. Egal ob sie Asylsuchende an der Grenze erschießen möchten, Antifaschisten ausräuchern wollen, den Begriff des Völkischen hypen oder gegen das Gedenken an den Holocaust hetzen – führende AfD-Mitglieder sind sich nicht zu schade für die Gossensprache mit braunem Bodensatz.

Das hat sich mit dem Einzug in den Bundestag nicht geändert, im Gegenteil. Nur dass sie jetzt eine noch größere Bühne haben. Völlig unverständlich ist mir allerdings, wieso sich die anderen Abgeordneten das gefallen lassen, wenn z.B. Peter Boehringer, Vorsitzender des Haushaltsausschusses, Angela Merkel als Dirne und Nutte bezeichnet.

Viele Politiker und auch Journalisten sagen, sie wollen der AfD keinen Vorwand geben, sich als Opfer einer politischen Verschwörung zu präsentieren. Aber das bedeutet gleichzeitig, rassistische und faschistische Parolen hinzunehmen, anstatt aktiv dagegen anzugehen und diesen Rechtsextremisten klare Grenzen zu setzen.

Sollen sie sich doch ausheulen und als Opfer hinstellen, wieso muss man auf deren Befindlichkeiten Rücksicht nehmen? Tatsächlich sind es nicht Opfer sondern Täter, die unsere Gesellschaft vergiften wollen, die Hass und Gewalt produzieren. Dies muss man stoppen, es zu ignorieren hat schon einmal nicht geklappt.




Auf Biegen und Brechen

Stabilität ist ein wichtiger Qualitätsaspekt. Balken, die ihrer Belastung nicht gewachsen sind, biegen sich oder brechen gar. Im besten Falle bekommt das Bauwerk dadurch eine andere Form. Man redet sich dann ein, dass es romantisch ist, wenn alles wegrollt, Tische wackeln und die Fenster verschieden hoch sind.

Auch Organisationen kann man als Bauwerke betrachten, bei denen es auf Stabilität ankommt. Wichtige Stützen sind hier Menschen, und auch die kann man auf Biegen oder Brechen belasten, bis das Bauwerk eine andere Form bekommt.

Bis vor wenigen Jahren konnte man sich hier in Neukölln problemlos Pakete schicken lassen. Wenn man nicht zu Hause war, probierte der Paketbote es später noch einmal. Schlimmstenfalls klingelte er bei Nachbarn. In einem Haus, in dem dreißig Parteien wohnen, ist fast immer jemand zu Hause. Zwei Häuser weiter gibt es einen kleinen Laden, dessen Inhaber, ein Rentner, gerne Pakete für die ganze Nachbarschaft annimmt. Der Paketbote kannte die Nachbarschaft und fand immer einen Weg, das Paket zuzustellen.

Seit einiger Zeit funktioniert das nicht mehr. Der Paketdienst hat aus Instabilität eine andere Form bekommen. Man sieht zwar im Computer, dass der Zusteller unterwegs ist, aber man empfängt nichts. Auch keine Benachrichtigung. Die kommt erst am nächsten Tag mit der Briefpost, und darin steht, dass man sein Paket auf der Post abholen muss. Das bedeutet entweder einen Fußmarsch von vier Kilometern: einen Kilometer nach Norden, dann einen Kilometer nach Osten den Abhang hinab, eine halbe Stunde Schlange stehen bei der Post und mit dem Paket wieder zurück. Das Paket ist sperrig und schwer, und man kann sich einreden, dass diese Aktion romantisch ist. Eine noch romantischere Alternative bietet der öffentliche Nahverkehr: vierhundert Meter gehen, eine Station mit der S-Bahn, umständliches und weitläufiges Umsteigen an Bettlern und Taschendieben vorbei in die immer überfüllte U-Bahn, zwei Stationen weiter zur Post, anstellen und den gleichen Weg zurück. Wenn das Paket schön sperrig ist, erlebt man authentische Beispiele von Berliner Schnauze.

Dass es so läuft, hat natürlich mit fehlender lokaler Integrität zu tun. Die wichtigsten Stützen des Paketdienstes, die menschlichen Zusteller, sind nicht mehr durchdrungen vom Ziel ihrer Organisation: dass die Pakete beim Empfänger ankommen müssen.

Heute wurde in den Nachrichten deutlich, wie das kommt. Die Zusteller sind ihrer Belastung nicht mehr gewachsen, und die Weise, wie sie ihre Pflicht erfüllen, wird krumm. Ihr Ziel ist nicht mehr, das Paket zuzustellen, sondern es so schnell wie möglich ohne Regelverstoß loszuwerden. Statt länger in der Nachbarschaft herumzuklingeln, fahren sie lieber ihre ganze Ladung direkt zur Post und verwenden ihre Zeit zum Adressieren von Umschägen für die Benachrichtigungen statt zum Treppensteigen.
Man kann es ihnen nicht verübeln.

Die Zusteller werden schlecht bezahlt und haben zu wenig Zeit. Sie werden oft in wechselnden Gebieten eingesetzt, wo sie die Möglichkeiten nicht kennen. Sie haben immer weniger Gelegenheit, ihren Lieferwagen ordentlich zu parken und stehen unter ständigem Stress. Wie sie ausgebildet werden, kann man hier nachlesen. Da kann es passieren, dass der Zusteller nicht beweisen kann, dass er an einem Blechschaden unschuldig ist oder bei welchem Nachbarn genau er das Paket abgeliefert hat. Das ist schon schlimm genug für die Motivation der Zusteller. Aber seit heute wissen wir, dass noch etwas hinzukommt: die Post macht sie systematisch regresspflichtig, indem sie die kleinsten Unregelmäßigkeiten als “grobe Fahrlässigkeit” verfolgt.
Schadenersatz, den die eigenen, überlasteten Mitarbeiter bezahlen, ist anscheinend inzwischen zu einer wichtigen Einnahmequelle der Post geworden.

Hieraus können Sie lernen. Wenn Sie in so einem Fachwerkhaus wohnen, in dem sich die Balken biegen, machen Sie die Balken regresspflichtig! Hobeln Sie einfach die entsprechende Menge Holz ab, um den Kamin zu feuern!

Die BVG hat noch nicht entdeckt, dass auch ihre Busfahrer Goldminen sind. Man braucht sie nur für erhöhten Kraftstoffverbrauch beim fahrlässigen Stehen im Stau regresspflichtig zu machen. Bitte erzählen Sie das nicht weiter!




Ordnungsamt zensiert Künstler

Die Galerie von Wilhelm Peters in der Bleibtreustr. 52 erfreut sich derzeit verstärktem Interesse. Ordnungsamtsmitarbeiter des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf hatten den Künstler aufgefordert, zwei seiner Bilder aus dem Schaufenster zu entfernen, weil diese Pornografie zeigen würden. Angeblich hätten sich Anwohner beschwert.
Tatsächlich sind auf den Bildern Geschlechtsteile zu sehen und auf einem ein Sexakt. Die Vorwürfe der Verbreitung von Pornografie sind allerdings lächerlich, es handelt sich eindeutig um Kunstwerke. Immerhin stellte der Bundestag bereits 1973 fest, dass Bilder nur dann als pornografisch einzustufen sind, wenn sie “zum Ausdruck bringen, dass sie ausschließlich oder überwiegend auf die Erregung eines sexuellen Reizes bei dem Betrachter abzielen”. Bisher wurden aber noch keine onanierenden Männerhorden vor der Galerie gesichtet.

Unklar ist auch, ob das Ordnungsamt überhaupt befugt ist, dem Künstler die Ausstellung dieser Werke zu verbieten. Leider hat er es nicht drauf ankommen lassen, und die sichtbaren Geschlechtsteile auf dem Bildern mit kleinen Zetteln überklebt.
Interessant ist, dass sich vor 40 Jahren genau am selben Ort schon einmal etwas ähnliches abspielte: Damals befand sich in dem Haus der Schwulen-Buchladen Prinz Eisenherz. Er bekam Besuch von der Polizei, weil im Schaufenster Bücher ausgelegt waren, auf denen nackte Männer zu sehen waren. Dies reichte damals schon für eine Strafverfolgung.
Da waren die Römer und Griechen vor 2.500 Jahren bereits weiter, als sie Statuen nackter Männer und Frauen in ihren Städten aufstellten. Und auf tausenden Abbildungen sind sogar Geschlechtsakte zu sehen.Muss man nun damit rechnen, dass das Ordnungsamt demnächst durch die Museen zieht und auch dort die Kunstwerke zensiert?




Die Ver-U-Bahnisierung Berlins

In Berlin bauen sie eine neue U-Bahn. Laut Reklame im Infocenter wird sie “die U-Bahnlinie mit den meisen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt an der Strecke sein”. Rührend! Wenn man mit seinem Kind durch den Tunnel führt, kann man sagen: “Hier oben steht der Fernsehturm.” – “Wo?” – “Den sieht man nicht. Und hier steht jetzt das Rathaus.” – “Wo denn?” – “Das sieht man auch nicht. Aber jetzt kommt die Marienkirche.” Das Kind spielt inzwischen gelangweilt mit seinem Smartphone.

Die BVG rät übrigens, dass man mit dem Linienbus 100 fahren soll, statt eine teure kommerzielle Stadtrundfahrt zu buchen. Zugegeben: der Bus fährt oberirdisch und hat viele Fenster. Manchmal ist es sogar ein Doppeldecker. Nur hat die BVG die meisten Fenster mit Reklame zugeklebt. Von innen sieht man fast nichts mehr, als blickte man durch eine geschlossene Gardine.

Berlin hat eine der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt. Vom Westkreuz bis Ostkreuz führt die S-Bahn und die Fernbahn auf einem Viadukt quer durch die Innenstadt mit Aussicht auf unwahrscheinlich viele Sehenswürdigkeiten: Gedächtniskirche, Zoo, Spreeschleuse, Tiergarten, Siegessäule, Schloss Bellevue, Garten des Bundeskanzleramtes, Bundeskanzleramt, Brandenburger Tor, Reichstag, Bundestagsgebäude, Theater am Schiffbauerdamm, Monbijoupark, Hackesche Höfe, Dom, Marienkirche, Fernsehturm, Alexanderplatz, ehemalige ORWO-Glühlampenfabrik und noch viel mehr.

Man hätte diese Strecke vor drei Jahren als Weltkulturerbe anmelden sollen. Jetzt ist es zu spät. Wo immer es geht, hat man angefangen, links und rechts langweilige Bürohäuser zu errichten. Ungefähr die Hälfte der Aussicht ist schon verschwunden, und es wird weiter gebaut. In einem Jahr wird man nur noch dann und wann eine Zehntelsekunde einen Blick aufs Kanzleramt oder den Reichstag erhaschen. Auch auf dem Alexanderplatz und weiter östlich wird gebaut.

Wenn alles fertig ist, wird die Fahrt auf dieser Strecke einer U-Bahn-Fahrt ähneln: links und rechts vor den Fenstern Wände. “Hier, ganz nah, liegt der Kanzlergarten; aber den sieht man nicht.” Dabei werden die Wände auf der Museumsinsel noch zu den schönsten gehören.

Diese Eisenbahnstrecke ist kulturgeschichtlich für immer verloren. Sie dient bald nur noch dem Transport von Menschen, nicht mehr der Erfahrung der Metropole mit ihrer Architektur, genau wie die parallel dazu unterirdisch verlaufende neue U5.

Der öffentliche Berliner Nahverkehr umfasst auch etliche Fähren. Mit seiner normalen Zeitkarte oder einem Einzelfahrschein kann man eine halbe Stunde lang quer über Wannsee und Havel fahren: vom S-Bahnhof Wannsee nach Kladow. Bis 2013 gehörte diese Schifffahrt zu den schönsten Erlebnissen der Stadt. Das Schiff war in der Mitte überdacht, am Bug und Heck konnte man aber unter freiem Himmel sitzen. Vor allem am Bug hatte man rundum eine herrliche Aussicht, man saß in Wind und Sonne und dann und wann in den Spritzern einer Welle. Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön. So schön, dass viele Menschen allein deswegen nach Kladow fuhren, denn was will man sonst schon in Kladow? Höchstens ein wenig radeln, wenn man schon dort ist. Am Ufer wartete man danach in einem der vier, fünf Gartenlokale auf die Rückfahrt. Manche würden am liebsten den ganzen Tag auf der Fähre hin- und herfahren; aber das ist verboten. Man muss das Schiff bei Ankunft verlassen und sich hinten an der Schlange der Wartenden neu anstellen. Bei gutem Wetter wurde es manchmal sehr voll. Nicht immer reichten die 25 Stellplätze für Fahrräder.

Auch das ist Vergangenheit. Seit 2014 gibt es ein neues Schiff. Eigentlich kein Schiff, sondern eine Art schwimmender Butterdose aus Rauchglas. Es gibt keine offenen Decks mehr. Es gibt nur einen hermetisch schließenden Behälter. In den müssen alle rein. Drinnen gibt es unwahrscheinlich viele Stellplätze für Fahrräder. Wenn schon, denn schon!

In diesem Behälter fühlt man sich wie in einem U-Bahn-Waggon. Es riecht nur anders. Nicht nach metropolitaner U-Bahn, sondern stickig nach muffigem Kunststoff. Man kann kein Fenster öffnen, und es ist meist viel zu warm. Es wird einem schon schlecht von dieser Luft, bevor das Schiff abgelegt hat.

Die Fenster aus Rauchglas schützen vor Sonne und Wind und vor der Aussicht. Es sieht draußen dunkel aus, und die Aussicht von hinter einem spiegelt sich auch noch im Fenster vor einem. Zwei halbe Aussichten übereinander statt einer ganzen: im Bild die Insel Imchen und in Spiegelschrift der Anleger. Die Überfahrt wird zur Qual. Man hat die Nachteile einer U-Bahn-Fahrt ohne deren Vorteile kombiniert mit einem neuen Nachteil: der stickigen Luft.

Seit 1911 gibt es auch noch eine Ruderfähre zwischen Rahnsdorf Kruggasse und Spreewiesen. Als 2014 die Abschaffung der Ruderboot-Fähre geplant war, stand in der Wikipedia: “Die ehemalige Fährlinie 24 (Spreewiesen ↔ Rahnsdorf) über die Müggelspree, war bis zur Saison 2013 die kleinste der da noch sechs BVG-Fähren, sie war Deutschlands einzige Ruderfähre im Linienbetrieb und wurde mit einem Ruderboot (Paule III) betrieben. Das Boot war drei Meter lang und bot Platz für acht Personen, auch Fahrräder werden befördert. Etwa 40 Mal am Tag setzte der Fährmann Ronald Kebelmann die 36 Meter über. Es existierte zwar ein Fahrplan, allerdings wurde auch zu anderen Zeiten übergesetzt, sobald Personen an der Anlegestelle stehen. Das hatte sich seit 1911, als der Rahnsdorfer Fischer Richard Hilliges mit dem Fährbetrieb begann, nicht geändert.”

Das ist die schönste von allen Fähren. Sie erschließt ein wunderschönes Waldgebiet um die Krumme Laake, das man sonst nur noch auf Umwegen erreichen kann. Dass die Metropole Berlin sich bald vielleicht kein Ruderboot mehr leisten kann, in dem jeder Passagier und jedes Fahrrad den Nahverkehrstarif bezahlt, ist schwer vorstellbar. Da kommen ein paar hundert Euro pro Tag rein, das Boot ist aus Kunststoff und braucht keine jährliche Lackierung, also geht es nur um den Ruderer. Und ums Prinzip: ein Ruderboot kann man einfach nicht zu einer Butterdose umbauen.

Die Krumme Laake ist dann von Rahnsdorf aus nicht mehr erreichbar. Wahrscheinlich wird Herr Mehdorn demnächst einen Tunnel bauen, der die Ruderfähre ersetzt. Es sind ja nur 36 Meter. Aber mit der Planung kann er natürlich erst anfangen, wenn der Flughafen in Betrieb ist. First things first.

So einen Tunnel gibt es wirklich am anderen Ende des Müggelsees, bei Friedrichshagen. Er sieht genau aus wie ein U-Bahnhof, nur, dass man alles zu Fuß machen muss. Das ZDF hat dort mal einen Gruselfilm gedreht.
Solch einen Tunnel gab es auch am Ende der Tunnelstraße auf der Halbinsel Stralau. Den hat man irgendwann geschlossen.