Drei Tage an der Flut

Anlässlich des Jahrestags der Elbe-Flut Mitte August 2002 hebe ich diesen Artikel nochmal nach vorn.

August im Jahr 2002: Seit Tagen habe mir ich die Berichte über die Hochwasserkatastrophe im Fernsehen angeschaut – erschüttert, wie wohl die meisten. Anfangs war noch alles wie in einer anderen Welt, bis mir ein guter Freund von seiner Freundin aus Dresden erzählte. Die Familie hatte ein Lokal, das in den Fluten versunken ist. Plötzlich war die Katastrophe nicht mehr weit weg von mir, stattdessen wuchs der Zorn über all die, die nicht halfen – mich selber eingeschlossen. Das Schlüsselerlebnis aber war banaler: Ein Einkauf bei Hertie, ein mitgehörtes Gespräch zweier Frauen, die eine bezeichnete es als Katastrophe, dass ihr teures Kleid bereits nach einem Jahr nicht mehr modern war. Dabei verloren nur 100 Kilometer entfernt die Menschen ihr Zuhause, all ihr Hab und Gut und ihre Arbeit.
Meine Entscheidung war klar: Am nächsten Tag wollte ich ins Hochwassergebiet um den Menschen zu helfen, die dort unermüdlich gegen das Wasser kämpften. Noch hatte ich ja ein paar Tage Urlaub, die wollte ich nutzen.
Ein Freund hatte mir schon vorher erzählt, dass er mit dem Technischen Hilfswerk nach Dessau fahren würde, dort wollte ich mit. Doch der Zug war schon abgefahren, früher als geplant. Im Radio sagten sie, dass nun auch Wittenberg bedroht sei, die Stadt, in der Martin Luther einst seine Thesen an die Tür der Schlosskirche genagelt hatte stand unmittelbar als nächstes auf der Liste des Hochwassers.
Meine Entscheidung für Wittenberg fiel aber auch aus einem anderen Grund: Von allen in Frage kommenden Städten lag sie als einzige östlich der Elbe, also auf der “Berliner Seite”. Da man damit rechnen musste, dass auch die Elbbrücken gesperrt werden, wollte ich nicht plötzlich auf der “falschen” Seite des Flusses stehen. Das Technische Hilfswerk war überall präsent

Also Wittenberg.

Am nächsten Tag gings los, von Berlin aus dauert es nur etwas mehr als eine Stunde. Bei der Autobahnabfahrt Coswig/Anhalt überholte mich ein Zug des Technisches Hilfswerks, mit Blaulicht und Martinshorn fuhr das THW die 16 Kilometer in die Stadt. Da ich ein Auto im gleichen Blau fahre, habe ich mich einfach drangehängt, so gings auch über rote Ampeln und durch die Straßensperren in Wittenberg selbst. Dort stellte ich den Wagen an einer etwas höher gelegenen Straße ab, die zur Elbe gewandten Straßen waren bereits überschwemmt. Schon auf der Hinfahrt habe ich über Radio SAW erfahren, wo derzeit in Wittenberg am Deich gearbeitet wird. Pratau, ein am anderen Elbufer gelegener Vorort, mit zwei- bis dreitausend Einwohnern, sollte geschützt werden. Wittenberg liegt beidseitig der Elbe, der größte Teil auf der rechten Seite, also nordöstlich. Von hier aus führt nur eine einzige Brücke zum anderen Ufer, wo noch mehrere Stadtteile und Ortschaften liegen.
Die Stadt hatte am Bahnhof für freiwillige Helfer einen Anlaufpunkt aufgebaut, doch soweit kam ich nicht mehr. Auf der Straße hielt neben mir ein Jeep, der auf einem Anhänger Sandsäcke geladen hatte. Der Fahrer, ein höchstens 17-jähriger Glatzkopf, nahm mich mit. Er sagte, dass er sich das Auto von seinem Vater “geliehen” hätte, ohne dessen Wissen. Er hätte auch keinen Führerschein, aber die Polizei hatte im Moment auch andere Probleme. Wir fuhren über die 1.800 Meter lange Brücke über’s Wasser, direkt am anderen Ufer liegt Pratau. Der Stadtteil war jedoch von der Feuerwehr abgesperrt, sie schickten uns Richtung Westen. Es ging etwa einen Kilometer weit über eine enge Straße nach Kienberge, einem weiteren Vorort Wittenbergs. Hier musste sich mein Fahrer an eine Schlange verschiedenster Fahrzeuge anstellen: Große Sattelschlepper standen hinter kleinen Lieferwagen, sogar mit Sandsäcken beladene Pkws warteten darauf dass sie ihre Fracht abladen konnten.
Kienberge sah aus, als läge es direkt an der Elbe. Zwischen dem Ort und dem Fluss lag nur noch der Schutzdamm. Normalerweise aber fließt die Elbe etwa 1,5 Kilometer entfernt, aber bis hier zum Deich hatte sie sich schon geschoben.
Ich verließ mein Sandtaxi und lief vor zum Deich. In mehreren Reihen standen hier die Helfer, unten, in der Mitte und auf der Deichkrone wurden die Säcke weitergereicht. Ich fand eine bunte Mischung von Menschen vor, die meisten zwischen 20 und 40 Jahre alt, gut gelaunt und voller Zuversicht. Dazwischen Grüppchen von Bundeswehrsoldaten und von Jugendlichen, die anscheinend als Cliquen hergekommen sind. Auch eine Gruppe Pfadfinder aus Thüringen stand am Deich. Dort wo eine etwas größere Lücke war, stellte ich mich rein und war sofort in die Kette eingebunden.
Sandsäcke sind schwer. Vor allem, wenn die Zeit vergeht und zwischendurch immer wieder mal ein Sack mit doppelter Menge rumgeht. Wer ihn nicht halten kann, lässt ihn fallen, der Deich muss schließlich an allen Stellen verstärkt werden… Ich versuchte in der schrägen Deichwand Halt zu finden, unter mir nur noch Sandsäcke. Wenn ich hochschaute, konnte ich hinten die Altstadt von Wittenberg sehen, die Türme des Doms und der Schlosskirche. Und das Wasser, das höchstens noch 20 cm unter der Deichkrone stand. Der Damm war an dieser Stelle drei bis vier Meter hoch – und nass. Auch die Sandsäcke wurden nach und nach aufgeweicht, das Wasser presste sich vom Fluss aus hinein. Bisher war mir nie wirklich klar, wie so ein Deich funktioniert und warum er brechen kann. Hier habe ich es erfahren: Der Damm besteht ja aus Sand und Erde, bewachsen mit Gras, innen vielleicht auch noch verstärkt. Wenn nun von der Flussseite aus das Wasser ständig dagegen gedrückt wird, dann saugt er sich langsam voll. Der Deich weicht auf und irgendwann bricht er unter dem Druck. Das Legen der Sandsäcke hat also nur den Zweck, die Deichkrone zu erhöhen, damit das Wasser nicht oben rüberfließt. Außerdem sollen die Deiche damit verstärkt werden, doch die paar Tonnen Sand sind nichts gegen die Gewalt eines Stromes.
Einige Stunden stand ich so am Deich, links von mir ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, rechts eine junge Frau, die ständig davon sprach, dass ihre Mutter weiter bei Pratau hilft, obwohl doch ihr Haus in Kienberge gefährdet ist. Sie erzählte, dass sie die Kellerfenster zugemauert haben und die Eingangstür bis auf 1,5 Meter, es könne also nicht viel passieren. Am nächsten Tag sollte sich zeigen, dass das nicht genug war.
Die Arbeit war sehr anstrengend, zumal es uns die Sonne mit 30 Grad nicht gerade leicht machte. Aber immer noch besser als Regen, der die Elbe noch weiter anschwellen lassen würde. Zwischendurch gab es immer mal eine kurze Pause, immer wenn einer der Wagen entleert war und der nächste sich bereit stellte. Wir wussten, dass die Zeit drängt, deshalb waren wir nicht auf längere Pausen scharf. Ab und zu gingen einige Flaschen Selters herum, man nahm einen Schluck und gab sie weiter. War sie noch geschlossen, ging sie ebenfalls weiter nach hinten.
In Minutenabständen kamen die Wagen, ein paar Mann sprangen auf die Ladefläche und sofort geriet die Kette wieder in Bewegung. Von weiter weg sah es sicher aus wie ein Uhrwerk, mechanisch wurden die Säcke weitergereicht.
Wir waren vielleicht 500 Leute an dieser Stelle, davon etwa 100 junge Soldaten, alles Wehrpflichtige. Sie waren bereits seit Freitag hier, sahen erschöpft aus, aber hatten trotzdem gute Laune. Die hatten wir eigentlich alle, man macht sich die Laune, um sich selbst anzutreiben. Es wäre schlimm, wenn man hier frustrieren würde, denn die Kräfte die man hier braucht bekommt man durch das positive Denken. Allerdings: Zuviel Denken sollte man in dieser Situation auch nicht, denn dann würde man sich bewusst machen, dass dies alles hier nicht viel Sinn hat.
Dazu kommen Gerüchte und falsche Meldungen wie die, dass der Deich in Pratau gebrochen wäre, was zu diesem Zeitpunkt nicht stimmte. Doch diese Meldungen nagen auch an einem, wenn man nicht weiß, was nun wirklich stimmt.
Mittlerweile war es dunkel geworden, die Bundeswehr karrte einige Hänger mit Scheinwerferanlagen heran. Plötzlich zogen die Soldaten ab, ohne Erklärung, nur drei von ihnen blieben vor Ort, offenbar um die Scheinwerfer zu bewachen. Der plötzliche Aufbruch der Soldaten hinterließ ein ungutes Gefühl, zumal wir nun viel weniger Helfer waren. Kurz darauf kam die Order, dass wir mit den Arbeiten aufhören sollten, nur die vorhandenen Säcke sollten noch auf den Deich gelegt werden. Die letzten Lkw-Fahrer boten an, die Menschen auf der Ladefläche mitzunehmen, die meisten aber waren aus der Gegend mit dem Fahrrad da oder hatten ein Auto auf dem Feld stehen.
Ich selber fuhr mit einem Fahrer mit, der nun, um 22 Uhr, bereits 18 Stunden lang unterwegs war, den ganzen Tag schon hatte er Sandsäcke zu den Deichen gefahren. Auf der Straße zurück zur Brücke staute sich dann der Verkehr. Etliche Lkw und Lieferwagen kamen uns entgegen, beladen mit Sandsäcken! Die Fahrer sagten, dass sie von der Bundeswehr zum Damm nach Kienberge geschickt worden seien. Also genau dorthin, wo die Armee gerade die Leute weggeschickt hatte. In uns stieg Wut auf. Die richtete sich nicht gegen die Soldaten vor Ort, aber gegen diejenigen, die den Einsatz hier koordinierten. Es sind Profis, aber sie kriegen es nicht hin, an einem einzigen Deich den Überblick zu behalten.
Am Ende der Straße, dort wo es zur Brücke hinauf geht, liegt Pratau. Hier standen einige hochrangige Soldaten, die offensichtlich völlig überfordert waren. Sie standen in völligem Kontrast zu den jungen Rekruten, die vorher kraftvoll und optimistisch am Deich gearbeitet haben.
Da die Soldaten an der Straßensperre nach Pratau keinen Überblick mehr hatten, stieg ich aus dem Lkw und lief zum Deich. Hier waren etwa 20 Feuerwehrleute und circa 10 Freiwillige, die den Deich “sicherten”. Viel war aber nicht mehr zu retten, es war klar, dass es hier bald einen Deichbruch geben würde. Wir konnten den Damm kaum betreten, so weich war er bereits. Trotzdem kamen hier noch vereinzelt Wagen mit Sandsäcken an, die wir weiter auf den Deich legten bzw. warfen, denn betreten konnten wir ihn nicht mehr. Irgendwann gegen Mitternacht passierte dann das, was wir erwartet hatten. Jemand schrie “Deich bricht”, alle rannten ein paar Meter zur Seite, da schoss auch schon das Wasser oben aus der aufbrechenden Dammkrone heraus. Der Riss verbreiterte sich in Sekunden, es war wie ein wildes Tier, das dort durchbrach. Sandsäcke, gerade noch als Befestigung am Deich aufgestapelt, wurden zur Seite gedrückt. Sofort standen wir im Wasser, die Feuerwehr, die Soldaten und wir freiwilligen Helfer liefen in Richtung der Brücke. Neben mir stürzte eine Frau, die zusammen mit ihrem Freund (einem Feuerwehrmann) und mir am Rand des Durchbruchs gestanden hatte. Wir hoben sie aus dem Wasser, in diesem Moment verbreitete sich der Spalt. Die Elbe warf mit Erde und Sandsäcken nach uns, die Frau wurde leicht am Kopf verletzt, ich am Knie und am Handgelenk. Davon merkte ich in diesem Moment jedoch nichts. Zusammen mit den anderen zogen wir uns auf die höhergelegene Zufahrt zur Brücke zurück, wo die Feuerwehr nach Verletzten fragte. Die Frau wurde mit einem Krankenwagen weggefahren. Ich selber hatte für diesen Tag auch genug, außerdem war ich plötzlich sehr müde.
Ich fragte einen der Feuerwehrleute, ob es eine Schlafmöglichkeit für Auswärtige gibt, aber er konnte mich nur an die Feuerwehrzentrale in Teuchel verweisen. Teuchel ist ein Stadtteil am nördlichen Ende von Wittenberg, also einige Kilometer von hier entfernt. Ein Lkw-Fahrer, der gerade von Kienberge zurückgekommen war, nahm mich mit in die Stadt. Ich war ja noch völlig nass, aber bei dem Wetter war das nicht so schlimm. Nur die Müdigkeit drückte nun auf meine Augen.
Außerdem wollte ich auch unbedingt wieder über den Fluss rüber, weil dort mein Auto stand und da auch die eigentliche Stadt liegt. Außerdem musste man damit rechnen, dass die Brücke bald gesperrt wird, das Wasser stand bereits bis zur Unterkante. Der Fahrer fuhr mich direkt zu meinen Auto in Wittenberg City, von dort war ich in zehn Minuten bei der Feuerwehrzentrale.
Allerdings war mir schon beim Eintreffen klar, dass ich mich wohl selbst um einen Schlafplatz kümmern müsste. Die Zentrale bestand neben vielen Gebäuden aus einem großen, hell erleuchteten Platz, auf dem alle paar Minuten Bundeswehr-Hubschrauber ankamen und abhoben. Sie holten dort spezielle Sandsäcke ab, etwa einen Kubikmeter groß, die unten drangehängt wurden. Diese wurden irgendwo zu den Deichen gebracht und dort abgeworfen.
Ich sah auch noch Dutzende Feuerwehrleute, die alle umherrannten, dazu einige hundert freiwillige Helfer, die Sandsäcke füllten. Aber das hat mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr interessiert, ich wollte nur noch schlafen. Also fuhr ich 500 Meter zurück in ein Wohngebiet. Das Auto stellte ich an den Rand eines Parkplatzes, holte meine Decke raus und legte mich neben das Auto, fast so wie sich ein Hund neben sein Herrchen rollt. Allerdings ließ mich das Erlebte noch mindestens ein Stunde wach liegen.

Ich dürfte etwa drei Stunden geschlafen haben, als ich gegen sechs Uhr aufwachte. Das erste was ich spürte waren die Schmerzen in meinem Handgelenk und am Knie. Die Hand konnte ich fast nicht bewegen, auch das Knie war kaum zu gebrauchen. So lädiert humpelte ich erstmal ein paar hundert Meter weiter zu einer Tankstelle, um dort drei Tassen Kaffee zu trinken. Am Tag vorher bin ich überhaupt nicht mehr zum Essen gekommen, das machte sich jetzt bemerkbar. Es gab hier frische Schrippen, für die übermüdete und verdreckte Menschen nichts zahlen brauchten – ich muss recht übel ausgesehen haben, denn sie haben mir gleich drei Brötchen hingelegt.
In der Tankstelle hörte ich die neuesten Nachrichten: Bei Kienberge, dort wo ich als erstes gewesen bin, war der Deich ebenfalls gebrochen, im Ort steht das Wasser 1,80 bis 2,00 Meter hoch. Die Dammbrüche sind aber nicht nur eine Katastrophe für Pratau und Kienberge: insgesamt wurden aus den weiter hinten liegenden Ortschaften mehr als 30.000 Menschen evakuiert, 400-500 Quadratkilometer sollten nun allein durch diese Deichbrüche überschwemmt werden. Ich stand da in der Tankstelle und hätte heulen können, die ganze Arbeit war umsonst. In diesem Moment sagte ein Feuerwehrsprecher im Radio, dass nur durch die Hilfe der Bevölkerung am Deich südlich von Wittenberg die massenweise Evakuierung möglich war. Na gut, es war doch nicht umsonst gewesen, denn wir hatten damit Zeit gewonnen, die gut genutzt wurde. Sie sagten auch, dass insgesamt 5.000 Helfer an dem Deich gewesen waren. Die letzten sind dann beim zweiten Dammbruch nicht mehr rechtzeitig weggekommen. Sie retteten sich auf eine Anhöhe und wurden von dort aus mit Hubschraubern einzeln in Sicherheit geflogen.
Nach dem ausgiebigen Frühstück bei Aral ging ich zurück in das Wohngebiet, das auf dem Gelände einer ehemaligen Russenkaserne liegt. Am Rand war ein freier Platz und dies war auch der Ort, wo die Sandsäcke für die vielen Helfer auf den Deichen gefüllt wurden. Der Platz war etwa 200 Meter lang und 100 Meter breit und voller Menschen. An zwei großen Sandhaufen wurden die Säcke gefüllt und nach hinten gelegt, an anderen Stellen gab es Menschenketten, die die Fahrzeuge mit den Säcken beluden. Alle paar Minuten kam ein neuer Lkw mit Sand, die Haufen schmolzen aber schnell wieder dahin. Auch hier waren es wieder Lkws und Lieferwagen, die die Sandsäcke aufluden und wegfuhren. Dazwischen immer wieder Pkws mit Hängern, teilweise Kombis, die nur wenige Säcke transportieren können. Selbst ein Motorradfahrer mit Anhänger lud Säcke auf. Die Fahrer der kleinen Fahrzeuge holten vielleicht auch Säcke, um ihr eigenes Haus zu sichern. Zwar war die gesamte Südseite der Elbe im Wasser versunken, aber auch nördlich des Flusses liefen schon Keller voll.
Ich nahm mir eine herumliegende Schaufel und versuchte trotz der Schmerzen in der Hand beim Säckefüllen zu helfen. Das musste ich aber gleich beim ersten Versuch wieder aufgeben. Da ich mich mit nur einer Hand auch bei einer Kette kaum nützlich machen konnte, stieg ich auf einen der Lkw und nahm mit der anderen Hand die hochgereichten Sandsäcke entgegen und platzierte sie oben auf der Ladefläche. Aber auch das ging aufgrund der Schmerzen im Bein nicht gut. Nachdem ich umständlich heruntergestiegen war, wurde ich von einem der Helfer angesprochen, ob ich Schmerzen hätte. Er war Arzt und tastete meine Hand und das Knie ab. Dann gab er mir die Adresse von einem Krankenhaus in der Stadt, ich sollte mich wegen Verdacht auf ein gebrochenes Handgelenk röntgen lassen. Das Knie hatte nur Prellungen. Er bot mir sogar an, mich auf dem Fahrrad zum Krankenhaus zu fahren, aber ich konnte ja laufen.
So machte ich nun eine kurze Stadtbesichtigung. Die Straßen in der Nähe der Elbe waren jetzt auch im Stadtgebiet komplett überschwemmt. Hinter dem Bahnhof standen Fabrikgelände und ein Friedhof unter Wasser, bei einem Hotel und zahlreichen Wohnhäusern wurden gerade Sandsäcke vor Eingangstüren und Kellerfenster gelegt. Das THW versuchte Unterführungen freizupumpen, aber es sah nicht sehr erfolgreich aus.
Im Krankenhaus ging alles sehr schnell, die Hand war nur verstaucht, man riet mir zur Heimfahrt. Das kam für mich aber nicht infrage, schließlich war ich zum Helfen hier. Also fuhr ich zurück nach Teuchel und sprach einen Feuerwehrmann an, ob er eine Verwendung für einen angeschlagenen Helfer hätte. Nach einem kurzen Gespräch und der Aufnahme meiner Personalien schickte er mich als Einweiser auf das Gelände der Russenkaserne, bei der ich morgens schon gewesen bin. Hier hatte ich nun bis in die Nacht hinein die Aufgabe, zusammen mit einem Feuerwehrmann den reibungslosen Ablauf zu organisieren. Ankommende und abfahrende Lkws mussten durch die Menge geschleust werden, Fahrern von Lieferwagen wurden Adressen genannt, wo sie Sandsäcke hinfahren sollten. Wir mussten zusehen, dass immer an den richtigen Stelle ausreichend Leute zur Verfügung standen, auch der Nachschub der leeren Sandsäcke musste organisiert werden. Jede Stunde wurde über Funk nachgefragt, ob über die Radiosender weitere Helfer angefordert werden sollten. An “unserem” Platz arbeiteten etwa 200 bis 300 Leute. Dazu gab es noch den Platz direkt bei der Feuerwehr, dort dürften es vielleicht 500 Menschen gewesen sein.
Und es waren wirklich alle Altersgruppen vertreten. Die Kleinsten brachten die Stapel mit den leeren Säcken dorthin wo sie gebraucht wurden, die Erwachsenen machten eine Menschenkette zum Beladen der Lkws, andere schippten Sand in die Säcke, die ihnen die ganz Alten aufhielten. “Bitte immer nur drei Schippen voll” – ich wusste noch aus eigener Erfahrungen, dass zu schwere Sandsäcke die Arbeit am Deich behindern. Außerdem passen sich halbvolle Säcke besser dem Untergrund an.
Die Stimmung hier am Platz war sehr gut, trotz der schweren Arbeit wurde viel gelacht, zwischendurch spielte ein alter Mann auf dem Akkordeon. Am Rande des Platzes, unter ein paar Bäumen, gab es eine Verpflegungsstation. Hier konnten die Helfer kostenlos heiße und kalte Getränke bekommen, es wurden belegte Brote, Suppe und Obst angeboten. Am frühen Abend kamen einige junge Leute aus Thüringen, die einen mobilen Würstchenstand aufbauten. Ständig kamen Leute an, die Nahrungsmittel spendeten. Es herrschte eine Stimmung der Solidarität, trotz der schlechten Nachrichten, die immer wieder eintrafen. Aber was hatten wir für eine Wahl? Solange in der Stadt Sandsäcke zum Schutz gebraucht wurden, solange sollten sie auch gefüllt werden. Und es war ja auch nicht vergebens. Diesseits der Elbe wurden schon etliche Häuser durch “unsere” Säcke geschützt.
Aber es war auch eine Trotzstimmung, bei den Erwachsenen genauso wie unter den Jugendlichen. Also wollten alle der Elbe beweisen, dass sie sie beherrschen könnten. Einige der Jugendlichen sprach ich nach ein paar Stunden an, sie sollten doch mal eine Pause machen. Es war nicht leicht, sie dazu zu überreden, aber manche waren einfach schon zu erschöpft, um ohne Unterlass weiter zu schippen.
Am späten Abend wurden keine Säcke mehr abtransportiert, die Helfer sollten nur noch Sand abfüllen. So sollte es am frühen Morgen an den Deichen gleich weitergehen können.
Dann die Meldung, dass in der Umgebung von Wittenberg weitere sieben Deiche gebrochen sind. Die meisten liegen an der Elbe vor der Stadt, einer gehört zu Seegrehna, dem Nachbarort von Kienberge. Damit waren die Elb-Auen den Fluten völlig ausgeliefert. Der Ort Prettin war vollständig vom Wasser eingeschlossen.
Über ein Autoradio hörten wir Radio SAW, einen regionalen Dudelsender, der nun aber die Flut zu seinem Hauptthema gemacht hat und für viele zur wichtigen Informationsquelle geworden war. Über diesen Sender lief auch die Mobilisierung von Freiwilligen und von hier aus wurde Druck auf die Krisenstäbe gemacht, Informationen sofort zu veröffentlichen. Denn daran hatte es in den letzten Tagen gehapert. Im Radio hörten wir von nun 50.000 Menschen, die südlich von Wittenberg auf der Flucht sind oder evakuiert werden. Eine Verbreiterung des Deichbruchs bei Pratau konnte durch das massive Abwerfen von großen Sandsäcken aus Hubschraubern verhindert werden.

Nach der nächsten Nacht neben dem Auto war mir klar, dass das mit meiner Hand nicht besser, sondern schlimmer wird. Trotzdem wollte ich noch nicht weg. Bei meinem traditionellen Aral-Kaffee hörte ich im Radio widersprüchliche Informationen: Der Pegelstand der Elbe soll um 28 cm gesunken sein, der sogenannte Scheitelpunkt der Flut sei vorüber. Andererseits erzählten sich Kunden, dass mehrere Chemiebetriebe in der Stadt ihre Produktion eingestellt haben. Das war aber nur ein Gerücht.
Bis zum späten Nachmittag stand ich wieder auf “meinem” Platz, noch immer wurden Sandsäcke gefüllt und abtransportiert, noch immer beteiligten sich hunderte Menschen daran. Manche sagten, dass sie eigentlich zur Arbeit müssten, aber die Hilfe ist ihnen wichtiger. Die Jugendlichen dagegen brauchen nicht zur Schule: Der Landkreis hatte am Sonntag bekannt gegeben, dass die Ferien um eine Woche verlängert werden.
Dann wieder neue Nachrichten: Zwei weitere Deiche sind gebrochen. Aber auch die, dass das Wasser langsam zurückgeht. Das könnte jedoch mit dem Deichbruch in Pratau zu tun haben. Durch den Bruch dort und bei Seegrehna waren mittlerweile 600 Quadratkilometer Land vollgelaufen, dieses auslaufende Wasser ließ den Flusspegel sinken.
Am Ende der Elbbrücke, kurz vor Pratau, hatte sich ein THW-Lastwagen zu weit ins Überschwemmungsgebiet gewagt, die unterspülte Straße ist aufgebrochen und der LKW umgekippt. Mehr erfuhren wir noch nicht, aber wenigstens von Verletzten wurde nichts berichtet.

Im Laufe des Tages wich die Spannung, das Schlimmste schien vorbei zu sein, oder: es konnte nicht verhindert werden. Ich entschloss mich zur Rückkehr am Abend.
Dreckig und verschwitzt machte ich mich nochmal auf den Weg: Ich wollte unbedingt noch Dirk besuchen, den ich am Sonntag auf dem Platz kennengelernt hatte. Der junge Mann war mit seinen Eltern und Großeltern am Freitag aus Eutzsch, einem Dorf südlich von Wittenberg evakuiert worden. Die ganze Familie war nun in einer Turnhalle nahe der Feuerwehr untergebracht. Er selber hielt es dort nicht aus, die verzweifelte Stimmung, die Hoffnungslosigkeit, vor allem als nach dem Deichbruch klar war, dass sich die Elbe ihr Haus genommen hat.
Auf dem Weg zur Halle ging ich noch auf den Schlossturm. Aus ca. 60 Metern Höhe schaute ich in Richtung des Flusses. Aber ich sah nur Wasser, dazwischen Baumkronen und Hausdächer. Das andere Ufer der Elbe war nicht mehr zu sehen, sie war nun etliche Kilometer breit.

In der Sporthalle fand ich Dirk nicht, stattdessen Dutzende von Schlafstellen, kleine Inseln von Matratzen, von den anderen nur durch einen schmalen Gang getrennt. Intimsphäre gab es hier nicht. Nur wenige Menschen saßen auf den Matratzen, die Hitze hatte die anderen rausgetrieben, manche machten vielleicht Besorgungen, versuchten Dokumente aufzutreiben oder Bekannte zu finden. Diese Turnhalle ist ein Ort, an dem die Tragik des Geschehens sehr deutlich wurde. Mitten im Raum saß eine sehr alte Frau mit ihrer Tochter, wie sich herausstellte sind sie aus dem gleichen Dorf wie der Mann, den ich besuchen wollte. Die alte Frau war apathisch, sie hatte sich in ihr Schicksal ergeben, ohne sich noch dagegen zu wehren. Man sah, dass sie aufgegeben hatte. Die Jüngere unterhielt sich mit mir, leise, wie in einer Kirche. Sie weinte in ihren Worten, nicht mit Tränen, auch sie konnte nicht begreifen, was passiert war. Sie erzählte mir, dass ihr Sohn Markus versucht, ins Dorf zurückzukehren um irgendwas zu retten. Die Menschen klammern sich an irrationale Hoffnungen, sie wollen sich nicht in ihr Schicksal fügen.
Was konnte ich noch machen? Ich kam mir schäbig vor, weil ich zurückfahren kann in meine trockene Wohnung in Berlin. Doch hier konnte ich nichts mehr tun, die Dämme sind gebrochen, und das Aufräumen wird Monate und Jahre dauern. Eine Seelsorgerin setzte sich zu uns, aber sie hatte das Gefühl zu stören und ging wieder. Die jüngere Frau wünschte mir viel Glück; ausgerechnet sie, die in dieser Situation war. Ich gab ihr mein letztes Geld das ich noch dabei hatte, eine Geste der Hilflosigkeit.

Aber die Hilflosigkeit, die war in diesen Tagen das vorherrschende Gefühl. Trotz der Tatkraft und der vielen Solidarität. In solchen Zeiten wechselt die Verzweiflung mit Mut, Menschen brechen zusammen und bäumen sich dann doch wieder auf. Die Stunden hier bei den Opfern der Flut haben mir bewusst gemacht, dass Sicherheit und Unversehrtheit keine Selbstverständlichkeit sind. Ich habe leere Augen gesehen, die eine tiefe Ratlosigkeit ausdrückten und habe Menschen getroffen, die sich um andere gekümmert haben. Wie die Frau, die am Rande des Feuerwehrplatzes einen Mann getröstet hat, der weinend zusammengebrochen war. Eine andere Frau hat ihre Wut gegen den eigenen Mann vor Hunderten von Leuten rausgebrüllt, weil der keine Lust zum Schippen hatte. Eltern haben versucht, ihren kleinen Kindern zu erklären, was eigentlich passiert ist und warum der Fluss plötzlich so gefährlich ist. Es waren drei Tage voll Erfahrungen, Eindrücke und Gefühle. Und zurück blieb eine Erinnerung wie aus einer anderen Welt. Dann begann wieder der Alltag und manche Dinge wurden seitdem viel unwichtiger.

 





Jung und schwul in den 70ern

Schwule in Berlin, das ist heute nichts besonderes mehr. Wir hatten einen offen homosexuell lebenden Bürgermeister, jedes Jahr Hunderttausende geschminkt und gestylt auf dem Christopher-Street-Day, Regenbogenfahne vor dem Rathaus – all das ist normal und regt nur noch politische oder religiösen Fundamentalisten auf, und ein paar Unbelehrbare. Doch noch vor nicht allzu langer Zeit war das ganz anders, da war Schwulsein dasselbe wie “abartig” oder “kriminell” und wurde entsprechend behandelt.
Mein erster bewusster Kontakt mit einem schwulen Mann war Anfang der 70er Jahre. Im Kreuzberger Prinzenbad drückte sich einer in den Ecken herum, den die anderen Jungs Camillo nannten. Ich fand ihn interessant und abstoßend zugleich, obwohl ich ihn nie näher kennen lernte. Das Mysterium Camillo war spannend, wahrscheinlich war ich noch zu jung, um ein anderes Interesse zu entwickeln. Das änderte sich ein paar Jahre später.
Mit 14 Jahren hatte ich einen Schulfreund, Ralf, mit dem ich jeden Nachmittag verbrachte. Irgendwann merkte ich, dass er mir nicht nur als guter Freund gefiel, sondern dass er auch meine gerade aufkeimende Sexualität anregte. Wieder spielte das Prinzenbad eine wichtige Rolle, hier konnte ich ihn beim Umziehen auch mal nackt sehen. Den Anblick nahm ich danach mit nach Hause ins Bett. Es war aber unvorstellbar, ihn irgendwie anzumachen und zu zeigen, wie attraktiv ich ihn fand. Zumal er auch als erster in der Klasse  eine Freundin hatte, die er später sogar heiratete.

Natürlich war mir früh klar, dass meine Gefühle nicht “normal” waren und dass ich sie lieber geheim hielt. Einmal nur habe ich es anders gemacht, als ich einem Mitschüler beim Duschen zu lange angeschaut habe und prompt eine Erektion bekam. Noch am selben Tag wusste es die ganze Klasse und ich war das Gespött aller Mitschüler. Da aber auch andere Jungs in diesem Alter schnell einen Ständer bekommen, war der Vorfall bald wieder vergessen, ich aber hatte meine Lektion gelernt.

Ich musste einen Weg finden, um meine neue Sexualität irgendwie ausleben zu können. Es war ja bekannt, dass sich in Schwimmbädern und auf öffentlichen Toiletten Männer rumtreiben, die Sex mit anderen suchen. Doch auch das ging daneben, entweder fand ich niemanden oder er wollte mich nicht. Die Erlösung kam dann ganz zufällig. Bei der Party eines Schulfreunds sprach mich ein Junge an, den ganzen Abend hingen wir zusammen. Ich war so naiv, dass ich all seine Bemerkungen und “zufälligen” Berührungen nicht richtig deutete. Erst als wir nachts alleine waren und er sich nackt auszog, begriff ich es endlich. Für mich war die Nacht eine Sensation, aber Ingo gab sich danach total cool und desinteressiert, ich war völlig verwirrt. Während ich mich schon auf die große Liebe freute, verschwand er wieder aus meinem Leben. Das war zwar frustrierend, aber andererseits war ich mir jetzt sicher, dass ich schwul bin.

Der nächste Mann war dann einer meiner Lehrer, in mancherlei Hinsicht. Ich bin ihm bis heute dankbar für viele Dinge, die er mir fürs Leben beigebracht hat. Natürlich wusste ich, dass der Sex mit ihm verboten war, aber in seiner Wohngemeinschaft lernte ich auch, dass man manchmal Dinge einfach tun muss, wenn man es richtig findet, auch wenn sie nicht erlaubt sind.

Erst gegen Ende der 70er Jahre sah man auf der Straße manchmal Schwule, die sich betont auffällig gaben, tuntig oder ganz in Leder oder mit extrem kurzen und engen Hosen. Für mich war das sehr aufregend, zumal ich beschlossen hatte, meine Homosexualität nicht mehr zu verstecken. Andererseits wollte ich nicht in Rosa oder Leder rumlaufen, ich wusste aber nicht, ob man sich als “richtiger Schwuler” nicht doch entsprechend stylen muss. Es war mir nicht bewusst, dass fast alle Schwulen ganz normal aussahen, also wählte ich die Minimallösung: Ich lackierte mir einen Fingernagel und trug ab sofort einen Ohrring.
Schon nach wenigen Tagen wurde ich deswegen von zwei jungen Männern verprügelt, das kam dann in den folgenden Jahren und Jahrzehnten immer wieder mal vor. Aber es schreckte mich nicht ab, sondern weckte den Trotzkopf in mir. Ab sofort wollte ich dazu stehen wie ich bin und was ich eh nicht ändern konnte. Wenn die anderen ein Problem damit haben, sollten sie es doch mit sich selbst ausmachen und ihre Verklemmtheit nicht an mir abreagieren. Das war natürlich ein weitreichender Entschluss und hat mir immer wieder mal Ärger eingebracht, von blauen Augen bis zu ausgeschlagenen Zähnen. Aber das war es wert, besser als mich auf ewig zu verstecken. Zu oft habe ich seitdem Klemmschwestern kennengelernt, also Schwule, die ihre Sexualität verleugnen, die teilweise sogar zur Tarnung eine Frau geheiratet haben, um bloß nicht in Verdacht zu geraten. So wollte ich niemals werden. Ich habe meine Entscheidung nie bereut und gegen die Schläger habe ich Kampfsportunterricht genommen und einige Male erfolgreich angewandt.

Spätestens Anfang der 1980er wurde es dann auch leichter. Mit der Hausbesetzerbewegung entstand eine breite alternative Szene, in der Homosexualität akzeptiert war. Damals habe ich gelernt: Ein selbstverständliches und offensives Umgehen mit der eigenen Identität ist der beste Schutz gegen Diskriminierung.

ANDI 80




Ein Schultag mit Folgen

Mitte der Siebziger Jahre wehte ein besonderer Wind durch die Schulen West-Berlins. Die 68er-Revolte hatten wir höchstens als Kinder am Fernsehen verfolgt, “die Studenten” wurden uns als Feindbilder präsentiert. Mein Vater, ein Beamter, tat seinen Teil dazu, um uns Kindern diese Sichtweise einzutrichtern. Mir blieben vor allem die langen Haare der Revoltierenden im Gedächtnis und das Gefühl von Faszination.
Nur wenige Jahre später wuchsen die Haare auch an vielen Jungen-Köpfen. Sie gehörten jetzt dazu, die Ohren verdeckt, das Gemecker der Alten ließ nicht lange auf sich warten. Die Studenten waren weiterhin eine Generation vor uns, wir hatten mit ihnen nicht viel gemein. Die ersten von ihnen wurden nun unsere Lehrer und sie gaben sich wirklich Mühe. Während die alten uns im Erdkunde-Unterricht Flüsse und Bodenschätze pauken ließen, übersetzten die jungen Lehrer mit uns im Englisch-Unterricht die Texte der Beatles und der Rolling Stones. Die Tische der Schüler wurden umgestellt, zu kleinen “Inseln” gruppiert, nicht mehr nur mit dem Blick geradeaus.
Man erhielt immer noch eine Eintragung ins Klassenbuch, wenn man mal wieder den Unterricht geschwänzt hatte, der Unterschied war aber, dass sich der Lehrer für die Gründe des Wegbleibens interessierte. Aber bei unserem Klassenbewusstsein (Schüler gegen Lehrer) hatte er keine Chance.

Eines Tages erzählte unser Klassenlehrer, dass ein anderer sehr beliebter Kollege von ihm aus der Schule entlassen wurde. Ich kannte ihn nur flüchtig, weil er mal eine Vertretungsstunde bei uns hatte. Aber er war wirklich sympathisch. Vollbart, lange Haare und immer freundlich. Und anscheinend Kommunist, das war jedenfalls die Begründung für seinen Rauswurf. Natürlich wusste wir nicht, was das bedeutete, obwohl es bereits einige Schüler gab, die sich “schon aus politischen Gründen” sehr für ihn einsetzten. Sie verteilten auch manchmal Flugblätter, die wir dann ungelesen zu Papierfliegern verarbeiteten.
Die Entlassung des Lehrers zog allerdings weitere Kreise, als es sich das Schulamt vorher gedacht hatte. Eines Tages kam unser Klassenlehrer zu uns und berichtete, dass es morgen eine Demonstration gegen die Entlassung geben würde. Es sollte eine Schülerdemonstration sein und alle Hauptschulen aus Kreuzberg würden daran teilnehmen. Ein Schüler aus der Nachbarklasse saß neben ihm und fing dann an zu erzählen: Es ist geplant, dass die Schüler einen Sternmarsch machen, aus fünf Schulen zum Bezirksamt. Insgesamt waren nämlich Lehrer aus drei Hauptschulen betroffen und es waren überall die beliebtesten. Wir sollten uns während der ersten Hofpause am Tor versammeln. Die Schüler einer benachbarten Schule würden mit ihrem Demozug bei uns vorbeikommen und abholen, gemeinsam sollten wir dann zum Rathaus ziehen. Das hörte sich alles sehr aufregend an, auch wenn ich den Grund dafür nicht wirklich kapierte. Aber das war egal, immerhin winkten Spannung pur und einige Freistunden.

An den ersten beiden Stunden den nächstens Tages war an normalen Unterricht nicht zu denken. Alles redete durcheinander und unsere strenge Bio-Lehrerin gab sich irgendwann auch keine Mühe mehr. Mittendrin stand sie allerdings auf und sagte laut, dass wir uns keine Illusionen machen bräuchten: Wir dürften die Schule erst nach dem offiziellen Schluss verlassen, die Demo sei für uns gestorben. Natürlich haben wir das nicht ernst genommen.
Am Morgen waren auch wieder Flugblätter verteilt worden, diesmal wurden sie sogar gelesen. Alle wussten, dass etwas passieren würde und so fieberten wir der großen Pause entgegen.

Das erste was wir sahen, als wir auf den Hof hinaus kamen, waren die verschlossenen Tore. Die Schulleitung hatte die riesigen Gitter schließen lassen und mehrere Lehrer davor postiert. Drüberklettern war nicht. Mehrere hundert Schüler standen auf dem Hof herum, unschlüssig, wie es weitergehen sollte. Einige diskutierten mit den Lehrern am Tor und auch unser Klassenlehrer zeigte offen, dass er auf unserer Seite stand. Er schnauzte unseren alten Sportlehrer an: “Sie sind natürlich wieder in der ersten Reihe dabei. Wie früher!” Erst Jahre später habe ich kapiert, was er damit gemeint hat.
Als das Klingeln das Ende der Pause anzeigte, wuchs die Spannung. Natürlich wollten wir jetzt nicht brav in die Klassen gehen. Einige Streber liefen zwar ins Haus, aber sie waren dort allein. Der Rektor rannte aufgescheucht mit einigen Hiwis durch die Menge, schrie einzelne Schüler an, packte sie sogar am Arm. Sofort rief eine Schülerin um Hilfe, erschrocken ließ er sie wieder los. Eines war klar: Sie konnten uns zwar auf dem Hof einsperren, nicht aber in die Klassenräume zwingen. Jetzt erst recht nicht.
Plötzlich Polizeisirenen, Blaulicht auf der Straße, Mannschaftswagen vor dem Schultor. Wollten sie uns jetzt etwa ins Haus prügeln lassen? Viele Leute bekamen Angst. Mein Freund, der eigentlich immer sehr ängstlich war und deswegen von vielen gehänselt wurde, war auf einmal richtig mutig und schrie: “Ihr Arschlöcher”. Er zitterte zwar wie verrückt, aber es war klar, dass er diesmal nicht nachgeben würde. Mir, aber auch einigen anderen gab sein Verhalten den Mut weiterzumachen. Auch wenn wir nicht wussten, wie das enden sollte. Natürlich hatten wir alle Angst, verprügelt zu werden, die Bilder kannten wir ja aus dem Fernsehen. Aber diesmal hatten sie uns in einen kollektiven Trotz getrieben, wir wussten, dass ein Nachgeben für uns noch lange Auswirkungen haben würde.
Doch die Polizei war nicht nur wegen uns da. Sie war die Vorhut der Demo, die auf dem Weg zu unserer Schule war. Nach wenigen Minuten hörten wir die Sprechchöre. Die Polizisten stellten sich in einer Kette vor unserem Tor auf, so gut war der Schuleingang wohl noch nie bewacht: Innen Lehrer, außen behelmte Polizisten. Wir sahen die Menge vor dem Tor anwachsen und von draußen riefen sie: “Tor auf! Tor auf! Tor auf!” Natürlich stimmten wir sofort in den Sprechchor ein, hunderte pubertäre Rufe, sie mussten uns wohl Kilometer weit hören. Es war ein herrliches Gefühl der Stärke und des Zusammenhalts.

Von den Lehrern und den meisten Schülern unbemerkt hatten sich einige von uns in den hintersten Winkel des Schulhofs zurückgezogen. Dort standen die Mülltonnen und auch einiger Sperrmüll an einer Brandmauer. Plötzlich schrien Sie “Feuer!” und “Hilfe!” und rannten von hinten nach vorn auf das Tor zu. Die meisten von uns erkannten die List sofort, nur die Lehrer nicht. Sie gerieten sofort in Panik, zumal die Flammen und der Rauch schon gut zu sehen waren. Jetzt war das Löschen wichtiger, die armen Schüler mussten in Sicherheit gebracht werden. Innerhalb von Sekunden war das Tor auf, auch die Polizisten gingen sofort zu Seite, wir stürmten auf die Straße. Frei!

Die Demonstration zum Rathaus war natürlich auch sehr aufregend, zumal mehrere Schüler Spaß daran hatten, sich mit den Polizisten anzulegen. Einmal kam es kurz zu einer Prügelei, bei der sie sogar ihre Knüppel einsetzten. Trotzdem ging der Zug weiter und schließlich hielten wir eine Kundgebung vor dem Kreuzberger Rathaus ab. Damit war die Aktion beendet.
Ob die Demonstration gegen die Entlassungen erfolgreich war, weiß ich nicht mehr. Für mich aber, und auch für viele meiner Mitschüler, hatte dieser Tag mehr bewirkt, es war der Anfang einer Politisierung. Zwar wurden aus den Flugblättern auch weiterhin Flieger gebaut – ab diesem Tag wurden sie jedoch vorher gelesen.

ANDI 80




Martin in Wittenau

Wer in West-Berlin geboren ist oder schon lange dort lebt, kennt den Begriff “Bonnies Ranch”. Gemeint ist die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Wittenau, eine von einst drei “Irrenanstalten” auf dem Gebiet des heutigen Berlin ((Die anderen standen in Lichtenberg und Schöneberg)). Die KBN wurde 2006, nach 125 Jahren, geschlossen.
Bonnies Ranch war kein Ort, den man einfach mal so besuchte, und wer dort hin ging, wollte wohl zu einem Menschen, der ihm nahesteht. Es war ein trauriger Ort, der nicht nur viel Verzweiflung gesehen hat, sondern auch viel Tod. Am Schlimmsten war die Nazi-Zeit, als tausende Patienten von hier aus als “lebensunwert” in die Gaskammern gebracht wurden.
Wohl kaum jemand hatte mal ein gutes Gefühl, wenn er von einem Verwandtenbesuch aus Wittenau zurück kam, die Klinik kam mir immer wie eine Einbahnstraße vor. Und so sind auch meine eigenen Erfahrungen mit ihr.

Es ist schon Jahre her. Martin, 23 Jahre, als Junge von Zuhause nach Berlin geflüchtet, weil er die Prügel des Vaters nicht ertragen konnte. Hier kam er in Wohngemeinschaften unter, wechselte oft die Freunde, die doch eher nur Bekannte waren. So traf auch ich ihn irgendwann. Es war, als leuchtete er von innen. Wir verbrachten eine tolle Nacht miteinander, erst im Konzert, später im Bett und dann morgens im Café beim Frühstück. Martin konnte das Landleben, sein voriges Leben, so spannend schildern, dass ich am Liebsten gleich mit dem Trecker hin gefahren wäre. Doch als wir uns am nächsten Abend wiedertrafen, war er betrunken. Ich nahm mir Zeit für ihn, aber eher widerwillig. Ich konnte  noch nie gut mit Menschen umgehen, die besoffen sind.
Einige Wochen später liefen wir uns wieder über den Weg, diesmal war er wieder gut drauf, aber etwas war anders. Erst in der Nacht erfuhr ich, dass er Pillen genommen hatten, keine illegalen Drogen, sondern irgendwelche Medikamente, die seine Psyche verändern, und anscheinend alles durcheinander brachten. Martin war ein sehr trauriger Mensch, der wortwörtlich mit allen Mitteln versuchte, sich das Leben schöner zu machen. Leider mit den falschen Methoden.

Lange hörte ich nichts mehr von ihm, bis mir jemand sagte, Martin hätte einen Selbstmordversuch unternommen. Man hatte ihn aber gefunden und nun ist er in Wittenau. Natürlich machte ich mir Vorwürfe, hätte ich mich um ihn kümmern sollen? Und können? Und hätte er das gewollt? Einen Tag und mehrere Telefonate später durfte ich ihn dort besuchen. Es war das erste Mal, dass ich durch dieses Tor ging. Der Weg zum Haupthaus führt über einen großen Platz, den man nur am Rand entlang gehen darf. Er schüchtert ein. Martin war aber nicht in diesem Gebäude, sondern irgendwo viel weiter hinten. Jetzt erst begriff ich, was diese “Nervenheilanstalt” für ein riesiger Komplex ist. Von außen sieht man davon gar nichts. Manche Häuser sind durch Tunnel in zehn Meter Höhe verbunden, es gibt sehr viele Mauern und abgeschlossene Türen.
Irgendwann war ich dann auf seiner Station. Sie sah aus wie ein normales Krankenhaus, allerdings mit feinmaschigen Gittern vor den Fenstern. Die Patienten saßen entweder teilnahmslos in der Gegend herum oder aber sie liefen umher, ohne offensichtliches Ziel. Und mittendrin Martin. Ich sah ihm an, dass er sich freute, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Er umarmte mich, aber dann setzte er sich wieder hin und schwieg. Nach einer Weile sagte er, dass er ständig Tabletten nehmen muss, die er aber nicht will. Die Pfleger kontrollieren, ob er sie auch herunter schluckt und dann muss er eine halbe Stunde sitzen bleiben, damit er sie nicht mehr hochwürgen und ausspucken kann. Anfangs haben sie ihn sogar gefesselt, weil er sich gegen alles gewehrt hat.
Martin erzählte, dass er sich dort total unglücklich fühlt. Er spürte, wie sie ihn mit den Medikamenten manipulierten und dass er sich ganz anders verhält, als er es eigentlich will. Ich sollte ihm helfen, dort irgendwie raus zu kommen. Aber bei all den Kontrollen und verschlossenen Türen wäre das wie ein Ausbruch aus dem Knast, wohl kaum zu schaffen.
Ich habe ihn noch zweimal besucht und jedesmal ging es ihm schlechter. Er war verzweifelt, aber gleichzeitig war ihm anscheinend alles egal.

Als ich nach dem dritten Besuch wieder in der U-Bahn nach Hause saß, wusste ich noch nicht, dass ich Martin nicht mehr wiedersehen würde. Ein paar Tage nach meinem Besuch hatten sie ihn wieder gehen lassen und noch am selben Tag starb er.
Ein paarmal bin ich noch dort gewesen, aber niemand war bereit, mir Auskunft zu geben. Weder darüber, was in der Klinik mit ihm passiert ist, noch warum er einfach weggeschickt wurde. Kurz darauf haben sich seine Eltern bei mir gemeldet und gesagt, sie wünschen keine weiteren Nachforschungen durch mich. Die Klinik hatte sie offenbar informiert. Sie sagten, dass sie Martin zu sich geholt und dort beerdigt hätten. Indirekt gaben sie mir die Schuld oder eine Mitschuld für seinen Tod. In seinem Heimatdorf wäre er nicht auf “abartige Ideen” gekommen. Sie haben nicht begriffen, dass genau diese Einstellung der Grund für seine Flucht gewesen war. Und sie wollten es auch nicht hören.
Obwohl das nun schon viele Jahre her ist, denke ich doch jedesmal dran, wenn ich an diesem Ort vorbei komme. Von ihm geht für mich eine Bedrohung aus, er ist mir unheimlich. Er ist irgendwie wie ein Friedhof.

Foto: Friedrich Albert Schwartz




Richard und Elsbeth Lehmann

Richard Lehmann, geb. 22.4.1864 (Berlin), gestorben 4.6.1943 (Theresienstadt)
Elsbeth Lehmann, geb. Joel, geb. 11.2.1872 (Berlin), ermordet in Auschwitz

“A&A Lehmann. Fabrik von Mohair und Seidenplüschen, Nouveautes, Shawes und Wollenstoffen. Fabrik mit Spinnerei, mechan. Webstühlen, Färberei, Druckerei, Appretur in Schöneweide bei Berlin”

An die 1880 von Alfred und Anton Lehmann gegründete Plüschfabrik am Spree-Ufer erinnert heute fast nichts mehr. In der Hasselwerderstraße entstand Ende der 50er Jahre ein Park, die Wohnhäuser und kleinen Fabriken wurden abgerissen, nur eine Villa steht noch.
Lehmanns hatten Erfolg, ihre Aktiengesellschaft nahm sogar an der großen Gewerbeausstellung 1896 im Treptower Park teil und erhielt eine Silberne Staatsmedaille. Erbe des Betriebs sollte Antons Sohn Richard werden, geboren am 22. April 1864, der seine Reifeprüfung am Friedrichs-Gymnasium ablegte. Chemie- und Maschinenbaustudium folgten, danach noch ein Jahr in England, um dort die Textilfärberei zu lernen.
Im Drei-Kaiser-Jahr 1888 trat Richard Lehmann 24-jährig als Abteilungsleiter in die Firma ein. Zwei Jahre später heiratete er Elsbeth Joel, genannt Else, geboren am 11. Februar 1872 in Berlin. Das junge Paar war eng mit der Fabrik verbunden, es zog sogar noch von der Berliner Straße (heute Schneller-/Michael-Brückner-Straße) in die Hasselwerderstraße 8, fast bis an die Fabrik. Das damalige Werkstattgelände befindet sich heute an der Adresse Fließstraße 1-8.
Zwar war das Ehepaar Lehmann jüdischer Abstammung, doch Religion und Tradition spielten in ihrem Leben keine Rolle. Nach dem Tod von Anton Lehmann übernahm Richard als Direktor die Textilfabrik. Wie sein Vater nahm er viele gesellschaftliche und berufspolitische Ämter an, u.a. als Gemeindevertreter in Niederschöneweide, als Mitglied der IHK, als Vorsitzender des Wollplüschverbands, in der Berufsgenossenschaft sowie als Förderer der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Institut). Es waren die besten Jahre des Paares, das 1892 die Tochter Edith und 1895 den Sohn Hans bekam. Die wachsende Familie sah sich nun in Berlin nach einer neuen, größeren Wohnmöglichkeit um, doch der Vorstand der A&A Lehmann AG überredete sie, in Schöneweide zu bleiben. Auf dem Gelände wurde nun eine Villa mit Garten errichtet, auf Kosten der Firma und in deren Eigentum.
Die Tochter Edith Lehmann studierte nach der Schule Wirtschaftsökonomie und wurde allgemein als Erbin der Firma betrachtet. Sie heiratete Anfang der 20-er Jahre Arthur Feder, doch diese Ehe hielt nicht lange. 1926 folgte die Hochzeit mit Julius Feig, der bei A&A Lehmann im Aufsichtsrat saß und zudem Direktor und Miteigentümer einer Fabrik für Qualitätszigarren war. 1928 starb Hans, der Sohn von Richard und Else Lehmann.
Richard Lehmann war mittlerweile 64 Jahre alt und Generaldirektor. Seine knappe Freizeit verbrachte er im Garten seines Hauses sowie auf seinem Motorboot auf Berliner Gewässern. Doch gegen Ende der Zwanziger Jahre war das Glück vorbei, die Weltwirtschaftskrise erfasste auch die traditionelle Berliner Textilindustrie. Die Umsätze der A&A Lehmann AG sanken dramatisch. 1932 musste das Ehepaar Lehmann seine Villa verlassen, deren Eigentümer die Aktiengesellschaft war. Das Gebäude und Teile des Grundstücks wurden an eine andere Firma vermietet, die Lehmanns zogen in ein kleines Haus in Grunewald, Falterweg 13. Nur wenige Monate später kamen die Nazis an die Macht. Richard und Elsbeth sahen die Gefahr und organisierten für ihre Tochter Edith, deren Mann und ihre Kinder die Flucht nach England. Richard Lehmann hatte zeitlebens gute Kontakte auf die britische Insel, geschäftlich, aber auch privat: Sein Cousin Otto Jaffé war dort sogar zum Ritter geschlagen worden, trotzdem dauerte es noch bis 1939, dass neun Familienmitglieder der Lehmanns/Feigs nach England auswandern konnten. Richard und Else jedoch blieben in Berlin, sie hofften, dass man ihnen nichts antun würde. Dabei hatten sie die Repressionen gegen Juden längst gespürt und es wurde immer schlimmer. 1941 mussten sie ihr kleines Haus verlassen, sie fanden Unterschlupf bei einer jüdischen Familie in der Steglitzer Mozartstraße 22. Ab September desselben Jahres mussten sie den “Judenstern” an ihrer Kleidung tragen. Trotz allem glaubte Richard Lehmann, dass es sich bei der Repression um eine vorübergehende Erscheinung handelte und dass Hitler nach einem Sieg gegen die Sowjetunion einsehen würde, dass die Juden nicht seine Feinde seien. Als im Mai 1942 Richards Mutter Clara starb, erbte er die Hälfte ihres Vermögens, darunter die Aktien der A&A Lehmann AG. Doch dieses Erbe erhielt er nie. Die antijüdischen Gesetze verfügten, dass Vermögen und Erbe zugunsten des Reiches eingezogen wurden. Dies betraf nicht nur die Gewinne der Firma, sondern auch die Gebäude in der Hasselwerderstraße.
Ein halbes Jahr später, am 15. Dezember 1942, holte die Gestapo Richard und Elsbeth Lehmann ab und verschleppte sie ins Jüdische Krankenhaus im Wedding. Ihr Eigentum passte in zwei kleine Koffer, die sie mitnehmen durften. Das Krankenhaus in der Iranischen Straße war zu einem Sammellager umfunktioniert worden, von hier aus gingen Transporte in die Konzentrationslager ab. Nach sieben Wochen im Sammellager kam das alte Ehepaar am 2. Februar 1943 auf den Transport ins KZ Theresienstadt. Hier hin wurden vor allem alte Juden deportiert; Richard war mittlerweile 79 Jahre alt, seine Frau Elsbeth 71.
Am 4. Juni 1943 starb Richard Lehmann im KZ Theresienstadt. Else Lehmann wurde am 16. Mai nach Auschwitz transportiert, wo auch sie ermordet wurde.




Schwere Kindheit und die Erfüllung eines Traums

Meine Kindheit und frühe Jugend waren nicht gerade heiter oder glücklich. Meine Eltern hatten mit 30 Jahren geheiratet, mein Vater war Geschäftsführer in der Berufs-Genossenschaft der Papiermacher. Am Ende des ersten Ehejahres hatte meine Mutter eine Totgeburt. Danach mussten die Eltern neun Jahre warten, bis ich dann endlich kam – zu ihrer großen Freude. Inzwischen waren sie nach Frankfurt/Oder übersiedelt, wohin Vater versetzt worden war. Er wurde in Berlin eines Tages von seinem Chef gefragt, ob er sich zutraute, in Frankfurt eine Sektion der Berufsgenossenschaft aufzubauen und er meinte, wenn Sie mir das zutrauen, traue ich es mir auch zu. Er nahm einige Herren aus Berlin mit. Die Arbeit tat er gern und die Eltern sollen sich in Frankfurt wohl gefühlt haben.
Ich wurde im April 1907 getauft. Berliner Verwandte kamen herüber, und es wurde später in der Familie erzählt, dass mein Vater an diesem Tage noch heiter und gesellig gewesen war und eine eindrucksvolle Tischrede gehalten habe.
Im gleichen Jahre, 1907, war er dann zweimal wegen völliger Nervenzerrüttung im städtischen Krankenhaus in Frankfurt. Nach der zweiten Behandlung wurde meiner Mutter gesagt, dass er ein unheilbares Gehirnleiden hätte und in eine Nervenheilanstalt überführt werden müsse. Das war ein unvorstellbarer Schreck für meine Mutter. Zuerst die Freude über das Kind und die gehobene Stellung, überhaupt eine glückliche Ehe – und dann das. Es war auch wirtschaftlich eine Katastrophe: Vater wurde mit 41 Jahren pensioniert und starb später mit 49 Jahren, also da kann man sich vorstellen, wie klein die Pension war, von der Mutter und ich leben mussten. Vater hatte eine mittlere Beamtenstellung, er hatte kein Abitur.
Mein Vater kam also in die Nervenheilanstalt in Eberswalde, die für unseren damaligen Wohnort Frankfurt zuständig war. Ich habe überhaupt keine Erinnerung mehr an ihn, da mich meine Mutter, als ich drei Jahre alt war, nicht mehr auf ihren Besuchen zu ihm mitnahm. Ich sollte seinen Verfall nicht miterleben. Zur wirtschaftlichen Situation vergaß ich noch zu sagen, dass 2/3 seiner Pension nach Eberswalde zu seinem Unterhalt gingen, von dem 3. Drittel durften Mutter und ich leben. Wie sie das geschafft hat, weiß ich nicht. Sie war sehr ruhig und ernst, aber liebevoll im Umgang mit mir und klagte und jammerte nie. Sie zog sehr bald mit mir nach Berlin zurück, wo wir Verwandte hatten, zunächst in eine angeblich hübsche Wohnung nach Steglitz, nach einem Jahr zog sie aber mit einer Schwester zusammen in eine 3-Zi.-Wohnung in die Bayreuther Straße. Diese Tante, unverheiratet, habe ich sehr geliebt, es ging harmonisch bei uns zu. Mutter schickte mich dann in die Aug. Viktoria Schule in die Nürnberger Straße, ein 10-klassiges Lyzeum. Vom 4. Schuljahr an hatte ich eine Freistelle. In den ersten sieben Jahren ging ich weder ungern noch sehr gern zur Schule. Dann aber, in den letzten drei Jahren, lebte ich auf, schwärmte für unseren derzeitigen Ordinarius, bei dem wir Deutsch, Religion und Geschichte hatten und war richtig glücklich. Es ist sehr schwer, über diesen Mann, er war damals Mitte 30 und verheiratet, im ersten Weltkrieg gewesen, in weniges Sätzen Umfassendes zu sagen. Dass er von uns unbedingte Aufmerksamkeit, Disziplin und Fleiß erwartete, merkten wir vor lauter Eifer kaum. Jeden Stoff brachte er lebendig, eingebettet in seine Geschichtsphase, jede Epoche wurde nach Entwicklung und Störfaktoren etc. behandelt. Er fragte Einzelne von uns plötzlich mitten im Unterricht, ob sie das gerade Behandelte verstanden haben und wenn nicht, warum sie denn nicht frage. Bei Aufsätzen gab er uns 2 oder 3 Themen zur Wahl (für uns z.Zt. ganz neu!). Bei Gedichten eines Autoren konnten wir unter mehreren einen auswählen, das wir lernten.
In Religion, damals hauptsächlich Kirchengeschichte, brachte er den Stoff nicht nur so lebendig und mitreißend wie alles andere, sondern man merkte allmählich, dass er ein ganz bewusster, gläubiger Christ war. Er gehörte in seiner Wohngemeinde nicht nur zum Gemeinde-Kirchenrat, sondern auch zum Kreiskirchenrat und schließlich zur ev. Generalsynode. Wenn die tagte, einmal im Jahr, durfte er zwei Tage in der Schule fehlen. Ohne dass er uns im Religionsunterricht irgendwie bedrängen oder “bekehren” wollte, bezeugte er ganz sachte und fast insgeheim, dass es sich besser leben lässt, wenn man sich in der Kirche oder im Glauben geborgen fühlt. Er hatte, als er unsere Klasse übernahm, allen – wir hatten viele Jüdinnen bei uns – gesagt, dass er uns gern, wenn wir uns mal in Nöten oder Problemen, welcher Art auch immer, glaubten, in Einzelgesprächen zur Verfügung stünde. Davon habe ich im Laufe der drei Jahre öfter Gebrauch gemacht. Er wurde, auch nach der Schulzeit, so eine Art Vaterfigur für mich, die ich ja sehr brauchte. Er hat als Pädagogen eine steile Aufwärtskarriere gemacht – vom Studienrat zum Oberstudien-Direktor und schließlich zum Oberschulrat. Das Provinzial-Schulkollegium, seine Dienststelle, löste Hitler später auf, er wurde wie alle heraus geschmissen (ohne jede politische Tätigkeit) und durfte dann bei Beibehaltung von Titel und Gehalt als Studienrat (!) weiterarbeiten. Dort – in Dahlem – war er in einer Lehrerkonferenz ausschlaggebend beteiligt, dass die Tochter vom Kultusminister Rust nicht versetzt werden konnte. Er konnte ihr in Deutsch keine 3 mehr geben. Einige Wochen danach wurde er – ohne Angabe von Gründen – nach Königsberg versetzt, es war schon Anfang des Krieges. Dort kam er in den Volkssturm und wurde als die Russen anrückten, gefangen genommen und nach Sibirien verschleppt. Von seiner Frau konnte er sich nicht einmal verabschieden.
Er wurde 1947 oder 48 entlassen und lebte in Potsdam. Seine Frau hat er verzweifelt gesucht. Nach vielen Monaten schrieb ihm eine Königsberger Lehrerin, dass sie seine Frau nach mehreren Monaten Russenbesatzung tot und offensichtlich verhungert in einem Hausflur in Königsberg gefunden hatte. Sie hatte wohl Fabrikarbeit leisten müssen. Da hatte er nun Gewissheit, wenn auch eine Schreckliche. In Potsdam hatten sie ihn zum Regierungsdirektor in der Sparte Lehrerausbildung gemacht, schöne Arbeit, aber er war doch körperlich und seelisch so ramponiert von seinem leidvollen Schicksal, dass er bereits 1958 starb. Er hatte mich gefunden und besuchte mich öfter, manche andere frühere Schülerin auch. Nach Potsdam konnten wir ja nicht vom Westen aus.

Doch nun wieder zu mir. Ich verließ die Schule 1923. Meine Mutter war zu der Zeit schon sehr krank, sie starb im Sommer 1925. Das hatte natürlich großen, negativen Einfluss auf meine Berufswahl. Ich wollte zunächst Krankenschwester werden. Da rannte ich aber bei Mutter gegen eine Mauer: Aufgrund unserer ganz knappen wirtschaftlichen Lage und des baldigen Sterbens, das Mutter voraussah, war ihr klar, dass sie keine lange Ausbildung für mich, bei der ich voll von ihr hätte versorgt werden müssen, wählen könnte. Ich ging also als Lehrling – 2 1/2 Jahre Ausbildung – in die Darmstädter- und Nationalbank, wo ich gleich eine kleine Lehrvergütung bekam. Man höre aber und staune: Im ersten Jahre, also 1923, Inflationsjahr, bekam ich monatlich Tausende von Mark, bald Millionen, Milliarden bis Billionen. Im Dezember, als die neue Währung kam, waren es 19,35 Reichsmark pro Monat!!!
Im 2. Jahr waren es 50,- RM, im dritten etwa 75,-.
Zum 1. Oktober 25 wurde ich fest eingestellt, am 21. September war Mutter gerade gestorben. Nun stand ich mit ca. 110,- oder 120,- p.M. mutterseelenallein da, aber es ging. In der Bank war ich todunglücklich! Mich interessierte doch der ganze Kram nicht. Ob die Aktien so oder so standen, ob Herr Müller 5.000,- oder 500.000,- Mark Kredit bekam, war mir doch so schnuppe! Es gab auch damals noch keine Berufsfachschulen, wo ich etwa einen Gesamtüberblick über das Bankwesen hätte bekommen können. Es war trostlos! Wie oft hatte ich auf dem Klo gesessen und geheult. Dort hatte ich übrigens Frau Jahr, damals Hilde Herlitz, kennengelernt, die aber leider schon Ende 1923 als Nicht-Fachkraft abgebaut wurde. In den nächsten Jahren, als ich es bezahlen konnte, fing ich dann an, mein Englisch zu vervollkommnen, nahm Einzel-Unterricht, ging in einen englischen Club und fing an, englische Romane zu lesen. “Gone with the wind”, vom Winde verweht und die fünf Bände “Foresyte Saga” habe ich im Original gelesen! D.h. ich suchte mich auf verschiedenen Gebieten günstig zu ernähren, nur nicht zu verkommen. Die Kameradschaft in der Bank von den Jungen war nett, und schließlich war die Bankfiliale noch der Ort, von dem aus ich in die Jugendbewegung kam durch eine etwas ältere Kollegin, die als einzige von uns Wandervogel war. Sie nahm mich zunächst mit in einen kleinen Kreis in Schmargendorf, der mich gleich sehr anzog, den ich jetzt aber nicht erst schildern will. Von dort aus kam ich in Beziehung zum Berliner Neuwerk-Kreis. Diese Gruppe war ein Teil des gesamten “Neuwerk-Kreises”, einer evangelischen Wandervogel-Vereinigung, die am stärksten im Südwesten des damals ungeteilten Deutschen Reiches verbreitet war. Ihr Ziel und Idealismus war es, die der Kirche bzw. dem Christentum in den letzten Jahrzehnten entfremdete Arbeiterschaft zurückzugewinnen, das – rückblickend – ja nicht erreicht wurde. Unsere Berliner Gruppe wurde von einem ev. Pfarrer, der an einer Moabiter Kirche ordiniert war, geleitet. Wir waren einmal in der Woche zusammen, ca. 25 Personen, etwa im Alter von 18-30 Jahren, alles Wandervögel.
Unsere Jungen waren überwiegend Studenten – Theologen, Germanisten, Psychologen – kaum Techniker. Unter den Mädchen waren weniger Studentinnen, hauptsächlich Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Fürsorgerinnen, Kunstgewerberinnen etc. und wenige kaufmännische Angestellte. Wir hatten alle 14 Tage biblische Themen – unser Pfarrer Günter Dehm war ein ausgezeichneter lebendiger Theologe, später Uni-Professor in Bonn, und wir alles fragende, kritisierende, auf Lebens- und Glaubensfragen ausgerichtete Jugendliche. Der Kreis war jugendbewegt, theologisch und mit einem Hauch von Sozialismus ausgerichtet. An den übrigen 14 Tagen beschäftigten wir uns mit den damals aktuellen Dingen wie z.B. Psychoanalyse, Zionismus, sozialpolitische Fragen und natürlich mit Literatur, übrigens auch mit Philosophie, wie mit Jaspers und Heidegger. Letzterer war mir damals zu schwierig. Jaspers besagte mit viel. Wenn nötig, wurde zunächst ein Fachmann herangeholt zur Einführung, und wir arbeiteten dann selbst weiter.
Untereinander standen wir und recht nahe. An den Wochenenden wurde gewandert, gesungen und problematisiert. Einmal waren wir 14 Tage zusammen in Gral-Müritz an der mecklenburgischen Küste, 1927. Günter hatte für uns ein Pensionshaus gemietet, wo wir in Doppelzimmern wohnten, immer je zwei Mädchen und zwei Jungen, und einem schönen Aufenthaltsraum für alle hatten. Die romantischere Zeit mit Schlafen in Zelten und Abkochen habe ich nicht mehr miterlebt. Die Jugendbewegung war zu meiner Zeit schon leise im Abklingen. Es waren herrliche zwei Wochen, in denen ich mich übrigens auch verlobt hatte. Eine blödsinnige Wahl – wir passten überhaupt nicht zueinander, nach rund einem Jahr gingen wir wieder auseinander.
Dieser Kreis, in dem ich mit unvorstellbarer Begeisterung war, hat für mich meine Lebensausrichtung geprägt. Ich war übrigens auch trotz meiner etwas mickrigen Existenz ohne Abitur und ohne einen anständigen – oder sagen wir interessanten – Beruf sehr selbstverständlich und herzlich aufgenommen worden. Dort lernte ich übrigens den Fürsorgerinnen-Beruf, der ja auch ziemlich neu war, kennen. Er imponierte mir außerordentlich und ich überlegte sehr und versuchte, mich irgendwie ohne Ausbildung in ihn hinein zu mogeln, aber das war unmöglich, die Ausbildung war lang und anspruchsvoll.

Der 2. Weltkrieg trieb uns dann auseinander. Die Jungen, die je nach Beendigung ihres Studiums sowieso nach einer Zeitspanne Berlin verlassen hatten und durch neue, jüngere laufend ersetzt wurden, wurden nun auch noch eingezogen, und wir alle standen bald laufend in Bombengefahr. Ich verlor meine mütterliche Wohnung 1943 und die Notbleibe dann nochmals 1945. Nach der 2. Ausbombung nahm mich der Vater einer jüngeren Freundin, der allein von seiner Familie in seiner 5-Zi.-Wohnung mit einem Dienstmädchen zurückgeblieben war. Seine Frau war verstorben, seine zwei Söhne im Feld und seine Tochter, meine Freundin, war auswärts als Dozentin einer Lehrerinnen-Bildungsanstalt. Er selbst fiel ganz zu Ende des Krieges im Volkssturm. Dann war ich kurze Zeit ganz allein in der großen Wohnung und wurde in der Russenzeit fünfmal vergewaltigt – mit Ansteckung.
Anfang Mai kam meine Freundin dann zurück, ohne alles, mit durchgelaufenen Füßen, die Schuhe in der Hand. Sie fiel mir weinend in die Arme mit der Frage: “Wo ist Vati?”
Sie fand, als sich alles notdürftig normalisierte, Arbeit als Lehrerin, hielt die große Wohnung durch vermieten, heiratete 1954, hat süße Töchter, die jetzt auch verheiratet sind und Kinder haben. Ich wohnte dort bis 1960, als ich mir eine Eigentumswohnung, 2 Zimmer, in Wilmersdorf kaufte. In dieser Familie, deren Entstehung ich miterlebte, bin ich vollkommen verwurzelt. Mit dem Mann meiner Freundin verstand ich mich bestens. Er ist vor 1 1/2 Jahren bei einem fürchterlichen Verkehrsunglück ums Leben gekommen.

Doch zurück zu 1945. Als Bankangestellte stand ich ja nun völlig im Freien. Die Banken in Berlin hatten ja sehr viel länger geschlossen, als die in der späteren Bundesrepublik. Ich war im Mai einmal zu Fuß – zwei Stunden lang – durch das grausig zerstörte Berlin in restlichen Teile der Ruine der Dresdner Bankzentrale gegangen und traf dort einen Rest des früheren Personalbüros an. Natürlich konnte niemand uns etwas Verbindliches sagen. Wir bekamen nur eine Bescheinigung, dass wir auf unbestimmte Zeit gehaltlos beurlaubt wurden. Was nun? Die großen Firmen und Betriebe waren ja alle zerstört oder stillgelegt im Laufe des Krieges und kamen ganz, ganz langsam wieder, die meisten erst nach der Währungsreform, also drei Jahre nach dem Krieg. Und dann kam noch hinzu, ich war ja nur im Bankfach ausgebildet. Zum Glück hatte ich während meiner Lehrzeit Maschineschreiben und Stenographie gelernt, verlangt wurde das nicht in der Bank. Und im tiefsten Grunde wollte ich ja auch gern ganz aus dem kaufmännischen Bereich heraus. Sehr bald fiel mir die Kirche ein. Ich ging zu einem der Dahlemer Pfarrer in Wohnnähe, und siehe da, der brauchte gerade eine Gemeindehelferin. Die brauchten ja normalerweise auch eine Ausbildung, aber dieser Pfarrer merkte im laufenden Gespräch, dass ich im kirchlichen Leben ziemlich zuhause war und stellte mich ein. Das Gehalt, das er mit nach Verständigung mit seinem Vorgesetzten bot, entsprach meinem bisherigen Gehalt bei der Bank. Also fing ich sehr bald an, froh und etwas ängstlich. Ich hatte da vormittags Büroarbeiten, auch allerlei Publikumsverkehr mit Gemeindegliedern, die z.B. Amtshandlungen anmelden wie Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Auskünfte wollten und um Hilfe aller Art baten, für die natürlich der Pfarrer selbst zuständig war. Es gab auch einige Kassen zu führen, die sonntäglichen Kollekten zu verbuchen und weiterzuleiten etc. Also Büroarbeiten, die mir sehr viel mehr Spaß machten, als die in der Bank. Nachmittags machte ich dann Gemeindebesuche, ein weites Feld in dieser Notzeit, in der überall gelitten, gehungert und gestorben wurde. Auch zwei Altersheime lagen in unserer Gemeinde, in denen ich bald auch kleine Andachten hielt. Das war nun eine Aufgabe, die außer guter Vorarbeit innere Bereitschaft, Einfühlungsvermögen und seelsorgerischen Takt erforderte und die niemand, ob ausgebildet oder nicht, so nebenher hinlegte. Ohne meine Existenz im Neuwerk-Kreis hätte ich das nicht gekonnt.
Und nun kommt der Clou. Eines Tages sagte mir der Pfarrer, ich sollte doch mal zu einer Frau Friese, eine Sechzigerin, die noch niemand nach 1945 wieder in der Gemeinde gesehen hätte und die vorher sehr rege am Gemeindeleben teilgenommen hätte. Ich traf auf eine sehr lebhafte, liebenswürdige Dame, die sich herzlich freute, dass jemand aus der Gemeinde nach ihr sah und versprach auch, zu kommen. Wir kamen in ein langes, gutes Gespräch. Sie seien eine Juristenfamilie. Ihr verstorbener Mann sei Rechtsanwalt gewesen, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn, die zwei Kinder hätten, seien ebenfalls Juristen. Das große Leid sei, dass ihr Schwiegersohn vor wenigen Wochen von den Russen abgeholt worden und dem Vernehmen nach nach Sibirien verschleppt worden sei. Er war wohl Nazi, ich fragte nicht. Es sei, diese Worte habe ich behalten, “eine so maßlos glückliche Ehe” gewesen. Sie, die Tochter, habe erfreulicher Weise Arbeit gefunden, eben als Juristin, die große Ansprüche an sie stelle, ihr aber auch helfe, ihr Schicksal zu tragen.
Sie kamen bald abends mal zur Bibelstunde, wir sahen uns an, die Tochter und ich, und schrien: “Käthe!” – “Gerda!” Sie war eine Mitschülerin von mir, sprang nach der 4. Klasse allerdings ab und besuchte die Studienanstalt, um das Abitur zu machen. Nach meinem Schulabgang von der 10. Klasse hatten wir uns dann nicht mehr gesehen. Nun – nach der Veranstaltung – plauderten wir noch eine Weile zusammen. Sie erzählte, dass sie Dozentin an der Frauenschule Alice Salomon, der staatlichen, sei und dort Rechtskunde in allen Varianten unterrichtete. Ich erzählte ihr von meiner Situation und schließlich platzte sie heraus: “Hast du nicht Lust, Fürsorgerin zu werden?” Ich muss wohl sehr blöd geguckt haben, jedenfalls fassungslos. Sie erklärte mir, dass Fürsorgerinnen dringend gebraucht würden, also Mangelware seien. Einzige Voraussetzung für die Aufnahme zur Ausbildung seien Mittlere Reife und eine abgeschlossene Berufsausbildung. Der Unterricht erfolgte abends, tagsüber wurde man gleich in die praktische Arbeit geschleust, sozusagen als Lehrling in einem Bezirksamt, Familienfürsorge.
Sie versprach mir, mich bei der Direktorin Frau Dr. Runkel anzumelden, und ich ging wie in einem Taumel nach Haus und besprach alles mit meiner Freundin. Das Gespräch bei Frau Dr. Runkel verlief sehr positiv. Es imponierte ihr, dass ich diesen Beruf wirklich mit heißem Herzen ersehnt hatte. Im November begann ein neuer Lehrgang – es war Spätsommer, als ich dort war. Ich kündigte in meiner Dienststelle, erledigte die wenigen Formalitäten und erfuhr, dass ich in die Fafü Steglitz kommen würde. Finanziell war ich gesichert, weil ich gleich Gehalt bekam, im ersten Halbjahr allerdings nach Gruppe 9 der Angestellten-Besoldung, aber das machte insofern nichts, da wir im Jahre 1947 ja noch in der ersten Nachkriegszeit waren und außer den kümmerlichen paar Lebensmitteln auf unsere Karten nichts zu kaufen bekamen. Das ging erst Mitte 1848 los, und da war ich dann immerhin in Gruppe 8. Die Ausbildungszeit war hochinteressantes Neuland für mich, aber hart, ganz hart. In der Frauenschule ging mir alles glatt ein: unsere Fächer waren Jugendwohlfahrt, Rechtskunde, also Familienrecht, Jugendrecht, Jugendstraffreiheit, Staatsrecht, Pädagogik, Psychologie und Sozialmedizin. Die Dozenten waren überwiegend ausgezeichnet klar und lebendig, wir schrieben dann und wann Klassenarbeiten und zu Haus hatten wir Gesetze zu pauken und Referate auszuarbeiten.
Nach 2 1/2 Jahren schloss unsere Frauenschulzeit mit einer Prüfung ab, die ich mit gut machte, und die Zeit als Hilfsfürsorgerin im Amt endete. Wir wurden “anerkannt” und als Fürsorgerinnen in der Gehaltsgruppe 7, später 6, eingestellt. Ich blieb ca. zehn Jahre in der Fafü Steglitz und ging dann in das Landesjugendamt in die Sparte Heimerziehung. Mein großer Wunsch nach Arbeit, die mich als Menschen, als Frau geistig und von der mütterlichen Seite her forderte und mich erfüllt, war tatsächlich noch erfüllt worden. Inzwischen waren die fünfziger und sechziger Jahre vorübergegangen und hatten für uns alle und jeden Einzelnen manche Wende gebracht. Ich war 1960 in eine eigene Wohnung, eine schöne 2-Zi.-Eigentums-Wohnung gezogen, die Freundschaft mit Schulz und ihrer Familie festigte sich immer mehr, Günter Dehm, der Mittelpunkt unseres Neuwerk-Kreises, hatte in der Zeit des Kirchenkampfes in der Nazizeit 1 1/4 Jahre im Gefängnis gesessen, die Familie verlor ihre Wohnung durch Bomben und einer seiner drei Söhne blieb in Russland verschollen. Er selbst wurde 1948 Universitäts-Professor für praktische Theologie in Bonn. Als er 1970 mit 88 Jahren, fast erblindet, seine Frau verlor, ging ich, leider nur für zwei Monate, nach Bonn und betreute ihn in seiner Wohnung bis zu seinem Tode. Unser Kreis war in der Kriegs- und Nachkriegszeit langsam zerbröselt. Wir in Berlin Verbliebenen hatten Kontakt bis Einer nach dem Anderen verstarb. Ich als die Jüngste bin die letzte Übriggebliebene.

Käthe T.




In dem Arbeitsamt

In den 1970er Jahren gab es ein Lied, das ging „In dem Arbeitsamt stehst Du auf dem Gang, und stehst nach Arbeit an. Und kommst Dir überflüssig vor.“
Zehn Jahre später war auch ich in dem Alter, dass ich im Arbeitsamt anstand. Ich weiß bis heute, wie ich da in diesem Bau in der Müllerstraße das erste Mal die Halle betrat. Links Stellwände, daneben ein Schalter. Ich zeigte meine Vorladung, die man dort Einladung nannte und ohne ein Wort zu sagen zeigte die Angestellte mit dem Finger nach oben.
Auf meine Frage, in welche Etage ich denn müsste, raunzte sie mich an: „Natürlich in die erste!“ Natürlich, wie könnte ich etwas anderes denken.

Oben dann standen meine Arbeitsloskollegen und füllten den Gang, der sich nach hinten zieht. Es dauert Stunden, bis ich endlich an der Reihe war. Dann das feiste Gesicht der Sachbearbeiterin, die mir deutlich zu verstehen gab, dass sie mich für Abschaum hielt. Mit Arbeitslosen hat sie ja täglich zu tun, da kann sie den ganzen Tag ihre Macht ausspielen. Aber in meiner Akte muss es irgendeinen Vermerk gegeben haben, das habe ich schon bei den vorigen Besuchen im Kreuzberger Arbeitsamt gemerkt. Vielleicht stand da „Arbeitsfaul“ oder „Asozial“ oder was auch immer aus dem Wortschatz der Nazizeit in die Bürokratie übernommen worden war.

Ich hatte keine Chance. Geld bekam ich nicht, weil ich angeblich nicht arbeiten wollte. Was nicht stimmte. Kurz zuvor war ich aus einer Druckerei geflogen, weil meinem Chef nicht passte, dass ich schwul bin. Als er damit begann mich zu mobben, wehrte ich mich. Und flog raus. Und genau in diese Firma wollte sie mich wieder vermitteln, dreimal hintereinander. Als ich das ablehnte fällte die Scharfrichterin das Urteil, dass mir das Abeitslosengeld gestrichen würde. Schließlich hätte ich drei angebotene Arbeitsstellen abgelehnt.

Ähnliche Erfahrungen habe ich an diesem Ort auch später noch mehrmals gemacht. Ich habe dieses Gebäude gehasst. Wenn in den Fernsehnachrichten ein Bericht über Arbeitsämter kam, wurde immer genau dieses Amt in der Müllerstraße gezeigt. Irgendwann begannen dann Leute, das Haus mit Farbe zu beschmieren und die Fenster einzuwerfen. Zwar weiß ich nicht, wer das war, aber Opfer gab es hier bestimmt viele. Ich hatte jedoch eine heimliche Sympathie für diejenigen, die das getan haben. Auch wenn es natürlich nichts veränderte.

Seit einigen Jahren muss ich nicht ins Arbeitsamt, das sich längst vornehm Jobcenter nennt. Ob es darin mittlerweile anders zugeht, weiß ich nicht. Ich hoffe es aber für diejenigen, die dort auf Hilfe angewiesen sind.

In dem Arbeitsamt

In dem Arbeitsamt stehst Du auf dem Gang.
Und stehst nach Arbeit an.
Und kommst dir überflüssig vor.
Kommst dir überflüssig vor.

Und dein Nebenmann, der ist auch zuviel.
Nun seid ihr schon zwei zuviel.
Zwei, die man nicht gebrauchen will.
Nicht gebrauchen will.

Und die 17-jährige Marion ist Näherin.
Und Renates Firma ging gerade in Konkurs.
Gabi wär gern Verkäuferin in einer kleinen Boutique.
Auch was ähnliches nähme sie sofort.

Und der vor dir kriegt keine Ausbildung
Und ist noch für Akkord zu jung.
Drei die man noch nicht nötig hat.
Noch nicht nötig hat.

Und dein Nebenmann könnt’ dein Vater sein.
Das Werk stellte die Fertigung ein.
Er war 30 Jahre im Betrieb.
30 Jahre im Betrieb.

Eine Schreibkraft wartet, dass man ihre Nummer ruft.
Ein Umschüler hat mal wieder den falschen Beruf.
Und auch eine Lehrerin füllt Formulare aus.
Und Mustafa denkt an Zuhaus.

Und als Arbeitnehmer musst du Arbeit nehmen.
Der Arbeitgeber baucht dir keine geben.
Der hat einen schönen Beruf.
Einen schönen Beruf.

Und der Arbeitsgeber wird nie arbeitslos.
Der wird höchstens die Arbeiter los.
Und lässt sie für sich stempeln gehn.
Lässt sie stempeln gehn.

In dem Arbeitsamt stehst Du auf dem Gang.
Und stehst nach Arbeit an.
Und kommst dir überflüssig vor.
Kommst dir überflüssig vor.

(Liedtext von Floh de Cologne)




Als Callboy bei Otto

Beim Aufräumen alter Unterlagen habe ich vor einiger Zeit einen Vertrag gefunden, den ich längst vergessen hatte. Geschlossen habe ich ihn vor 35 Jahren mit meinem schwulen Kollegen Johnny. Der hatte behauptet, genau zu wissen, dass ich irgendwann eine Frau heiraten würde, was ich aber energisch abstritt. Der Vertrag legt fest, dass wir uns 50 Jahre später wieder treffen würden. Wäre ich dann verheiratet, müsste ich ihm pro vergangenem Jahr 50 DM Strafe zahlen, insgesamt also umgerechnet rund 1.250 EUR. Andernfalls muss er es an mich zahlen. Derzeit sieht es so aus, dass ich mich im Jahr 2030 über einen finanziellen Zuschuss zu meiner dann vermutlich winzigen Rente freuen kann.

Der Kollege arbeitete 1980 genau wie ich beim Otto-Versand. Nicht in Hamburg, sondern in einem kleinen Großraumbüro, das in einer Passage zwischen der Joachimthaler und der Meinekestraße in Charlottenburg lag. Das Haus existiert noch, die Passage nicht. Dort befand sich ein Callcenter mit etwa 10 bis 12 Schreibtischen, auf denen “Computer” standen. Es waren Kisten mit Bildschirmen, die etwa die Größe zweier Postkarten hatten. Grüne Schrift lief auf schwarzem Hintergrund, eine grafische Oberfläche gab es nicht, nur Text. Fest an den Geräten angebracht war außerdem eine Tastatur.
Doch es waren keine eigenständigen Computer, sondern die Teile hatten eine Verbindung zum Zentralrechner in Hamburg. Die lief über die Telefonleitung und wenn der Rechner mal Husten hatte (mindestens einmal am Tag), dann war die Verbindung unterbrochen und wir konnten nichts machen. Ich war fasziniert von dieser Technik und wünschte mir, auch später die Möglichkeit zu haben, mit Computern zu arbeiten. So kam es dann auch.

Normalerweise nahm ich mit einem Headset auf dem Kopf einen Anruf entgegen. Die Kundin (es waren fast immer Frauen) gab entweder ihre Bestellung auf oder beschwerte sich:
“Wo ist mein Kleid?”
“Wie bitte?”
“Ich möchte wissen, wo mein Kleid ist.”
Natürlich durfte man nun nicht das antworten, was angebracht gewesen wäre, wie “Vielleicht haben Sie es ja an” oder “Sicher ist Ihr Mann damit gerade auf einer Transvestitenparty”. Stattdessen musste man freundlich sein und so tun, als wolle man das Problem gemeinsam mit ihr lösen.
Die Suche nach vermissten Bestellungen gehörte also genauso dazu, wie die psychologische Betreuung. Ob denn eine bestimmte Bluse besser zur Kundin passen würde, als eine andere. Dabei wusste ich weder, wie die Kundin aussah, noch das Kleid. Täglich gab es auch Geschichten von der Familie, von Freundinnen usw. Lauter Dinge, die mich kein bisschen interessierten.

Der Raum hatte auch einen öffentlichen Bereich, manche Kunden brachten bestellte Waren dort hin, um sie umzutauschen. Wenn eine Hose zu knapp war, wollten sie sie eine Nummer größer. Manch einer hat nicht verstanden, dass es sich um das Büro eines Versandhauses handelte, nicht um ein Kaufhaus. Und dass es dort keine Hose in anderer Größe gab. Ich lernte damals, gleichzeitig freundlich zu sein und meine wahren Gedanken nicht auszusprechen.
Geöffnet war von morgens um 8 bis 22 Uhr. Die Spätschicht war mir am Liebsten – schon damals spielten sich wesentliche Teile meines Lebens nachts ab. Zwischen 20 und 20.15 Uhr rief selten jemand an, da saßen alle vor der Glotze und schauten die Tagesschau. Liefen beliebte Filme im Fernsehen, war schon vorher klar, dass es eine ruhige Schicht werden wird.

Abends war außerdem der Chef nicht da. Tagsüber hatte ich ihn dafür umso öfter als Hals. Besser: Am Kopf. Immer wieder stellte er sich während der Arbeit hinter mich und streichelte mir über die Haare. Zwar kontrollierte er alle Angestellte auf diese Art, bei den anderen jedoch ohne das Anfassen. Ich fand das nicht angenehm, aber auch nicht weiter schlimm, zumal ich ihn eigentlich mochte. Mir war klar, dass er zu verklemmt war, um mehr als das zu fordern. Dafür wusste ich es aber auszunutzen, dass er mich so mochte. Wenn ich keine Lust auf eine Schicht hatte oder unbedingt den neusten Rechner benutzen wollte – kein Problem. Ich war wohl der einzige Angestellte, dem er auch mal Frühstück mitbrachte oder kleine Geschenke machte. Die anderen Angestellten bekamen das alles natürlich mit und machten sich darüber lustig, ganz besonders Johnny, der offen schwul lebte. Sie merkten aber auch, dass ich das ausnutzte, jedoch nicht gegen sie gerichtet. Deshalb hatte ich zu fast allen ein prima Verhältnis.

Irgendwann wollte ich eine Lohnerhöhung. Ich setzte mich in das Büro des Chefs und wir besprachen das. Er rückte immer näher, legte eine Hand auf meinen Oberschenkel und streichelte ihn langsam. Ich konnte fühlen, wie erregt und aufgeregt er war, hatte für mich aber auch klar, nicht mehr als das zuzulassen. Meine Verhandlungsposition war eindeutig die bessere und so bekam ich meine Lohnerhöhung wie gewünscht.

Als ich eines Tages keine Lust mehr auf den Job hatte, kündigte ich. Mein Chef war traurig, auch meine Kollegen. Aber er war auch sauer, weil ich ihn “im Stich” ließ. Dieses Argument habe ich bis heute nicht verstanden. Anders als manche anderen Kollegen konnte ich zwar souverän mit dem Rechner umgehen, aber abhängig war der Otto-Versand von mir sicher nicht.
Einige Monate später brauchte ich wieder eine Arbeit, marschierte dort rein und bekam meine Anstellung sofort wieder. Diesmal hatte ich allerdings keine Lust mehr auf die Annäherungen, daher war es nur noch ein Spiel weniger Wochen, bis ich erneut arbeitslos war.

In 15 Jahren jedenfalls werde ich mich auf die Suche nach meinem damaligen Kollegen Johnny machen, um meinen Wettgewinn einzufordern.




“Ich war einer von den Bösen”

Zu den Jahrestagen werden immer viele Geschichten aus der Zeit der sogenannten Wende in der DDR erzählt, vom Mauerfall, mal aus östlicher, mal aus westlicher Sicht. Die Ereignisse vom 9. November 1989 sind bekannt. Oft schon vergessen ist aber ist der 7. Oktober, Republikgeburtstag, an dem die Parole “Keine Gewalt” kein Gehör fand. In Berlin feierte sich die Führung von Staat und Partei, während nur wenige hundert Meter weiter Bürger demonstrierten. Sie wussten von den Prügelorgien der Volkspolizei in Leipzig fünf Tage zuvor. Trotzdem gingen sie auf die Straße. Viele von ihnen wurden von Polizisten misshandelt, es gab zahlreiche Verletzte. Einer der beteiligten Volkspolizisten erzählt, mehr als 25 Jahre danach:

Mein Name ist Manfred K., 1989 war ich bei der DVP ((Deutsche Volkspolizei)), Kasernierte Polizei in Blankenburg. Damals habe ich in Pankow gewohnt, Florastraße, fast an der Grenze. In den Tagen vor dem 40. Republikgeburtstag wurden wir täglich darauf vorbereitet, dass es im Umfeld zu Störungen kommen wird. Nicht nur als Möglichkeit, sondern als gesicherte Tatsache. Staatsfeinde und Provokateure aus dem Westen wollten die Feiern torpedieren und bereiteten Straßenschlachten vor. Uns wurde gesagt, dass ein Einsatz von Schusswaffen durch die Provokateure geplant sei.
Die Aufrührer hätten Kontakt zu Neonazis und Autonomen in West-Berlin und von denen Techniken des Straßenkampfes gelernt. Sie würden sich als harmlose Bürger darstellen, in Wirklichkeit aber die Konfrontation suchen. Dazu wurden uns Filmaufnahmen vom Dresdner Hauptbahnhof gezeigt, auf denen Bürger die VP angriffen.
Man kann schon sagen, dass wir regelrecht aufgeheizt wurden.

Nach dem Aufsitzen, auf dem Weg nach Mitte, ging es weiter. Ein Kamerad fragte, wieso wir denn nicht alle Waffen bekommen würden, wenn die Lage so gefährlich sei. Tatsächlich waren einige von uns unbewaffnet. Eine Antwort gab es aber nicht. Ich vermutete, dass diejenigen keine Waffen bekommen hatten, die im Verdacht standen, unzuverlässig zu sein. Das Misstrauen gab es sogar schon innerhalb der Volkspolizei.
Wir waren dann den ganzen Tag in der Innenstadt. Erst Karl-Marx-Allee, dann am Platz der Akademie ((Heute Gendarmenmarkt)). Es gab immer mal kurze Aufregung wegen einzelner Protestierer, aber das regelten die Männer vom MfS, wir unterstützen bloß. Richtig los ging es erst am Abend. Während der Feier im Republikpalast standen wir vor dem Palasthotel. Hunderte Demonstranten zogen an uns vorbei, in beide Richtungen. Plötzlich mussten wir aufsitzen und wurden zum Rosa-Luxemburg-Platz gefahren. Dort waren die Straßen voller Menschen und die Stimmung war schon aggressiv.

Irgendwann hörten wir, dass es im Prenzlauer Berg Krawalle von Autonomen gäbe. Wir wurden zum Senefelderplatz verlegt und kurz darauf ging es los. Ganze Gruppen zogen an uns vorbei, skandierten Parolen und bedrohten uns. So empfanden wir das damals jedenfalls. Helme und Schilder wurden ausgegeben, kurz darauf trafen die Räumwagen ein. Sie hatten große Gitter montiert, so dass man mit ihnen leicht eine Straße räumen konnte, wenn mehrere nebeneinander fuhren. Eigentlich waren sie zum Absperren gedacht, aber in dieser Nacht funktionierten wir sie eben um.

Da wir schon so lange im  Einsatz waren, hatten die meisten jetzt die Schnauze voll. Wir waren müde, hatten kaum was gegessen, konnten nicht aufs Klo. Die Stimmung war absolut mies. Als es dann ernst wurde, waren wir froh darüber. Endlich konnten wir unseren Frust rauslassen und Ziele fanden sich genug. Mit Knüppeln gingen wir auf jeden los, den wir erwischten. Egal, ob er zu den Demonstranten gehörte oder nicht. Langhaarige, Intellektuelle, Hippie, Parkaträger, Punker, egal. Wer jetzt auf der Straße war, gehörte dazu. Manche von uns schlugen sich durch die Menge, andere konzentrierten sich auf eine einzelne Person, jagten und verprügelten sie. Jeder der sich irgendwie wehrte, wurde auf den Wagen verbracht.

Allerdings sah ich auch viele ältere Leute, die wirklich nicht den Eindruck machten, dass sie Aufrührer wären. Aber wir waren wie blind und sahen das als besonders perfide Taktik der Demonstranten an. Als wenn sie ihre eigenen Eltern vorschicken würden. In der Schönhauser Allee wurden wir massiv aus den Fenstern beschimpft und bedroht. Es war wirklich kein schöner Einsatz.
Nach ungefähr zwei Stunden fuhren wir los. Wir saßen an den Seiten auf den Bänken, die Zugeführten mussten in der Mitte auf dem Boden sitzen. Während der Fahrt in den Blankenburger Pflasterweg bekamen sie nochmal viele blaue Flecke durch unsere Stiefel ab. In der Kaserne mussten sie von der Ladefläche steigen. Wer es nicht schnell genug schaffte, dem wurde “geholfen”.

Unser Einsatz war damit beendet. An diesem Abend sind mehr als 1.700 Protestierer zugeführt worden. Erst ein paar Tage danach erfuhr ich, dass es sehr viele Verletzte unter den Demonstranten gegeben hatte. Es waren wohl mehrere hundert. Verletzungen bei den Kollegen beschränkten sich auf Verstauchungen und Prellungen. Das wenigste davon war aber direkt von Demonstranten verursacht.

Im Nachhinein fingen wir auch unter uns an zu diskutieren. Wir hatten sie ja gesehen, die sogenannten Randalierer und Staatsfeinde. Das waren doch keine prügelnden Skinheads oder Autonome. Es war mir dann lange sehr unangenehm, zuzugeben, dass ich am 7. Oktober dabei war. Weil ich wohl auf der falschen Seite stand, ich war einer von den Bösen.




Vom Tellerwäscher zum Revolutionär

Bis zum Kriegsende stand an der Ecke zwischen Knesebeck- und Grolmanstraße ein repräsentatives Wohnhaus, wie es rund um den Platz einige gab. Mit Türmchen auf dem Dach und sehr viel Stuck an der Fassade. Ungefähr in den 1960er Jahren wurde an dieser Stelle ein neues Gebäude errichtet, nur ein Zweckbau, wie viele andere auch in der Nachbarschaft. Nicht schön, aber durch die schräg zurückgesetzte Fassade an der östlichen Seite entstand dort ein kleiner Platz – der jedoch nur als Parkplatz genutzt wird. In Mauerzeiten hatte dort die Deutsche Presseagentur ihren West-Berliner Sitz.

Direkt daneben, schon in der Knesebeckstraße, wurde eine Shell-Tankstelle gebaut. In einer Lücke, wie sie der Krieg viele gerissen hat. Einige Jahre später zog die Tankstelle wieder aus und der Flachbau wurde umgebaut zu einem Restaurant. Damals begann das, was als besonders exotisch und “verrückt” gelten sollte: Bars und Restaurants in Tankstellen, Hinterhäusern oder Toilettenhäuschen einzurichten. So auch hier.

Ab Mitte der 1980er Jahre wurde in den Räumen gehobene Gastronomie angeboten. In Anlehnung an die einstige Tankstelle hieß das Restaurant Schell. Nicht ganz freiwillig, wie Anwohner berichten, der Ölkonzern hatte gegen die originale Schreibweise Einspruch eingelegt. Und so hielten viele den geänderten Namen des Restaurants irrtümlich für eine Hommage an Maximilian oder Maria Schell. Die Inhaber kokettierten sicher auch mit dieser Idee, so dass sich das Schell bald zu einem Prominentenlokal entwickelte.

Ich war so Mitte Zwanzig, als ich mich beim Schell bewarb. Es war Zufall, denn vorher hatte ich im Schwarzen Café erfahren, dass im Schell jemand als Küchenhilfe gesucht wird. Diesen Job hatte leider schon jemand anderes bekommen, aber man bot mir an, mich als Tellerwäscher anzustellen.

Es wunderte mich, dass sie in solch einem feinen Restaurant Teller per Hand waschen würden, aber das stimmte nur zum Teil, Spülmaschinen gab es durchaus. Meine Arbeit bestand darin, mit heißem Wasser eine Vorreinigung vorzunehmen. Die groben Reste mussten von den Teller gekratzt, Töpfe und Pfannen sauber geschrubbt und die Maschinen ein- und ausgeräumt werden.
Die Arbeit war nicht schwer, aber für eine Person zu viel. Ein pakistanischer Kollege, der nur wenige Worte Deutsch sprach, war ebenfalls für diese Arbeit angestellt. Leider spulte er sich als Chef auf, obwohl er nur einige Wochen länger dort arbeitete als ich. Er delegierte nur, ohne selber etwas zu machen. Und zwar an mich. Als wenn der eigentliche Chef nicht gereicht hätte. Der rannte ständig in der Küche herum, aber anstatt sich auf das Essen machen zu konzentrieren, kontrollierte er ständig die Angestellten und meckerte herum. Das ist keine Übertreibung, er war wirklich die ganze Zeit am Rumlaufen, schauen, prüfen, meckern.

Der Job machte keinen Spaß. Und die Verhältnisse im Restaurant und der Küche auch nicht. Die Kellner und der Barmann waren arrogant, jeder meinte, mir Anweisungen geben zu können. Wenn ein Gast etwas auf dem Boden verschüttet hatte, musste ich genauso hin und sauber machen, wie wenn eine Toilette versaut war. Das Trinkgeld der Kunden wurde natürlich nicht geteilt, man ließ mich spüren, dass ich in den Augen der “besseren” Angestellten nichts wert war. Wieso der pakistanische Kollege bei diesem Mobbing mitmachte, weiß ich nicht. Vielleicht fühlte er sich dann weniger auf der Verliererseite.

Als ich am ersten Tag Feierabend machen wollte pfiff mich der Chef zurück. Die Nachtschicht wäre nicht da, deshalb müsste ich solange noch weiter arbeiten. Die Nachtschicht kam auch nicht mehr, auch nicht an den folgenden Tagen, so dass ich  anstatt der vereinbarten acht täglich 12 bis 13 Stunden waschen, Töpfe auskratzen, putzen und Maschinen entleeren musste. Es war frustrierend. Nach einer Woche rief mich der Chef zu sich. Er legte meine Arbeitsnachweise auf den Tisch und warf mir Betrug vor. Laut Vertrag würde ich täglich acht Stunden arbeiten, wieso ich so viele mehr eingetragen hätte?

Meine Erklärung mit der täglichen Mehrarbeit ließ er nicht gelten, die “paar Stunden” seinen Kulanz gegenüber der Firma. Überstunden wären etwas anderes. Ich war natürlich wütend und ohne nachzudenken sagte ich nur noch “Leck mich doch” und verließ das Büro. Am nächsten Tag holte ich meine Papiere ab und war um eine Erkenntnis reicher: Feine Läden bedeuten nicht gleich korrekten Umgang mit dem Personal. Ich ließ einige Wochen vergehen und schlich mich dann nachts an. Mit großen Buchstaben sprühte ich “Ausbeuter” und das Anarchistenzeichen an die Fassade und fühlte mich sehr revolutionär. Doch schon am nächsten Nachmittag war das wieder sauber übermalt.
Das Schell gab es noch 15 Jahre lang, Inhaber und Namen wechselten mehrfach. Heute befindet sich dort das Restaurant Pratirio mit griechischer Küche.




Als Junge im Gaykino

Ich war 14 oder 15 Jahre alt, als ich merkte, dass mich Jungs mehr interessieren als Mädchen. So um das Jahr 1977 herum, war es für einen jungen Schwulen nicht leicht, Kontakte zu finden. Also stromerte ich herum. Ich hatte gehört, dass es rund um den Stuttgarter Platz Sexkinos gibt, in die man einfach rein gehen könnte. Dort wurden natürlich Pornos mit Frauen gezeigt, aber ich spekulierte darauf, dass darin auch nackte Männer zu sehen sein würden. In der Kantstraße kam ich an einem blickdichten Laden vorbei, der anscheinend für schwule Männer war. Man konnte von außen rein schauen, gleich hinter dem Eingang waren Kabinentüren zu sehen. In diesem Moment ging eine auf, ein Mann kam heraus und direkt auf mich zu. Ich trat zur Seite, er grinste mich an und ging weiter. Seine Kabinentür blieb offen stehen.

Jetzt hätte ich einfach rein gehen könnten, aber dafür reichte mein Mut noch nicht. Zumal es mir peinlich war, dass Passanten genau sehen konnten, dass ich durch den Fadenvorhang in den Laden schaute. Auf keinen Fall sollten sie mich auch noch beim Betreten des Laden sehen. Also ging ich ein paar Meter Richtung Krumme Straße, drehte dann wieder um. Ich war aufgeregt, ängstlich, gleichzeitig aber fasziniert. Was würde mich da drin erwarten? Meine Fantasie ging mit mir durch. Gäbe es hinter den Türen Gruppen von nackten Männern, die es miteinander treiben? Dürfte ich einfach nur zuschauen oder müsste ich mitmachen? Dafür fühlte ich mich nicht bereit. Oder sitzen dort etwa finstere Typen, die nur auf einen Frischling wie mich warteten und mich dann vergewaltigen? Aber vielleicht ist da auch mein Traumprinz drin, der wunderschön aussieht, mich zärtlich umarmt, mich küsst und langsam auszieht? Ich würde es nie erfahren, wenn ich es nicht versuche.

Von außen konnte ich sehen, dass in der Kabine noch ein Fernseher lief, offenbar hatte der Mann zu viel Geld eingeworfen und war fertig, bevor der Film vorbei war. Mein Herz klopfte wie verrückt, aber die Neugier siegte. Nun war ich schon bis zu diesem Punkt gekommen, jetzt wollte ich es auch wissen.
Vorsichtig betrat ich den Laden. Eine Kontrolle gab es nicht, dabei war ich noch längst nicht volljährig. Um mich herum war es halbdunkel, aus mehreren Kabinen hörte ich Geräusche, Stöhnen vor allem, aus den Filmen, die dort liefen. Weiter hinten sah ich sowas wie einen Kinoraum, aber so weit rein traute ich mich nicht.

Schnell ging ich in die offene Kabine und schloss die Tür hinter mir. Da lief auf dem Schwarz-weiß-Monitor der erste schwule Porno, den ich je sah. Ansonsten war es recht dunkel und es roch merkwürdig. Anstatt mich erstmal in der Kabine umzuschauen, sah ich nur auf den Bildschirm und wurde sofort erregt. So bemerkte ich nicht, wie durch ein Loch aus der Nebenkabine eine Hand kam, die mich an der Hose berührte und versuchte, meinen Reißverschluss zu öffnen. Ich bekam den Schreck meines Lebens, ging sofort einen Schritt nach hinten und starrte auf das Loch. Die Hand verschwand, stattdessen erschien nun das Gesicht eines älteren Mannes. Er legte dann zwei Finger in das Loch, mir war damals nicht klar, was diese Geste zu bedeuten hatte. Der Schreck aber hatte meine Erregung auf Null runter gedreht. Ich schloss die Tür auf und machte, dass ich raus kam.

Erst unterwegs merkte ich, dass ich die Erfahrung, von einem anderen so berührt zu werden, gar nicht so schlecht fand. Ich nahm mir vor, demnächst wieder dort hinzugehen und dann den nächsten Schritt zu machen. So kam es auch. Allerdings fand ich kurz danach meinen ersten Freund und der Laden in der Kantstraße war für mich Geschichte. Irgendwann war er dann geschlossen, heute ist darin ein ganz normales Geschäft.

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Nachtwache

Wer was Illegales tut muss aufpassen, dass er nicht erwischt wird. Oder dass ihm keiner in die Quere kommt. So ist das auch bei Hausbesetzungen. Mittlerweile sind die ja leider aus der Mode gekommen, aber es gab Zeiten, in denen sie echt angesagt waren. Der folgende Bericht basiert auf einen Brief, den ich im Sommer 1990 an einen Freund geschrieben habe:

Die elf besetzten Häuser in der Mainzer Straße in Friedrichshain haben eine gemeinsame Wache. Jede Nacht war einer aus einem anderen Haus dran, immer abwechselnd. Ich habe um Mitternacht angefangen. Das Zimmer im ersten Stock war ziemlich versyfft und der Balkon voll mit leeren Bierflaschen. Wie sollte ich da die Nacht verbringen? Vielleicht sollen die Flaschen als Wurfgeschosse dienen, aber wahrscheinlich sind es nur die Überbleibsel von der letzten Nacht.
Es war ziemlich warm. Als ich mit der Nachtwache anfing saßen draußen noch mindestens 20 Leute. Außerdem war im Tuntenhaus noch ne Party, da kamen ständig welche raus. Vor einer Woche gab es an drei Nächten hintereinander Stress mit Faschos. Die bretterten durch die Straße und schossen auf alle, die draußen zu sehen waren. Zwar nur mit Pyros, aber einmal warfen sie vorher zwei Mollies, die sie mit den Pyros zündeten. Es ist aber niemandem etwas passiert.

In der dritten Nacht fuhren sie sich an den Krähenfüßen die Reifen platt und bekamen direkt ein paar Steine in die Windschutzscheiben. Sie konnten leider trotzdem flüchten, vermutlich in die Weitling [Anmerkung: Das Eckhaus Weitling-/Lückstraße in Lichtenberg war damals militanten Neonazis vom Bezirk zur Verfügung gestellt worden. Von dort gingen zahlreiche Angriffe gegen Linke und Ausländer aus].

In den letzten Nächten war es wohl ruhig, aber das bedeutet nichts. Es kann jederzeit was passieren, auch Hools und manche Bürger machen Stress. Vor allem, wenn sie besoffen nach Hause laufen und ihrer guten alten Zeit nachtrauern. Meistens krakeelen sie nur herum, beleidigen uns als Nazis, Chaoten oder Wessies, als wenn wir was dafür könnten, dass sie ihre Jobs verlieren.

Mit ein paar anderen Häusern gibts auch eine Funkverbindung über CB-Funk. Wenn es dort Ärger gibt, können von uns schnell welche hin fahren. Aber die Nazis kennen das, deswegen muss man es vorsichtig nutzen und niemals Klartext reden. Alle möglichen Straßen und Orte sind verschlüsselt, anders gehts nicht.

Um 1.30 Uhr kam dann eine Fahrwache. Sowas gibts heute kaum noch, aber in der West-Berliner Häuserzeit war das sehr gut organisiert. Die Fahrwachen fahren bestimmte besetzte Häuser an und schauen, ob alles in Ordnung ist. Es gibt Fahrwachen mit Fahrrädern und mit wenn die Strecken länger sind mit Autos. Gestern war das so ein Stresser aus der Rigaer, der immer überall Gefahr sieht. Er meldet jeden Polizeiwagen, den er irgendwo sieht. Und jeder Typ mit kurzen Haaren ist gleich ein potenziell gefährlicher Fascho. Er meinte, dass sich an der Ecke Frankfurter ein paar Leute zusammenrotten, die verdächtig aussehen. Ich bin dann mit nem Fernglas auf den Balkon und konnte von da aus schon erkennen, dass das Leute aus dem Tuntenhaus waren. Zum Glück ist er dann schnell wieder abgezogen.

Danach begann die tote Zeit, da muss man aufpassen, dass man nicht einpennt. Es wäre schon schlecht, wenn man einen richtigen Angriff auf ein Haus nicht bemerkt oder wenn jemand von uns auf der Straße überfallen wird.
Kurz nach 3 kam eine andere Fahrwache mit einem Auto aus dem Prenzlauer Berg. Die Häuser in der Schönhauser, Lottum und Kastanienallee haben das dort ganz gut organisiert. Die sind zuverlässig und machen keine Panik, wenn mal was ist. Sie haben aber auch schon einige Erfahrung. In den letzten Jahren der DDR waren sie als unabhängige Antifa organisiert und hatten nicht nur die rechten Skinheads gegen sich, sondern auch die Stasi. Da wird man abgeklärt.

Die Fahrwache hat erzählt, dass in einem Jugendclub in Kaulsdorf Nazis die Besucher von nem Konzert angegriffen haben und die Polizei sich geweigert hat, hinzukommen. Aber die Punks vom Konzert haben sich wohl ganz gut gewehrt und einer der Faschos ist auf der Flucht vor ein fahrendes Auto gelaufen. Von den meisten Angreifern haben sie sogar die Namen und Adressen gekriegt. Nicht schlecht, da freut sich die Antifa.

Kurz nachdem die Fahrwache weg war, fuhren ein paar verdächtige Autos durch die Mainzer. Erst drei zivile im Schritttempo. Eine Minute später ein Toniwagen [PKW der Volkspolizei] und eine Westwanne [Mannschaftswagen]. Wenn die so durch die Gegend schleichen, haben sie meist etwas vor. Über unsere interne Leitung habe ich in der Kreutziger bescheid gegeben, weil es dort öfter Provokationen von der Polizei gibt. Da hatte gerade Manni die Wache, einer, der schon einige Jahre DDR-Knast hinter sich hat und keiner Konfrontation aus dem Weg geht. Er ist immer cool, wirklich immer. Wenn man ihm sowas erzählt, fühlt man sich gleich wie ein Schisser.

Die Zivis fuhren dann noch zweimal durch die Mainzer Straße. Manchmal machen sie das nur, um wahllos irgend jemanden anzumachen und wenn der dann reagiert, gehen sie auf ihn los. Egal was man dann sagt, sie legen das als Provokation oder Beleidigung aus, kontrollieren einem die Taschen und wenn man Pech hat, verbringt man die Nacht in der Wedekindstraße [Polizeiwache]. Oder man kriegt eins aufs Maul. Einfach so, ohne Grund.

Das Blöde bei der Nachtwache ist, dass man wenig machen kann. Lesen macht müde, die Schlager im Radio nerven nur und die eigenen Cassetten kennt man schon auswendig. Deshalb sollte man immer versuchen, dass man sie zu zweit macht. So hat man jemanden zum Quatschen, wenn es der Richtige ist. Und man hält sich gegenseitig vom Einschlafen ab. Außerdem kann man besser reagieren, wenn was passiert. Aber gestern war ich allein.

Um halb 6 war es dann doch noch soweit. Erst hab ich draußen leise Geräusche gehört. Ich bin nicht auf den Balkon gegangen, sondern ans Fenster. Gegenüber stand jemand mit einem Katschi [Katapult] und hat auf mich gezielt, aber die abgeschossene Mutter schlug ins Fenster neben mir ein. Ich hab sofort die Tröte bedient, was in der leisen Nacht richtig laut ist. Draußen hörte ich Rufe und dass Leute wegrannten. Vorsichtig ging ich auf den Balkon und sah, wie drei oder vier Personen mit Bomberjacken in einen Lada stiegen und schnell wegfuhren. Da kamen auch schon zwei Leute ins Zimmer gerannt, die durch das Tröten geweckt wurden. Beide noch in Unterhosen – wenn Alarm ist, muss es eben schnell gehen.
Wir sind zusammen nach unten und tatsächlich waren dort gerade direkt am Haus Naziplakate geklebt worden. Die hingen dann keine Minute mehr. An den Fenstern tauchten noch ein paar Köpfe auf, aber wir konnten die Leute beruhigen und auch ich ging wieder hoch und blieb auf dem Balkon.

Um 8 Uhr kam ein Freund aus der Lottumstraße und brachte Frühstück mit. Das war ein schöner Abschluss der Nachtwache.




Meine Lehre bei Karstadt

In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre habe ich eine Lehre zum Verkäufer bei Karstadt am Hermannplatz gemacht. Der Vorteil gegenüber anderen Ausbildungen war, dass sie nur zwei Jahre dauerte und man die Prüfung sogar ein halbes Jahr früher machen konnte, wenn man sich nicht völlig dumm anstellte.
Haushaltswaren, Werkzeug, Eisen- und Plastikwaren gab’s in meiner Abteilung. Nach drei Monaten hatte man eigentlich alles drauf, nur die Theorie in der Berufsschule konnte einem noch was Neues beibringen.
Kunden beglücken, Warenpflege, ein bisschen Organisation, Kasse bedienen – das war alles leicht. Bei den “Haushaltswochen” wurde ich zum Marktschreier, stand auf dem großen Tisch inmitten von Töpfen und Pfannen verschiedener Größen. “Jedes Teil 5 Mark! Zwei Stück nur das Doppelte!!” Ich rief so laut, dass sich die anderen Abteilungsleiter über mich beschwerten. Meinem Chef aber gefiel es, vor allem, als er meine Umsätze sah. Irgendwann musste der Stand dann vor das Haus ziehen, mein lautes Konzept passte der Geschäftsleitung nicht. Mir war’s recht, ich hatte ein größeres Publikum.
Ausgewählte Lehrlinge bekamen die Möglichkeit, eine spezielle Zusatzausbildung zum Hausdetektiv zu machen. Karstadt am Hermannplatz war eines von zwei Häusern des gesamten Konzerns, in dem neue Methoden gegen Diebstahl getestet wurden. Und ich lernte sie alle kennen. Wie die Kameras, die in einem Meter Höhe unter den Regalbrettern versteckt waren und die beobachten konnten, wenn sich jemand Ware in den Hosenbund steckte. Oder wie sich zwei, drei Detektive verständigen, wenn sie jemandem auf dem Kieker haben. Auch die transportablen Säulen mit den duchsichtigen Spiegelen wurden dort als Erstes ausprobiert. Die sind in vielen Kaufhäusern bis heute im Einsatz. Zu der Zeit wurden auch neue Detektivtypen ausprobiert: Scheinbare “Penner” oder Rocker, die für potenzielle Diebe ungefährlich wirkten, dann aber sehr brutal gegen sie vorgingen. Nachdem es mehrere Schwerverletzte gab, schwenkte die Geschäftsleitung wieder auf normale Detektive um.
Ein spezielles Gebiet waren die Durchsagen über Hauslautsprecher: “18 an 374” war eine normale Ansage, dass jemand von der Abteilung 18 das Telefon 374 anrufen soll, das kennt man. Es gab aber auch z.B. die “118 an 1324”: 118 hieß “potenzieller Dieb in Abteilung 18”. Die 1 = männlich, 3 = 30 Jahre oder älter, 24 = oben schwarze, unten blaue Kleidung. So war der spezielle Kunde leicht für jeden identifizierbar, der die Durchsagen zu deuten wusste.
Diebstähle gab es aber nicht nur von Kunden, sogar mein stellvertretender Abteilungsleiter wurde wegen eines Warenlagers von 6.000 DM festgenommen. Denn dummerweise befand es sich nicht im Kaufhaus, sondern in seiner Wohnung.
Mich dagegen haben sie nie erwischt. Den größten Coup landete ich mit einem Freund: Aus dem Lager der Schallplatten-Abteilung brachte ich in einem fahrbaren Müllcontainer etliche Kartons mit angesagten Langspielplatten auf den Hof. Dort gab es einen riesigen Berg Altpapier, auf dem die Kartons landeten – scheinbar leer. Mein Freund fuhr dann mit dem Auto auf den Hof, um sich die “leeren” Kartons zu holen. Gemeinsam verkauften wir in den folgenden Wochen die aktuellen Schallplatten für rund 2.000 Mark in den Jugendclubs von Neukölln bis Wedding.
Die Ausbildung bei Karstadt war durchaus gut für’s Leben. Zumal ich auch viel über andere Menschen lernte. Das Verhältnis der Angestellten zum Chef war echt interessant: Wie sie über ihn lästerten, aber in seiner Gegenwart rumschleimten.Wie solidarisch oder unkollegial die Leute waren, wenn es mal Ärger gibt.
Ich lernte auch einiges über Strukturen in einem großen Betrieb, über konservative und unflexible Geschäftsführungen. Und über die Arroganz von Chefs gegenüber ihren Angestellten, wenn es z.B. um Verbesserungsvorschläge ging.
Die letzten Monate verbrachte ich in der neu eröffneten Karstadt-Filiale am Leopoldplatz. Der Beton war noch nicht richtig ausgehärtet, als der Laden schon öffnete. Das Chaos war klasse, das dort wochenlang herrschte. Ich sollte Waren auspreisen, die noch gar nicht da war. Dann war irgendwann das Lager von einer anderen Abteilung besetzt, so dass wir einfach ein anderes ausräumten, um es für uns zu nutzen. Unter solchen Bedingungen ging natürlich auch viel Ware verloren. Niemand hatte eine Übersicht über die Arbeitszeiten und so habe ich viele Stunden mit Kollegen auf dem Parkdeck in der Sonne verbracht. :-)




Horchen und kucken

Als junger Westler war ich natürlich irgendwann auch mal neugierig, wie das Leben auf der anderen Seite der Mauer so aussah. Über die Musik bekam ich Kontakt nach Ost-Berlin, zu anderen Jugendlichen und zu Künstlern. In den 80er Jahren durfte ich dann auch ohne Zwangsumtausch ganz offiziell auf “Geschäftsreise” in die DDR, besuchte Musiker und Konzerte von Rostock bis Karl-Marx-Stadt [heute Chemnitz].
Politisch war ich in Bezug auf die DDR sehr naiv. Ich fand in Ost-Berlin Freunde, mit denen ich durch die Gegend zog, Parties feierte und nachts am Strand des Müggelsees Sex hatte. Zwar war ich “bei mir im Westen” politisch aktiv, mit Hausbesetzungen und in der autonomen Szene. Aber in Bezug auf die DDR war ich erschreckend naiv. Ich konnte es gar nicht verstehen, dass die Grenzler meine Musikcassetten mit Liedern von Wolf Biermann nicht so toll fanden, dabei war er doch auch aus der DDR…
Für meine Freunde brachte ich vor allem Schallplatten von Udo Lindenberg mit. Nachdem sie mir aber an der Grenze auch die abgenommen haben, wurde ich konspirativer. Ich besorgte mir Klassik-Platten, die waren unverdächtig, und löste von denen die Label ab. Die kamen über die Aufkleber der Lindenberg-Platten und auch das Cover wurde ausgetauscht.

Ursprünglich ging ich über den Grenzübergang Friedrichstraße, weil ich das Durcheinander der Gänge so spannend fand. Doch eines Tages wurde ich wieder mal in einen extra Raum geführt. Ich musste alles abgeben, mich nackt ausziehen und in allen Körperöffnungen untersuchen lassen. Dann ging es zum Verhör, wen ich denn treffen wollte und warum, wer meine Schallplatten bekommen sollte usw. Ich antwortete wahrheitsgemäß, fühlte mich etwas schuldig, aber nicht wirklich kriminell. Zum Schluss wurde mir eröffnet, dass man die Schallplatten konfisziert hat, ich aber einreisen dürfte. Ich hatte ja in West-Berlin schon öfter Ärger mit der Polizei gehabt, Verhöre und auch Schläge waren mir nicht ganz unbekannt. An diesem Tag erfuhr ich aber das erste Mal, wie es ist, wenn man nach der Freilassung auch noch verfolgt wird – und zwar so offen, dass ich es merken musste. Mein Freund Ralf in Lichtenberg hatte ein Telefon und so konnte ich ihm die Lage erklären. Wir trafen uns am Alexanderplatz und er nahm mich dort demonstrativ in den Arm und küsste mich. Dann setzten wir uns an den Brunnen der Völkerfreundschaft und zählten ganz offen all die Kameras, die von den umliegenden Gebäuden den Platz beobachteten. Das war schon auffällig genug und als wir dann herumliefen, konnten wir sehen, wie die steuerbaren Kameras uns folgten und andere uns ins Visier nahmen. Ralf fragte mich, ob ich den Roman “1984” kenne und dass der auch in der DDR spielen könnte. Nach dem Besuch habe ich ihn gelesen.

Seitdem reiste ich nur noch über die Oberbaumbrücke ein. Die lag nicht nur näher an meinem Wohnhaus, sondern die Grenzübergangsstelle war auch viel kleiner als am Bahnhof Friedrichstraße. Die Kontrollen dort kamen mir anfangs tatsächlich weniger scharf vor, doch auch dort gab es natürlich die Stasi-Leute.
Es war wie immer: Von der Kreuzberger Seite aus ging ich neben dem niedrigen Wachturm durch die Gittertür und überquerte die Spree. Am Ende, kurz vor der Mühlenstraße, stand ein zweistöckiges Gebäude, über die gesamte Breite der Brücke. Ein tiefes Durchatmen, dann betrat ich den Vorraum. Ausweiskontrolle wie immer, dann wollte ich weiter nach hinten zum Zoll. Stattdessen aber stellten sich mir zwei Herren in Uniform in den Weg. Sie führten mich in ein kleines Zimmer, und nach der gewohnten Durchsuchung von Taschen und Körper bekam ich plötzlich andere Kleidung gereicht. Meine Klamotten kämen zur genaueren Kontrolle etwas später.

Diesmal gab es ein Verhör, das wesentlich aggressiver war als alles, was ich bis dahin an der Grenze erlebt hatte. Man warf mir vor, in der DDR kriminelle Handlungen vorgenommen zu haben, staatsgefährdende Hetze und Schmuggel. Natürlich war ich völlig aufgelöst und ängstlich, die Vernehmer schrien mich an, drohten mit Gefängnis und dass im Westen niemand etwas davon erfahren würde.
Sie wollten unbedingt Namen und Kontakte erfahren, die ich in der DDR hatte. Vorher hatte ich mir nie etwas dabei gedacht und meine Freunde wussten auch ganz genau, dass ihre Behörden von unseren Kontakten wissen. In dem Verhör wurden sie nun aber auch als Staatsfeinde hingestellt und ich spürte eine Verantwortung für sie. Trotz der Drohungen fühlte ich als Westbürger eine gewisse Sicherheit, ich nahm tatsächlich an, dass sie mich gar nicht für längere Zeit einsperren könnten. Deshalb mauerte ich und zählte nur noch die Leute auf, bei denen ich wusste, dass sie von dem Kontakt wissen.

Mitten in der Vernehmung musste ich dann in einen winzigen, etwa einen Quadratmeter kleinen Raum, der kein Fenster hatte, nur einen Stuhl. Hier saß ich gefühlte zwei bis drei Stunden ohne jeden Kontakt. Dann wurde ich nochmal den Vernehmern vorgeführt, die mich fragten, ob ich noch eine Aussage zu machen hätte. Gleichzeitig warfen sie mir meine Kleidung zu und ich musste mich vor ihren Augen umziehen, während ich rumstotterte, dass ich nichts weiter zu sagen habe. Sie fassten mich an beide Arme und brachten mich zu der Tür, an der ich Stunden zuvor das Gebäude betreten hatte. Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich als “unerwünschte Person” nicht mehr in die DDR einreisen dürfte.

Als ich über die Brücke zurück nach Kreuzberg lief, war ich nicht nur total frustiert, sondern auch froh, der so bedrohlichen Situation endlich entgangen zu sein. Vor allem aber machte ich mir Sorgen. Meine Freunde konnten ja nicht einfach über diese Brücke gehen und ich war mir sicher, dass sie ebenfalls Ärger bekommen haben.
Erst viel später erfuhr ich über indirekte Kontakte, dass sie Ralf tatsächlich zum Verhör geholt hatten. Aber danach passierte nichts mehr, außer dass er im Betrieb noch mehrmals auf seine “verbotenen Kontakte” angesprochen wurde. Wahrheitsgemäß konnte er aber antworten, dass er mich seitdem nicht mehr getroffen hat.

In den folgenden Monaten versuchte ich immer wieder, ein Visum zu bekommen. Alle paar Wochen stellte ich beim “Büro für Besuchsangelegenheiten” am Waterlooufer einen Antrag, doch fast immer wurde er abgelehnt. Nur einmal erhielt ich ein Visum, dabei wollte ich nur testweise einreisen, ohne Ralf oder jemand anderes zu besuchen. Doch am Grenzkontrollpunkt wurde ich wieder zurückgewiesen, die Erteilung des Visums war wohl ein Fehler oder eine Schikane. Erst im Herbst 1989, zwei Monate vor dem Mauerfall, erhielt ich ohne Probleme ein Visum und wurde auch nach Ost-Berlin durchgelassen. Zwar gab es eine scharfe Kontrolle, mehr aber nicht. Es war, als wäre vorher nie etwas geschehen.




Andere Erinnerungen

Jahrestage sind Erinne­rungs­zeiten, in den Medien sieht man Zeitzeugen und Zuspätgekommene und natürlich die Historiker, die angeblich neutral und seriös jeden Vogelschiss der betreffenden Tage deuten. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls kann man in Berlin dem Erinnerungstsunami nicht entkommen. Die halbe Stadt ist Feier- und Gedenkzone, so voll waren die Straßen nicht mal am 9. November 1989. In Zeitungen, Rundfunk, Blogs: So viel Mauerfall war nie.
Das gilt genauso für die Medien, die uns rund  um unser 9/11 mit einer Überdosis Gedenken quälten. Doch meine Erinnerungen bestehen nicht nur aus Waaaaahnsinnsgegröhle. Im Spätherbst ’89 gab es auch eine Realität, die nicht in den Geschichtsbüchern steht, weil sie einfach zu banal ist.

Brandenburger Tor, Westseite, die breite Mauer steht noch. Nur etwa 20 Personen verlieren sich hier in der Straße des 17. Juni, die da noch eine Sackgasse ist. Fast alles Touristen. West-Berliner Polizisten passen auf, dass niemand mehr am Beton klopft, die volkseigenen Kollegen sehen von der Mauerkrone herab und müssen als Fotomotiv herhalten. Der Wind bläst nasses Laub über den Platz, unspektakulär sind diese Aufnahmen von ca. Mitte November.

Potsdamer Platz, mehrere Mauerelemente stehen an der Seite, ein provisorischer Grenzübergang ist eingerichtet, doch kaum jemand nutzt ihn. Wieder Touristen, 50, 60, sie fotografieren den hellblauen Trabant, das einzige Fahrzeug, das die Grenze passiert. Schade nur, dass er von West nach Ost fährt, andersrum wär’s ein besseres Motiv.
Ein paar Leute winken, die Fernsehbilder der letzten Tage im Kopf, sie erwarten wohl ausgelassene Euphorie. Der Trabifahrer aber schaut gelangweilt, wie ein Affe, der die Zoobesucher beobachtet.

Kudamm am 9. November. Auf den vollen Straßen gröhlen junge Männer die erste Strophe der Nationalhymne, nicht sehr textsicher, dafür laut. Zu viel getrunken haben auch die Frauen, die untergehakt in einer Kette über den Bürgersteig ziehen wollen, aber nicht durchkommen. Geschrei, Anpöbeleien, Beleidigungen, klirrende Glasflaschen, ekelhafte Stimmung.

Irgendwann im November. Ein Maueropfer der besonderen Art ist der volltrunkene, vielleicht 14-jährige Junge, der von Vopos über die Grenze getragen und dem West-Polizisten in die Arme gelegt wird.
Das Ehepaar, das sich in breiten thüringischen Dialekt beschwert, dass es die Waren bei Hertie am Halleschen Tor nicht umsonst kriegt oder wenigstens für DDR-Mark. Das ist der Beweis, dass nicht nur der Westen dekadent ist.
Die vollen Busse und U-Bahnen werden unerträglich. Zahlreiche Fahrzeuge aus anderen Städten werden eingesetzt, trotzdem kann man auf den Innenstadtlinien kaum atmen, so überfüllt sind die Wagen. Fahrscheinkontrolle auf einem Bahnhof. Auch Ost-Berliner sollen zahlen, einige beschimpfen die BVG-Angestellten als Stasi-Schweine. Dummheit kennt eben keine Grenzen.
Ein Obdachloser geht am Schlesischen Tor an einer langen Schlange wartender DDR-Bürger vorbei, die dort an einer Bank 100 DM Begrüßungsgeld abholen wollen. Sie glotzen ihn entgeistert an, manche halten ihre Taschen mit beiden Händen fest. Die Bedürftigkeiten sind hier wohl eindeutig verschoben.

In Filmen und in der Realität sind Familienfeiern oft das Gegenteil von dem, was sie sein sollten. Alle streiten sich, Mutter weint, Vater brüllt, die Nichte zickt rum und nach ein paar Stunden sind alle froh, dass es endlich wieder vorbei ist. Irgendwie erinnert mich der November 1989 daran. Die Tage des Mauerfalls waren nicht so glänzend, wie sie heute dargestellt werden. Große Ereignisse sind oft so banal, wenn man sie nicht nur im Fernsehen sieht.




Kapo im Sägewerk

Es begab sich aber zu der Zeit, als die Mauer noch stand und ich ein gar umtriebiger Jüngling war. Es hatte mich in eine Stadt verschlagen, in der niemand Deutsch sprechen konnte: Stuttgart.

Mitten im Ort gab es ein Sägewerk, dazu gehörte ein mehrstöckiges Lagerhaus. Als Ungelernter hätte ich dort eigentlich nur Aushilfsarbeiten machen dürfen. Der Chef aber nahm mich schon am zweiten Tag zur Seite und meinte, wir Deutschen müssten doch zusammenhalten. Ich weiß nicht, ob er ein Rassist war oder was sonst seine Beweggründe waren. Jedenfalls waren die anderen Arbeiter fast alles Italiener, und deshalb sollte ich der “Kapo” sein. Kapo ist sowas wie ein Vorarbeiter. Aber auch die KZ-Polizisten wurden so genannt – Gefangene, die die anderen überwachen sollten. Wie passend.

Zwar waren wir nicht gefangen, fast alle aber wohnten auf dem Gelände in einem extra Wohnheim. Wohl auch, weil der Chef da alle unter Kontrolle hatte. Ich sollte ebenfalls dort einziehen, wollte aber nicht so direkt bei der Firma wohnen. Also blieb ich in meinem Zelt auf dem Campingplatz von Cannstatt und fuhr jeden Morgen zum Sägewerk.

Von den Kollegen wurde ich anfangs misstrauisch beobachtet, sie ahnten schon, wieso der Chef mich eingestellt hatte. Aber sie merkten auch schnell, dass ich nicht den Spitzel für ihn machte. So waren wir schon nach wenigen Tagen verbrüdert. Abends kochten wir gemeinsam und sie brachten mir italienische Arbeiterkampflieder bei. Da ich vorher schon einige Zeit in ihrer Heimat gewesen bin, konnte ich bereits ein bisschen italienisch.
Von manchen Liedern kannte ich auch den deutschen Text und so sangen wir gemeinsam “Wir sind das Bauvolk”, “Bandiera rossa” und die Internationale, gleichzeitig in zwei Sprachen! Es waren schöne Abende, an denen ich dann auch dort schlief.

Tagsüber machte ich die gleiche Arbeit wie die Kollegen: Bäume in die Säge wuchten, Furniere schneiden, die Platten und Bretter bündeln. Drei Kubikmeter große Klafter wurden mit einem Kran im Lagerhaus bis zum vierten Stock nach oben gehieft. Die einzelnen Etagen hatten große Löcher, durch die die Bündel zum entsprechenden Stockwerk hochgezogen wurden. Dabei musste immer jemand auf dem Klafter stehen, um die Balance zu halten, denn das Holz war recht locker und wackelig. Das war natürlich eine gefährliche Arbeit, denn wenn man mit den drei Tonnen schweren Bündeln abgestürzt wäre, hätte man keine Chance mehr gehabt. Der Chef hatte mir diese Arbeit verboten, aber natürlich mache ich sie trotzdem. Wir wechselten uns damit ab und ich sah gar nicht ein, wieso ich mich nicht der gleichen Gefahr aussetzen sollte, wie die Kollegen.

Natürlich kam es irgendwann zum Streit mit dem Chef, mein jugendliches Rebellentum war sehr ausgeprägt, im Gegensatz zu meinem Respekt vor seiner Autorität. So dauerte mein Aufenthalt dort nur einige Wochen. Am Abend meines letzten Arbeitstages hatten die Kollegen mich eingeladen. Wir machten zusammen nochmal ein großes Essen und ich war traurig, diese Gemeinschaft verlassen zu müssen. Aber diese Erfahrung hat mich bis heute geprägt, was Dinge wie Solidarität und Klassenbewusstsein betrifft. Beides ist ja heute nicht mehr sehr modern.




“Faschistische Arbeiterheere”

Es war die Zeit der großen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik. Das West-Berlin der 80er Jahre war ein Schwerpunkt, Friedensbewegung, Häuserkampf, Frauen- und Schwulenbewegung, Arbeitskämpfe. Jedes Jahr gab es Dutzende von Demonstrationen, oft mit tausenden Teilnehmern. Die politischen Spektren links von der SPD und den Gewerkschaften waren sehr vielfältig. Da waren zum einen die Parteien, von verschiedenen stalinistischen und maoistischen, über die Trotzkisten bis hin zur DDR-orientierten “Sozialistischen Einheitspartei Westberlin” (SEW). Die größte der linken Parteien war die Alternative Liste.
Daneben gab es aber auch massig Linke, denen jede Form von Parteien suspekt waren, die Autonomen und Anarchisten sowie die zahllosen Basisgruppen, Kommunen, Hausgruppen und Einzelkämpfer, die in ihrer Vielzahl ein viel größerer Teil der Bewegung, der Opposition waren. Aber gegen den bundesrepublikanischen Staat, vor allem die Kohl-Regierung, hielt man zusammen.
Anders sah es bei inhaltlichen, ideologischen Fragen aus. Während z.B. die Friedensbewegung klar gegen die Atombewaffnung in West UND Ost war, sahen die Genossen der SEW die sowjetischen Waffen als gut und friedensstiftend an, im Gegensatz zu den bösen US-Raketen.

Eine Gruppe fiel aus dem Schema raus. Sie gehörten ursprünglich zum Spektrum der Autonomen,  die sich qua Namen von der Organisierung in Parteien distanzierten. Trotzdem proklamierten sie die Gründung einer “Kampfpartei”, die sowohl politisch als auch militant agieren sollte. Auf Demonstrationen traten sie in geschlossenen Blöcken auf, sehr massiv und einschüchternd, absolut machomäßig. Ihre Parolen waren vorher geprobt und die wurden wie ein Räumschild vor sich her geschoben. Das galt auch für ihre “Kampflieder”. Die wurden über Lautsprecher abgespielt und stammten aus der Mottenkiste der 1920er KPD. Besonders beliebt war bei denen das Lied “Der heimliche Aufmarsch”, ein Loblied von Hanns Eisler auf die Sowjetunion, mit den Zeilen
“Zerschlagt die faschistischen Ausbeuterheere
Setzt eure Herzen in Brand.”

Als Anarchist kotzte mich das autoritäre Auftreten dieser Recken ziemlich an, so wie auch ihre Stalo-Lieder. Und weil es meinen Freunden ähnlich ging, fielen wir irgendwann in den Gesang mit ein, jedoch mit leicht geändertem Text. Zuerst haben sie das gar nicht bemerkt, freuten sich nur über die unerwartete Unterstützung, bis zur Zeile
“Zerschlagt die faschistischen Arbeiterheere
Setzt eure Führer in Brand.”
Das Ganze hatte schon einen politischen Hintergrund, denn die simple Logik “Arbeiter = links” stimmte damals genausowenig wie schon in den 20er und 30er Jahren. Dafür waren wir schon zu oft mit Nazis zusammengetroffen und die meisten von ihnen waren Arbeiter.
In den Augen der kommunistischen Mannen jedenfalls waren wir plötzlich Feinde, die “antirevolutionäre Propaganda” verbreiteten. Das war natürlich Schwachsinn, in Wirklichkeit machten wir uns nur lustig über diese engstirnigen Politgorillas. Aber das war für sie genauso schlimm. Humor war das letzte, was sie hatten. Nach ein paar üblen Beschimpfungen und Drohungen begannen einige von ihnen, auf uns einzutreten und zuzuschlagen. Damit war eine Grenze überschritten, die wir immer akzeptiert haben: Mit Leuten “auf unserer Seite” konnte man sich streiten und anbrüllen, aber niemals körperlich angreifen. Nun jedoch wurden wir von ihnen attackiert und für mich war das ein Schock. Prügeleien hatten wir vorher mit der Polizei, Neonazis und Aktivbürgern, nicht aber mit anderen Linken. Dazu kam, dass sie extrem hart zuschlugen, teilweise mit Schlagringen, was bei manchen schwere Gesichtsverletzungen verursachte. Trotzdem begannen wir uns zu wehren. Und da wir mehr Kampferfahrung hatten und auch viel mehr Leute waren, konnten wir sie schnell in die Flucht schlagen.
Zurück blieben ein paar Verletzte auf beiden Seiten und die Erkenntnis, dass die linke Szene nicht nur ein Haufen von Leuten mit unterschiedlichen Konzepten ist, sondern dass es da Gräben gibt, die kaum zu überwinden sind.




Irgendeine kalte Bahnhofshalle

Endlich war ich dem Elternhaus entkommen, auch gleich raus aus der eisigen Mauerstadt. Meine Reise in die Welt ging erstmal nach Braunschweig. Damals war die Stadt für Tramper wichtig, weil sie ein guter Anschlusspunkt für Reisen zwischen West-Berlin und dem nördlichen und mittleren Teil der alten Bundesrepublik war. Hier traf man Leute aus aller Welt, was heute in Braunschweig kaum noch vorstellbar ist.
Auf meinem Schild stand nur “Süden” und tatsächlich bekam ich nach Stunden einen Trip nach Portugal. Sowas war auch an dieser Stelle ein Jackpot – wenn es denn geklappt hätte. Das Studentenpärchen wollte mit seinem alten VW-Bus in fünf Tagen dort sein. Wir verstanden uns prima und ich freute mich auf ein paar warme Wochen, mitten im Winter. Aber wie so oft kam es anders, bei unserem Abstecher nach Freiburg gab das Auto seinen Geist auf. Und zwar ohne Chance darauf, dass es bald weitergehen würde. Mit wenig Geld, aber viel Hoffnung, stellte ich mich wieder an die Straße.

Vor allem im Winter ist das Trampen echt hart. Bei Minusgraden stundenlang zu warten, dass einen jemand mitnimmt, ist nicht schön. Und nicht immer landet man am erhofften oder auch nur am vereinbarten Ort. Es konnte passieren, dass man auf einer einsamen Autobahnausfahrt rausgelassen wurde oder auf einer leeren Landstraße. Im Dunkeln kann man das Trampen dann vergessen, kein Bauer nimmt einen dann mit. Höchstens mal Leute beiderlei Geschlechts, die sich vom Tramper ein kurzes Sexabenteuer erhoffen. Wenn man darauf nicht einging, konnte man auch schnell wieder rausgeschmissen werden. Mir ist das mehrere Male passiert.
In Freiburg bekam ich einen Lift nach Bayern, von dort wollte ich nun über Österreich nach Italien. In diesem Winter hatte ich mein Zelt manchmal mitten im Schnee aufgebaut. Auch in dieser Nacht suchte ich mir wieder einen Platz zum Schlafen. Ich fand ihn nahe der Autobahn, es sah aus wie ein Park, und es war ziemlich duster. Nur der helle Schnee machte es möglich, dass ich mein Zelt noch irgendwie aufgebaut bekam.
Als ich am nächsten Morgen raus kroch, war ich erstmal perplex: Keine 50 Meter weiter stand ein mehrstöckiges Bürohaus, das ich in der Nacht überhaupt nicht bemerkt hatte. In immer mehr Fenstern tauchten die Köpfe der neugierigen Angestellten auf, einige winkten mir sogar zu, ich war eine richtige Attraktion. Blöd, wenn man nach dem Aufstehen erstmal pinkeln muss, aber zig Augen einen beobachten.
Kurz danach kam der Pförtner zu mir, in der Hand ein Tablett mit belegten Brötchen und heißem Kakao: “Wenn es nicht reicht, können Sie sich auch noch mehr holen.” Ich wünschte mir, jeden Tag so aufzuwachen!

Normalerweise braucht man unterwegs nicht viel Geld. Aber auch wenig ist irgendwann alle und dann gibt es drei Möglichkeiten: Klauen, betteln oder verdienen. Mit Klauen kann man mal einen Hunger kurzfristig stillen, aber auf Dauer ist das nichts. Gebettelt habe ich nicht gerne, höchstens mal nach übrig gebliebenem Obst oder Brot, wenn abends ein Markt geschlossen wurde. Dafür habe ich aber auf vielerlei Arten etwas Geld verdient, mit Hiwi-Arbeiten für ein Mittagessen, Bauern bei der Ernte geholfen oder für 10 Mark ein Lokal sauber gemacht.
Das alles ist schwieriger, wenn man die Sprache nicht spricht. So erging es mir, als ich dann irgendwann doch noch im Süden ankam. Milano war nicht eben mein Traumziel, aber nun war ich erst mal dort gelandet. Es war schon wieder dunkel und genauso kalt wie in Bayern. Meine Fahrerin hatte mich am Stadtrand rausgelassen und ich musste in die City laufen. Geld hatte ich nicht mehr und der Weg war echt lang. Obwohl ich mitten in der Nacht ankam, war am weißen Hauptbahnhof noch eine Menge los. Die Halle war zwar eiskalt, trotzdem standen noch mindestens 50 Leute herum. Es war mir nicht gleich klar, was hier ablief. Hatten die alle ihren Zug verpasst? Waren es Drogendealer? Oder gut gekleidete Obdachlose? Als mich der erste Mann ansprach, verstand ich langsam. Hier schlichen nämlich fast nur Männer herum, die auf der Suche nach einem Sexpartner waren.
Immer wieder kamen Jungs in die Halle, die sofort angesprochen wurden und meist sind sie sofort zusammen verschwunden. Und obwohl ich mit meinem Rucksack eindeutig als Tourist zu erkennen war, wurde ich noch etwa drei, vier Mal von jemandem angesprochen. Aber mit keinem von denen hätte ich mitgehen wollen. Mit der Zeit kapierten die Freier wohl, dass ich nicht zu den Strichern gehörte, auch wenn ich jung war. Sie ließen mich in Ruhe. Dabei hatte ich in Berlin schon durchaus Erfahrungen in dem Gewerbe gemacht. Aber jetzt wollte ich es nicht.
Ich stand am Rand und überlegte, ob ich hier meinen Schlafsack auslegen sollte und mich ein paar Stunden hinlegen. Einige andere lagen schon dort in einer Ecke, ich kannte das bereits aus dem Gare du Nord in Paris. Irgendwann morgens würde dann die Polizei kommen und uns verscheuchen, bevor die Rush Hour beginnt. Stattdessen blieb ich noch stehen, schaute mir die Bahnhofshalle und das nächtliche Treiben an. Mir kam dann der Gedanke, dass ich ja vielleicht einen etwas weniger unangenehmen Mann finden könnte, um dann bei ihm zu schlafen. Das ist natürlich mit etwas Risiko verbunden, weil ich die Leute hier aufgrund der mir fremden Sprache schlechter einschätzen konnte, als in Deutschland. Trotzdem ließ ich es darauf ankommen. Meinen Rucksack hatte ich neben mich gestellt, die Hände in den Hosentaschen, ließ ich meinen Blick über die Männer schweifen, die sich in der Halle herumdrückten. Schnell fiel mir einer auf, der recht sympathisch aussah: Circa zehn Jahre älter als ich, lange schwarze Haare, schlank, mit extrem engen Jeanshosen. Ich war nicht mal sicher, ob er nicht eventuell selbst auf den Strich ging. Andererseits wurde er zweimal von Männern angebaggert, ließ die aber abblitzen. Erst nach einigen Minuten bemerkte er meinen Blick. Er schaute zurück, lächelte, ich ebenfalls, alles klar. Natürlich war ich total aufgeregt, als er auf mich zu kam. Er konnte ein bisschen Deutsch, stellte sich dann vor mich, so dass niemand von außen etwas sehen konnte. Dann rieb er mir an der Hose herum, um mich geil zu machen, und drückte meine Hand auf seine Hose. Er nahm mich mit auf die Toilette, wo wir sehr kurzen, aber schönen Sex hatten. Zum Abschluss gab er mir einen Kuss auf die Wange und verschwand wieder.
Das hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt, ich hatte nun immer noch kein Bett. Etwas frustriert stellte ich mich wieder in die Bahnhofshalle. Und am Ende ging ich dann doch mit einem Freier mit, den ich zwar überhaupt nicht anziehend fand, der mir aber wenigstens Geld gab und mich bei sich schlafen ließ.

Es war nicht die letzte Nacht in einer kalten Bahnhofshalle. Diese Erfahrungen gehören aber mit zu denen, die man eben macht, wenn man auf Trebe ist. Sie sind nicht so schlimm, jedenfalls im Nachhinein. Ich habe danach noch viele andere Jobs gemacht, die ätzender und wesentlich schlechter bezahlt waren. Wenn man frei sein will, muss man auch offen sein. Neues ausprobieren gehört dazu, und herauszufinden, was eigentlich der eigene Weg ist. Oder sein könnte. Das macht ein Tramperherz aus!




Erinnerung an Rosel

Vor 20 Jahren nannte man sie “rote Socken”. Diejenigen, die in der DDR auf Seiten des Staates standen und sich danach nicht davon distanzierten. Auch Rosa Näser gehörte dazu. Sie war Kommunistin, Mitglied der SED, nach der Wende in der PDS. Als ihr Staat zusammenbrach und ihr langjähriger Ehemann starb, war ihr Leben für sie vorbei. Das sagte sie mir mehrmals, wenn wir uns trafen. In Köpenick oder in Chemnitz, das für sie noch immer Karl-Marx-Stadt hieß. Sie konnte nicht begreifen, dass sich so viele alte Genossen plötzlich so gewandelt haben. Sie lasen jetzt Bild-Zeitung statt Neues Deutschland und interessierten sich mehr für die Vorgänge in europäischen Königshäusern, als für das Elend afrikanischer Völker. Die Verflachung und Verdummung  der Gesellschaft, die wachsende Oberflächlichkeit – das machte ihr sehr zu schaffen.
Kein Wunder, wenn man ihre Geschichte betrachtet. Denn schon als Mädchen wurde ihr bewusst, dass man im Leben für die eigenen Rechte kämpfen muss. Als ihr Vater im Konzentrationslager ermordet wurde und um sie herum die Mitschülerinnen in den Bund Deutscher Mädel gingen, Fahrten und Häkelnachmittage veranstalteten, hielt sie sich an ganz andere Freunde. Damals gab es in Weimar eine Gruppe sehr junger Antifaschisten. Nur ein paar von ihnen waren bewusst politisch, die meisten aber hatten einfach keine Lust auf die Nazi-Erziehung, auf’s Marschieren und den paramilitärischen Drill in der Hilter-Jugend.

Von Köln kam ein Junge zur “Landverschickung” nach Thüringen. Er brachte den Namen “Edelweiß-Piraten” mit und die Idee, sich konspirativ zu organisieren. Viele Jahre später wurde dieser Junge Rosels Ehemann, zuerst war er aber derjenige, der die Edelweiß-Piraten in der Gegend um Weimar aufbaute. Sie organisierten Lebensmittel für Zwangsarbeiter. Spektakulärer war die Aktion, als sie eines Nachts heimlich die Stiefel eines bekannten und brutalen SA-Mannes stahlen, seine Abdrücke rund um ihre Fabrik hinterließen und Anti-Nazi-Flugblätter auf die Maschinen legten. Die Schuhe brachten sie wieder zurück. Als am nächsten Morgen die Zettel durch die Fabrikhalle flogen, war die Gestapo schnell vor Ort. Sie kontrollieren die Schuhe aller Arbeiter und verhafteten den SA-Mann, der überhaupt nicht begriff, was da vor sich ging.
Ein anderes Mal verkleideten sich die Edelweiß-Piraten als HJ-Jungen und überfielen ein Zeltlager der Nazi-Jugendorganisation. Die Jungnazis und ihre Führer wurden verprügelt und verstanden nicht, wieso.

Mit der Gründung der DDR als sozialistischen Staat erfüllte sich Rosels Traum einer antifaschistischen Gesellschaft. Dass dort von Anfang an auch viele mitliefen, die kurz zuvor noch den rechten Arm gehoben hatten, wollte sie nicht wahr haben. Genausowenig wie die Tatsache, dass es bald erneut die ehrlichsten, aufrichtigsten und fortschrittlichsten Menschen waren, die nun wieder in den Gefängnissen landeten. Diese Lebenslüge wurde ihr erst ganz zum Schluss bewusst und brach ihr endgültig das Genick. Erst in den letzten Wochen ihres Lebens akzeptierte sie, dass man nicht Kommunist sein muss, um für eine gerechte Gesellschaft einzutreten. Und dass die Führung ihres untergegangenen Staates viel zu große Fehler gemacht hat, die eine Entwicklung zur Demokratie unmöglich machten.
Rosa Näser symbolisiert für mich die Tragik derjenigen Menschen, die einen besseren Staat aufbauen wollten, die sogar ihr Leben dafür riskierten – aber dann an sich selbst gescheitert sind.




Cell phone in Fonzell

Das mit der Sprache ist schon komisch. Zwar gibt es Regeln, darunter aber auch sehr viele Ausnahmen und “Kann-Bestimmungen” – vor allem nach der letzten Rechtschreibreform. Ein bisschen ist es wie die Floskel bei der Partnersuche: “Alles kann, nichts muss.” Dazu bietet die deutsche Sprache viele sogenannte Fälle, die so schöne Realitäten schaffen wie “vollendete Vorgegenwart” und echt lustige Wörter wie Plusquamperfekt.
Besonders schön finde ich die Sprache, wenn ausländische Begriffe integriert werden und dabei Kapriolen schlagen. Immer wieder nett ist der berühmte “Back Shop” (Zurückladen oder Rückengeschäft). Noch immer glauben ja manche, “Handy” wäre ein englischer Begriff, dabei kennt man dieses Wort hauptsächlich im Deutschen. Englischsprachige Menschen sagen Mobile phone, Cellular oder Cell phone. Würde man Cell phone rein phonetisch ins Deutsche zurückübersetzen, käme man schnell auf Telefonzelle.

Diese Telefonzellen sind eh ein interessantes Thema, zumal es nicht mehr viele davon gibt. Vor allem nicht von den alten Häuschen, deren Türen bei rund einem Quadratmeter Grundfläche auch noch nach innen geöffnet wurden. Junge Leute denken heute ja, da konnte man sich früher reinstellen, wenn man bei Regen mit dem Handy telefonieren wollte – sozusagen Cell phone in Fonzell.
Ganz falsch! Diese Zellen dienten vielerlei Zwecken. Sicher – man konnte darin auch telefonieren, vorausgesetzt, der Hörer war nicht abgerissen und der Münzschlitz nicht verklebt. Manchmal musste man lange warten, bis man endlich dran war. Denn viele Jahre über wurden für ein Ortsgespräch nur einmal 10 oder 20 Pfennige verlangt, da nahmen sich viele ausreichend Zeit für ihre Gespräche. Manch einer wartete darin bei Regenwetter genau so lange, bis der Bus kam.

Andere nutzten das Häuschen aber auch als Klo, was umso rätselhafter war, weil sie außerhalb im Gebüsch ihr Geschäft wenigstens nicht so gut sichtbar unter einer Lampe verrichtet hätten. Andererseits gab es in den Zellen durch die Telefonbücher massenhaft Papier.
Die Gerüche in einer Telefonzelle waren oft schrecklich. Ob von Exkrementen oder Erbrochenem (wer geht eigentlich zum Kotzen in eine Telefonzelle?), ob von Zigarettenqualm oder im Sommer vom körperlichen Ausdüstungen, oft konnte man nur bei aufgehaltener Tür telefonieren.

Die gelben Zellen waren aber aufgrund ihrer Enge gerade auch bei pubertierenden Jugendlichen recht beliebt. Wenn man mit der oder dem Angebeteten zu zweit irgendwo anrufen wollte, kam man sich zwangsläufig körperlich näher. Gut war’s, wenn noch ein Dritter dabei war, dann war Körperkontakt unvermeidlich. Man überlegte sich dann schon einige Argumente Ausreden, wieso man unbedingt gemeinsam in eine Zelle musste.

Schließlich dienten viele Exemplare auch zur nicht-persönlichen Kommunikation – wenn auch nicht immer im Sinne der Angerufenen. Ich erinnere mich an bestimmte öffentliche Telefonhäuschen, in denen zahlreiche Nummern an die Wand geschrieben waren, zusammen mit eindeutig sexuellen Angeboten (“Heiße Braut sucht geilen Hengst”). Allerdings waren die dabei stehenden Nummern in Wirklichkeit die von Lehrern oder anderen unbeliebten Leuten.
Glaubwürdiger waren da noch die Sprüche, in denen nur mit Orts- und Zeitangabe nach schwulen Sexpartnern gesucht wurde. Genau diese wurden aber am Schnellsten auch wieder entfernt.
Es gab sogar eine Kommunikation per Telefonbuch: Als ich etwa zehn Jahre alt war, haben wir uns mit unserer “Bande”auf einer bestimmten Seite mit Filzstiften ausgetauscht. Man konnte sich da z.B. verabreden, und wenn alles erledigt war, wurde die Seite rausgerissen. Vor-Handy-Zeiten…

Heute gibt es diese alten Telefonzellen kaum noch. Wenn überhaupt, sind die meisten Münztelefone nur überdacht und haben vielleicht kleine Seitenscheiben. Ungestört ist man darin aber nicht, nicht vor dem Straßenlärm und auch nicht vor ungewollten Zuhörern. Aber die meisten haben ja heute eh ihr eigenes Cell phone.