Krieger im Tiergarten

Mitten im Großen Tiergarten stehen vier kriegerisch anmutende Denkmäler:
Der Auszug des Kriegers (Hermann Wittig)
Der Kampf / Schanzenstürmung (Rudolf Schweinitz)
Der verwundete Krieger (Ludwig Brodwolf)
Die glückliche Heimkehr des Kriegers (Alexander Calandrelli)
Tatsächlich werden sie die “Kriegergruppen” genannt. Die 1874 fertiggestellten Figuren bedienten den damals vorherrschenden militaristischen Geist. Drei Jahre nach der Reichsgründung wurden sie am Alsenplatz nahe der neuen Königsbrücke aufgestellt (heute ist dort der Spreebogenpark). 1882 wanderten sie hundert Meter gen Süden an den Königsplatz (heute Platz der Republik) heran. Während der Nazizeit war dort der Bau einer riesigen Halle geplant, so dass die Krieger-Denkmäler 1938/39 erneut umzogen, in die Rüsternallee im Tiergarten, nahe des Zeltenplatzes.
Den 2. Weltkrieg haben nicht alle der Krieger unbeschadet überstanden. Ausgerechnet die Gruppe “Der verwundete Krieger” hat es alle Köpfe abgehauen. Die Geschichte kann manchmal auch sarkastisch sein.




Erinnerung an ein Verhörzentrum

Nach der Befreiung vom Faschismus richtete die sowjetische Besatzungsmacht in ganz Ostdeutschland Lager ein, in denen Kriegsverbrecher interniert wurden. Doch nicht nur Soldaten und führende Nazis wurden verhaftet, sondern auch andere politisch Missliebige. Christen, Sozialdemokraten und nicht-stalinistische Kommunisten kamen zu Tausenden in die großen Lager, die vorher von den Nazis als KZs errichtet wurden, vor allem nach Buchenwald und Sachsenhausen. Daneben gab es auch viele kleinere Lager und Verhörzentren, u.a. in den Gebäuden des Bezirksamts Prenzlauer Berg in der Fröbelstraße, gleich an der Prenzlauer Allee.

In den Kellerräumen von Haus 3 hatte der russische Geheimdienst NKWD 40 Zellen eingerichtet, in denen hunderte oder tausende oft unschuldige Menschen eingesperrt wurden. Die meisten wurden dort gefoltert, viele starben. Von 1950 bis 1985 befand sich dort die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit, die die Zellen noch bis 1956 nutzte.

In der Regel handelte es sich bei den Inhaftierten in der Fröbelstraße nicht, wie von der Staatsführung behauptet, um NS-Täter, sondern um Menschen, die dem SED-Regime oppositionell gegenüber standen. Der als besonders gewalttätig berüchtigte Bruno Beater, Chef der Abteilung der Stasi-Hauptabteilung V zur Bekämpfung der angeblichen Staatsfeinde, machte hier Karriere. Er stieg bis zum Stellvertreter des Stasi-Chefs Erich Mielke auf.
In diesem Verhörzentrum gab es auch sogenannte “Stehzellen”, in denen die Häftlinge an Handschellen gefesselt wurden, die weit oben in der Wand eingemauert waren. So mussten sie teilweise mehrere Tage ohne Pause stehen.
Nach 1956 diente der Komplex noch fast 30 Jahre lang der Staatssicherheit. Hier wurden Zerstetzungsmaßnahmen und sogar Anschläge gegen Oppositionelle geplant.

Die Künstlerin Karla Sachse hat zur Erinnerung an diese dunkle Zeit ein ungewöhnliches Denkmal geschaffen: Ein schwarzes Band aus Acryl zieht sich um das Haus, direkt über den zugemauerten Kellerfenstern hinweg. In dieses Band sind 60 Fragen eingelassen, die der Künstlerin bei der Beschäftigung mit der Geschichte dieses Ortes gekommen sind: “Wieviel Schweigen ertrug das Ohr?”, “Wann weinten die Männer?”. Karla Sachse hatte Gelegenheit, Verhörprotokolle aus diesem Gebäude zu lesen und schrieb ihre Gedanken und Fragen auf.

Ehemalige Funktionäre der SED und Angehörige der Stasi haben protestiert, dass der Senat dieses Denkzeichen mit 45.000 Euro unterstützt. Sie sehen die Aktion als “politische Provokation”.




Ernst-Thälmann-Denkmal

Es ist ein Gruß aus einer längst vergangenen Zeit. Monumental grüßt der einstige Vorsitzende der KPD, 50 Tonnen schwer, 14 Meter hoch und breit, mit der Faust, geschaffen vom sowjetischen Bildhauer Lew Jefimowitsch Kerbel. Im Hintergrund die Fahne blickt er mit einem entschlossenen Gesicht, das auffallend dem seines großen Vorbilds Lenin ähnlich sieht. Das Monument steht im Prenzlauer Berg an der Greifswalder Straße, es war als Zentrum des Wohnviertels Thälmannpark gedacht.
Seit das Denkmal Mitte der 1980er Jahre gegossen wurde, war es mehrmals im Jahr Ort von Kundgebungen und Heldenverehrungsfeiern.

Ernst Thälmann galt in der DDR als Nationalheld und großes Vorbild für die Jugend. Als Kämpfer gegen die Nationalsozialisten verbrachte er fast die gesamte Nazizeit in Haft, bis er 1944 in Buchenwald ermordet wurde.
Obwohl es in der DDR einen wahren Thälmann-Kult gab, gab es in Ost-Berlin nie eine Thälmannstraße. Dafür aber in West-Berlin gleich drei – wenn auch nur für wenige Monate. So trug die Turmstraße in Moabit zwei Jahre lang diesen Namen.

Nach der Wiedervereinigung wurde immer wieder der Abriss des Denkmals gefordert, weil es einen Mann ehre, der eher Stalinist als Demokrat gewesen ist. Vor allem technische Gründe haben den Abriss jedoch verhindert. Mittlerweile steht es auf der Berliner Denkmalsliste und erinnert heute wieder an etwas: Vordergründig weiterhin an Ernst Thälmann, in Wirklichkeit aber an eine Epoche der deutschen Geschichte, in der die Verehrung “verdienter Kämpfer für den Sozialismus” in teilweise übertriebenen Personenkult abdriftete.




Die Faust

Am südlichen Ende der Bahnhofstraße in Köpenick, weit weg vom Bahnhof, teilt sich die Straße auf: Rechts gehts Richtung Wuhlheide in die Innenstadt, links in die Altstadt Köpenick. Neben der Straße ein Park, dahinter die Alte Spree. Der Park heißt Platz des 23. April und erinnert daran, dass an diesem Datum 1945 die Rote Armee ins faschistische Berlin eingerückt ist und die Hauptstadt des Nazireichs befreite. Im Park ein steinernes Denkmal, darauf eine Faust. Es wurde von Walter Sutkowski entworfen und zur Erinnerung an die Köpenicker Blutwoche aufgestellt. Ab dem 21. Juni 1933, nur wenige Monate nach der Machtübergabe an die Nazis, begann der blutige Schlag gegen Nazigegner. Hunderte von Kommunisten, Sozialdemokraten Juden, Christen und Gewerkschaftern wurden in diesen Tagen von den SA-Horden überfallen, gefoltert und eingesperrt, mindestens 25 Menschen ermordet.

Natürlich ist es wichtig, sich an die Blutwoche und all ihrer Opfer zu erinnern. Doch handelt es sich hier um zwei verschiedene Geschichtsdaten.
Die Rote Armee, der hier mit einer Faust gedacht wird, hat zweifelsfrei ihre Verdienste in der Zerschlagung der Nazi-Herrschaft. Danach jedoch hat die sowjetische Besatzungsmacht der SBZ und ab 1949 der DDR ihr stalinistisches Unterdrückungssystem aufgezwungen. Viele der überlebenden Naziopfer wurden nach der Befreiung von russischer Seite verfolgt und ermordet. Die Faust, das Kampfzeichen der Kommunisten, kann nicht an all jene erinnern, die aus menschlichem und demokratischem Bewusstsein gegen die Nazis waren. Sie gedenken nur den kommunistischen Opfern der Faschisten.
Allerdings gibt es in Köpenick mehrere Straßennamen, die sowohl an kommunistische, wie auch sozialdemokratische Todesopfer der Blutwoche erinnern, darunter Richard Aßmann, Paul von Essen, Paul Pohle, Johann Schmaus, Johannes Stelling, Erich Janitzky, Karl Pokern, Paul und Josef Spitzer.

Diether Huhn: Die Faust von Köpenick




Züge ins Leben – Züge in den Tod

Seit dem 30. November 2008 erinnert ein Denkmal neben dem Bahnhof Friedrichstraße an die in den Jahren 1938 und 1939 geretteten 10.000 jüdischen Kinder und Jugendlichen. Sie wurden noch vor Beginn des Holocausts mit sogenannten Kindertransporten ins Exil nach London geschickt. Organisiert wurde die Rettungsaktion kurz nach der Pogromnacht 1938 von britischen und holländischen Flüchtlingskomitees, darunter hauptsächlich die Quäker. Sie lief nur neun Monate bis Ende August 1939. Die Geretteten waren zwischen vier Monaten und 17 Jahren alt. Viele der Kinder sahen ihre Eltern nie wieder. Oftmals waren sie die einzigen aus ihren Familien, die den Holocaust überlebten.

Gleichzeitig ist soll das Denkmal aber auch an die jungen Menschen erinnern, die in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet wurden. Deshalb werden auch zwei Gruppen von Kindern und Jugendlichen gezeigt, die mit dem Rücken zueinander stehen. Alle wurden sie mit Zügen der Deutschen Reichsbahn transportiert, die einen ins Leben, die anderen in den Tod.

Geschaffen wurde das Denkmal vom Bildhauer Frank Meisler, der 70 Jahre zuvor selbst eines der geretteten Kinder war. Von Danzig kommend fuhr auch er über Holland nach England. Seine Eltern wurden drei Tage nach seiner Abfahrt verhaftet und starben in Auschwitz. Meisler lebt heute in Tel Aviv.
Dass das Denkmal, leider ein bisschen unscheinbar, in der Georgenstaße, neben dem Bahnhof Friedrichstraße steht, ist kein Zufall: Von hier aus gingen viele der Kindertransporte nach Westen. Als es vor sechs Jahren eingeweiht wurde, nahmen mehr als 50 gerettete Menschen daran teil, die heute unter anderem in Großbritannien, Israel, Österreich, der Schweiz, USA, aber auch wieder in Deutschland leben.
Das Denkmal in Berlin ist eines von vieren, die Meisler zu diesem Thema geschaffen hat. Sie stehen jeweils an Bahnhöfen der Reiseroute: In Danzig, Berlin, Hoek van Holland und London.




Der verlassene Stuhl…

Der verlassene Stuhl hinter dem leeren Tisch vor dem umgestürzten Stuhl

Der Koppenplatz in Mitte, zwischen Acker- und Große Hamburger Straße. Hier steht seit September 1996 ein zu großer bronzener Tisch mit Schublade, daneben ein Stuhl mit geschwungener Lehne und gedrechselten Beinen. Ein anderer Stuhl liegt auf dem Boden, so als ob er eben erst beim zu hastigen Aufstehen umgefallen wäre. “Das Denkmal ist für alle jüdischen Leute, die in dieser Stadt gelebt haben, ob sie nun Großes geleistet haben oder nicht”, sagt der Bildhauer Karl Biedermann zu seinem Werk. Er wollte ein Symbol der Eile finden, mit der die Juden damals die Stadt verlassen mussten oder von den Nazis in die Todeslager deportiert wurden. Das Denkmal hat den Namen “Der verlassene Stuhl hinter dem leeren Tisch vor dem umgestürzten Stuhl”.

Um das Denkmal herum windet sich, in der Erde eingelassen, ein Text von Nelly Sachs aus ihrem Gedicht “Oh die Schornsteine”. Eingefasst wird das Denkmal von sieben Bäumen, als würden sich die Stühle und der Tisch in einem Raum befinden. In dieser Gegend stellten die Juden bis in die Nazizeit hinein einen Großteil der Bevölkerung. Diejenigen, die nicht geflohen sind, wurden in Sammellager gebracht und von dort aus in die KZs deportiert. Einer der wichtigsten Lager war das ehemaligen Jüdische Altenheim in der Großen Hamburger Straße, nur 300 Meter von diesem Denkmal entfernt.




Denkmal für schwule Naziopfer

Es sieht aus, als hätte jemand vom Holocaust-Denkmal auf der anderen Straßenseite eine Stele in den Tiergarten geschleppt und dort hingestellt. Etwas schräg steht es nun dort, gleich neben der Ebertstraße, wo sich die Touristenmassen die zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor vorbeischieben: Das Denkmal für die homosexuelle NS-Opfer wurde gestern eingeweiht. Wer näher herantritt findet eine Öffnung, in der er auf einem Bildschirm zwei junge Männer sieht, die sich innig küssen. Aufgenommen wurde die Szene genau an dieser Stelle.
Schwule Männer wurden in der Nazizeit wesentlich stärker verfolgt, als lesbische Frauen. Über 50.000 Homosexuelle sind nach dem Paragrafen 175 verurteilt worden, fast alle landeten in Konzentrationslagern und Zuchthäusern, manche wurden sogar mit medizinischen Versuchen gequält.
Als der Bundestag im Jahr 2003 die Errichtung dieses Denkmals beschloss, war die CDU noch dagegen. Gestern nun versammelte sich die politische Prominenz im Tiergarten und der christdemokratische Kulturstaatsminister Bernd Neumann stand an erster Stelle. Er verwies auf die Übernahme der 600.000 Euro Kosten des Denkmals durch den Bund. Entworfen wurde das Werk von Michael Elmgreen und Ingar Dragset, die für ihre wortwörtlich schräge Darstellung ihrer Kunst bekannt sind.
Das neue Denkmal ist Teil einer Erinnerungslandschaft. Neben dem Holocaust-Mahnmal und dem jetzt eingeweihten Denkmal gibt es unmittelbar am Reichstag zwei weitere Gedenkorte: Einer erinnert an die von den Nazis ermordeten Reichstags-Abgeordneten, ein anderer an die Maueropfer zwischen 1961 und 1989. Demnächst wird noch ein Denkmal für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma hinzukommen.
Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit erinnerte gestern daran, dass nicht nur das Gedenken an schwule Naziopfer wichtig ist, sondern dass es auch heute noch zahlreiche Diskriminierungen und Übergriffe auf Homosexuelle gibt. Das angeblich so tolerante Berlin hat trotz breiter Aufgeklärtheit noch eine andere Seite, auch für die ist dieses Denkmal gemacht.