Ich trag’ den Staub von deinen Straßen

Ich trag’ den Staub von deinen Straßen
An meinen Schuhen heute noch mit mir herum.
Ich hab’ sie halt nie putzen lassen,
Nur aus Vergesslichkeit? Nun ja, vielleicht darum.
In tausend Liedern hat man dich besungen,
Da kommt es nun auf ein Lied mehr ja auch nicht an.
Ich hab’ den Kopf voll von Erinnerungen,
Mehr als ich wohl in einem Lied erzählen kann.
Von Moabit bis hin nach Lichtenrade,
Vom Wedding bis hinauf nach Wittenau.
Da kenn’ ich Kneipen, Plätze, Fassaden
Wie jedes Loch in meinen Taschen so genau.

Da gibt es Kneipen, wie vor hundert Jahren,
Da steh’n am Tresen noch die Stammkunden umher,
Die zur Eröffnung auch schon hier waren,
Da gibt es Dinge, die gibt es schon fast nicht mehr.
Da ist der Bierhahn niemals ganz geschlossen,
Da steht ein Brotkorb, und der ist für jeden frei,
Und mancher holt sich dort sein Almosen
Und isst’s im Duft von Eisbein und Kartoffelbrei.
Da gibt es Straßen voller Glanz und Flitter,
Und ein paar Schritte weiter and’re Straßen, wo
Die Tür’n verschloss’ner als Kerkergitter,
Die Pflastersteine härter sind, als anderswo.

Da gibt’s Fassaden, die wie damals prangen,
Und jeder Mauerstein erzählt: es war einmal!
Als wär’ die Zeit dran vorbeigegangen,
Dann gibt es andere, da war es nicht der Fall.
Da gibt es Heilige und Sonderlinge,
Weltenerlöser und Propheten aller Art.
Und man hört lächelnd verworr’ne Dinge
Von Weltenuntergang und sünd’ger Gegenwart.
Da gibt’s noch Seen und richtige Wälder
Mit echten Förstern drin in zünft’ger Tracht.
Da gibt’s noch richtige Wiesen und Felder,
Und echte Füchse sagen sich dort „Gute Nacht“.

Da gibt es Laubenpieper, deren Gärten
Ein Stückchen Sanssouci, ein Stückchen Acker sind.
Vor Apfelbäumen und Gartenzwergen
Dreh’n unverdrossen kleine Mühlen sich im Wind.
Da gibt es Dorfau’n, wie im Bilderbogen,
Auf denen spenden Gaslaternen gelbes Licht.
Da sind die Vorhänge zugezogen,
Und hinter jedem Vorhang regt sich ein Gesicht.
Da gibt es Wüsten aus Beton und Steinen,
Und alle Straßen darin sind gespenstisch leer.
Wie eine Fata Morgana scheinen
Noch ein paar Schrebergärten vor dem Häusermeer.

Höfe, in die sich keine Fremden wagen,
In denen immer grade irgendwas passiert,
In denen, wie hier die Leute sagen,
Man mit dem Schießeisen die Miete abkassiert.
Da gibt’s von Zeit zu Zeit noch einen greisen,
Halbtauben Lumpensammler, der am Haustor schellt,
„Ankauf von Lumpen, Papier, Alteisen!“
Schon fast ein Fabelwesen einer and’ren Welt.
Der Braunbierwagen fährt längst and’re Lasten.
Den Scherenschleifer und den Kesselschmied,
Den Alten mit seinem Leierkasten,
Die gibt es fast nur noch in meinem Lied.

Ich trag’ den Staub von deinen Straßen
An meinen Schuhen heute noch mit mir herum.
Ich habe sie halt nie putzen lassen,
Nur aus Vergeßlichkeit? Nun ja, vielleicht darum.

Reinhard Mey




Willy Brandt in Berlin

Es gibt nur wenige Politiker, die ich respektiere. An erster Stelle steht dabei Willy Brandt. Nicht nur aufgrund seiner offenen Politik als Bundeskanzler, speziell seiner Außenpolitik, sondern auch wegen seiner Geschichte während der Nazizeit. Er war ja bereits 1933 nach Norwegen geflohen und baute dort das Auslandsbüro der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) auf, die teilweise bis zum Ende des Faschismus in Deutschland illegale Arbeit leistete. Aber ich habe auch Kritik an ihm, vor allem wegen seiner Städtebaupolitik als Regierender Bürgermeister von Berlin. Brandt gehörte zu denen, die die autogerechte Stadt propagierten, was er wohl als fortschrittlich und modern ansah. Genauso wie den Bau der Großsiedlungen Märkisches Viertel und Gropiusstadt, für die im Gegenzug riesige Altbaugebiete im Wedding und Kreuzberg abgerissen wurden. Er selber wollte jedoch lieber im ruhigen Zehlendorf wohnen.

Willy Brandt und Berlin gehören eng zusammen, obwohl er nur 19 Jahre hier gewohnt hat. Aber es gibt einige Adressen, die eng mit seinem Namen verbunden sind:

Kurfürstendamm 20
Drei Jahre nach seiner Flucht kam Willy Brandt 1936 unter falschem Namen nach Berlin, um hier die Kontakte zur mittlerweile illegalen SAP und dem antifaschistischen Widerstand zu pflegen. Drei Monate lang lebte er als angeblicher Student „Gunnar Gaasland“ in einer Pension direkt neben dem damaligen Café Kranzler.

Marathonallee 34
1938 war Brandt die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden, ab 1940 war er Norweger. Nach der Nazizeit kam er 1947 als Presseattaché der norwegischen Militärmission nach Berlin. Das Gebäude im Westend wurde vom „U-Bahn-Architekten“ Alfred Grenander entworfen und steht heute unter Denkmalschutz.

Uhlandstraße 7
Dort befand sich der 1. Sitz der norwegischen Militärmission in Berlin. Auch hier arbeitete Willy Brandt.

Trabener Straße 74
1948 und 1949 lebte Brandt mit seiner Frau Ruth am Halensee. Hier wurde auch ihr gemeinsamer Sohn Peter geboren.

Marinesteig 9
In dieser Zeit arbeitet Willy Brandt bereits für die SPD. Als die Parteiführung 1949 nach Bonn zieht, arbeitete er teilweise dort. Er war Mitglied des Bundestags für Berlin. Anfang 1950 zog das Ehepaar Brandt nach Zehlendorf, wo der zweite Sohn Lars geboren wurde. Hier stand die NS-Marinesiedlung, wo die Brandts eine Wohnung hatten.

Marinesteig 14
1955 zog die Familie auf die andere Straßenseite, direkt am Schlachtensee in eine Doppelhaushälfte. In diesem Haus kam der dritte Sohn zur Welt, Matthias. 1957 wurde Willy Brandt dann Regierender Bürgermeister.

John-F.-Kennedy-Platz
Zu dieser Zeit stand das Rathaus Schöneberg noch am Rudolph-Wilde-Platz. Er wurde erst nach der Ermordung Kennedys nach ihm benannt. Von 1949 bis 1990 befand sich dort der Sitz des Senats sowie des Abgeordnetenhauses. Es war von 1957 bis 1966 Brandts Arbeitsplatz als Regierender Bürgermeister.

Taubertstraße 19
1964 folgte der nächste Umzug, diesmal in ein Nebengebäude des Senatsgästehauses im Stadtteil Grunewald. Zwei Jahre später verließ Brandt die Stadt und ging als Außenminister nach Bonn.

Wasgensteig
Nach seinem Tod wurde Willy Brand auf dem Waldfriedhof Zehlendorf begraben, nahe dem Grab von Ernst Reuter.

Willy-Brandt-Straße 1
Das einzige Gebäude in dieser Straße ist seit 2001 das Bundeskanzleramt. Damit erhielt Brandt zwar nur eine sehr kurze Straße, aber eine wichtige Adresse.

Wilhelmstraße 140
Ausgerechnet nach dem letzten Kaiser, der die Sozialdemokraten ja gehasst und verfolgt hat, ist die Straße benannt, in der sich seit 1996 die Bundeszentrale der SPD befindet, das Willy-Brandt-Haus.

BER
Am Hauptgebäude des neuen Flughafens in Schönefeld steht zu beiden Seiten „Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt“. Damit sollte einer der wichtigsten Politiker der Region und des Staates geehrt werden. Dass mit ihm nun auch die ewige Verzögerung der Inbetriebnahme verbunden wird, dafür kann Brandt aber wirklich nichts.




Echte Schwestern

Zwei Franziskanerinnen betreuen Aids-Kranke, schwules Leben gehört zu ihrem Alltag. Diese Nonnen machen ernst mit der Nächstenliebe. Eine Würdigung.

Der Mann war auf der Flucht, und er trat sie nach vorne an. “Ick habe eure Nummer von der Aids-Hilfe”, sagte er, “die haben gesagt: Sind zwar Nonnen, aber egal. Ick habe ein Problem: Ick braucht eure Hilfe. Aber ick bin schwul, trinke zehn Dosen Bier am Tag, bin Atheist und habe einen Hund.” – “Wo ist das Problem?”, fragte Schwester Hannelore. Schwester Juvenalis, 68, lächelt liebevoll, während ihre Mitschwester Hannelore, 46, die Anekdote von damals zum Besten gibt. Dann erzählt Schwester Juvenalis stolz, wie die Geschichte weiterging: Einige Monate später verließ der Man diese Welt mit einem Versprechen: “Wenn es den da oben wirklich gibt, halt ich euch die erste Reihe frei.”

Höchstens der Papst könnte noch daran zweifeln, dass diese beiden Ordensschwestern einen Platz im Himmel sicher haben. Sie haben immer ernst gemacht mit der Nächstenliebe. Mitte der 90er Jahre verließen sie ihr Kloster in Münster und gingen nach Berlin. Damals wütete die Aids-Katastrophe in der schwulen Hauptstadt noch ungebremst. Deswegen kamen sie. Man kann das nicht richtig würdigen, wenn man nicht versteht, warum die beiden Nonnen wurden. Aber es hilft schon, ihnen in ihre wachen Augen zu schauen: In ihren Blicken liegt eine liebevolle Gewissheit.

Im Jahr 1960 war Schwester Juvenalis sich nicht sicher. Sie trug noch ihren bürgerlichen Namen: Engeline. Wirklich wahr. Engeline war damals 23 Jahre alt und verliebt in einen Jan. Sie hatte den Wunsch, eine Familie zu gründen, aber irgendwas stimmte nicht. Ihr Geliebter spürte das. Und fragte schließlich: “Ist da ein anderer?” Ja, da war ein anderer, aber es war kein Nebenbuhler. Engeline wollte mit Gott leben – und ging noch im selben Jahr ins Kloster.
Schwester Hannelore vollzog diesen Schritt 27 Jahre später erstmal testweise, für zwei Wochen. in dieser Zeit verstand sie die franziskanische Überzeugung. “Es ging nicht darum, dass irgendwer oben denkt, und die anderen gehorchen”, sagt sie, “im Vordergrund steht immer die Frage: Was ist aus christlicher Sicht heute dran? Was sind die Zeichen der Zeit? Der heilige Franziskus ging zu den Lebrakranken vor den Toren der Stand. Und wir kümmern uns um Menschen mit Aids.” Schwester Juvenalis und Schwester Hannelore leben heute in einer Nonnen-WG in Pankow. Sie teilen ihre schlichte Altbau-Wohnung mit Schwester Bernhildis, die als Köchin in einer Suppenküche für Obdachlose arbeitet. Im Erdgeschoss haben sie das Büro ihres Hospizdienstes Tauwerk eingerichtet. Von hier aus organisieren sie die Betreuung von Aids-Kranken in ihrer letzten Lebensphase – in den eigenen vier Wänden. 30 bis 40 Fälle übernimmt Tauwerk pro Jahr. Alle drei bis vier Wochen stirbt einer der Schützlinge. In An einem goldgelben Vorhang neben dem Schreibtisch hängen, mit Stecknadeln befestigt, unzählige Kärtchen mit Namen und Todesdaten; ein schwules Paar hat eine Doppelkarte bekommen. Vergessen wird niemand. Der Tod mag hier kräftig zulangen, doch zur Routine wird er nicht.

“Juvi!” – Paul fällt der kleinen Nonne zur Begrüßung um den Hals. Der 58-Jährige ist seit 18 Jahren HIV positiv, und die Krankheit ist schon weit fortgeschritten. Das Fettgewebe in seinem Gesicht hat sich durch die HIV-Medikamente zurückgezogen, und es fällt ihm nicht leicht, artikuliert zu sprechen. Paul war vor zehn Jahren der erste Patient von Tauwerk. Jetzt kommt regelmäßig eine Ehrenamtlerin und kocht für ihn. Heute ist Schwester Juvenalis mit nach Wilmersdorf gefahren, um mit Paul und seinem Mann Mark, ebenfalls seit 18 Jahren infiziert, Kaffee zu trinken.

Als die beiden Nonnen das Paar kennen lernten, wollte Paul gerade aus der Kirche austreten. “Irgendwann”, erinnert sich Schwester Juvenalis, “hat er dann gesagt: Wenn es Leute wie euch in der Kirche gibt, brauche ich nicht mehr auszutreten.” Schwester Juvenalis greift sich ans Herz und lächelt. Sie ist noch immer gerührt.
Am Anfang wurden die Schwestern von den Schwulen nicht immer mit offenen Armen empfangen. “Erst krieg ich Aids, und jetzt hab ich auch noch ‘ne Nonne am Hals!” – so was bekamen die beiden damals zu hören. Es war verletzend, Opfer von Vorurteilen zu sein, aber die beiden verstanden, dass diese schroffe Ablehnung ebenfalls aus Verletzung entstanden war: Katholiken hatten das böse Wort von Aids als der “gerechten Strafe Gottes” ausgesprochen. Diese Wunde wollte sie heilen. Schwester Juvenalis und Schwester Hannelore ließen keinen Gauweiler von der CSU und keinen Papst für sich sprechen. Sie waren selbst nach Berlin gekommen. Gemeinsam mit jungen Schwulen gingen die gelernten Krankenschwestern zu speziellen Schulungen der Aids-Hilfe. Bei ihren Patienten fragten sie nie, wie einer sich infiziert hatte. Was spielte das für eine Rolle?

Aber Moment! Was ist denn nun mit Sex? “Wir finden nicht alles gut, was es da so gibt”, sagt Schwester Juvenalis. Sie meint die eher “lieblosen” Formen von Sexualität, die ja gerade in der schwulen Welt vorkommen. Aber sie fügt von sich aus hinzu: “Das sehe ich dann aber bei Heterosexuellen genauso.”
Und sie betont, dass es sich um eine persönliche Meinung handelt. Die Lebensentwürfe ihrer Schützlinge haben die beiden immer respektiert. Das gilt bis zum letzten Atemzug. “Die Kranken führen bei uns eine Regie”, bekräftigt Schwester Hannelore.
Dazu gehört auch, dass die Nonnen meist nicht in ihrer Tracht ausrücken, sondern in entspannter Freizeitkleidung: “Ich muss dann nicht immer erst erklären, dass ich nicht mit dem erhobenen Zeigefinger komme.” Bei Beerdigungen stellen die beiden eine Kerze auf, die von einem “Halleluja”-Schriftzug und der Regenbogenfahne geziert wird.
“Ich habe viel von ‘unseren Männern’ gelernt”, sagt Schwester Juvenalis. In vielen schwulen Beziehungen erleben wir, wie liebevoll und feinfühlig die Partner miteinander umgehen.”
Sie klingt fast ein bisschen zu bescheiden, als sie das sagt. Aber so sind die Nonnen nun mal.

Holger Wicht

Mit freundlicher Genehmigung der Siegessäule

Tauwerk ist auf ehrenamtliche Helfer und Spenden angewiesen.
Spendenkonto: 1279331008
Berliner Volksbank
BLZ 100 900 00
Weitere Informationen:
www.hospiztauwerk.de




Kunstklo

Manche Künstler haben es schwer, auf sich aufmerksam zu machen. Nicht jeder kann seine Werke in einer Galerie ausstellen und so muss sich mancher andere Wege an die Öffentlichkeit suchen. So wie der Künstler Flocke Art.
Eine Stehtoilette am Senefelderplatz im Prenzlauer Berg wurde von ihm komplett beklebt. Komplett heißt: Auch die Innenwände, an denen regelmäßig Wasser herunterläuft, um die Hinterlassenschaften der Männer abzuspülen. Stattdessen pinkelt man nun auf die Werke des Künstlers. Das ist etwas gewöhnungsbedüftig.
An den beiden Ausgängen des Klohäuschens sind Taschen angebracht, in denen verschiedene, durchnummerierte Drucke zum Mitnehmen stecken. Eine nette Geste, die man – wenn man möchte – mit einer Spende auf ein Paypalkonto honorieren kann.




Neuer, alter Weltbaum

1975: Noch nicht lange ist die Umweltverschmutzung in der deutschen Gesellschaft ein Thema. Politik und Medien greifen es nur zögerlich auf. Mitten in diese Zeit malt der Künstler Ben Wagin zusammen mit Freunden im Zentrum des alten West-Berlins ein Wandbild, auf dem die von Menschen gemachte Zerstörung der Umwelt thematisiert wird. Es ist das erste große Wandbild im Nachkriegs-Berlin, das nicht kommerzieller Werbung dient. Und es ist sehr aussagekräftig. Im Zentrum steht ein Baum, der vor Schmerzen schreit und das Waldsterben symbolisiert. Daneben ein Auspufftopf, als Beispiel für die Ursache der Umweltverschmutzung. Über allem werden auf einem Frachtschiff neue Bäume importiert, weil die alten dem sauren Regen zum Opfer gefallen sind.

Direkt am S-Bhf. Tiergarten konnte man das Bild 43 Jahre lang sehen, auch wenn es in der Zeit immer mehr verwittert ist. Nun aber schien sein Ende gekommen zu sein, denn direkt davor wird nun ein Neubau gesetzt. Bald ist dann nichts mehr übrig.

Aber das Bild wurde trotzdem gerettet. Als Auftakt des Mural-Festivals, in dem in den kommenden Wochen Dutzende neuer Wandbilder in Berlin entstehen, wurde der Weltbaum verpflanzt. Eine Künstlergruppe, die mit Ben Wagin freundschaftlich verbunden ist, hat es originalgetreu an eine neue Hauswand gemalt. Seit heute strahlt der Weltbaum 2.0 an der Lehrter Straße 27-30 in Moabit in frischen Farben. Bei der offiziellen Umtopfung griff Ben Wagin sogar selber zur Schaufel. Der Kultursenator Klaus Lederer hielt eine liebevolle Rede auf den ursprünglichen Künstler. Ben Wagin sagte, dass man damals extra Leute zur Einweihung des Bildes in die Bachstraße mobilisieren musste. Heute thront es über einem gut besuchten Spielplatz und ist nicht allein.

Nur einen kleinen Wermutstropfen gibt es noch: Bisher wohnte Ben Wagin nur 100 Meter von seinem Werk entfernt, nun muss er ein paar Kilometer fahren, um es sehen zu können. Dafür aber strahlt es heute wieder in alter Kraft. Und darauf kommt es ja an. Und es ist wohl das einzige Wandbild in Berlin, das jemals umgezogen ist.




Obdachloser des Jahres

Seit Jahren steigt in Berlin die Zahl der wohnungs- und obdachlosen Menschen. Schätzungen zufolge gibt es in unserer Stadt derzeit zwischen 6.000 und 8.000 Obdachlose. Der Senat weigert sich, in ausreichendem Umfang Wohnungen bauen zu lassen, weil er das Geld lieber für den Flughafen- und U-Bahnbau oder die Sanierung der Staatsoper ausgibt.

Nun aber kommt endlich Bewegung ins Spiel: Wie der Regierende Bürgermeister Michael Müller zusammen mit Sozialsenatorin Elke Breitenbach gestern auf einer Pressekonferenz mitteilte, wird der Senat nun endlich aktiv. Zwar werden auch weiterhin keine Wohnungen für die Betroffenen gebaut, dafür aber soll ab sofort jeweils im April der „Obdachlose des Jahres“ gekürt werden!

Damit wird öffentlich gezeigt, dass die politisch Verantwortlichen Mitleid mit den von Obdachlosigkeit Betroffenen haben. Das Gesicht des „Obdachlosen des Jahres“ wird in einer Senatsmitteilung veröffentlicht. Außerdem wird ihm in einer kleinen Zeremonie in der Bahnhofsmission am Zoo die „Goldene Bierflasche“ überreicht. So sollen die Ausgezeichneten das Gefühl bekommen, dass ihre Sorgen endlich nicht mehr ignoriert werden und dass man sie ernst nimmt.

Bewerben können sich alle Menschen, die seit mindestens einem Jahr in Berlin auf der Straße leben! Teilnahmebedingung: Der/die Betreffende muss sich selber bewerben, unter Angabe der persönlichen Daten wie Name, Geburtsdatum und Wohnadresse.




Obdachlose unerwünscht

Ein paar tausend Menschen leben in Berlin auf der Straße, die Schätzungen schwanken zwischen 5.000 und 9.000. Sie stammen aus Berlin, aus der Uckermark, aus Rumänien oder anderen Ländern. Sie sind hier gestrandet, aus sehr unterschiedlichen Gründen.

Wer keine Wohnung hat, muss woanders schlafen, “leben” kann man dazu ja nicht sagen. Sie legen sich unter Brücken, in die Eingänge leer stehender Geschäfte, vermehrt auch an den Rand von Bürgersteigen. Ein Teil von ihnen schläft auf Parkbänken, manche bauen sich irgendwo ein Zelt. So sind sie wenigstens gefühlt ein wenig geschützt.

Allen gemein ist, dass sie sich ihre schreckliche Situation nicht selbst ausgesucht haben. Und dass sie in der Regel Hilfe benötigen. Doch diese bekommen sie kaum. Bezirke und private Einrichtungen stellen im Winter gerade mal 1.000 Notübernachtungsplätze zur Verfügung, tagsüber und in den meisten anderen Monaten müssen die Obdachlosen selber sehen, wo sie bleiben.

Das Elend dieser Menschen wird ignoriert. Anstatt ihnen dauerhafte Wohn- oder wenigstens Übernachtungsmöglichkeiten zu bieten, gehen die Ordnungsämter gegen diese Menschen vor und vertreiben sie. Die Bezirke schicken die Polizei vor, um die kleinen Camps zu räumen, in denen sich Obdachlose zusammengeschlossen haben, um gegen die Aggressionen von Bürgern besser geschützt zu sein. Auch weil es ein Bedürfnis von Menschen ist, nicht allein dazustehen, vor allem in solch einer schrecklichen Situation.

Besonders traurig ist, dass es ausgerechnet die Vertreter/innen angeblich sozialer Parteien sind, die sich bei der Vertreibung von Obdachlosen hervor tun:

  • Neuköllns SPD-Bürgermeisterin Franziska Giffey spricht ihnen Ansprüche auf Sozialleistungen ab, lässt ihre Camps räumen, beklagt die Vermüllung und behauptet, Obdachlose würde gezielt mit Bussen aus dem Ausland nach Berlin gebracht.
  • Monika Herrmann, Grünen-Bürgermeisterin von Kreuzberg-Friedrichshain, lässt ein Obdachlosen-Camp von einer Brache am Bahngelände nahe der Warschauer Brücke räumen, obwohl dieses Gelände nicht genutzt wird.
  • Der ebenfalls grüne Bürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel, schickt Polizei und Ordnungsämter immer wieder in die Parks und an die Spree, um den Obdachlosen ihren Schlafplätze zu nehmen. Die Pickel im schicken Gesicht des Touristenbezirks sollen ja nicht sichtbar sein. Dafür nimmt man gerne in Kauf, dass sich diese Menschen elend in irgendwelche Kellerlöchern verkriechen müssen. Dassel forderte sogar, die Obdachlosen nicht nur z.B. aus dem Tiergarten zu vertreiben, sondern sie sogar aus Deutschland abzuschieben!
  • Rund um den Hansaplatz profiliert sich Thomas Isenberg auf Kosten der Obdachlosen. Der SPD-Abgeordnete bekämpft die Armen zusammen mit dem Bürgerverein Hansaviertel. So wurde die sonntägliche Obdachlosenspeisung auf dem Hansaplatz auf sein Betreiben hin verboten. Er kündigte auch an, die Läden am Hansaplatz anzuschreiben, damit sie den Wohnungslosen nichts verkaufen und ihnen keine Pfandflaschen mehr abnehmen. Und dass die BVG den U-Bahnhof Hansaplatz, als einen vor ursprünglich drei Bahnhöfen im Winter nun nicht mehr nachts für Obdachlose öffnet, ist sicher auch kein Zufall.

Obdachlosigkeit ist ein Problem, das man nicht einfach ignorieren oder vertreiben kann. Die Menschen sind nun mal in dieser Situation und es ist keine Lösung, sie zu vertreiben. Dann liegen sie eben woanders, wo man sie ebenfalls wieder weg jagt.

Warum kümmern sich die Bezirke nicht darum, diesen Menschen zu helfen? Sie gehören zu den Hilflosesten in unserer Gesellschaft, aber anstatt sie zu unterstützen, behandelt man sie in höchstem Maße unmenschlich. Man zerstört ihre kleinen Schlafplätze, schickt sie weg, wenn sie betteln. Für die schicke Friedrichstraße, für die Veranstaltungen auf der Straße des 17. Juni ist immer genug Geld da. Milliarden von Euro werden für Großbauprojekte wie den Flughafen, Staatsoper, Autobahn- und U-Bahn-Bau zur Verfügung gestellt, aber so gut wie nichts, um den Obdachlosen ein einigermaßen menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.

Bürgermeister wie Dassel spenden einmal etwas Geld für ein Obdachlosenheim, um demonstrativ zu zeigen, wie sehr ihm diese Menschen doch am Herzen liegen. Und dann schickt er seine Truppen los, um alle anderen wieder aus den Parks zu vertreiben, wo sie sich wenigstens ein bisschen Schutz erhoffen.

Diese Politik ist unmenschlich und muss beendet werden! Anstatt sich über den Dreck zu beschweren und Obdachlose zu vertreiben, stellt ihnen wenigstens Toilettenhäuschen und eine tägliche warme Mahlzeit zur Verfügung! Öffnet die Turnhallen und Schwimmhallen für sie, damit sie sich waschen und duschen können. Schickt ihnen Sozialarbeiter, die ihnen helfen, wieder in der Gesellschaft Fuß fassen zu können. Und sorgt dafür, dass sie in den noch immer leer stehenden Häusern und Wohnungen eine neue Bleibe bekommen.
Vertreibung von Obdachlosen ist unmenschlich und tötet! Eine soziale Politik sieht anders aus.




Züge

In Berlin gibt es die S-Bahn, die U-Bahn und Straßenbahnen. Die Berliner S-Bahn (S von „Stadtbahn“) sieht unverwechselbar aus wie die Berliner S-Bahn. Die Berliner U-Bahn sieht aus wie die U-Bahnen in Metropolen wie London oder Paris. Beide fahren völlig getrennt vom Straßenverkehr und haben Bahnhöfe. Die Straßenbahn fährt auf der Straße herum, kann deswegen keine Stromschiene haben und hat eine Oberleitung. Sie hat keine Bahnhöfe, sondern Haltestellen.

Im Ruhrgebiet, in Köln und Düsseldorf hat man irgendwann angefangen, Stücke von Straßenbahnstrecken einzugraben. Auch unter der Erde sehen diese Straßenbahnen mit ihrer Oberleitung wie Straßenbahnen aus, und am Ende des Tunnels fahren sie wieder auf der Straße herum.

Weil diese Städte gerne metropolitan sein wollten, haben sie jede Straßenbahnlinie, von der ein kleines Stückchen eingegraben wurde, mit einem weißen U auf blauem Grund gekennzeichnet, wie die Berliner U-Bahn. Darunter steht dann auch noch „Stadtbahn“, mit S. Ich habe das schon immer bedenklich gefunden. Seit heute morgen ist gesichert, dass man davon geistig umnachtet wird. Hier ein Chat mit einem Kölner, der sich derzeit in Neukölln aufhält, ganz Berlin erkunden will und mich um Rat fragte:

[08:24:53] Harry: ich brauche einfach Zeit, alles zu lernen, anders geht es nicht. Es ist einfach eine Großstadt, das hatte ich vergessen
[08:28:20] Hanno: Ich rate, mit dem Erkunden anzufangen mit Bus und Straßenbahn. Und dann interessante Gegenden zu Fuß zu besuchen.
[08:30:21] Harry: diese Stadt kann man nicht in einer Woche kennen lernen…
[08:30:53] Harry: das möchte ich, was natürlich NICHT funktioniert!!!
[08:31:41] Hanno: www.bvg.de/index.php/de/3713/name/Liniennetz.html
[08:32:08] Hanno: Hier findest du das Straßenbahnnetz. Das bekommst du auch auf Papier am Bahnhof Köpenick.
[08:32:23] Hanno: Köpenick ist echt ein Straßenbahn-Zentralpunkt.
[08:32:33] Harry: das hätte ich nicht gedacht!
[08:32:51] Harry: diesen besagten Plan habe ich auf Papier und ständig dabei!
[08:33:05] Hanno: Den Plan habe ich noch nie bei dir gesehen.
[08:33:08] Harry: ohne diesen wär ich wohl schon in Moskau angekommen
[08:33:19] Hanno: „Straßenbahnnetz“ schrieb ich.
[08:33:21] Hanno: Straßenbahnnetz
[08:33:40] Harry: dass ist doch der kleine Faltbare, den ich dann immer verkleinere!!!
[08:33:53] Harry: habe diesen unverzichtbaren Plan
[08:33:58] Hanno: S t r a ß e n b a h n n e t z
[08:34:20] Harry: und dabei habe
[08:34:21] Hanno: Kennst du den Unterschied zwischen Straßenbahn und S-U-Bahn?
[08:35:19] Harry: grundsätzlich schon – für mich sind es eigentlich allgemein Straßenbahnen, bzw. eigentlich passt Züge besser
[08:35:39] Hanno: Es hat keinen Zweck.
[08:36:02] Hanno: Ich will dir was erklären, und ich weiß natürlich, dass du das S-U-Bahnnetz immer dabei hast.
[08:36:19] Hanno: Aber ich rede vom Straßenbahnnetz. Das ist etwas anderes. Straßenbahnen fahren mitten auf der STRASSE.
[08:36:23] Harry: S – U – Bahn sind auch Straßenbahnen, wenn auf Straßen fahren – U-Bahn fährt in Köln auch auf der Straße !!!
[08:36:37] Harry: hier vielleicht nicht – aber es sind alles Züge!!!
[08:36:46] Hanno: Ich gebe auf.
[08:37:10] Harry: es sind alles Züge, ob es dann S oder U Bahnen sind –
[08:37:45] Hanno: Die S-Bahn, das sind Züge der Bundesbahn. Für den Nahverkehr eingerichtete Eisenbahnen.
[08:37:49] Harry: jedenfalls habe ich den Plan, wo S / U, aber keine Bus und Tram Verbindungen drauf sind
[08:37:57] Hanno: Ja, ich weiß.
[08:38:06] Harry: dass ist mir bekannt, dass die S von der DB ist
[08:39:21] Hanno: Die U-Bahn, das sind ganz andere Züge. Die fahren hier immer entweder unter der Straße oder als Hochbahn und nur in ein, zwei Außenbezirken auf Straßenniveau. Aber auch da immer eingezäunt und für Fußgänger unerreichbar.
[08:39:32] Hanno: Beide nennt man hier NICHT Straßenbahn.
[08:39:53] Hanno: Wenn du darauf besteht, sie Straßenbahn zu nennen, können wir uns nicht verstehen.
[08:40:04] Hanno: Du hast das S-U-Bahn-Netz. Ich rede vom Straßenbahnnetz. Da stehen die Linien drauf, die man hier in Berlin Straßenbahn nennt. Dass sind also NICHT, WIRKLICH NICHT die S- und U-Bahnen!
[08:40:54] Hanno: Was ich sagen wollte:
[08:40:55] Harry: ok, aber es sind Züge – du „darfst“ es nicht so eng sehen – es sind alles Züge und die brauche ich hier
[08:41:03] Hanno: Ok, ich gebe auf. Ich wollte dir einen Rat geben, aber ich komme nicht durch. Es gelingt mir nicht, deine Aufmerksamkeit auf einen Plan zu lenken, den du noch nicht kennst.
[08:41:50] Harry: oben auf der Karte steht „S“ “ U“ und „Bahn“ Berlin Liniennetz Routemap (letzte Wort kursiv)
[08:42:33] Hanno: Ich wollte von etwas ANDEREM reden, aber ich komme nicht durch.
[08:42:37] Hanno: Ende der Sendung.
[08:45:16] Harry: sei einfach etwas geschmeidiger




Kein Anschluss unter dieser Nummer

Mit großem Getöse hatte die Polizei im Jahr 2004 ihr “Bürgertelefon” eingerichtet. Plakate, Fernsehberichte, die Einsatzwagen fahren bis heute mit Werbeaufklebern herum. Unter der Nummer 4664 4664 soll all das gemeldet werden, was kein Notfall ist, also die Nummer 110 nicht blockieren sollte.

Nur leider, leider: Wer dort anruft braucht Geduld. Sehr viel Geduld. Es kann vorkommen, dass man bis zu einer halben Stunde probieren muss, ehe man endlich jemanden am Telefon hat. Entweder es ist ständig besetzt oder es geht niemand ran. Nach 20 mal klingeln wird die Verbindung automatisch unterbrochen und man darf sich wieder hinten anstellen. Und selbst wenn man dann einen der freundlichen Herren erreicht, ist noch nicht gesagt, dass auch was passiert.

Als sich vor Kurzem vor unserem Haus der Bürgersteig absenkte weil er anscheinend unterspült war, habe ich beim Bürgertelefon angerufen. Immerhin besteht ja eine akute Unfallgefahr. Nach zwei Stunden hielt ein Polizeiwagen, ein schwerer, bärtige Uniformträger stieg aus, ging einmal um das Loch herum und fuhr wieder weg. Das wars. Seitdem gings es immer weiter bergab. Mittlerweile hat unser Gehweg schon eine richtige Stufe, was zwar tagsüber kein Problem ist, aber nachts schnell zu gebrochenen Beinen führen kann. Abgesperrt ist es bis heute nicht.

Auch mein Anruf wegen des Ausfalls aller vier Straßenlaternen an unserer Kreuzung war überflüssig. Nach 17 Uhr liegt sie im Dunkeln, nur die vorbeifahrenden Autos spenden ein wenig Licht. Jetzt zur Weihnachtszeit mag das ja ganz gemütlich sein, aber tatsächlich ist es nur ärgerlich. Und gefährlich, denn 100 Meter hinter der Kreuzung liegt eine Grundschule und da es keine Ampeln gibt ist es für die Kinder am späten Nachmittag ziemlich gefährlich, die Kreuzung zu überqueren.

Aber wenigstens gibt es ein Bürgertelefon, mit dem Polizei und Senat ein bisschen angeben können. Auch wenn es nicht viel bringt. Ein Polizeisprecher sagte, das Problem läge darin, dass dort zu viele Leute wegen Dingen anrufen, für die das Telefon nicht gedacht sei. Als Beispiel nannte er Kopfschmerzen, dass der Treppenaufgang nicht geputzt wurde oder dass jemand Hilfe beim Suche der Brille in der eigenen Wohnung bräuchte.




Hausnummerierung in Berlin

Noch heute gibt es vor allem bei Berlin-Besuchern Probleme, wenn sie auf der Suche nach einer bestimmten Hausnummer sind. Mal läuft die Nummerierung abwechselnd rechts und links die Straße entlang, mal geht sie auf einer Straßenseite hin und auf der anderen wieder zurück. Und in manchen Gegenden laufen sie quer durch die Blöcke, was vor allem in den östlichen Satellitenstädten der Fall ist.

Das alles ist aber gar nichts gegen die Verhältnisse, die vor über 200 Jahren geherrscht haben. Damals hatten die Häuser nämlich überhaupt keine Nummern. Wenn man jemanden besuchen wollte, musste man sich den Weg beschreiben lassen: “Fast am Ende der Französischen Straße, rechter Hand, zwischen dem Brauer Kitzing und der Witwe Sutern, schräg gegenüber des Hauses mit den Weinranken”.

Dass dies vor allem wegen der ständigen Ausdehnung der Stadt kein Dauerzustand bleiben kann, wurde auch den Stadtoberen klar. Mitte des 18. Jahrhundert gab es weit über 6000 Häuser in Berlin, wer sollte da noch einen Überblick haben? Und so wurde diskutiert und ausprobiert und als 1798 endlich eine reichlich umständliche Lösung gefunden war, gab es bereits 7000 Gebäude. Wie diese aussah, erfahren Sie im anhängen Text von Stadtpräsidenten Eisenberg, der aus dem Original ins heutige Deutsch übersetzt wurde.
Allerdings ist anzumerken, dass diese Variante gerade mal fünf Jahre hielt. Schon 1803 wurde das System wieder umgeworfen und die fortlaufende Nummerierung innerhalb einer Straße eingeführt.

Entwurf zum Nummerieren der Häuser in Berlin

Ein ungemein verdienstliches Werk unternimmt unsere Polizei, welcher wir schon viel Gutes und Heilsames zu verdanken haben. Sie ist mit dem Entwurfe beschäftigt, die Häuser unserer Stadt mit Nummern zu bezeichnen. Ein sehr bedeutendes Vorhaben, für einen Ort von einer so großen Häuserzahl, und wo bisher noch nichts dergleichen stattfand. Wie angenehm nicht bloß, sondern auch wie äußerst bequem, wie wahrhaft nützlich, wird es für jeden Fremden sein, und für jeden Einwohner dem einige Teile dieser großen Stadt immer fremd bleiben werden, wenn er auf den erneuerten und wohlgeformten Blechen an den Ecken jeder Straße ihren Namen lesen kann; wenn er um einzelne Häuser zu finden, deren Beschreibung nach der Lage immer schwer und oft unmöglich und nie genau ist, sich bloß die Nummern derselben zu merken braucht! Die Angaben der Wohnungen im Adresskalender z.B. geschieht nach den Namen des Eigentümers; dieser ist aber oft, zumal wenn er nicht auch selbst in dem Hause wohnt, sogar in der eigenen Straße bei weitem unbekannter als der gesuchte Mietsmann. Bei allen Ankündigungen, Nachrichten usw. bedarf es künftig nur der Nennung einer Zahl. Doch die Sache ist zu einleuchtend, um den öfter danach geäußerten Wunsch hier noch umständlicher auszuführen.

Hr. Präsident Eisenberg, welcher die Publizität ehrt und befördert, erteilt von seinem wichtigen Plane selbst Nachricht und fördert mit edelmütiger Bescheidenheit das Gutachten des Publikums darüber auf. Wer über den Gegenstadt nachgedacht hat, und vorzüglich solche Enrichtungen in anderen Städten kennt, wird bald einige Entwürfe auf der Zunge haben; aber bei genauerer Überlegung auch finden, dass jede Art der Zählung mit eigenen Schwierigkeiten verbunden ist, und dass eine bestimmte Entscheidung für eine Art mehr Vorteil gewährt, als ein ungewissen Schwanken in den Grundsätzen. Nicht zu Vorschlägen, sondern zur Auseinandersetzung des Vorschlages selbst will ich von der mir erteilten Stimmfreiheit mit ein paar Worten hier Gebrauch machen.

Gewöhnlich werden die öffentlichen Gebäude nicht mitgezählt. Allein, wie wenn sie in gerader Straßenlinie mit anderen Häusern stehen, welches selbst bei einigen unserer Kirchen Statt hat, z.B. der Garnisonskirche, der Parochialkirche? Sollen sie in diesem Fall nummeriert werden; so macht es eine große Verwirrung, wenn später sich erst Häuser an jede anreihen. Dem Wanderer wird es ferner oft sehr zweifelhaft sein, ob ein Haus öffentlich ist oder nicht, wie die Schulgebäude, die Stall- und Magazingebäude, usw. Wie vollends, wenn ein Haus einmal seine Bestimmung verändert, und auch dem Gebrauche des Staates oder des Publikums in Privathände übergeht und umgekehrt? Wie, wenn mehrere solche von Beamten oder anderen Personen bewohnte Staatsgebäude nebeneinander liegen und doch keine Bezeichnung ihr Auffinden erleichtert? Hier ist daher die Regel angenommen, dass alle Gebäude mitgezählt werden, vom Schlosse an, welches die Nummer 1 bekommt. Warum nicht?
Wohl niemand wird etwas dagegen einwenden können, dass die Stadtmauer die Grenze macht. Was außer dem Tore liegt, gehört nicht zur eigentlichen Stadt; obgleich Neuvogtland hier eine Ausnahme zu machen scheint. Es kann ja künftig für die Bezeichnung der Häuser und Straßen jenseits der Mauer besonders gesorgt werden.

Nummeriert man alle 6906 Häuser in Einem fort, so bekommt man große Zahlen. Fängt man mit jeder Stadt, und vielleicht sogar mit jeder Vorstadt eine neue Nummer an, so erhält man einerlei Zahlen fünffach oder zehnfach. Wobei ist weniger Verwirrung? Zudem laufen die Grenzen mancher Städte so in einander, dass es schwer fällt, sich herauszufinden z.B. die Neustadt und die Friedrichstadt in der Behrenstraße; die Friedrichstadt und der Werder und Neuköln auf dem Spitalmarkte. Die Regel ist hier erwähnt, die Nummern ohne Unterschied der Viertel fortlaufen zu lassen. Man hat dann nur eine Bezeichnung zu machen und zu behalten, nicht zwei: Für das Quartier der Stadt, und für das Haus selbst.

Wie aber sollen jene fortlaufen? Es hat etwas Befremdendes, wenn Häuser die gerade gegeneinanderüber liegen, in ihrer Nummer um hunderte, ja um ein halbes Tausend oder mehr noch, voneinander abstehen. Um dies zu vermeiden, kann man eine Straße durchweg hintereinander bezeichnen, es sei nun hinauf und hinab, oder überspringend zum Gegennachbarn jedes Hauses; allein, wie kommt man dann zu den jene erste Straße durchschneidenden Querstraßen? Offenbar nicht anders als durch einen gewaltsamen Sprung, durch eine Zerreißung aller Ordnung und alles Zusammenhanges. Am Ende einer von zehn durchschnittenen Straße, kehrt man zu der ersten von diesen zehn zurück, nach deren Beendigung zu der zweiten usw.; sodann zu denen, welche jene erste wieder durchschneiden, darauf zu den Quergassen der zweiten usf.: in einer ununterbrochenen Unterbrechung. Da herrscht nichts als Willkür, und diese gebiert nichts als Verwirrung. Ein nach Grundsätzen geregelter Plan erfordert durchaus, dass nie und nirgend eine Zahl stille stehe, sodass man ihre nächste Folge eine Viertelmeile von dort suchen muss.
Deshalb ist hier zur Regel angenommen, dass ohne Unterbrechung die Zahlen fortlaufen, und zwar zur rechten Hand des Suchenden; wo eine Querstraße eintritt, um die Ecke herum; immer weiter schreitend, damit nie eine Stockung oder ein Sprung oder auch nur ein Hin- und Hergehen vorkomme. Freilich kehrt der Zahlenweg dann nur spät wieder zu der angefangenen und immer aufs neue durch Querwege unterbrochenen ersten Straße zurück, sodass ziemlich benachbarte Häuser höchst verschiedene Nummern erhalten; aber ein Blick auf den Bau der Straße zeigt ja auch, wie oft sie durchschnitten werden muss. Die Nummern sind nicht ihrer selbst wegen, gleichsam rein arithmetisch da, sondern zur Bezeichnung der Häuserreihen deren umbiegender Lage sie folgen müssen. Nur jener Zusammenhang, wodurch keine Zahl plötzlich aufhöret, ohne dass ein Schluss mich darauf bringen könnte, wo die nachfolgende stehen mag, ist für Verstand und Gedächtnis unumgänglich nötig: denn die Zerreißung desselben zerreißt auch meine Überlegung und meine Geduld. Was soll ich anfangen, wenn ich bis 629 fortgelesen habe, und alle Ecken um mich her mir nun 1053, 396, 4742 zeigen? Wie komme ich zu 630, welches ich suche?

Die Verfolgung der Windungen unserer 270 Straßen lässt sich auf mehr als eine Art bewerkstelligen. Die von Hrn. Präs. Eisenberg vorgeschlagene ist deutlich und fasslich: man braucht sich nur mit dem Büchlein etwas bekannt zu machen, um die Methode der Zahlenfortschreitung einzusehen; und noch leichter muss alles werden, wenn der von ihm vorläufig angekündigte Grundriss der Stadt von Hrn. Leutnant Neander erschienen sein wird. Lässt sich Hr. Eisenberg nun, auf diesen ersten Entwurf der bloß nach den Straßen angefertigt ist, bald seinen versprochenen zweiten folgen, worin die Häuser nach dem Namen der Eigentümer und nach der Folge der Zahlen verzeichnet sein werden, so besitzen wir eine vollständige Anleitung zur Einsicht des ganzen Plans, ja gewissermaßen schon die bewerkstelligte Zählung selbst, noch ehe die Nummern angeheftet sind.

Im Ganzen, wie gesagt, scheint es mir ziemlich gleichgültig, welche Methode befolgt wird, wenn sie nur, wie die dem Publikum vorgelegte, offenbar auf Nützlichkeit abzielt und in sich selbst konsequent ist. Über einzelne Teile kann ich mir auf keine Weise eine Beurteilung anmaßen. Nur wage ich bei dieser Gelegenheit den Wunsch, dass die kleinen Gassen welche noch keinen Namen haben, deren es in Berlin mehrere gibt, jede einen eigenen Namen bekommen möge.
Aber meine patriotische Freude kann ich nicht verbergen, dass unsere Stadt zu jedem Guten, welches ihr noch mangelt, so eifrig fortschreitet. Hr. Präsident Eisenberg konnte den Einwohnern kein angenehmeres Neujahrsgeschenk machen, als mit seinem herausgegebenen Entwurf. Und der Name des verdienstvollen Mannes wird bei unseren spätesten Enkeln in geehrtem Andenken bleiben, solange noch eine Nummer an ihrem Hause steht.




Nachts im Tiergarten

Im Großen Tiergarten findet man Ruhe, Sonne, hier kann man Sport treiben, auf der Decke liegen, ich habe dort auch schon mehrmals Crossgolf gespielt. Kinder klettern auf Bäume, Rentner sitzen im Rosengarten, Radfahrer brettern durch die Spaziergänger.

Auf einer bestimmten Wiese im westlichen Teil des Parks sieht man in den Sommermonaten nackte Männer liegen, brav auf Badetüchern präsentieren sie sich dort der lachenden Sonne.
Nur hundert Meter weiter treffen sich andere im dichten Gebüsch zum schnellen Sex. Von außen nicht zu sehen, aber wer den ausgetretenen Pfaden ins Dickicht folgt, trifft sie dort zu jeder Tageszeit. Junge Flüchtlinge und Osteuropäer verdienen sich hier einen schnellen Euro, aber auch schwule Pärchen, denen der Weg nach Hause zu lang ist.

Vor allem aber sind es Männer, die sich zufällig dort treffen. Sie sind erregt, auf der Suche nach einem schnellen sexuellen Abenteuer. So richtig geht es jedoch erst am Abend los. Bis in die frühen Morgenstunden hinein bieten sie dem unwissenden Passanten ein merkwürdiges Bild: Wer um Mitternacht dort spazieren geht, wundert sich vielleicht über die vielen Männer, die am Rand stehen. Manche in kleinen Grüppchen, die meisten aber stehen einfach nur da, total unbeteiligt, als wenn sie auf den Bus warten. Einige sind extrem knapp bekleidet, nur mit engem Lederschlüpper oder Turnhose und Muskelshirt. Kommt jemand vorbei, wird er genau taxiert, von oben nach unten. Passt er ins Beuteschema? Kennt man ihn vielleicht? Zeigt er ebenfalls Interesse?

Cool sein ist in dieser Situation das Wichtigste, bloß nicht zu schnell anbeißen. Wenn der andere gezuckt hat, den Blick erwidert, seinen Gang verlangsamt, dann gehen geht es los. Entweder schlendert man ihm unauffällig hinterher oder er selber bleibt stehen, dreht sich um. Man lockt sich gegenseitig. Wenn beide erstmal angebissen haben, begingt die meist kurze Konversation: „Na.“ – „Haste Lust?“ – „Na klar.“

Zusammen gehen sie ein paar Meter den Weg durch den Park, bis eine der vielen Pfade ins Gebüsch führt. Dort verschwinden sie dann, lehnen sich an einen Baum, ziehen sich gegenseitig aus und haben Sex in jeglicher Form. Es stört auch nicht, wenn am nächsten Baum ein anderes Pärchen vögelt, manchmal tun sie sich sogar zusammen, gelegentlich bilden sich ganze Gruppen.

Wenn in einer warmen Sommernacht sehr spät manchmal 100, 200 Männer dort unterwegs sind, geht es auch mal direkt auf dem Weg zur Sache. Das macht die anderen an, die dann mitmachen. Wenn alle fertig sind, verschwinden die Beteiligten zur Straße oder quer durch den Park zur nächsten Bahn.

Ähnlich läuft es auf der anderen Seite der Straße des 17. Juni. Ein kleineres Gebiet, weniger Männer, aber genauso umtriebig. Manchmal treiben sie es auf den Tischtennisplatten, selten nur zu zweit. Da gibt es die harten Kerle, mit ihren am Hintern ausgeschnittenen Lederhosen. Die angetrunkenen türkischen Männer, die tagsüber brave Bürger sind. Manche Studenten kommen mit dem Fahrrad, schleichen über den Rasen und die Wege. Alle haben die Augen überall, besonders in den Neumondnächten, in denen es hier besonders finster ist.

Es gibt den alten dicken Mann, der sich nackt auf die Bank legt und hofft, dass sich jemand an ihm vergeht. Oder die Spanner, die sich um die vögelnden Männer stellen und onanieren. Und bei mancher Husche ahnt man schon, dass es das erste Mal ist, dass er es einfach mal ausprobieren möchte.

Als ich mal als junger Mann dort war, machte die Polizei nachts hier Razzien. Sie umstellte den Park und jagte alle, die sie kriegen konnten. Die bekamen dann Strafanzeigen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Dabei war das einzige Ärgernis die Polizei selbst.

Klar kann es auch gefährlich sein. Eine Gruppe von drei, vier arabischen Jungs, zog in diesem Sommer öfters lautstark quer durch diesen Teil des Parks und versuchte, schreckhafte Cruiser einzuschüchtern. Eines Nachts griffen sie jemanden an, der daraufhin um Hilfe rief – und es kamen genug, um den Jungs klarzumachen, dass sie dort nicht mehr erwünscht sind.

Und es gibt die andere Gefahr. Viele praktizieren hier ungeschützten Sex, ihre Geilheit schaltet das Gehirn aus und wenn es am nächsten Tag so komisch juckt oder nach einige Monaten eine HIV-Diagnose kommt, ist es zu spät, um ein Kondom zu benutzen.

Das Cruising nachts im Tiergarten ist für manche die einzige Gelegenheit, Sex zu haben. Sie sind in ihrem Alltag nicht geoutet und gehen auch nicht in Clubs oder Bars. Sie finden hier eine schnelle Befriedigung, anonym und ohne weitere Verpflichtungen. Das kann man moralisch verwerflich finden, aber es bleibt jedem selbst überlassen. Es ist der Vorteil der Großstadt.
Ein guter Freund von mir seufzte kürzlich: „Schade, dass es sowas nicht auch für Heteros gibt“.




Baum & Zeit

Als ein Freund mir erzählte, dass er mit mir zum Baumkronenpfad nach Beelitz möchte, war ich nicht ganz so begeistert. “Ist vielleicht ganz nett”, dachte ich, mehr nicht. Aber das war ein Irrtum.
Als wir am späten Nachmittag mit dem Auto ankamen, war der Parkplatz sehr voll. Auf dem Gelände selbst verlief sich das aber.

Schwer zu sagen, was das Highlight ist: Die Ruinen der einstigen Lungenheilanstalt Beelitz oder der eigentliche Pfad? Denn allein schon das großzügige Gelände der Anstalt ist eine Attraktion. Die meisten Gebäude sind beschädigt. Manche sind Ruinen, nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut. Andere wurden von der Sowjetischen Armee wiederhergestellt und als größtes Militärkrankenhaus der DDR betrieben. Schon der Weg zum Baumkronenpfad führt die Besucher vorbei am Hauptgebäude, das sich wie ein Schloss ausbreitet. Angeschlagene Scheiben oder leere Fensterhöhlen, der Putz abgebröckelt, Löcher im Dach, kaputte Jalousien – dass es hier spuken soll, kann man sich gut vorstellen.
60 Gebäude stehen auf dem 200 Hektar großen Gelände. Betreten darf man sie nicht, aber es werden Führungen angeboten, teilweise auch in die Häuser hinein.

Mitten im Gelände steht dann der 36 Meter hohe Turm aus Stahl, mit dem Fahrstuhl kommt man zur Aussichtsplattform. Der Blick ist überwältigend. In der Ferne sieht man winzig einige Türme in Berlin, außen herum mehrere Windparks und gerade um die jetzige Jahreszeit nur Grün in allen Richtungen. Besonders das Krankenhausgelände ist interessant: Der Blick auf die einzelnen Bereiche wird zwar von vielen Bäumen verstellt, trotzdem bekommt man einen Eindruck von der Weite der Anlage.

Die eigentliche Attraktion ist jedoch der Baumkronenpfad. Zu dem steigt man die Treppe bis auf 23 Meter Höhe herab, dann geht es los. Auf über 300 Meter Länge zieht sich der Weg tatsächlich qurch die zahlreichen Baumkronen des Geländes. Oder direkt darüber hinweg. Es ist schwer zu beschreiben, was man fühlt, wenn man sozusagen auf Augenhöhe mit ausgewachsenen Bäumen steht, sie in ihrer Krone berühren kann. Der Baumkronenpfad bringt den Besucher in eine bisher nicht gekannte Weise den Bäumen nahe. Man muss kein ausgesprochener Naturfreak sein, um davon begeistert zu werden.
Aber nicht nur über und durch die Baumwipfel geht man: Der Pfad führt auch an einigen der beschädigten Gebäuden vorbei, am Ende sogar quer hindurch. Auf Höhe eines zerbombten Daches schaut man in die vor Jahrzehnten zerstörten Räume des Sanatoriums, in dem vor 100 Jahren bis zu 1.200 Tuberkolose-Patienten gleichzeitig behandelt wurden. Info-Tafeln klären einen überall auf dem Weg darüber auf, was man gerade sieht, welche Geschichte der jeweilige Ort hat.

An jeder Stelle entdeckt man merkwürdige Dinge, rätselt über die Funktionen bestimmter Gebäudeteile, staunt über die Geschichten. Dass z.B. die Patienten im großen Speisesaal vom Personal eingekreist war, das aufgepasst hat, dass auch alle ihren Teller leer essen, weil es der Genesung diente. Wer das nicht tat, flog raus.
Zu dieser Zeit war 1916 auch der Gefreite Adolf Hitler für zwei Monate als Patient in der Heilstätte, viele Jahre später, 1990, auch Erich Honecker.

Der Baumkronenpfad ist auch für den Besuch mit Kindern geeignet. Nicht ganz Schwindelfreie (wie ich) kommen aber auch klar. Der Besuch kostet für Erwachsene knapp 10 EUR. Man erreicht das Gelände von Berlin aus leicht mit dem Auto oder der Bahn.
Der merkwürdige Name der Website – Baum & Zeit – erklärte sich uns erst nach dem Besuch. Baum – ist klar. Die Zeit: Sie ist hier plastisch greifbar, wenn man sieht, was sie mit der Anlage angestellt hat.
www.baumundzeit.de




Nachts am Heli

Es kommt vor, dass man nachts geweckt wird, weil ein Hubschrauber direkt über dem Haus entlang fliegt. Meistens sind das Notarzt-Helikopter, die zu einem der Berliner Krankenhäuser mit Hubschrauberlandeplatz fliegen. So war es auch gestern früh gegen 0.30 Uhr.
Mein Mitbewohner Micha ist ein Planespotter, ein Heliküsser: Zusammen mit einigen Gleichgesinnten jagt er den Hubschraubern hinterher, um sie zu fotografieren, wenn sie am Krankenhaus landen oder starten. Er lässt dann alles stehen und liegen und rast mit seiner Kamera zum Virchow- oder Bundeswehr-Krankenhaus (BWK). Dort versucht er möglichst nah ranzukommen, um gute Aufnahmen zu machen. Manch ein Pilot kennt ihn bereits, vor kurzem hat einer beim Start zum Gruß mit dem Hinterteil des Helis gewackelt. Das hat meinen Mitbewohner natürlich stolz gemacht.

Ich interessiere mich dafür nicht, aber als er mich gestern Nacht mit seinen treuen Augen anblickte und darum bettelte, ihn zum BWK zu fahren, ließ ich mich erweichen. Der Landeplatz befindet sich zwischen der Scharnhorststraße und dem Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal, genau auf dem alten Grenzstreifen von Mitte nach Moabit. Dass er rund 200 Meter von der Rettungsstelle entfernt liegt, dazwischen auch noch die Straße, ist sicher unpraktisch. Es muss immer ein Rettungswagen kommen, dann muss der Patient umgeladen werden und wird die kurze Strecke zum Krankenhaus gefahren.

Als wir nach einigen Minuten ankamen, sahen wir erstmal nichts. Der Landeplatz ist an allen Seiten von breiten und mehreren Meter hohen Büschen umgeben. Nach einigem Suchen fanden wir den Anfahrtsweg, an einer verschlossenen Schranke vorbei, über einen Parkplatz, zweimal rechts an einer Baustelle vorbei, dann wieder links. Und plötzlich sahen wir den Hubschrauber vor uns: Rot und weiß stand er da, der Rotor war längst aus. Der Landeplatz wurde von vier Scheinwerfern angestrahlt, damit man beim Landen das große H anvisieren kann. Kein Pilot oder Arzt war mehr dort, dafür aber eine Soldatin der Bundeswehr. Sie bewachte die zweite Schranke, die den Landeplatz versperrte.
Erst sahen wir sie nicht, hörten nur wie sie rief: “Was machen Sie hier?” Mein Mitbewohner und ich gingen freundlich auf sie zu und erklärten ihr, was wir wollten. Sie war anscheinend ganz froh, bei der Kälte nicht allein rumstehen zu müssen. Wir erfuhren, dass der Patient gar nicht ins Bundeswehr-Krankenhaus gebracht wurde, sondern weiter in die Charité, die aber keinen eigenen Landeplatz hat. Das bedeutete, es würde noch etwas länger dauern.
Der Hubschrauber war gerade aus Würzburg gekommen und während der Patient in die Charité gebracht wurde, haben die Piloten im BWK eine Pause eingelegt.

Wir mussten insgesamt eine Stunde warten. Währenddessen zeigte mein Mitwohni uns eine App, auf der alle Rettungshubschrauber zu sehen sind, die gerade einen Einsatz haben. Dort sahen wir, dass einer der Berliner Hubschrauber gerade in Cottbus war, um dort einen Patienten abzuholen. Der sollte dann ebenfalls hier hergebracht werden. Wir verfolgten auf der App eine halbe Stunde später auch seinen Start Richtung Berlin.
In der Zwischenzeit kam der Feuerwehr-Rettungswagen zurück und brachte die beiden Notärzte zum Hubschrauber. Auch die Piloten kamen angerannt. Zusammen holen sie die spezielle Trage aus dem Fahrzeug, schoben sie in den Helikopter und alle vier stiegen ein.

Wir waren sehr nah dran, direkt neben Landeplatz. Als die Piloten den Rotor anwarfen, spürten wir den Wind, den sie fabrizierten. Die Rotoren liefen immer schneller, es wurde sehr laut und der Wind immer stärker. Als der Hubschrauber abhob, drückte mich der Sturm zur Seite. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, musste mich nach hinten abstützen, um nicht umzufallen. Trotzdem hielt ich brav meine Kamera auf die startende Maschine, damit mein Mitwohni seine Aufnahme bekommt.

Als der Hubschrauber im Himmel verschwunden war, rückte auch der Rettungswagen ab – um nur fünf Minuten später wiederzukommen. Diesmal sollten sie den Patienten aufnehmen, der aus Cottbus kam. Die beiden Feuerwehrleute stiegen aus und wir kamen ins Gespräch. Als sie erfuhren, dass mein Mitwohni Ehrenamtlicher Mitarbeiter bei einer Hilfsorganisation ist, wurden sie etwas mürrisch. Sie argumentierten, dass die Ehrenamtler dem Senat als Ausrede dienen, immer mehr Stellen bei der Feuerwehr abzubauen. Auch erzählten sie einiges aus dem Innenleben der Feuerwehr, dass viele Wachen so marode sind, dass sie eigentlich geschlossen werden müssten, dass sie mit Rettungswagen unterwegs sind, die schon 200.000 Kilometer hinter sich haben, usw. Die Bezahlung wäre auch total schlecht, und das bei 24-Stunden-Schichten. Es hörte sich alles sehr frustriert an.

Plötzlich aber hörten wir den Hubschrauber, der aus Cottbus kam. Sekunden später erschien über uns sein heller Scheinwerfer, der den Landeplatz ausleuchtete. Der Lärm wurde wieder unerträglich und je tiefer die Maschine sank, umso stärker war wieder der Wind. Unmittelbar vor der Landung mussten wir uns wieder bemühen, nicht umzufallen, so stark war er.
Als der Rotor stehen blieb, hob sich die Schranke und der Rettungswagen fuhr zur Maschine, um den Patienten abzuholen. Wir verabschiedeten uns von der Soldatin und der Feuerwehrleuten und fuhren durchgefroren nach Hause.




Trostloser Bundesplatz

Um das Jahr 2000 herum erschien ein Buch, in dem Fotos ausgesuchter Orte gezeigt wurden: Aus der Vorkriegszeit, aus den 1950er/60er Jahren und von Ende der 1990er. Auf einem der alten Fotos ist auch der Bundesplatz abgebildet, der damals noch Kaiserplatz hieß. Vor 1888 war es der Straßburger Platz, aber die ältesten abgedruckten Bilder bezogen sich auf die Zeit nach 1909, als er mit einem Park in der Mitte glänzte. Es war damals ein richtiger Schmuckplatz, den die Wilmersdorfer Witwen mit ihren Dackeln sicher gerne besucht hätten – wenn nicht in den 1960er Jahren die Bagger gekommen wären. Sie vernichteten den Park, fraßen sich in die Erde und spuckten einen vierspurigen Autotunnel aus, der jede Erinnerung an den Park unmöglich macht. Aufgrund der jahrelangen Bauarbeiten nannten Anwohner den Platz damals Buddelplatz.

Heute befindet sich noch eine wenige Quadratmeter große „Grünanlage“ am nördlichen Teil der Kreuzung, die sich oberhalb des Tunnels befindet. Eine metallene Toilette, zwei Bänke und wenig eindrucksvolle Büsche können den trostlosen Charakter dieses Ortes nicht mindern. Die örtliche Bürgerinitiative feierte kürzlich den Abriss der alten Beton-Tischtennisplatte, die den faden Charakter des Platzes symbolisierte, als Erfolg. Ansonsten gibt es null Aufenthaltsqualität, die einzigen Menschen hier sind Passanten, die von einer Seite des Platzes zur anderen gehen. Ein paar in Beton eingefasste Blumenrabatten geben sich Mühe, etwas Farbe in den Ort zu bringen.

Der Bundesplatz ist ein Autoplatz: Der fette Tunnelschlund im Norden, rechts und links davon die Straßen, die zu den Autobahnzubringern führen, der Parkplatz unter den Bahngleisen, die große Kreuzung, den ganzen Tag und auch nachts Motorenlärm.

Der Tunnel hat nun einen runden Geburtstag, im März 1967 wurde er eröffnet. Anlässlich des 50. Jubiläums hat sich die Initiative Bundesplatz überlegt, einen Ideenwettbewerb für ein Tunnelfest zu organisieren. In welcher Form das stattfinden könnte, wissen die Initiatoren noch nicht. Bisher sammeln sie noch Ideen. Wer einen Vorschlag hat, kann sich gerne dort melden: www.initiative-bundesplatz.de

 




Der Skandal um Andrej Holm

Andrej Holm ist als Staatssekretär für Wohnen im neuen Senat zurückgetreten. Doch es ist kein freiwilliger Rückzug, sondern er ist damit der angekündigten Entlassung durch den Regierenden Bürgermeister Michael Müller zuvorgekommen. Müller hatte ihn bereits seit Tagen zum Rückzug aufgefordert. Damit stellt er sich in eine unselige Tradition der SPD. Seit Jahrzehnten steht diese Partei, die sich mal als sozialistisch verstanden hat, auf Seiten der Bau-Industrie, statt für die Rechte der Mieter einzutreten. Der Berliner Immobiliensumpf entwickelte sich in den 1970er Jahren, was vor allem an der finanziellen Überfütterung der Stadt durch die Bundesregierung zu tun hatte. Der SPD-Senat (und ab 1981 die CDU-Regierung) hatten immer lukrative Aufträge an die Baubranche zu vergeben und schusterten ihren eigenen Leuten damit eine Menge Geld zu. Nach der Wiedervereinigung erlebte diese Branche einen Boom, der bis heute anhält. Und noch immer ermöglichen die jeweils Regierenden den Baubonzen satte Profite. Da werden für lohnende Neubauten Gebäude abgerissen, die unter Denkmalschutz stehen (Charlottenburg), da wird eine Autobahn die Stadt geschlagen und dafür Wohnhäuser abgerissen (Treptow).

Einer der sich seit über 25 Jahren dagegen engagiert, ist Andrej Holm. Schon als Student der Sozialwissenschaften unterstützte er die Hausbesetzungen, schrieb seitdem zahlreiche Artikel zum Thema Stadtentwicklung und machte sich bundesweit einen Namen als Experte zur Gentrifizierung. Holm genießt auch im Ausland Anerkennung bei Soziologen. Er gilt als jemand, der der Immobilienmafia gefährlich werden kann, weil er öffentlichkeitswirksam aufzeigt, dass die Entwicklung in Berlin dazu führt, dass sich ärmere Menschen verdrängt werden. Erst gestern wurde bekannt, dass die Verkaufs- und Mietpreise in Berlin höher steigen, als in München, Hamburg oder Düsseldorf.

Andrej Holm wurde im neuen Senat als Staatssekretär für Wohnen engagiert. Für die Immobilienbonzen muss diese Entscheidung der Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, Katrin Lompscher, wie ein Faustschlag in den Magen gewesen sein. Stand ihnen doch plötzlich ein Mann gegenüber, der bestens über ihre Machenschaften und Interessen bescheid wusste und der diese konsequent bekämpfen würde. Für Mieteraktivisten dagegen war er ein Glücksfall, denn er stand außerhalb jeden Verdachts, mit denen zu klüngeln, die nur ihren Profit im Auge haben und denen das Wohl der Berliner Bevölkerung scheißegal ist.

Ja, Andrej Holm hatte sich als Jugendlicher bei der Stasi beworben und hatte eine viermonatige Ausbildung gemacht. Dies hat er in den vergangenen Jahren mehrmals öffentlich gemacht und es als einen Fehler bezeichnet. Anders als so manche Politiker aus SPD und CDU, die sich als sogar Spitzel verdungen hatten und bis heute gedeckt werden. Anders als Holm haben die sich aber auf die Seite der neuen Herrschenden gestellt, haben schnell ihr Fähnchen in Richtung Kapitalismus ausgerichtet.

Schon Ende 2016, als bekannt wurde, dass Holm Staatssekretär werden soll, schäumten die Vorderen von FDP, CDU und AfD. Aber auch in der SPD regte sich schnell Widerstand gegen ihn. Diejenigen, die sich schon immer lieber an der eigenen Macht berauscht haben, als sich um die wirklichen Probleme der Bevölkerung zu kümmern, bekamen Angst vor seinem Einfluss. Zu diesen Leuten gehört auch Michael Müller, der einer der Ersten war, die sich in der SPD gegen Holm wandten. Dass er im Zweifelsfall auf Seiten der Bauwirtschaft steht, hat sich schon vor Jahren bei der Entscheidung zum Weiterbau der Autobahn A100 von Neukölln nach Treptow und Friedrichshain gezeigt. Während er vor zwei Wochen noch abwarten wollte, bis die Humboldt-Uni zu ihrem Mitarbeiter Andrej Holm Stellung beziehen wollte, führte er nun dessen Interviews in der Presse als Entlassungsgrund an. Offenbar auch, weil er merkte, dass Holm in der Bevölkerung wesentlich mehr Zustimmung erfuhr, als es Müller lieb war. So drängte er ihn nun zum Rücktritt, gemeinsam mit den Grünen, die sich wieder einmal als Wasserträger der Sozialdemokraten erweisen.

Mit seinem Rücktritt will Andrej Holm ein Auseinanderbrechen der Koalition verhindern. Nicht aus Rücksicht auf die SPD oder die Grünen, sondern damit die Linke Katrin Lompscher die begonnenen Änderungen in der Wohnungspolitik so weit es geht umsetzen kann. Wie weit Michael Müller sie gewähren lässt, bleibt abzuwarten. Es ist aber zu vermuten, dass er irgendwann einen Vorwand finden wird, sie ebenfalls abzusägen. Die Interessen der Immobilienbranche wird er sicher nicht verraten.
Jetzt ist klar: In der Wohnngsbaupolitik wird sich in dieser Stadt nicht viel ändern.

Andrej Holm:
Diese Stadt braucht eine Politik für die Mieterinnen und Mieter. Es muss Schluss sein mit einer Politik, die weiter die Profitinteressen der Immobilienbranche an erste Stelle setzt. Für diese Aufgabe bin ich mit den Hoffnungen, dem Vertrauen und der Unterstützung von vielen … angetreten. Die Polemik derer, die mich als Staatssekretär verhindern wollten, zeigt, dass es bei der Entlassungsforderung nicht nur um meine Zeit bei der Stasi und um falsche Kreuze in Fragebögen ging, sondern vor allem um die Angst vor einer Wende im Bereich der Stadt- und Wohnungspolitik.

Die ganze Erklärung hier




Obdachlose unerwünscht

In Berlin gibt es geschätzt 9.000 Obdachlose. Für nur etwa 10 Prozent von ihnen gibt es Plätze in Notübernachtungsheimen, die anderen müssen draußen schlafen oder wenn sie Glück haben auf U-Bahnhöfen.

Am Bahnhof Zoo existiert die Bahnhofsmission, bei der täglich rund 700 Menschen etwas zum Essen und Trinken bekommen, manchmal auch Kleidung oder einen Schlafsack. Nur an wenig anderen Orten kümmert man sich um diese Ärmsten der Gesellschaft. Man sollte denken, dass es Institutionen gibt, denen soziales Denken es gebietet, Hilfe zu leisten. “Wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott”, steht in der Bibel. Das scheinen Teile der Kirche jedoch nur als unverbindliche Empfehlung anzusehen. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Pfarrerin der Gedächtniskirche im vergangenen Jahr dafür gesorgt hat, dass Obdachlose sich dort nicht mehr aufhalten dürfen. Auch die wöchentliche Essensausgabe der Arche für arme Menschen musste eingestellt werden.

Wenn man eine Kirche an so exponierter Stelle leitet, will man offenbar lieber Touristen oder die Kanzlerin in die eigenen Räume locken, schmutzige und abgerissene Menschen stören da nur. Es ist unerhört, wie kaltherzig die Armenspeisung von 150 Menschen einmal in der Woche verhindert wird. Dabei rühmt sich die Kirche auf Ihrer Website: “…melden sich gegenwärtig täglich durchschnittlich 150 Arbeitslose bei uns, denen wir leiblich und geistlich helfen möchten”. Allerdings bezieht sich der Text auf das Jahr 1914.

Und diese Kirchenfrau ist nicht die Einzige, die die Verpflegung von Armen verhindert. Auch auf dem Parkplatz am Hansaplatz gab es immer am Sonntag warmes Essen für Obdachlose. Seit Januar ist dies nun verboten. Der Supermarkt Rewe, dem der Platz gehört, hat dem Verein Berliner Obdachlosenhilfe die Essensausgabe untersagt. Begründung: An verkaufsoffenen Sonntagen bräuchte man den Platz selber. Das Verbot gilt jedoch nicht nur für diese sechs Sonntage im Jahr, sondern generell.

Es wird vermutet, dass hinter diesem Verbot der SPD-Abgeordnete Thomas Isenberg steckt. Er hatte angekündigt, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die Essensausgabe dort zu unterbinden. Schon seit dem Sommer hetzt er gegen Obdachlose, die sich am Rand des Hansaplatzes aufhalten. In zwei Veranstaltungen ermunterte er dazu, dass sich die Bürger über die Wohnungslosen beschweren sollen. Und er ging noch weiter: Die Läden am Hansaplatz rief er dazu auf, Wohnungslosen nichts mehr verkaufen und ihnen keine Pfandflaschen mehr abnehmen. Lobend erwähnte er einen Dönerladen, in dem Obdachlose nicht mehr bedient würden.

Neben zwei anderen war bisher auch der U-Bahnhof Hansaplatz im Winter immer nachts geöffnet, damit Wohnungslose dort übernachten konnten und nicht draußen erfrieren. Seit diesem Winter ist er gesperrt, am Abend werden die Leute rausgeworfen. Warum die BVG den Bahnhof für Obdachlose sperrt, ist unklar, aber ein Zufall ist das sicher nicht.

Nun erwartet man von Sozialdemokraten spätestens seit der Agenda 2010 nicht mehr, dass sie sich wirklich für sozial Schwache einsetzen. Isenbergs Parole „Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit im Kiez!“ bedeutet eben nicht „Gerechtigkeit, Solidarität und Hilfe für Arme im Kiez“. Dass aber ein Abgeordneter der SPD so offen Obdachlose diskriminiert, ist ein Skandal.

Es ist einfach nur widerlich, wie sich die Pfarrerin  oder der Abgeordnete  verhalten. Sie bekämpfen diejenigen, die am wenigsten Kraft haben, sich zu wehren und die schon ganz unten angekommen sind. Eine Kirche und eine Partei, die solch ein Verhalten in ihren Reihen akzeptieren, kann man wohl kaum noch als sozial bezeichnen.




Du

In den USA ist es mittlerweile üblich, dass sich die Leute beim Vornamen ansprechen. Eine förmliche Anrede wie „Sie“ gibt es ja dort sowieso nicht, trotzdem ist dieser Trend schon bemerkenswert. Es wird mit dem Vornamen auch eine gewisse Distanz aufgehoben.

In Deutschland kennen wir das vom Möbelhaus Ikea. Die Schilder, die Radio-Werbung, in den Broschüren wird hemmungslos geduzt. Glücklicherweise halten sich die Verkäufer nicht daran, jedenfalls nicht, wenn man fragt: „Könnten Sie mir bitte mal helfen.“

Ich halte das Siezen eigentlich für überflüssig. Aber wenn plötzlich eine Firma ankommt und mich ungefragt duzt, finde ich das anbiedernd. Das schlimmste Beispiel sind die Berliner Verkehrsbetriebe. Die BVG belästigt ihre potenziellen Kunden mit dem selten dämlichen Spruch „Weil wir Dich lieben“. Wie bitte? Sie erhöhen regelmäßig die Fahrpreise, lassen Menschen ohne genügend Fahrgeld in den Knast werfen und haben einen grottigen Umgang mit ihren Kunden. Und trotzdem behaupten sie, uns zu lieben? Das ist ja wie in einer langjährigen Ehe.

Natürlich sind das nur Floskeln, auch andere Firmen duzen die Kunden in der Werbung. Aber was, wenn man darauf eingeht und dann zurück duzt?

Im Dezember hat nun auch die Berliner Polizei damit begonnen, die Bürger zu duzen. Ihre neue Kampagne heißt „Da für Dich“ und soll Bürgernähe suggerieren. Dabei wäre der Name „Da für Sie“ noch frei und die entsprechende DE-Domain würde nicht zu einem Altenpflegedienst in Rheinland-Pfalz führen.
Außerdem brauchen sich die Polizisten auf der Straße nicht über mangelnden Respekt beschweren, wenn sie sich von ihrem Gegenüber duzen lassen.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders gemeint. Aus zahlreicher Erfahrung weiß ich, dass Polizisten andere Leute gerne mal duzen, was als herablassende Herrenmenschengeste gemeint ist. Möglicherweise soll dieses widerliche Verhalten nun auch offensiv vertreten werden?

Ich kann mir jedenfalls vorstellen, was passiert, wenn ich demnächst einen Polizeibeamten duze, der meine Papiere kontrolliert. „Hier haste meinen Ausweis und Führerschein. Was ist los, weswegen kontrollierst Du mich denn?“

Vermutlich wird er das zum Anlass nehmen, gleich auch noch das Auto zu durchsuchen oder vielleicht sogar eine Anzeige wegen Beleidigung zu schreiben. Immerhin wurde hier in Berlin erst kürzlich ein Mann zu 2.000 Euro Strafe verurteilt, weil er einen Polizeibeamten geduzt hat.

 




Interessante Museen in Berlin

Wer Berlin besucht oder hier lebt, kommt an ihnen kaum vorbei. Mehr als 170 Museen hat unsere Stadt und auch wenn es sich floskelhaft anhört: Da ist wirklich für jeden etwas dabei.
Ein Großteil davon sind natürlich Kunstmuseen. Alte Kunst, Gegenwartskunst, spezielle Kunst. Daneben gibt es aber auch viele sehr einzigartige Ausstellungen, die man oft nur hier findet. Einige davon möchte ich hier auflisten.

Thema: Berliner Geschichte

Berlin erzählt aufgrund der speziellen Geschichte auch spezielle Geschichten. Die Basics findet man im Märkischen Museum. Wie sich die Stadt in den vergangenen 800 Jahren entwickelt hat, ist hier gut nachzuvollziehen. Gleiches Thema, aber nicht weniger interessant, ist die Story of Berlin am Kudamm in Charlottenburg (bis 2020 wegen Umbau geschlossen).

Weiter mit den besonderen Zeitabschnitten. Die Topographie des Terrors behandelt die Nazi-Zeit und den Holocaust, dies an authentischer Stelle am einstigen Sitz der Gestapo in Kreuzberg. Parallel dazu kann man auch die Ausstellung unter dem Holocaust-Mahnmal besuchen, nur wenige hundert Meter entfernt. In Zehlendorf bietet sich zusätzlich ein Besuch im Haus der Wannsee-Konferenz an.

Nach dem Faschismus kam die Nachkriegszeit. Hier hat das Alliierten-Museum in Zehlendorf einiges zu erzählen, immerhin hatten die Amis und Sowjets, Briten und Franzosen 45 Jahre lang die Oberherrschaft in unserer Stadt. In diese Reihe gehört auch das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst. Auch dies an historischem Ort, in diesem Gebäude wurde am 8. Mai 1945 die Kapitulationsurkunde unterschrieben, mit der in Europa der Krieg vorbei war.
Weniger politisch ist das private DDR-Museum in Mitte, in dem vor allem der Alltag der Ostdeutschen beleuchtet wird. Nicht weit entfernt: Das Trabi-Museum an der einstigen Grenze zwischen Mitte und Kreuzberg sowie das DDR-Motorrad-Museum am Alexanderplatz.
Am Checkpoint Charlie steht eines der beliebtesten Ausstellungen der Stadt: Im Mauermuseum werden vor allem Fluchten von Ost nach West vorgestellt, mit vielen Geschichten und originalen Fluchtfahrzeugen. Mit der Grenze befasst sich auch die Ausstellung im Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße. Das kleine Museum wirft einen in alte Gefühle zurück, wenn man früher selbst mal durch diesen Grenzübergang musste.

Es gab auch die Staatssicherheit. Gleich zwei Orte befassen sich mit dem Geheimdienst der DDR. Das Stasi-Museum befindet sich direkt in der einstigen Höhle des Löwen, in der Zentrale der Staatssicherheit in Lichtenberg. Hier lernt man viel über die Geschichte der Stasi, sieht zahlreiche Exponate und erfährt auch einiges über die Aufarbeitung nach dem Ende der DDR. Wer mehr wissen will, kann danach noch die Gedenkstätte Hohenschönhausen besuchen. Der einstige Stasi-Knast ist eine sinnvolle Ergänzung zum Museum.
Noch nicht lange gibt es das private Spionagemuseum am Leipziger Platz, das nicht nur die Stasi beleuchtet, sondern das Geheimdienstgewerbe insgesamt.

Thema: Alltag

Wer keine Hochkultur oder geschichtliche Ausstellungen möchte, kann sich auch andere, sehr spezielle Museen besuchen. Zwei von ihnen gibt es nicht mehr, das Hundemuseum sowie das Beate-Uhse-Museum wurden leider geschlossen.
Den Alltag, jedenfalls einige Aspekte daraus, behandelt das Museum der Dinge in Kreuzberg. Was sich zuerst wenig spektakulär anhört, ist aber durchaus interessant, wenn man Hunderte von Haushaltsgeräten, Werbeschilder oder Einrichtungsgegenständen aus den vergangenen Jahrzehnten wiedererkennt.
Zum Alltag gehören für viele auch Spiele am Rechner. Ein eigenes Computerspielemuseum findet man in Friedrichshain. Dort werden mehrere Jahre Entwicklungsgeschichte dieser Spiele beleuchtet. Und man kann endlich mal wieder Pac Man spielen.

Unterhaltung anderer Art boten die US-Rocker Ramones. Fans der vor zwanzig Jahren aufgelösten Band gründeten das Ramones-Museum in Mitte, das rund 300 Exponate zeigt. Eine andere Art von Kultur ist die Currywurst. Ihrer Geschichte und Herstellung widmet sich das Currywurst-Museum.
Andere stehen eher auf den Genuss von Cannabis. Das Hanfmuseum im Nikolaiviertel zeigt die vielen Möglichkeiten auf, die das Material über’s Rauchen hinaus noch bietet.
Wen es eher in die Natur zieht, ist beim Botanischen Museum in Dahlem und dem Naturkundemuseum in Mitte richtig. Beide bieten sehr tiefe Einblicke in die Welt der Pflanzen und Tiere. Letzteres sogar sehr weit zurück: Im Naturkundemuseum steht ein originalen Dinosaurier-Skelett.




Maueropfer und prominente Tote

Aufmerksame Besucher haben es gemerkt: Seit dem Relaunch im vergangenen Jahr waren die beiden Datenbanken zu Maueropfern und Friedhöfen verschwunden. Immer wieder wurde ich darauf angesprochen. Ursache waren technische Probleme, die mittlerweile aber gelöst wurden. Nun sind beide Datenbanken wieder online und nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich überarbeitet und ergänzt worden.

Tod an der Mauer
Die Teilung Berlins, die Jahre mit der Mauer, sind ein wichtiger Zeitraum in der Geschichte unserer Stadt. Wieviel Menschen zwischen 1961 und 1989 tatsächlich starben, weil sie versucht hatten nach West-Berlin zu flüchten, ist noch immer nicht sicher. In der Maueropfer-Datenbank sind etwas über 200 Einträge, sie listen die bekannten Opfer auf, mit Namen, Alter, Todesort und -datum, sowie mit den Umständen des Todes.
Neben den getöteten Flüchtlingen finden sich auch diejenigen, die aufgrund des Schießbefehls an der Grenze nicht gerettet werden konnten, weil sie z.B. in die Spree gefallen und dort ertrunken sind. Die jüngsten Opfer waren vier Kinder aus Kreuzberg, sie sind nur zwischen 5 und 9 Jahre alt geworden. Die ältesten Mauertoten waren zwischen 70 und 86 Jahre.

Wer liegt wo in Berlin?
Auf den Berliner Friedhöfen findet man zahlreiche Gräber verblichener Prominenter, egal ob aus Politik, Sport, Kultur oder Wissenschaft. Aber auch nur Leute, die plötzlich bekannt wurden, weil sie etwas Wichtiges geleistet haben oder einfach nur “Originale” waren, wie Krücke Habisch, der Jahrzehnte lang bei allen 6-Tage-Rennen Stimmung gemacht hat. Oder der “Eiserne Gustav” Hartmann, einer der letzten Droschkenkutscher, der aus Protest gegen die Einführung der Benzintaxis bis nach Paris fuhr.
In der Friedhofs-Datenbank finden Sie neben den Geburts- und Sterbedaten sowie einigen kurzen Infos über die jeweilige Person auch eine Angabe, auf welchem Friedhof sie begraben liegt. Soweit bekannt, existieren die Gräber auch noch. Über einen Link kann man auch die Adresse des betreffenden Friedhofs erfahren. Derzeit sind derzeit 920 Einträge in der Datenbank.




Geschichtssäulen auf dem Breitscheidplatz

Auf dem Plateau zwischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und der Budapester Straße stehen knapp ein Dutzend Litfaßsäulen. Auf ihnen wird mit zahlreichen Texten und historischen Fotos auf den Ort und die nähere Umgebung hingewiesen, vor allem auf die Geschichte nach dem Krieg. Dabei haben die Macher der Freiluftausstellung viele interessante Geschichten zusammengetragen. Kaum jemand kann sich noch daran erinnern, dass über den Breitscheidplatz einst eine Straße führte, vor dem heutigen Europa-Center verband sie die Budapester mit der Tauentzienstraße. In Berlin nannte man die Straßenverbindung die „Schnalle“. Und auch der Autotunnel ist längst aus dem Bewusstsein verschwunden, obwohl er erst vor zehn Jahren zugeschüttet wurde. Auf dem Foto von der Eröffnung verläuft daneben noch die Straßenbahn.

Die Ausstellung zeigt auch die Nachkriegsplanung, Architekturzeitungen, Zeitungsartikel, die die Diskussion in der Bevölkerung widerspiegelten. Aber auch das alte Kempinski ist noch zu sehen, der Pferdeweg auf der Mitte des Kurfürstendamms, danach all die Neubauten, Bikini, Leineweber, Schimmelpfeng usw.
Vorgestellt werden die längst verschwundenen kulturellen Hotspots, die neuen Einkaufsparadiese und die Idee der „autogerechten Stadt“.

Diese sehenswerte Ausstellung ist jedoch kein Selbstzweck. Die Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche will mit ihr darauf aufmerksam machen, dass die Kirche und das Plateau Teil der Berliner Geschichte sind. Dieses sogenannte Podium, 1961 zusammen mit beiden Eiermanns Kirchenneubauten errichtet, bestand aus einem Mosaik von kreisrunden Keramikscheiben verschiedener Größe und runden Platten aus Beton. Dieser besondere Charakter ging durch eine 1981 erfolgte Reparatur verloren. Nun wird für eine Wiederherstellung gesammelt und in diesem Zusammenhang entstand die Ausstellung.
www.betreten-erbeten.de