Eingemeindung von Moabit und Wedding

Wissen Sie noch? Vor 150 Jahren war Berlin im Verhältnis zu heute wirklich klein. Es bestand im Prinzip aus dem alten Bezirk Mitte und je etwa der Hälfte von Friedrichshain und Kreuzberg. Dort verlief die südliche Stadtmauer entlang der jetzigen U-Bahn. Erst im Jahr 1920 wurde Berlin zu einer Großstadt. Mit den Eingemeindungen von Spandau bis nach Köpenick wuchs die Stadt auf das Zehnfache.
Begonnen hatte es aber schon 1861. Am 1. Januar wurde die Stadtgrenze Richtung Westen und Nordwesten ausgeweitet, die heutigen Stadtteile Moabit, Wedding und Gesundbrunnen eingemeindet. Die Gegend bestand vor allem aus Industrie, u.a. Borsig, AEG, Loewe. Heute sind davon nur das Siemens-Transformatorenwerk und die einstige Schering-Fabrik übrig.

Zur Erinnerung an die Einverleibung startet der Bezirk Mitte eine Veranstaltungsreihe, die am kommenden Samstag (4. Juni) beginnt und über den ganzen Sommer reicht. In der Arminius-Markthalle in Moabit treten historische Persönlichkeiten auf, wie Carl Bolle, der seinen Milchkonzern ganz in der Nähe an der Spree aufbaute. Auch August Borsig, Rudolf Virchow und Emil Rathenau erzählen aus ihrer längst vergangenen Geschichte.

In weiteren Veranstaltungen wird z.B. die Geschichte des Krankenhauses Moabit, beleuchtet, auch die der Armniniushalle, des Zellengefängnisses Lehrter Straße, dazu gibt es verschiedene Führungen und Buchlesungen.




Um den Hauptbahnhof

Ich komme aus der S-Bahn von Westkreuz. Die S-Bahnlinien S3, S5, S7, S75 und S9 sind hauptstädtische Attraktionen. Sie gehen mitten hindurch durch die werdende Regierungsstadt. Um den Reichstag führen sie in einem respektvollen Bogen.
Der bekofferte Mann mir gegenüber will auch zum Hauptbahnhof [heute Ostbahnhof]. “Haste den Reichstag gesehn?” fragt er seine Frau, als wir ihn nicht mehr sehen. “Hm”, haucht sie und rückt näher an ihn heran, als ob man Mitleid mit dem gequälten Bauwerk haben müsste. “Fahrgäste in Richtung Erkner verbleiben auf diesem Bahnsteig”, wird uns bedeutet, als wir am Hauptbahnhof angekommen sind. Das Wort “verbleiben” missfällt mir. Viele “ver”-Wörter sind gefährlich.

Ich bleibe nicht. Eine Punkergruppe mit Hunden macht sich lustig über eine Gruppe junger Leute, die in den adretten Zugbegleiteruniformen der Bahn AG auch den Bahnsteig verlassen. Als ob das Punker-Habit nicht auch eine Uniform wäre. Ich verlasse den Bahnhof zur Erich-Steinfurth-Straße. Am Sonntagnachmittag ist das eine belebte Gegend. Eine vorläufige Gegend. Sie wird sich verändern.
Hier und da steht eine fröstelnde Gestalt, als werde auf etwas gewartet. Der junge Mann, nach dem eine Straße jetzt heißt, war ein kommunistischer Widerstandskämpfer gegen die Nazis und eins ihrer frühen Opfer, ermordet 1934, damals hieß die Straße nach einem preußischen Polizeipräsidenten, und das könnte eine Provokation gewesen sein.

Die sonntägliche Ruhe liegt über dem Quartier wie das Vergessen. Dies hier war eine proletarische Hauptgegend in der ersten Hauptstadtepoche Berlins. Rechter Hand steht mit leeren Fensterhöhlen ein Haus, von dem die Geschichte den Putz abgeschlagen hat. “Wechselstube”: “Die Himmel wechseln ihre Sterne…” Das Nachbarhaus hat schon Anschluss gefunden an die neue Zeit: “McBarber’s. Das Friseurerlebnis”. Gegenüber sucht ein junger Mann mit Hund Einlass in die Bahnhofsmission. Der Hund muss draußen bleiben, leise schluchzt er und schweigt.
Der “Flotte Happen” unterm Bahnhofsbogen ist am Sonntag zu. Ein Junge, der mit seiner ärgerlichen jungen Mutter entgegenkommt, tritt wütend gegen eine Bierdose, so dass ich schnell ausweichen muss. Der Junge sagt nichts zu mir, die Mutter nichts zu ihm.
Das Reklametransparent für “Take off Bier & Music Pub” verdreht sich im Wind zur Unlesbarkeit. Am blauen Baucontainer der Fa. Hein aus Georgsmarienhütte wird auf Werbeveranstaltungen für Kanada und Neuseeland hingewiesen.

Vom City Carré aus sieht der Platz zwischen Kaufhof und Hauptbahnhof geordneter aus als beim Süd-Nord-Blick. Aber nichts sieht hier nach Kalifornien aus. “California World” heißt das Eckgeschäft im City Carré, bei dem ich in die Lange Straße einbiege. Dieses von der Dresdner Bank dominierte Geschäftshaus, dessen Architekten sich von der Postmoderne angenehm zurückgehalten haben, verspricht in der Langen Straße eine Passage. Aber eine Passage, die am Sonntag zu hat, ist eigentlich keine Passage. Die Baubuden für das anschließende Bauprojekt zur Andreasstraße machen die Lange Straße für Autos zu einer Sackgasse, das gibt ihr etwas Privates. Im gepflasterten Eingang zum Inside Residence Hotel fegt der grünbewestete Hoteldiener in die Knie gehend Zigarettenkippen fort: “Ob allein, zu zweit oder mit der ganzen Familie – gerne sind wir für Sie da”: über die Grammatik dieses Werbespruchs für das Restaurant Intermezzo lässt sich nachdenken. Auch über die Wortschöpfung “Bistrorant”, die zu den Versprechungen gehört, mit denen der “Grundwert Fonds” die Bauarbeiten zu seinem Großprojekt an der Andreasstraße begleitet.

Ich biege in den Andreasplatz ein. Das ist das Gelände zwischen den sauber renovierten Wohnblöcken der WBF zwischen Langer Straße, Kraut-, Andreas- und Kleiner Andreasstraße. Gleich vorne hat man einen Einblick in die Höfe, die die beiden letzten Altbauten der Andreasstraße hierher öffnen, eine alte Weide wächst von innen empor. Ich gehe an den grellgelben Drahtgittern vorüber, die die Müllcontainer ordnend einschließen, zur Kleinen Andreasstraße hinauf.
Wo die WBF auf dem Bauschild die Modernisierung und Instantsetzung weiterer 420 Wohnungen in “Plattensanierungsprogramm nach InstModRL 94” anzeigt, sehe ich zu dem kleinen Pavillon hinüber, in dem junge Mütter mit ihren Kinderwagen sitzen, die nun ihrerseits mich mustern und sich wohl fragen: Warum glotzt der uns an? Aber ich glotze in die Geschichte. Als Berlin zum erstenmal Deutschlands Hauptstadt war, war dies hier eines der engsten und ärmsten Wohnquartiere. Weiter oben standen die Baracken in denen Obdachlose “troglodytenartig hausten”, die Polizei vertrieb sie im August 1872 auf so provozierende Art, dass die Arbeiter den Aufstand probten. Barrikaden an der Krautstraße. Die ganze Gegend, schrieb der Polizeipräsident, nach dem später unten die Straße benannt wurde: “Schauplatz ernstester Ruhestörung”. Eine Slumgegend. Später nannten manche das Quartier auch “Berlins Chinatown”, unter den Chinesen, die hier Unterkunft fanden, waren Tschou En-lai und Tschou Teh, die sich selbst noch nicht ansahen, dass sie Ministerpräsident und Armeeführer im bevölkerungsreichsten Land der Erde werden würden.
Ich folge dem Häuserbogen, der die Kleine Markusstraße bildet, bis zu dem gut besuchten Spielplatz, der friedliche Sonntagsstimmung verbreitet. Die Lange Straße nach Osten zurückgehend, studiere ich die Farbskala, die die WBF über die Stahlbänder verbreitet hat, mit denen die renovierten Fronten der Häuserblocks gehalten werden: vom lichten Gelb zum dunkelsten Rot in ein Blau, das sich nach Osten hin aufhellt. Die Leute nennen den Block “Regenbogenhaus”.

Rechts von der S-Bahn liegt hier als eine weite Brache das Areal, auf dem das erste große Industrieunternehmen dieser Gegend aufwuchs: 1843 begannt J. Pintsch als ein Klempnerbetrieb und wurde als Fabrik für Gasbeleuchtungs- und messanlagen ein Unternehmen von Weltruf.
Der Frontfassade seines mächtigen Verwaltungsgebäudes zur Andreasstraße (Nr. 71-73) kann man den gewesenen Weltmaßstab heute noch ansehen. Cremer und Wolffenstein hießen die Architekten. Das Haus steht direkt an der S-Bahn, in der Unterführung bläst mir der kalte Wind dreckigen Staub entgegen. Nach links und rechts kann ich weit in die erneuerten S-Bahn-Bögen blicken.
Auch die Gegend auf der Südseite des Hauptbahnhofs ist noch ganz unbestimmt. Hier und da hält sich noch Geschichte auf, aus unterschiedlichen deutschen Zeiten. Gegenüber unter den drei geschwungenen Giebeln aus Imitatbarock das Haus der ersten Gasanstalt, später Zentralmagazin der Städtischen Gaswerke. Daneben das Gemeindehaus der evangelischen Markus- und Andreasgemeinde; das weiße Kreuz ist stilgerecht aus Platten zusammengesetzt.
Die vielspurige Autostraße mit breitem Mittelstreifen trennt das Gemeindehaus von der Gemeinde. Gottesdienst heute in der Samariterkirche.
Zurück in den Hauptbahnhof, auf dem die Fernzüge zur Zeit nicht halten. Die Gleisanlagen werden erneuert. Die Bahn ist der große Träger der Renaissance dieser Gegend. Diese Rolle hat sie hier auch früher schon gespielt. Hinten sieht man ihr neues Verwaltungsgebäude in seiner gläsernen Symbolik.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Haus am Checkpoint Charlie

Das Haus am Checkpoint Charlie – auch “Mauermuseum” genannt – geht zurück auf eine Initiative von Rainer Hildebrandt. Geschockt vom Bau der Mauer, von der Teilung Berlins, eröffnete er im Oktober 1962 in einer Wohnung in der Bernauer Straße die erste Ausstellung zum Thema. Damals war die Bernauer Straße geteilt, der nördliche Teil im “Westen”, der südliche Teil gehörte zu Ost-Berlin. Dort waren die Häuser über ein Kilometer hinweg vom Erdgeschoss bis unters Dach zugemauert, eine 20 Meter hohe Mauer!
Schon im Folgejahr konnte ein Haus in der Kreuzberger Friedrichstraße bezogen werden, der selben Friedrichstraße, deren berühmterer, historischer Teil sich nun auf dem Gebiet von Ost-Berlin befand. Die Ausstellungsräume im nun “Haus am Checkpoint Charlie” genannten Gebäude wurden in der Folgezeit immer mehr ausgeweitet. Schon am Anfang konnte das Haus auf täglich 1.000-2.000 Besucher verweisen, und das Interesse wuchs von Jahr zu Jahr.
Die ständigen und auch die speziellen Ausstellungen sollten das (laut DDR-Armeegeneral Hoffmann) “beste Grenzsicherungs-System der Welt” veranschaulichen und den Menschen gleichzeitig die Unmenschlichkeit dieser Maßnahme vor Augen führen.
In der Zeit des Kalten Krieges hatte sicher auch dieses Museum seinen Anteil an der Konfrontation, weil es sich eindeutig und in jeder Beziehung auf eine Seite gestellt hat. In den späteren Jahren jedoch wurden die Ausstellungs-Themen, wenn auch nicht unbedingt versöhnlicher, so doch differenzierter und vielfältiger. So konnte 1976 die Schau “Berlin – von der Fronststadt zur Brück Europas” eröffnet werden. Mit der 1984 begonnenen Ausstellung “Von Gandhi bis Walesa – Gewaltfreier Kampf für Menschenrechte” bezog Rainer Hildebrandt auch eindeutig Stellung zur Form der politischen Arbeit. Im Gegensatz zu den 60er Jahren, als man ihm von vielen Seiten eine Schürung des Hasses und Unterstützung gewaltsamer Aktivitäten gegen DDR-Einrichtungen vorwarf.

Das Haus am Checkpoint Charlie zeigt heute eine fast unüberschaubare Vielzahl an Exponaten, an originalen Hilfsmitteln, die Menschen zu ihrer Flucht aus der DDR gebrauchten. Man muss das winzige Auto gesehen haben, dessen Kofferraum an der Grenze nicht kontrolliert wurde, weil sich kein Grenzler vorstellen konnte, dass sich darin jemand verstecken konnte. Oder die beiden aufgeschnittenen und zusammen geschobenen Koffer, in denen ebenfalls jemand flüchtete. Ein Teil des Heißluftballons hängt an der Decke, mit dem 1976 eine ganze Familie nach Westdeutschland schwebte. Selbst ein Mini-U-Boot und ein selbst gebauter Sessellift werden ausgestellt, die zu Fluchten dienten. Einer der beeindruckendsten Exponate ist sicher das Selbstschuss-Gerät, mit dem die DDR ihre Grenze nach Westdeutschland schloss.
Die Geschichte der Mauer, die Organisierung von Fluchten sowie die heimliche Arbeit der Opposition in der DDR sind die Hauptthemen des Mauer-Museums. Auch die kommunistische Unterdrückung in den anderen Ostblock-Staaten sowie der Widerstand dagegen werden thematisiert. So wird der Geschichte der Solidarnosc gedacht oder dem Aufstand in Ungarn wie auch dem Prager Frühling in der CSSR.
Neben der verschiedenen Ausstellungen gibt es auch durchgängig Filmvorführungen in mehreren Räumen. Das Angebot des Museums wird durch eine Möglichkeiten für Führungen und Referenten-Einsatz sowie eine Bibliothek abgerundet. Wer möchte, kann auch Bücher zum Thema erwerben (teilweise vom Museum selbst herausgegeben) oder im Bistro einen Kaffee trinken. Und den braucht man dann auch, denn wer die Angebote in diesem Haus voll nutzt, der wird sich eine um die andere Stunde dort aufhalten.

Haus am Checkpoint Charlie
Friedrichstr. 43-45
10969 Berlin – Kreuzberg
Tel.: (030) 25 37 25-0
An allen Tagen des Jahres geöffnet von 9.00 bis 22.00 Uhr
U-Bahn Linie 6 Bahnhof Kochstraße (Behindertenaufzug)
Buslinie M29
Eintrittspreise: 5,50 bis 12,50 EUR

www.mauermuseum.de




Ertrunkene Hoffnung

Obwohl im Moment fast täglich afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa ums Leben kommen, ist es kaum noch ein Thema. Zu alltäglich sind die Bilder bereits, als dass sie noch zu einer Nachricht taugen. Nur wenn wie vor zwei Wochen ein Schiff mit 500 Menschen vor Lampedusa sinkt, wird noch darüber berichtet.
Was die betreffenden Menschen zur Flucht treibt, der Krieg, der Hunger und die Hoffnungslosigkeit in ihrer Heimat, das interessiert hier bei uns kaum jemanden. Stattdessen werden die Grenzen geschlossen, es könnte ja sein, dass es einige der Hilfesuchenden bis nach Nordeuropa schaffen. Dabei geht es um gerade mal 20-30.000 Flüchtlinge, die in die Europäische Union fliehen. Hier, wo der “christliche Kulturkreis” so hochgehalten und gegen den bösen Islam verteidigt wird. Dabei ist es das moslemische Tunesien, das bisher etwa 400.000 Flüchtlinge aus Libyen aufgenommen hat, obwohl es so viel ärmer ist und sich selbst in einem gesellschaftlichen Umbruch befindet. Doch das interessiert hier nicht.
Ich sehe die Filmaufnahmen, Fotos und Berichte von Afrikanern, die ihr Leben riskieren, und mit völlig unbrauchbaren Kuttern über’s Mittelmeer kommen. Und ich kann von hier aus nichts tun.

Das alles erinnert mich an die Zeit vor 17 Jahren. 1994 war die deutsche Grenze zu Polen noch Außengrenze der Schengenstaaten, also der östliche Rand der EU. Flüchtlinge wurden damals verächtlich Asylanten genannt. Es waren viele Tamilen aus Sri Lanka, aber auch Palästinenser, Pakistani, Rumänen. Sie hatten Angst um ihr Leben und haben deshalb ihre Heimat verlassen. Allein solch ein Schritt ist schon tragisch, jeder der dagegen polemisiert sollte sich vorstellen wie es ist, wenn man selber dazu gezwungen wäre.

Sie schafften es durch Osteuropa, Ukraine, Polen, bis an die Neiße. Hier im Süden Brandenburgs, rund um die Grenzstädte Forst und Guben, führt der Fluss meist nicht so viel Wasser, bei gutem Wetter konnte man so von Polen aus durch die Neiße nach Deutschland waten – und damit in die EU. Entsprechend hart waren auch die Kontrollen, der damalige Bundesgrenzschutz (BGS) war Tag und Nacht auf der Suche. Viele wurden erwischt, sei es durch die Polizei oder aber übereifrigen Bürgern, die ebenfalls auf die Jagd gingen, mit Hunden, Funkgeräten und Knüppeln.

Manch ein Flüchtling aber schaffte es nicht durch den Fluss. Z.B. nach starkem Regen oder der Schneeschmelze steigt der Pegel der Neiße stark an, sie kann schnell tödlich werden. Damals erwischte es Dutzende von Menschen, allein am 4. September 1994 kamen wahrscheinlich 14 Tamilen ums Leben. Immer wieder wurden Leichen ans Ufer gespült. Und so wie heute gab es auch damals sogenannte Fluchthelfer, die den Menschen viel Geld abnahmen, um sie ans Ziel zu bringen. Doch wenn es schwierig wurde, verschwanden sie und ließen die Flüchtlinge im Stich. So war es oft auch an der Neiße.

Aber es gab auch andere. Ich gehörte damals zu einer Gruppe, die es nicht zulassen wollte, dass Menschen nahe unserer Stadt auf der Flucht sterben. Wir wollten, dass sie die Chance zu einem besseren Leben kriegen. Oder wenigstens, dass sie überleben.
Neben viel politischer Arbeit, in der Öffentlichkeit, mit Beratung und in irgendwelchen Gremien gehörte auch die praktische Hilfe vor Ort dazu. In manchen Nächten sind wir nach Forst gefahren, ein paar gingen mit Funkgeräten über die Grenze. Es gab Kontakte zu Gruppen von Flüchtlingen, die dann bis zum Fluss begleitet wurden. Gleichzeitig behielten die Leute am deutschen Ufer den BGS im Auge. Die Streifen mussten weit genug weg sein und auch die geheimen Unterstände durften nicht besetzt sein, in denen sie oft mit Nachtsichtgeräten saßen, stundenlang, um das Ufer zu beobachten. Auch auf der polnischen Seite gab es Patrouillen, doch das größere Problem war der BGS. Zusätzlich bildeten sich “Bürgerwehren”, die einen direkten Draht zum Grenzkommando hatten und die uns ebenfalls in die Quere kommen konnten.

Wenn ein Abschnitt sicher war, liefen mehrere Aktionen gleichzeitig. Die Flüchtlinge wurden zum Ufer geführt. Auf der deutschen Seite wurden Schlauchboote aufgepumpt, zu Wasser gelassen und ans östliche Ufer gezogen. Wenn genügend Helfer da waren, konnten auch die Zufahrtsstraßen beobachtet werden.
Nachdem die Flüchtlinge mit den Booten auf die deutsche Seite gezogen worden sind, wurden sie in Autos gesetzt und weggefahren. Sie kamen erstmal mindestens 10 Kilometer weit ins Landesinnere, wo die Gefahr der Entdeckung nicht so hoch war. Dort übernahmen andere Helfer sie und brachten sie nach Berlin. In der Zwischenzeit mussten die Boote entleert und zusammengefaltet werden, so dass sie eingepackt und wieder weggefahren werden konnten.
Doch es ging nicht immer so glatt. Wenn plötzlich der Grenzschutz auftauchte oder die Bürgerwehr rund um Bademeusel oder Briesnig auf Menschenjagd ging, wurde es gefährlich. Zwar kam es nie zu einer direkten Auseinandersetzung mit denen, aber der Polizei gelang es mehrmals, uns zu orten. Einige Male wurden wir auch kontrolliert, doch obwohl beide Seiten genau wussten, weshalb wir dort waren, konnte uns der BGS keine Straftat nachweisen. Und: In der ganzen Zeit haben sie keinen einzigen “unserer” Flüchtlinge erwischt!

Zwar war ein Teil der Bevölkerung uns gegenüber ablehnend eingestellt, aber es gab auch andere. Zum Glück! Ein paar Häuser und Wohnungen standen uns für Notfälle zur Verfügung. Die Bewohner wollten uns bzw. die Flüchtlinge unterstützen, weil sie es ungerecht fanden, wie mit denen umgegangen wurde. Mit ihrer Menschlichkeit gingen sie dabei selbst ein großes Risiko ein.
Eines Nachts waren wir vom BGS umstellt, sie standen auf allen Zufahrtsstraßen des Dorfes. Wir wussten von einem Unterstützer dort und klingelten ihn aus dem Bett. Alle vier oder fünf Flüchtlinge wurden aufgenommen, das Haus verdunkelt und erst eineinhalb Tage später wurden sie nach Berlin gebracht. Denn so lange stand eine Polizeistreife mitten im Ort und wartete. Wir dagegen fuhren mit angeschaltetem Heiligenschein direkt in die Kontrolle. In dieser Nacht hatte die Polizei uns schon mehrere Stunden gejagt und war entsprechend wütend. Aus Rache zerschlugen sie die Scheinwerfer und mehrere Scheiben unserer Autos. Als wir protestierten, knüppelten sie auf uns ein. Trotzdem waren wir froh, dass sie die anderen nicht erwischt haben und dass wir stark geblieben waren.
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Das alles ist ewig her und längst verjährt. Noch heute habe ich manche Bilder vor Augen. Von den eingeschüchterten Flüchtlingen, die schon wochenlang unterwegs und völlig entkräftet waren. Von den hasserfüllten Gesichtern der Polizisten. Von den Fotos der toten Tamilen, die Freunde von mir noch gemacht haben, bevor die Leichen abtransportiert wurden. Und dann sehe ich jetzt die gleichen Bilder im Fernsehen, wieder die Verzweiflung der Flüchtlinge, die Ignoranz der Bürger. Und wieder habe ich die selbe Wut wie damals. Nur dass ich jetzt viel zu weit weg bin, um helfen zu können.

11. März 1994
In der Nähe der sächsischen Ortschaft Zittau wird ein unbekannter männlicher Flüchtling tot aus der Neiße geborgen. Er ist ertrunken.
22. März 1994
Ein männlicher Flüchtling wird in der Nähe der brandenburgischen Stadt Guben gefunden. Er ist beim Grenzübertritt in der Neiße ertrunken.
25. April 1994
Eine Rumänin wird in der Nähe der sächsischen Ortschaft Rothenburg tot aus der Neiße geborgen. Ihr Ehemann und ihr Kind erreichten das deutsche Ufer lebend.
24. Mai 1994
In der Nähe von Görlitz im Bundesland Sachsen wird ein unbekannter männlicher Flüchtling aus der Neiße geborgen. Er ist ertrunken.
22. August 1994
In der Nähe von Guben in Brandenburg wird ein unbekannter männlicher Flüchtling tot aus der Neiße geborgen.
25. August 1994
Ein algerischer Flüchtling wird in der Nähe der brandenburgischen Stadt Guben aus dem Wasser der Neiße gezogen. Er ist ertrunken.
30. August 1994
Ein Mann aus Nepal ertrinkt beim versuchten Grenzübertritt in der Neiße. Am 30. August treibt sein Körper bei Forst / Bademeusel nahe der deutsch-polnischen Grenze ans Ufer.
4. September 1994
Sechs Flüchtlinge aus Sri Lanka werden in der Nähe von Zasieki an der deutsch-polnischen Grenze tot aus der Neiße gezogen.
6. Oktober 1994
Die Leiche eines ertrunkenen Mannes aus Sri Lanka wird in der Nähe der brandenburgischen Ortschaft Groß-Gastrose aus der Neiße geborgen.
19. November 1994
Ein Flüchtling aus Sri Lanka wird in der Nähe von Forst tot aus der Neiße geborgen.
28. November 1994
Ein Mann aus Sri Lanka wird in der Nähe der brandenburgischen Ortschaft Forst tot aus der Neiße geborgen.
Juni 1995
Es wird die Leiche der Rumänin Rostas aus der Neiße geborgen.
17. Dezember 1995
Die Leiche des 24-jährigen Pakistani Naeen Akram wird in der Nähe von Bahren-Zelz im Spree-Neiße-Kreis aus der Neiße geborgen. Der Tote soll bereits Ende Oktober mit einer Gruppe von insgesamt 17 Pakistani versucht haben, den Grenzfluß zu überqueren. Dabei, so die Cottbusser Staatsanwaltschaft, sollen vier weitere Flüchtlinge ertrunken sein.




Peterchens Freunde

Peter Sommer (Name geändert) ist 19 Jahre alt. Er lebt in einer ostdeutschen Kleinstadt und da beginnt schon das Problem. Denn er hat eine Neigung, die gerade in einer Kleinstadt besonders unpassend ist: Er ist Sodomist. In einer anonymen Großstadt hätte er diese Vorliebe ja verborgen halten können, aber hier…
Doch beginnen wir am Anfang.

Schon als kleines Kind spielte Peterchen, wie er von allen genannt wurde, besonders gerne mit Tieren. Waren es am Anfang noch Hamster, Katzen und Hunde die in seinem Haus herumliefen, änderte sich das mit beginnender Geschlechtsreife des Jungen. Klein-Peter war 13 Jahre alt, als er auf dem Bauernhof, auf dem seine Eltern arbeiteten, das erste Mal Bekanntschaft mit einem Schaf machte. Gerade erst hatte der Hof einige dieser Tiere aus polnischer Produktion erhalten und Peter war abgestellt, sich um die Schafe zu kümmern. Er musste sie füttern, scheren und ihnen Deutsch-Unterricht geben. Natürlich war er deshalb oft allein mit ihnen auf der Weide oder im Stall und so kam man sich bald näher. Wenn Peter den Schafen durch’s Fell strich, sanft mit seinen Fingern an den Ohren spielte oder sich die Schafe ansah, nachdem er ihnen das Fell geschoren hatte und sie nackt vor ihm standen, dann lag immer eine erotisch-knisternde Spannung in der Luft, der Stall vibrierte unmerklich ob dessen, was dort geschah. Und da Peter keine Zeit für eine Freundin oder einen Freund hatte, blieb das Unvermeidliche nicht aus und eines Tages konnte er nicht mehr widerstehen.
Nachdem die Schwelle erst einmal überschritten war, hatte er immer weniger Hemmungen. Oft schlich er auch in der Nacht noch einmal in den Stall, um sich an einem der wehrlosen Tiere zu vergehen. Nach einigen Monaten spürte er auch keinerlei Schuldgefühle mehr. Er wollte nur noch Befriedigung und nur noch Sex. Manchmal trieb er es mit drei oder vier Schafen gleichzeitig, was nicht leicht war, denn in solch einer Situation wollte er natürlich keines der Tiere vernachlässigen.

Doch eines Tages wurden die Schafe weiterverkauft, und ein Metzger holte sie mit seinem Kleinlaster ab. Obwohl Peter ihn nie zuvor gesehen hatte, stieg ein unbändiger Hass gegen den Mann in ihm auf, die Eifersucht stieg ins Unermessliche.
Aber es half alles nichts, Peter war wieder allein. Jetzt erst merkte er, dass er mit den Schafen mehr verloren hatte, als nur Objekte zur Befriedigung seiner Lust. Er nahm sich vor, in den Tieren niemals mehr nur Sexualobjekte zu sehen, sondern sie als eigene Persönlichkeiten zu betrachten, denen er nicht nur seinen Samen, sondern auch seine Liebe schenken würde.

Im folgenden Jahr verliebte er sich dann in eine Kuh, die eigentlich schon lange auf dem Hof war, ihm aber nie so richtig aufgefallen war. Vielleicht, weil ihr Stall so weit abseits lag, vielleicht aber auch, weil er erstmal den Schmerz der Trennung von seinen Schafen überwinden musste. In den nächsten Tagen war zu bemerken, wie aufopfernd sich Peter um das Tier kümmerte. Und weil er sich so für sie interessierte, gaben die Kollegen ihm die Aufgabe, in Zukunft das Rind zu melken. Schon in den Nächten zuvor hatte Peter sich beim heimlichen Onanieren unter der Bettdecke vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn er die Kuh auch einmal melken dürfte. Wie er die Zitzen ihres Euters in seine zitternden Finger nehmen würde, sie sanft nach unten ziehen…
Und plötzlich sollte es wahr werden! Aber die Kollegen waren doch schon misstrauisch und so kam es, dass eines Tages plötzlich zwei der anderen Bauern neben ihm standen, als er nicht nur an der Kuh herum spielte.

Natürlich war der Spott und die folgende Ablehnung für Peter kaum auszuhalten. Ihm wurde klarer als jemals zuvor, dass es nicht nur Sex ist, was ihn an den Tieren interessierte, sondern auch deren Charakter. Die Menschlichkeit, die er bei den Menschen doch so sehr vermisste. Oft hatte er mit seiner Kuh einfach nur dagesessen und erzählt. Über seine Probleme, über seine Gefühle und Wünsche. Niemals hatte sie ihm widersprochen, nur manchmal den Kopf weggedreht, was ihn dann nachdenklich werden ließ. Doch nun sollte alles vorbei sein, er musste den Hof verlassen.

In der nahen Kleinstadt versuchte er mehrmals mit Hunden anzubändeln, die vor der Kaufhalle auf ihre Herrchen oder Frauchen warteten. Doch das ging meist schief, wenn auch die ankommenden Besitzer nicht ahnten, was genau er eigentlich im Schilde führte.
Erst als er sich endlich einen eigenen Hund zulegte, verbesserte sich Peters Situation wieder. Sein Liebesleben begann in geordneten Bahnen zu verlaufen, bis der Hund irgendwann im Stadtpark auf die Idee kam, sich an Peters Knie zu reiben. Da sie das oft auch in der Wohnung taten, war es eigentlich nichts besonderes und Peter wollte seinen Hund auch nicht enttäuschen. Außerdem war er selber viel zu erregt, um das Tier wegzustoßen. Und so platzte es förmlich aus ihm heraus, gerade in dem Moment, als eine Polizeistreife vorbei kam. Beide wurden verhaftet, der Hund kam ins Tierheim, Peter wurde zum Verhör auf die Wache gebracht. Erst am Abend ließ man ihn wieder laufen, mit einer Anzeige wegen öffentlicher Erregung.
An diesem Tag wurde Peter klar, dass er niemals im Leben eine ungestörte Beziehung zu einem Partner haben würde, den er sich selber ausgesucht hat. Denn seine Umwelt versteht ihn nicht.

Und so sollten wir uns alle fragen, ob wir dieses menschlichtierische Elend mittragen können. Oder ob wir uns nicht erbarmen und diese armen Menschen tolerieren und ihnen unsere Pfote reichen sollten…

Zeichnungen: Fobi 96




Englische Soße

Die Warschauer Brücke ist westlich eine Baustelle, auf der anderen Seite ist sie der Verbindungsweg zwischen U- und S-Bahn; wer hier eine Weile die Augen offenhält, sieht viel von Berlin, aber was? Interpretation ist Pädagogik. Man braucht sich Berlin nicht lehren zu lassen, wenn man es lebt. Wer nicht U- und S-Bahn fährt, weiß nicht, wie das Leben ist.
“Komm’ wir hier rüber?” fragt die eine Alte die andere am Brückenende.
“Ick gloobe nich!”
“Von Glooben ist dett keene Frage! Probiern!”
“Der Bolschewismus siegt!”, ist dem Ärztehaus angesprayt, in dem die beiden Alten verschwinden, die in leninscher Weise die Praxis der Theorie vorgezogen haben. Leicht ansteigend vereinigt sich hier die Helsingforser Straße mit der Marchlewskistraße wie seinerzeit die SPD mit der KPD, aber war das auch ein leichtes Ansteigen? Neben ihrem kleinen Straßenkran unterhalten sich lautstark die Arbeiter.
“Wo warst du? Wat, du warst bei de Amerikaner, bei die Hirnlosen?”
“Du hast aber dein Hirn heut morjen ooch ze Hause jelassen!”
Über die Pillauer Straße gehe ich zur Marchlewski zurück. Am wildbegrünten Schulgrundstück stehen zwei Frauen, die ihre Hunde ausführen und Erziehungsprobleme besprechen.
“Zum Beispiel bei Nicole. Hat so und so gerechnet, kam fünfunnvierzig raus. War falsch. Un gloobste, ick weeß warum?”
“Ick sach ja” Die rechn ganz komisch. Das un das, un dann ziehn se wieder was ab.”
Die Schule weiter hinten ist mit kindlichen Palmen bemalt. Sofort stellen sich südliche Gefühle ein. Die südliche Seite des Comenius-Platzes, auf dem ich nun angelangt bin, ist in postmodernem Bunt erneuert. “40 Prozent vermietet” oder “Nur noch 40 Prozent nicht vermietet”: Der Berliner “Nur noch”-Stil ist doch eher ein Noch-nicht-Stil. Im Gartenteil des Platzes sitze ich auf einer naturschwarzen Bank. Ich höre der Melodie der Bäume im Sommerwind zu, die Rufe der Kinder markieren den Rhythmus. Drei Knaben veranstalten über die rot-grauen Wege ein Fahrradrennen, sie können so bremsen, dass der Kies hinter ihnen hoch aufstaubt.
“Muss dett sein?” ruft die Oma von der Bank neben mir.
“Ja! Dett muss!” ruft es zurück; lächelnd sagt die Oma für sich: “Dett hätt ich mir nun denken könn!” Energisch schiebt eine junge Mutter den kleinen Wagen mit Kind vorüber. Sie weiß, was sie zu tun hat. Schnell ist sie um die Ecke, während ich ihr nach der Marchlewskistraße nordwärts gehe. Die Straße zeigt hier, dass es auf die Stalinallee zugeht.

Hinter Nr. 45/47 öffnet sich die Wiesenlandschaft der Höfe. Das Haus ist übriggeblieben, man sieht noch Einschusslöcher vergangener Schlachten. “Wasserpflanzenzucht”: ein Schild aus einem Früher, das längst nicht so romantisch war, wie es seine antiquarischen Reste für manchen jetzt sind. Dann rechts herum. Hinter Nr. 25a setze ich mich auf die Stufen der Säulenkolonnade und höre den springenden Wassern zu, vor mir auf der Weberwiese, wieder ein Lied fast aus Natur. Nr. 25 ist das erste Nachkriegshochhaus im Berliner Osten, von Hermann Henselmann, jetzt ein Denkmal, die Schmuckplatten lösen sich, die Ziergesimse brechen ab, der Putz blättert, die Füße des Hauses sind besprayt, aber die Anlage hat noch immer jene intime Öffentlichkeit, die man als Städteplaner erstmal hinkriegen muss, ehe man sich über andere erhebt.

Wo die Marchlewskistraße endet, bildet sie mit der Hildegard-Jadamowitz-Straße einen kleinen Platz, auf dem das aus dem Kaiserreich herüberreichende Spritzenhaus gerade von einer Firma aus Recklinghausen erneuert wird, damit die Bewohner des neuen weiß-gelb glänzenden Pariser Hofes es von ihren Balkonen, Glaswand an Glaswand, betrachten können. Auf der abgeschlagenen Fassade des Feuerwehrhäuschens ist von vergangenen Parolen nur noch ein einziges Wort undeutlich zu lesen: Jugend. Jugend – wie in der Erzählung von Josef Conrad, in der es nach Bangkok geht. Ich komme in die Straße der Pariser Kommune; das Hochhaus rechts, Nr. 23, ist in sachten Blautönen renoviert mit leichtem tautschen Gelb um die Fenster; gegenüber das sich in die Runde biegende Eckhaus in lichtem Braun, das stellenweise fast violett wirkt. Andere Fassaden warten noch auf die Farbe der Erneuerung.
Im Café Plaza, das einen Namen wachhält, der hier eine Stätte volkstümlicher Vergnügung benannte, sitzen sechs Leute an den Plastiktischen. Die Bedienung ist freundlich und präzise. Was man etwa über die Geschichte der Gegend, die jetzt Franz-Mehring-Platz heißt, weiß, das wäre das eine. Aber wie ist die Gegend, wenn man sich ganz an die Gegenwart hält? “Neues Deutschland”: Die Überschrift über dem leeren Gebäude ist das Auffälligste; sie erzeugt natürlich einige Gedanken, aber vor allem doch de Gedanken an das allgegenwärtige: Es war einmal. Alle anderen Gedanken haben hier keine historische Färbung. Die Straße der Pariser Kommune und die Rüdersorfer Straße, die sich hier kreuzen, sind Autostraßen, nicht gerade übervoll, aber doch Auto an Auto. Die Wohnhäuser stehen ordentlich im Grün, es sind Überallhäuser, der Straßennamen mit seinem geschichtlichem Ehrgeiz wirkt aufgeblasen. Das ist hier keine Gegend für Kommunen, und dass der Platz, der von hier aus kaum als Platz wahrzunehmen ist, nach einem intellektuellen Sozialisten heißt, das löst nun auch keine tief erinnernden Assoziationen mehr aus. Die Geschichte dieser Gegend ist gestrichen. Die Gegend hat keine Geschichte. Da kann sie sich freuen. Früher habe ich anders gedacht. Jetzt geht’s mir wie dem Alten am Nebentisch:
“Mensch”, sagt er mit klassischer Anrede zu seiner Frau, “in der Sonne sitzen, ein Budweiser trinken, und es nicht weit haben nach Hause … jetzt trinken wir noch ‘n Bier, dann mach ich ‘n … Was macht man gegen Müdigkeit?” fragt er leutselig die Serviererin.
“Schlafen!”
“Danke! Danke für den Tipp!” und schlägt sich auf die Schenkel vor Wohlsein.
Ein Wind kommt auf. Heftig greift er in die Markisen.
Der Wind der Veränderung ist es wohl nicht. Oder?
“Englische Soße!” sagt die Frau, als sie sich den Ananas-Toast würzt.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Stresstest

Der Kollege war nicht gerade kollegial. Er kam mir auf der anderen Straßenseite entgegen und als er mich sah, beschleunigte er auf schätzungsweise 80 km/h, um noch vor mir an der Taxihalte anzukommen. Solche Typen gibt es leider viele in unserem Gewerbe, aber egal: Er sollte seine Aktion noch bereuen.
Irgendwann stand er ganz vorn, als sich ein Pärchen näherte. Der Mann öffnete die rechte Tür, die Frau schlüpfte rein und schob sich gleich nach links durch. Das hatte der Mann anscheinend nicht bemerkt, denn er schloss die Tür, ging um den Wagen rum und wollte links einsteigen – dort saß nun aber schon seine Frau. Anstatt sie zurückrutschte oder er wieder auf die andere Seite ging, begannen sie zu streiten. Ganz so höflich wie es anfangs den Anschein hatte, gingen die beiden doch nicht miteinander um.
Er schloss nun wieder die Tür und lief zurück zur rechten Seite, doch in der Zwischenzeit war die Frau auf wieder rübergerückt. “Was soll das?”, hörte ich ihn schreien und mit einem lauten Knall schmiss er die Autotür zu.
Er wechselte nun zum dritte Mal die Seite, doch jetzt trat der Kollege dazwischen. Er war wohl sauer wegen der Tür und ließ den Mann nicht mehr einsteigen. Der kam stattdessen zu mir und wir fuhren eine 12-Euro-Tour, die erstaunlich ruhig verlief. Allerdings schlimpfte er anfangs noch über seine Frau und meinte dann: “Mal sehen, wie sie das Taxi zahlen will. Sie hat nämlich kein Geld dabei!”
Ich dachte in diesem Moment daran, dass sich ja mein Kollege durch das Vordrängeln selbst in diese Situation gebracht hat. Mein Grinsen interpretierte der Fahrgast zwar fälschlicherweise als Zustimmung, aber das war mir egal.




Teils, teils

An der Ecke Grünberger/Warschauer Straße habe ich lange gestanden, nach allen vier Himmelsrichtungen aufmerksam geblickt und versucht, den Charakter der Gegend zu erfassen. Lautes Hin-und-Her, die Grünberger Straße: eine Durchgangsstraße für die, die es besser wissen im täglichen Kampf um die Minuten. Die Fassaden sind meist grau, keiner scheint sie zu betrachten. Ich warte auf den Geist der Gegend. Er will nicht erscheinen. Die Nachmittagswärme ist drückend, die Luft schwer. Die Straße führt nicht nach Arkadien. Je länger ich aber hier stehe, um so bewusster wird mir, dass das eine sehr typische Berliner Straße ist. Am dicksten war Berlin um 1900. Drei Jahrzehnte war Deutschland eine Weltmacht. Eine bestimmte, ziemlich offene Schicht machte mächtig Geld, die anderen hatten nicht den gerechten Anteil. Berlin ist Weltstadt geworden durch Ungerechtigkeit.
Friedrichshain ist kein Quartier, das auf der Sonnenseite der Geschichte gelegen hätte. Auf Hobrechts Plänen von 1862 heißt die zusammenfassende Bezeichnung für die paar Häuser hier “Siedlung”, ein paar Jahrzehnte später sind es Mietskasernen. Allein Hobrechts Plätze bewähren sich bis heute.

Zuerst der Boxhagener Platz: ein sehens- und bedenkenswerter Ort. Bei Hobrecht einfach ein bebauungsfreies Karree im steinernen Meer, ein Luftloch in den grauen Wällen. Dann waren diese Hobrecht-Plätze Aufforderungen zu städtischer Repräsentation, ich betrachte eine Ansichtskarte vom Boxhagener Platz aus dem Jahre 1916: “gründerzeitliche Schmuckanlage” schreiben die Denkmals-Topographen, als ob das hier ein großbürgerliches Wohnviertel wäre. 1916 war der Platz noch keine 15 Jahre alt, es war gerade ein Jahr her, das von hier eine Protestbewegung von Frauen ausgegangen ist, die sich gegen den Hunger wehrten, mit dem der Staat jene Familien bestrafte, deren Männer gerade für Kaiser und Vaterland töteten und getötet wurden. Die “Butterkrawalle”. Das Wort, mit dem das Ereignis überliefert wird, ist schon herabsetzend: Frauenvernunft gegen Männerwahnsinn – das nennen nur die Krawall, für die die alte Totschlagsaktion Vorwand für die neuen sein wird. Davon sieht man auf der Ansichtskarte ein Jahr später natürlich nichts. Mitten im europäischen Brudermorden scheint der Boxhagener Platz im tiefsten Frieden zu liegen.
Der Platz, wie er heute ist, geht dagegen zurück auf einen Plan aus der Weimarer Republik. Der Stadtgartendirektor Erwin Barth hat ihn 1929 entworfen. Er hat die Funktionen geteilt: Spielplatz und Erholungsort, die alten Bäume erhalten, neue gepflanzt, Rotdorn, Linden; 1993/94 ist die Anlage restauriert worden, ich zähle über 20 von den großen weißen um die Wiesen stehenden Bänken, man kann im Schatten sitzen und in der Sonne, sogar das grüngusseiserne Pinkelhäuschen scheint restauriert zu werden, eine Seltenheit in Berlin. Der Platz ist reich an Kneipen, die Gemüsegeschäfte haben ihre blau-weißen und blau-roten Markisen ausgefahren, der Getränke-Shop seine gelben, die Friseure ihre roten. Auf den Balkonen blühen die roten und rosaroten Geranien. Am Eckhaus zur Gabriel-Max-Straße ist angesprayt: “Ruhe und Glück gibt’s nur im Grunewald”. Auf dem Weg zur Knorrpromenade lese ich die Sprayer-Botschaft: “Ordnung? Nein!”. Im Widerspruch dazu ist die Knorrpromenade, ein seltenes Baudenkmal bürgerlicher Wohnanlagen mit Eingangsbesäulung, als ob wir in Paris wären und die Exkaiserin Soraya besuchen wollten, energisch um Ordnung bemüht. Mehrere Fassaden werden renoviert, andere sind schon fertig, Nr. 2 strahlt in ausgewogenem weißen Putzglanz.

Als ich beim Soccer-Shop – schon dem zweiten Fußballfangeschäft auf meinem heutigen Weg – um die Ecke biege – sehe ich den Helenenhof, er strahlt mir mit seinem Eckhaus an der Gryhiusstraße geradezu entgegen. Dieser Helenenhof – erste nach einer Frau benannte Straße – beendet gerade seine Renovierung. Er ist eine in den Architekturbüchern stehende Wohnanlage, wenn auch baugeschichtlich sozusagen nur ein Vorspiel. Der Bauherr und Eigentümer ist bis heute der Beamten-Wohnungsverein BWV, eine eingetragene Genossenschaft, um die [vorletzte] Jahrhundertwende gegründet, eine Organisation mit großen Verdiensten um die Wohnungsreform im “steinernen Berlin”. Der Architekt, dem der Verein und der dem Verein seinen Ruhm verdankt, war Paul Mebes, der zweite technische Direktor des BWV. Der erste hieß Erich Köhn. Von ihm stammt der Helenenhof in seiner nun bald hundertjährigen Vorbildlichkeit.

Gegenüber am Wühlischplatz liegt die Max-Kreutziger-Gesamtschule, ein Bauwerk aus den 50er Jahren, das auch eine interessante Geschichte von Absichten und Vorstellungen zu erzählen hat und nicht so schlecht ist, dass man es so herunterkommen lassen sollte. Der Eingangsflügel liegt – anders als beim Vorgängerbau aus Kaiserszeiten – zur Böcklinstraße, so dass er eine Art Platz bildet mit der gegenüber liegenden Dreifaltigkeitskirche, die Wilhelm Frydag ungefähr zu der Zeit fertiggestellt hat, als die Boxhagener Frauen sich zu den Butterprotesten formierten. Es ist nichts davon gemeldet, dass die Pfarrer sie in ihrer Hungersnot wirklich gestützt hätten.
Aber vielleicht weiß ich das nur nicht, denke ich, um mich zu beruhigen, während ich durch die Holteistraße davon gehe. Dieser Holtei war ein Operettendichter, mit weit bekannten Schlagertexten: “Und wenn die letzte Kugel kommt / Ins preußsche Herz hinein / Lieber Mantel, lasse Dich mit mir begraben / Weiter will ich von Dir nichts mehr haben / In Dich hüllen sie mich ein” Fontane nennt dieses Gedicht erschütternd und meint es leider ernst.

Damit lange ich auf dem Traveplatz an. Er ist viel weniger gepflegt als der Boxhagener Platz. Er wartet erst noch auf Restauration. Die Fassaden sind grau-schwarz, nur das autonome Haus schön bunt, keine Kneipen, kaum Geschäfte. Der Platz selbst funktioniert aber. Ich setze mich neben eine zeitungslesende Altersgenossin.
“Wohnen Sie auch hier in der Nähe?” fragt sie mich bald.
“Nee, aber ich habe mehr als 10 Jahre an der Trave selbst gewohnt, da dachte ich…”
“Ach … und wie isses da? Da war ich noch nie. In Paris wohl. Mit TUI.”
“Ach … und wie isses da?”
“Schön. Hier isses aber schöner.”
“Lieber am Traveplatz als an der Trave”, sage ich, sechs Fenster der Wohnung, die ich in Lübeck hatte, blickten auf die Trave. Ein gemütlicher Fluss. Der Traveplatz ist auch gemütlich. Aber irgendwie ist er auch anders. Oder jedenfalls, wie meine Banknachbarin sagt -:
“Teils, teils”.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Auf den Spuren von Lutschliese und Analita

Oranien­burger in Mitte und Prostitution, das gehört schon seit hundert Jahren zusammen. Während heute die Barbiepüppchen die männlichen Touristen anbaggern, waren es früher eher ganz normale Hausfrauen, denen man ihr Gewerbe kaum ansah. Klar, es gab schon in den Zwanziger auch andere, mit zu kurzem Rock, aber offensichtlichem Interesse.
Auf der anderen Straßenseite standen die Jungs, gegenüber der Linienstraße, wo damals ein Toilettenhäuschen stand. So konnte dort gleich das Geschäft der anderen Art erledigt werden.
Die Damen begnügten sich nicht mit dem kleinen Stück Straße, sie standen auch in der Tucholsky- und Auguststraße, bis hinüber zur Steinstraße.

Wer heute nicht nur ein fleischliches Interesse an den Huren hat, konnte einige Jahre auf einer “Hur-Tour” mehr über sie und ihre Geschichten erfahren. Merkwürdigerweise angeboten von der Volkshochschule Mitte, die den Stadtrundgang als Fort- und Weiterbildung deklarierte. Man muss heutzutage in seiner (ihrer) Berufswahl ja flexibel sein.

Die Touren liefen auf eher unterhaltsam-ironische Art, etwa wenn darauf hingewiesen wurde, dass bei den Namen einiger längst vergessener Huren auf deren Spezialgebiete geschlossen werden konnte: Lutschliese, Analita, Knochenrieke…
Man erfuhr auch was vom Unternehmungsgeist eines gewissen Jan T., der sich der Frauen annahm, deren Ehemänner vorübergehend in die Berliner Unterwelt abgetaucht waren. Er etablierte in der Friedrichstraße eine Nobelabsteige, in der Männer auf eben jene zurückgebliebenen Damen warteten.

Das VHS-Angebot existiert offenbar nicht mehr. Sehr wohl aber der Strich in der Oranienburger, mittlerweile gibt es dort sogar ein eigenes Bordell. Und wenig romantisch sind auch weiterhin die Zuhälter: Rocker und Russenmafia machen sich das Gebiet immer wieder mal streitig, erst vor Kurzem wurden bei einer Polizeiaktion dort gleich 18 Hells Angels festgenommen.




Wo ist der Großvater geblieben?

Ab und zu hat man Fahrgäste, für die man sich richtig Mühe gibt, manchmal sogar über die eigentliche Fahrt hinaus. Solche hatte ich gestern Abend. Es war gegen 21 Uhr am Lustgarten, als mir zwei Englisch sprechende Damen ins Auto stiegen. Die eine Dame war alt, die andere sehr alt. Sie zeigten mir einen Stadtplanausdruck, auf dem eine Adresse  draufgeschrieben war. Kein Problem: Schon nach ein paar Minuten waren wir in der gewünschten Straße. Aber die Nummer gibt es nicht, heute ist dort ein kleiner Park. Das Haus ist wahrscheinlich im Krieg zerstört worden, so wie auch der Bahnhof gegenüber.

Sie erzählten mir, dass sie das erste Mal in Berlin sind, auf den Spuren ihres Großvaters und Urgroßvaters, der zumindest 1939 noch unter der Adresse gewohnt hat und einen Laden betrieb. Die nicht-jüdische Großmutter hatte in diesem Jahr Deutschland verlassen, ihr Mann kam jedoch niemals nach. Als er ausreisen wollte, durfte er nicht mehr, dann verlor sich seine Spur. Die Familie vermutete, dass der Großvater von den Nazis deportiert und ermordet worden war, aber sie wussten es nicht genau. Bis heute haben sie keine Informationen über seinen Verbleib.

Also bot ich den beiden Damen an, weiter zu recherchieren. Noch in der Nacht schaute ich im Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus nach, dort fand ich seinen Namen jedoch nicht. Aber in der Online-Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem, über die man die Opfer des Holocausts recherchieren kann, taucht des Großvaters Name auf. Allerdings steht auch dort nur, dass er vor dem Krieg in Berlin gelebt hat und in einem KZ ums Leben kam. Keine weiteren Daten.
Als Nächstes werde ich im Landesarchiv nachfragen. Mit Hilfe der Adresse könnten sich neue Anhaltspunkte ergeben, was mit ihm geschehen ist. Zwar werden die beiden dann schon wieder in England sein, aber wir bleiben in Kontakt. Ich hoffe sehr, dass ich ihnen noch irgendein Ergebnis besorgen kann. 72 Jahre nach dem Verschwinden.




Kammerherr out. Messel in

Der Freiherr von Mirbach war Kammerherr der Kaiserin. Nachdem sie das Schloss geräumt hatte und ihrem kaiserlichen Gatten nachgeflohen war, besichtigte der Graf Harry Keßler mit dem SPD-Breitscheid die Wohnung des letzten deutschen Kaiserpaares: “…spießbürgerlich, geschmacklos … Aus dieser Umwelt stammt der Weltkrieg: aus dieser kitschigen, kleinlichen, mit lauter falschen Werten sich und andere betrügenden Scheinwelt … Noch während des Krieges wusste die Kaiserin nicht, was ein Sozialdemokrat ist, dachte beinahe, die Leute fräßen kleine Kinder…” (Sonnabend, 28.12.1918).

In diese Welt gehört der Oberhofmeister von Mirbach. Was hatte er mit Friedrichshain zu tun, dass man eine breite Straße nach ihm benannte und ihr diesen Namen ließ über Kaiserreich, ersten und zweiten Weltkrieg, erste Republik und Nazireich, mehr als ein halbes Jahrhundert?
Ich will doch nicht annehmen, dass das so war, als ob man die Gartenstraße in Mitte nach dem Kammerherrn von Wülknitz genannt hätte, nach dem kammerherrlichen Kerl, der hier die ersten großen Ausbeutungsmiethäuser baute, Mietskasernen: Wohnen als Kriegsdienst. Das gab es in Friedrichshain auch.
Hier, wo ich jetzt stehe, gerade nicht. Die Mirbachstraße heißt heute und nun auch bald ein halbes Jahrhundert nach einem Mann, der zu denen gehörte, die hier wohnten und wohnen, ein Schlosser, Willy Bänsch, 36 Jahre war er alt, als die Nazis ihn ermordeten; die Mörder können aber auch Leute von hier gewesen sein.
Horst Wessel war ja auch von hier, nach dem der ganze Bezirk bis 1945 hieß. Die einen und die anderen, die Kammerherren, die einfachen Menschen, aus den Wohnungen und aus den Kneipen kommt die Weltpolitik. Die Bänschstraße ist eine schöne Straße, grün in der Mitte, nach Osten zulaufend auf die Samariterkirche, ein anderes Beispiel der vielen Berliner Beruhigunskirchen: Christus sollte die Menschen abhalten, allzu laut zu sagen, was sie litten. Christkirchentum als politisches Programm, alles in allem hat es geklappt, auch die sozialistische Kirchenbewegung hat ja schließlich ihre Klienten ruhiggestellt und Staaten unterstützt und verwaltet, die denen nicht gehörten, die hier heimisch sind.

Über solche Gedanken erreiche ich die nächste Straßenecke, Proskauer Ecke Schreinerstraße. Ich stehe vor einem Baudenkmal, vor einem sozialpolitischen Denkmal, das eine alltägliche Wirklichkeit ist. Als wenig weiter nordwärts gerade die Straße nach dem Kammerherrn benannt war, trat hier, wo die Proskauer Straße die Stadt schon ein ganzes Stück angehoben hat über die Frankfurter Allee, ein Mann auf, der nur dem Alter nach zur Generation des Kammerherrn gehörte. Er hieß Alfred Messel. Aus Darmstadt gebürtig, aber längst schon in Berlin einer der großen Architekten mit großen Aufträgen von den Leuten, die großes Geld hatten. 1892 war u.a. von zwei Männern, die sich Gedanken machten über die Macht, die vom Grundbesitz ausging, Adolf Damaschke und H. Albrecht, der Berliner Spar- und Bauverein gegründet worden. Der Verein wollte etwas tun gegen das Wohnungselend, gegen die kammerherrliche Ausbeutung, die Ausbeutung durch Kapital und Staat.

1893 zeigte Messel in der Sickingenstraße in Moabit das erste Beispiel vor: eine Einheit aus zwei Häusern mit zweigeschossigem Treppenhaus. Das machte Schule. 1896 erschien von Albrecht und Messel “Das Arbeiterwohnhaus”, eine Grundsatzschrift mit “Ratschlägen zum Entwerfen … auf Grund praktischer Erfahrungen”.
Diese Verbindung von sozialpolitischer Theorie, architektonischer Erfahrung und juristisch ausgestattetem Umsetzungswillen war neuartig und beispielhaft. Der gemeinnützige Verein wuchs rasch. Sein zweites vorbildliches Bauvorhaben entstand hier an der Proskauer Straße. Das war 1897. Der fünfgeschossige Wohnblock reichte selbstbewusst mit Turm und Giebel an die Straßenecke und weicht nicht vor ihr zurück, denn Stadt heißt: geschlosssene Fassaden und bebaute Ecken. Stadt ist Stadt und keine Landschaft, da fielen die Späteren hinter Messel zurück (sogar Bruno Taut, der eine Generation später für denselben Verein baute).

Der Komplex Proskauer/Schreinerstraße enthält fast nur Wohnungen aus Stube, Kammer, Küche, zwar ohne Bad damals, aber mit Innentoilette; er wird umschlossen, von einer einheitlich gestalteten Fassade, die weder die einzelnen Wohnungen noch die einzelnen Häuser abbildet und die durch unterschiedliche Giebel, Loggien, Balkone unter leuchtender Gesamtfarbe Vielgestaltigkeit gewinnt.
Das war damals eine Tat, die mit Weltmaßstab zu messen war, Weltklasse (um ein später in Deutschland populär gewordenes Spitzenwort zu zitieren). Auf der Weltausstellung in Paris zu Beginn des neuen Jahrhunderts, das ein Jahrhundert der Stadtzerstörung werden würde, 1900 gab es eine Goldmedaille dafür.

Ich gehe die Proskauer Straße zu Ende. Sie setzt sich jenseits der Eldenaer Straße fort in dem Fußgängerüberweg, der über zum Bezirk Prenzlauer Berg gehörendes Gelände zum S-Bahnhof und zur Storkower Straße nach Lichtenberg führt.
Diese überdachte Füßgängerbrücke zwischen drei Bezirken ist fast so lang wie die Proskauer Straße, die ich hierher heraufgewandert bin. Sie ist keine Schönheit, aber doch eine Einmaligkeit. Sie lässt uns von oben tiefe Blicke tun in und über die Stadt. Über die weiten Dächer der kaum noch genutzten Industriehallen westlich (östlich: Berliner Fliesenmarkt, Teppichland Berlin) blicke ich auf die Türme am Frankfurter Tor, die so tun, als ob sie den Gendarmenmarkt bekrönten.

Vorne liegt der Forckenbeckplatz in dichtem Grün. Sein Name erinnert an einen Mann, der – als diese Viertel hier wuchsen – versuchte, ein Parlamentarier in Deutschland zu sein und dann Oberbürgermeister der Reichshauptstadt war. “Dieses Volk kann nicht reiten!” sagte der Reichskanzler, nach dem heute noch überall in Deutschland Straßen, Plätze, Höhen und Türme benannt sind: “Dieses Volk kann nicht reiten! Die was haben, arbeiten nicht, nur die Hungrigen sind fleißig. Ich sehe sehr schwarz in Deutschlands Zukunft. Wenn die Forchow und Wirkenbeck (Virchow und Forckenbeck) ans Ruder kommen, fällt alles auseinander. Keiner wirkt fürs Ganze, jeder stoppt nur an seiner Fraktionsmatratze”.
Das war zehn Jahre bevor die Bänschstraße den Namen des Kammerherrn und anderthalb Jahrzehnte bevor der Forckenbeckplatz den Namen des Bürgermeisters und die Proskauer Straße ihre berühmten Häuser erhielt. Auf diesem Reitplatz der Geschichte ist Deutschland ganz schön herumgeritten.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Mit dem Cabrio in den Untergrund

Das Leben in Berlin spielt sich zu einem großen Teil unter der Erde ab. Vor allem der Personennahverkehr wird seit 1902 auch unterirdisch abgewickelt, unabhängig vom Wetter und dem Autoverkehr. Etwa 150 Kilometer U- und S-Bahn-Linien schlängeln sich unter den Straßen hindurch, es ist nicht möglich, sie alle an einem einzigen Tag abzufahren.
Doch es gibt nicht nur die Bahntunnel, die die Berliner täglich durchfahren, sondern weitere Abschnitte, die entweder gar nicht in Betrieb sind oder nur für Betriebsfahrten genutzt werden. Einen Teil davon kann man besichtigen, wenn man sich an einer “Cabrio-Fahrt” beteiligt.

Treffpunkt für diese kuriose Fahrt ist um Mitternacht im U-Bahnhof Alexanderplatz, U5. Drei lange, offene Wagen stehen schon bereits, dort sind Klappsitze draufgeschraubt, vorn und hinten an Zug befinden sich kleine E-Loks. Wenn alle 150 Teilnehmer eingestiegen sind, heißt es Helme aufsetzen, denn die Fahrt durch die alten Tunnel ist nicht ganz ungefährlich, es kann immer mal was von den bis zu 100 Jahre alten Tunneldecken herabfallen.

Schon die ersten Minuten sind interessant: Zuerst geht es ein Stück in den Tunnel der U5, allerdings nicht Richtung Osten, sondern zum Roten Rathaus. Hier unter den Rathausstraße befindet sich eine Zugabstellanlage und vielleicht irgendwann mal die Streckenerweiterung zum Hauptbahnhof.
Von dort fährt man in den “Waisentunnel”, der seinen Namen von der Straße hat, die darüber verläuft. Es ist einer der Tunnel, die einer geänderten Verkehrsplanung zum Opfer gefallen sind: Als er bereits fertiggestellt war, wurde entschieden, die Verbindung von Kreuzberg nach Mitte unter der Jannowitzbrücke und Alexanderstraße hindurch zu führen, statt unter der Waisenstraße. Wenigstens wird der Abschnitt noch für Betriebsfahrten genutzt – und zu Zeiten der DDR für die Flucht eines BVG-Angestellten und seiner Familie.

Während der gesamten Fahrt erzählt der Moderator etwas zur Geschichte des Abschnitts oder der U-Bahn allgemein. Und er weist auf Besonderheiten an der Strecke hier, wie hier auf die Fluttore, die im Falle eines Wassereinbruchs unter der Spree geschlossen werden können und damit ein Überfluten der Tunnel verhindern sollen.
Auf den Gleisen der U8 geht die Fahrt zur Osloer Straße. Da die Cabriofahrten immer am Wochenende stattfinden, wenn die U-Bahn-Linien auch Nachverkehr haben, warten auf allen Bahnhöfen Fahrgäste. Und diese lachen meist beim Anblick dieses merkwürdigen Gefährts mit 150 Gelbbehelmten.

Auf dem Bahnhof Osloer Straße schwenkt der Zug durch einen Verbindungstunnel zur U-Bahnlinie 9 Richtung Steglitz, aber schon kurz vor dem Bahnhof Leopoldplatz verlässt er die Strecke wieder und fährt in den Bahnhof Seestraße ein. Hier in der ehemaligen Endstation der U6 wird ein Zwischenstopp eingelegt. Danach gehts Richtung Süden weiter. Bei der Durchfahrt unter der ehemaligen innerstädtischen Grenze weist der Moderator auf den breiten weißen Streifen hin, der quer über die Tunnelseite und -decke verläuft und noch heute gut zu sehen ist. Nach der Durchquerung des Bahnhofs Mehringdamm wechselt der Zug auf die U7 in Richtung Rudow. Durch den beeindruckenden Bahnhof Hermannplatz kommt man langsam nach Britz-Süd. Bei gutem Wetter steht eine kurze Besichtigung des Betriebshofes auf dem Programm: Etliche Bahnschuppen, in denen die Züge gewartet werden, abgestellte Züge, auch Spezialwaggons sind zu sehen.
Danach gehts wieder zurück Richtung Alexanderplatz, die meisten Fahrgäste sind mittlerweile müde. Noch einmal umfährt man einen Bahnhof, diesmal am Hermannplatz, auf einer Strecke, die sonst von Fahrgästen nicht benutzt werden kann. Zwischen dem Kottbusser Tor und dem Moritzplatz wird auf einen fertiggestellten, aber nie genutzten Tunnel hingewiesen, der unter der Dresdener Straße verläuft. Als er fertig war, spendete das Kaufhaus Wertheim am Moritzplatz 5 Mio. Mark und erreichte damit, dass die Linienführung geändert wurde und nun auch dort ein Bahnhof entstand. Über die U8 und wieder den Waisentunnel erreicht man nach 2 1/2 Stunden wieder den Alexanderplatz.

Die Fahrten im Cabriozug kosten 40 EUR und müssen möglichst früh bestellt und bezahlt werden. Sie finden an zehn Tagen von Juli bis Oktober statt. Da bereits jetzt die Hälfte ausgebucht ist, sollte man sich bei Interesse schnell anmelden! Anmeldung über Tel. 030 – 256 25 256.

Termine hier




Wildwest im Mittleren Osten

Bin ich eigentlich der Einzige, der die “Hurra!”-Rufe zum Kotzen findet, die derzeit auf den meisten Medienkanälen gesendet werden? Sicher war Osama bin Laden ein Terrorist, zumindest wenn es stimmt, dass er an diversen Anschlägen gegen Zivilbevölkerung auf mehreren Kontionenten beteiligt war. Mit den Angriffen seiner Bewegung al-Qaida wurden nicht nur den sogenannten westlichen Gesellschaften Schaden zugefügt, sondern vor allem auch muslimischen Menschen überall auf der Welt. Teils direkt, weil die ebenfalls Opfer der fundamentalistischen Religion wurden, teils indirekt, weil die Anschläge bei vielen Nicht-Moslems ein negatives Bild über den Islam und dessen Anhänger gemalt haben.

Bin Laden war dermaßen Everybodys Staatsfeind Nr. 1 wie es vorher wohl nur Hitler und Stalin geschafft haben. Aber gibt dies den Angreifern das Recht, ihn zu erschießen? Gab es keine Chance, ihn stattdessen zu verhaften, aus Pakistan auszufliegen und irgendwo vor Gericht zu stellen? Die Berichte aus der US-Regierung sagen natürlich, dass es diese Möglichkeit nicht gab. Doch es fällt schwer, ihr zu glauben, zu vielfältig sind die negativen Erfahrungen vor allem mit den sogenannten Spezialeinheiten, die die Lynchkultur einer demokratischen Justiz vorziehen. Die Reaktionen aus den USA – sowohl von der Regierung als auch aus der Bevölkerung – unterstreichen diesen Verdacht. Sollte eventuell verhindert werden, dass ein gefangener Bin Laden seine zweite Märtyrerkarriere beginnen kann, diesmal im Gefängnis und später vermutlich auf dem Elektrischen Stuhl?

Ich weine dem Kerl keine Träne nach. Aber dass die Ermordung eines Menschen so gefeiert wird, ist sehr bedenklich. Und was bedeutet das für die nähere Zukunft? Werden nun auch Ghaddafi, Assad, Kim Jong Il usw. gemeuchelt?
Das Hochleben dieses Mords durch die deutschen Politiker finde ich noch widerlicher. Bundeskanzlerin Merkel, immerhin Vorsitzende einer sich selbst als christlich bezeichnenden Partei, begrüßt den Tod Bin Ladens. Außenminister Westerwelle natürlich auch, von ihm erwartet man ja nichts anderes. Todesstrafe ohne Gerichtsverfahren ist Lynchjustiz. Und dass sie und auch andere Politiker so unkritisch die Tötung Bin Ladens gutheißen, finde ich nur noch ekelhaft.




Der Untertan

Der Deutsche gilt gemeinhin als guter Untertan. Mag sein, dass sich dieses Bild in den letzten Jahren geändert hat, nicht aber die Tatsache, dass er es ist. Auch mich hat die Empörung in Stuttgart gefreut, als sich der gemeine Bürger der Polizei entgegen gestellt hat. Aber das war nur oberflächlich, wie damals in den 80ern bei der Erweiterung des Frankfurter Flughafens, als der Leitende Angestellte zusammen mit Autonomen an den Bauzaun gezogen ist, um dort zu protestieren. Wenn man selbst betroffen ist, überschreitet man auch mal Grenzen, das gibt sich aber wieder. Das wächst sich raus.

Der Bürgerprotest bleibt an der Oberfläche, dafür sorgt schon die Partei, die mittlerweile zu “denen da oben” gehört und ihre pazifistischen Wurzeln längst vergessen hat. Das grüne Etablishment ist längst so staatstragend geworden wie die Anhänger der anderen bürgerlichen Parteien. Von Andersdenkenden sind die Grünen längst gesäubert, wer das System der Bunesrepublik als Ganzes in Frage stellt, hat dort nichts mehr zu suchen. Hat man erstmal einen Krieg begonnen, dann gibt es auch keine Skrupel, asoziale Gesetze einzuführen, die die Ärmsten der Gesellschaft kontrollieren und disziplinieren sollen.
Der grüne Untertan ist nur eine farbliche Facette im Spektrum der Mächtigen. Dem Hartz-IV-Empfänger ist es egal, ob seine Hilfe von schwarzen oder grünen Regierungen gekürzt wird.

Die Deutschen geben sich heute aufgeklärt, doch solange BILD die am meisten gelesene Tageszeitung ist und auf den meisten Fernsehsendern stundenlanges Verdummungs-TV läuft, solange wird der Untertan nicht aufmucken. Im Gegenteil, er darf sich sogar aktiv beteiligen. “Leserreporter” filmen einen halbnackten Mann, der auf der Straße kriecht, anstatt ihm zu helfen. Aber dies würde ja keine Erwähnung bringen.
“Stimmen Sie ab: Todesstrafe für Kinderschänder?” Das Ergebnis dürfte schon vorher jedem klar sein. Da ist der Untertan seinem Herrn sogar voraus.

Wir leben in einer Demokratie. Das bedeutet, dass jeder seine Meinung sagen darf. Solange sie nicht die vorgegebenen Leitplanken überschreitet. Wer mehr verändern möchte, als nur ein paar AKWs abzuschalten, gilt schnell als Verfassungsfeind. Politische Scheuklappen sind Pflicht.
Dabei geht es gar nicht darum, dass jemand eine Diktatur errichten will, wie Nazis, Stalinisten oder religiöse Fanatiker. Es reicht schon, für eine Gesellschaftsordnung einzutreten, die sozial ist und auf gleiche Rechte beruht. Die freie Rede hat für mich ihre Grenzen da, wo versucht wird, anderen seinen Willen aufzuzwingen oder Teile der Bevölkerung als weniger wert zu bezeichnen oder zu behandeln.
Eine Demokratie, die ihren Namen verdient, gab es bisher noch nicht. Sie setzt voraus, dass sich die Menschen in den grundlegenden Punkten einig sind, so dass es nicht zu einer neuen Unterdrückung einzelner Bevölkerungsteile kommt.




Klopapier-Poesie

Einer der bisher meist unbeachtetsten Berufe dürfte der des Klopapier-Poeten sein. Gibt es nicht? Doch!
Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass es für Toilettenpapiere etliche Namen gibt. Einige von ihnen folgen einer Regel, andere wurden offenbar völlig unmotiviert benannt. Und noch andere lassen einen wirklich nachdenken, was der Autor des Klopapiernamens sich dabei wohl gedacht hat.

Zu den Rollen, deren Namen noch am logischsten sind, gehören die, die auf den Abschied hinweisen. Sie heißen Danke, Servus oder Happy End. Und sie wollen auf ein positives Erlebnis hinweisen, wie die Klopapiere Funny, Lovely oder gar Fiesta. Auch die Namen Clever, Quicky und Kokett sind mit etwas Fantasie noch nachvollziehbar.
Warum aber werden manche Papiere aber Frauennamen belegt, wie Katrin, Regina oder einfach nur Lady? Und wieso heißen manche Toilettenrollen Memo (kann man da gleich noch eine Nachricht drauf schreiben?) oder Google (in Asien verbreitet)?
[mygal=110501_klopapier]

Offenbar für besonders schmutzige Klos, auf die man sich nicht direkt raufsetzen möchte, wird das Papier Spagat empfohlen. Während die Marke WM-Edition wohl für den schnellen Kacker gedacht ist. Oder sind die Blätter etwa in Schwarzrotgold? Auf jeden Fall ist es laut Aufdruck mit Rasenduft, was den Aufenthalt im Klo angenehmer macht.
Fragen wirft auch der Name Alouette auf, was sowie wie Lerche bedeutet. Vielleicht sind in das Papier Federn eingelassen, um es reißfester zu machen? Wir wissen es nicht.
Klare Worte nutzen dagegen andere Hersteller. Mit Shit begone (“Scheiße weg”) und AssWipes (“Arsch wischen”) dürften alle Zweifel beseitigt sein.
Mein Favorit ist allerdings das Toilettenpapier, das auf keinem Piratenschiff fehlen darf: Jolly Roger.




Schluss zu Mutters Füßen

Auf meinem heutigen Gang sind Mauern die Attraktionen und die Wege an Mauern entlang. Die halbe Friedenstraße ist ein solcher Weg. Die Friedhofsmauer an der Friedenstraße hat drei Eingänge, der letzte (oder der erste) liegt neben dem ehemaligen Verwalterhaus, aber die Friedhofsverwaltung ist ausgezogen, jetzt “Forschungs- und Erkundungsgemeinschaft für Kultur, Kunst und Geschichte”. Bei dem Namen lässt sich vieles denken; für meinen Großvater waren alle Geschäfte, deren Rentabilität ihm nicht einleuchtete, bürgerliche Verkleidungen von Spionage. Aber was gibt es hier zu spionieren?
Die Geschichte gibt es aufzudecken, die Gegenwart ist nur Fassade der Vergangenheit. Die Friedenstraße: einst Europas modernste Brauereistraße. Der südliche Barnim fällt hierher auf schmalem Gelände fast 12 Meter ab, das ließ sich nutzen für Bierkeller und andere Aufbewahrungen.

Als Franz Schwechten mit dem Anhalter Bahnhof fertig war, bekam er einen Auftrag von Roesicke: ein Grabmal für den Mann, der Schultheiß hochgebracht hat. Da steht es nun: ein Sandsteinhaus, das Architekten und Bauherrn übersteht, weil es steht, zugegen ist auf dem Friedhof Nummer V, nahe beim Böhmischen Brauhaus, dessen Sudhaus in eine Turnhalle verwandelt ist.
Wo viele Menschen sind, braucht man viel Bier. Bis in die deutschen Kolonien wurde es transportiert, der Weltmarkt hat begonnen mit Räubereien und Transporten aus der neuen Welt in die alte, er setzte sich auch auf umgekehrtem Wege fort. Zwischen den Totenplätzen und den Brauplätzen: die Massenkirche, man hatte sich die Christlichkeit des Volkes auf die Dauer massenhafter vorgestellt. Ich gehe um die Auferstehungskirche herum, der Platz gefällt mir, die Kirche ins unrenoviert, Gesträuch und kleine Bäume wachsen aus dem Gemäuer. Der Turm ist beschnitten, die Kirche ist kleiner als sie mal war, ihre auftrumpfende Prächtigkeit ist in Notdürftigkeit verwandelt.

Der Weg führt aufwärts, heißt Diestelmeyerstraße, nach einem Politiker des 16. Jahrhunderts; ohne die Straße wüsste ich von ihm nichts. Und vermisste nichts, aber die Straße vermisste ich, wenn sie plötzlich geschlossen wäre; sie führt am Rücken der Friedhofsmauer aufwärts, links Sport und Spiel, rechts Tod und Verwesung, die Grabmale sind die Mauer, manche sind durchsichtig, die Zeit hat Steine herausgebrochen zu überraschenden Luglöchern. Ein Stückchen weiter, ehe sie in die Matthiasstraße übergeht, verwandelt sich die Straße vom Weg wieder zum Pflasterstück. Dort liegen die Schwerhörigen-Schule und zwei Kitas, die obere heißt Zwergenland mit Spraybildern über die Zwerge. Ich habe Sympathie für Zwerge, nicht wegen Dornröschen, sondern wegen Swift. Nach rechtwinkliger Kehre folgen Neubauten, Ärztehäuser 1 und 2, Dutzende von Medizinierinnen und Medizinern. Da lohnte es sich, mit mehreren Mängeln aufzutreten.

Nun gehe ich an der Mauer des Krankenhauses Friedrichshain entlang, gegenüber die Friedhofsmauer, Zwischen Baustelle Brau und Brunnen, ehemaligen Patzenhofer Brauerei, und den Friedhöfen gibt es jetzt einen zusätzlichen Eingang, der – um diesen alten Straßennamen zu verwenden – einmal schöne Kommunikationen erlaubt zwischen Landsberger Allee und Friedenstraße.
Dem Krankenhaus sieht man es von außen nicht an, dass es einmal Europas modernste Sanitätseinrichtung war.
Nach Virchow heißt die Straße, in die ich jetzt nach Norden einbiege. Einfach ist dieser Weg zur Zeit nicht zu gehen, der Bürgersteig ist kaum noch für Fußgänger, die Straßenbahn biegt unsensibel um die Ecke. Rudolf Virchow war nicht nur einer der absoluten Spitzenärzte des 19. Jahrhunderts, sondern – wo ist ein vergleichbarer heute? – einer der führenden deutschen Oppositionspolitiker, ein Mann, der für Deutschlands bessere Möglichkeiten stand, Fortschritt, vergeblich.
Aber das Krankenhaus ist da, “ein Haus, das keine Ängste einjagt”, sagt der neue Chefarzt, “ein Platz, wo Geschichte passiert”. Jaja, Geschichte passiert immer, hier sieht man, dass hier Geschichte passiert ist. Rudolf Virchow und der Fortschritt – erstmal haben in Deutschland die anderen gesiegt, diejenigen, die die Krankenhäuser beliefern und die Totenfelder.
Ich sitze der dicken Mutter Edmund Gomanskys gegenüber, am Beginn oder – je nachdem – am Ende des Volksparks, den ich heute nicht beschreiben will, weil er so dick voll ist mit Geschichte, dass die jungen Leute, die im Grase liegen, hoffentlich nicht allzu viel davon wissen. Vergessen ist Macht.

Ich bin müde. Ich betrachte die Riesen-Mutter, die ihr Riesen-Kind auf den Knien hält: die Mutterpose, die das Christentum geheiligt hat und die der Wirklichkeit der Leute so wenig entsprach. Das Denkmal ist von 1898, das ist das Jahr, in dem mein Vater geboren wurde, gerade heute, am 15. Mai, vor 99 Jahren, ich lag unter den Stachelbeersträuchern 1939, als er abzog, um andere Kinder, Frauen und Männer zu überfallen; er ist’s nicht, Adolf Hitler ist’s gewesen; abends lag ich im Bett neben meiner Mutter, die auch allein war. Die private Geschichte ist eine ganz andere Geschichte als die öffentliche. Aber auch aus der privaten Geschichte kann man fast nichts lernen. Sie ist vorbei. Das falscheste Denkmal kann die richtigsten Gefühle auslösen.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)