Erwin Geschonneck ist tot

Erwin GeschonneckAm 12. März starb Erwin Geschonneck im Alter von 101 Jahren. Es gibt nur wenige Menschen, deren Erlebnisse in mehreren Leben untergebracht werden könnten. Geschonneck war einer von denen, sein Leben lief alles andere als geradeaus. Ich werde nie mein Treffen mit ihm vergessen, damals war er schon 90 Jahre alt, in einem Café unter seiner Wohnung in der Karl-Liebknecht-Straße. Immer wieder grüßten ihn Gäste und Passanten, lächelten ihm zu. Das hat er sehr gemocht. Er erzählte viel aus seiner Jugend, er war ein lebensfroher Mensch, der mich sehr beeindruckte.


Das Leben hat ihm lange Zeit nicht zugelächelt. In der Ackerstraße 6/7 lebte er Anfang des 20. Jahrhunderts unter erbärmlichen Bedingungen. Seine Mutter und drei seiner Geschwister starben an den Verhältnissen, ausgerechnet der zierliche Erwin überlebte. Schon früh trat er in die KPD ein, sein Leben lang blieb er Kommunist. Selbst als die Stalinisten ihn 1938 aus der Sowjetunion auswiesen. Als ihn die SS 1939 erwischte und ins KZ steckten, war sein Leben auch schon verwirkt. Doch er überlebte auch Dachau und Sachsenhausen. Anfang April 1945 kam er auf das KZ-Schiff Cap Arcona. Die Briten bombardierten das Schiff, weil sie dachten, dass damit Nazis fliehen wollen. Über 4000 Gefangene kamen um, Erwin Geschonneck überlebte schon wieder.
Später, in der DDR, avancierte er zum Kino- und Fernsehstar. “Karbid und Sauerampfer”, “Jakob der Lügner”, “Nackt unter Wölfen”, “Jeder stirbt für sich allein” und “Anton der Zauberer” waren die berühmtesten von etwa 40 Filmen, in denen er spielte. Doch auch in dieser Zeit lief nicht alles glatt. Als nach der Ausbürgerung des Oppositionellen Wolf Biermann aus der DDR zahlreiche Künstler Partei für Biermann ergriffen, veröffentlichte Geschonneck einen Kommentar, in dem er die Maßnahme begrüßte. Die Folge war, dass sich viele Kollegen und Freunde von ihm distanzierten. Selbst sein Sohn wandte sich von ihm ab und wurde im Westen Regisseur. Erst Mitte der 90er Jahre fanden sie wieder zueinander, gemeinsam drehten sie “Matulla und Busch”, der letzte Film, in dem Erwin Geschonneck die Hauptrolle spielt.
Zu seinem 101. Geburtstag hat sich Geschonneck ein Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof reservieren lassen. Dort wird er nahe denen liegen, mit denen er früher gearbeitet hat, unter anderem John Heartfield und Bertolt Brecht.

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